VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DER PERISTERI. Die MAZEDONISCHEN ALPEN.

Wieder ragte ein hohes mazedonisches Gebirge vor mir auf, derPeristeri, auf dessen Gipfel jetzt noch Mitte Juli ein kleines Schneefeld sichtbar war. Von diesem, den weißen Flügeln der Taube, hat er seinen griechischen Namen. Mächtig erhob der Berg sich vor mir mit seinen drei Gipfeln, als ich am 17. Juli an einem sehr heißen Morgen von Gopes nachDolenciins Tal derSemničaabstieg, welche vom Peristeri kommt. An ihren Quellbächen liegenKazaniund das AromunendorfMaloviste, von dem sonst gewöhnlich der Aufstieg auf den Peristeri von den Deutschen unternommen wurde. Ich plante ihn aber vonČapariaus, wo als Leutnant ein junger Königsberger Zoologe, Dr.H. C. Müller, in Quartier lag. Dieserhatte mir angeboten, mich und meine Mitarbeiter als Führer auf den Peristerigipfel zu begleiten.

Abb. 256. Blick über Čapari auf den Peristeri.

Abb. 256. Blick über Čapari auf den Peristeri.

Schon inDolenciholte uns Dr. Müller mit seinem Wagen ab, der uns denŠirokabachentlang nach dem malerischen DörfchenČapariführte, wo wir freundschaftlich aufgenommen wurden. Der Bach durchbrauste das reich von Bäumen beschattete Dorf, in welches er vom Hang des Peristeri durch eine tief eingerissene Schlucht hineinstürzte. In alle Gassen des Dorfs blickte groß und würdevoll die gewaltige Gestalt des Peristeri hinein.

Es war ersichtlich, daß wir einen geeigneten Ausgangspunkt für den Aufstieg auf den Hauptgipfel des Peristeri gewählt hatten. Offenbar war die Schlucht ein viel von den bulgarischen Truppen begangener Weg, der, ohne durch Wald zu führen, sehr steil, aber geradewegs uns in die Gipfelregion brachte.

Am 18. Juli, 3½ Uhr morgens, begann der Anmarsch steil durch die Schlucht hinauf; es stieg sich gut in der Nacht, auch als wir die Schlucht verließen und uns ostwärts auf einen Sattel wandten, der von üppigem Mattengras bewachsen war, aus dem kahle Felsen hervorragten. Während bisher im Dunkeln nichts zu beobachten gewesen war, änderte sich das sogleich, als auf dem Sattel bei 1700 m Höhe um 5½ Uhr die Sonne über einen Felsgrat empor kam. Ein schöner Sonnenaufgang fand uns auf einem üppigen Wiesenboden, wo uns die ersten zwerghaften Exemplare der für den Peristeri charakteristischen Zirbelkiefer (Pinus peuce) begegneten. Vorher war der Boden vonAdlerfarnweithin bedeckt gewesen, zwischen dem Wolfsmilch, Thymian, hier und da Erdbeerpflanzen standen. Die großen Farnflächen waren manchmal durch Wiesen unterbrochen, in denen mitteleuropäische Grasarten und ein weißer Klee die Charakterpflanzen waren.

Hier oben war aber die Pflanzenwelt reicher; zwischen den vereinzelten Sträuchern der Zirbelkiefer wuchsen Gruppen eines niedrigenWachholders(Juniperus nanaWilld.). Von blühenden Pflanzen fielen Königskerzen, Schafsgarben, Nelken auf. Ich habe auf dem Peristeri keine Pflanzen gesammelt, da der deutsche BotanikerGrisebachschon im Jahre 1839 hier Beobachtungen gemacht hatte und ProfessorBornmüller, mein botanischer Mitarbeiter in Mazedonien, im Jahre 1917 schon dort gewesen war. Immerhin werde ich noch manche Pflanzen aus der alpinen Region erwähnen.

