Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte, würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches—du lieber Himmel, die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!—ist niemals aus einem Fenster gesprungen.Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung« Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er habe einen amsterdamschen Accent—was ein Amsterdamer niemals zugeben wird—vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denndasvergiebt er dirnicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just dasEssentiellenicht gelesen.Sowürde ich—denn ich bin Mann und Autor—jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem Leserleichtsinn überschlagen.Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was »dran«? Und du sagst zum Beispiel—horribile auditu für mich—mit dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:—Hm ... so ... ich weiss noch nicht.Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und, ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein, dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts und niemanden umarmt ...Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen, und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig, ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne!Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und du sagst—eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande—gähnend:—So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreibensovielim Augenblick!Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger,Europäer, Leser, dass du da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern aufmeinemGeiste wie auf einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele,meineSeele, die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es warmeinHerz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt, und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!«Der Leser begreift, dass ich hier nicht vonmeinemBuch rede.»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu reden ...—Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war, denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht Nr. 37—und dass ich für mein Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft, und er gab uns ... ja, der Himmel weiss,was!Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten, und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich auf Luise.IhreZustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...« u. s. w.—Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber, siehe sie nicht.—Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen, denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug, dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin, nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen handeln muss—ganz Niederland wartet darauf—und da geht mir nun der Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von der Einleitung ab«—ist das alles noch Einleitung?—»ich verspreche Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und Milch in Ihre Tasse thun?«Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige Pfuscher sind.Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen von Sterns Geschreibsel—hast du’s wirklich gelesen?—deinen Zorn nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt—denn ich frage dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man ‚Menschenfresser‘ geschimpft wird?—so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma meines Buches drängen, nun die Sacheneinmal so weit gediehen sind, dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt—die Jungens scheinen ihr aufzulauern—fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt, so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, einem honetten Manne und Makler in Kaffee.Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen—und aus Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei—dass in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten, wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen, dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen Boden verändert—der Javane hat doch nichts anderes zu thun—oder, wenn man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht nach anderen Gebieten schickt, wo der Bodenwohlgut ist für Kaffee.Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vorallem seit ich die Predigt von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der Heiden hörte.Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt—es kommt alles von dem verwünschten Paket!—so habe ich ihn einmal gut unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben, Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance« geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.—So geht es, wenn man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt—das ist die Wahrheit!—Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass allesBöse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so’n Schauspieler. Gieb doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank, als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon denken? Die Kirche istSeinHeiligtum, weisst du wohl? Und laure nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim Essen aus derSchriftlese. Das passt sich nicht in einem achtbaren Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er wieder mal nicht da war—weil er manchmal die Gicht hat—das hält die Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort, dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hatauchallerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter Florseide. Frage ihn—weisst du, so nebenbei!—ob er glaubt, dass sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten schuldig—so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,—und ... all das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es, und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen, dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine Vermahnungen,Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!«So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner Rede gewählt hatte:die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: I. Sam. XV, Vers 23 b.Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft—denn ich kenne Wawelaar und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt—nein, durch die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine Heiden sind, dochichnenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat, einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten, und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun.Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt mitteilen, die ganz besonders treffend waren.Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen,worauf es hier eigentlich ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte:»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel—er meinte das Ausrotten der Bewohner von Kanaan—undsoist der Beruf von Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes—und des zu Recht verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit, da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche sind da, die einen andern Gott, was sage ich, dieGötteranbeten, Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nachihremBilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja, Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter ihnen, diekeinenGott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen, dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte, meine Geliebten—wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt werden mag!—da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei, Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen, was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu können zum Schlafe! Schaudert euch nichtbei diesem Bilde? Krampft euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr nicht—ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein Gott der gerechten Rache—ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und Zähneklappern! Da,dabrennen sie und vergehen nicht, dennewigist die Strafe!Daleckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht, der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten, auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«Da fiel eine Frau in Ohnmacht.»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er selig werdemitder Gnade,inChristo,durchden Glauben! Und darum ist Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten ist!Dazuhat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande, klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes, Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlichdessen auf uns ruhen, wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.«Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt:1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die Missionsvereinigung.2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck, diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen des kolonialen Werbedepôts.4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen, geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen und vorgesungen zu werden.5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen:a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen, von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen im wahren Glauben.b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für das Reich Gottes.c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden.d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts, und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen,wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt.e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht werde.6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die Missionsgenossenschaften.Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1 genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes, dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend empfänglich zu machen für die Seligkeit.Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit—der Mann hat niemals einen Fuss in die Börse gesetzt—aber durch die Gnade des Evangeliums, die ihm vorleuchtet und eine Lampeist auf seinem Pfad, mir, Makler in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen wird, wenn Fritz gut aufpasst—er hat leidlich still gesessen in der Kirche—vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja, Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen, das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig.Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist—ich selbst habe zwanzig Jahre die Börse besucht!—dürfen wir dann dem Javanen Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist, um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft, die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen sind so!Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen,ich, der ich selbst vom Morgen bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch—das Stern mir so sauer macht—ein Beweis, wie gut ich es meine mit der Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und wenn ich so schwer arbeiten muss,ich, der ich getauft bin—in der Amstelkirche—sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können, dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?Wenn die Vereinigung—von Nr. 5e meine ich—zu stande kommt, schliesse ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind, obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren Gesinnungen—die Rosemeyers meine ich—denn sie halten ein katholisches Mädchen.Wie es auch sei,ichwerde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. InmeinemHause wird dem Herrn gedient, dafür werdeichsorgen. Und dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.Zehntes Kapitel.Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone, so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass mein Name—die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel: Batavus Droogstoppel—sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen—denn er ist Lutheraner—aber ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« und fragte, was er darunter verstände.—Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen, was ich sage.—Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt, dass Sie immer die Wahrheit sagen?—Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir erglüht ...Der Leser weiss den Rest.—Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als ob ich es glaubte.Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte mit der Absicht, den jungen Herrn—ohne Gefahr zu laufen, den alten Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen—doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt—macht sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte—und einem Makler, der zwanzig Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er allerhand Versekram aus dem Kopf wusste—er sagt: »auswendig«—und da Verse stets Lügen enthalten, war ich mirgewiss, dass ich ihn sehr schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissenHeine. Am andern Morgen gab ich ihm—Stern, meine ich—die folgendenBetrachtungenbezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.Auf Flügeln des Gesanges,Herzliebchen, trag’ ich dich fort ...»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber hätten Sie auch Flügel, dürfenSie dann wohl einem Mädchen, das noch nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!Fort nach den Fluren des Ganges,Dort weiss ich den schönsten Ort.Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das sind alles Lügen, die Sie nurdarumerzählen, weil Sie sich bei all dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile vielleicht aufSenf,ZuckerteigoderLeberthrangeendigt hätte, so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nachGenf,BraunschweigoderTeheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär’s, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:Dort liegt ein rotblühender GartenIm stillen Mondenschein;Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.Die Veilchen kichern und kosen,Und schaun nach den Sternen empor;Heimlich erzählen die RosenSich duftende Märchen ins Ohr.Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung, ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie Busselinck & Waterman, mit denenkein anständiges Handelshaus etwas zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben, wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste, um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen, sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in dem roten Garten—warum rot und nicht gelb oder lila?—um zu horchen auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen, die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe, dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben, faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na, noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen ausgeht ... da haben Sie’s!Es hüpfen herbei und lauschenDie frommen, klugen Gazell’n;Und in der Ferne rauschenDes heiligen Stromes Well’n.Dort wollen wir niedersinkenUnter dem Palmenbaum,Und Lieb’ und Ruhe trinkenUnd träumen seligen Traum.Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten—Sie haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?—sagen Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Gangessein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind, wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten—sie machen wenigstens solche dummen Verse nicht—aber: fromm? Was heisst das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck, der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, Christentum und Anstand?Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage, schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun, weilichSie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, und dass ich so gut für Siesorge, und dass die Tochter von Busselinck & Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen durch günstigere Bedingungen.Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie, dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun, nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient—seine Firma meine ich, nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.—früher hiess sie Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.Ich bin Ihr väterlicher FreundBatavus Droogstoppel.(Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,Lauriergracht No. 37.)Elftes Kapitel.»Es war man, dass ich sagen wollte«—um mit Abraham Blankaart zu reden—dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.—Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz, alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch ... es steht was darüber im ‚Liebig‘ ...—Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen, das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff dies wohl:siebegriff ihn stets!—Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von Liebig lesen. Verbrugge, habenSieviel von Liebig gelesen?—Wer ist das? fragte Verbrugge.—Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie verstehen doch?—Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.—Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf auf die Weide ... und Sie werden sehen! Docherhat die Art und Weise erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe, Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith, Shakespeare, Byron ...Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.—Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben Sie Miss Mata-api gekannt?—Nein, ich kenne den Namen nicht.—Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api—d. h.: »Jungfer Feuerauge«—weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ...damüssen Sie mal hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren, desUnstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir, gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...Duclari, Verbrugge und—ich muss es zugeben—auch Tine konnten ein lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:—Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen, am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall« und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung für das Schönheitsgefühl—ungemischte wenigstens niemals! Und ohne Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken, aber es wird gewöhnlich verdorben durchFührer—von Papier, von Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!—Führer, die euch den Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt, dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder als Geschäftsreisender ... ach, istdaseine Rasse!—Die Vandalen?—Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen beantwortet, weil es keineBewegungzeigt. Dies gilt, glaube ich, auch für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum, Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht miteinemBlick auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach derBewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich, dass eine schöne Frau—wenn es keine äusserlichePorträtschönheit ist, die ohne Bewegung ist—dem Ideal des Göttlichen am nächsten kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und dem Publikum zugrinst.—Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das istabsoluthässlich.—Das finde ich auch. Abersiegiebt es doch als schön und als Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O, schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich—wie mehr oder minder wir alle—ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlussposeabsoluthässlich sei—ich sag’s ja auch!—doch woher kommt dies? Weil dieBewegungaufhielt und damit dieGeschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben Sie mir: Stillstand ist der Tod!—Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!—Ja, aber ... ohneGeschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... undsehen Sie zu, wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.—Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle, aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.—O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen, meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der 18. Februar ...—O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...—Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...—Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.—Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?—Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte Verbrugge belehrend.—Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nunmusstenSie fallen, und wären auch dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem Boden gestanden.—Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Siesich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!—I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ...da, zwischen diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren—auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu gewähren wie einem Kanarienvogel—lange nachher, ja, bis heute noch träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?—Ich will’s schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer geguckt habe.—Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die Kommissmütze neuen Modells, und alsoalles, um nicht ein Gemälde in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommenso, wie er wirklich gestanden haben muss, ja, ich willsoweit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren!Soweit, Sie rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung des Gemäldes betrifft ...—Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, als wie ichdasselbein Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?—Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl—mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil—Sie setzen sich vor dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen—wir »geniessen« nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem—und, was meinen Sie, welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?—Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung—genau so wie damals, als ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.—Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.—Mitgefühl für den Henker?—Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es schliesslich—angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der Sache zu befassen—nichts anderessein als: »Schlag’ doch in Gottes Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon derersteEindruck: »Ist die Geschichtenochnicht vorbei? Steht er und liegt sie danoch?«—Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.—O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichteausin ihren Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen ... da brennt die Stadt ...—Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz verloren hast, neckte Tine.—Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib gesehen, dassoodersoschön war, nein: alle waren sie schön, und es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius—von wem erzählt man doch diese Fabel?—der dem ganzen menschlichen Geschlecht nureinHaupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles ...—NureinHaupt hätten alle miteinander?—Ja ...—Um es abzuschlagen?—O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen, aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, und davon zu träumen, und um ...gut zu sein!Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht und fuhr fort:—Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte, nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke... ein Strahl—nein, das wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich, ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.—Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.—Kannichdafür?Ichhätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so ein Mädchen sich profanieren?—Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?—Nein, siedurftekeinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!—Ja, aber ...Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen ... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!—Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit verhaltenem Lachen.Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und wasauchsonderbar klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und vonihrerheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles, hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt, und er las—mit der Schnelligkeit, mit der er lesenkonnte, wenn er nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste—auf den Gesichtern seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesenaufstellten:1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist verrückt.2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der Kartoffel nähert.Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die zweite!—O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen—das will ich Ihnen erklären. Tine ist ...—Bester Max! sagte sie flehend.Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:—Gut, Kind!—Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf stoffliche Unvollkommenheit?Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.—Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dasssieauf diese Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich, ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.—Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?—Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war ’42. Ich war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?—Ja.—Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr davonverstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...—Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?—O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer Mord, dass man einen Geist wie den meinen ineinePrauw setzte mit diesem dummen Datu und seinem Kind.Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja, ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das lasse ich nun auf sich beruhen.Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte—mit etwas weniger Spinneweben im Schädel,meine ich—würde ich wahrscheinlich sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé, und das ist manchmal eine recht interessante Sache.Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei rote, eine schwarze: es war schön!Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie:Kleines Fräulein... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?—Was für ein Ding? Die Sonne?—Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören Sie einmal an:Du fragst, warum der Ocean,Der Natals Strand bespült,An andern Küsten lieb und hold,So ungestüm hier braust und grolltUnd ewig kocht und wühlt?Du fragst—und kaum erhört im KahnDer Fischerknabe dich,So blitzt sein dunkler AugensternHinüber unermesslich fern,Und westwärts weist er dich.Und westwärts bohrt er seinen BlickIns Unermessene hinein,Und zeigt dir, bis ans Firmament,Nur Wasser, Wasser ohne End’Und See und See allein!Und darum peitscht der OceanSo wild den Ufersand:Nur See erblickst du weit umherUnd Wasser, Wasser immermehr,Bis Madagaskars Strand!Und manches Opfer heischte schonDer Ocean empört,Und manchen Schrei, erstickt im Meer,Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,Nur Gott hat ihn erhört!Und manche Hand, in letzter Angst,Erhob sich aus dem Grab,Und fühlt’ und griff und sucht’ ohn’ End’,Und suchte, dass sie Stütze fänd’,Und sank zuletzt hinab.Und ...Und ... und ...ich weiss den Rest nicht mehr.—Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.—Wie kommtderdaran? fragte Max.—Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?—Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte Legendewerdenwird,wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele, Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche, nichtsnutzige Eva ...—Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen Korallen? fragte Tine.—Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter demÄquator—Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin ... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!—da unter dem Äquator war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der Mensch des Abends immer etwas besser ist—oder richtiger: weniger nichtsnutzig—als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens »nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder ... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein Kontrolleur—ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!—ein Kontrolleur reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen, wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will, und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen seiner Ehrlichkeit—Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!—dann steht er da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hatman eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden: sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe, um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten liess mit einem gekrönten E1in der Ecke ...—Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.—Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends »gemütlicher« ist.Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:»Es wird nun kühler werden.«»Ja, Tuwan!« antwortete sie.Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser, als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte ... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein eingebildeter Kerl sein.»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?« fragte ich.»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«»Nein, ich fragedich, ob du so eine Reise angenehm findest!«»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl, ich wurde nicht toll. Die Sonne warhinunter, und ich war gemütlich genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen daran fand, meine Stimme zu hören—es giebt wenige unter uns, die nicht gern sich selbst zuhörten—allein nach meiner Stummheit den ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war, etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten von Si Upi Keteh.Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden nacheinerRichtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmūsson ist dort im Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede—und zu Recht!—in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten—es sei denn, dass force majeure im Spiele war—Rahschiffe in die Reede einlaufen zu lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam—es waren meist amerikanische Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras—liess ich mir stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken, oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich, so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne einigermassen genas—denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit—brachte mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, um—indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen für das Kind—verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind schenkte mir Gesundheit—für einige Tage wenigstens—mehr jedenfalls als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine Arbeit war sehr schwer, und erarbeitete viel, doch sein Lohn war gering, und zufrieden war er nicht.Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von roter Seide.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwarreich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu war von roter Seide.Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong über das Haupt des Königs.Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwarKönig. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt man den goldenen Pajong.Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich, sodass der Graswuchs verdorrte.Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwardie Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und überall umher.Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht der Fürsten, die auf Erden waren.Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen der Sonne prallten von ihr zurück.Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war er nicht.Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwurdeeine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte, ich wäre dieser Fels.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwurdeFels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und nicht, so es regnete.Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre dieser Mann.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er war zufrieden ...—Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.—Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine Erzählung zu Ende war, fragte ich:»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach dem Himmel.«—Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht ganz verrückt fanden ...Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.1Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.

