Chapter 21

Abb. 122. Dorf Vejče im Schardakh. Dahinter Gipfel der Kobeliza. August 1917.

Abb. 122. Dorf Vejče im Schardakh. Dahinter Gipfel der Kobeliza. August 1917.

Jenseits der Schlucht kamen wir auf einen Weg am Berghang, den man als feinen hellen Strich in der Landschaft schon von unserem Lager gesehen hatte und den man uns als den richtigen Weg nachKalkandelenbezeichnete, auf dem wir die Stadt diesmal auf dem linken Ufer derSarskaerreichen sollten. An der Steillehne des jenseitigen Berges entlang kamen wir nach scharfer Biegung zu dem schön gelegenen DorfVejče(Abb. 122).

Über das tief eingeschnittene Tal eines brausenden Baches, welcher der Sarska zuströmt, sahen wir das Dorf im Grünen vor uns liegen. Hinter den Häusern stiegen die Berghalden steil hinauf gegen die Abhänge der Kobeliza. Vejče erstreckte sich mit einem Zipfel noch in eine von den Bergen niederziehende Bachschlucht hinein.

Wie reizend war wieder der Eindruck dieses mazedonisch-albanischen Bergdorfes. Die meist viereckigen Häuser sind fast alle gleich groß, nur selten schaut hier und da eine breitere Front, ein höheres Dach heraus. Die Wände zeigen die graue Steinfarbe oder sind weiß getüncht. Viele haben schönes braunes Holzwerk, sehr viele Vorbauten oder Veranden mit Holzsäulen. Die kleinen Fenster sind meist auf die oberen Stockwerke beschränkt, die auch hier über die unteren vorragen. Breite, dunkle Schatten werfen die weitausladenden Dächer auf die weißen Wände. Auch die Schornsteine sind meist weiß getüncht und ragen mit ihrem flachen Dächlein wie kleine Türme über das Haus empor.

Die Dächer sind mit Stroh oder mit großen Steinplatten bedeckt, die weißgrau gefärbt, wie Solenhofer Schiefer aussehen und einen sehr sauberen, stattlichen Eindruck machen. Und alle die Häuser sind von Gärten und Höfen umgeben, sind in Grün gebettet. Üppige Obstbäume beschatten die Häuser. Zwischen den Wohnhäusern stehen kleinere, meist strohgedeckte Hütten, welche als Scheunen und Vorratsräume dienen.

Um das Dorf herum, unterhalb der Häuser am Bach, aber auch über dem Dorf einige hundert Meter den Berg hinauf ziehen sich frischgrüne Wiesen und wohlbestellte Getreidefelder. Erstere sind frisch gemäht, Heu lagert noch zum Teil auf ihnen. Auch das Getreide ist meist eingetan. Nur Hafer steht noch hier und da auf dem Feld. Fast zu jedem Haus gehört ein Hof, eine Tenne,auf der das Pferd oder der Ochs dreschend im Kreise läuft. Überall ist Leben und Bewegung im Dorf.

Wieder steigt mir die Erinnerung an japanische Dörfer auf, wenn ich das feine Silbergrau der Häuser so zart zu dem üppigen Grün der Bäume stimmen sehe, wenn ich die gleichmäßige Besiedelung, die guten Verhältnisse der Bauten und die reiche Pflanzenwelt überblicke. Zwischen den Obstbäumen erheben sich einzelne Pappeln, am Bach Weiden und Espen.

Schöne, schlanke Menschen begegnen uns auf den Feldern und am Rande des Dorfes. Die Bevölkerung ist offenbar mohammedanisch, denn die Frauen sind zumeist verschleiert, drehen sich scheu vor dem fremden Mann um und laufen davon, wenn er naht.

Der Weg führt nun weiter vorbei an dem Dorf, am Hang entlang. Später, weiter abwärts, wird der Boden trockner und felsiger. Die Straße fängt hier und da wieder an zu stauben. Aber noch begleitet uns überall sehr schöner stattlicher Baumwuchs. Edelkastanien treten wieder auf und ein südlicherer Charakter löst damit den Voralpentypus ab. Zahlreiche Obstbäume, zum Teil noch tragend, machen sich bemerkbar, es sind Apfel-, Birn-, Zwetschen- und Nußbäume. Hier beginnen auch wieder Schmetterlinge des Tieflandes zu fliegen, auf den mächtigen Felsblöcken eines Bergsturzes eilen EidechsenLacerta viridisundtauricaumher.

Eine Zeitlang führt der Weg neben einem brausenden Bach entlang; ein dichter Hain von Bäumen zeigt uns die Nähe einer Ortschaft an. Es istSelče, ein Dorf, welches steil am Berg gebaut ist und durch dessen steinige Gassen unsere ermüdeten Pferde stolpernd steigen.

Ich werde gebeten, den Bürgermeister zu besuchen und werde von diesem, einem dicken Mann mit einem schlanken Gehilfen, feierlich empfangen und freundlich mit Kaffee bewirtet. Der noch recht gute türkische Kaffee erfrischte ausgezeichnet nach dem ermüdenden Ritt und Marsch. Hier war es, wo der Bürgermeister auf dem schön gegerbten Winterfell einer Gemse saß und mir die Gamskrickeln schenkte.

Das Volk, das sich unterdessen vor seiner Türe drängte, war nicht aus Neugier hier zusammengekommen um uns zu sehen, sondern es hatte dem bulgarischen Beamten Steuern zu bezahlen. Das vollzog sich prompt und rasch und man bekam das Gefühl, daß eine harte Hand auf dem Lande lag.

VonSelčewar es kaum mehr als eine Stunde hinunter nachKalkandelen. Bald lag die Stadt vor uns mit ihrem Meer von dunklen Dächern, fast so sehr von Bäumen durchgrünt, wie die Gebirgsdörfer. Drunten brauste die Sarska, die mich bald, nachdem abgesattelt und Quartier bezogen war, durch ein kühles Bad erfrischte.

Nach tiefem Schlaf im alten Quartier, Dankerstattung bei den bulgarischen Behörden und Gastfreunden nahmen wir Abschied vom freundlichen Tetowo und seinen schönen Mädchen und Frauen. Gegen Abend des nächsten Tages lud uns die Kleinbahn wieder in Üsküb ab.


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