VIERTES KAPITEL
MRAVINCA UND SEIN FELDLAZARETT.
MAZEDONISCHE SCHILDKRÖTEN UND FISCHE.
Wie viele schöne Erinnerungen, menschliche und wissenschaftliche Eindrücke weckt mir der NameMravinca. Von Kaluckova waren es etwa zwei Stunden Wagenfahrt über die Ebene südlich nach Mravinca. Von weitem schon, gleich nach der Ausfahrt, sah man über die ganze Ebene hinweg das weiße Schwesternhaus blinken, das hoch am Hügel gelegen, einer kleinen Kapelle glich. Dahinter erhoben sich die rosagrauen Hügel, dürr und unscheinbar, verbranntes, ödes Gelände, das aus der Ferne keine Reize versprach. Kam man näher, so sah man die tiefen Schatten der Schluchten das Gelände zerlegen, davor jetzt Anfang Juni noch grüne Wiesen und Gemüsegärten; hie und da blinkte Wasser des Flüßchens und von Bewässerungskanälen auf, getrennt und beschattet von Gruppen von Weiden, grüne Streifen in der Landschaft mit ihrer Einfassung durch Schilf, Binsen und Schwertlilien bildend. Vor dem Steilabfall des Hügelrandes führte die Landstraße vonValandovanachMiletkovozwischen den Bauten des Feldlazaretts 358 hindurch, oft bei starkem Verkehr die ganze Gegend mit Staub überschüttend.
Ritt man näher heran, so hatte man zunächst den Eindruck eines großen Zeltlagers. Talwärts von der Landstraße breiteten sich etwa ein Dutzend große braune Segelstoffzelte aus, an denen die deutschen Fahnen lustig im Winde flatterten. Die Krankenzelte waren meist für Verwundete bestimmt; denn das Feldlazarett 358 war ein chirurgisches Spital.
Auf den ersten Anblick schien die Anlage höchst ungeeignet als Lazarett. Man dachte, der Staub der Landstraße müsse das Leben dort unleidlich gestalten und die Heilung der Wunden gefährden. Auch schien die Hitze in dem offenen, baumlosen, schattenfreien Gelände wohl unerträglich zu sein und in den geschlossenenZelten mußte sie wohl noch gesteigert sein. Aber bei genauerem Zusehen erwies sich das Lazarett als sehr geschickt angelegt. Schatten war im Gebiet nirgends zu haben. Staubentwicklung war hier im feuchtesten Winkel der Hudovaebene immerhin geringer als sonstwo, die Zufahrtsstraßen waren sehr günstig, um den An- und Abtransport der Verwundeten zu beschleunigen.
Zudem waren die Zelte, in denen Kranke lagen, alle mit Berieselungsanlagen versehen, welche eine gewisse Abkühlung ermöglichten. Ein großer Wasserturm, der zu diesem Zweck errichtet war, verriet, daß genügend Wasser vorhanden sein mußte. Dazu kam die Lage des Lagers am Ausgang einer Schlucht, welche abends mit dem Talwind regelmäßig Kühlung brachte.
Ferner war das Lazarett mit den Jahren der Besetzung des Landes immer stabiler geworden. Es war immer mehr zum Musterlazarett des Kriegsschauplatzes geworden. Für mich und meine Leute war es bei der gastlichen Aufnahme, die wir dort stets fanden, nach anstrengenden Märschen und schwerer Arbeit ein richtiges körperliches und geistiges Erholungsheim. Der Chef,StabsarztDr.Weyer, eine frische, tatkräftige Persönlichkeit, empfing mich, nachdem ich ihm meinen ersten Besuch gemacht hatte, stets fröhlich und gastfrei. In seinem Lazarett hielt er auf strenge Ordnung und Sauberkeit. Und er hatte alle Möglichkeiten ausgenützt, um sein Lazarett zu vervollkommnen. Viele glückliche Operationen hatten ihn in freundschaftliche Beziehungen zu bulgarischen Truppen gebracht, die ihm in der Folge durch Lieferung von Steinen und anderem Baumaterial sein Lazarett verbessern halfen. So habe ich im Verlauf meiner Besuche inMravincadort zwei lange, luftige Steinhäuser entstehen sehen, in denen die Verwundeten im Sommer kühler, im Winter wärmer lagen, als in den Zelten. So war denn auch zum Schluß ein stattliches, steinernes Operationshaus gebaut worden, das sterile Räume enthielt und viel sicherer zu operieren gestattete, als das alte Operationszelt.
