VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

NERESI

(ÜBER DIE KIRCHEN, KLÖSTER UND FESTE DER MAZEDONIER)

Die Erinnerung an einen heißen, bunten Tag steht klar vor meinem Gedächtnis und mit ihm verknüpft sind manche andere Erfahrungen, die ich bei den slavischen Mazedoniern über ihr Volkstum und ihren Zusammenhang mit der Geschichte des Landes machen durfte. Den Tag, der in mir zuerst ein starkes Interesse für die Menschen, welche Mazedonien bewohnen, weckte, den durfte ich im Klosterhof vonNeresi, angesichts seiner altehrwürdigen malerischen Kirche verleben, wenige Wochen nach meiner Ankunft in Mazedonien.

Hoch oben amWodno, in etwa 800 m Höhe, liegt, einer Schlucht angeschmiegt, das DorfNeresi. Seine Häuser sind von Obstbäumen umgeben, Weinlauben überdachen die Höfe. Die Schlucht ist mit Pappeln, Ulmen, Erlen und allerhand Gesträuch bestanden. Oberhalb des Dorfs steigen steile Hänge zur Gipfelregion des Wodno hinan. Auf ihnen breiten sich grasbedeckte Weiden aus, unterbrochen von stattlichen Baumgruppen. Letztere bestehen meist aus mächtigenEdelkastanien. Die braunen Stämme, die gerundeten, tiefschattenden Kronen der prachtvollen Bäume rahmen in reizvollster Weise das liebliche Dorf mit seiner malerischen Kirche ein, über welche hinaus ein weiter Blick ins Wardartal und auf den jenseits gelegenen blau schimmernden Karadakh sich öffnet.

Nur einmal außer hier bei Neresi habe ich in Mazedonien Edelkastanien angetroffen, worauf ich früher schon einmal hinwies. Es war dies beiKalkandelen, hoch im Tal der Sarska, etwa in der gleichen Meereshöhe von etwa 800 m, in der auch der Hain bei Neresi liegt. Es war windstill, als ich in den kühlen Schatten des Hains von Neresi eintrat; hier war gut ausruhen vom heißen Anstieg. Das Schweigen im Walde wurde nur von einem tiefen, dröhnenden Ton unterbrochen, der aus der Krone einer uralten Kastanie zu mirherabdrang. Wie Orgelklang brauste es da oben und als ich genauer hinsah, bemerkte ich Hunderte von Bienen, welche ein Astloch umschwärmten. Ein großes Bienenvolk hauste in einer Höhle in dem mächtigen Baum; irgendein Ereignis mochte es erschreckt haben und das erregte Summen der Tausende von Insassen des Nestes fand an den dünnen Wänden des alten Stammes eine gute Resonanz.

Bei der primitiven Bienenzucht, die in Mazedonien betrieben wird, kommt es nicht selten zum Verwildern von Schwärmen der Honigbienen, welche in Höhlen oder Baumlöchern sich ansiedeln und da das freie Dasein führen, welches das ursprüngliche Bienenleben darstellte.

Abb. 173. Blick auf Kloster und Dorf Neresi aus dem Edelkastanienhain.

Abb. 173. Blick auf Kloster und Dorf Neresi aus dem Edelkastanienhain.

Bei meinen Wodnowanderungen kam ich fast stets nach Neresi oder doch in die Nachbarschaft des Dorfs. So entstand im Frühling, als die Apfelbäume blühten, das Bild, welches die Titeltafel dieses Buches darstellt. Der Tag, dessen Eindrücke ich heute schildern will, war ein heißer Augusttag im Jahre 1917. Während der Vorbereitungen zur Schardakhexpedition unternahm ich die Wanderung in Begleitung des deutschen Verbindungsoffiziers,HauptmannLessing, da ich gehört hatte, daß oben in Neresi an diesem Tag ein Heiligenfest gefeiert werde.

