Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.—Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem ‚faux-air Napoléon‘ gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür bestanden als Recht und Billigkeit.Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhélingund Ankola—dies war der Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich zur Ruhe gebrachten Battahlanden—waren wohl noch nicht gesäubert von atjinesischem Einfluss—denn wo religiöser Fanatismus einmal seine Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig—aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später—wie Sie wohl wissen, Verbrugge—wieder geräumt wurden.Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, der Schwiegersohn desAssistent-Residentenin den Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben waren,doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre 1846 im Krawangschenund bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die—wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss—Jang di Pertuan als Verräter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse niedergelegt warenund die die Strenge der getroffenen Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als einGefangenervon Mandhéling gegangen. Zu Natal war ergefangen. An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich auch einGefangener. Er erwartete also—schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war—auch in Padang als ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass erfreisei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern mit dem Hochmut jemandes, dersohoch steht, dass er eine Erklärung seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher:untersuchtwar diese Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als ‚non avenu‘ betrachtet, und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser—der sich persönlich für die Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte—begründete Ursache hatte, ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war und ihn also—im Zorn über das ungerechtfertigte Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste widersetzt hatte—höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement abberufen haben würde.»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten—die Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen Präsident er war, des Inhaltes:Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkungund zu—wie ich meine—zwanzigjährigerZwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku von Natal.»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn erdaJangdiPertuan Hochverrats anklagt!«Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem »Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.»Auf die Frage an den Beschuldigten: ‚was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan Salimund denKontrolleur von Natal geplanten Mordanschlag bewogen habe?‘ antwortete er: ‚er sei dazu gedungen worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von Mandhéling‘.«»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil ist nach dem ‚fiat executio‘ des Residenten, was die Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen,wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt hätte«.»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte er hinzu.Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen, was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, das er von Bord mitgebracht hatte, nichtmirzur Bedeckung abstand, wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auchin den Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten, andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«, den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig Malayisch verstand—und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von Sumatra gesprochen wird—so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte; dass ernichtauf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass diesernichtaus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der Pression des Vorsitzenden—meines Vorgängers—und des Ratsmitgliedes Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel’ Herzen, oder ich schneide dir denHals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des MannesUnschuldbeweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser ... Ungenauigkeit widersetzt, die ebensoweit ging, dass ich mich einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen« hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.—Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren, sagte Duclari.—Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen, dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr, dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselungund Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl, mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, die der Politik des Generals im Wege standen.—Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.—Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das ‚fiat executio‘ verliehen hatte, wurde ...—Suspendiert?—Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend uns regierte.—Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?—O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr angesehene Posten bekleidet.—Und Sutan Salim?—Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor anstellte, Tine?—Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.—Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!—Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal amErzählen sind: darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig duellierten?—Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes, der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein hatte aneinemMorgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man’s ... ich weiss nicht, warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen Tagen ... komm mal her, Max—nein, fang’ das Tierchen nicht—komm her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch, ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, aufdas Tierquälen, auf die »loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der Vorgalerie nach Parang-Kudjang—dem Distrikt der »weitgehenden Missbräuche«—ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von dort zurückgekehrt war.Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indienden Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und achtete bald nicht mehr darauf.Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu lassen, dochunbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohneGegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen Sonnenhitze und Westmūsson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem Max zusammen sein konnte?EinenUmstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigenzu lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht die Bevölkerung, die aufÄusserlichkeitenausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche ArtArbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung vonHerrendienstist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamtenin einzelnen Fällennicht allzu streng, und vor allem nicht nach europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst würde es—vielleicht, da es ihr ungewohnt ist—sehr sonderbar finden, wenn erstetsundin allen Fällensich streng an die Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können, die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer, einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die BezahlungeinesKornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog—weil, wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich sein ganzesReich vernichten würde—möge er nun Timurleng, Nureddin oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen, dass Neigung zusolchenMissbräuchen in einem Lande besteht, wosolchewarnenden Lehren gegeben werden.Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel, dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er—weder in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal—von diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen, und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden Einkerkerung den Vorzug geben.Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt hatte.Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern, und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage, als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem höchst traurigen Zustande befand.Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm, dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung, und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich gesagthaben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde, wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei ergreifen werde.Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über die herrschenden Missbräuche gesprochen—»abouchiert« nannte es Verbrugge—und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes Lauf aufzuhalten.Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte, hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch, dassnach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre vonhöheremodergeringerem, sondern vielmehr vonsehr hohemMasse, worauf ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung Tjiringien—auch zu Bantam gehörend—noch ärger bestellt sei«.Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt, im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, die Ursachen hiervon darzulegen.Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu werden, den man pflichtgemäss offenbart.Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen undschriftlichen Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich behandeln, und—noch sonderbarer—häufig selbst in Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn ... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: »Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen zeugen freilich von einersehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« mit unangenehmen Berichten!Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald—meistens, wenn der Berichterstatter abgetreten ist—unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-KudjangweitgehendemMissbrauch« zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note warinoffiziell, und sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zusprechenhatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in einemoffenbaren Dienstschreibenbeim wahren Namen genannt hatte.Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile:unwahr.Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel und wie viele MenschenlebenEngland erspart worden wären, wenn man zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise indiesemBuche zu liefern, vertraue ich gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, dass sie vorhanden sind.Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden werden kann.Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche nach diesen Rapporten übergeführt istausResidentschaften auf JavanachResidenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikolsmehrbeträgt als der Reis, der—nach denselben Rapporten—inResidentschaften auf JavaausResidentschaften auf Java eingeführt ist.Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporteannimmt und publiziert, und will den Leser nur auf dieAbsichtbei dieser Fälschung aufmerksam machen.Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels haben könne.Ausfuhraus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,Einfuhr: entsprechenden Mangel.Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dassalle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung:dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort ist. Das ist doch Wohlstand!Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht,ohne dass irgend etwas für die Beseitigung des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange unterdrückte Unzufriedenheit—unterdrückt, damit man fortfahren könne, sie zu leugnen!—endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene Häuptlinge handelt.Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie demsei, die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum SprichwortgeeichteMeinung, dass die Regierung lieber zehn Residenten entlasse alseinenRegenten. Auch die vorgeschützten politischen Gründe—wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen—sind gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber diesen Häuptlingen fallen sollte.Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche Heuchelei der human lautenden Bestimmungen—und der Eide!—die den Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele anführen, wie er stets, auch wo ergekränkt und beleidigt war, den Part eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem—ausser von Tine—der ihn darauf über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, die solche Tiere schuf.Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal herunterzuholen, auf das seine Umgebung—man mochte ihn lieben oder nicht—wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, eristgeistvoll, aber ... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »eristverständig, doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, eristgutherzig ... doch er kokettiert damit!«Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich allein war, wolletihrdieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung der Koketterie?Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar, die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig haben würde!War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde—Sappho hiess das Tier—in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete, dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an die Gutherzigkeit selbst.Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt—wenn ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits unter der Linie!—ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht, wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher geringen Höhe auch immer.Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:—Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!Du hast den ganzen Tag so wild gespieltUnd bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.—Ach, Mutter, lass mich noch ’nen Augenblick!Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,Da drin auf meiner Matte, schlaf’ ich gleich,Und weiss nicht einmal, was ich träume! HierKann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,Was war das?Was war das?—Es war ein Klapper, der da fiel.—Thut das dem Klapper weh?—Thut das dem Klapper weh?—Ich glaube nicht.Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Nein.Man sagt, sie fühle nicht.Man sagt, sie fühle nicht.—Warum denn, Mutter,Als gestern ich die Pukul ampat brach,Hast du gesagt: es thut der Blume weh!—Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,Das that mir für die arme Blume leid.Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,Ichfühlt’ es für die Blume, weil sie schön war.—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Nein, mein Kind,Ich glaube nicht.Ich glaube nicht.—Alleinduhast Gefühl?—Ja, Menschen haben’s ... doch nicht alle gleich.—Und kanndiretwas weh thun? Thut dir’s weh,Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?—Nein,dasthut mir nicht weh!—Nein, d a s thut mir nicht weh!—Und, Mutter, ich ...Hab’ichGefühl?Hab’ i c h Gefühl?—Gewiss, erinn’re dich,Wie du, gestrauchelt einst, an einem SteinDein Händchen hast verwundet und geweint.Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tiefIn eine Schlucht hinunterfiel und starb.Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?—Ja, oft!Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,Wenn’s Schwesterlein dir in die Haare greiftUnd krähend dir’s Gesichtchen nahe drückt,Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.—Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?—Vielleicht, mein Kind, wir wissen’s aber nicht,Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Ein Hirsch,Der sich verspätet im Gebüsch und jetztMit Eile heimwärts kehrt und Ruhe suchtBei andern Hirschen, die ihm lieb sind.Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.—Mutter,Hat solch einHirschein Schwesterlein wie ich?Und eine Mutter auch?Und eine Mutter auch?—Ich weiss nicht, Kind.—Das würde traurig sein, wenn’s nicht so wäre!Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?—’s ist eine Feuerfliege.—’s ist eine Feuerfliege.—Darf ich’s fangen?—Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobaldDu’s mit den Fingern allzu roh berührst,Ist’s Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.—Das wäre schade! Nein, ich fang’ es nicht!Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...Ich fang’ es doch nicht! Wieder fliegt es fortUnd freut sich, dass ich’s nicht gefangen habe.Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was istdas,Sind das auch Feuerfliegen dort?Sind das auch Feuerfliegen dort?—Das sindDie Sterne.Die Sterne.—Ein, und zehn, und tausend!Wieviel sind denn wohl da?Wieviel sind denn wohl da?—Ich weiss es nicht,Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.—Sag, Mutter, zählt auchErdie Sterne nicht?Nein, liebes Kind, auchErnicht.Nein, liebes Kind, auch E r nicht.—Ist das weitDort oben, wo die Sterne sind?Dort oben, wo die Sterne sind?—Sehr weit—Doch haben diese Sterne auch Gefühl?Und würden sie, wenn ich sie mit der HandBerührte, gleich erkranken und den GlanzVerlieren, wie das Flieglein?—Sieh, noch schwebt es!—Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?—Nein,Weh thut’s den Sternen nicht! Doch ’s ist zu weitFür deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.—KannErdie Sterne fangen mit der Hand?—AuchErnicht: das kann niemand!—Auch E r nicht: das kann niemand!—Das ist schade!Ich gäb’ so gern dir einen! Wenn ich gross bin,Dann will ich so dich lieben, dass ich’s kann.Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumteAuch sie und dacht’ an den, der fern war ...Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe, wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.