Nicht minder gut war für die Mannschaft und das Pflege- und Sanitätspersonal des Feldlazaretts gesorgt. Eine besondere Wohltat war ein schönes zementiertes Schwimmbassin, in dem ein Dutzend Männer schwimmen und sich im Wasser tummeln konnten. In ihm habe ich manche erquickende Stunde mit den jungen Fliegeroffizieren vonHudovaverbracht; denn Badegäste aus der ganzen Nachbarschaft kamen fast jeden Tag dort an.
Diese wurden auch oft im Lazarett bewirtet und gastlich beherbergt, wie das mir ja nicht selten widerfuhr. Jenseits der Landstraße war am Abhang der Hügel eine ganze Reihe von „Unterständen‟ eingebaut, kleine Hütten mit steilen Dächern, am Felsen angelehnt oder zum Teil in ihn eingefügt. In jedem dieser malerischen, sauberen Häuschen war je einer der Beamten des Lazaretts wohnhaft und jeder hatte es im Laufe der Zeit behaglich ausgestattet und je nach seiner Individualität künstlerisch eingerichtet. Da wohnten der Oberapotheker, die jüngeren Ärzte, die Inspektoren, der Röntgeningenieur. Ganz oben über den anderen Bauten in luftiger Höhe am Berg, erhob sich das weiße Schwesternhaus, das wir schon aus der Ferne erblickt hatten, bewohnt von vier ganz vorzüglichen, sympathischen Operations- und Verwaltungsschwestern. Hoch über den Männern hausten diese einträchtig in dem sauberen, zierlich ausgeschmückten Heim. Es war immer ein fast formeller, feierlicher Besuch, den man in dem feinen Häuschen abstattete. Die vier, nicht ganz jungen, sehr gut zusammen eingearbeiteten, getreuen Schwestern mit ihrer unermüdlichen, aufopfernden Tätigkeit für ihre Verwundeten werde ich nicht so leicht aus dem Gedächtnis verlieren. Ich lernte das Lazarett genau kennen, habe manche Pflege, manche Operation mit erlebt, Sanitätsschule, tägliche Prüfung der Mannschafts- und Krankenkost mitgemacht. Und noch dazu manche schöne, fröhliche Stunde dort erlebt.
Während Mittags die Männer und die Schwestern gesondert rasch zwischen der Arbeit ihre Mahlzeit zu sich nahmen, versammelte man sich abends nach getaner Arbeit gemeinsam in den Kasinos. Im letzten Jahre gab es ein Sommer- und Winterkasino. Ersteres war das interessantere, letzteres das künstlerisch bessere.
Das Sommerkasino war ein ganz kunstloser Käfig; es war aus einem dünnen Gestell aus Balken und Latten gebaut, mit einem festen, dachpappegedeckten Holzdach überwölbt, seine Außenwände bestanden aber nur aus Drahtgaze, so daß es aussah, als sei es durchsichtig. So konnte man bei Tag und was noch wichtiger war im helldurchleuchteten Drahthaus nachts verweilen, ohne von den Malariamücken gefährdet zu sein. Im kühlen Windzug, der von den Bergen kam — das Kasino lag am Ausgang der Schlucht —, konnte man in der heißesten Zeit des Jahres dort tafeln und sich bis tief in die Nacht der getanen Arbeit und seines Lebens freuen. Da saß ich oft an dem großen kreisrunden Tisch mit den tüchtigen,freundlichen und fröhlichen Menschen, Männern und Frauen, die hier drei Jahre lang im Dienste des Heeres und des Vaterlandes gemeinsam verdienstvolle Arbeit geleistet haben. Da wurde erzählt, diskutiert und debattiert. Man erfuhr viel von Landessitten, von medizinischer Arbeit, von der Natur des Landes und sprach viel von zukünftigen Absichten in der Heimat im Frieden; denn damals war noch frische, zuversichtliche Stimmung und jedermann dachte an ein starkes, tüchtiges, sicheres Vaterland nach dem Kriege. Da wurde auch manchmal gesungen und mit allerhand Aufführungen ein Fest gefeiert. Jedermann hatte Interesse für meine Arbeit, beobachtete und sammelte mit mir, und jedesmal, wenn ich in längeren Zwischenräumen wieder als Gast eintraf, hatte man mir interessante Funde von Tieren, Nestern und Bauten aufgehoben. So ist es verständlich, daß ich mit meinen ganzen dort so gut aufgehobenen Leuten niederen und höheren Ranges immer wieder gern inMravincaeinkehrte und einige Tage Ruhe und Erfrischung suchte. Nach starker, ermüdender Arbeit konnte man hier unter fleißigen Arbeitsmenschen eine schöne Erholung und Anregung finden.Mravincanannte ich daher, solange ich in Mazedonien war, mein seelisches Erholungsheim.
