Reise nach Jerusalem.
Gepurzel; Gelage; Kameelschädel als Verzierungen; die angebaute Gegend entzückt; Grenzscheide zweier Welttheile; Raphia und Jenisus; Schattenriß des Reisegesellschafters.
Gepurzel; Gelage; Kameelschädel als Verzierungen; die angebaute Gegend entzückt; Grenzscheide zweier Welttheile; Raphia und Jenisus; Schattenriß des Reisegesellschafters.
Dinstags gegen Abend des 24. Wintermonates, als am zwölften so heiß ersehnten Kontumaztage, brachen wir fröhlich auf. Die wiedererlangte Freiheit schmeckte süßer, als Honigseim. Mein hochbuckeliger Kontumazist schien Eile zu haben. Kaum wollte ich auf ihn steigen, so stand er auf. Ich konnte mich nicht mehr halten und purzelte, das Rad schlagend, hinunter. Die Freude meines türkischen Nachbars, welcher dem Gepurzel zusah, dauerte jedoch nicht lange; gleich saß ich auf dem Dromedar fest und wir trabten von dannen. Echt morgenländisch bewirthete uns der Quarantänedirektor, dessen Einladung in seine Wohnungwir mit Geneigtheit entsprachen. Beim Anblicke der vielen Trachten, die sich am Abendmahle folgten, hätte man nicht glauben sollen, daß so viel Ueppigkeit an einem Orte anzutreffen wäre, wo uns an den ersten Tagen die Lebensmittel zum Theile mangelten. Da weder Messer, noch Gabel vorgelegt wurden, so mußten wir zum Gerichte die Finger orientalisiren. Dieser patriarchalische Gebrauch ist wirklich sehr bequem; nur wollte mir der Sitz auf dem Boden am kleinen, niedrigen, runden Tische nicht behagen.
Ich könnte die Wonne nicht beschreiben, welche im Hause des Pharmazisten mich, als Freigelassenen aus dem Zelte, beseelte. Ganz komfortable fand ich das Gebäude mit einem einzigen Zimmer, mit blinden Wänden, mit dem Boden von Erde, mit dem Dache von Palmstämmen, von Reisern und Laub. Wieder einmal ordentlich stehen und herumgehen zu können, ohne immer mit dem Kopfe karamboliren zu müssen, war ein unaussprechliches Vergnügen. Nicht mehr plagte die Furcht vor den Thränen des Himmels.
El-Arysch, das Dorf selbst, liegt etwa eine halbe Stunde südöstlich von der Quarantäne. Von Aloe, Datteln und indischen Feigen umkränzt, lacht es so traulich aus der Wüste entgegen. Eben blühten die Bohnen und Alles athmete den Frühling. Der Ort, obwohl nicht groß,hat einen Bassar. Ueber den Thüren der Häuser stehen als Verzierungen Kameelschädel. Die Bevölkerung besteht größtentheils aus Weißen, und gerne begegnet man dieser Menschenfarbe wieder, wenn man eine Zeitlang fast lauter Halbschwarze gesehen hat.
Am Abende zeigte ich dem Pharmazisten einen Theil meiner wenigen, aus Kairo mitgebrachten Alterthümer. Eine aus Stein gehauene Figur faßte eben ein Araber recht ins Auge, als er bemerkte, daß er auch schon Steine auf dem Wege gesehen, aber keine Lust gehabt hätte, sie mitzunehmen. Weil ich nicht arabisch konnte, so hielt mich ein arabischer Jüngling für erzdumm und verglich mich einem Kameele, welches auch nicht reden könne. Während wir schon in unsern Betten ruhten, wurden von arabischen Jünglingen einige Tänze aufgeführt.
Den 25.
Vor Tagesanbruch rief der Pharmazist seine jungen Burschen herein, um die Pfeifen anzünden und einen schwarzen Kaffee bereiten zu lassen. Sie brachten die glühende Kohle in der Zange auf die gestopfte Pfeife, und wir rauchten; sie trugen den heißen Kaffee herbei, und wir tranken. Unser Gastwirth hat die morgenländischen Sitten aufs gutherzigste eingeschlürft, und oft pries er sie als echter Lebemann.