Es war mittags um 2 Uhr, als wir aufbrachen und der schattenlose Anstieg von etwa 2 Stunden Dauer war an dem heißen Sommertag sehr ermüdend. Die Hänge des Wodno unten und in den mittleren Höhen waren dürr und vegetationslos, die Büsche am Rand des Pfades verstaubt und doch war der Landschaft nicht jeder Reiz genommen. Noch sah man zahlreiche Ameisen an der Arbeit, Schmetterlinge schwebten in der heißen Luft, Eidechsen saßen still auf den Felsen.

Abb. 174. Mazedonische Bauernfamilie auf der Rückkehr vom Klosterfest in Neresi.

Abb. 174. Mazedonische Bauernfamilie auf der Rückkehr vom Klosterfest in Neresi.

Das Interessanteste waren aber die Menschen, welche die Straße herabkamen. Sie kehrten schon vom Fest zurück, alle in ihren schönen bunten Feiertagskleidern, Männer, Frauen, junge Mädchen und Kinder in größeren und kleineren Gruppen. Wir fürchteten schon, wir könnten zum Fest zu spät kommen. Das verriet aber unsere Unerfahrenheit mit den Gewohnheiten der mazedonischen Bauern; wir unterschätzten ihre Ausdauer bei den Tanzfesten.

Als wir in Neresi ankamen, waren die Gassen noch von geputzten Menschen erfüllt, die sich zum Teil zur Heimkehr bereitmachten. Meist sah man je eine Familie eine Gruppe bilden, Mann und Frau, dabei die Kinder verschiedenen Alters und Wachstums, dazu manchmal Schwestern und Brüder von Mann und Frau. Oft wurden Trag- und Reittiere mitgeführt. Da zeigte sich stets das charakteristische Bild, daß, wenn nur ein Esel oder Pferdchen dabei war, der Mann, mochte er auch jung und kräftig sein, auf dem Tier saß, während Frauen und Kinder nebenher trotteten.

Ab und auf durch eine Schlucht gelangten wir in den weiten Klosterhof; heute stand das Tor weit offen und der eingehegte Raum war noch von einer großen Schar Menschen erfüllt. In einer Ecke bei der Kirche ertönte die Tanzmusik. Wir kamen also nicht zu spät.

Abb. 175. Die Laube vor der Kirche von Neresi.

Abb. 175. Die Laube vor der Kirche von Neresi.

Das Kloster Neresi ist ein ziemlich kleines Anwesen. Wie gewöhnlich steht an der einen Seite des Klosterhofs die Kirche und wendet ihm ihren Haupteingang zu. Eine Anzahl schattenspendende Bäume stehen um die Kirche herum. Letztere ist eine typische Anlage, ein Mittelturm von vier Ecktürmen umgeben, das Ganze aus Hausteinen mit eingeschaltenen schmalen Bändern roterZiegel gebaut. Die Dächer der kuppelartigen Türme bestehen aus schweren Hohlziegeln und bilden flache achtseitige Pyramiden.

Um den Hof stehen aus Holz und Steinen gebaute Häuser mit großen, luftigen Holzgalerien. Solche geräumigen Häuser sind ein wesentlicher Bestandteil der mazedonischen, überhaupt der Balkanklöster und haben eine von deren wichtigsten Aufgaben zu erfüllen. Sie dienen als Massenquartiere für die Besucher der Klöster, welche dort in großer Menge zusammen kommen. Sie sind oft weit hergekommen und bleiben nicht selten tagelang im Kloster, um dort die Heiligenfeste zu feiern. Wie es in anderen christlichen Ländern nicht anders ist, sind die kirchlichen Feiern mit Volksfesten verknüpft.

Zu diesen strömt die Bevölkerung der ganzen Umgegend zusammen und oft haben die Wallfahrer tagelange Reisen zurückgelegt, um rechtzeitig das meist hochgelegene Kloster zu erreichen. Dort finden sie ein Dach, das sie deckt, einen meist hölzernen Boden, auf dem sie ihre mitgebrachten Decken ausbreiten und schlafen können. Kochstellen sind vorhanden, wo sie die auch mitgebrachte Nahrung zubereiten dürfen. Doch werden alle Gäste meist freigiebig von den Mönchen bewirtet. Dazu dient das auf Stiftungen beruhende Vermögen der Klöster; denn die wenigen jeweils in einem Kloster hausenden Mönche verbrauchen selbst nicht viel.