Und manche stille beschauliche Stunde habe ich dort auf der Veranda des schönen hochgelegenen Hauses des Chefarztes zugebracht, das er mit verfeinertem Geschmack und einfachen Mitteln der widerspenstigen Natur des Landes abgezwungen hatte. Im Liegestuhl ausgestreckt, nach kühlendem Bad im Schwimmbassin, wartete ich im sinkenden Tag die Zeit ab, zu der all die fleißigen Frauen und Männer mit ihrer Tagesarbeit fertig waren und die Hände zum leckeren Mahle ausstrecken konnten. Da sank dann mir gegenüber die heiße Sonne Mazedoniens allmählich gegen den Rand der Ebene hinab. Links von mir blinkten vom Wardar rote Strahlen zurück, noch über ihm hinaus leuchteten die Berge derMarianska Planinaund die schönen, schlanken Gipfel derMala Rupain glänzenden Farben auf, daß man meinen konnte, sie beständen aus einer purpurnen und violetten, glühenden Masse. Zur Rechten zog sich die Kette derPlaguša Planinahin, in fahlerem Licht und dennoch mit tiefen Schattenflecken. Gerade mir gegenüber sperrten das Nordende des Tals Ketten von gezackten Felsenbergen, eine hinter der anderen, in den verschiedensten zarten Abtönungen von Blau sich voneinander abhebend. Märchenlandschaften mußten in jenen mattleuchtendenTälern verborgen sein, aus denen feine Nebel aufstiegen und zu den flammenden Wolken wanderten, die sich wie viel gewaltigere Gebirge über jene zarten blauen Berge türmten. Wie vom herrischen Pinsel eines großen Meisters gemalt, war das Gewölbe des Himmels hoch hinauf mit leuchtenden gelben, flammendroten, tiefblauen, grauvioletten, rotbraunen und grünlichen Wolken behängt. Das häufte sich übereinander, bäumte sich auf und zerfloß am obersten Rande in ein ätherisch klares sanftes Blau, das bis zu mir herüber sich wölbte, während über meinem Ruhesitz der erste Stern sein mildes Licht aufstrahlen ließ. Unten in der verdunkelnden, kühl blauenden Ebene, auf der die Schatten der Berge und Wolken sich allmählich immer mehr vorwärtsschoben, tauchte plötzlich eine Staubwolke rotgelb im letzten Scheine der Sonnenscheibe auf. Der helle Hauch erlosch in dem Augenblick, als die Sonne oben zwischen den fernen Schneebergen und den Felsenmassen vonDemir Kapufast im Norden versank. Kühle blaue Töne, zarte Nebelstreifen wanderten weiter den östlichen Bergen zu, über denen im grünblauen, stillen Himmelszelt zartrosa gefärbte, kleinste Wölkchen schwebten.
Abb. 24.Satyrus fatuaFreg.
Abb. 24.Satyrus fatuaFreg.
Abb. 25. Hummelfliege (Collostoma fascipenneSch.) Kaluckova.
Abb. 25. Hummelfliege (Collostoma fascipenneSch.) Kaluckova.
