Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen, wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde, denn darauf steht Gesetzesstrafe.Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der am Hauptplatze wohnte,und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden, für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen, scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.Daneben lagen die Sawahs vonAdindasVater, dem Vater des Kindes, das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube, dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl für ein gutes Wort.Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang abgenommen wurde.Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne Klambuhaken—Pusakas von den Eltern seiner Frau—für achtzehn Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er, dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen, lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch, dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt, dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, der in Indiengewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben Ausdrucks erspare.Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen, denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte ... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen, sodass das Zahnfleisch bloss lag ...»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah, fliehe! da ist ein Tiger!«Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang ... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihnmit seinen Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem User-useran dieses Büffels!Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre, und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie hatte schon Gedanken in den Lauf ihres ‚Farbschiffchens‘ zu bringen, und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah sehr traurig gesehen.Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter war, die ihn schlachten liess.Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel zu kaufen, da seineEltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten, und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es, dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde, in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck, wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt, der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel zu kaufen. DieseAussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.—Denk’ doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!—Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.—O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?—Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.—Und du selbst?—Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!—Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...—Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?—Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume gegeben hast.—Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich bei dem Ketapan zu erwarten?Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:—Zähl’ die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?—Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein, wenn du zurückkommst.Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das sehr verschlissen war, und er gab das StückchenLeinwand Adinda, damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies, wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte, hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden, weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war, da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war, dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten.Er hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte, als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun dort unter dem Baume Adinda seiner harren.Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde, wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel, so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer Beherztheit sagen?Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang, den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war’s möglich«, dachte er, »deswegenbös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklichhierdurchdie Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch die Glasscherbe—so hinterlistig und geschickt sie immer durch den kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte—hätte ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst, etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam niederfallen.Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten.Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine Mutter.Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd’ ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,Dann wirdAdindadort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird leise über das Gras schleifen ...Ich werd’ es hören.Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn und gab ihm obendreinfortwährend Geschenke, weil man so besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt als nötig war, den Bekannten seines Vaterszu besuchen, der die feinen Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt und der ‚Grossvater‘ des Susuhunan zu Solo ist? War es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn er—wie war’s möglich!—sie plagte, und den Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächelnbewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem Wege erzählte.Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit allen Kindern—Knaben und Mädchen—mitgespielt hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl schläft?Und ob sie wohl sorgfältig die Monde in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte ... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder treu gewesen wäre.Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht schon am Tage vorher gekommen?Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um aufihnzu warten, der nun sich beklagte—und vor der Zeit schon!—dass er aufsiewarten müsste.Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein glühender Strahl—Pfeile von Gold und Feuer, die hin und wieder über den Horizont schossen—aber sie verschwanden wieder und schienen hinter den undurchdringbarenVorhang niederzufallen, der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief Adinda!Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchtetenin goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank, als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in menschliche Sprache zu fassen.Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald sehenwerde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad, der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten—denn es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!—und sie hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minderbetrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.Saidjah sah einen Badjing1, der mit ausgelassener Hurtigkeit hin und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen—ein Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt und Bewegung—kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange der Sonne verrichteten—Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:Sieh, wie der Badjing Atzung suchtAuf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Atzung für mein Herz.Lang’ schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...Lang’ schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum leitete.Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, weil es warm zu werden begann:Sieh, wie der Falter dort rundflattert.Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.Viel Glück, mein Falter, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden, was du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.Lang’ schon hat der Falter geküsstDie Kenarieblume, die er so lieb hat ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in der Luft.Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,Hoch über dem Waringi-Hügel.Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.Viel Glück, o Sonne, ich wünsch’ dir Heil!Was du suchst, wirst sicher du finden ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Ruh für mein Herz.Lang’ schon wird die Sonne untergegangen seinUnd schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...Und immerdar noch wird meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt sein ...Adinda!Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan leitete.Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...WenndannAdinda noch nicht gekommen ist,Dann wird ein Engel mit blinkenden FlügelnNiederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...Meine Seele ist bitter betrübt ...Adinda!Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:„Sehet, dort ist ein gestorb’ner Mensch vergessen,Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,Dessen Herz die Kraft hatte,sozu lieben!“Dann soll nocheinmal mein erstarrter Mund sich öffnen,Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...Nocheinmal will ich die Melatti küssen,Diesiemir gab ...Adinda...Adinda!Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapan führte.O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechenüberAdinda, nicht fragennachAdinda ... er wollte siewiedersehen,sieallein,siezuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!Er sollte warten, warten ...Aber wenn sie krank wäre oder ...tot?Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der von dem Ketapan nach dem Dorf führt, woAdinda wohnte. Er sah nichts und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: »Saïdjah, Saïdjah!«Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und—mein Gott, war es ein Traum?—wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte, und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht im Dorfe Badur sei.Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den Büffel weggenommen hatte ...ich hab’ dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger,noch in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen, dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die GenesungSaïdjahs zu bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten, wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden Bergspitzen berechnet.Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte, wenn sie sich schlafen legte ...Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum, um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt, zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die NiederländischeHerrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an, weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das Niederländische Heer erobert war undalsoin Flammen stand. Saïdjah wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende gemacht zu haben schien ...Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen die Brust vordrangen ...Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener, belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der Sonntagskirche oder in der Betstunde,Dankgebete gen Himmel, als man vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten hatte unter dem Banner der Niederlande ...„Doch Gott, der alles Weh ersicht,Erhörte dieses Tages Opfer nicht.“Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.Doch hätte ich dies thunkönnen, denn ich habe hier Dokumente vor mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...Dies alles weiss ich nicht!Doch ich weissmehrals dies alles. Ich weissund kann beweisen, dass es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass,was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, dass ich dieNamen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, Auseinandersetzungen, die nur fürdenBeweiskraft haben würden, der die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschriftder Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.Aber was dieHauptsachebetrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen Felsen auswerfen wird? Oder—um auf die Ebene zu gelangen, in der mein Buch liegt—will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserindieses unsterblichen Plaidoyers—unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des Talentes, sondern wegen derTendenzund wegen derWirkung—wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht misshandelt, denn—es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld—oder die meine—dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der Lüge borgen muss?Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man ‚Eingeborene‘ nennt. Doch wäre immerhin ihr Einwurf begründet: wersolcheBedenken als Beweis gegen die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse,weilder Inländer nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im Ruhestande, nichtdashabt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bevölkerungnicht misshandeltwird, gleichgültig, ob es sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber Leuten, dienichtlieben, diekeineschwermütigen Lieder singen, dienichtsentimental sind?Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält, wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine „weitgehende“ ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet wurde:eine Note, die vor mir liegt!Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart gestraft. Er wurde ermordet.1Badjing= das javanische Eichhörnchen.