Um so mehr nahm ich mit meinen Begleitern die Zeit wahr,um auf Tiere zu achten. Eine Menge von kleinen grauen Schmetterlingen aus der Gruppe der Spanner (Geometriden) flogen vor unseren Schritten aus den Büschen vor uns auf (Anaites simpliciataTr.).Parnassierfanden wir hier nicht. Wahrscheinlich war es für dieMnemosynenzu spät und für dieApolloszu früh. Zwei für die Höhenzone charakteristische Heuschreckenarten waren aber häufig. Eine schwarze Form mit roten Unterflügeln glich sehr der Art, welche ich in der gleichen Höhenzone auf der Mala Rupa gefunden hatte. Sie führte einen ähnlichen Balzflug aus wie jene, aber stieg dabei nicht so ausgesprochen senkrecht in die Höhe wie sie (Stenobothrus morioFab.). Eine zweite kleine Heuschrecke, die in großen Mengen vorkam, zeichnete sich im männlichen Geschlecht durch eigentümlich verdickte Vorderschienen aus, welche offenbar im Geschlechtsleben eine Rolle spielen. Diese Form, die hier abgebildet ist, ist durch diesen geschlechtlichen Dimorphismus besonders gekennzeichnet, welcher sonst bei Heuschrecken selten vorkommt.

Abb. 257.Gomphocerus sibiricusL. Heuschrecke, deren Männchen verdickte Vorderbeine besitzt. Männchen und Weibchen einander gegenübersitzend.

Abb. 257.Gomphocerus sibiricusL. Heuschrecke, deren Männchen verdickte Vorderbeine besitzt. Männchen und Weibchen einander gegenübersitzend.

Aus den grünen Matten ragten Gruppen schroffer, heller Felsen empor, welche in den Spalten von rötlichem Detritus erfüllt waren. Ein schöner, gleichmäßiger, dunkelgrüner Rasen überzog die Hänge dazwischen. Es war selbst hier in einer Höhe von 1800-2000 m sehr heiß, die Sonne brannte auf uns herab, als wiran einem solchen Felsen rasteten. Da erschienen plötzlich feindliche Flieger über uns. Sie wurden von einer Flakbatterie beiRasotinbeschossen, wobei ein Blindgänger nahe bei uns niederfiel. So wurde man grausam daran erinnert, daß wir Naturforscher nicht einmal in dieser weihevollen Einsamkeit der Natur ungestört unseren Forschungen nachgehen durften.

Wir ließen uns aber nicht bei unserer Tätigkeit behindern, welche uns reizvolle Funde in Aussicht stellte; denn über den Matten flogen interessante Gebirgsschmetterlinge dahin. Es waren dunkleErebien(Erebia epiphron orientalisElw.,E. euryaleEsp.,E. tyndarus balcanicaReb.).

Nach fast 5 Stunden Steigens langten wir in einem karartigen Kessel der Gipfelregion an. Mächtige Granitblöcke bedeckten seine Hänge, wirr übereinander gestürzt und durcheinander geworfen. Eine tiefe Mulde zog sich zu einem etwas eingebogenen Gipfelkamm. Der ganze Hang war von ungeheuren Massen von Geröll bedeckt. Wir waren in etwa 2100 m Höhe angelangt. Die Mulde streckte sich nach Süden und kehrte uns ihren Nordhang entgegen. Auf diesem lag das einzige kleine Schneefeld, welches der Sommer oben bei etwa 2400 m zurückgelassen hatte. Zwischen den Steinen rann Schmelzwasser des Schnees herab, welches im Grunde schwarze, sumpfige Erde angesammelt hatte, zwischen der allerhand Pflanzen von ausgesprochen alpinem Typus wuchsen. Auch von diesen hatGrisebacheine ausführliche Liste gegeben. Mir fiel damals besonders eine entzückenderosenrote Nelkeauf, die große blütenreiche Polster zwischen den Steinen bildete (Dianthus myrtinervisGris.). Ich habe von einem solchen Polster eine photographische Aufnahme gemacht, welche hier eingefügt ist (Abb. 258,S. 520). Die Abbildung gibt einen Eindruck von der charakteristischen Hochgebirgsumgebung, in welcher die Pflanze wächst. Die Augen auf sich zog auch ein stattlicherEnzian(Gentiana punctataL.) mit gelben, braungefleckten Blüten, der große Büsche bildete. Unten am Sumpf stand ein stattliches Fettkraut mit großen violetten Blüten (Pinguicula grandifloraLam.), ein alpiner Vertreter dieser insektenfressenden Pflanzengattung. Dazu kam ein mächtiges Läusekraut (Pedicularis comosaL.) und ein leuchtend blaues Vergißmeinnicht.