Das waren stille, friedliche Ruheabende inMravincavor arbeitsreichen Forschungstagen, zu denen jedesmal der frühe Morgen des zweiten Tages nach der Ankunft rief. Dann ging es meist zuerst aufwärts in die dürren Hügel hinter dem Feldlazarett durch steile Schluchten an dem halb verfallenen DorfMravincavorbei, wo fleißige Bauern schon in der Morgenfrühe bei der Arbeit waren. Ein römischer Sarkophag nahe bei dem Dorf hielt mich kurze Zeit auf, ehe ich auf die Hochebene stieg, wohin mich die Interessen des Naturforschers mächtig lockten. Dort breitete sicheine wellige Fläche aus, mit trockenem kurzem Gras bedeckt, in die mit scharfen Kanten aus der Fläche geschnitten, tiefe, steile Schluchten sich senkten. Deren Ränder waren auf beiden Seiten etwa gleich hoch. Man sah in ihre Tiefe erst hinab, wenn man dicht am Steilrand stand. Die Wände waren so steil, die Brüche schienen so frisch, daß man glauben konnte, sie seien von Menschenhand am Tag vorher gegraben. Es war ein ganz anderer Typus von Schluchten, als ich sie aus dem Felsengebirge in einem der nächsten Kapitel beschreiben werde. Hier sah man, wie die Schluchten entstanden und wuchsen. Man konnte sie von ganz kleinen ersten Anfängen, von zentimetergroßen Vertiefungen bis zur Entwicklung zu hundert Meter tiefen, gewaltigen Schluchten verfolgen. Die größte dieser Schluchten hatte bei unseren Soldaten in der Gegend den Namen derFuchsschluchtnach irgend einem Jagderlebnis erhalten. Auf der trockenen Hochfläche sah man nach verschiedenen Richtungen die Schluchten laufen, die alle am oberen Ende noch im Wachsen begriffen waren und an denen immerfort noch Verzweigungen entstanden. Am unteren Ende, gegen den Wardar hin, riß das Hochwasser nach starken Regengüssen große Massen der lehmigen Erdmassen von den Wänden ab, und schwemmte die fein sich verteilende Masse zum Fluß. So entstand am Wardar eine breite Sandschicht, die deltaähnlich in den Fluß sich erstreckte. Wenn unten Masse weggeschwemmt worden war, stürzte immerfort Masse im oberen Teil der Schlucht nach. Das erfolgte bald an der einen, bald an der anderen Seite der Schlucht. Dieses Nachstürzen war eine spätere Folge der Hochwassertätigkeit und erfolgte in Zeiten, in denen sehr wenig oder gar kein Wasser in der Schlucht floß. Während das Erdreich austrocknete, entstanden Sprünge im Boden und große Stücke lösten sich los und kollerten den Abhang hinunter. Dadurch wurden die Zustände am oberen Rand wieder verändert, neue Sprünge entstanden, neue Blöcke lösten sich ab und stürzten in die Schluchttiefe. Dort füllten sie das Bachbett auf, sperrten auch oft den Wasserlauf.
Die steilen Schluchtwände, rotgelb gefärbt, bestanden meist aus ganz gleichmäßiger feiner Substanz; sie sahen fast wie Lehmoder Löß aus. Die Schichten, aus denen die Schluchten gegraben waren, entstammten offenbar den höheren Hügeln und Bergen, aus denen das Wasser sie hinabgeschwemmt und in gleichmäßiger Verteilung an ihrer jetzigen Stätte abgelagert hatte. Hie und da ragten aus der feinkörnigen Masse größere und kleinere weiße Gesteinsbrocken heraus.
Abb. 26. Unterer Teil der Fuchsschlucht bei Mravinca.
Abb. 26. Unterer Teil der Fuchsschlucht bei Mravinca.
Abb. 27. HummelfliegeExoprosopa vespertilioWd. Nat. Gr.
Abb. 27. HummelfliegeExoprosopa vespertilioWd. Nat. Gr.
Die Wände der Schluchten dienten einer Menge von Tieren zum Nestbau. Außer den Bauten vielerBienenundWespenwaren zahlreicheVogelnesterin die Lehmwände eingebohrt. An manchen Stellen sah man ein großes, dunkles Loch neben dem andern an der sonnenbestrahlten, gelben Schluchtwand. Die Vögel, welche hier in den Löchern brüteten, waren für die Augen des Nordländers auffällige, seltsame Formen. Es waren die farbigsten Vögel Mazedoniens, die hier hausten. DieBlaurakeund derBienenfresserflogen um die Schlucht und letztere vor allem tauchten immer wieder zu den Nestlöchern herunter, dabei ihre eigenartigen Zickzackflüge ausführend. AuchWiedehopfundKappenammertrugen zur Buntheit in der Vogelwelt bei. Daßalle diese Formen als Zugvögel meist erst im Mai im Wardartal auftreten, ist unten im 37. Kapitel besprochen.
WARDAREBENE BEI MRAVINCA. Im Hintergrund Plagusa Planina.
WARDAREBENE BEI MRAVINCA. Im Hintergrund Plagusa Planina.
