Nach Rhodos.

Nach Rhodos.

Griechische Stille; das Meer raset; Reiseerfahrungen; das herrliche Zypern; der Taurus; der Spiegel meiner Reisegefährten; Wolken von Weihrauch; der griechische Fasttag war für mich ein Fetttag; der griechische Koch; im östlichen Hafen der Kolosser vor Anker gegangen.

Griechische Stille; das Meer raset; Reiseerfahrungen; das herrliche Zypern; der Taurus; der Spiegel meiner Reisegefährten; Wolken von Weihrauch; der griechische Fasttag war für mich ein Fetttag; der griechische Koch; im östlichen Hafen der Kolosser vor Anker gegangen.

Dinstags den 12. Jenner 1836.

Abends beim Einbruche der Nacht kam der HauptmannBagsinoan Bord. Die Schaluppe wurde schnell eingehoben, die Anker gelichtet, die Segel ausgespannt — Alles mit so wenig Kommandiren und Geräusche, daß der italienische Lärm einen grellen Gegensatz zu dieser griechischen Stille bildete. Heftig brauste der Nordwind.

Den 13.

Seit vor San Pietro di Nembo das Meer mit mir Schmollis machte, könnte ich es dann und wann ordentlich liebherzen. Ich betrachtete die rauschenden Wogen als lauter scherzende Kinder, welche nur daseien, um den Griesgram des Alters zu verscheuchen. Die Natur meint es gar nicht so böse, wie man oft ihr wildes Aeußeres mißdeutet. Uebrigens tobte in der Nacht gewaltiger Sturm. Wäre man Rahm gewesen, man würde ohnfehlbar bis morgen Butter geworden sein.

Allerdings muß man auch das Reisen lernen. Anfangs war ich gar linkisch. Auf der Fahrt von Alexandrien nach Bulak verwahrte ich den Reis so schlecht, daß dieser, vielleicht aus langer Weile, zu dem darunter liegenden Holze hinabspazierte. Der Kaffee wußte aus dem Papiere Auswege zu finden. Auf der Reise von Kairo nach El-Arysch sorgte ich so nachlässig für den Zucker, daß ich ihn schaben mußte, bevor er zum Gebrauche sich eignete. Der Rhum floß zur Hälfte weg, weil ich die Flasche schlecht verstopft hatte. Durch Schaden gewitziget, verwahrte ich nun einmal meine Lebensmittel mit besonderer Sorgfalt. Ich mußte aber auch darüber wachen, daß nichts davon entwendet werde; denn man weiß, daß sich in manchen Menschen die wunderliche Begierde regt, mehr zu nehmen, als ihnen gehört. Ich stellte den Mundbedarf in meine Nähe. Da langte einmal in der Nacht ein knöpfiger Arm in meinen Brotkorb. Ich ergriff und erkannte ihn. NureinReisegefährte, ein Maure, trug Aermel mit Knöpfen. Ich wurde gerade zur rechten Zeit erinnert, wie ich mich gegen ihn verhalten müsse. Kaum aber war der fremde Arm aus dem Brotkorbe entwichen, so wurde dieser von einer Welle geneckt, weswegen ich ihn alles Ernstes in die Sicherheit flüchtete.

Das Meer hat mirIbrahim,Ali,Mansur,Mustafaund all’ die Namen der Moslim verrauscht, die ich auf Gassen und Wegen so oft hörte. Anders tönt es jetzt in meinen Ohren; im Schiffe gilt es demMitrioderDimitri(Demetrius),Kiriako(Ciriacus) u. s. f. Ach, beurkundeten christliche Namen nur immer christlichen Sinn.

Mittags wurde mir eine Suppe mit rothem, lebendigem Gewürze vorgesetzt. Auf der Reise ißt man, und man murmelt höchstens mit saurer Miene einige für den Koch unvortheilhafte Bemerkungen.

Den 14.