In diesem steinernen Kessel, in der Hochgebirgseinöde, lag eine bulgarische Kompanie. Sie hatte im Schutz von Felsen in möglichster Winddeckung eine Anzahl Hütten und Baracken gebautund führte da ein entbehrungsvolles Dasein. Wir waren in nächster Nähe der Front, welche über den Gipfel desPeristerihinzog. Im Sommer war der Aufenthalt hier oben nicht weiter schlimm und jedenfalls der Gesundheit zuträglich. Aber im Winter hatten die Soldaten kein leichtes Leben. Hier lag zuzeiten der Schnee 15 m hoch. Die Hütten waren dann vollkommen vergraben; so mußten sie Proviant und Munition aufgespeichert haben, da sie auf Wochen von der Welt abgesperrt sein konnten... Auch das Holz mußte aus der Baumregion heraufgeschleppt werden.

Abb. 258. Alpennelke (Dianthus myrtinervisGris.).

Abb. 258. Alpennelke (Dianthus myrtinervisGris.).

Wir waren von der Kompanie freundlich aufgenommen worden, vor allem von ihrem Hauptmann, der ein umgänglicher, sympathischer Mann war und bald sein starkes Interesse für naturwissenschaftliche Fragen und vor allem für Botanik verriet. Er bot uns seine Begleitung auf den Gipfel an, die uns sehr willkommen war.

Es war ein anstrengender Anstieg, ein schwieriges Klettern über die glatten, bunt durcheinander gewürfelten Granitblöcke, welche den ganzen Hang bedeckten. Wir hatten noch einige hundert Meter bis zum Gipfel emporzuklimmen; Pfad gab es keinen,kein Wiesenstück, keinen Streifen Erdkrume. Alles nur Steine, glatte, mächtige Felsen oder durcheinander geworfene kantige Blöcke. So gab es auch auf dem Anstieg immer weniger Vegetation und die äußerste Gipfelregion trug gar keine höheren Pflanzen; da wuchs nur hier und da etwas Moos oder eine Flechte als Kruste auf dem Gestein. Die einzigen Tiere, die hier oben zu beobachten waren, Ohrenlerchen (Chionophilos alpestris balcanicusRchn.) schwirrten durch die Felsspalten (vgl. Abb. 201, S. 403).

Der im Hochgebirge eingelebte Hauptmann brachte uns mit seinen langen Schritten bald außer Atem. Doch in kaum einer Stunde erreichten wir das Schneeband, durchwateten dieses und klommen über die letzten Felsenplatten zu dem kahlen Gipfel empor, dessen Höhe mir mein Aneroïdbarometer mit 2460 m angab, während die Karte 2535 m als Gipfelzahl verzeichnet.

Abb. 259. Gipfel des Peristeri.

Abb. 259. Gipfel des Peristeri.

Ich trat hinaus auf den kleinen Gipfelraum, atmete tief auf, reckte meine Arme in die Höhe, und begann mit einem frohen Jodler mein Entzücken, welches das Bild in mir erweckte, das vor mir lag, auszuposaunen. Da faßte mich still der bulgarische Hauptmann an der Schulter und zog mich hinunter in Deckung. „Wir sind nicht auf dem Rigi hier, gleich wirds schießen.‟ Und er deutete mit dem Finger auf die französischen Gräben, die sichkaum 200 m vor uns hinzogen, in denen ich aber niemand sich regen sah.

Man konnte auch aus der Deckung genug sehen und beobachten; und auch aus einem anderen Grund war Deckung erwünscht, nämlich als Schutz vor dem kalten Wind, der in der Gipfelregion blies. Meine von dem Anstieg erschöpften Kameraden zogen vor, in einer Felsmulde, welche die Sonne erwärmte, zu schlafen. Ich durfte mir aber keine Ruhe gönnen. Ich mußte die 1 oder 2 Stunden, die ich auf dem Gipfel des Peristeri verbringen durfte, richtig ausnutzen. Ein starkes Glücksgefühl erfüllte mich, daß es mir gelungen war, auch diesen Gipfel zu ersteigen und Beobachtungen zu machen. So hatte ich zu photographieren, Skizzen zu machen, Notizen aufzuzeichnen und aufzufassen, was nur möglich war. Zuerst wollte ich aber die Schönheit der Landschaft in mir aufnehmen und dann mich orientieren.