Jede Wanderung durch die Fuchsschlucht brachte neue Beobachtungen und neue Funde. Um den Bach flogen viele Libellen und machten auf Fliegen, Schmetterlinge, Eintagsfliegen eifrig Jagd. Unter den Zweiflüglern spielten wieder dieBombylideneine große Rolle. Zwei charakteristische Formen sind (Abb. 25u.27) abgebildet. Die Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und Ameisen entsprachen meist den Formen, die bei Kaluckova und Hudova vorkommen. Aber auch unter ihnen fanden sich manche Besonderheiten.
Am Schluchtbach war ein dichtes Buschwerk von Brombeerbüschen, Schlehdorn, Stacheleichen entwickelt, zwischen denen Sumpfpflanzen verschiedener Art, vor allem viel Wasserminze wuchs. Ende Juni 1917 waren diese Büsche von vielen Hunderttausenden einer Käferart bedeckt (Anomala solidaEr.), welche alles kahlfraßen. Man hätte leicht Eimer voll von diesem Käfer sammeln können. Auf den Minzen fanden sich zahlreich die schönen metallisch glänzendenChrysomela menthastriSuff. Nicht selten war ein SpannerLarentia corollariaH.-S.
Am Ausgang der Schlucht gegen den Wardar waren die Hänge mit reichlich Geröll bedeckt. Hier waren die Fundorte für eine Anzahl südliche und Steppenformen, wie die großen Gliederspinnen (Galeodes graecusC. L. Koch), verschiedene Arten von Skorpionen und riesige Tausendfüßler.
Unten am Wardar selbst und in dem sumpfigen Teil der Ebene, wo der Koslodere in den Strom einmündete, war ein üppiges Gelände von alten Weidenbäumen bestanden. Es waren richtige kleine Weidenwälder. Der Bach durchfloß die Fläche in verschiedenen Windungen, an seinem Ufer wuchsen Schilf, Röhricht, Schwertlilien und viele Wasserpflanzen.
Das war auch ein Gebiet, in welchem zahllose Libellen umherflogen; neben den stahlblauen Wasserjungfern schwebten trägeren Fluges die zarten blauschwarzen, grünschwarzen und goldgelben Arten vonLestes,AgrionundGomphus, zwischen ihnen sausten gewalttätig die großen roten, grauen, braunen, zum Teil schwarzgefleckten Formen vonLibellulaundAeschna. Gerade die letzteren waren schwer zu fangen, und es war eine Freude, waren sie endlich mit metallischem Klirren im Insektennetz gelandet.
Es war schön, im Frühsommer auf den blumenreichen Wiesen stundenlang beobachtend zu verweilen, wenn die großen Wolkenmassenam Himmel schwebten und ihre Schatten auf die weite Ebene und das jenseits sich erhebende Gebirge der Plaguša Planina warfen. Da entstanden Bilder von größtem malerischen Reiz, die mir unvergeßlich geblieben sind.
Es konnte aber auch glühend heiß sein; einmal hatte ich den Eifer im Verfolgen der Libellen zu weit getrieben; mehrere Stunden lang hatte ich am schattenlosen Ufer die flinken Tiere verfolgt und war mit reicher Beute heimgekehrt. Nachts überfiel mich aber hohes Fieber und allerhand unangenehme körperliche Erscheinungen zeigten mir,daßich einen Sonnenstich erlitten hatte, von dem ich mich aber in zwei Tagen wieder erholte.
Der Kosloderebach beherbergte in seinem Wasser eine Sumpfschildkröte, die wir — so eifrig mein Begleiter, ProfessorLorenz Müller, sich auch nach den Reptilien umschaute — nur hier fanden; sie kommt auch am Doiransee vor. Es ist diekaspische Sumpfschildkröte(Clemmys caspica virulataVal.). Sie kommt offenbar nördlich der Hudovaebene in Mazedonien nicht vor.
Ich nehme Anlaß, bei dieser Gelegenheit einiges von den übrigen mazedonischenSchildkrötenzu berichten. Sehr häufig war im ganzen Land in allen möglichen stehenden Gewässern die gewöhnlicheeuropäische Sumpfschildkröte(Emys orbicularisL.). In allen Teichen und Tümpeln, in Bächen, Straßengräben, Reisfeldern tauchten die plumpen schwarzen Tiere gelegentlich auf.
