Erstes Kapitel.Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich inmeinemFach—ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37—einem Prinzipal—ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft—eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf sowas einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.Ich sage:Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durchLieb’bewogen die Vers’chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: »Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln—ich heisseBatavus—dann bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein bester Freund wäre—mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns in der Batavierstrasse wohnte—und dass mein kleiner Hund so dankbar wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.Alles Lügen! So geht’s dann weiter mit der Erziehung. Das neue Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich, dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express,um Niederland Schutz zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben hatten.Dasist die Sache.Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner Frau—sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee—niemand kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine kleine Tour nach dem Haag gemacht—sie hat da Flanell gekauft, wovon ich noch Unterjacken trage—und weiter hat uns nie die Liebe in die Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!Und solltemeineEhe nun weniger glücklich sein als die Ehe der Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen inVersengesagt hätte, dass ich sie heiraten wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem Satz Billardbällen!Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist vorbei, und die Uhr istdrei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklichder Regen vorbeiund die Uhrdreiist. Doch wenn es viertel auf vier ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es muss genaudreiUhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genauzweiUhr sein, oder der Regen darf nichtvorbeisein.Siebenundneunist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit.Einsvon beiden ist dann gelogen.Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas mehr hätte geben müssen, wenn ermich selbstherausgeholt hätte, aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sichsoan all die Unwahrheiten, dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, so’n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane.Es ist so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder, meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!Dann kommt ihr erster Liebhaber—der früher am Kopierbuch sass, nun aber steinreich—auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf derBühne, was in derWeltvon jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche Übergeschnapptheit angesehen wird. Alsichheiratete, waren wir auf dem Kontor meines Schwiegervaters—Last & Co.—unserer dreizehn, und es wurde was umgesetzt!Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum geht dann die Doppelthür imHintergrund jedesmal von selbst auf? Und weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle, bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde, wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge, wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu entblössen? Alles Lügen!Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren Makler in Kaffee—Lauriergracht 37—und habe also schon allerlei mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf, wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat—die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus—das wäre dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine Arbeitmehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es auch sein.Ichkann ihm nicht helfen—denn wir haben junges Volk nötig, weil es bei uns sehr flott geht—aberkönnteich auch, wo bliebe sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!Ichhabe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen—und das thun sie—wenn meine Frau und meine Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.Und dass ich doch tugendhaftbin, das zeigt sich an meiner Liebe für die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich dieses Buch schreibe.Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt ihr zu danken, dassdiese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick Abschied von euch nehme—ich muss auf die Börse—lade ich euch gleich auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab ich’s ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.LAST & Co.MAKLER IN KAFFEE.Lauriergracht No. 37.Zweites Kapitel.Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird’s wohl wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben—Busselinck & Waterman, meine ich—mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter—hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen—hinterlistige Schleicher sind sie, was anderes nicht!—und nun lass dir doch sagen, was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein, Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen, liess mir Feder und Papier geben und schrieb:Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...Es ist die reine Wahrheit!... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals notwendig mache.Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen.Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...Es ist die blanke Wahrheit!... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der Ausführung der gegebenen Ordres ...Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!... dass solch ein Haus—ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht 37—nicht vorsichtig genug sein könne bei dem Engagement von Leuten.Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch schon dreizehn im September.... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu vernehmen—Saffeler reist für Stern—dassder geehrte Chef der Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass ich mit Rücksicht darauf ...Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden, dass sie’s wissen, dünkt mich.... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder Salair. Aber ich fügte noch hinzu:Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in unserm Hause—Lauriergracht No. 37—zu wohnen, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und zum Schluss:Dass bei uns demHerrngedient werde.Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«, »schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen, denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass ich zu sehr in des KrämersKaffeekehrichtvertieft war, um sogleich zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter,als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der Name nicht.«—Pardon, sagte ich—denn ich bin immer höflich—ich bin M’nheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr....—Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal ordentlich an.Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich, wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser, alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!—SindSiees, der mich von dem Griechen befreit hat?—Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht esIhnen?Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders, weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und diedas nicht thun, das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise, die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um Dinge, die ihn nichts angingen.Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss, um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf der Lateinschule—nun sagen sie »Gymnasium«—und da war Jahrmarkt ... in Amsterdam, mein’ ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, wirst du dich erinnern, dass daruntereinewar, die sich durch die schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete, das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften allerlei Parfumerien.Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl,einmal dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus unserer Klasse—denn tüchtig war er, das muss ich sagen—und spielen, balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil wir also—wir waren wohl unser zehn—in sehr weiter Entfernung von der Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, was auch in derSchriftsteht. Es ist mir wirklich angenehm, die Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand, die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male stand ich vor der Bude.Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich weiss nicht welchem Zeitwort ...—Plaît-il? sagte sie.Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:—»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheitmir einen so harten Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein »gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden um—wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen hatten sie das so sehr schön gefunden—jawohl! Niemand war dageblieben, um fürmicheine Hand ins Feuer zu stecken ...So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen—sonst sahen sie matt in die Welt—gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe, mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser Welt miteinander verknüpft sind. Wenndie Augen dieses Mädchens weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte, oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte, so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut,sowie es ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.Geradeaus gesagt—denn ich gebe was auf Wahrheit—mir war das Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich, dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab’ schon manches Haus purzeln sehen.Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn, dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich, dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war—was ein sehr schlechtes Zeichen ist—so dass ich den Ton unserer Unterhaltung etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim Kapelsteg—ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich—doch diesmal wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete, bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, wie man später jemanden nötig hat:—Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen,M’nheer ... r ... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...—Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich—denn höflich bin ich stets—und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, dass es niemand gesehen hat.Drittes Kapitel.Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig, dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird, der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss, wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Buden dort stehen.Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich werde euch den Brief lesen lassen:Werter Droogstoppel!Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die Frühjahrsversteigerung handelt?Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er ‚einigermassen‘!Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem lästig fällt, hab’ ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber denken.... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na gewiss! Wie sonst wohl?Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...Darin haben sie sehr recht.... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...Das nennt erermutigen!... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht habe ...Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter Schulkamerad ...Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss, dass dieser Shawlmann—so will ich ihn nur fortan nennen—wenn der Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritzzu handeln. »Ja, ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum Weinen gebracht.«Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran, ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:—Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es noch einmal thäte!Was denn?—Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr’s.Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache voll. Mevrouw Rosemeyer—die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen, weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben—Mevrouw Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen, was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr, so’n Mädchen weint ja bald.»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buchauchseinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37.Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen sich mit einem andern verheiratet habe—woran sie sehr recht that, finde ich—dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. DerKaffee, meine ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche vor, dadie Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaftdamit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.Viertes Kapitel.Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschenschwärmt. Marie ist dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, mein’ ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sageich!Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochenvon einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt—das geht ja noch—aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen ist«, sieh, das fand ich nicht gut—dass man davonspricht, mein’ ich—und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde—wenigstens nicht, bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen Mädchen—und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, mein’ ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht No. 37—und »Menado« ist eine gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt—denn ich halte was von der Wahrheit—auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre—was schon kommen kann, da er alt und stümperig wird—ganz gut dessen Platz würde ausfüllen können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, dennich nehme niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an Ludwig Stern ersehen.Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich gebe zu—denn ich gebe was auf Wahrheit—dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte—was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz ist—so dachte ich doch, als ich dies alles sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen an den Tag legte.Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.Über den Ursprung des Adels.Über den Unterschied in den Begriffen:Unendliche ZeitundEwigkeit.Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren Verse.)Über Protëine in der atmosphärischen Luft.Über die Politik Russlands.Über die Vokale.Über Zellengefängnisse.Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die die Beleidigung betreffen.Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,nichtzu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer Freiheit.Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel von wurzellosen Zahlen.Über die Schwere des Lichts.Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des Christentums. (Nanu?)Über die isländische Mythologie.Über den »Emile« von Rousseau.Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos, ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)Über weisse Ameisen.Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen, weil er auf Wahrheit dringt.)Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, das ich für mein Buch gebrauchen kann.)Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie gedacht hatte.)Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen, eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit und Armut ... er kann es wissen.)Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.Über die Rechenkunst bei den Römern.Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.Über epidemische Krankheiten.Über den Maurischen Baustil.Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch Zug verursacht sein sollen. (Hab’ ich nicht gesagt, dass die Liste kurios ist?)Über die deutsche Einheit.Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso lang sein wird wie an Land.)Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.Über Prosodie.Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.Über Landbauverträge auf Java.Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.Über Legitimität von Dynastien.Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.Über die neue Art des Segelreffens.Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)Über den Ehrbegriff.Über die apokryphen Bücher.Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.Über die elterliche Gewalt.Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)Über Schrauben-Wassermühlen.Über das souveräne Recht der Begnadigung.Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.Über die Opiumpacht auf Java.Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.Über die Entrichtung von Landrenten in natura.Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)Über die Auflösung des Römischen Reichs.Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.Über die skandinavische Edda.Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)Über das Essigmachen.Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)Über ministerielle Verantwortlichkeit.Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)Über das doppelte A und das griechische ETA.Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der Menschen. (Eine infame Lüge!)Über den Stil.Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von diesem Reich gehört.)Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis geschrieben ist.)1Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.Über Stimmen des Waldes.Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser« und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der Nähe von Banda zu sein.)Über Seher und Propheten.Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.Über Ebbe und Flut der Kultur.Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter sein solle. Wo kämen wir da hin!)Über Galanterie.Über den Versbau der Hebräer.Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es muss da billig leben sein.)Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei der Alfuren.Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser) abschaffen. Ich bin dagegen.)Über »das Recht« und »die Rechte«.Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh’ ich wieder nicht.)Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch auf die Seite gelegt.)Über Gefühl, Mitgefühl, ‚sensiblerie‘, Empfindelei u. s. w.Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.Über den Palmwein auf den Molukken.Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt, dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden, und ich lebe für mein Fach.)Über Genesis. (Ein infames Stück!)Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein neugebornes Kind zeichnen kann!)Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.Über die Wajangs der Chinesen.Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)Über ein europäisches Münzsystem.Über Berieselung von Gemeindefeldern.Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet, dass Jesus einen Turban trug.)Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung mit den Unterhaltsmitteln.Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.Über die Kraft des Irrtums.Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen Naturgesetzen.Über das Salzmonopol auf Java.Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er ... bbä!)Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantūns der Javanen.Über das ‚jus primi occupantis‘.Über die Armut der Malkunst.Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.Über die Waffen der schwächeren Tierarten.Über das ‚jus talionis‘. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu sprechen—es waren deren in vielerlei Sprachen—eine Anzahl von Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen und lose Gedanken—einzelne wirklich sehr lose.Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware gelegen ist. So einePosition wird denn auch von einem Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.Ein anderer Gedanke—ich sprach schon davon—der beweisen möge, wie empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der Börse lassen kann, war dieser: Bastians—das ist der dritte Schreiber, der so alt und stümperig wird—war die letzte Zeit von den dreissig Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, undwenner ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber—Last & Co., seit die Meyers raus sind—verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen—sowohl von Last & Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus—die Summe von beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns Stück über die Multiplikation.Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär’s, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M’nheer« nennen müsse, aber er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen—unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg—und ichhätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im »Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich für Sie aus’m Fenster zu schmeissen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich—ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt—zweihundertfünfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen—wenn man so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun hat—und am andern Morgen früh war ich beiGaafzuiger. So heisst der Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte.Ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.—Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft und kränklich.Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da anzufangen hatte.EinDing steht fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.Dochschreiben—ausgenommen die Korrespondenz mit den Geschäftshäusern—liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten Kräftealler Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind und dass auch die Zuckerraffinadeure—Fritz sagt: »raffineure«, aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt:raffinierterSchelm und nicht:raffinadierterSchelm, aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der Sache drückt—dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in Indigo dabei nötig sein werden.Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, und die Hauswärter, und die Gärtner.Und—merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben aufkommen—mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.Und den König auch ... ja, den König vor allem!Mein Buchmussin die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sageich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist—dies ist ein Grundsatz bei mir—aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in meinem Hause: derHolländerhatte in deutscher Sprache geschrieben, und derDeutscheübersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, die mit zweie’s geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand verträgt!Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man—wie bei vielen Deutschen—einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«—Ich fand dies nun wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach gehtallem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern solle.2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem Buch einen soliden Anstrich zu geben.5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft.«6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen vorgelesen werden sollten.8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich bin Makler.10. Dass Stern einedeutsche, einefranzösischeund eineenglischeÜbersetzung meines Buches herausgeben könne, weil—so behauptete er—solche Werke besser im Auslande verstanden würden als bei uns.11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es kommt, dass ein Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht 37—ein Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen,kamen noch fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren—denn ich denke stets an alles—und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden sind.Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M’nheer Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.—Ja, der wohnt hier, M’nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach ’n ersten Flur und dann die Treppe nach ’n zweiten Flur und dann noch ’ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag’ doch mal eben Bescheid, dass ’n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist, M’nheer?Ich sagte, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimmesingen: »Gleich kommt Vater, mein süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, oder einer Dame—ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch sehr hässlich.—Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.—Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine Frage hätte legen dürfen.Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden ist das was anderes, und ich bin zu langegeschäftlich thätig, um meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einerdrittenEtage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, dass ich M’nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umstände machen!Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu wünschen übrig liess, sonst hätte er »KommenSie« gesagt. Doch weil ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden wollte, antwortete ich:—Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl bald kommen, denkst du?—Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen Tuschkasten zu kaufen.—Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.—Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, spiel’ ’n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.—Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?—Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er »Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:—M’nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?—Wie denn, Bürschchen, was muss ich dennsonstsagen?—Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft Schüsseln und Brummkreisel.Nun bin ich Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht No. 37—wir sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle, der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau ist »Frau«, und ich sollte nun zusolchemWeib »Mevrouw« sagen? Das ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier eine Stellung erhalten sollte ...—Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zumir kommen und vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von ihm gestellte Ersuchen zu holen.Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt und unbehaglich—gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war—und ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen; denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee:Last & Co., Lauriergracht No.37.1Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, Eingebildetheit, Anmassung.
Erstes Kapitel.Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich inmeinemFach—ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37—einem Prinzipal—ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft—eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf sowas einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.Ich sage:Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durchLieb’bewogen die Vers’chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: »Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln—ich heisseBatavus—dann bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein bester Freund wäre—mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns in der Batavierstrasse wohnte—und dass mein kleiner Hund so dankbar wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.Alles Lügen! So geht’s dann weiter mit der Erziehung. Das neue Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich, dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express,um Niederland Schutz zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben hatten.Dasist die Sache.Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner Frau—sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee—niemand kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine kleine Tour nach dem Haag gemacht—sie hat da Flanell gekauft, wovon ich noch Unterjacken trage—und weiter hat uns nie die Liebe in die Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!Und solltemeineEhe nun weniger glücklich sein als die Ehe der Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen inVersengesagt hätte, dass ich sie heiraten wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem Satz Billardbällen!Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist vorbei, und die Uhr istdrei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklichder Regen vorbeiund die Uhrdreiist. Doch wenn es viertel auf vier ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es muss genaudreiUhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genauzweiUhr sein, oder der Regen darf nichtvorbeisein.Siebenundneunist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit.Einsvon beiden ist dann gelogen.Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas mehr hätte geben müssen, wenn ermich selbstherausgeholt hätte, aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sichsoan all die Unwahrheiten, dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, so’n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane.Es ist so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder, meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!Dann kommt ihr erster Liebhaber—der früher am Kopierbuch sass, nun aber steinreich—auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf derBühne, was in derWeltvon jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche Übergeschnapptheit angesehen wird. Alsichheiratete, waren wir auf dem Kontor meines Schwiegervaters—Last & Co.—unserer dreizehn, und es wurde was umgesetzt!Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum geht dann die Doppelthür imHintergrund jedesmal von selbst auf? Und weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle, bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde, wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge, wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu entblössen? Alles Lügen!Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren Makler in Kaffee—Lauriergracht 37—und habe also schon allerlei mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf, wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat—die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus—das wäre dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine Arbeitmehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es auch sein.Ichkann ihm nicht helfen—denn wir haben junges Volk nötig, weil es bei uns sehr flott geht—aberkönnteich auch, wo bliebe sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!Ichhabe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen—und das thun sie—wenn meine Frau und meine Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.Und dass ich doch tugendhaftbin, das zeigt sich an meiner Liebe für die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich dieses Buch schreibe.Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt ihr zu danken, dassdiese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick Abschied von euch nehme—ich muss auf die Börse—lade ich euch gleich auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab ich’s ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.LAST & Co.MAKLER IN KAFFEE.Lauriergracht No. 37.
Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich inmeinemFach—ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37—einem Prinzipal—ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft—eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf sowas einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.
Ich sage:Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durchLieb’bewogen die Vers’chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: »Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln—ich heisseBatavus—dann bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein bester Freund wäre—mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns in der Batavierstrasse wohnte—und dass mein kleiner Hund so dankbar wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.
Alles Lügen! So geht’s dann weiter mit der Erziehung. Das neue Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich, dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express,um Niederland Schutz zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben hatten.Dasist die Sache.
Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner Frau—sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee—niemand kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine kleine Tour nach dem Haag gemacht—sie hat da Flanell gekauft, wovon ich noch Unterjacken trage—und weiter hat uns nie die Liebe in die Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!
Und solltemeineEhe nun weniger glücklich sein als die Ehe der Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen inVersengesagt hätte, dass ich sie heiraten wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem Satz Billardbällen!
Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist vorbei, und die Uhr istdrei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklichder Regen vorbeiund die Uhrdreiist. Doch wenn es viertel auf vier ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es muss genaudreiUhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genauzweiUhr sein, oder der Regen darf nichtvorbeisein.Siebenundneunist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit.Einsvon beiden ist dann gelogen.
Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas mehr hätte geben müssen, wenn ermich selbstherausgeholt hätte, aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sichsoan all die Unwahrheiten, dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, so’n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.
Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane.Es ist so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder, meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!
Dann kommt ihr erster Liebhaber—der früher am Kopierbuch sass, nun aber steinreich—auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf derBühne, was in derWeltvon jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche Übergeschnapptheit angesehen wird. Alsichheiratete, waren wir auf dem Kontor meines Schwiegervaters—Last & Co.—unserer dreizehn, und es wurde was umgesetzt!
Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum geht dann die Doppelthür imHintergrund jedesmal von selbst auf? Und weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle, bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde, wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge, wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu entblössen? Alles Lügen!
Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren Makler in Kaffee—Lauriergracht 37—und habe also schon allerlei mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf, wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?
Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat—die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus—das wäre dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine Arbeitmehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es auch sein.Ichkann ihm nicht helfen—denn wir haben junges Volk nötig, weil es bei uns sehr flott geht—aberkönnteich auch, wo bliebe sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!
Ichhabe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen—und das thun sie—wenn meine Frau und meine Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.
Und dass ich doch tugendhaftbin, das zeigt sich an meiner Liebe für die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich dieses Buch schreibe.
Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt ihr zu danken, dassdiese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick Abschied von euch nehme—ich muss auf die Börse—lade ich euch gleich auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!
Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab ich’s ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.
LAST & Co.MAKLER IN KAFFEE.Lauriergracht No. 37.
LAST & Co.
MAKLER IN KAFFEE.
Lauriergracht No. 37.
Zweites Kapitel.Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird’s wohl wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben—Busselinck & Waterman, meine ich—mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter—hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen—hinterlistige Schleicher sind sie, was anderes nicht!—und nun lass dir doch sagen, was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein, Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen, liess mir Feder und Papier geben und schrieb:Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...Es ist die reine Wahrheit!... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals notwendig mache.Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen.Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...Es ist die blanke Wahrheit!... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der Ausführung der gegebenen Ordres ...Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!... dass solch ein Haus—ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht 37—nicht vorsichtig genug sein könne bei dem Engagement von Leuten.Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch schon dreizehn im September.... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu vernehmen—Saffeler reist für Stern—dassder geehrte Chef der Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass ich mit Rücksicht darauf ...Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden, dass sie’s wissen, dünkt mich.... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder Salair. Aber ich fügte noch hinzu:Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in unserm Hause—Lauriergracht No. 37—zu wohnen, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und zum Schluss:Dass bei uns demHerrngedient werde.Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«, »schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen, denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass ich zu sehr in des KrämersKaffeekehrichtvertieft war, um sogleich zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter,als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der Name nicht.«—Pardon, sagte ich—denn ich bin immer höflich—ich bin M’nheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr....—Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal ordentlich an.Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich, wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser, alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!—SindSiees, der mich von dem Griechen befreit hat?—Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht esIhnen?Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders, weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und diedas nicht thun, das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise, die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um Dinge, die ihn nichts angingen.Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss, um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf der Lateinschule—nun sagen sie »Gymnasium«—und da war Jahrmarkt ... in Amsterdam, mein’ ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, wirst du dich erinnern, dass daruntereinewar, die sich durch die schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete, das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften allerlei Parfumerien.Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl,einmal dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus unserer Klasse—denn tüchtig war er, das muss ich sagen—und spielen, balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil wir also—wir waren wohl unser zehn—in sehr weiter Entfernung von der Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, was auch in derSchriftsteht. Es ist mir wirklich angenehm, die Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand, die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male stand ich vor der Bude.Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich weiss nicht welchem Zeitwort ...—Plaît-il? sagte sie.Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:—»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheitmir einen so harten Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein »gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden um—wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen hatten sie das so sehr schön gefunden—jawohl! Niemand war dageblieben, um fürmicheine Hand ins Feuer zu stecken ...So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen—sonst sahen sie matt in die Welt—gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe, mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser Welt miteinander verknüpft sind. Wenndie Augen dieses Mädchens weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte, oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte, so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut,sowie es ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.Geradeaus gesagt—denn ich gebe was auf Wahrheit—mir war das Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich, dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab’ schon manches Haus purzeln sehen.Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn, dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich, dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war—was ein sehr schlechtes Zeichen ist—so dass ich den Ton unserer Unterhaltung etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim Kapelsteg—ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich—doch diesmal wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete, bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, wie man später jemanden nötig hat:—Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen,M’nheer ... r ... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...—Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich—denn höflich bin ich stets—und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, dass es niemand gesehen hat.
Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird’s wohl wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben—Busselinck & Waterman, meine ich—mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter—hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen—hinterlistige Schleicher sind sie, was anderes nicht!—und nun lass dir doch sagen, was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein, Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen, liess mir Feder und Papier geben und schrieb:
Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...
Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...
Es ist die reine Wahrheit!
... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals notwendig mache.
... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals notwendig mache.
Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen.
Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...
Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...
Es ist die blanke Wahrheit!
... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der Ausführung der gegebenen Ordres ...
... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der Ausführung der gegebenen Ordres ...
Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!
... dass solch ein Haus—ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht 37—nicht vorsichtig genug sein könne bei dem Engagement von Leuten.
... dass solch ein Haus—ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht 37—nicht vorsichtig genug sein könne bei dem Engagement von Leuten.
Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch schon dreizehn im September.
... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu vernehmen—Saffeler reist für Stern—dassder geehrte Chef der Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass ich mit Rücksicht darauf ...
... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu vernehmen—Saffeler reist für Stern—dassder geehrte Chef der Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass ich mit Rücksicht darauf ...
Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden, dass sie’s wissen, dünkt mich.
... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...
... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...
Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder Salair. Aber ich fügte noch hinzu:
Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in unserm Hause—Lauriergracht No. 37—zu wohnen, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.
Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in unserm Hause—Lauriergracht No. 37—zu wohnen, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.
Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und zum Schluss:
Dass bei uns demHerrngedient werde.
Dass bei uns demHerrngedient werde.
Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.
Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«, »schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen, denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass ich zu sehr in des KrämersKaffeekehrichtvertieft war, um sogleich zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter,als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der Name nicht.«
—Pardon, sagte ich—denn ich bin immer höflich—ich bin M’nheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr....
—Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal ordentlich an.
Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich, wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser, alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!
—SindSiees, der mich von dem Griechen befreit hat?
—Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht esIhnen?
Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders, weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und diedas nicht thun, das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.
Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise, die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um Dinge, die ihn nichts angingen.
Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss, um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf der Lateinschule—nun sagen sie »Gymnasium«—und da war Jahrmarkt ... in Amsterdam, mein’ ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, wirst du dich erinnern, dass daruntereinewar, die sich durch die schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete, das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften allerlei Parfumerien.
Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.
Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl,einmal dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus unserer Klasse—denn tüchtig war er, das muss ich sagen—und spielen, balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil wir also—wir waren wohl unser zehn—in sehr weiter Entfernung von der Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, was auch in derSchriftsteht. Es ist mir wirklich angenehm, die Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand, die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male stand ich vor der Bude.
Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich weiss nicht welchem Zeitwort ...
—Plaît-il? sagte sie.
Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:
—»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.
Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheitmir einen so harten Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein »gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden um—wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen hatten sie das so sehr schön gefunden—jawohl! Niemand war dageblieben, um fürmicheine Hand ins Feuer zu stecken ...
So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen—sonst sahen sie matt in die Welt—gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe, mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.
Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.
Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser Welt miteinander verknüpft sind. Wenndie Augen dieses Mädchens weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte, oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte, so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut,sowie es ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.
Geradeaus gesagt—denn ich gebe was auf Wahrheit—mir war das Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich, dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab’ schon manches Haus purzeln sehen.
Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn, dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich, dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war—was ein sehr schlechtes Zeichen ist—so dass ich den Ton unserer Unterhaltung etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim Kapelsteg—ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich—doch diesmal wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete, bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, wie man später jemanden nötig hat:
—Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen,M’nheer ... r ... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.
Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...
—Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.
Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...
Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich—denn höflich bin ich stets—und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, dass es niemand gesehen hat.
Drittes Kapitel.Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig, dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird, der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss, wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Buden dort stehen.Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich werde euch den Brief lesen lassen:Werter Droogstoppel!Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die Frühjahrsversteigerung handelt?Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er ‚einigermassen‘!Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem lästig fällt, hab’ ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber denken.... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na gewiss! Wie sonst wohl?Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...Darin haben sie sehr recht.... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...Das nennt erermutigen!... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht habe ...Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter Schulkamerad ...Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss, dass dieser Shawlmann—so will ich ihn nur fortan nennen—wenn der Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritzzu handeln. »Ja, ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum Weinen gebracht.«Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran, ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:—Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es noch einmal thäte!Was denn?—Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr’s.Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache voll. Mevrouw Rosemeyer—die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen, weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben—Mevrouw Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen, was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr, so’n Mädchen weint ja bald.»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buchauchseinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37.Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen sich mit einem andern verheiratet habe—woran sie sehr recht that, finde ich—dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. DerKaffee, meine ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche vor, dadie Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaftdamit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.
Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig, dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird, der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss, wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Buden dort stehen.
Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich werde euch den Brief lesen lassen:
Werter Droogstoppel!
Werter Droogstoppel!
Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.
Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...
Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...
Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.
... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.
... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.
Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die Frühjahrsversteigerung handelt?
Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.
Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.
Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er ‚einigermassen‘!
Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.
Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.
Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem lästig fällt, hab’ ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:
Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...
Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...
Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber denken.
... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.
... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.
Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na gewiss! Wie sonst wohl?
Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...
Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...
Darin haben sie sehr recht.
... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...
... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...
Das nennt erermutigen!
... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht habe ...
... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht habe ...
Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.
... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter Schulkamerad ...
... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.
In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter Schulkamerad ...
Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.
Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss, dass dieser Shawlmann—so will ich ihn nur fortan nennen—wenn der Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.
Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.
Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritzzu handeln. »Ja, ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum Weinen gebracht.«
Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran, ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:
—Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es noch einmal thäte!
Was denn?—Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr’s.
Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache voll. Mevrouw Rosemeyer—die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen, weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben—Mevrouw Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen, was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr, so’n Mädchen weint ja bald.
»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buchauchseinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37.
Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen sich mit einem andern verheiratet habe—woran sie sehr recht that, finde ich—dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. DerKaffee, meine ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche vor, dadie Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaftdamit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.
Viertes Kapitel.Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschenschwärmt. Marie ist dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, mein’ ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sageich!Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochenvon einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt—das geht ja noch—aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen ist«, sieh, das fand ich nicht gut—dass man davonspricht, mein’ ich—und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde—wenigstens nicht, bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen Mädchen—und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, mein’ ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht No. 37—und »Menado« ist eine gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt—denn ich halte was von der Wahrheit—auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre—was schon kommen kann, da er alt und stümperig wird—ganz gut dessen Platz würde ausfüllen können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, dennich nehme niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an Ludwig Stern ersehen.Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich gebe zu—denn ich gebe was auf Wahrheit—dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte—was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz ist—so dachte ich doch, als ich dies alles sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen an den Tag legte.Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.Über den Ursprung des Adels.Über den Unterschied in den Begriffen:Unendliche ZeitundEwigkeit.Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren Verse.)Über Protëine in der atmosphärischen Luft.Über die Politik Russlands.Über die Vokale.Über Zellengefängnisse.Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die die Beleidigung betreffen.Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,nichtzu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer Freiheit.Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel von wurzellosen Zahlen.Über die Schwere des Lichts.Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des Christentums. (Nanu?)Über die isländische Mythologie.Über den »Emile« von Rousseau.Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos, ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)Über weisse Ameisen.Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen, weil er auf Wahrheit dringt.)Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, das ich für mein Buch gebrauchen kann.)Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie gedacht hatte.)Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen, eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit und Armut ... er kann es wissen.)Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.Über die Rechenkunst bei den Römern.Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.Über epidemische Krankheiten.Über den Maurischen Baustil.Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch Zug verursacht sein sollen. (Hab’ ich nicht gesagt, dass die Liste kurios ist?)Über die deutsche Einheit.Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso lang sein wird wie an Land.)Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.Über Prosodie.Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.Über Landbauverträge auf Java.Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.Über Legitimität von Dynastien.Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.Über die neue Art des Segelreffens.Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)Über den Ehrbegriff.Über die apokryphen Bücher.Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.Über die elterliche Gewalt.Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)Über Schrauben-Wassermühlen.Über das souveräne Recht der Begnadigung.Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.Über die Opiumpacht auf Java.Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.Über die Entrichtung von Landrenten in natura.Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)Über die Auflösung des Römischen Reichs.Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.Über die skandinavische Edda.Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)Über das Essigmachen.Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)Über ministerielle Verantwortlichkeit.Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)Über das doppelte A und das griechische ETA.Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der Menschen. (Eine infame Lüge!)Über den Stil.Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von diesem Reich gehört.)Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis geschrieben ist.)1Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.Über Stimmen des Waldes.Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser« und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der Nähe von Banda zu sein.)Über Seher und Propheten.Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.Über Ebbe und Flut der Kultur.Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter sein solle. Wo kämen wir da hin!)Über Galanterie.Über den Versbau der Hebräer.Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es muss da billig leben sein.)Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei der Alfuren.Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser) abschaffen. Ich bin dagegen.)Über »das Recht« und »die Rechte«.Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh’ ich wieder nicht.)Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch auf die Seite gelegt.)Über Gefühl, Mitgefühl, ‚sensiblerie‘, Empfindelei u. s. w.Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.Über den Palmwein auf den Molukken.Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt, dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden, und ich lebe für mein Fach.)Über Genesis. (Ein infames Stück!)Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein neugebornes Kind zeichnen kann!)Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.Über die Wajangs der Chinesen.Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)Über ein europäisches Münzsystem.Über Berieselung von Gemeindefeldern.Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet, dass Jesus einen Turban trug.)Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung mit den Unterhaltsmitteln.Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.Über die Kraft des Irrtums.Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen Naturgesetzen.Über das Salzmonopol auf Java.Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er ... bbä!)Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantūns der Javanen.Über das ‚jus primi occupantis‘.Über die Armut der Malkunst.Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.Über die Waffen der schwächeren Tierarten.Über das ‚jus talionis‘. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu sprechen—es waren deren in vielerlei Sprachen—eine Anzahl von Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen und lose Gedanken—einzelne wirklich sehr lose.Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware gelegen ist. So einePosition wird denn auch von einem Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.Ein anderer Gedanke—ich sprach schon davon—der beweisen möge, wie empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der Börse lassen kann, war dieser: Bastians—das ist der dritte Schreiber, der so alt und stümperig wird—war die letzte Zeit von den dreissig Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, undwenner ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber—Last & Co., seit die Meyers raus sind—verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen—sowohl von Last & Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus—die Summe von beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns Stück über die Multiplikation.Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär’s, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M’nheer« nennen müsse, aber er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen—unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg—und ichhätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im »Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich für Sie aus’m Fenster zu schmeissen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich—ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt—zweihundertfünfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen—wenn man so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun hat—und am andern Morgen früh war ich beiGaafzuiger. So heisst der Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte.Ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.—Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft und kränklich.Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da anzufangen hatte.EinDing steht fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.Dochschreiben—ausgenommen die Korrespondenz mit den Geschäftshäusern—liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten Kräftealler Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind und dass auch die Zuckerraffinadeure—Fritz sagt: »raffineure«, aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt:raffinierterSchelm und nicht:raffinadierterSchelm, aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der Sache drückt—dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in Indigo dabei nötig sein werden.Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, und die Hauswärter, und die Gärtner.Und—merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben aufkommen—mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.Und den König auch ... ja, den König vor allem!Mein Buchmussin die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sageich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist—dies ist ein Grundsatz bei mir—aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in meinem Hause: derHolländerhatte in deutscher Sprache geschrieben, und derDeutscheübersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, die mit zweie’s geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand verträgt!Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man—wie bei vielen Deutschen—einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«—Ich fand dies nun wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach gehtallem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern solle.2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem Buch einen soliden Anstrich zu geben.5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft.«6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen vorgelesen werden sollten.8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich bin Makler.10. Dass Stern einedeutsche, einefranzösischeund eineenglischeÜbersetzung meines Buches herausgeben könne, weil—so behauptete er—solche Werke besser im Auslande verstanden würden als bei uns.11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es kommt, dass ein Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht 37—ein Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen,kamen noch fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren—denn ich denke stets an alles—und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden sind.Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M’nheer Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.—Ja, der wohnt hier, M’nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach ’n ersten Flur und dann die Treppe nach ’n zweiten Flur und dann noch ’ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag’ doch mal eben Bescheid, dass ’n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist, M’nheer?Ich sagte, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimmesingen: »Gleich kommt Vater, mein süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, oder einer Dame—ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch sehr hässlich.—Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.—Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine Frage hätte legen dürfen.Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden ist das was anderes, und ich bin zu langegeschäftlich thätig, um meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einerdrittenEtage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, dass ich M’nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umstände machen!Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu wünschen übrig liess, sonst hätte er »KommenSie« gesagt. Doch weil ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden wollte, antwortete ich:—Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl bald kommen, denkst du?—Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen Tuschkasten zu kaufen.—Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.—Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, spiel’ ’n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.—Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?—Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er »Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:—M’nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?—Wie denn, Bürschchen, was muss ich dennsonstsagen?—Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft Schüsseln und Brummkreisel.Nun bin ich Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht No. 37—wir sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle, der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau ist »Frau«, und ich sollte nun zusolchemWeib »Mevrouw« sagen? Das ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier eine Stellung erhalten sollte ...—Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zumir kommen und vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von ihm gestellte Ersuchen zu holen.Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt und unbehaglich—gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war—und ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen; denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee:Last & Co., Lauriergracht No.37.1Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, Eingebildetheit, Anmassung.
Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschenschwärmt. Marie ist dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, mein’ ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sageich!
Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochenvon einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt—das geht ja noch—aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen ist«, sieh, das fand ich nicht gut—dass man davonspricht, mein’ ich—und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde—wenigstens nicht, bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen Mädchen—und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, mein’ ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.
Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht No. 37—und »Menado« ist eine gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt—denn ich halte was von der Wahrheit—auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre—was schon kommen kann, da er alt und stümperig wird—ganz gut dessen Platz würde ausfüllen können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, dennich nehme niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an Ludwig Stern ersehen.
Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich gebe zu—denn ich gebe was auf Wahrheit—dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte—was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz ist—so dachte ich doch, als ich dies alles sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«
Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen an den Tag legte.
Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:
Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.
Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.
Über den Ursprung des Adels.
Über den Unterschied in den Begriffen:Unendliche ZeitundEwigkeit.
Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren Verse.)
Über Protëine in der atmosphärischen Luft.
Über die Politik Russlands.
Über die Vokale.
Über Zellengefängnisse.
Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.
Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die die Beleidigung betreffen.
Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,nichtzu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer Freiheit.
Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel von wurzellosen Zahlen.
Über die Schwere des Lichts.
Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des Christentums. (Nanu?)
Über die isländische Mythologie.
Über den »Emile« von Rousseau.
Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.
Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.
Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos, ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)
Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)
Über weisse Ameisen.
Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.
Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)
Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.
Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.
Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.
Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen, weil er auf Wahrheit dringt.)
Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, das ich für mein Buch gebrauchen kann.)
Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.
Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)
Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie gedacht hatte.)
Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen, eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit und Armut ... er kann es wissen.)
Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)
Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.
Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.
Über die Rechenkunst bei den Römern.
Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.
Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.
Über epidemische Krankheiten.
Über den Maurischen Baustil.
Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch Zug verursacht sein sollen. (Hab’ ich nicht gesagt, dass die Liste kurios ist?)
Über die deutsche Einheit.
Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso lang sein wird wie an Land.)
Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.
Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.
Über Prosodie.
Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.
Über Landbauverträge auf Java.
Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.
Über Legitimität von Dynastien.
Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.
Über die neue Art des Segelreffens.
Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)
Über den Ehrbegriff.
Über die apokryphen Bücher.
Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.
Über die elterliche Gewalt.
Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.
Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)
Über Schrauben-Wassermühlen.
Über das souveräne Recht der Begnadigung.
Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.
Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.
Über die Opiumpacht auf Java.
Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.
Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.
Über die Entrichtung von Landrenten in natura.
Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)
Über die Auflösung des Römischen Reichs.
Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.
Über die skandinavische Edda.
Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)
Über das Essigmachen.
Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.
Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.
Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)
Über ministerielle Verantwortlichkeit.
Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.
Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)
Über das doppelte A und das griechische ETA.
Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der Menschen. (Eine infame Lüge!)
Über den Stil.
Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von diesem Reich gehört.)
Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.
Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis geschrieben ist.)1
Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.
Über Stimmen des Waldes.
Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser« und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)
Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der Nähe von Banda zu sein.)
Über Seher und Propheten.
Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.
Über Ebbe und Flut der Kultur.
Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.
Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)
Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.
Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.
Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)
Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter sein solle. Wo kämen wir da hin!)
Über Galanterie.
Über den Versbau der Hebräer.
Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.
Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es muss da billig leben sein.)
Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei der Alfuren.
Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser) abschaffen. Ich bin dagegen.)
Über »das Recht« und »die Rechte«.
Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh’ ich wieder nicht.)
Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.
Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.
Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)
Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)
Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch auf die Seite gelegt.)
Über Gefühl, Mitgefühl, ‚sensiblerie‘, Empfindelei u. s. w.
Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.
Über den Palmwein auf den Molukken.
Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt, dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden, und ich lebe für mein Fach.)
Über Genesis. (Ein infames Stück!)
Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.
Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein neugebornes Kind zeichnen kann!)
Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)
Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.
Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.
Über die Wajangs der Chinesen.
Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)
Über ein europäisches Münzsystem.
Über Berieselung von Gemeindefeldern.
Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.
Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)
Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet, dass Jesus einen Turban trug.)
Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung mit den Unterhaltsmitteln.
Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.
Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.
Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.
Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)
Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.
Über die Kraft des Irrtums.
Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen Naturgesetzen.
Über das Salzmonopol auf Java.
Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er ... bbä!)
Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantūns der Javanen.
Über das ‚jus primi occupantis‘.
Über die Armut der Malkunst.
Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)
Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.
Über die Waffen der schwächeren Tierarten.
Über das ‚jus talionis‘. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)
Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu sprechen—es waren deren in vielerlei Sprachen—eine Anzahl von Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen und lose Gedanken—einzelne wirklich sehr lose.
Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.
Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware gelegen ist. So einePosition wird denn auch von einem Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.
Ein anderer Gedanke—ich sprach schon davon—der beweisen möge, wie empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der Börse lassen kann, war dieser: Bastians—das ist der dritte Schreiber, der so alt und stümperig wird—war die letzte Zeit von den dreissig Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, undwenner ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber—Last & Co., seit die Meyers raus sind—verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen—sowohl von Last & Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus—die Summe von beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns Stück über die Multiplikation.
Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär’s, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M’nheer« nennen müsse, aber er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen—unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg—und ichhätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.
Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im »Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich für Sie aus’m Fenster zu schmeissen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich—ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt—zweihundertfünfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen—wenn man so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun hat—und am andern Morgen früh war ich beiGaafzuiger. So heisst der Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte.Ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.
—Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft und kränklich.
Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.
Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da anzufangen hatte.EinDing steht fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.
Dochschreiben—ausgenommen die Korrespondenz mit den Geschäftshäusern—liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten Kräftealler Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind und dass auch die Zuckerraffinadeure—Fritz sagt: »raffineure«, aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt:raffinierterSchelm und nicht:raffinadierterSchelm, aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der Sache drückt—dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in Indigo dabei nötig sein werden.
Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, und die Hauswärter, und die Gärtner.
Und—merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben aufkommen—mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.
Und den König auch ... ja, den König vor allem!
Mein Buchmussin die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sageich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.
So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist—dies ist ein Grundsatz bei mir—aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in meinem Hause: derHolländerhatte in deutscher Sprache geschrieben, und derDeutscheübersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, die mit zweie’s geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand verträgt!
Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man—wie bei vielen Deutschen—einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«—Ich fand dies nun wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach gehtallem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:
Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es kommt, dass ein Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht 37—ein Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.
Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen,kamen noch fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren—denn ich denke stets an alles—und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden sind.
Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M’nheer Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.
—Ja, der wohnt hier, M’nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach ’n ersten Flur und dann die Treppe nach ’n zweiten Flur und dann noch ’ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag’ doch mal eben Bescheid, dass ’n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist, M’nheer?
Ich sagte, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimmesingen: »Gleich kommt Vater, mein süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, oder einer Dame—ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.
Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch sehr hässlich.
—Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.
—Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine Frage hätte legen dürfen.
Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden ist das was anderes, und ich bin zu langegeschäftlich thätig, um meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einerdrittenEtage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, dass ich M’nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umstände machen!
Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu wünschen übrig liess, sonst hätte er »KommenSie« gesagt. Doch weil ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden wollte, antwortete ich:
—Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl bald kommen, denkst du?
—Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen Tuschkasten zu kaufen.
—Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.
—Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.
Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, spiel’ ’n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.
—Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?
—Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.
Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er »Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:
—M’nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?
—Wie denn, Bürschchen, was muss ich dennsonstsagen?
—Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft Schüsseln und Brummkreisel.
Nun bin ich Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht No. 37—wir sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle, der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau ist »Frau«, und ich sollte nun zusolchemWeib »Mevrouw« sagen? Das ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.
Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier eine Stellung erhalten sollte ...
—Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.
Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.
Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zumir kommen und vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von ihm gestellte Ersuchen zu holen.
Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt und unbehaglich—gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war—und ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen; denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.
Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.
Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee:Last & Co., Lauriergracht No.37.
1Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, Eingebildetheit, Anmassung.
1Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, Eingebildetheit, Anmassung.