Nie werde ich das herrliche Schauspiel vergessen. Wir lagen auf der Höhe der InselZypern. Hoch streckte der beschneite H. Kreuzberg (monte di Santa Croce, der Olymp der Alten) sein Haupt empor. Diese schweizerische Gebirgswelt wühlte in mir beinahe das Heimweh herauf. Den Tag über erfreute mich das beßte Befinden; bloß gestern fühlte ich ein wenig Unbehagen im Kopfe wegen der stark bewegten See.

Den 15.

Ich sah einen Küstenstrich von Karamanien. Veränderlicher Wind und Wetter trübten hin und wieder meine gute Laune.

Den 16.

Wir segelten einem Vorsprunge des Taurusgebirges, dem Kap Chelidonium, nahe, und verloren die Küste von Kleinasien nie aus den Augen. Die Fahrt ist von nun an mehr derjenigen auf einem Landsee zu vergleichen. Schon sind wir von Jaffa gegen den Nordpol vier Grade vorgerückt, und man konnte auch wirklich einige klimatische Verschiedenheit wahrnehmen.

Sonntags den 17.

Wir segelten vorüber an Castelori und andern Ortschaften von Natolien. Vor dem nahen, hohen Gebirge der alten Lykier träumte ich mich auf einige Stellen des Vierwaldstätter-Sees in der Schweiz, so ähnlich war der Ausblick. Die Fahrt gewährt in der That recht viel Unterhaltung. Die Umrisse der schweizerischen, wie dieser Berge sind mit ausnehmender Kühnheit gezeichnet. Wir bewundern einen solchen Zug auch an Kunstwerken, — wie einen vorhängenden Fels, so den Thurm von Pisa. Hingegen sind die Berge um Jerusalem träge Massen, Kegel oder Halbkugeln, gleichsam nur gut zum Faulenzen für das Auge.

Ein frischer Wind jagte uns so muthig vorwärts, daß wir schon vor der Mitte des Tages im pamphylischen Meere ein Korn,Rhodos, erblickten, und bis zum Eintritteder Nacht steuerten wir diesem Eilande ziemlich nahe. Ein Berg hatte eben einen Wolkenhut auf, als die Sonne unterging.

Ich halte nun einen Augenblick an, um meine Reisegesellschaft zu zergliedern. Ein Engländer und ein Grieche, ein Maure und ein Jude, so wie ein griechischer, schiffbrüchiger Hauptmann und seine Matrosen, das waren meine Reisegefährten.

Der Engländer, ein Geistlicher, besaß einen edeln, gutmüthigen Karakter. Ich schätzte mich glücklich, in Jaffa seine Bekanntschaft zu machen, wo er bei dem englischen Konsul, einem Morgenländer, einkehrte, allein die morgenländische Kräuter- und Hühnerküche nicht besonders rühmte. Das Französische sprach er als guter Englishman. Wenn er in der fremden Sprache redete, war mit ihm so schwer nachzukommen, als mit einer schlechten Tänzerin. Ich erzähle von ihm zwei echt britische Züge. Er wanderte durch die Wüste bis in die Nähe von El-Arysch. Jetzt vernahm er, daß er der Quarantäne sich unterwerfen müsse. Alsbald entschloß er sich zum Rückfluge nach Kairo, um über Alexandrien und Beirut nach Jerusalem zu reisen. Ein paar Male des Morgens rief ich den Geistlichen, wenn sich ein merkwürdiges Schauspiel darbot. Er hatte die Artigkeit, zu antworten, und seine Nichttheilnahmedamit zu entschuldigen, daß es bei ihm Gesetz sei, in der Frühe so und so lange zu lesen oder zu schreiben. Die Gottheit hat dem Menschen ein bestimmt abgegrenztes Gebiet angewiesen, worüber er Herr und Meister ist. Man frage indessen nicht nach der geographischen Länge und Breite desselben; denn es erscheint sehr klein am Maßstabe. Es ist nun gut, wenn der Mensch in diesem seinem Gebiete, d. h., sich gewisse Gesetze vorschreibt; es ist aber nicht gut, wenn er solche in untergeordneten Dingen mit eigensinniger Strenge vollstreckt und so zum Sklaven seiner selbst hinabsinkt. Ich sah unsern Reisegenossen nicht sehr oft, weil er in das Zimmer des Schiffsherrn und ich in den Schiffsraum eingemiethet war. Letzteren Platz hatte ich einzig dem Pater Präsidenten des lateinischen Hospizium in Jaffa zu danken, weil er sich mit einem ungewöhnlichen Eifer in die Abschließung des Vertrages mischte, und jene so sehr beschleunigte, daß es mir an Zeit gebrach, zu fragen, wo ich wohl im Schiffe untergebracht würde. Doch, außer der Kehrseite, wendete die Sache auch diesmal ihre Lichtseite zu. Ich lernte so dem Schiffsraumleben auf den Puls fühlen. Hier liefere ich denn eine flüchtige Zeichnung meiner Gefährten im Schiffsraume.