Außer diesen zwei Wasserschildkröten kommen in Mazedonien zwei Landschildkröten, damit also im Land im ganzen vier Schildkrötenarten vor. Diese Landschildkröten waren in den meisten Gegenden des Flachlandes von Mazedonien so häufig, daß man sie nicht übersehen konnte. Mit ihren langsamen, watschelnden Bewegungen, mit dem Gepolter, mit dem sie durch eine steinige Schlucht oder durch ein dichtes Gebüsch hindurchrumpelten, verrieten sie sich auf weite Entfernung und besonders die deutschen Soldaten schenkten ihnen eine weitgehende Beachtung. In vielen Lagern und Quartieren wurden sie lebend gehalten und ich übertreibe nicht, wenn ich erzähle, daß viele Tausende von ihnen als Heimatpakete nach Deutschland geschickt wurden oder mit Urlaubern heimreisten.
Die possierlichen, anspruchslosen Tiere, welche eine Panzerlänge von 30-40 cm erreichen, ihren Kopf, Schwanz und Füßein den Panzer zurückziehen können und so lange zappeln müssen, um sich wieder aufzurichten, wenn man sie auf den Rücken legte, haben unseren Soldaten manche Stunde vertrieben. Auch haben diese sich nicht selten eine Schildkrötensuppe aus ihnen gekocht. Ob von den vielen heimgebrachten mazedonischen Schildkröten wohl noch eine oder die andere in Deutschland lebt?
Die beiden mazedonischen Arten von Landschildkröten sindTestudo graeca(L.) undT. iberaPall. Beide mit ihrem schwarz und gelb oder schwarz und dunkelgrün gefleckten Panzer sehen einander sehr ähnlich und werden vom Laien auch nicht unterschieden. Die griechische Schildkröte ist in ihrer Verbreitung hauptsächlich auf die Balkanhalbinsel und Süditalien beschränkt, während die andere Art auch in ganz Nordafrika und Westasien verbreitet ist.
Dr.Laserphot.Abb. 28. Landschildkröte (Testudo iberaPall.) in den Felsen bei Valandova.
Dr.Laserphot.Abb. 28. Landschildkröte (Testudo iberaPall.) in den Felsen bei Valandova.
Dr.Laserphot.
Abb. 28. Landschildkröte (Testudo iberaPall.) in den Felsen bei Valandova.
Beide Arten waren in der ganzen Hudovaebene und den angrenzenden Hügeln und Gebirgen auch bei Mravinca sehr häufig. Wir fingen sie oft, beobachteten sie viel im Sommer, wie die Männchen die Weibchen verfolgten und unter eigenartigem Grunzen und Anstoßen mit den Panzern zur Begattung schritten. Auchihre Gelege fand ich öfter, mit den hartschaligen Eiern von einem Längsdurchmesser von 3-3½ cm. Oft lagen die Eier vereinzelt im Gras und zwischen den Büschen. In Mazedonien lernte ich verstehen, warum die Japaner die Schildkröte als Symbol der Geilheit betrachten. Hier waren die Männchen vom Frühsommer bis in den Spätherbst hinter den Weibchen her und in allen Teilen des Landes konnten ihre Kopulationsgeräusche bei Tag und Nacht aus Büschen und Gräben hervortönen.
In den Weiden am Wasser gab es auch manche besonderen Insekten. So war ein auffallender RüsselkäferChlorophanus axinusFabr. Auch kam im Sommer 1917 in der ganzen Gegend der große BockkäferCerambyx scopoliiFüssl. vor. Das war ein höchst auffälliges Tier mit seinen langen gebogenen Fühlern, wenn er, diese weit vorstreckend und die Beine abspreizend im heißen Sonnenschein hoch über den Büschen durch die Luft flog. Dann machte er einen ganz unwahrscheinlich großen Eindruck. Ich beobachtete ihn zwischen dem 10. und 20. Juni an vielen Orten Südmazedoniens, außer bei Mravinca bei Kaluckova, Hudova, Davidovo, auf der Fahrt nach der Malarupa bei Negorci und Koinsko, im Nikolatal. Da er in Fühlergestalt und Fühlerlänge in beiden Geschlechtern sehr zu variieren schien, so sammelte ich eine größere Anzahl von Exemplaren, die einmal genauer untersucht werden sollen.