Der Hauptmann und ich ritten mit drei Dromedaren weg. Auch dieser Theil der Wüste war hie und da mit Gewächsen bedeckt. Auf dem Wege erblickten wir dann und wann eine Kameel-, Schaf- oder Ziegenherde. Mittags gelangten wir zu einer Post, um welche ein zahlreiches Volk Hühner wimmelte. Vor derselben erinnerte eine Strecke Salzboden an die Gegend von Choanat. Bei der Post, wo wir nur kurz anhielten, begann angebautes Feld inmitten wüster Ländereien zu meinem Entzücken; es übersiedelte mich wieder nach Europa. Entbehrungen haben doch das Gute, daß sie meistens mit erhöhtem Genusse enden.
In Egypten streift keine Ackerfurche durch Hügelabhänge. Neu waren mir wieder die durchfurchten Abdachungen. Ein Kameel zog an zwei Stricken mit den Schulterblättern den Pflug, welcher nur kleine, etwa vier bis fünf Zoll von einander entfernte Gräben aufwühlte. Dem Ackerfelde folgten Triften, worauf viele Schafe und Ziegen unter der Hut von Mädchen weideten. Die Erde hatte ein anderes Kleid an. Die unermüdlichen Vögel sangen ohne Unterlaß.
Der Weg strich gegen Nordost. Als ich einmal das Meer wahrnahm, lag es gegen Abend. Es stieg in mir der Gedanke auf, daß ich nicht mehr in Egypten, nicht mehr in Afrika, sondern inAsiensei. Dieser Gedankeversetzte meine Seele in angenehme Schwingung. Ich durfte wohl die Grenze des asiatischen Bodens nicht überschreiten, ohne lebhafte Begeisterung für die folgenreichen Thaten seiner längst entschwundenen, ehrwürdigen Bewohner, welche jetzt noch bei uns zum Vorbilde genommen werden. Staunend senkte sich mein Blick auf den alten Welttheil, das Geburtsland vonChristusaus Nazareth, das Stromgebiet religiöser Grundansichten, welche mir schon in früher Jugend am fernen Alpengebirge Europens eingeflößt wurden. Ich möchte meine Gedanken und meine Gefühle beim Betreten Asiens nicht näher bezeichnen, aus Besorgniß, daß man sie als unzeitige Ergüsse mißdeuten könnte. Statt alles Mehreren werfe ich bloß die schlichte Frage auf: Kann ein Unterrichteter ohne eine Regung des Geistes und ohne eine Bewegung des Gemüthes den Boden dieses Welttheils berühren? Ich erinnere mich noch der Kinderjahre, in denen ich mir das biblische Asien, die Gegend meiner Sehnsucht, als die Hälfte des Weges in die Ewigkeit vorstellte. Die Träumereien der Jugend verdienen keinesweges die Verachtung, die ihnen gemeiniglich widerfährt; sie haben allerdings nicht selten Bedeutung und Werth; sie sind ein trüber Waldbach, der nur durch die Seihe der reiferen Jahre fließen darf, um klar und genießbar zu werden.
Rafa, Raphia bei den Alten, ist fast ganz vergangen.Eine halb in die Erde gestürzte Säule trauert am Wege in Gesellschaft von zwei aufrecht stehenden. Jene soll die Grenzsäule zwischen Asien und Afrika sein.
Wir kamen diesen Nachmittag neuerdings in die Wüste und über mehrere Sandhügel. — Einmal verlor ich den Hauptmann und unsern neuen Führer, einen Mohren, völlig aus den Augen. Auf einem Scheidewege fiel die Wahl mir schwer. Ich schlug den linken Weg ein, ungeachtet ich dazu den Dromedar, der gerade vorwärts wollte, nur mit Mühe bewegen konnte. Kaum aber war eine Anhöhe erstiegen, so verschwand der Weg und ringsum verdüsterte die Wüste den Ausblick. Ich wendete mich wiederum rechts, der Dromedar fand richtig den Weg und bald verkündigte fleißigerer Bodenbau die Nähe einer Ortschaft. Wir waren schon im Städtchen Kan-Yunos.
Yunos, Jenisus der Alten, ist in Feigen-, Dattel- und Oelbäume gebettet. Im lebhaften Bassar lächelten den Wüsteentronnenen die Dinge an, welche so verschiedene Bedürfnisse beschwichtigen. Erinnerungen an mein Heimathland wurden beim Anblicke grüner Wiesen, des Viehes und der weißen Bevölkerung aufgefrischt; sogar die Breter, als eine Seltenheit in Egypten, erregten meine Aufmerksamkeit. Die große Moschee, von sarazenischem Geschmacke, erhielt sich in gutem Zustande.
