Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer Kuppel, entsprechend den drei Haufen,in welche die Menschheit, ein Abbild der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschließen einen Bau für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden muß; einen anderen Bau für die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes Schwankenden, denen die Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit sie um der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das Geistesland wagen; den dritten Bau für diese, die wahren Christen, die freiwillig mit den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist. Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche münden, diese wären das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut versorgt und vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, die mich mehr erschütterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er seine Jünger auf dem Ölberge schlafend fand.
Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen die Einrichtungen machen, und zwar für sich; tatsächlich verschwinden aber bei uns die Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben übergeht. „Es kann in der Welt nur gut werden durch die Guten“, das ist, glaube ich, ein Wort der Königin Luise. Luther sagte: „Darum ist dem Staate mehr dafür zu sorgen, daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze gegeben werden.“ Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, Organisationen zu machen und Maschinen zu mästen, werden wir auch wieder mehr Persönlichkeiten haben, deren gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein unpersönliches Volk sind.
Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan: der moderne Staat ist das System, das keinePersönlichkeitduldet; denn er ist ja die Maschine, die schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum Ersatz für ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die Übung sie auch wieder kräftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der persönlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich schließlich zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft werden. Handeln ist die unmittelbare persönliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur handelnd bildet sich das selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann.
Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom für das Aufhören des unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in Büchern und Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei seinen taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten öffentlichen Disputationen Ähnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe fühlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.
So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes, imLeben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden, fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum lebendigen Ganzen verschmelzen.
Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden, weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit, wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat. Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war – denn Zeit und Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer – zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche fiel.
Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen, Heilstoffenund anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich, hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? „Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht!“ läßt Schiller seinen König Philipp flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich lichtbringendes Wort und Chaos sind.
Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle Lichter steigen auf aus Nacht undgehen in Nacht unter; das Feuer in seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch waren.
Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren Christen nicht fand, die ihre Spitze hätten bilden sollen, hätte er den Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche, sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche in dem Gegensatz stehen müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er hätte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur schütze.
Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine solche Kirche gründen, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt, die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan hat, soweit es damals möglich war.
In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott. Nur er konnte mit Gott verkehren, er hütete die heiligen Örter, vollzog die Opfer und betete für alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete Handlungwar einopus operatum, das heißt ein Werk, das durch seinen richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Möglichkeit des Zaubers, das heißt die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die Wirksamkeit bestimmter Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke. Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob, wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist.
Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber dem alten darin, daß Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen schreiben will, und daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des Herrn lehren soll: „Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten an bis zu den Größesten.“ Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit für ewige Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr wisse; Christus offenbarte, daß die Gottheit in uns selbst ist, und daß wir infolgedessen selbst mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder selbst glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten Sinne brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wußten oder nicht an ihn glaubten.
Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die Heilige Schrift erklären und das Sakramentausteilen. Sie haben kein Werk zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt, Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine Mündigkeitserklärung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und Unsichtbares, Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; der Zustand der katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, daß der Zeremonien- und Werkdienst Aberglauben geworden war.
Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche für diejenigen überflüssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt noch eine vorchristliche Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da sein. Diejenigen, welche nicht glauben können, muß, wie einst, der Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten.
Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatsächlich alle nicht mehr an den Priester und dasopus operatum; über diese Stufe waren sie hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte er, wenn man mit dembisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, daß jeder Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott geweihter Mensch, und daß man Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr ein, und Luther bemerkte bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen ersetzt wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es „im Glauben“, das heißt sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um für mildtätig gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, daß unter den zu verdammenden „guten Werken“ durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weißt ja, daß dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfüllte, ohne Ergebnis und ohne Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, wie so viele andere getan hätten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien besser, weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, die der Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflöte. Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast kindlich, den der Teufel in seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand vollkommenzu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur. Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, daß Gott durchaus nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der Werkheiligkeit war.
Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben können, weil sie auf einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche auch diejenigen auf, die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert sind, die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft des Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers „zweiter Haufen“, soweit er sein Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden, sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu überwinden, retten sich in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als wären sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor einer Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen Stellvertreter Gottes, der, mit äußerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafür gibt, die aber in der Welt als göttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen Haufen zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis dafür zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, die den Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein fürstlicher Hof, der unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Häufig ist das Katholischwerden für die Interessanten der höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen Kirche alle Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbarenMittlerschaft bedürfen, um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für das ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern allmählich „von einer Klarheit zur anderen“ führen lassen wollen. Wenn diese Stärkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht förmlich einverleibt sind, so wie Luther sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der Aufsicht über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist fortwährend den unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel, sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren Kirche formten, wären sie die Auserwählten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will, und läßt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und ähnliche Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele geführt, während Goethe und Schiller, und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung der wesentlichen Ideen Luthers.
Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf gegen die Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war, daß der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil seiner Anhänger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der Kirche wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen könne, wenn er das Evangelium freiließe und darauf verzichtete,Stellvertreter Gottes auf Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte, selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht haßt, muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber irgendwie wird er doch fühlen, daß das Gehaßte dennoch zu seinem Leben gehört, ja, er würde es sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des von ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß ihm die Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt geworden sein. Eine ähnliche dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller Gustav Adolfs brachte.
Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod bringen; und wirklich hat die Kirche allmählich ihren mittelalterlichen Charakter abgetan, aufgehört Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu selbstsüchtig, um zu wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das glaube ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der religiösen Gegensätze mit sich bringen würde.
Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das Unmögliche wirklich würde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert betonten die Evangelischen, daß sie die eigentlichen Katholiken wären, die Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche.
Luther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie nicht von dem Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte, sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde. Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend gegen die hohe Berufung, wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort wehrten. Denn es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben, weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod haßt. Luthers persönliche Sehnsucht ging in den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht der Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Süßigkeit dieser Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulösen und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er das Zeichen zum Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit geäußert; daraus folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. „Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft.“ Gott sollen wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch öffentlich bekennen. Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält,ist menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die Welt hinaus wirkt.
Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu Luthers Zeit als das Verhältnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der Glaube der Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von beiden größer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekämpfen, war es natürlich, daß er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen Gesinnung, betonte, die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend, hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach, selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets hinzu, daß aus dem Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte einmal, daß Glaube und Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe gesagt: „Und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Luther mißbilligte das insofern, als es keinen Glauben, das heißt natürlich keinen Glauben an Gott, ohne Betätigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die Menschen, weil sie „seines Geschlechts“ sind; Liebe ist das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den alle münden.Plenitudo legis est dilectio, die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes undBeobachtung göttlicher Gebote zubrächte. „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mirs nichts nütze.“ Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit die Liebe des Göttlichen in der Menschheit fließt, so der Haß des Ungöttlichen in Form, Tat und Wort.
Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden Christus als den zürnenden begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß des Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern verhehlen. Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kämpfenden und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefühl seiner Liebe, im Bewußtsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und seines Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. „Christus ist zu einem Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll“, sagt Luther einmal, „und viele werden sich an ihm stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii, das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten.“ Daß Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: „Denn wo der Mann kommt und sich sehen läßt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an.“ Widerspruch erregt und überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in der Welt herrschen. Mitten in den Kampf ums Daseinhinein verkündet er das Recht der Liebe; der Lüge und Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende, Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, Gott ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott im Ganzen ist, während der einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als daß die wahren Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. „Kein Volk auf Erden muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel und die schädlichsten Leute auf Erden heißen.“ Ja, man erkennt die Auserwählten daran, daß sie von der Welt gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die der Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer uns, sowie den Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten verhältnismäßig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht zu erklären, die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen Werken der Moral verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat und sie mit Notwendigkeit betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges Sichopfern für die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und genießt sie, der Buddhist oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint sie zugleich, das heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte seines köstlichen Lebens damit zugebracht, „Mansfeldische Säuhändel“ zu schlichten, vom selben Wert wie jener letzte vonallen, nach dessen Beilegung er starb. Er war der Beschützer aller Schwachen und Unterdrückten ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man aus Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor allem an seine kursächsischen Oberherren. Es ist, als höre man Gott selbst sprechen: gütig, langmütig, wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen streng und blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es bleibe kein Stück von ihnen übrig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel unerschöpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure Arbeit, die ihm durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde, bewältigte; in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht. Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, daß das, was sie Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, hassend gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. Der schwerste Kampf ist eigentlich gar nicht der gegen das Böse; sondern der gegen die menschliche Trägheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. „Wenn du über das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr, Skandal, Unruhe geführt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg, ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und wie ein Bär auf der Straße und ein Löwe im Walde.“ So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan des Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicherArt umgehen wollte. „Hüte dich zu glauben“, schrieb er demselben, „du könntest Christus in der Welt fördern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem Blute gekämpft hat wie nach ihm alle Märtyrer.“ Die Welt zieht deshalb den stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt, würde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das Größte ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es mit seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber „es gehört dazu ein trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu sagen“. Die meisten Kämpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie nicht aus Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen von göttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem er das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie nach und wollten die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun, andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und es war nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, denen es immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war; aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn wandte, und wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige Liebe bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im Abendmahlstreit: „Welchem Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich für den Mann leidist.“ Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern, wie bedeutend er auch sein möge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat.
Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend, weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er nannte sie Enthusiasten, Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie betätigen müßten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie deshalb nur zu schwärmen und zu flattern brauchen. „Ich hasse die Flattergeister und liebe dein Gesetz“, sagte Luther mit David, das göttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles Frommtun im Winkel, das Pochen auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel, die Heiligkeit und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern und ähnlichen Sekten fand, flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch wenn es zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen, wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. Aber auch die Mystik feiner, gutgesinnter Menschen bekämpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin je nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und Eintreten für seinen Glauben.
Selig, wer sich vor der WeltOhne Haß verschließt.
Selig, wer sich vor der WeltOhne Haß verschließt.
Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des Sichabsondernden und seine Strafe.
Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: „Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.“ Sie wären wohl auch niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten, und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen Klima nicht aussetzen.
An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den „Heuchlern und Gleisnern“ die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist, und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit oder Angst vor dem Kampfe.
Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten, der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert, um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte: „Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen (1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen, daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.“
Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. „Ein Christenleben soll ein Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen, das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen, gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.“
Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben, unter anderem Defoe: „Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen beiden Händen auf die Knie herabgeneigt“; und er erkannte es als die embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie zwischen den Händen hin und her rollte: „Sie scheint zu denken, daß dies zu etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt, als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig da.“ Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu klatschen. „Ichhabe nie in meinem Leben etwas in seiner Art Ergreifenderes gesehen“, erzählt Dickens, „als da man sie neulich in die Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller, ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen, als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.“ Ich mußte an das Bild denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte nach das Leben Luthers.
Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideenin die christliche Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja, Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht. Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.
Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich. Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren. Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns getrieben fühlen, unsanderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen, zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen.
Einer von den neuen Bibelübersetzern hat herausgefunden, daß Luther den Spruch, es werde eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher in das Reich Gottes eingehen werde, falsch übersetzt habe, indem das betreffende Wort nicht Nadelöhr, sondern eine besondere Tür, ich glaube eine niedrige Stalltür heiße, durch welche ein Kamel allenfalls, wenn auch mit Mühe, sich zwängen könne. Dies erzählte jemand in einer Gesellschaft nicht ohne Genugtuung und mit einer gewissen Schadenfreude, daß seinesgleichen durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn er etwa hinein wolle. Ich finde, man könnte immerhin beim Nadelöhr bleiben, das am anschaulichsten ausdrückt, was die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers war, daß es nicht unmöglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten sei, wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man muß nur bedenken, daß das Reich Gottes das Reich des Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche der Welt, dem äußeren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie Äußeres und Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die Welt verdichtet, insofern man für Geld die äußeren Güter haben kann, und Geld ist also schon ein Ausdruck dafür,daß jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein Ergebnis, ein Aushängeschild der Welt, das beweist und nicht erst noch bewiesen zu werden braucht. Es beweist, daß, wenn nicht der Reiche selbst, so doch seine Eltern oder entferntere Vorfahren Weltmenschen waren, und daß seine eigene Neigung zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, daß seine weltliche Erbschaft dadurch beeinträchtigt würde. Letzteres ist auch aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum wird auf einem Höhepunkte der Kraft erworben, die bei den Erben schon nachzulassen anfängt; es kann demnach in der Regel nur ein geringes Maß von Kraft auf die Erwerbung der geistigen Güter verwendet werden. Auch vererbt sich die weltliche Begabung, welche den Vorfahren zu Erfolgen in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem negativen Sinne, daß die Flügel, deren der Geistesmensch bedarf, durch langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.