Von Käferbeobachtungen aus der Gegend von Mravinca möchte ich noch dieDorcadionarten erwähnen, Formen mannigfaltiger, schön gefärbter Bockkäfer, die meist unter Steinen saßen und von denen wir im Sommer nur Spuren in Gestalt von Flügeldecken und ihren knotigen, gebogenen Hörnern fanden. Ihnen und anderen Tieren zuliebe kehrte ich einmal im frühen Frühling 1918 nach Mravinca zurück, wo ich schöne Exemplare dieserErdböckefand, soNosodorcadion bilineatumGam. undDorcadion lineatocolleKraatz. Von dieser in Südeuropa und den asiatischen Steppen in vielen Arten vertretenen Familie fand ich in Mazedonien noch manche schönen, interessanten Formen der Gattung, so auf dem WodnoDorcadion equestreLaxm., einen samtschwarzen Käfer mit weißen Längsstreifen auf dem Brustschild und großen weißen Flecken auf der Mitte der Flügeldecken. Eine zart silbergraue Art mit schwarzen Flecken, auf der Golesniza Planina in 2000 m Höhe gefunden, ist wohl noch nicht beschrieben.
Mit dem Aufenthalt in Mravinca sind auch Erinnerungen anFischfangverknüpft. Zu solchen Zwecken mußte man sich mit Fischern oder mit Pionieren in Verbindung setzen. Fischer als einheimische Bevölkerung fand man wohl an den Seen und am Wardar, aber sehr wenig; zumal in den besetzten Gegenden fehlten der Bevölkerung Boote vollkommen. Auch ich hatte keine geeigneten Geräte für den Fang größerer Fische bei mir. Somit war hier am unteren Wardar der Pionier mit seinen Booten die notwendige Stütze. Und außerdem mußte zu dem grausamen und dem Naturforscher sehr unsympathischen Hilfsmittel der Handgranaten und anderen Sprengmitteln gegriffen werden.
Abb. 29. Bockkäfer mit sehr variabler Ausbildung der Fühler. Nat. Gr. (Cerambyx scopoliiFüssl.)
Abb. 29. Bockkäfer mit sehr variabler Ausbildung der Fühler. Nat. Gr. (Cerambyx scopoliiFüssl.)
In den Schluchtbächen, in kleinen Flüssen hatten wir öfter mit primitiven Mitteln, so in den Schluchtbächen beiKaluckovaund imNikolatalkleineBarben(Barbus plebejusVal.) erbeutet. Ähnlich war in den Bächen der Hudovaebene, so beiMiletkovoaus einem Bach der Steinpeitzger (Cobitis taeniaL.) und eine ähnliche FormCobitis elongataH. u. Kn. gefangen worden. In den größeren Nebenbächen und im Wardar selbst standen mir aber befreundete bulgarische oder deutsche Pioniere zur Seite.
Bei Miletkovo wurde einmal mit bulgarischen Pionieren, oberhalb Hudova mit bayerischen Pionieren bei Gradeč der Wardar befahren. In der Nähe von Miletkovo konnten vom Land aus die Sprengmittel in einen an seiner Mündung stark erweiterten kleinen Nebenfluß des Wardar geworfen werden, was reiche Ausbeute brachte, so zahlreiche Exemplare eines südlichen Verwandten unserer Nase (Chondrostoma geneiBon.), eines schönenglänzenden Fisches mit grüngrauem Rücken, schwarzgefleckten silberigen Seiten und orangegelb gesäumten Flossen. An der gleichen Stelle wurden die altbekannten Elritzen (Phoxinus laevisAg.) erbeutet, im Wardar selbstCottus ferrugineusH. u. K., ein Verwandter unserer Groppe.
Reicher und vor allem nahrhafter war die Ausbeute im Wardar selbst, die unter sachgemäßer Leitung des PionierhauptmannsFrischholzerzielt wurde. Dieser, ein Fachzoologe, früherer Schüler des Münchener zoologischen Instituts, in seiner Zivilstellung Fischereisachverständiger des bayerischen Ministeriums, befehligte das bayerische Pionierlager in Hudova. Mit einem seiner Boote fuhren wir auf den rauschenden, brausenden Wardar bei Gradeč hinaus. Wir suchten die stillen, tiefen Stellen unterhalb der Schnellen auf und warfen da ausrangierte Handgranaten ab. Wenn eine davon noch losging, gab es im Wasser eine starke Detonation, einSpringbrunnenvon 10-20 m Höhe sprang in die Höhe. Aus der Tiefe wurden gelähmte Fische emporgerissen und nun hieß es mit dem Boot gut manöverieren, wollte man die auf der Seite treibenden Fische mit dem großen Handnetz erfassen, ehe sie die wilde Strömung über Stromschnellen und kleine Fälle hinabtrieb, an Stellen, wo das Boot entweder gar nicht oder nur unter großer Gefahr nachfolgen konnte. Das waren aufregende Stunden, in wilder Bewegung und toller Lust mit den strammen bayerischen Pionieren, die einst auf der auch nicht viel zahmeren Isar ihre Künste geübt hatten.