Demetrius, aus Chios (Scio) und Handelsmann, hatte eine schöne Gesichtsbildung und sprach griechisch, arabisch und türkisch. Seine Umgänglichkeit ließ mich wünschen, in einer seiner Sprachen meine Gedanken mit ihm auszutauschen.

Der Maure aus Algier, ein Hadschi (Mekkapilger), mit einem gemeinen Gesichtsausdrucke, einem langen Barte und einem Turban, ließ keinen edlern Zug seiner überaus lockeren Seele durchblicken. Er plauderte zum Arabischen das Wenige fränkisch, womit er zwischenDemetriusund mir kümmerlich den Dolmetscher spielte. Während unserer Fahrt von Jaffa nach Rhodos endete der mohammetanische Fastenmonat; allein dieser Anhänger des Islam nahm es nicht sehr genau, und er aß manchmal Kleinigkeiten bei Tage während der Fastenzeit. In Jaffa verletzten auch andere Mohammetaner vor meinen Augen das Fastengebot. Der Hadschi trank Wein und Branntewein. Dem Kleinhandel obliegend, kaufte er in Jerusalem Rosenkränze, um sie in Konstantinopel zu verkaufen. Es ist überhaupt bei den Morgenländern Sitte, die selbst von den protestantischen Franken nachgeahmt wurde, mit einem Rosenkranze müßige Stunden zu vertreiben, indem sie eine Perle nach der andern von ihrer Stelle verschieben. Wenn die Leute des Niederganges bei ihren Besuchen nicht selten kaum wissen, welche schickliche Haltung sie ihren Händen geben sollen, um so weniger verlegen ist der Morgenländer,welcher mit Bequemlichkeit auf dem Diwane hockt, und mit den Händen anständig den Rosenkranz durchtändelt. Der Algierer hatte, als französischer Unterthan, einen französischen Paß bei sich. Er schien die Franzosen zu hassen. In Alexandrien besuchte er seinen alten Fürsten, den Dei.