So sind die Häuser bei den Festen von zahlreichen Quartiergästen angefüllt, meist hat jede Familie ihr Plätzchen für sich und es entwickelt sich ein munteres Leben in den Hallen und Galerien, die sonst oft wochen- und monatelang leer stehen mögen. In gefeierten Klöstern versammeln sich oft solche Massen von Besuchern, Familien mit Weibern und Kindern, daß die Behausungen nicht ausreichen für die Fülle, und oft Hunderte oder gar Tausende im Freien, innerhalb der Klostermauern oder in der Umgebung lagern müssen.

So sind die mazedonischen Klöster stets gastliche Stätten, wo auch der Fremdling beherbergt wird und ich habe manche freundliche Erinnerung an solche mitgenommen. Von den Mönchen wurde man oft sehr gut bewirtet und manch guten Tropfen Wein habe ich bei ihnen genossen.

In der grellen Sonne bewegte sich im Klosterhof von Neresi eine bunte Menge von Männern, Frauen und Kindern. Alle hatten ihre Köpfe in irgendeiner Weise vor den Strahlen der Sonne geschützt.Auch wenn sie die dort üblichen flachen runden, oft schön gestickten Mützen trugen, hatten selbst die Männer meist weiße, auch farbige und bunt gewebte Tücher um den Kopf geschlungen. Nur wenige hatten Strohhüte oder Militärmützen aufgesetzt. Alle Frauen hatten große weiße Tücher um Kopf und Nacken gelegt, welche durch ein über Scheitel und Ohr gelegtes, um den Hals geschlungenes buntes, meist gesticktes breites Band festgehalten wurde. Unter dies hatten sie Blumen gesteckt.

Abb. 176. Gruppe nach dem Tanz in Neresi.

Abb. 176. Gruppe nach dem Tanz in Neresi.

Alle hatten sie weiße Hemden mit weit offenen Ärmeln und schön gesticktem, über die Handgelenke fallenden Saum an. Bei manchen waren die Ärmel eng geschlossen durch ein breites Band mit feiner Stickerei. Der Hals war frei, doch durch das Kopftuch mit bedeckt. An der Brust schaute das blütenweiße Hemd aus einem tiefen, viereckigen Ausschnitt der kurzen, ärmellosen Weste heraus. Über die Brust schlangen sich Halsketten aus Silber, bunten Steinen, emaillierten Plättchen hergestellt mit allerlei Anhängseln. Allen Mädchen und jungen Frauen hingen unter dem Kopftuch zwei oder mehr lange, eng geflochtene Zöpfe den Rücken herab und reichten meist über das Knie hinaus. Oft waren bunte Seidenschnüre oder Bänder hineingeflochten, um vor allem dasHinterende zu verstärken (Abb. 177). Das Handgelenk trug silberne oder sonstwie kostbare Armringe.

Die Hüften umspannte ein breiter Gürtel aus farbigem, festem Wollgewebe. Von ihm hing ein langer, enger weißer Rock bis kurz über die Knöchel herab. Ihn überdeckte bis zu den Knien ein kurzer Rock mit einem breiten unteren Saum, der oft ebenso schön gewirkt war wie der Gürtel. Darüber hing vorn die breite, steife Schürze bis zu den Füßen in gleicher Länge wie der weiße Rock.

Die Schürze ist der besondere Stolz der Mazedonierin; sie ist in reizvollen, meist polyedrischen Mustern aus schwerer Wolle gewebt. Weiß und rot waren hier in Neresi an Kleid wie Schürze die vorherrschenden Farben. Die Füße waren meist mit schwarzen Strümpfen bedeckt und steckten in aus Leder eigenartig gebogenen Schuhen, an denen Schuhkörper und Sohle aus einem Stück gefertigt waren, den sogenannten Opanken.