Die nächste Umgebung war nicht allzu reizvoll. Drei kahle Felsengipfel ordneten sich als Gipfelmassiv in einem Bogen an, grobes, plattiges Gestein, ohne großen Reiz in Farbe und Form. Und viele Einzelheiten des Mittelgrunds wurden durch die menschlichen Bauten gestört. Da waren zuerst hinter den Gipfelfelsen Gräben und Unterstände der Bulgaren. Und jenseits zogen sich über eine Mulde, welche zu dem anstoßenden südlich verlaufenden Gebirgskamm führte, auf dieser Seite eigene, drüben feindliche Gräben. Auf den Rückseiten der vorliegenden Berge sah man überall gerade Linien, Zickzackstreifen durch Gräben, Serpentinen von neugebauten Zufahrtsstraßen und all den Spuren des grausamen Kriegs gezogen.

Naturforscher und Künstler in mir aber wirkten zusammen, um all dies häßliche Menschenwerk in dem Bild auszulöschen, das innerlich in meiner Seele die Lichtstrahlen, die aus allen Weiten zu mir flogen, aufbauten. Und es blieb Schönes und Ergreifendes genug an der Landschaft, die sich, während ich in den Felsen herumkletterte, nach einander nach allen Himmelsrichtungen unter mir ausbreitete.

Zunächst blickte ich über die Mulde und den Sattel im Süden, der den Peristerigipfel mit einem breiten, bewaldeten Bergrücken verband; da unten lagen, wie die Augen des Gebirges, zwei kleine dunkelgrün schimmernde Seen; sie erinnerten in Gestalt und Größe an die Karseen, die wir auf dem Pepelak im Monat vorher entdeckthatten. Von der Karte konnte ich ablesen, daß sieLakul MikundLakul Marehießen, was auf aromunische Benennung hinwies.

Was war das für eine seltsame Empfindung, kaum ½ Stunde von diesen interessanten Gewässern entfernt und als Naturforscher verhindert zu sein, sie zu untersuchen, weil sie zwischen feindlichen Stellungen lagen. Hier war die Lage so, daß es auch nachts nicht möglich gewesen wäre, dorthin zu dringen, ohne festgenommen zu werden.

So mußte ich den Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne schweifen lassen, über die Gebirge Griechenlands und vor allem nach Westen und Südwesten in die Gegend des Prespasees. Von einem Ausblick auf einem vorragenden Felsen aus konnte ich den ganzenPrespaseeundMala Prespa, den kleinen, durch eine schmale Landbrücke von ihm getrennten südlichen See überschauen. Versumpftes Schilfufer zog sich als breites Band um das Nordende des Prespasees. Auf seinen blinkenden Spiegel senkten sich im Westen steile Felswände herab, eine Halbinsel ragte aus ihnen hervor und ein zartes Inselbild schwamm wie ein Phantom im Blau des Sees. Nördlich von ihm zog derTomoroshin, anschließend die Berge, welche ihn vomOchridaseetrennen und die Verbindung mit demSchardakhund den albanischen Bergen herstellen.

Nördlich des Prespasees und seines grünen Schilfgürtels dehnte sich die weite, baumreiche Ebene mit der StadtResnaaus. Noch eigenartiger war aber der Blick nach Westen. Da sah ich steil die Felswände entlang wie aus dem Flugzeug hinab in die Straßen vonMonastir. Es ist ein eigenartiger Eindruck, eine Großstadt von über 100000 Einwohnern, und noch dazu eine orientalische Stadt mit den Kuppeln von Moscheen und ihren Minarets, mit baumreichen Gärten, mit großen hellen Gebäuden und tausenden von Dächern von einem hohen Berg zu überblicken.

Um die Stadt herum zogen die feindlichen Stellungen; während ich herunterblickte, begann eine heftige Artilleriebeschießung.

