Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein ‚Legebild‘ ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau« nicht finden konnte.—Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige ‚line of beauty‘ von Hogarth, nicht wahr?—Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.—So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, wo du das gestickt hast, Tine!—Ich nicht. Wo denn?—Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte, und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.Tine stand auf und küsste den Kleinen.—Ichhab’ ihren Bauch, ichhab’ ihren Bauch! rief das Kind fröhlich, und die rote Frau war komplett.—Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.—Ich, sagte der kleine Max.—Und was bedeutet das?—Schlafengehen! Aber ... ich hab’ noch nicht gegessen.—Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien, denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.—Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.—O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie abgebrochen waren.—Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!—Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist alles binnen kurzer Zeit geregelt.—Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...—Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur bist.Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.—Lieber Max ... begann sie freundlich.—Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst du leben vonSand?—Lieber Max!Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:—Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!—Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu kommen über dieArtvon Arbeit, die er verrichten lassen will von den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, um fürihnzu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.—Und, fuhr Havelaar fort, das fällt allesmeinerVerantwortung zur Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, dasitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit Frau und Kindern!« Ja, ich hör’ es wohl, ich hör’ es wohl das Rufen nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.—Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen—eine Strohmatte—und als sie zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der Regierung.—Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würdezu vielan den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch als Sie selbst, M’nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...—Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam geworden durch seinen Versuch, den Adhipattizu bewegen, etwas gegen mich geltend zu machen—was ein Zeichen scheint, dass er versuchen möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B.michbeschuldigt des ... was weiss ich, welchen Vergehens—ich habe mich also hiergegen gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...—Da kommt die Post! rief Verbrugge.Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an dengewesenenAssistent-Residenten von Lebak, Havelaar:»Kabinett.Buitenzorg, den 23. März 1856.No. 54.Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine Unzufriedenheit erregt.In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic)Residenten das Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm beschwerlicher Untersuchungen zu machen.In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der Binnenländischen Verwaltung schliessen.Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes einesAssistent-Residenten von Ngawibetraut.Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt bleiben können.«Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien unterzeichnete.—Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück mit Duclari las.Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari, ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:—Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibtIhnensolch einen Brief!—Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt!—Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...—Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen, was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun, als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein, dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi zu gehen.Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her, er ist für mich freigemacht!Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die vakant war.—Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von Madiūn, wozu Ngawi gehört, ist derSchwager des vorigen Residenten von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten Vorbilder gehabt hätte ...—Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen, ob er sich vielleicht bessern würde!—Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal!—Lieber Max?—Du hast Mut, nicht wahr?—Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!—Also!Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens ein Muster von Wohlberedtheit:»Rangkas-Betung, den 29. März 1856.An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des Landes Diensten zu verleihen.Max Havelaar.«Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen weniger Tage in Lebak an.—Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den Kontrolleur Verbrugge:»No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856.An den Kontrolleur von Lebak.Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten verabschiedet bin.Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben, und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus Ursachen untergeordneterBedeutung wartete ich die Ankunft meines Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald—wenigstens diesen Monat noch—eintreffen würde.Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht so bald erwartet werden kann—Sie haben, meine ich, hiervon in Serang Kenntnis erhalten—und zugleich, dass es den Residenten verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung Ihnen übertragen zu dürfen.Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, nicht anders dienen zu können, als ich es hier that—ich, der ich für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit vertrauten—mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!—dass ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sachemirschwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ichKlägernAntwort zu geben hatte.Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich—unvorsichtig genug!—mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des Gouvernements.Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und Menschlichkeit.Und man fuhr mit Klagen fort!Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissivedazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung, Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und Kind Hunger und Armut entgegengehe.Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die Verwaltungwill, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:»Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«Someinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung,die mich noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen—wie man mir rapportiert—ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sichwiederzu mirund erklärt:dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren wage.Was ich nundiesemMann antworten soll, weiss ich nicht!Ichkannihm keinen Schutz mehr geben ... ichdarfihm meine Ohnmacht nicht gestehen ... ichwillden angeklagten Dorfhäuptling nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung der Abteilung Lebak.Der Assistent-Resident von Lebak,Max Havelaar.«Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll, wie es erlaubt war, man sei gekommen,um Havelaar zu begrüssen, und Max empfing manchen beredten Händedruck ...Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.Seine Excellenz»sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«, und könne also auch Havelaar nicht empfangen.Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche ‚Überhäufungen‘ ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit: erwartete!Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne, weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihmeinehalbe Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte zwischen zwei ‚Überhäufungen‘.Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde schien man ihm nicht geben zu wollen.Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies, um nicht aus dem MangelbuchstäblicherÜbereinstimmung beidiesemSchriftstück Zweifel entstehen zu lassenan der Echtheit der anderenoffiziellenSchriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, denvollkommengenauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist.Sachlichkorrekt war der Inhalt also:»Batavia, 23. Mai 1856.Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu werden, ist ohne Erfolg geblieben.Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten Ersuchen um Audienz Folge zu geben.Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig bei dem Gouvernement aufgenommen sind«—das sind Eurer Excellenz eigene Worte!—jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und für Ehre und Pflicht alles feil hatte ...sojemanden haben Euer Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Dennden hörtman zum mindesten.Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben,dass ich meinePflichtgethan habe,ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht, mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sinddurchweg erdichtet und lügenhaft.Ich kann diesesbeweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer Excellenz mireinehalbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn Euer Excellenzeinehalbe Stunde Zeit hätten finden können, umrecht zu thun!Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch an den Bettelstab gebracht ...Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.Doch Euer Excellenz habensanktioniert:Das System von Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht... unddarüberklage ich.Das schreit zum Himmel!Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihresalsoempfangenen indischen Soldes, Excellenz!Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache wohlerfasster Politik ist.So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in der Bevölkerung umgeht.Max Havelaar.«Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen trachtete. Seine Hoffnungwar eitel! Der Generalgouverneur ging fort, ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz zur Ruhe begeben ins Mutterland!Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf.Du bist nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist genug, Stern, du kannst gehen.Der Shawlmann und seine Frau ...Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder auf.Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.Dieses Ziel ist zweiteilig:Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.Und an zweiter Stelle:ich will gelesen werden!Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern, die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen, von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande ... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen ... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das Göttlein, dassiemachten nachihremBilde ... von Tausenden und Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die—indem sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren—am lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs ... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen, was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von Niederland gehört ...Ja, ichwerdegelesen werden!Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir nicht darum zu thun, dass ichgutschriebe ... ich wolltesoschreiben, dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt’ den Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art und Weise beurteilen wird, wie ichmein»Halt’ den Dieb!« hinausschrie.»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt ... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein Talent ... keine Methode ...Gut, gut, alles gut! Aber:Der Javane wird misshandelt!Denn:Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches,desto lieber wird sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht,dass ich gehört werde. Und daswillich!Doch ihr, die ich euch störe in euren ‚Arbeitsüberhäufungen‘ oder in eurem ‚Ruhestande‘, ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum Aufstande zwang.... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, dieöffentliche Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubesanruft.Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette, und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir fort und fortnichtglaubte ...Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um vonEuropazu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:Es liegt ein Raubstaat an der See,Zwischen Ostfriesland und der Schelde!Und wenn auch das nichts fruchtete?Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische, Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!Rettung und Hülfe—auf gesetzlichem Wege, wenn es seinkann... auf demrechtmässigenWege der Gewalt, wenn es sein muss.Und daswürde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft!Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.Dieses Buch ist eine Einleitung ...Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es nötig sein wird ...Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!Nein, eswirdnicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch, Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE, das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher Wille ist:Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und Droogstoppels?Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanenmisshandelt und ausgesogen werden inDeinemNamen?