Der Jude, ein Konstantinopler und Rentner, begleitete seine Frau nach Jerusalem, um in der heiligen Gegend mit ihr die Tage des Lebens zu beschließen. Sie starb ihm weg, und darum war er auf der Rückreise nach Konstantinopel begriffen, um vielleicht für den schmerzlichen Verlust der alten Geliebten bei einer jungen — Trost zu schöpfen. Viele Israeliten folgen bekanntlich einem religiösen Berufe, sich in der alten Königsstadt anzusiedeln, wenn sie sich bis zu einem gewissen Grade von ökonomischer Unabhängigkeit emporgearbeitet haben. Der Mann war hochbetagt und grau. Ich gewahrte an ihm keine einzige Untugend; nur war er schmutzig und voll Ungeziefer, das selbst seinen ehrwürdigen Bart zu einem Parke für die komischen Jagden mit der Brille — auserkohr. Die schönen Gesichtszüge und das ganze Benehmen, mit Vorbehalt einiger seltsamen Liebhabereien, gewannen dem Greise Zuneigung und Vertrauen. Das Beten verstand er aus dem Fundamente. Während des Gebetes konnte er sich die Kaffeeporzion zutheilen und andere Arbeiten unter fast krampfhaften Zuckungen der Lippen verrichten. Seine Augen strahlten hinauf zu Jehova demüthig aus den Lumpen, in die er sich genistet hatte, und aus den, irgendwo mit einem Tuchanschrote zugeschnürten Lumpensäcken, die ihn umschanzten. DasSchallah(wenn es Gott gefällt, so Gottes Wille) wiederholte er oft und kräftig im Flusse der Rede. Von fröhlichem Gemüthe, stimmte unser Konstantinopler bisweilen ein Lied oder gar die „Cara Cascatella“ an. Und siehe, da tanzte er einmal mit seinen krummen, vor Alter unwilligen Beinen, mit seinem gebogenen, steifen Rücken und mit seinen Eisschollen am Kinne. Man hätte dabei herzlich lachen müssen, wenn man selbst von keinem kleineren Unmuthe gebeugt gewesen wäre, als beiHans Sachsdie Bäurin wegen der saubern Wirthschaft ihres tölpischen Mannes:

Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt,Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt,Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.

Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt,Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt,Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.

Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt,Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt,Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.

Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt,

Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt,

Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.

Die Regungen der Freude sind verschieden und groß bei Jung und Alt. Tanzte dochDavidaus allen Kräften und jauchzend, als er die Bundeslade holte.

Nachdem ich einige Zeit in Mitte der Mohammetaner gelebt hatte, war die Gelegenheit mir recht erwünscht, die griechischen Christen in der Nähe ein wenig kennen zulernen. Morgends und Abends zog der Schiffsjunge (Friandol) mit einem brennenden Weihrauchfasse von Mann zu Mann, und an dem emporwirbelnden, angenehmen Rauche bekreuzte man sich gar vielmal und schnell über einander, unter leisem und kurzem Gebete. Damit der Weihrauch ja nicht verfehle, wehte man ihn mit der Hand gegen das Gesicht. Der Koch war eine drollige Fettmasse auf Kosten Anderer, und ein Muster von kleiner Spitzbüberei. Das Fleisch kochte er gleichsam zu dürren Holzfasern aus, damit er die Brühe schlürfen könne. Glücklich trat ein griechischer Fasttag ein, da mir doch eine natürliche Suppe bereitet ward. Das erste Mal zwackte der Koch mir Reis. Beim zweiten Male, als er ein größeres Quantum wollte, erklärte ich ihm, ich kenne das Reiskochen zu gut, als daß er mehr benöthige. Wie er dann einsah, daß er mich nicht belugsen könne, meinte er: Etwas für die Herren in dem Zimmer des Hauptmanns. O nein, antwortete ich. Aber etwas für den Koch. Da war es ausgeplappert. Sogar Pappenstiele, wie diese, welche beinahe nicht die Tinte werth sind, können ins Innere des Menschen zeigen.

Montags den 18. Jenner.

Erwacht, aufgestanden, und die StadtRhodosschwebte im Schleier der Morgendämmerung vor den Blicken. Mit Ungeduld wollte ich denselben lüften; doch bald entschwand er von selbst, und deutlich erschienen die Umrisse der Stadt. Auf eine niedrige Anhöhe gepflanzt, fiel sie lieblich ins Auge. Neben dem freudigen Grün der Wiesen, welche die Stadt halb umkränzen, streben die düsteren Festungsthürme empor. Wir ließen die Quarantäneanstalt, ein schloßartiges Gebäude, rechter Hand, und legten im östlichen Hafen an; ein Tannicht von Masten deutete auf den westlichen.

Billig konnte ich nicht ans Land steigen — ohne Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen die alten Hellenen, welche, der Ruhm des Menschengeschlechtes, Denkmäler eines so nützlichen und edeln Daseins aufrichteten; hier insbesondere pries ich die Kolosser.


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