Nach 1½ Stunden traten wir den Abstieg an. Doch ließ uns der bulgarische Hauptmann nicht ohne weiteres durch sein Lager durchmarschieren. Er hatte ein treffliches Mittagsmahl mit guten bulgarischen Gerichten zubereiten lassen. Gut gestärkt, nach anregenden Gesprächen, traten wir um 2½ Uhr nachmittags den Rückmarsch in die Tiefe an. Vorher hatte ich mich nicht nur von den freundlichen Offizieren und Mannschaften, sondern auchvon einer Meute prachtvoller Hunde zu verabschieden. Zwölf gewaltige Tiere, drei junge, neun alte waren die Freunde der Truppe in der Bergeinsamkeit. Sie gehörten zu der prachtvollen, langhaarigen Schäferhunderasse, welche ich immer bei den Hirten im Gebirge antraf. Während aber sonst meist die Tiere verprügelt, schlecht behandelt und tückisch waren, konnte in diesem Fall festgestellt werden, welch treue, kluge Kameraden man aus dieser Rasse erziehen kann.

Der Marsch nachČaparihinunter führte auf einem Umweg auf die Schlucht zurück, durch welche wir morgens angestiegen waren. Dieser Umweg war außerordentlich lohnend. Ich ließ mich zu ihm durch einen prachtvollen Wald von hochstämmigen Kiefern verlocken, der die Wände eines tief eingeschnittenen Tales bedeckte, das sich gegen Monastir in die Ebene erstreckte. Es war eine obere Abzweigung desDragortalsund offenbar der Aufstieg, den im Jahre 1839GrisebachvonMonastirüberMargarevogemacht hat.

Abb. 260.Pinus peuceam Peristeri 1800 m.

Abb. 260.Pinus peuceam Peristeri 1800 m.

Die Halde, auf welcher der Wald sich weithin ausdehnte, war mit einem Geröll gewaltiger Granitblöcke bedeckt. Es warnicht einfach, den Abhang hinabzuklettern; in Sprüngen ging es von Fels zu Felsen, über glatten Rasen und über morsche Stämme gestürzter Kiefern. Der Wald bestand aus schönen, schlanken Vertretern einer Zirbelkiefer (Pinus peuce). Die tannenähnlich gewachsenen Bäume mit ihren langen, dunkeln Nadeln und braunen Stämmen hoben sich malerisch von den grauen Felsen des Granits ab. Große grüne Grasbüschel und die Blätter des jetzt verblühtenAsphodelus albusL. mit den Samenkapseln wuchsen zwischen den Steinen.

Am Boden der Schlucht bildeten die Kiefern einen dichten Wald, der sich zu einer Waldwiese öffnete, auf der viele rote Disteln und Doldenpflanzen blühten und Himbeeren reiften. Hier gab es noch einmal reiche zoologische Ausbeute. Viele schön gefärbte Hummeln brummten von Blüte zu Blüte. Außer den morgens erbeutetenErebienflogen hier zahllose Schmetterlinge, von denen ichActaea cordulaFabr. und den schönen PerlmutterfalterArgynnis pales balcanicusRbl. erwähnen möchte. Auch Heuschrecken, Bienen, Fliegen wurden in vielen Arten erbeutet.

Abb. 261.Pinus peuceund Blick ins Tal vom Peristerihang in 1800 m.

Abb. 261.Pinus peuceund Blick ins Tal vom Peristerihang in 1800 m.

Eine bescheidene kleine Zauneidechse, die wir nicht weit von dem Bach an den Felsen der Schlucht fingen, erwies sich als einbesonders interessanter Fund. Es war der südlichste Fundort vonLacerta agilisL., der mitteleuropäischen Form der Zauneidechse. Es war nicht die östliche FormL. agilis exiqua, sondern die typisch mitteleuropäische, wie sie bisher mit Sicherheit auf dem Balkan nur in der Herzegowina beobachtet worden war.

Über all diesen Naturforscherinteressen wurde aber auch die Schönheit der Landschaft nicht vergessen. Die warme Nachmittagssonne vergoldete die Felsenhalden und die Stämme der Kiefern. Schon begannen die Schatten über die Hänge und Talwände sich auszubreiten. In vollem Sonnenglanz lagen noch die Hänge der Berge nördlich von Monastir und der Kette bei Gopes. Klar umrissen ragten die Kronen der Kiefern in den glühenden Himmel hinein.

Mit Bedauern blickte ich auch hier in die sinn- und zwecklose Verwüstung, welche die bulgarischen Truppen in dem wundervollen Bestand der Kiefern angerichtet hatten. Wie wird sich in den nächsten Jahrzehnten schon der Raubbau rächen, der im Krieg an den geringen Waldbeständen Mazedoniens ohne jede Voraussicht geübt wurde.