Wir mußten diesmal in einem Kân oder Karawanserai einkehren. Es hatte ein Obdach, war aber von zwei Seiten offen. Auf der einen lag ein korinthischer Knauf. Man trifft in Jenisus überhaupt manche Trümmer, mehr oder minder versehrte Denkmäler des Alterthums. Im Karawanserai befand sich eben der Stadtgouverneur. Die Herankommenden küßten ihm den Saum des Kleides. Er ließ in gastfreundlicher Gesinnung durch seinen Bedienten vorzüglich gute Brote und eine dicke Kräutersuppe uns zureichen, die, von Farbe grün, Kaldaunenstücke und Fleischbröckchen enthielt und mir nicht sonderlich schmeckte. Es war indeß mein Appetit ein wenig verdorben; wir wollten den Rest der Butter in der Quarantäne noch zu Rathe ziehen und buken in derselben Brotkuchen, welche zwar dem Gaumen zusagten, allein dem Magen nicht wohl bekamen. Wir belohnten unsern Gastfreund, nach morgenländischer Sitte, mit Stillschweigen.
Ein Kerl versuchte eine seltsame Betrügerei. Mein Reisegesellschafter schickt ihn, ein Geldstück zu wechseln. Er bringt die Münze, aber nicht vollständig. Vor Zorn wie rasend schilt der Hauptmann den Jungen aus, und schon zuckt er die Peitsche gegen ihn. Er öffnet den Mund und das Fehlende tritt unter der Zunge zum Vorscheine.
Mit Sonnenuntergang legte ich mich und schlief zwarfest ein, aber nicht ruhig fort; denn einmal hörte ich undeutlich, daß ein Mann in einem Streite lärmte, ein anderes Mal beschnüffelte ein Hund mein Bein, und ein drittes Mal kam die Katze, sich einer Beute zu bemächtigen.
Den 26.
Gott sei Dank, die Wüste, die beschwerliche, die armselige, die langweilige, ist am Rücken. Von jetzt an leitet der Weg durch lauter besseres Land, bald gepflügtes, bald Weideland. Die Vögel schienen in ihrem unaufhörlichen Geschwätze über die Gegend so hoch erfreut, als ich. Selbst mein Reisegefährte sang in das Tutti, und gerne hätte ich ihn in einen der nächsten Singvögel verwandeln mögen, so lieblich klang seine Stimme. Das Gepräge des Winters auf ganz dürren, abgestorbenen Pflanzen konnte hin und wieder nicht verkannt werden; hingegen war dazwischen der frisch angeschossene, kurze, feine Grasteppich mit um so größerem Zauber des Lenzes gewoben. Der schönste Frühlingsmorgen bei uns kann den heutigen Wintermorgen gegen Gaza nicht übertreffen. Ueber fließendes Wasser setzten wir nie, nur zweimal über tiefere Bachbetten, wie über dasjenige des Besor, an dessen Mündung ins Mittelmeer das alte Anthedon sich ausbreitete. Von Bethagla,zwischen Anthedon und Jenisus, bemerkte ich nicht eine Spur.
Minarets glänzten gegen Norden in einem grünen Haine; es warGaza, die Hauptstadt der Philister, die Stadt des Starken, desSamson, welcher, nach der Schrift, ein eisernes Thor auf den Berg getragen hat. Wir durften nicht mehr weit, und dann einzig noch an der Menge von stämmigen Kaktus vorbei, und wir ritten durch ein enges Thor in die Stadt. Der Hauptmann begab sich in seine Herberge, und jetzt war der Augenblick der Trennung da, nachdem wir mit einander drittehalb Wochen verlebt hatten.
Nun ein Wort über den Reisegefährten. Eine solche persönliche Seltsamkeit lernte ich noch niemals kennen, und darum lohnt es der Mühe, von ihm einen Umriß zu liefern. Er ist aus Galizien und von Adel. Ich weiß seinen Namen recht gut; ich will ihn aber verschweigen und vergessen. Zuerst Kämpfer als Hauptmann in den Reihen der polnischen Umwälzer, entfloh er dann nach Frankreich und schloß sich der Schaar Polen an, welche aus dem „neuen Vaterlande“ in die Schweiz einbrach. Er wußte sich später Mittel zu verschaffen, um von Marseille auf einem französischen Kriegsschiffe nach Egypten zu kommen.Hier trat er in Kriegsdienst unter dem FeldherrnAbraham(Ibrahim-Pascha) als Kavallerieinstruktor.