„Niemand wickelt sich in weltliche Geschäfte, der göttlicher Ritterschaft warten will“, sagte Paulus. Es ist unmöglich, daß jemand, der stark im Geiste lebt, im Kampfe um äußere Güter siegreich sein, überhaupt sich in ihn ernstlich einlassen wird. Und „wo Christus ist, da ist auch Armut“, sagt Luther. Verdient ein Auserwählter etwa auch Geld, so wird er es doch nicht festhalten können, da er zum Geben, Mitteilen und Verschwenden überhaupt geneigt sein wird. „Wer liebt, verschwendet allezeit.“ Es wird aber auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt bezahlt nur, was ihr nützt, die Wahrheit nützt ihr aber durchaus nicht, steht eher im Gegensatz zu ihr oder geht sie nichts an. Erst wenn das Göttliche verweltlicht ist, wenn die Idee irgendwie für weltliche Zwecke ausgebeutet werden kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr zu leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christusjetzt ohne Ausweis, der seine Identität feststellte, so würde er wieder gekreuzigt in irgendeiner Form, obwohl die Welt sich nach seinem Namen nennt.
Luther sagte nun allerdings, es könne wohl auch ein Reicher ins Himmelreich kommen, wenn er nämlich geistig arm sei, das soll heißen, wenn er seinen Reichtum so habe, als habe er ihn nicht, als könne er ihn jeden Augenblick verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeinträchtigt zu werden. In den Händen solle das Gut sein, nicht im Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist es aber nicht im Herzen, so wird es auch leicht aus den Händen fließen. Und wie sollte jemand, der die Möglichkeit hat, die Welt zu genießen, nicht dazu verlockt werden, es zu tun? Das würde auf einen Mangel an Kraft und Genußfähigkeit oder an ein Überwiegen der Moral, also auch wieder auf eine geistige Hemmung deuten. Genießt einer aber die Welt, so wird er dadurch allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. Ganz besonders wird einem göttlichen Herzen durch die Hilfsbedürftigkeit derer, die kein Geld haben, überflüssige Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.
Es empört mich, wenn man mit einer gewissen hochmütigen Nachsicht über die Unordnung urteilt, die in den Finanzen des alternden Rembrandt herrschte. Es geht gegen die göttliche Logik, daß ein Genie ein guter Haushalter ist; ist es doch einer, so gehört das zu den Freiheiten, die Gott sich seinen Gesetzen gegenüber herausnimmt. Goethe wird deswegen von allen Weltmenschen auf den Schild gehoben, weil er zu beweisen scheint, daß man Weltmann und Genie zugleich sein könne; und es ist gewiß, daß er einer von den „hochgeistlichen“ Menschen war, wie Luther es ausdrückte, die sich tief in die Welt verwickeln können, ohne ihren göttlichen Geist dabei einzubüßen. Andererseits beruht diesPhänomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer Selbstbeschränkung, auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermöglichte die Erscheinung eines vollständig abgerollten, auf allen seinen Stufen mustergültigen Lebens, das bewundernswert ist, aber nicht bewundernswerter als ein kürzer zusammengedrängtes und schneller verschwendetes wie das von Shakespeare, Beethoven oder Luther. Es ist wahr, daß man auch in weltlichen Dingen, ich meine in weltlich fördernden Dingen, von Goethe lernen kann; aber braucht man ein Genie dazu? Wenn nur das Göttliche mit ihm erscheint, das niemand lernen kann, das aber überspringt und zündet wie der Funke von der Flamme.