Siebzehntes Kapitel.Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen, wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde, denn darauf steht Gesetzesstrafe.Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der am Hauptplatze wohnte,und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden, für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen, scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.Daneben lagen die Sawahs vonAdindasVater, dem Vater des Kindes, das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube, dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl für ein gutes Wort.Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang abgenommen wurde.Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne Klambuhaken—Pusakas von den Eltern seiner Frau—für achtzehn Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er, dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen, lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch, dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt, dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, der in Indiengewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben Ausdrucks erspare.Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen, denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte ... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen, sodass das Zahnfleisch bloss lag ...»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah, fliehe! da ist ein Tiger!«Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang ... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihnmit seinen Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem User-useran dieses Büffels!Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre, und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie hatte schon Gedanken in den Lauf ihres ‚Farbschiffchens‘ zu bringen, und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah sehr traurig gesehen.Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter war, die ihn schlachten liess.Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel zu kaufen, da seineEltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten, und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es, dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde, in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck, wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt, der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel zu kaufen. DieseAussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.—Denk’ doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!—Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.—O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?—Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.—Und du selbst?—Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!—Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...—Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?—Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume gegeben hast.—Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich bei dem Ketapan zu erwarten?Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:—Zähl’ die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?—Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein, wenn du zurückkommst.Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das sehr verschlissen war, und er gab das StückchenLeinwand Adinda, damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies, wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte, hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden, weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war, da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war, dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten.Er hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte, als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun dort unter dem Baume Adinda seiner harren.Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde, wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel, so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer Beherztheit sagen?Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang, den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war’s möglich«, dachte er, »deswegenbös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklichhierdurchdie Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch die Glasscherbe—so hinterlistig und geschickt sie immer durch den kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte—hätte ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst, etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam niederfallen.Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten.Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine Mutter.Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd’ ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,Dann wirdAdindadort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird leise über das Gras schleifen ...Ich werd’ es hören.Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn und gab ihm obendreinfortwährend Geschenke, weil man so besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt als nötig war, den Bekannten seines Vaterszu besuchen, der die feinen Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt und der ‚Grossvater‘ des Susuhunan zu Solo ist? War es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn er—wie war’s möglich!—sie plagte, und den Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächelnbewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem Wege erzählte.Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit allen Kindern—Knaben und Mädchen—mitgespielt hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl schläft?Und ob sie wohl sorgfältig die Monde in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte ... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder treu gewesen wäre.Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht schon am Tage vorher gekommen?Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um aufihnzu warten, der nun sich beklagte—und vor der Zeit schon!—dass er aufsiewarten müsste.Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein glühender Strahl—Pfeile von Gold und Feuer, die hin und wieder über den Horizont schossen—aber sie verschwanden wieder und schienen hinter den undurchdringbarenVorhang niederzufallen, der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief Adinda!Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchtetenin goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank, als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in menschliche Sprache zu fassen.Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald sehenwerde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad, der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten—denn es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!—und sie hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minderbetrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.Saidjah sah einen Badjing1, der mit ausgelassener Hurtigkeit hin und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen—ein Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt und Bewegung—kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange der Sonne verrichteten—Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:Sieh, wie der Badjing Atzung suchtAuf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Atzung für mein Herz.Lang’ schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...Lang’ schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum leitete.Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, weil es warm zu werden begann:Sieh, wie der Falter dort rundflattert.Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.Viel Glück, mein Falter, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden, was du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.Lang’ schon hat der Falter geküsstDie Kenarieblume, die er so lieb hat ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in der Luft.Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,Hoch über dem Waringi-Hügel.Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.Viel Glück, o Sonne, ich wünsch’ dir Heil!Was du suchst, wirst sicher du finden ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Ruh für mein Herz.Lang’ schon wird die Sonne untergegangen seinUnd schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...Und immerdar noch wird meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt sein ...Adinda!Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan leitete.Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...WenndannAdinda noch nicht gekommen ist,Dann wird ein Engel mit blinkenden FlügelnNiederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...Meine Seele ist bitter betrübt ...Adinda!Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:„Sehet, dort ist ein gestorb’ner Mensch vergessen,Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,Dessen Herz die Kraft hatte,sozu lieben!“Dann soll nocheinmal mein erstarrter Mund sich öffnen,Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...Nocheinmal will ich die Melatti küssen,Diesiemir gab ...Adinda...Adinda!Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapan führte.O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechenüberAdinda, nicht fragennachAdinda ... er wollte siewiedersehen,sieallein,siezuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!Er sollte warten, warten ...Aber wenn sie krank wäre oder ...tot?Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der von dem Ketapan nach dem Dorf führt, woAdinda wohnte. Er sah nichts und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: »Saïdjah, Saïdjah!«Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und—mein Gott, war es ein Traum?—wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte, und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht im Dorfe Badur sei.Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den Büffel weggenommen hatte ...ich hab’ dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger,noch in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen, dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die GenesungSaïdjahs zu bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten, wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden Bergspitzen berechnet.Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte, wenn sie sich schlafen legte ...Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum, um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt, zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die NiederländischeHerrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an, weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das Niederländische Heer erobert war undalsoin Flammen stand. Saïdjah wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende gemacht zu haben schien ...Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen die Brust vordrangen ...Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener, belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der Sonntagskirche oder in der Betstunde,Dankgebete gen Himmel, als man vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten hatte unter dem Banner der Niederlande ...„Doch Gott, der alles Weh ersicht,Erhörte dieses Tages Opfer nicht.“Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.Doch hätte ich dies thunkönnen, denn ich habe hier Dokumente vor mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...Dies alles weiss ich nicht!Doch ich weissmehrals dies alles. Ich weissund kann beweisen, dass es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass,was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, dass ich dieNamen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, Auseinandersetzungen, die nur fürdenBeweiskraft haben würden, der die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschriftder Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.Aber was dieHauptsachebetrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen Felsen auswerfen wird? Oder—um auf die Ebene zu gelangen, in der mein Buch liegt—will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserindieses unsterblichen Plaidoyers—unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des Talentes, sondern wegen derTendenzund wegen derWirkung—wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht misshandelt, denn—es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld—oder die meine—dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der Lüge borgen muss?Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man ‚Eingeborene‘ nennt. Doch wäre immerhin ihr Einwurf begründet: wersolcheBedenken als Beweis gegen die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse,weilder Inländer nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im Ruhestande, nichtdashabt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bevölkerungnicht misshandeltwird, gleichgültig, ob es sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber Leuten, dienichtlieben, diekeineschwermütigen Lieder singen, dienichtsentimental sind?Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält, wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine „weitgehende“ ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet wurde:eine Note, die vor mir liegt!Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart gestraft. Er wurde ermordet.1Badjing= das javanische Eichhörnchen.

Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.

Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.

Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.

Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen, wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde, denn darauf steht Gesetzesstrafe.

Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der am Hauptplatze wohnte,und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden, für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.

Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.

Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen, scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.

Daneben lagen die Sawahs vonAdindasVater, dem Vater des Kindes, das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube, dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl für ein gutes Wort.

Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang abgenommen wurde.

Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne Klambuhaken—Pusakas von den Eltern seiner Frau—für achtzehn Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.

Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er, dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.

Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen, lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.

Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.

Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch, dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt, dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.

Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, der in Indiengewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben Ausdrucks erspare.

Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen, denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte ... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen, sodass das Zahnfleisch bloss lag ...

»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah, fliehe! da ist ein Tiger!«

Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.

Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...

Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang ... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihnmit seinen Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem User-useran dieses Büffels!

Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...

ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!

... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre, und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie hatte schon Gedanken in den Lauf ihres ‚Farbschiffchens‘ zu bringen, und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah sehr traurig gesehen.

Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter war, die ihn schlachten liess.

Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel zu kaufen, da seineEltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten, und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es, dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde, in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.

Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck, wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.

Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt, der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel zu kaufen. DieseAussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.

—Denk’ doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!

—Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.

—O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?

—Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.

—Und du selbst?

—Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!

—Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...

—Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?

—Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume gegeben hast.

—Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich bei dem Ketapan zu erwarten?

Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:

—Zähl’ die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?

—Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein, wenn du zurückkommst.

Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das sehr verschlissen war, und er gab das StückchenLeinwand Adinda, damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.

Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.

In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies, wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte, hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden, weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war, da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war, dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten.Er hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte, als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun dort unter dem Baume Adinda seiner harren.

Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde, wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel, so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer Beherztheit sagen?

Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang, den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war’s möglich«, dachte er, »deswegenbös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklichhierdurchdie Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch die Glasscherbe—so hinterlistig und geschickt sie immer durch den kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte—hätte ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«

So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst, etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam niederfallen.Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten.Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine Mutter.Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd’ ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.Ich werd’s nicht hören.Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,Dann wirdAdindadort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird leise über das Gras schleifen ...Ich werd’ es hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.

Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.

Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.

Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?

Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam niederfallen.Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten.Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.

Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.

Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam niederfallen.

Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten.

Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine Mutter.Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd’ ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.

Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine Mutter.

Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd’ ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.

Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«

Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.

Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.

Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.

Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.

Ich werd’s nicht hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,Dann wirdAdindadort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird leise über das Gras schleifen ...Ich werd’ es hören.

Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.

Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.

Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,

Dann wirdAdindadort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird leise über das Gras schleifen ...

Ich werd’ es hören.

Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn und gab ihm obendreinfortwährend Geschenke, weil man so besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.

Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.

Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!

Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.