Zwanzigstes Kapitel.Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein ‚Legebild‘ ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau« nicht finden konnte.—Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige ‚line of beauty‘ von Hogarth, nicht wahr?—Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.—So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, wo du das gestickt hast, Tine!—Ich nicht. Wo denn?—Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte, und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.Tine stand auf und küsste den Kleinen.—Ichhab’ ihren Bauch, ichhab’ ihren Bauch! rief das Kind fröhlich, und die rote Frau war komplett.—Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.—Ich, sagte der kleine Max.—Und was bedeutet das?—Schlafengehen! Aber ... ich hab’ noch nicht gegessen.—Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien, denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.—Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.—O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie abgebrochen waren.—Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!—Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist alles binnen kurzer Zeit geregelt.—Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...—Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur bist.Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.—Lieber Max ... begann sie freundlich.—Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst du leben vonSand?—Lieber Max!Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:—Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!—Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu kommen über dieArtvon Arbeit, die er verrichten lassen will von den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, um fürihnzu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.—Und, fuhr Havelaar fort, das fällt allesmeinerVerantwortung zur Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, dasitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit Frau und Kindern!« Ja, ich hör’ es wohl, ich hör’ es wohl das Rufen nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.—Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen—eine Strohmatte—und als sie zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der Regierung.—Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würdezu vielan den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch als Sie selbst, M’nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...—Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam geworden durch seinen Versuch, den Adhipattizu bewegen, etwas gegen mich geltend zu machen—was ein Zeichen scheint, dass er versuchen möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B.michbeschuldigt des ... was weiss ich, welchen Vergehens—ich habe mich also hiergegen gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...—Da kommt die Post! rief Verbrugge.Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an dengewesenenAssistent-Residenten von Lebak, Havelaar:»Kabinett.Buitenzorg, den 23. März 1856.No. 54.Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine Unzufriedenheit erregt.In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic)Residenten das Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm beschwerlicher Untersuchungen zu machen.In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der Binnenländischen Verwaltung schliessen.Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes einesAssistent-Residenten von Ngawibetraut.Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt bleiben können.«Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien unterzeichnete.—Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück mit Duclari las.Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari, ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:—Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibtIhnensolch einen Brief!—Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt!—Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...—Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen, was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun, als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein, dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi zu gehen.Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her, er ist für mich freigemacht!Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die vakant war.—Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von Madiūn, wozu Ngawi gehört, ist derSchwager des vorigen Residenten von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten Vorbilder gehabt hätte ...—Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen, ob er sich vielleicht bessern würde!—Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal!—Lieber Max?—Du hast Mut, nicht wahr?—Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!—Also!Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens ein Muster von Wohlberedtheit:»Rangkas-Betung, den 29. März 1856.An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des Landes Diensten zu verleihen.Max Havelaar.«Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen weniger Tage in Lebak an.—Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den Kontrolleur Verbrugge:»No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856.An den Kontrolleur von Lebak.Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten verabschiedet bin.Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben, und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus Ursachen untergeordneterBedeutung wartete ich die Ankunft meines Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald—wenigstens diesen Monat noch—eintreffen würde.Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht so bald erwartet werden kann—Sie haben, meine ich, hiervon in Serang Kenntnis erhalten—und zugleich, dass es den Residenten verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung Ihnen übertragen zu dürfen.Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, nicht anders dienen zu können, als ich es hier that—ich, der ich für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit vertrauten—mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!—dass ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sachemirschwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ichKlägernAntwort zu geben hatte.Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich—unvorsichtig genug!—mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des Gouvernements.Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und Menschlichkeit.Und man fuhr mit Klagen fort!Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissivedazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung, Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und Kind Hunger und Armut entgegengehe.Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die Verwaltungwill, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:»Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«Someinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung,die mich noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen—wie man mir rapportiert—ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sichwiederzu mirund erklärt:dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren wage.Was ich nundiesemMann antworten soll, weiss ich nicht!Ichkannihm keinen Schutz mehr geben ... ichdarfihm meine Ohnmacht nicht gestehen ... ichwillden angeklagten Dorfhäuptling nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung der Abteilung Lebak.Der Assistent-Resident von Lebak,Max Havelaar.«Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll, wie es erlaubt war, man sei gekommen,um Havelaar zu begrüssen, und Max empfing manchen beredten Händedruck ...Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.Seine Excellenz»sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«, und könne also auch Havelaar nicht empfangen.Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche ‚Überhäufungen‘ ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit: erwartete!Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne, weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihmeinehalbe Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte zwischen zwei ‚Überhäufungen‘.Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde schien man ihm nicht geben zu wollen.Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies, um nicht aus dem MangelbuchstäblicherÜbereinstimmung beidiesemSchriftstück Zweifel entstehen zu lassenan der Echtheit der anderenoffiziellenSchriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, denvollkommengenauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist.Sachlichkorrekt war der Inhalt also:»Batavia, 23. Mai 1856.Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu werden, ist ohne Erfolg geblieben.Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten Ersuchen um Audienz Folge zu geben.Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig bei dem Gouvernement aufgenommen sind«—das sind Eurer Excellenz eigene Worte!—jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und für Ehre und Pflicht alles feil hatte ...sojemanden haben Euer Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Dennden hörtman zum mindesten.Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben,dass ich meinePflichtgethan habe,ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht, mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sinddurchweg erdichtet und lügenhaft.Ich kann diesesbeweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer Excellenz mireinehalbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn Euer Excellenzeinehalbe Stunde Zeit hätten finden können, umrecht zu thun!Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch an den Bettelstab gebracht ...Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.Doch Euer Excellenz habensanktioniert:Das System von Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht... unddarüberklage ich.Das schreit zum Himmel!Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihresalsoempfangenen indischen Soldes, Excellenz!Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache wohlerfasster Politik ist.So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in der Bevölkerung umgeht.Max Havelaar.«Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen trachtete. Seine Hoffnungwar eitel! Der Generalgouverneur ging fort, ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz zur Ruhe begeben ins Mutterland!Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf.Du bist nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist genug, Stern, du kannst gehen.Der Shawlmann und seine Frau ...Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder auf.Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.Dieses Ziel ist zweiteilig:Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.Und an zweiter Stelle:ich will gelesen werden!Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern, die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen, von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande ... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen ... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das Göttlein, dassiemachten nachihremBilde ... von Tausenden und Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die—indem sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren—am lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs ... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen, was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von Niederland gehört ...Ja, ichwerdegelesen werden!Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir nicht darum zu thun, dass ichgutschriebe ... ich wolltesoschreiben, dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt’ den Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art und Weise beurteilen wird, wie ichmein»Halt’ den Dieb!« hinausschrie.»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt ... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein Talent ... keine Methode ...Gut, gut, alles gut! Aber:Der Javane wird misshandelt!Denn:Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches,desto lieber wird sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht,dass ich gehört werde. Und daswillich!Doch ihr, die ich euch störe in euren ‚Arbeitsüberhäufungen‘ oder in eurem ‚Ruhestande‘, ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum Aufstande zwang.... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, dieöffentliche Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubesanruft.Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette, und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir fort und fortnichtglaubte ...Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um vonEuropazu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:Es liegt ein Raubstaat an der See,Zwischen Ostfriesland und der Schelde!Und wenn auch das nichts fruchtete?Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische, Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!Rettung und Hülfe—auf gesetzlichem Wege, wenn es seinkann... auf demrechtmässigenWege der Gewalt, wenn es sein muss.Und daswürde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft!Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.Dieses Buch ist eine Einleitung ...Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es nötig sein wird ...Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!Nein, eswirdnicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch, Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE, das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher Wille ist:Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und Droogstoppels?Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanenmisshandelt und ausgesogen werden inDeinemNamen?

Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein ‚Legebild‘ ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau« nicht finden konnte.

—Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige ‚line of beauty‘ von Hogarth, nicht wahr?

—Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.

—So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, wo du das gestickt hast, Tine!

—Ich nicht. Wo denn?

—Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte, und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.

Tine stand auf und küsste den Kleinen.

—Ichhab’ ihren Bauch, ichhab’ ihren Bauch! rief das Kind fröhlich, und die rote Frau war komplett.

—Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.

—Ich, sagte der kleine Max.

—Und was bedeutet das?

—Schlafengehen! Aber ... ich hab’ noch nicht gegessen.

—Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.

Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien, denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.

—Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.

—O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.

Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie abgebrochen waren.

—Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!

—Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist alles binnen kurzer Zeit geregelt.

—Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...

—Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur bist.

Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...

Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.

—Lieber Max ... begann sie freundlich.

—Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst du leben vonSand?

—Lieber Max!

Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:

—Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...

Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!

—Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu kommen über dieArtvon Arbeit, die er verrichten lassen will von den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, um fürihnzu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!

Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.

—Und, fuhr Havelaar fort, das fällt allesmeinerVerantwortung zur Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, dasitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit Frau und Kindern!« Ja, ich hör’ es wohl, ich hör’ es wohl das Rufen nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!

Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.

—Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!

Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen—eine Strohmatte—und als sie zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der Regierung.

—Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würdezu vielan den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch als Sie selbst, M’nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...

—Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam geworden durch seinen Versuch, den Adhipattizu bewegen, etwas gegen mich geltend zu machen—was ein Zeichen scheint, dass er versuchen möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B.michbeschuldigt des ... was weiss ich, welchen Vergehens—ich habe mich also hiergegen gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...

—Da kommt die Post! rief Verbrugge.

Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an dengewesenenAssistent-Residenten von Lebak, Havelaar:

»Kabinett.Buitenzorg, den 23. März 1856.No. 54.Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine Unzufriedenheit erregt.In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic)Residenten das Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm beschwerlicher Untersuchungen zu machen.In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der Binnenländischen Verwaltung schliessen.Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes einesAssistent-Residenten von Ngawibetraut.Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt bleiben können.«

»Kabinett.Buitenzorg, den 23. März 1856.

No. 54.

Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine Unzufriedenheit erregt.

In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.

Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic)Residenten das Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm beschwerlicher Untersuchungen zu machen.

In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.

Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.

Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der Binnenländischen Verwaltung schliessen.

Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.

Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes einesAssistent-Residenten von Ngawibetraut.

Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt bleiben können.«

Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien unterzeichnete.

—Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück mit Duclari las.

Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari, ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:

—Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibtIhnensolch einen Brief!

—Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt!

—Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...

—Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen, was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun, als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein, dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi zu gehen.Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her, er ist für mich freigemacht!

Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die vakant war.

—Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von Madiūn, wozu Ngawi gehört, ist derSchwager des vorigen Residenten von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten Vorbilder gehabt hätte ...

—Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen, ob er sich vielleicht bessern würde!

—Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal!

—Lieber Max?

—Du hast Mut, nicht wahr?

—Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!

—Also!

Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens ein Muster von Wohlberedtheit:

»Rangkas-Betung, den 29. März 1856.An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des Landes Diensten zu verleihen.Max Havelaar.«

»Rangkas-Betung, den 29. März 1856.

An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.

Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.

Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des Landes Diensten zu verleihen.

Max Havelaar.«

Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen weniger Tage in Lebak an.

—Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.

Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den Kontrolleur Verbrugge:

»No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856.An den Kontrolleur von Lebak.Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten verabschiedet bin.Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben, und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus Ursachen untergeordneterBedeutung wartete ich die Ankunft meines Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald—wenigstens diesen Monat noch—eintreffen würde.Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht so bald erwartet werden kann—Sie haben, meine ich, hiervon in Serang Kenntnis erhalten—und zugleich, dass es den Residenten verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung Ihnen übertragen zu dürfen.Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, nicht anders dienen zu können, als ich es hier that—ich, der ich für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit vertrauten—mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!—dass ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sachemirschwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ichKlägernAntwort zu geben hatte.Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich—unvorsichtig genug!—mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des Gouvernements.Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und Menschlichkeit.Und man fuhr mit Klagen fort!Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissivedazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung, Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und Kind Hunger und Armut entgegengehe.Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die Verwaltungwill, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:»Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«Someinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung,die mich noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen—wie man mir rapportiert—ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sichwiederzu mirund erklärt:dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren wage.Was ich nundiesemMann antworten soll, weiss ich nicht!Ichkannihm keinen Schutz mehr geben ... ichdarfihm meine Ohnmacht nicht gestehen ... ichwillden angeklagten Dorfhäuptling nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung der Abteilung Lebak.Der Assistent-Resident von Lebak,Max Havelaar.«

»No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856.

An den Kontrolleur von Lebak.

Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten verabschiedet bin.

Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.

Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben, und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus Ursachen untergeordneterBedeutung wartete ich die Ankunft meines Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald—wenigstens diesen Monat noch—eintreffen würde.

Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht so bald erwartet werden kann—Sie haben, meine ich, hiervon in Serang Kenntnis erhalten—und zugleich, dass es den Residenten verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung Ihnen übertragen zu dürfen.

Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, nicht anders dienen zu können, als ich es hier that—ich, der ich für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit vertrauten—mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!—dass ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sachemirschwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.

Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ichKlägernAntwort zu geben hatte.

Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich—unvorsichtig genug!—mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des Gouvernements.

Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und Menschlichkeit.

Und man fuhr mit Klagen fort!

Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissivedazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.

Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung, Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und Kind Hunger und Armut entgegengehe.

Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die Verwaltungwill, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.

Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:

»Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«

»Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«

Someinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung,die mich noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.

Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen—wie man mir rapportiert—ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sichwiederzu mirund erklärt:dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren wage.

Was ich nundiesemMann antworten soll, weiss ich nicht!

Ichkannihm keinen Schutz mehr geben ... ichdarfihm meine Ohnmacht nicht gestehen ... ichwillden angeklagten Dorfhäuptling nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...

Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung der Abteilung Lebak.

Der Assistent-Resident von Lebak,

Max Havelaar.«

Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.

In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.

Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll, wie es erlaubt war, man sei gekommen,um Havelaar zu begrüssen, und Max empfing manchen beredten Händedruck ...

Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...

Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.

Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.

Seine Excellenz»sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«, und könne also auch Havelaar nicht empfangen.

Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche ‚Überhäufungen‘ ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit: erwartete!

Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne, weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.

Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihmeinehalbe Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte zwischen zwei ‚Überhäufungen‘.

Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde schien man ihm nicht geben zu wollen.

Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies, um nicht aus dem MangelbuchstäblicherÜbereinstimmung beidiesemSchriftstück Zweifel entstehen zu lassenan der Echtheit der anderenoffiziellenSchriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, denvollkommengenauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist.Sachlichkorrekt war der Inhalt also:

»Batavia, 23. Mai 1856.Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu werden, ist ohne Erfolg geblieben.Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten Ersuchen um Audienz Folge zu geben.Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig bei dem Gouvernement aufgenommen sind«—das sind Eurer Excellenz eigene Worte!—jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und für Ehre und Pflicht alles feil hatte ...sojemanden haben Euer Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Dennden hörtman zum mindesten.Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben,dass ich meinePflichtgethan habe,ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht, mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sinddurchweg erdichtet und lügenhaft.Ich kann diesesbeweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer Excellenz mireinehalbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn Euer Excellenzeinehalbe Stunde Zeit hätten finden können, umrecht zu thun!Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch an den Bettelstab gebracht ...Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.Doch Euer Excellenz habensanktioniert:Das System von Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht... unddarüberklage ich.Das schreit zum Himmel!Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihresalsoempfangenen indischen Soldes, Excellenz!Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache wohlerfasster Politik ist.So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in der Bevölkerung umgeht.Max Havelaar.«

»Batavia, 23. Mai 1856.

Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu werden, ist ohne Erfolg geblieben.

Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten Ersuchen um Audienz Folge zu geben.

Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig bei dem Gouvernement aufgenommen sind«—das sind Eurer Excellenz eigene Worte!—jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und für Ehre und Pflicht alles feil hatte ...sojemanden haben Euer Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Dennden hörtman zum mindesten.

Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.

Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben,dass ich meinePflichtgethan habe,ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht, mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.

Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sinddurchweg erdichtet und lügenhaft.

Ich kann diesesbeweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer Excellenz mireinehalbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn Euer Excellenzeinehalbe Stunde Zeit hätten finden können, umrecht zu thun!

Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch an den Bettelstab gebracht ...

Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.

Doch Euer Excellenz habensanktioniert:Das System von Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht... unddarüberklage ich.

Das schreit zum Himmel!

Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihresalsoempfangenen indischen Soldes, Excellenz!

Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache wohlerfasster Politik ist.

So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in der Bevölkerung umgeht.

Max Havelaar.«

Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.

Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen trachtete. Seine Hoffnungwar eitel! Der Generalgouverneur ging fort, ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz zur Ruhe begeben ins Mutterland!

Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...

Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf.Du bist nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist genug, Stern, du kannst gehen.

Der Shawlmann und seine Frau ...

Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!

Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder auf.Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.

Dieses Ziel ist zweiteilig:

Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.

Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.

Und an zweiter Stelle:ich will gelesen werden!

Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern, die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen, von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande ... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen ... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das Göttlein, dassiemachten nachihremBilde ... von Tausenden und Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die—indem sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren—am lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs ... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen, was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von Niederland gehört ...

Ja, ichwerdegelesen werden!

Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir nicht darum zu thun, dass ichgutschriebe ... ich wolltesoschreiben, dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt’ den Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art und Weise beurteilen wird, wie ichmein»Halt’ den Dieb!« hinausschrie.

»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt ... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein Talent ... keine Methode ...

Gut, gut, alles gut! Aber:Der Javane wird misshandelt!

Denn:Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!

Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches,desto lieber wird sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht,dass ich gehört werde. Und daswillich!

Doch ihr, die ich euch störe in euren ‚Arbeitsüberhäufungen‘ oder in eurem ‚Ruhestande‘, ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...

... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum Aufstande zwang.

... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, dieöffentliche Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubesanruft.

Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette, und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!

Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir fort und fortnichtglaubte ...

Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um vonEuropazu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.

Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:

Es liegt ein Raubstaat an der See,Zwischen Ostfriesland und der Schelde!

Es liegt ein Raubstaat an der See,

Zwischen Ostfriesland und der Schelde!

Und wenn auch das nichts fruchtete?

Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische, Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...

Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!

Rettung und Hülfe—auf gesetzlichem Wege, wenn es seinkann... auf demrechtmässigenWege der Gewalt, wenn es sein muss.

Und daswürde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft!

Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.

Dieses Buch ist eine Einleitung ...

Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es nötig sein wird ...

Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!

Nein, eswirdnicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch, Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE, das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...

Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher Wille ist:

Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und Droogstoppels?

Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanenmisshandelt und ausgesogen werden inDeinemNamen?


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