Abb. 30. Riesenwelse aus dem Wardar. (Silurus glanisL.) Soldatenaufnahme.
Abb. 30. Riesenwelse aus dem Wardar. (Silurus glanisL.) Soldatenaufnahme.
Die Ausbeute war dem entsprechend. Wir bekamen einen Eindruck von dem Reichtum an Fischen, den die mazedonischen Flüsse bis zur Zeit vor dem Krieg beherbergt haben müssen. Wir holten vor allem Karpfen und Barben heraus. DieKarpfen(Cyprinus carpioL.) waren Riesen, wie man sie in Mitteleuropa jedenfalls im freien Wasser niemals zu sehen bekommt. Sie maßen im Durchschnitt 1-1½ m in der Länge, hatten einen mächtigen Umfang und wogen dementsprechend 10-20 kg. Auch dieBarben(Barbus plebejusVal.) waren mächtige Tiere, bis zu einem Meter lang und auch 6-12 kg. schwer. Es war eine Freude für das ganze Pionierlager in Hudova und noch dazu für das Lazarett Kaluckova, als wir mit unserer Ausbeute heimkamen.
Nicht minder großeWelse(Silurus glanisL.) beherbergte der Wardar; da waren die mächtigsten Vertreter im Winter vorhergefangen worden, von Soldaten, welche mir Photographien von ihnen brachten, die hier wiedergegeben sind. Über 220 Pfd. wogen die über 2 m langen Kolosse, welche an Mächtigkeit nur selten von den Riesenwelsen der oberbayerischen Seen erreicht werden, die gelegentlich als uralte Greise aus den Tiefen des Chiemsees, Königssees, Starnbergersees mit der Grundangel heraufgeholt werden.
Nicht so mächtig waren die Salmoniden des Wardar; dieLachse, die wir erbeuteten, waren viel kleiner (Salmo dentexHek.).
Daß in den mazedonischen Flüssen solche Riesenfische überhaupt in größeren Mengen vorkommen konnten, erklärt sich wohl durch die primitive Art der Fischerei, welche seit Jahrhunderten dort betrieben wurde. War ein Fisch einmal über eine gewisse Größe erwachsen, so entging er leicht den Nachstellungen der Landesbewohner, welche nur mit kleinen Netzen, Angeln und Spießen fischten.
Die Kriegszeit werden aber nicht viele dieser Riesen überlebt haben, denn die Truppen beider Fronten und besonders rücksichtslos unsere Bundesgenossen, die Bulgaren, haben diese Raubfischerei ohne alle Zukunftsgedanken betrieben, diese Raubwirtschaft, die wir auf allen Gebieten als eine besondere Eigentümlichkeit der Balkanvölker kennen lernen werden. Als Wardarfische wären als von uns beobachtete Formen noch an dieser Stelle zu erwähnen:Cottus ferrugineusH. u. K.,Chondrostoma geneiBor.,Alburnus alborellaH. u. K., die südlicheLaube,A. scaranzoidesH. u. K. undAbramis melanopsHeck., der mit unserem Brachsen verwandteSeerüstling, der als ein ins Süßwasser übergegangener Meeresfisch betrachtet wird.
Von allen Süßwasserfischen meiner Ausbeute ist nurAlburnus scaranzoidesH. u. K. als Sonderform des Balkangebiets zu bezeichnen; er ist aus Montenegro, Albanien und „Rumelien‟ bekannt. Alle anderen Arten sind in Küstenflüssen der Adria und des östlichen Mittelmeers, zum Teil in dem Gesamtgebiet von Süd- und Südosteuropa gefunden worden.
Sonst kam ich in Mazedonien nur amOchridaseezur Beobachtung von zahlreicheren Fischarten. Sie sind im 39. Kapitel geschildert, wie die vereinzelten einzelnen Formen entsprechend den Orten, an denen sie gefunden wurden.