Vierzehntes Kapitel.—Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem ‚faux-air Napoléon‘ gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür bestanden als Recht und Billigkeit.Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhélingund Ankola—dies war der Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich zur Ruhe gebrachten Battahlanden—waren wohl noch nicht gesäubert von atjinesischem Einfluss—denn wo religiöser Fanatismus einmal seine Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig—aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später—wie Sie wohl wissen, Verbrugge—wieder geräumt wurden.Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, der Schwiegersohn desAssistent-Residentenin den Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben waren,doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre 1846 im Krawangschenund bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die—wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss—Jang di Pertuan als Verräter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse niedergelegt warenund die die Strenge der getroffenen Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als einGefangenervon Mandhéling gegangen. Zu Natal war ergefangen. An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich auch einGefangener. Er erwartete also—schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war—auch in Padang als ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass erfreisei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern mit dem Hochmut jemandes, dersohoch steht, dass er eine Erklärung seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher:untersuchtwar diese Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als ‚non avenu‘ betrachtet, und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser—der sich persönlich für die Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte—begründete Ursache hatte, ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war und ihn also—im Zorn über das ungerechtfertigte Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste widersetzt hatte—höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement abberufen haben würde.»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten—die Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen Präsident er war, des Inhaltes:Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkungund zu—wie ich meine—zwanzigjährigerZwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku von Natal.»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn erdaJangdiPertuan Hochverrats anklagt!«Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem »Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.»Auf die Frage an den Beschuldigten: ‚was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan Salimund denKontrolleur von Natal geplanten Mordanschlag bewogen habe?‘ antwortete er: ‚er sei dazu gedungen worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von Mandhéling‘.«»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil ist nach dem ‚fiat executio‘ des Residenten, was die Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen,wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt hätte«.»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte er hinzu.Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen, was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, das er von Bord mitgebracht hatte, nichtmirzur Bedeckung abstand, wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auchin den Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten, andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«, den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig Malayisch verstand—und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von Sumatra gesprochen wird—so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte; dass ernichtauf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass diesernichtaus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der Pression des Vorsitzenden—meines Vorgängers—und des Ratsmitgliedes Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel’ Herzen, oder ich schneide dir denHals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des MannesUnschuldbeweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser ... Ungenauigkeit widersetzt, die ebensoweit ging, dass ich mich einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen« hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.—Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren, sagte Duclari.—Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen, dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr, dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselungund Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl, mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, die der Politik des Generals im Wege standen.—Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.—Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das ‚fiat executio‘ verliehen hatte, wurde ...—Suspendiert?—Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend uns regierte.—Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?—O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr angesehene Posten bekleidet.—Und Sutan Salim?—Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor anstellte, Tine?—Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.—Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!—Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal amErzählen sind: darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig duellierten?—Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes, der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein hatte aneinemMorgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man’s ... ich weiss nicht, warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen Tagen ... komm mal her, Max—nein, fang’ das Tierchen nicht—komm her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch, ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, aufdas Tierquälen, auf die »loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der Vorgalerie nach Parang-Kudjang—dem Distrikt der »weitgehenden Missbräuche«—ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von dort zurückgekehrt war.Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indienden Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und achtete bald nicht mehr darauf.Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu lassen, dochunbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohneGegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen Sonnenhitze und Westmūsson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem Max zusammen sein konnte?EinenUmstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigenzu lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht die Bevölkerung, die aufÄusserlichkeitenausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche ArtArbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung vonHerrendienstist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamtenin einzelnen Fällennicht allzu streng, und vor allem nicht nach europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst würde es—vielleicht, da es ihr ungewohnt ist—sehr sonderbar finden, wenn erstetsundin allen Fällensich streng an die Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können, die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer, einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die BezahlungeinesKornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog—weil, wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich sein ganzesReich vernichten würde—möge er nun Timurleng, Nureddin oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen, dass Neigung zusolchenMissbräuchen in einem Lande besteht, wosolchewarnenden Lehren gegeben werden.Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel, dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er—weder in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal—von diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen, und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden Einkerkerung den Vorzug geben.Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt hatte.Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern, und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage, als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem höchst traurigen Zustande befand.Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm, dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung, und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich gesagthaben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde, wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei ergreifen werde.Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über die herrschenden Missbräuche gesprochen—»abouchiert« nannte es Verbrugge—und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes Lauf aufzuhalten.Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte, hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch, dassnach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre vonhöheremodergeringerem, sondern vielmehr vonsehr hohemMasse, worauf ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung Tjiringien—auch zu Bantam gehörend—noch ärger bestellt sei«.Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt, im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, die Ursachen hiervon darzulegen.Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu werden, den man pflichtgemäss offenbart.Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen undschriftlichen Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich behandeln, und—noch sonderbarer—häufig selbst in Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn ... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: »Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen zeugen freilich von einersehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« mit unangenehmen Berichten!Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald—meistens, wenn der Berichterstatter abgetreten ist—unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-KudjangweitgehendemMissbrauch« zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note warinoffiziell, und sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zusprechenhatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in einemoffenbaren Dienstschreibenbeim wahren Namen genannt hatte.Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile:unwahr.Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel und wie viele MenschenlebenEngland erspart worden wären, wenn man zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise indiesemBuche zu liefern, vertraue ich gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, dass sie vorhanden sind.Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden werden kann.Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche nach diesen Rapporten übergeführt istausResidentschaften auf JavanachResidenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikolsmehrbeträgt als der Reis, der—nach denselben Rapporten—inResidentschaften auf JavaausResidentschaften auf Java eingeführt ist.Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporteannimmt und publiziert, und will den Leser nur auf dieAbsichtbei dieser Fälschung aufmerksam machen.Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels haben könne.Ausfuhraus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,Einfuhr: entsprechenden Mangel.Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dassalle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung:dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort ist. Das ist doch Wohlstand!Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht,ohne dass irgend etwas für die Beseitigung des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange unterdrückte Unzufriedenheit—unterdrückt, damit man fortfahren könne, sie zu leugnen!—endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene Häuptlinge handelt.Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie demsei, die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum SprichwortgeeichteMeinung, dass die Regierung lieber zehn Residenten entlasse alseinenRegenten. Auch die vorgeschützten politischen Gründe—wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen—sind gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber diesen Häuptlingen fallen sollte.Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche Heuchelei der human lautenden Bestimmungen—und der Eide!—die den Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele anführen, wie er stets, auch wo ergekränkt und beleidigt war, den Part eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem—ausser von Tine—der ihn darauf über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, die solche Tiere schuf.Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal herunterzuholen, auf das seine Umgebung—man mochte ihn lieben oder nicht—wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, eristgeistvoll, aber ... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »eristverständig, doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, eristgutherzig ... doch er kokettiert damit!«Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich allein war, wolletihrdieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung der Koketterie?Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar, die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig haben würde!War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde—Sappho hiess das Tier—in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete, dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an die Gutherzigkeit selbst.Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt—wenn ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits unter der Linie!—ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht, wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher geringen Höhe auch immer.Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:—Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!Du hast den ganzen Tag so wild gespieltUnd bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.—Ach, Mutter, lass mich noch ’nen Augenblick!Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,Da drin auf meiner Matte, schlaf’ ich gleich,Und weiss nicht einmal, was ich träume! HierKann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,Was war das?Was war das?—Es war ein Klapper, der da fiel.—Thut das dem Klapper weh?—Thut das dem Klapper weh?—Ich glaube nicht.Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Nein.Man sagt, sie fühle nicht.Man sagt, sie fühle nicht.—Warum denn, Mutter,Als gestern ich die Pukul ampat brach,Hast du gesagt: es thut der Blume weh!—Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,Das that mir für die arme Blume leid.Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,Ichfühlt’ es für die Blume, weil sie schön war.—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Nein, mein Kind,Ich glaube nicht.Ich glaube nicht.—Alleinduhast Gefühl?—Ja, Menschen haben’s ... doch nicht alle gleich.—Und kanndiretwas weh thun? Thut dir’s weh,Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?—Nein,dasthut mir nicht weh!—Nein, d a s thut mir nicht weh!—Und, Mutter, ich ...Hab’ichGefühl?Hab’ i c h Gefühl?—Gewiss, erinn’re dich,Wie du, gestrauchelt einst, an einem SteinDein Händchen hast verwundet und geweint.Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tiefIn eine Schlucht hinunterfiel und starb.Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?—Ja, oft!Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,Wenn’s Schwesterlein dir in die Haare greiftUnd krähend dir’s Gesichtchen nahe drückt,Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.—Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?—Vielleicht, mein Kind, wir wissen’s aber nicht,Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Ein Hirsch,Der sich verspätet im Gebüsch und jetztMit Eile heimwärts kehrt und Ruhe suchtBei andern Hirschen, die ihm lieb sind.Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.—Mutter,Hat solch einHirschein Schwesterlein wie ich?Und eine Mutter auch?Und eine Mutter auch?—Ich weiss nicht, Kind.—Das würde traurig sein, wenn’s nicht so wäre!Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?—’s ist eine Feuerfliege.—’s ist eine Feuerfliege.—Darf ich’s fangen?—Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobaldDu’s mit den Fingern allzu roh berührst,Ist’s Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.—Das wäre schade! Nein, ich fang’ es nicht!Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...Ich fang’ es doch nicht! Wieder fliegt es fortUnd freut sich, dass ich’s nicht gefangen habe.Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was istdas,Sind das auch Feuerfliegen dort?Sind das auch Feuerfliegen dort?—Das sindDie Sterne.Die Sterne.—Ein, und zehn, und tausend!Wieviel sind denn wohl da?Wieviel sind denn wohl da?—Ich weiss es nicht,Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.—Sag, Mutter, zählt auchErdie Sterne nicht?Nein, liebes Kind, auchErnicht.Nein, liebes Kind, auch E r nicht.—Ist das weitDort oben, wo die Sterne sind?Dort oben, wo die Sterne sind?—Sehr weit—Doch haben diese Sterne auch Gefühl?Und würden sie, wenn ich sie mit der HandBerührte, gleich erkranken und den GlanzVerlieren, wie das Flieglein?—Sieh, noch schwebt es!—Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?—Nein,Weh thut’s den Sternen nicht! Doch ’s ist zu weitFür deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.—KannErdie Sterne fangen mit der Hand?—AuchErnicht: das kann niemand!—Auch E r nicht: das kann niemand!—Das ist schade!Ich gäb’ so gern dir einen! Wenn ich gross bin,Dann will ich so dich lieben, dass ich’s kann.Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumteAuch sie und dacht’ an den, der fern war ...Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe, wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.

—Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem ‚faux-air Napoléon‘ gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür bestanden als Recht und Billigkeit.

Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhélingund Ankola—dies war der Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich zur Ruhe gebrachten Battahlanden—waren wohl noch nicht gesäubert von atjinesischem Einfluss—denn wo religiöser Fanatismus einmal seine Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig—aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später—wie Sie wohl wissen, Verbrugge—wieder geräumt wurden.

Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.

Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.

Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, der Schwiegersohn desAssistent-Residentenin den Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben waren,doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.

Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.

Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre 1846 im Krawangschenund bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.

So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die—wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss—Jang di Pertuan als Verräter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.

Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.

Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse niedergelegt warenund die die Strenge der getroffenen Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als einGefangenervon Mandhéling gegangen. Zu Natal war ergefangen. An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich auch einGefangener. Er erwartete also—schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war—auch in Padang als ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass erfreisei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern mit dem Hochmut jemandes, dersohoch steht, dass er eine Erklärung seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher:untersuchtwar diese Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als ‚non avenu‘ betrachtet, und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.

Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser—der sich persönlich für die Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte—begründete Ursache hatte, ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war und ihn also—im Zorn über das ungerechtfertigte Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste widersetzt hatte—höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement abberufen haben würde.

»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten—die Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«

Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen Präsident er war, des Inhaltes:Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkungund zu—wie ich meine—zwanzigjährigerZwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku von Natal.

»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn erdaJangdiPertuan Hochverrats anklagt!«

Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem »Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.

»Auf die Frage an den Beschuldigten: ‚was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan Salimund denKontrolleur von Natal geplanten Mordanschlag bewogen habe?‘ antwortete er: ‚er sei dazu gedungen worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von Mandhéling‘.«

»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil ist nach dem ‚fiat executio‘ des Residenten, was die Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen,wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«

Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt hätte«.

»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte er hinzu.

Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen, was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, das er von Bord mitgebracht hatte, nichtmirzur Bedeckung abstand, wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auchin den Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.

Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten, andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«, den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig Malayisch verstand—und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von Sumatra gesprochen wird—so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte; dass ernichtauf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass diesernichtaus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der Pression des Vorsitzenden—meines Vorgängers—und des Ratsmitgliedes Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.

Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel’ Herzen, oder ich schneide dir denHals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.

Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des MannesUnschuldbeweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser ... Ungenauigkeit widersetzt, die ebensoweit ging, dass ich mich einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen« hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.

—Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren, sagte Duclari.

—Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen, dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr, dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselungund Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl, mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, die der Politik des Generals im Wege standen.

—Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.

—Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das ‚fiat executio‘ verliehen hatte, wurde ...

—Suspendiert?

—Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend uns regierte.

—Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?

—O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr angesehene Posten bekleidet.

—Und Sutan Salim?

—Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor anstellte, Tine?

—Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.

—Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!

—Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal amErzählen sind: darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig duellierten?

—Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes, der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein hatte aneinemMorgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man’s ... ich weiss nicht, warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen Tagen ... komm mal her, Max—nein, fang’ das Tierchen nicht—komm her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch, ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?

So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, aufdas Tierquälen, auf die »loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!

Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der Vorgalerie nach Parang-Kudjang—dem Distrikt der »weitgehenden Missbräuche«—ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von dort zurückgekehrt war.

Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.

Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indienden Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.

Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.

Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und achtete bald nicht mehr darauf.

Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu lassen, dochunbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohneGegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen Sonnenhitze und Westmūsson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem Max zusammen sein konnte?

EinenUmstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.

Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigenzu lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.

Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht die Bevölkerung, die aufÄusserlichkeitenausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche ArtArbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung vonHerrendienstist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.

Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamtenin einzelnen Fällennicht allzu streng, und vor allem nicht nach europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst würde es—vielleicht, da es ihr ungewohnt ist—sehr sonderbar finden, wenn erstetsundin allen Fällensich streng an die Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können, die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer, einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die BezahlungeinesKornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog—weil, wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich sein ganzesReich vernichten würde—möge er nun Timurleng, Nureddin oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen, dass Neigung zusolchenMissbräuchen in einem Lande besteht, wosolchewarnenden Lehren gegeben werden.

Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel, dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er—weder in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal—von diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen, und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden Einkerkerung den Vorzug geben.

Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt hatte.

Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern, und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage, als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem höchst traurigen Zustande befand.

Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm, dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung, und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich gesagthaben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde, wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.

Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei ergreifen werde.

Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über die herrschenden Missbräuche gesprochen—»abouchiert« nannte es Verbrugge—und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes Lauf aufzuhalten.

Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte, hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch, dassnach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre vonhöheremodergeringerem, sondern vielmehr vonsehr hohemMasse, worauf ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung Tjiringien—auch zu Bantam gehörend—noch ärger bestellt sei«.

Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt, im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, die Ursachen hiervon darzulegen.

Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu werden, den man pflichtgemäss offenbart.

Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen undschriftlichen Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich behandeln, und—noch sonderbarer—häufig selbst in Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn ... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«

Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: »Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen zeugen freilich von einersehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« mit unangenehmen Berichten!

Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald—meistens, wenn der Berichterstatter abgetreten ist—unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.

Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-KudjangweitgehendemMissbrauch« zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note warinoffiziell, und sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zusprechenhatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in einemoffenbaren Dienstschreibenbeim wahren Namen genannt hatte.

Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile:unwahr.

Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel und wie viele MenschenlebenEngland erspart worden wären, wenn man zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.

Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise indiesemBuche zu liefern, vertraue ich gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, dass sie vorhanden sind.

Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden werden kann.

Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche nach diesen Rapporten übergeführt istausResidentschaften auf JavanachResidenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikolsmehrbeträgt als der Reis, der—nach denselben Rapporten—inResidentschaften auf JavaausResidentschaften auf Java eingeführt ist.

Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporteannimmt und publiziert, und will den Leser nur auf dieAbsichtbei dieser Fälschung aufmerksam machen.

Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels haben könne.Ausfuhraus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,Einfuhr: entsprechenden Mangel.

Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dassalle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung:dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort ist. Das ist doch Wohlstand!

Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht,ohne dass irgend etwas für die Beseitigung des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange unterdrückte Unzufriedenheit—unterdrückt, damit man fortfahren könne, sie zu leugnen!—endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?

Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?

Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene Häuptlinge handelt.

Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie demsei, die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum SprichwortgeeichteMeinung, dass die Regierung lieber zehn Residenten entlasse alseinenRegenten. Auch die vorgeschützten politischen Gründe—wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen—sind gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber diesen Häuptlingen fallen sollte.

Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche Heuchelei der human lautenden Bestimmungen—und der Eide!—die den Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.

Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele anführen, wie er stets, auch wo ergekränkt und beleidigt war, den Part eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem—ausser von Tine—der ihn darauf über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, die solche Tiere schuf.

Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal herunterzuholen, auf das seine Umgebung—man mochte ihn lieben oder nicht—wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, eristgeistvoll, aber ... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »eristverständig, doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, eristgutherzig ... doch er kokettiert damit!«

Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich allein war, wolletihrdieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung der Koketterie?

Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar, die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig haben würde!

War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde—Sappho hiess das Tier—in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete, dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an die Gutherzigkeit selbst.

Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt—wenn ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits unter der Linie!—ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht, wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher geringen Höhe auch immer.

Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:

—Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!Du hast den ganzen Tag so wild gespieltUnd bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.—Ach, Mutter, lass mich noch ’nen Augenblick!Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,Da drin auf meiner Matte, schlaf’ ich gleich,Und weiss nicht einmal, was ich träume! HierKann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,Was war das?Was war das?—Es war ein Klapper, der da fiel.—Thut das dem Klapper weh?—Thut das dem Klapper weh?—Ich glaube nicht.Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Nein.Man sagt, sie fühle nicht.Man sagt, sie fühle nicht.—Warum denn, Mutter,Als gestern ich die Pukul ampat brach,Hast du gesagt: es thut der Blume weh!—Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,Das that mir für die arme Blume leid.Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,Ichfühlt’ es für die Blume, weil sie schön war.—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Nein, mein Kind,Ich glaube nicht.Ich glaube nicht.—Alleinduhast Gefühl?—Ja, Menschen haben’s ... doch nicht alle gleich.—Und kanndiretwas weh thun? Thut dir’s weh,Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?—Nein,dasthut mir nicht weh!—Nein, d a s thut mir nicht weh!—Und, Mutter, ich ...Hab’ichGefühl?Hab’ i c h Gefühl?—Gewiss, erinn’re dich,Wie du, gestrauchelt einst, an einem SteinDein Händchen hast verwundet und geweint.Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tiefIn eine Schlucht hinunterfiel und starb.Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?—Ja, oft!Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,Wenn’s Schwesterlein dir in die Haare greiftUnd krähend dir’s Gesichtchen nahe drückt,Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.—Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?—Vielleicht, mein Kind, wir wissen’s aber nicht,Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Ein Hirsch,Der sich verspätet im Gebüsch und jetztMit Eile heimwärts kehrt und Ruhe suchtBei andern Hirschen, die ihm lieb sind.Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.—Mutter,Hat solch einHirschein Schwesterlein wie ich?Und eine Mutter auch?Und eine Mutter auch?—Ich weiss nicht, Kind.—Das würde traurig sein, wenn’s nicht so wäre!Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?—’s ist eine Feuerfliege.—’s ist eine Feuerfliege.—Darf ich’s fangen?—Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobaldDu’s mit den Fingern allzu roh berührst,Ist’s Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.—Das wäre schade! Nein, ich fang’ es nicht!Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...Ich fang’ es doch nicht! Wieder fliegt es fortUnd freut sich, dass ich’s nicht gefangen habe.Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was istdas,Sind das auch Feuerfliegen dort?Sind das auch Feuerfliegen dort?—Das sindDie Sterne.Die Sterne.—Ein, und zehn, und tausend!Wieviel sind denn wohl da?Wieviel sind denn wohl da?—Ich weiss es nicht,Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.—Sag, Mutter, zählt auchErdie Sterne nicht?Nein, liebes Kind, auchErnicht.Nein, liebes Kind, auch E r nicht.—Ist das weitDort oben, wo die Sterne sind?Dort oben, wo die Sterne sind?—Sehr weit—Doch haben diese Sterne auch Gefühl?Und würden sie, wenn ich sie mit der HandBerührte, gleich erkranken und den GlanzVerlieren, wie das Flieglein?—Sieh, noch schwebt es!—Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?—Nein,Weh thut’s den Sternen nicht! Doch ’s ist zu weitFür deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.—KannErdie Sterne fangen mit der Hand?—AuchErnicht: das kann niemand!—Auch E r nicht: das kann niemand!—Das ist schade!Ich gäb’ so gern dir einen! Wenn ich gross bin,Dann will ich so dich lieben, dass ich’s kann.Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumteAuch sie und dacht’ an den, der fern war ...

—Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!Du hast den ganzen Tag so wild gespieltUnd bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.

—Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!

Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,

Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!

Du hast den ganzen Tag so wild gespielt

Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.

—Ach, Mutter, lass mich noch ’nen Augenblick!Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,Da drin auf meiner Matte, schlaf’ ich gleich,Und weiss nicht einmal, was ich träume! HierKann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,Was war das?Was war das?—Es war ein Klapper, der da fiel.—Thut das dem Klapper weh?—Thut das dem Klapper weh?—Ich glaube nicht.Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.

—Ach, Mutter, lass mich noch ’nen Augenblick!

Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,

Da drin auf meiner Matte, schlaf’ ich gleich,

Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier

Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,

Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,

Was war das?

Was war das?—Es war ein Klapper, der da fiel.

—Thut das dem Klapper weh?

—Thut das dem Klapper weh?—Ich glaube nicht.

Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.

—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Nein.Man sagt, sie fühle nicht.Man sagt, sie fühle nicht.—Warum denn, Mutter,Als gestern ich die Pukul ampat brach,Hast du gesagt: es thut der Blume weh!

—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?

—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?—Nein.

Man sagt, sie fühle nicht.

Man sagt, sie fühle nicht.—Warum denn, Mutter,

Als gestern ich die Pukul ampat brach,

Hast du gesagt: es thut der Blume weh!

—Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,Das that mir für die arme Blume leid.Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,Ichfühlt’ es für die Blume, weil sie schön war.

—Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,

Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,

Das that mir für die arme Blume leid.

Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,

Ichfühlt’ es für die Blume, weil sie schön war.

—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Nein, mein Kind,Ich glaube nicht.Ich glaube nicht.—Alleinduhast Gefühl?

—Doch, Mutter, bist du auch schön?

—Doch, Mutter, bist du auch schön?—Nein, mein Kind,

Ich glaube nicht.

Ich glaube nicht.—Alleinduhast Gefühl?

—Ja, Menschen haben’s ... doch nicht alle gleich.

—Ja, Menschen haben’s ... doch nicht alle gleich.

—Und kanndiretwas weh thun? Thut dir’s weh,Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?

—Und kanndiretwas weh thun? Thut dir’s weh,

Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?

—Nein,dasthut mir nicht weh!—Nein, d a s thut mir nicht weh!—Und, Mutter, ich ...Hab’ichGefühl?Hab’ i c h Gefühl?—Gewiss, erinn’re dich,Wie du, gestrauchelt einst, an einem SteinDein Händchen hast verwundet und geweint.Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tiefIn eine Schlucht hinunterfiel und starb.Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.

—Nein,dasthut mir nicht weh!