Schon lag von neuem abendlicher Schatten in der Schlucht, als wir müde und befriedigt dem Eingang des Dorfs Capari zu marschierten. Froh dachte ich nachts daran, daß ich das Wasser, das mich in den Schlaf rauschte, oben am Rande des Schnees hatte entspringen sehen.

Ich halte es für richtig, hier einen knappen Überblick über unsere gesamten Beobachtungen in denmazedonischen Alpenzu geben. Es waren Hochgebirge von mittlerer Höhe, welche ich imSchardakh, in derMala Rupa, in derGolesniza Planina, in derBelasiza Planina, imPeristeriund imTomoroskennen lernte. Daneben habe ich noch eine ganze Anzahl stattlicherMittelgebirgebesucht. Ich nenne von ihnen diePlaguša Planina, die Berge beiDemir Kapuund amDoiransee, dasBabunagebirge, denKaradakhbeiÜsküb, dieWodnokette, das Gebirge beiGopesundKrusevo.

Mazedonien in seiner Gesamtheit betrachtet ist ein gebirgiges Land, erfüllt vonKettengebirgen, welche den malerischenCharakter des Gebietes bedingen. Während die Mittelgebirge 1000-1400 m Höhe erreichen, sind in den Alpen Mazedoniens die höchsten Gipfel etwa 2400-2700 m hoch. An Wildheit der Formen und Größe der Dimensionen kann sich diese Gebirgswelt mit unseren Alpen nicht messen. Touristische Schwierigkeiten für die Erreichung der Gipfel kommen nicht in Frage. Kletterpartien kommen kaum in Betracht. Viele der von mir bestiegenen Gipfel waren auf Saumpfaden zu erreichen.

In Anbetracht der relativ geringen Höhen und der südlichen Breite der Lage zeigen die Gebirge einen auffallenden Reichtum in ihrer alpinen Flora und Fauna. Wir lernten sie als die Zufluchtsorte der Wälder kennen. Die Baumgrenze liegt entsprechend der südlichen Lage erheblich höher als in unseren Gebirgen. ImSchardakhlag sie über 1800 m, in derMala Rupasogar in etwa 1900 m, amPeristerietwa ebenso hoch, in derGolesniza Planinamit ihrerLatschenregionsogar bei 2000 m.

Sehr charakterisch für alle mazedonischen Gebirge war die Gliederung in Vegetationszonen, wie sie stets in den südlichen Gebirgen so auffällig sind. Je nach dem Charakter des Flachlandes war der Fuß des Gebirges entweder von typischer Kulturvegetation umfaßt oder von der in den ersten Kapiteln dieses Buches beschriebenen Steppenflora. Verließ man in den südlichen Gebirgen, also in derBelasiza Planinaoder in derMala Rupaund amPeristeridie Hügellandschaft, kam man über 200-300 m Höhe hinauf, so ließ man dieStacheleicheund denJudendornbald hinter sich, mit ihnen die sie begleitenden Kräuter. Auf diese Zone folgte die derweichblättrigen Eichen, derWachholderbüsche, unter welche sich Eschen, Hainbuchen und andere Bäume mischten. Diese Region ging direkt über in die desEichenbuschwaldes, die in den verschiedenen Gebirgen bis in die Höhe von 700-900 m reichte. Zwischen diesen Eichenwaldungen waren Wiesen ausgestreut mit einer sehr reichen Flora blühender Kräuter.

Von 750 bis etwa 1500 m erstreckte sich dieBuchenwaldregion. Sie war allen Gebirgen charakteristisch. Es war die Zone desHochwaldes, in welcher auch, besonders aber an der oberen Grenze, sichNadelwaldanschloß. Dieser bestand meist ausWeißtannen, so auf derMala Rupaund auf derKobeliza, amPeristeriwar sie durch diePinus peucevertreten, nur im Gebiet derGolesniza Planinafanden wir in 1900-2200 mdieBergföhre, die Latsche. Auch in dieser zweiten Gebirgszone spielten die reizvollen Waldwiesen mit ihrem Blüten- und Insektenreichtum eine große Rolle. Auf diesen Wiesen und an den Rändern des Waldes fanden sich die mazedonischenSennereien. Im Waldesschatten wuchsen als Schattenblumen Anemonen und Sauerklee. Überhaupt hatte diese ganze Zone einen ausgesprochenmitteleuropäischenCharakter in Pflanzen und Tierwelt. Hier flogen im Wald der Liljefordspecht, Mittelspecht, Amsel und Misteldrossel, Kleiber, Nonnenmeise, Waldbaumläufer, Rotkehlchen; hier brütet der Buchfink. Hier ist die Zone, in welche sich im Sommer viele der mitteleuropäischen Vögel verziehen.