War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt als nötig war, den Bekannten seines Vaterszu besuchen, der die feinen Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt und der ‚Grossvater‘ des Susuhunan zu Solo ist? War es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?

Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn er—wie war’s möglich!—sie plagte, und den Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächelnbewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...

Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«

Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem Wege erzählte.

Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.

Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit allen Kindern—Knaben und Mädchen—mitgespielt hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.

Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl schläft?Und ob sie wohl sorgfältig die Monde in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte ... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder treu gewesen wäre.

Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.

Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht schon am Tage vorher gekommen?

Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um aufihnzu warten, der nun sich beklagte—und vor der Zeit schon!—dass er aufsiewarten müsste.

Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein glühender Strahl—Pfeile von Gold und Feuer, die hin und wieder über den Horizont schossen—aber sie verschwanden wieder und schienen hinter den undurchdringbarenVorhang niederzufallen, der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.

Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief Adinda!

Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.

Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.

Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...

Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchtetenin goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!

Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank, als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in menschliche Sprache zu fassen.

Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald sehenwerde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad, der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten—denn es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!—und sie hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!

Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minderbetrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...

Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.

Saidjah sah einen Badjing1, der mit ausgelassener Hurtigkeit hin und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen—ein Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt und Bewegung—kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange der Sonne verrichteten—Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:

Sieh, wie der Badjing Atzung suchtAuf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Atzung für mein Herz.Lang’ schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...Lang’ schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!

Sieh, wie der Badjing Atzung suchtAuf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.

Sieh, wie der Badjing Atzung sucht

Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,

Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:

Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.

Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Atzung für mein Herz.

Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch’ dir Heil!

Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...

Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,

Wartend auf Atzung für mein Herz.

Lang’ schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...Lang’ schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!

Lang’ schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...

Lang’ schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...

Doch immerdar noch ist meine Seele

Und mein Herz bitter betrübt ...Adinda!

Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum leitete.

Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, weil es warm zu werden begann:

Sieh, wie der Falter dort rundflattert.Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.Viel Glück, mein Falter, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden, was du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.Lang’ schon hat der Falter geküsstDie Kenarieblume, die er so lieb hat ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!

Sieh, wie der Falter dort rundflattert.Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.

Sieh, wie der Falter dort rundflattert.

Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.

Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:

Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.

Viel Glück, mein Falter, ich wünsch’ dir Heil!Sicher wirst du finden, was du suchst ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.

Viel Glück, mein Falter, ich wünsch’ dir Heil!

Sicher wirst du finden, was du suchst ...

Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,

Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.

Lang’ schon hat der Falter geküsstDie Kenarieblume, die er so lieb hat ...Doch immerdar noch ist meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt ...Adinda!

Lang’ schon hat der Falter geküsst

Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...

Doch immerdar noch ist meine Seele

Und mein Herz bitter betrübt ...Adinda!

Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.

Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in der Luft.

Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,Hoch über dem Waringi-Hügel.Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.Viel Glück, o Sonne, ich wünsch’ dir Heil!Was du suchst, wirst sicher du finden ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Ruh für mein Herz.Lang’ schon wird die Sonne untergegangen seinUnd schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...Und immerdar noch wird meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt sein ...Adinda!

Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,Hoch über dem Waringi-Hügel.Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.

Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,

Hoch über dem Waringi-Hügel.

Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,

Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.

Viel Glück, o Sonne, ich wünsch’ dir Heil!Was du suchst, wirst sicher du finden ...Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,Wartend auf Ruh für mein Herz.

Viel Glück, o Sonne, ich wünsch’ dir Heil!

Was du suchst, wirst sicher du finden ...

Dochichsitze allein bei dem Djatibusch,

Wartend auf Ruh für mein Herz.

Lang’ schon wird die Sonne untergegangen seinUnd schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...Und immerdar noch wird meine SeeleUnd mein Herz bitter betrübt sein ...Adinda!

Lang’ schon wird die Sonne untergegangen sein

Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...

Und immerdar noch wird meine Seele

Und mein Herz bitter betrübt sein ...Adinda!

Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan leitete.

Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...WenndannAdinda noch nicht gekommen ist,Dann wird ein Engel mit blinkenden FlügelnNiederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...Meine Seele ist bitter betrübt ...Adinda!

Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,

Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,

Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,

Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,

Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...

Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,

Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...

WenndannAdinda noch nicht gekommen ist,

Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln

Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.

Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...

Meine Seele ist bitter betrübt ...Adinda!

Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.

Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:„Sehet, dort ist ein gestorb’ner Mensch vergessen,Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,Dessen Herz die Kraft hatte,sozu lieben!“Dann soll nocheinmal mein erstarrter Mund sich öffnen,Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...Nocheinmal will ich die Melatti küssen,Diesiemir gab ...Adinda...Adinda!

Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:

Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.

Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:

„Sehet, dort ist ein gestorb’ner Mensch vergessen,Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,Dessen Herz die Kraft hatte,sozu lieben!“

„Sehet, dort ist ein gestorb’ner Mensch vergessen,

Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.

Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,

Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.

Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,

Dessen Herz die Kraft hatte,sozu lieben!“

Dann soll nocheinmal mein erstarrter Mund sich öffnen,Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...Nocheinmal will ich die Melatti küssen,Diesiemir gab ...Adinda...Adinda!

Dann soll nocheinmal mein erstarrter Mund sich öffnen,

Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...

Nocheinmal will ich die Melatti küssen,

Diesiemir gab ...Adinda...Adinda!

Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapan führte.

O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!

Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?

Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechenüberAdinda, nicht fragennachAdinda ... er wollte siewiedersehen,sieallein,siezuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!

Er sollte warten, warten ...

Aber wenn sie krank wäre oder ...tot?

Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der von dem Ketapan nach dem Dorf führt, woAdinda wohnte. Er sah nichts und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: »Saïdjah, Saïdjah!«

Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und—mein Gott, war es ein Traum?—wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte, und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«

Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht im Dorfe Badur sei.

Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den Büffel weggenommen hatte ...

ich hab’ dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!

... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...

weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!

... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger,noch in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen, dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.

Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.

Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die GenesungSaïdjahs zu bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.

Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten, wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden Bergspitzen berechnet.

Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!

Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte, wenn sie sich schlafen legte ...

Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...

Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum, um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt, zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...

Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die NiederländischeHerrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an, weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.

Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das Niederländische Heer erobert war undalsoin Flammen stand. Saïdjah wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...

Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende gemacht zu haben schien ...

Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen die Brust vordrangen ...

Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener, belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.

Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der Sonntagskirche oder in der Betstunde,Dankgebete gen Himmel, als man vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten hatte unter dem Banner der Niederlande ...

„Doch Gott, der alles Weh ersicht,Erhörte dieses Tages Opfer nicht.“

„Doch Gott, der alles Weh ersicht,

Erhörte dieses Tages Opfer nicht.“

Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.

Doch hätte ich dies thunkönnen, denn ich habe hier Dokumente vor mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.

Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...

Dies alles weiss ich nicht!

Doch ich weissmehrals dies alles. Ich weissund kann beweisen, dass es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass,was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, dass ich dieNamen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, Auseinandersetzungen, die nur fürdenBeweiskraft haben würden, der die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschriftder Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.

Aber was dieHauptsachebetrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!

Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen Felsen auswerfen wird? Oder—um auf die Ebene zu gelangen, in der mein Buch liegt—will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserindieses unsterblichen Plaidoyers—unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des Talentes, sondern wegen derTendenzund wegen derWirkung—wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht misshandelt, denn—es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld—oder die meine—dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der Lüge borgen muss?

Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man ‚Eingeborene‘ nennt. Doch wäre immerhin ihr Einwurf begründet: wersolcheBedenken als Beweis gegen die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse,weilder Inländer nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...

Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im Ruhestande, nichtdashabt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bevölkerungnicht misshandeltwird, gleichgültig, ob es sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber Leuten, dienichtlieben, diekeineschwermütigen Lieder singen, dienichtsentimental sind?

Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält, wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine „weitgehende“ ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet wurde:eine Note, die vor mir liegt!

Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.

O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart gestraft. Er wurde ermordet.

1Badjing= das javanische Eichhörnchen.

1Badjing= das javanische Eichhörnchen.


Back to IndexNext