—Nein, d a s thut mir nicht weh!—Und, Mutter, ich ...

Hab’ichGefühl?

Hab’ i c h Gefühl?—Gewiss, erinn’re dich,

Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein

Dein Händchen hast verwundet und geweint.

Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,

Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief

In eine Schlucht hinunterfiel und starb.

Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.

Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?—Ja, oft!Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,Wenn’s Schwesterlein dir in die Haare greiftUnd krähend dir’s Gesichtchen nahe drückt,Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.

Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?

Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?—Ja, oft!

Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,

Wenn’s Schwesterlein dir in die Haare greift

Und krähend dir’s Gesichtchen nahe drückt,

Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.

—Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?

—Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,

Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?

—Vielleicht, mein Kind, wir wissen’s aber nicht,Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.

—Vielleicht, mein Kind, wir wissen’s aber nicht,

Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.

—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Ein Hirsch,Der sich verspätet im Gebüsch und jetztMit Eile heimwärts kehrt und Ruhe suchtBei andern Hirschen, die ihm lieb sind.Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.—Mutter,Hat solch einHirschein Schwesterlein wie ich?Und eine Mutter auch?Und eine Mutter auch?—Ich weiss nicht, Kind.

—Doch, Mutter ... höre, was war das?

—Doch, Mutter ... höre, was war das?—Ein Hirsch,

Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt

Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht

Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.

Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.—Mutter,

Hat solch einHirschein Schwesterlein wie ich?

Und eine Mutter auch?

Und eine Mutter auch?—Ich weiss nicht, Kind.

—Das würde traurig sein, wenn’s nicht so wäre!Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?

—Das würde traurig sein, wenn’s nicht so wäre!

Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?

Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?

—’s ist eine Feuerfliege.—’s ist eine Feuerfliege.—Darf ich’s fangen?

—’s ist eine Feuerfliege.

—’s ist eine Feuerfliege.—Darf ich’s fangen?

—Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobaldDu’s mit den Fingern allzu roh berührst,Ist’s Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.

—Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,

Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald

Du’s mit den Fingern allzu roh berührst,

Ist’s Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.

—Das wäre schade! Nein, ich fang’ es nicht!Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...Ich fang’ es doch nicht! Wieder fliegt es fortUnd freut sich, dass ich’s nicht gefangen habe.Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was istdas,Sind das auch Feuerfliegen dort?Sind das auch Feuerfliegen dort?—Das sindDie Sterne.Die Sterne.—Ein, und zehn, und tausend!Wieviel sind denn wohl da?Wieviel sind denn wohl da?—Ich weiss es nicht,Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.

—Das wäre schade! Nein, ich fang’ es nicht!

Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...

Ich fang’ es doch nicht! Wieder fliegt es fort

Und freut sich, dass ich’s nicht gefangen habe.

Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was istdas,

Sind das auch Feuerfliegen dort?

Sind das auch Feuerfliegen dort?—Das sind

Die Sterne.

Die Sterne.—Ein, und zehn, und tausend!

Wieviel sind denn wohl da?

Wieviel sind denn wohl da?—Ich weiss es nicht,

Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.

—Sag, Mutter, zählt auchErdie Sterne nicht?

—Sag, Mutter, zählt auchErdie Sterne nicht?

Nein, liebes Kind, auchErnicht.Nein, liebes Kind, auch E r nicht.—Ist das weitDort oben, wo die Sterne sind?Dort oben, wo die Sterne sind?—Sehr weit

Nein, liebes Kind, auchErnicht.

Nein, liebes Kind, auch E r nicht.—Ist das weit

Dort oben, wo die Sterne sind?

Dort oben, wo die Sterne sind?—Sehr weit

—Doch haben diese Sterne auch Gefühl?Und würden sie, wenn ich sie mit der HandBerührte, gleich erkranken und den GlanzVerlieren, wie das Flieglein?—Sieh, noch schwebt es!—Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?—Nein,Weh thut’s den Sternen nicht! Doch ’s ist zu weitFür deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.

—Doch haben diese Sterne auch Gefühl?

Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand

Berührte, gleich erkranken und den Glanz

Verlieren, wie das Flieglein?—Sieh, noch schwebt es!—

Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?

Sag’, würd’ es auch den Sternen weh thun?—Nein,

Weh thut’s den Sternen nicht! Doch ’s ist zu weit

Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.

—KannErdie Sterne fangen mit der Hand?

—KannErdie Sterne fangen mit der Hand?

—AuchErnicht: das kann niemand!—Auch E r nicht: das kann niemand!—Das ist schade!Ich gäb’ so gern dir einen! Wenn ich gross bin,Dann will ich so dich lieben, dass ich’s kann.

—AuchErnicht: das kann niemand!

—Auch E r nicht: das kann niemand!—Das ist schade!

Ich gäb’ so gern dir einen! Wenn ich gross bin,

Dann will ich so dich lieben, dass ich’s kann.

Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumteAuch sie und dacht’ an den, der fern war ...

Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,

Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...

Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte

Auch sie und dacht’ an den, der fern war ...

Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe, wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.


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