In derLatschenregionderBegovawurden Tannenmeise, Heckenbraunelle, Hausrotschwanz und Hänfling angetroffen.

Typische alpineFlorabeginnt in der Regel erst in den mazedonischen Alpen von 1400-1500 m ab. Natürlich ziehen sich auch hier mit den Bächen Alpentiere und -pflanzen weit abwärts. An Nordhängen fand man nicht selten schon alpine Vertreter in 1100-1200 m Höhe in größeren Beständen, so die für die erste alpine Zone der mazedonischen Gebirge sehr charakteristischen Pflanzen, den Germer,Veratrum album, und das zarte HeidekrautBruckenthalia spiculifoliaSalisb. Mit dieser zusammen fand ich auf fast allen Alpenbergen Mazedoniens in der gleichen Region die balzende HeuschreckeStenobothrus miniatusCharp.

In dieser Zone flogen dieParnassier, früh im Sommer dieMnemosynen, später dieApollos; da gab es die charakteristischen alpinenErebien, dieBläulinge, diePerlmutterfalterundSpanner, welche für diese Zone charakteristisch waren.

Hier begannen nun allmählich dieMattenzu herrschen, die typischen alpinenFelsenpflanzenvorzuwiegen. Wie bei den Tieren, so ist bei den Pflanzen der Felsen eincharakteristischerWohnort der alpinen Formen. Alpine Felsentiere und -pflanzen folgen den Felsen in die Tiefe; Felsentiere und -pflanzen der Tiefe steigen mit den Felsen zu den Alpengipfeln empor.

So herrschten denn in den mazedonischen Alpen von Pflanzen neben den Enzianen, den Alpenrosen bald immer mehr die Steinbrech-, Nelken- und andere Pflanzenarten vor, welche Polster und Rosetten bildend, wie Moos sich an die Felsen heften.

Auf den Matten der Regionen über 2200 m war eine wundervolle alpine Flora von großem Formenreichtum vorhanden und mitihr eine charakteristische Alpentierwelt. Und das, obwohl hier unter der Breite des 40-42° N, sich kein ewiger Schnee, keine Gletscherbildung von größerer Ausdehnung gehalten hat. So war denn hier nicht wie in den Hochalpen eine sehr reiche, formenreicheNivalfaunawie sie neuerdings vor allem in den schweizer Alpen durchZschokkeund seine Schüler eine eingehende Untersuchung erfahren hat, entwickelt. Wir haben in den mazedonischen Alpen in derGolesnizaund amPeristerinur geringe Massen vonDauerschneeangetroffen. Aber wir fanden die Spuren einstigerVergletscherungauch in den mazedonischen Alpen und damit auch Relikten der einstigenEiszeit, wie sie zu erwarten waren.

In den höchsten Felsenregionen und Grasflächen über 2000 m fanden wir die Brutstätten derOhrenlerche, derFeldlercheund desBraunkehlchens; in den zerklüfteten Felsgebieten der Begovagipfelregion mit ihren Schneefeldern und Schneelöchern gab es Scharen vonAlpendohlen, auchAlpenbraunellenließen sich hier nachweisen. Den Felsen nachgefolgt waren ebenso hier hinauf der Alpenmauerläufer und der Felsenkleiber.

Auch unter den Insekten und niederen Tieren ließen sich typisch alpine Formen undEiszeitreliktenachweisen. Ich habe in früheren Kapiteln auf den SchmetterlingAnarta, auf dieAlpenplanarie, auf dienordischen Hummelformenhingewiesen. Die weitere Verarbeitung des Materials verspricht noch manchen interessanten Aufschluß. Unsere Untersuchungen der Biologie dermazedonischen Alpensind erste Vorstöße gewesen, denen die Forschungen der Botaniker und der vielen, besonders österreichischen Entomologen vorausgingen. Noch viel Interessantes ist von zukünftigen, vertiefteren Untersuchungen zu erwarten.


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