Neuntes Kapitel.Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte, würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches—du lieber Himmel, die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!—ist niemals aus einem Fenster gesprungen.Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung« Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er habe einen amsterdamschen Accent—was ein Amsterdamer niemals zugeben wird—vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denndasvergiebt er dirnicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just dasEssentiellenicht gelesen.Sowürde ich—denn ich bin Mann und Autor—jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem Leserleichtsinn überschlagen.Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was »dran«? Und du sagst zum Beispiel—horribile auditu für mich—mit dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:—Hm ... so ... ich weiss noch nicht.Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und, ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein, dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts und niemanden umarmt ...Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen, und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig, ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne!Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und du sagst—eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande—gähnend:—So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreibensovielim Augenblick!Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger,Europäer, Leser, dass du da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern aufmeinemGeiste wie auf einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele,meineSeele, die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es warmeinHerz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt, und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!«Der Leser begreift, dass ich hier nicht vonmeinemBuch rede.»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu reden ...—Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war, denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht Nr. 37—und dass ich für mein Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft, und er gab uns ... ja, der Himmel weiss,was!Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten, und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich auf Luise.IhreZustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...« u. s. w.—Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber, siehe sie nicht.—Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen, denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug, dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin, nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen handeln muss—ganz Niederland wartet darauf—und da geht mir nun der Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von der Einleitung ab«—ist das alles noch Einleitung?—»ich verspreche Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und Milch in Ihre Tasse thun?«Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige Pfuscher sind.Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen von Sterns Geschreibsel—hast du’s wirklich gelesen?—deinen Zorn nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt—denn ich frage dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man ‚Menschenfresser‘ geschimpft wird?—so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma meines Buches drängen, nun die Sacheneinmal so weit gediehen sind, dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt—die Jungens scheinen ihr aufzulauern—fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt, so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, einem honetten Manne und Makler in Kaffee.Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen—und aus Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei—dass in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten, wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen, dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen Boden verändert—der Javane hat doch nichts anderes zu thun—oder, wenn man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht nach anderen Gebieten schickt, wo der Bodenwohlgut ist für Kaffee.Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vorallem seit ich die Predigt von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der Heiden hörte.Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt—es kommt alles von dem verwünschten Paket!—so habe ich ihn einmal gut unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben, Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance« geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.—So geht es, wenn man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt—das ist die Wahrheit!—Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass allesBöse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so’n Schauspieler. Gieb doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank, als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon denken? Die Kirche istSeinHeiligtum, weisst du wohl? Und laure nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim Essen aus derSchriftlese. Das passt sich nicht in einem achtbaren Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er wieder mal nicht da war—weil er manchmal die Gicht hat—das hält die Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort, dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hatauchallerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter Florseide. Frage ihn—weisst du, so nebenbei!—ob er glaubt, dass sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten schuldig—so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,—und ... all das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es, und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen, dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine Vermahnungen,Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!«So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner Rede gewählt hatte:die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: I. Sam. XV, Vers 23 b.Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft—denn ich kenne Wawelaar und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt—nein, durch die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine Heiden sind, dochichnenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat, einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten, und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun.Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt mitteilen, die ganz besonders treffend waren.Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen,worauf es hier eigentlich ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte:»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel—er meinte das Ausrotten der Bewohner von Kanaan—undsoist der Beruf von Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes—und des zu Recht verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit, da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche sind da, die einen andern Gott, was sage ich, dieGötteranbeten, Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nachihremBilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja, Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter ihnen, diekeinenGott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen, dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte, meine Geliebten—wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt werden mag!—da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei, Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen, was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu können zum Schlafe! Schaudert euch nichtbei diesem Bilde? Krampft euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr nicht—ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein Gott der gerechten Rache—ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und Zähneklappern! Da,dabrennen sie und vergehen nicht, dennewigist die Strafe!Daleckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht, der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten, auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«Da fiel eine Frau in Ohnmacht.»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er selig werdemitder Gnade,inChristo,durchden Glauben! Und darum ist Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten ist!Dazuhat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande, klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes, Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlichdessen auf uns ruhen, wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.«Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt:1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die Missionsvereinigung.2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck, diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen des kolonialen Werbedepôts.4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen, geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen und vorgesungen zu werden.5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen:a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen, von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen im wahren Glauben.b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für das Reich Gottes.c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden.d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts, und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen,wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt.e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht werde.6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die Missionsgenossenschaften.Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1 genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes, dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend empfänglich zu machen für die Seligkeit.Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit—der Mann hat niemals einen Fuss in die Börse gesetzt—aber durch die Gnade des Evangeliums, die ihm vorleuchtet und eine Lampeist auf seinem Pfad, mir, Makler in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen wird, wenn Fritz gut aufpasst—er hat leidlich still gesessen in der Kirche—vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja, Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen, das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig.Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist—ich selbst habe zwanzig Jahre die Börse besucht!—dürfen wir dann dem Javanen Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist, um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft, die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen sind so!Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen,ich, der ich selbst vom Morgen bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch—das Stern mir so sauer macht—ein Beweis, wie gut ich es meine mit der Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und wenn ich so schwer arbeiten muss,ich, der ich getauft bin—in der Amstelkirche—sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können, dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?Wenn die Vereinigung—von Nr. 5e meine ich—zu stande kommt, schliesse ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind, obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren Gesinnungen—die Rosemeyers meine ich—denn sie halten ein katholisches Mädchen.Wie es auch sei,ichwerde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. InmeinemHause wird dem Herrn gedient, dafür werdeichsorgen. Und dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.

Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte, würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches—du lieber Himmel, die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!—ist niemals aus einem Fenster gesprungen.

Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung« Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er habe einen amsterdamschen Accent—was ein Amsterdamer niemals zugeben wird—vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denndasvergiebt er dirnicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.

Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just dasEssentiellenicht gelesen.Sowürde ich—denn ich bin Mann und Autor—jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem Leserleichtsinn überschlagen.

Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was »dran«? Und du sagst zum Beispiel—horribile auditu für mich—mit dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:

—Hm ... so ... ich weiss noch nicht.

Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...

Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und, ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...

Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein, dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts und niemanden umarmt ...

Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen, und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig, ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne!

Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und du sagst—eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande—gähnend:

—So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreibensovielim Augenblick!

Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger,Europäer, Leser, dass du da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern aufmeinemGeiste wie auf einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele,meineSeele, die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es warmeinHerz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt, und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!«

Der Leser begreift, dass ich hier nicht vonmeinemBuch rede.

»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu reden ...

—Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war, denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht Nr. 37—und dass ich für mein Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft, und er gab uns ... ja, der Himmel weiss,was!

Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten, und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich auf Luise.IhreZustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...« u. s. w.—Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber, siehe sie nicht.—Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen, denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug, dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin, nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen handeln muss—ganz Niederland wartet darauf—und da geht mir nun der Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von der Einleitung ab«—ist das alles noch Einleitung?—»ich verspreche Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und Milch in Ihre Tasse thun?«

Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige Pfuscher sind.

Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen von Sterns Geschreibsel—hast du’s wirklich gelesen?—deinen Zorn nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt—denn ich frage dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man ‚Menschenfresser‘ geschimpft wird?—so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma meines Buches drängen, nun die Sacheneinmal so weit gediehen sind, dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt—die Jungens scheinen ihr aufzulauern—fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!

Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt, so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, einem honetten Manne und Makler in Kaffee.

Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen—und aus Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei—dass in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten, wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen, dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen Boden verändert—der Javane hat doch nichts anderes zu thun—oder, wenn man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht nach anderen Gebieten schickt, wo der Bodenwohlgut ist für Kaffee.

Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vorallem seit ich die Predigt von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der Heiden hörte.

Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt—es kommt alles von dem verwünschten Paket!—so habe ich ihn einmal gut unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:

»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben, Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance« geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.—So geht es, wenn man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt—das ist die Wahrheit!—Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass allesBöse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so’n Schauspieler. Gieb doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank, als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon denken? Die Kirche istSeinHeiligtum, weisst du wohl? Und laure nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim Essen aus derSchriftlese. Das passt sich nicht in einem achtbaren Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er wieder mal nicht da war—weil er manchmal die Gicht hat—das hält die Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort, dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hatauchallerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter Florseide. Frage ihn—weisst du, so nebenbei!—ob er glaubt, dass sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten schuldig—so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,—und ... all das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es, und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen, dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine Vermahnungen,Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!«

So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner Rede gewählt hatte:die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: I. Sam. XV, Vers 23 b.

Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft—denn ich kenne Wawelaar und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt—nein, durch die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine Heiden sind, dochichnenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat, einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten, und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun.

Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt mitteilen, die ganz besonders treffend waren.

Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen,worauf es hier eigentlich ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte:

»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel—er meinte das Ausrotten der Bewohner von Kanaan—undsoist der Beruf von Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes—und des zu Recht verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit, da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche sind da, die einen andern Gott, was sage ich, dieGötteranbeten, Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nachihremBilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja, Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter ihnen, diekeinenGott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen, dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte, meine Geliebten—wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt werden mag!—da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei, Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen, was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu können zum Schlafe! Schaudert euch nichtbei diesem Bilde? Krampft euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr nicht—ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein Gott der gerechten Rache—ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und Zähneklappern! Da,dabrennen sie und vergehen nicht, dennewigist die Strafe!Daleckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht, der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten, auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«

Da fiel eine Frau in Ohnmacht.

»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er selig werdemitder Gnade,inChristo,durchden Glauben! Und darum ist Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten ist!Dazuhat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande, klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes, Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlichdessen auf uns ruhen, wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.«

Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt:

Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1 genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.

Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes, dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend empfänglich zu machen für die Seligkeit.

Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit—der Mann hat niemals einen Fuss in die Börse gesetzt—aber durch die Gnade des Evangeliums, die ihm vorleuchtet und eine Lampeist auf seinem Pfad, mir, Makler in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen wird, wenn Fritz gut aufpasst—er hat leidlich still gesessen in der Kirche—vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja, Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen, das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig.

Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist—ich selbst habe zwanzig Jahre die Börse besucht!—dürfen wir dann dem Javanen Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist, um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft, die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen sind so!

Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen,ich, der ich selbst vom Morgen bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch—das Stern mir so sauer macht—ein Beweis, wie gut ich es meine mit der Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und wenn ich so schwer arbeiten muss,ich, der ich getauft bin—in der Amstelkirche—sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können, dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?

Wenn die Vereinigung—von Nr. 5e meine ich—zu stande kommt, schliesse ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind, obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren Gesinnungen—die Rosemeyers meine ich—denn sie halten ein katholisches Mädchen.

Wie es auch sei,ichwerde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. InmeinemHause wird dem Herrn gedient, dafür werdeichsorgen. Und dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.

Zehntes Kapitel.Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone, so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass mein Name—die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel: Batavus Droogstoppel—sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen—denn er ist Lutheraner—aber ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« und fragte, was er darunter verstände.—Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen, was ich sage.—Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt, dass Sie immer die Wahrheit sagen?—Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir erglüht ...Der Leser weiss den Rest.—Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als ob ich es glaubte.Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte mit der Absicht, den jungen Herrn—ohne Gefahr zu laufen, den alten Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen—doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt—macht sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte—und einem Makler, der zwanzig Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er allerhand Versekram aus dem Kopf wusste—er sagt: »auswendig«—und da Verse stets Lügen enthalten, war ich mirgewiss, dass ich ihn sehr schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissenHeine. Am andern Morgen gab ich ihm—Stern, meine ich—die folgendenBetrachtungenbezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.Auf Flügeln des Gesanges,Herzliebchen, trag’ ich dich fort ...»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber hätten Sie auch Flügel, dürfenSie dann wohl einem Mädchen, das noch nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!Fort nach den Fluren des Ganges,Dort weiss ich den schönsten Ort.Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das sind alles Lügen, die Sie nurdarumerzählen, weil Sie sich bei all dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile vielleicht aufSenf,ZuckerteigoderLeberthrangeendigt hätte, so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nachGenf,BraunschweigoderTeheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär’s, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:Dort liegt ein rotblühender GartenIm stillen Mondenschein;Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.Die Veilchen kichern und kosen,Und schaun nach den Sternen empor;Heimlich erzählen die RosenSich duftende Märchen ins Ohr.Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung, ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie Busselinck & Waterman, mit denenkein anständiges Handelshaus etwas zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben, wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste, um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen, sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in dem roten Garten—warum rot und nicht gelb oder lila?—um zu horchen auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen, die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe, dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben, faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na, noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen ausgeht ... da haben Sie’s!Es hüpfen herbei und lauschenDie frommen, klugen Gazell’n;Und in der Ferne rauschenDes heiligen Stromes Well’n.Dort wollen wir niedersinkenUnter dem Palmenbaum,Und Lieb’ und Ruhe trinkenUnd träumen seligen Traum.Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten—Sie haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?—sagen Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Gangessein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind, wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten—sie machen wenigstens solche dummen Verse nicht—aber: fromm? Was heisst das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck, der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, Christentum und Anstand?Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage, schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun, weilichSie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, und dass ich so gut für Siesorge, und dass die Tochter von Busselinck & Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen durch günstigere Bedingungen.Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie, dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun, nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient—seine Firma meine ich, nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.—früher hiess sie Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.Ich bin Ihr väterlicher FreundBatavus Droogstoppel.(Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,Lauriergracht No. 37.)

Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone, so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass mein Name—die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel: Batavus Droogstoppel—sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.

Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen—denn er ist Lutheraner—aber ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« und fragte, was er darunter verstände.

—Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen, was ich sage.

—Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt, dass Sie immer die Wahrheit sagen?

—Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir erglüht ...

Der Leser weiss den Rest.

—Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als ob ich es glaubte.

Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte mit der Absicht, den jungen Herrn—ohne Gefahr zu laufen, den alten Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen—doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt—macht sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte—und einem Makler, der zwanzig Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er allerhand Versekram aus dem Kopf wusste—er sagt: »auswendig«—und da Verse stets Lügen enthalten, war ich mirgewiss, dass ich ihn sehr schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissenHeine. Am andern Morgen gab ich ihm—Stern, meine ich—die folgenden

Betrachtungen

Betrachtungen

bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.

Auf Flügeln des Gesanges,Herzliebchen, trag’ ich dich fort ...

Auf Flügeln des Gesanges,

Herzliebchen, trag’ ich dich fort ...

»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber hätten Sie auch Flügel, dürfenSie dann wohl einem Mädchen, das noch nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!

Fort nach den Fluren des Ganges,Dort weiss ich den schönsten Ort.

Fort nach den Fluren des Ganges,

Dort weiss ich den schönsten Ort.

Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das sind alles Lügen, die Sie nurdarumerzählen, weil Sie sich bei all dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile vielleicht aufSenf,ZuckerteigoderLeberthrangeendigt hätte, so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nachGenf,BraunschweigoderTeheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär’s, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:

Dort liegt ein rotblühender GartenIm stillen Mondenschein;Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.Die Veilchen kichern und kosen,Und schaun nach den Sternen empor;Heimlich erzählen die RosenSich duftende Märchen ins Ohr.

Dort liegt ein rotblühender Garten

Im stillen Mondenschein;

Die Lotosblumen erwarten

Ihr trautes Schwesterlein.

Die Veilchen kichern und kosen,

Und schaun nach den Sternen empor;

Heimlich erzählen die Rosen

Sich duftende Märchen ins Ohr.

Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung, ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie Busselinck & Waterman, mit denenkein anständiges Handelshaus etwas zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben, wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste, um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen, sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in dem roten Garten—warum rot und nicht gelb oder lila?—um zu horchen auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen, die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe, dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben, faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na, noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen ausgeht ... da haben Sie’s!

Es hüpfen herbei und lauschenDie frommen, klugen Gazell’n;Und in der Ferne rauschenDes heiligen Stromes Well’n.Dort wollen wir niedersinkenUnter dem Palmenbaum,Und Lieb’ und Ruhe trinkenUnd träumen seligen Traum.

Es hüpfen herbei und lauschen

Die frommen, klugen Gazell’n;

Und in der Ferne rauschen

Des heiligen Stromes Well’n.

Dort wollen wir niedersinken

Unter dem Palmenbaum,

Und Lieb’ und Ruhe trinken

Und träumen seligen Traum.

Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten—Sie haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?—sagen Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Gangessein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind, wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten—sie machen wenigstens solche dummen Verse nicht—aber: fromm? Was heisst das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck, der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, Christentum und Anstand?

Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage, schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun, weilichSie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, und dass ich so gut für Siesorge, und dass die Tochter von Busselinck & Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen durch günstigere Bedingungen.

Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie, dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun, nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient—seine Firma meine ich, nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.—früher hiess sie Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.

Ich bin Ihr väterlicher Freund

Batavus Droogstoppel.

(Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,

Lauriergracht No. 37.)

Elftes Kapitel.»Es war man, dass ich sagen wollte«—um mit Abraham Blankaart zu reden—dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.—Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz, alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch ... es steht was darüber im ‚Liebig‘ ...—Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen, das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff dies wohl:siebegriff ihn stets!—Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von Liebig lesen. Verbrugge, habenSieviel von Liebig gelesen?—Wer ist das? fragte Verbrugge.—Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie verstehen doch?—Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.—Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf auf die Weide ... und Sie werden sehen! Docherhat die Art und Weise erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe, Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith, Shakespeare, Byron ...Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.—Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben Sie Miss Mata-api gekannt?—Nein, ich kenne den Namen nicht.—Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api—d. h.: »Jungfer Feuerauge«—weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ...damüssen Sie mal hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren, desUnstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir, gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...Duclari, Verbrugge und—ich muss es zugeben—auch Tine konnten ein lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:—Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen, am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall« und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung für das Schönheitsgefühl—ungemischte wenigstens niemals! Und ohne Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken, aber es wird gewöhnlich verdorben durchFührer—von Papier, von Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!—Führer, die euch den Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt, dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder als Geschäftsreisender ... ach, istdaseine Rasse!—Die Vandalen?—Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen beantwortet, weil es keineBewegungzeigt. Dies gilt, glaube ich, auch für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum, Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht miteinemBlick auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach derBewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich, dass eine schöne Frau—wenn es keine äusserlichePorträtschönheit ist, die ohne Bewegung ist—dem Ideal des Göttlichen am nächsten kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und dem Publikum zugrinst.—Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das istabsoluthässlich.—Das finde ich auch. Abersiegiebt es doch als schön und als Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O, schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich—wie mehr oder minder wir alle—ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlussposeabsoluthässlich sei—ich sag’s ja auch!—doch woher kommt dies? Weil dieBewegungaufhielt und damit dieGeschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben Sie mir: Stillstand ist der Tod!—Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!—Ja, aber ... ohneGeschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... undsehen Sie zu, wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.—Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle, aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.—O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen, meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der 18. Februar ...—O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...—Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...—Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.—Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?—Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte Verbrugge belehrend.—Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nunmusstenSie fallen, und wären auch dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem Boden gestanden.—Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Siesich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!—I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ...da, zwischen diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren—auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu gewähren wie einem Kanarienvogel—lange nachher, ja, bis heute noch träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?—Ich will’s schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer geguckt habe.—Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die Kommissmütze neuen Modells, und alsoalles, um nicht ein Gemälde in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommenso, wie er wirklich gestanden haben muss, ja, ich willsoweit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren!Soweit, Sie rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung des Gemäldes betrifft ...—Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, als wie ichdasselbein Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?—Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl—mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil—Sie setzen sich vor dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen—wir »geniessen« nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem—und, was meinen Sie, welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?—Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung—genau so wie damals, als ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.—Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.—Mitgefühl für den Henker?—Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es schliesslich—angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der Sache zu befassen—nichts anderessein als: »Schlag’ doch in Gottes Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon derersteEindruck: »Ist die Geschichtenochnicht vorbei? Steht er und liegt sie danoch?«—Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.—O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichteausin ihren Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen ... da brennt die Stadt ...—Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz verloren hast, neckte Tine.—Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib gesehen, dassoodersoschön war, nein: alle waren sie schön, und es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius—von wem erzählt man doch diese Fabel?—der dem ganzen menschlichen Geschlecht nureinHaupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles ...—NureinHaupt hätten alle miteinander?—Ja ...—Um es abzuschlagen?—O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen, aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, und davon zu träumen, und um ...gut zu sein!Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht und fuhr fort:—Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte, nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke... ein Strahl—nein, das wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich, ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.—Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.—Kannichdafür?Ichhätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so ein Mädchen sich profanieren?—Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?—Nein, siedurftekeinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!—Ja, aber ...Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen ... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!—Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit verhaltenem Lachen.Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und wasauchsonderbar klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und vonihrerheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles, hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt, und er las—mit der Schnelligkeit, mit der er lesenkonnte, wenn er nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste—auf den Gesichtern seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesenaufstellten:1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist verrückt.2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der Kartoffel nähert.Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die zweite!—O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen—das will ich Ihnen erklären. Tine ist ...—Bester Max! sagte sie flehend.Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:—Gut, Kind!—Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf stoffliche Unvollkommenheit?Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.—Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dasssieauf diese Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich, ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.—Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?—Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war ’42. Ich war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?—Ja.—Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr davonverstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...—Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?—O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer Mord, dass man einen Geist wie den meinen ineinePrauw setzte mit diesem dummen Datu und seinem Kind.Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja, ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das lasse ich nun auf sich beruhen.Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte—mit etwas weniger Spinneweben im Schädel,meine ich—würde ich wahrscheinlich sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé, und das ist manchmal eine recht interessante Sache.Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei rote, eine schwarze: es war schön!Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie:Kleines Fräulein... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?—Was für ein Ding? Die Sonne?—Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören Sie einmal an:Du fragst, warum der Ocean,Der Natals Strand bespült,An andern Küsten lieb und hold,So ungestüm hier braust und grolltUnd ewig kocht und wühlt?Du fragst—und kaum erhört im KahnDer Fischerknabe dich,So blitzt sein dunkler AugensternHinüber unermesslich fern,Und westwärts weist er dich.Und westwärts bohrt er seinen BlickIns Unermessene hinein,Und zeigt dir, bis ans Firmament,Nur Wasser, Wasser ohne End’Und See und See allein!Und darum peitscht der OceanSo wild den Ufersand:Nur See erblickst du weit umherUnd Wasser, Wasser immermehr,Bis Madagaskars Strand!Und manches Opfer heischte schonDer Ocean empört,Und manchen Schrei, erstickt im Meer,Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,Nur Gott hat ihn erhört!Und manche Hand, in letzter Angst,Erhob sich aus dem Grab,Und fühlt’ und griff und sucht’ ohn’ End’,Und suchte, dass sie Stütze fänd’,Und sank zuletzt hinab.Und ...Und ... und ...ich weiss den Rest nicht mehr.—Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.—Wie kommtderdaran? fragte Max.—Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?—Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte Legendewerdenwird,wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele, Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche, nichtsnutzige Eva ...—Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen Korallen? fragte Tine.—Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter demÄquator—Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin ... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!—da unter dem Äquator war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der Mensch des Abends immer etwas besser ist—oder richtiger: weniger nichtsnutzig—als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens »nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder ... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein Kontrolleur—ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!—ein Kontrolleur reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen, wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will, und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen seiner Ehrlichkeit—Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!—dann steht er da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hatman eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden: sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe, um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten liess mit einem gekrönten E1in der Ecke ...—Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.—Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends »gemütlicher« ist.Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:»Es wird nun kühler werden.«»Ja, Tuwan!« antwortete sie.Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser, als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte ... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein eingebildeter Kerl sein.»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?« fragte ich.»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«»Nein, ich fragedich, ob du so eine Reise angenehm findest!«»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl, ich wurde nicht toll. Die Sonne warhinunter, und ich war gemütlich genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen daran fand, meine Stimme zu hören—es giebt wenige unter uns, die nicht gern sich selbst zuhörten—allein nach meiner Stummheit den ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war, etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten von Si Upi Keteh.Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden nacheinerRichtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmūsson ist dort im Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede—und zu Recht!—in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten—es sei denn, dass force majeure im Spiele war—Rahschiffe in die Reede einlaufen zu lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam—es waren meist amerikanische Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras—liess ich mir stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken, oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich, so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne einigermassen genas—denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit—brachte mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, um—indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen für das Kind—verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind schenkte mir Gesundheit—für einige Tage wenigstens—mehr jedenfalls als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine Arbeit war sehr schwer, und erarbeitete viel, doch sein Lohn war gering, und zufrieden war er nicht.Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von roter Seide.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwarreich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu war von roter Seide.Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong über das Haupt des Königs.Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwarKönig. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt man den goldenen Pajong.Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich, sodass der Graswuchs verdorrte.Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwardie Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und überall umher.Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht der Fürsten, die auf Erden waren.Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen der Sonne prallten von ihr zurück.Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war er nicht.Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwurdeeine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte, ich wäre dieser Fels.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und erwurdeFels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und nicht, so es regnete.Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre dieser Mann.Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er war zufrieden ...—Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.—Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine Erzählung zu Ende war, fragte ich:»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach dem Himmel.«—Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht ganz verrückt fanden ...Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.1Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.