Luther hätte sehr reich werden können, mir scheint, einer der reichsten Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt doch keinen Schriftsteller, der so gelesen worden wäre. Er hielt aber daran fest, kein Geld für seine Bücher zu nehmen, und lebte von einem dürftigen Professorengehalte. Einmal hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen bekennen, Schulden. Er nahm alle Zufluchtsuchenden bei sich auf, beschenkte alle Armen und Bettler, wenn er sonst nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die ihm zuweilen verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein Bauer gewesen und habe keine Bedürfnisse gehabt. Jeder geniale Mensch hat eine starke Sinnlichkeit, sieht gern Schönes, liebt Wohllaut, süße Gerüche und Wohlschmeckendes. Die Frömmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen wollten, machten es Luther zum Vorwurf, daß er die Laute spiele, Hemden mit bunten Bändern trage, Bilder in seinem Zimmer hängen habe und gern guten Wein trinke. Er hatte sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrauß mitgenommen und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er für seine Person anspruchslos und konnte mit dem ApostelPaulus sagen: „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden.“
Mir scheint, es wäre nicht so durchaus zu beklagen, wenn der Krieg zu einer Verarmung Europas führte; vielmehr ist vielleicht gerade das mit der Zweck des Krieges, aber nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands durch den Dreißigjährigen, den verheerendsten aller Kriege, gesprochen; in Wirklichkeit hat er nur die Armen ganz arm, die Reichen hat er reicher gemacht. Auf dem Lande namentlich und auch in den Städten war Dürftigkeit, an den Höfen war Überfluß sondergleichen; Reichtum und Armut waren also sehr scharf voneinander geschieden und bildeten einen starken Gegensatz. Auf der einen Seite war äußerste Selbstsucht und Genußfähigkeit, auf der anderen Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen Herzen der Gequälten wuchs die Musik Bachs, ein Baum des Lebens, tropfend in allen Zweigen von Unsterblichkeit. Gott istconsumenset abbrevians: es wird unendlich viel Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schönheit und Wahrheit, in die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses hatten die Armen den Glauben. Wie mochte jenen evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde zu schützen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und niedergestochen wurden und mitten im Sterben beteten: Ich werde nicht sterben, sondern leben! Die Ungläubigen verlachten das, da sie von dem Leben, das jene empfanden, nichts wußten. Armut ist nur unerträglich für Gottlose und in gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen Zeiten die Wohltätigkeitsbestrebungen der Heuchler und Gleisner, die die Armen nicht wahrhaft beglücken können,was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist; sondern der ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Genüsse dadurch von jeder Einschränkung zu befreien. Die wohleingerichteten Arbeiterheime und dergleichen muten an wie Friedhöfe, wo das Lebendige vermodert; ausgepumpte, luftleere Räume, wo die Menschen zu Mumien werden. Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, als daß der Krieg es wieder zum Chaos stampft.
Ich brauche, denke ich, nicht zu erwähnen, daß Luther weit entfernt war, den Müßiggang zu loben. Seine eigene Tätigkeit schildert er in einem Briefe einmal so: „Ich brauche beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast nichts den Tag über als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich bin Prediger bei Tisch, man begehrt mich täglich zum Predigen in der Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, ich bin Ordensvikar, das ist soviel wie ein elffacher Prior, ich bin gesetzt über den Leitzkauer Fischteich, ich bin Sachwalter der Herzberger Mönche zu Torgau, ich lese über Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu kommt das Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine Gebetsstunden ordentlich zu feiern, neben den mir eigenen Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel; sieh, was ich für ein müßiger Mensch bin.“
Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des ärgsten Unglaubens bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, allerdings ein Beweis des Mißtrauens in Gottes Kraft oder Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine Form, in der die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im Sparen und Geizen äußert sich mehr die Sucht nach Ruhe, die Angst vor Widerständen und dem Kampfe dagegen. Überwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt zum Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gänzlichdem Kampf entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche Fälle pflegte Luther mit den Worten abzutun: lasset die Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine äußere Hemmung, die nicht weggenommen werden kann, ohne daß innere, viel gefährlichere Hemmungen eintreten, deren letzte der Tod ist.
Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Mit Hinblick auf dies Gebot bekämpfte Luther unter anderem das Mönchsleben, wo der einzelne zwar Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu entziehen. In den Tischreden sagt er: „Am sichersten ists, daß einer in einem gemeinen Stande sei und lebe, wie auch Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer gemeiner Mann, gelebt und kein sonderliches Leben geführt hat. Nicht in Winkeln und Kammern.“ Das wiederholt er an anderer Stelle und gebraucht dabei den Ausdruck, Christus habe nicht wie ein Unhold gelebt.
Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für Auserwählte halten, vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit zurückgezogen. Sie heiraten nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen zu werden, sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille von Schlössern und Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und schwach sein, das solche Schädlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt wird.
Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im Mangel eine äußere Hemmung gesetzt ist, die leichter zu überwinden ist als diejenige, die der Überfluß ins Innere treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten, wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäreaber nicht eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe stellte, die Welt ganz zu erleben und dennoch zu bändigen.
Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Völkern: sie haben ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur muß man nicht glauben, daß man beides zugleich sein könne.
Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, es sei gewiß wahr, daß das Leben nicht im Denken oder Träumen, sondern im Wirken sei, und es sei sonderbar, daß die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten, unter der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß sie dadurch des Kampfes ums Dasein überhoben wären.
Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich der Menschen bemächtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe abgelöst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung des kraftvollen, arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflösung mehr und mehr befördert, hat die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter. Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er führt nur die materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaftad absurdum; ein verjüngtes Leben, dessen Wesen schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf Naturalwirtschaft begründet sein.
Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen haben, werden wir wieder fliegen können.
Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war, erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet hat, wie es die unwillkürlichen Vorgänge im Menschen stört, wenn man die Aufmerksamkeit darauf lenkt. Das geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie das Sprichwort wohl weiß: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Nietzsche bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst erfahren, daß eine gewisse „feurige Pressiertheit“ dem Erfolge im Wege stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich besonders nachdrücklich auf die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer zutiefst weiß, daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann. Wie dem auch sei, man muß Gott „Raum lassen“, man muß überhaupt die selbsttätigen Kräfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht auffressen. Man muß in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie eines Tages ganz abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, daß nur wer gehorchen gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen, die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommenist; nicht die Ruhe der Erschöpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das köstlichste und unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der Schlaf: tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht täglich neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenüber göttlich, und so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenüber: er ist der tiefste Brunnen der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird tiefer auflösen, tiefer verwandeln.
Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung von der Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen Substanz, gemacht? Diese Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind auch keine Personen, sie sind und haben nichts für sich. Wenn eine Amöbe sich teilt, so ist es unmöglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind. Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott:Qui solus habet immortalitatem– Der allein Unsterblichkeit hat.
Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl bekannt; er drückte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht sterben. Ebenso hatdie Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gepredigt, daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist die große Tragödie des Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht.
Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, und daß nur die göttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann doch die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger ausdrücken, als diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die Schönheit des verhältnismäßig unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen Todes Erlebnis werden.
Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, daß er nicht einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde bist du genommen und sollst wieder Erde werden. „Ach, wenn Adams Fall nicht alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur Gottes wäre doch der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich hätte er gelebt ohne alle Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne alles Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche Leben abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wäre eine feine, lustige Veränderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten entworfen und abgemalet hat.“
Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir nicht sterben; aber gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu wissen, ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel und der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels herauslesen, in welchem sie persönlich weiterleben dürfen.
Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche Zustände. Schon in den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Sätze auf: „Ist ein Sterbender von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise große Furcht, und zwar um so größere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, unterscheiden sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln und des Heils gewiß sein. Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.“
Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: „Denn wenn der Mensch sein [inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die Hölle in sich selbst.“ Dementsprechend über den Himmel: „Alle diese Güter sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in sich den Glauben an Christum … Denn wenn ein Christenmensch dasselbige Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die Wahrheit und das Wort Gottes, wer das WortGottes hat, hat Gott, den Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor überschwenglicher Gnadenfülle.“
Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches Gottes, daß es nicht in äußerlichen Gebärden stehe, daß es inwendig in uns sei, sind bekannt; und wie er den Juden vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut. Dies ist so klar und oft betont, daß die Menschen, die sich ein Studium aus Gott und den göttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise eingesehen haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den Sinnen Ergreifbares, teils außer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern des Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther nicht tat. Und doch hat gerade Luther immer hervorgehoben, daß die Alten in weltlichen Dingen, die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit überlegen waren, in allem, was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, was Kultur betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er ihnen unbedingt ein; was er ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren Persönlichkeitsbewußtsein, den inneren Spaltungen und der überwindenden Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich große Männer und edle Frauen im Gespräch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davonabgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus, welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, während Luther einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die Seligkeit des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der zwar auch unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem bewußten Selbst schafft? Kann das Gefühl des naiven Menschen so innig sein, wie das dessen, der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hölle abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von außen sieht, nicht auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit wie der christliche Märtyrer, der, während sein Körper brannte, über sich den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen, des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, wenn er sie ganz erfaßte, ahnte Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was für Probleme Luther stellte.
Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner öfters gesagt wird, daß Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich, daß doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, daß die Menschen geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas der Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlichzumeist wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache der großen Dichter, denen wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitelverba allegoricawären. Das geht auf das Blasen der Posaune und das Hinaufgerücktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von der Auferstehung des Leibes und nicht von der Auferstehung des Fleisches spräche; woraus hervorgeht, daß es sich für ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum Beispiel an der Stelle im Evangelium, daß Christus, obwohl er voll göttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er war, heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprüngliche Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begründen, aus Instinkt vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. Doch spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero, und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: „Daß er aus dem, daß die lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm ähnlich und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein Gott sei.“ Gott ist die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. „Ich bin, der sich nicht verändert.“
Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz undgar im Stoffe, ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät außer der Erscheinung, das Ding an sich, ist ein bloßer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen, sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar und schön auseinandersetzt, in einer anderen Körperlichkeit, als die unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon während seines persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich und unwandelbar ist, soweit bleibt er auch in jener ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur wir nichts aussagen können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme persönlicher Fortdauer, während der Christ glaubt, daß nur die Substanz unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an die Möglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, auch wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung oder Selbsttäuschung.
Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee eines Bildes hat, seines Ebenbildes; denn welcher Künstler schüfe im Grunde jemals etwas anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz und gar; trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper, wiesie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt war, Gott zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus; soweit wir Christus anziehen, das heißt sein Gottesbewußtsein teilen können, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus zahllosen Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen Farbentupfen lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung näherte, desto mehr sich des ganzen Bildes bewußt werden, vollständig aber erst könnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben, wenn sie sich mit ihm identifizierten. „Es fährt niemand gen Himmel, denn der herabgefahren ist, Jesus Christus.“ Die Idee allein ist ewig, wir können nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir das ewige Leben haben wollen, und daß das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen muß. Nicht daß wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste, wenigstens nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen werden, denn dadurch werden wir „Mitgenossen der göttlichen Natur“. Diese Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, daß Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie an ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der Menschheit Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi Auferstehung täglich sich vollende, wenn wir hernach kämen. „Denn Christi Auferstehung und unsere muß man zusammenbinden und aneinanderhängen als für eine, weil er unser Haupt ist.“ Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen: die Menschheit ist in ihm verewigt.
„Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf und nieder“, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall gegenwärtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß er aber nie aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des Auffahrens nach oben sich unwillkürlich einstellt, kommt daher, daß der Mensch das Maß aller Dinge ist, und daß das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem Körper oben liegt.
Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige Unsterblichkeit, und ich gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts über den Verlust des Persönlichen trösten. Luther selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod für die größte Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern und verachten, dann wieder mit wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie man Schlangen tut mit Musik.