Ein Selbstling im wahrsten Sinne des Wortes, sucht er immer seineeigenenZwecke. Er schmeichelt den Großen und verachtet die Kleinen, damit die einen ihn befördern, und weil die andern ihm nichts nützen. Er wählte sich überall das Beßte aus, so immer den beßten Dromedar, den bequemsten Sattel, die leichteste Ladung, die schmackhafteste Speise u. s. f., um das Uebrige mir zu überlassen. Wenn ich mich über das Reiten beklagte, so tadelte er mich, daß ich nicht reiten könne, und dennoch hielt ich, bei meinem kräftigern Körperbau, das Reiten besser aus, als dieser Rittmeister.
Dabei hegt der Hauptmann wenig Liebe für Wahrheit. Was er erzählte, mußte ich auf der Goldwage prüfen. Auf einer Lüge ertappt, hatteernatürlich Recht, und würde gern in Schimpfungen auf mich losgebrochen sein. Sonst besaß er eine Fülle von Lebensgewandtheit, und im Bezahlen war er redlich; nie belog er mich in Geldangelegenheiten.
Weil mir die Kenntniß der arabischen Sprache abging, so leistete er mir unläugbar wesentliche Dienste, und er übernahm in der Kontumazanstalt fast das ganze Geschäft der Küche, indeß ich ruhig unter Zelt schrieb, und amEnde lüstern in das gute Gericht biß. Mich tyrannisirte übrigens noch kein Mensch so eigentlich, wie dieser polnische Freiheitsmann. Meine Lage fing sich erst zu bessern an, als ich mit dem Oberaufseher der Quarantäne auf freundlicherem Fuße stand und dem Hauptmanne erklärte, daß ich nun sorgenlos sei; denn auch im Nothfalle könnte ich recht gut weiter kommen, weil jener für meine Kameele sorgen würde. Er sah seine Entbehrlichkeit jetzt selbst ein. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, dieser Schwerpunkt des geistigen und sittlichen Menschen, hängt an einem dünnen Faden, dessen Riß uns, wo nicht augenblicklich, doch in seinen Folgen wehe thut.
Ich kann nicht umhin, noch zwei Dinge zu erwähnen. Zu Choanat wurde der Reisegefährte von einer Krankheit heftig überfallen. Ich stand ihm mit Rath und That bei, ich brachte ihm Reis u. dgl. Tags darauf befand er sich wieder wohl. Der Dank war, daß er für meinen schlechten Dromedar keine Geduld wußte. Einmal wollte ich absteigen, um ein Stückchen Natursalz aufzuheben und mitzunehmen. Da regnete es zentnerschwere Vorwürfe über Tändelwaare u. s. f. Es gibt Menschen, welche die Sterne am Himmel gleichgültiger beschauen, als messingene Knöpfe an einem Rocke.
Der Kapitän, mag er auch immer seiner sorgfältigenhöhern Bildung und seinem Adel keinen geringen Werth beilegen, ist ein Auswurf des Menschengeschlechts. An der Spitze eines Volkes wäre er spröde, ohne Mitleiden, ein Wütherich. Er hatte indeß, wie andere Tyrannenseelen, bewegte Zeitpunkte, da das Herz aufthaute; er würde sich dann, der männlichen Würde uneingedenk, wie ein Kind hingegeben haben. Er wäre unzweifelhaft Muselmann; allein er muß es fühlen, daß der kindliche Schmelz seines Gemüthes, in gewissen Augenblicken, nach der Abschwörung des Glaubens ihm das Herz zum Bruche drängte.
Am Ende der Reise bat der Gefährte mich um Verzeihung, wenn er mich etwa beleidigt haben sollte. Ich achte einen solchen Zug, und doch empfand ich ein wahres Vergnügen bei der Scheidung von einem solchen Menschen, dessen Gesellschaft eine Qual und Pein war, und zwar eine um so größere in der Wüste und in einer spottschlechten Quarantäne.
Ehe ich Gaza näher beleuchte, schicke ich einige einleitende Bemerkungen über Syrien nach seinen topographischen Eigenthümlichkeiten, sowie über die Leute, die es bewohnen, nach den Verschiedenheiten ihrer religiösen Grundansichten voraus. Zuerst