»Es war man, dass ich sagen wollte«—um mit Abraham Blankaart zu reden—dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.

—Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz, alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch ... es steht was darüber im ‚Liebig‘ ...

—Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.

Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen, das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff dies wohl:siebegriff ihn stets!

—Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von Liebig lesen. Verbrugge, habenSieviel von Liebig gelesen?

—Wer ist das? fragte Verbrugge.

—Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie verstehen doch?

—Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.

—Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf auf die Weide ... und Sie werden sehen! Docherhat die Art und Weise erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.

Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe, Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith, Shakespeare, Byron ...

Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.

—Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben Sie Miss Mata-api gekannt?

—Nein, ich kenne den Namen nicht.

—Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api—d. h.: »Jungfer Feuerauge«—weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ...damüssen Sie mal hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren, desUnstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir, gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...

Duclari, Verbrugge und—ich muss es zugeben—auch Tine konnten ein lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:

—Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen, am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall« und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung für das Schönheitsgefühl—ungemischte wenigstens niemals! Und ohne Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken, aber es wird gewöhnlich verdorben durchFührer—von Papier, von Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!—Führer, die euch den Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt, dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder als Geschäftsreisender ... ach, istdaseine Rasse!

—Die Vandalen?

—Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen beantwortet, weil es keineBewegungzeigt. Dies gilt, glaube ich, auch für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum, Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht miteinemBlick auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach derBewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich, dass eine schöne Frau—wenn es keine äusserlichePorträtschönheit ist, die ohne Bewegung ist—dem Ideal des Göttlichen am nächsten kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und dem Publikum zugrinst.

—Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das istabsoluthässlich.

—Das finde ich auch. Abersiegiebt es doch als schön und als Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O, schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich—wie mehr oder minder wir alle—ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlussposeabsoluthässlich sei—ich sag’s ja auch!—doch woher kommt dies? Weil dieBewegungaufhielt und damit dieGeschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben Sie mir: Stillstand ist der Tod!

—Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!

—Ja, aber ... ohneGeschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... undsehen Sie zu, wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.

—Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle, aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.

—O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen, meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der 18. Februar ...

—O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...

—Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...

—Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.

—Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?

—Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte Verbrugge belehrend.

—Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nunmusstenSie fallen, und wären auch dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem Boden gestanden.

—Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Siesich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!

—I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ...da, zwischen diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren—auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu gewähren wie einem Kanarienvogel—lange nachher, ja, bis heute noch träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?

—Ich will’s schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer geguckt habe.

—Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die Kommissmütze neuen Modells, und alsoalles, um nicht ein Gemälde in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommenso, wie er wirklich gestanden haben muss, ja, ich willsoweit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren!Soweit, Sie rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung des Gemäldes betrifft ...

—Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, als wie ichdasselbein Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?

—Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl—mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil—Sie setzen sich vor dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen—wir »geniessen« nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem—und, was meinen Sie, welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?

—Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung—genau so wie damals, als ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.

—Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.

—Mitgefühl für den Henker?

—Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es schliesslich—angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der Sache zu befassen—nichts anderessein als: »Schlag’ doch in Gottes Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon derersteEindruck: »Ist die Geschichtenochnicht vorbei? Steht er und liegt sie danoch?«

—Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.

—O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichteausin ihren Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen ... da brennt die Stadt ...

—Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz verloren hast, neckte Tine.

—Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib gesehen, dassoodersoschön war, nein: alle waren sie schön, und es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius—von wem erzählt man doch diese Fabel?—der dem ganzen menschlichen Geschlecht nureinHaupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles ...

—NureinHaupt hätten alle miteinander?

—Ja ...

—Um es abzuschlagen?

—O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen, aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, und davon zu träumen, und um ...gut zu sein!

Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht und fuhr fort:

—Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte, nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke... ein Strahl—nein, das wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich, ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.

—Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.

—Kannichdafür?Ichhätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so ein Mädchen sich profanieren?

—Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?

—Nein, siedurftekeinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!

—Ja, aber ...

Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen ... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!

—Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit verhaltenem Lachen.

Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und wasauchsonderbar klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und vonihrerheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles, hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.

Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt, und er las—mit der Schnelligkeit, mit der er lesenkonnte, wenn er nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste—auf den Gesichtern seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesenaufstellten:

1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist verrückt.

1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist verrückt.

2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der Kartoffel nähert.Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die zweite!

2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der Kartoffel nähert.

Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die zweite!

—O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen—das will ich Ihnen erklären. Tine ist ...

—Bester Max! sagte sie flehend.

Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«

Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:

—Gut, Kind!—Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf stoffliche Unvollkommenheit?

Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.

—Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dasssieauf diese Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich, ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.

—Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?

—Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war ’42. Ich war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?

—Ja.

—Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr davonverstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...

—Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?

—O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer Mord, dass man einen Geist wie den meinen ineinePrauw setzte mit diesem dummen Datu und seinem Kind.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja, ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das lasse ich nun auf sich beruhen.

Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte—mit etwas weniger Spinneweben im Schädel,meine ich—würde ich wahrscheinlich sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé, und das ist manchmal eine recht interessante Sache.

Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei rote, eine schwarze: es war schön!

Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie:Kleines Fräulein... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.

Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?

—Was für ein Ding? Die Sonne?

—Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören Sie einmal an:

Du fragst, warum der Ocean,Der Natals Strand bespült,An andern Küsten lieb und hold,So ungestüm hier braust und grolltUnd ewig kocht und wühlt?Du fragst—und kaum erhört im KahnDer Fischerknabe dich,So blitzt sein dunkler AugensternHinüber unermesslich fern,Und westwärts weist er dich.Und westwärts bohrt er seinen BlickIns Unermessene hinein,Und zeigt dir, bis ans Firmament,Nur Wasser, Wasser ohne End’Und See und See allein!Und darum peitscht der OceanSo wild den Ufersand:Nur See erblickst du weit umherUnd Wasser, Wasser immermehr,Bis Madagaskars Strand!Und manches Opfer heischte schonDer Ocean empört,Und manchen Schrei, erstickt im Meer,Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,Nur Gott hat ihn erhört!Und manche Hand, in letzter Angst,Erhob sich aus dem Grab,Und fühlt’ und griff und sucht’ ohn’ End’,Und suchte, dass sie Stütze fänd’,Und sank zuletzt hinab.Und ...

Du fragst, warum der Ocean,Der Natals Strand bespült,An andern Küsten lieb und hold,So ungestüm hier braust und grolltUnd ewig kocht und wühlt?

Du fragst, warum der Ocean,

Der Natals Strand bespült,

An andern Küsten lieb und hold,

So ungestüm hier braust und grollt

Und ewig kocht und wühlt?

Du fragst—und kaum erhört im KahnDer Fischerknabe dich,So blitzt sein dunkler AugensternHinüber unermesslich fern,Und westwärts weist er dich.

Du fragst—und kaum erhört im Kahn

Der Fischerknabe dich,

So blitzt sein dunkler Augenstern

Hinüber unermesslich fern,

Und westwärts weist er dich.

Und westwärts bohrt er seinen BlickIns Unermessene hinein,Und zeigt dir, bis ans Firmament,Nur Wasser, Wasser ohne End’Und See und See allein!

Und westwärts bohrt er seinen Blick

Ins Unermessene hinein,

Und zeigt dir, bis ans Firmament,

Nur Wasser, Wasser ohne End’

Und See und See allein!

Und darum peitscht der OceanSo wild den Ufersand:Nur See erblickst du weit umherUnd Wasser, Wasser immermehr,Bis Madagaskars Strand!

Und darum peitscht der Ocean

So wild den Ufersand:

Nur See erblickst du weit umher

Und Wasser, Wasser immermehr,

Bis Madagaskars Strand!

Und manches Opfer heischte schonDer Ocean empört,Und manchen Schrei, erstickt im Meer,Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,Nur Gott hat ihn erhört!

Und manches Opfer heischte schon

Der Ocean empört,

Und manchen Schrei, erstickt im Meer,

Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,

Nur Gott hat ihn erhört!

Und manche Hand, in letzter Angst,Erhob sich aus dem Grab,Und fühlt’ und griff und sucht’ ohn’ End’,Und suchte, dass sie Stütze fänd’,Und sank zuletzt hinab.

Und manche Hand, in letzter Angst,

Erhob sich aus dem Grab,

Und fühlt’ und griff und sucht’ ohn’ End’,

Und suchte, dass sie Stütze fänd’,

Und sank zuletzt hinab.

Und ...

Und ...

Und ... und ...ich weiss den Rest nicht mehr.

—Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.

—Wie kommtderdaran? fragte Max.

—Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?

—Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte Legendewerdenwird,wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele, Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche, nichtsnutzige Eva ...

—Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen Korallen? fragte Tine.

—Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter demÄquator—Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin ... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!—da unter dem Äquator war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der Mensch des Abends immer etwas besser ist—oder richtiger: weniger nichtsnutzig—als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens »nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder ... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein Kontrolleur—ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!—ein Kontrolleur reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen, wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will, und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen seiner Ehrlichkeit—Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!—dann steht er da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hatman eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden: sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe, um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten liess mit einem gekrönten E1in der Ecke ...

—Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.

—Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends »gemütlicher« ist.

Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:

»Es wird nun kühler werden.«

»Ja, Tuwan!« antwortete sie.

Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser, als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte ... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein eingebildeter Kerl sein.

»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?« fragte ich.

»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«

»Nein, ich fragedich, ob du so eine Reise angenehm findest!«

»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.

Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl, ich wurde nicht toll. Die Sonne warhinunter, und ich war gemütlich genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen daran fand, meine Stimme zu hören—es giebt wenige unter uns, die nicht gern sich selbst zuhörten—allein nach meiner Stummheit den ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war, etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten von Si Upi Keteh.

Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden nacheinerRichtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmūsson ist dort im Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede—und zu Recht!—in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten—es sei denn, dass force majeure im Spiele war—Rahschiffe in die Reede einlaufen zu lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam—es waren meist amerikanische Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras—liess ich mir stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken, oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich, so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne einigermassen genas—denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit—brachte mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, um—indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen für das Kind—verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind schenkte mir Gesundheit—für einige Tage wenigstens—mehr jedenfalls als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:

»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine Arbeit war sehr schwer, und erarbeitete viel, doch sein Lohn war gering, und zufrieden war er nicht.

Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von roter Seide.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und erwarreich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu war von roter Seide.

Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong über das Haupt des Königs.

Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.

Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und erwarKönig. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt man den goldenen Pajong.

Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich, sodass der Graswuchs verdorrte.

Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.

Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und erwardie Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und überall umher.

Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht der Fürsten, die auf Erden waren.

Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen der Sonne prallten von ihr zurück.

Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war er nicht.

Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und erwurdeeine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.

Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.

Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.

Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.

Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte, ich wäre dieser Fels.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und erwurdeFels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und nicht, so es regnete.

Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.

Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre dieser Mann.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er war zufrieden ...

—Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.

—Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine Erzählung zu Ende war, fragte ich:

»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«

»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach dem Himmel.«

—Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht ganz verrückt fanden ...

Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.

1Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.

1Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.


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