Abb. 177. Zopfschmuck einer mazedonischen Bauersfrau. Südmazedonien bei Negorci.

Abb. 177. Zopfschmuck einer mazedonischen Bauersfrau. Südmazedonien bei Negorci.

Ähnlich waren die Anzüge der Männer gefertigt. Auch hier weiße Ärmel, kurze ärmellose, wollene Westen, die meist schwarz waren. Die Männer trugen wie die Frauen Gürtel, von denen an der rechten Seite zwei breite Streifen herabhingen, die man auch bei den Weibern nicht selten beobachten konnte. Unter dem Gürtel schaute ein kurzer weißer Rock heraus, den aber nicht alle Männer, sondern vorwiegend die jüngeren trugen. Unter ihm folgten enge weiße Hosen, die entweder bis auf die Schuhe herabhingen oder von diesen durch schön gewirkte Gamaschen getrennt waren.

Von dieser bunten, bewegten Menge wurden wir nichtunfreundlich begrüßt und aufgefordert, in einer Laube Platz zu nehmen, die von Reben umrankt, an der Seite der Kirche hinzog und eine einfache Holzbank mit einem Tisch davor enthielt (Abb. 175,S. 357). Da HauptmannLessingden Dolmetscher machen konnte, entspann sich bald eine lebhafte Unterhaltung.

Als einer der Kirchenvorstände von meinem Begleiter hörte, ich sei Naturforscher, meinte er, das treffe ja sehr gut, denn heute sei das Fest des heiligenPanteleimonund der sei der Heilige der Ärzte und Naturforscher. Er führte uns in die Kirche, wo es von Weihrauch duftete und vor demIkonostas, der Schranke zwischen dem Kirchenraum und dem Allerheiligsten, brannten zahlreiche Kerzen. Unter den Heiligen, welche in alten Bildern in dem reichen Schnitzwerk der Schranke eingerahmt waren, zeigte er mirSveti Panteleimonmit den Geräten und Abzeichen des Arztes. Als ich mich darauf entschloß, dem Heiligen eine stattliche Kerze anzuzünden, war die Freundschaft geschlossen. Man veranlaßte uns, wieder unseren Platz auf der Bank in der Laube einzunehmen, bewirtete uns mit Kaffee und mit Raki, dem trefflichen Zwetschenschnaps der Bulgaren.

Abb. 178. Zigeuner als Flötenbläser.

Abb. 178. Zigeuner als Flötenbläser.

Unterdessen hatten die Tänze wieder begonnen und die Tanzmusik dröhnte durch den Hof. Es waren Zigeuner, welche musizierten; drei Instrumente gab es, einen Dudelsack, eine langeschwarze Holzflöte und eine dröhnende Pauke. Es war eine grelle, schrille Musik mit eigenartigem Rhythmus, welcher den Tänzen entsprach. Alle Tänze der Balkanvölker sind Reigentänze; Serben, Bulgaren, Rumänen, Griechen und Mazedonier tanzen in ähnlicher Weise. Doch gibt es eine Menge von Varianten dieser Tänze, nicht nur nach den verschiedenen Nationen, sondern auch vielfach nach den verschiedenen Landschaften. Überall haben sie einen ähnlichen Namen: Choros, Horo u. dgl.

Die Rhythmen erscheinen unserem Ohr etwas absonderlich, aber sie schmeicheln sich ein, vor allem, wenn man mit den Augen den Bewegungen der Tänzer folgt. Bei vielen Tänzen bedingt der Tanzrhythmus ein Fortschreiten der Tänzer in einer Richtung; denn bei solchen werden mehr Schritte in einer Richtung als in der anderen ausgeführt.

Abb. 179. Frauenkreis beim Tanz in Neresi.

Abb. 179. Frauenkreis beim Tanz in Neresi.

So werden bei einem Tanz drei Schritte nach rechts gemacht, worauf zwei Schritte nach links folgen; bei einem anderen Tanz folgen sich 5 und 3 Schritte. Die Verschiedenheiten der Rhythmen sind sehr zahlreich.

Jeder Tänzer reicht seinem Nachbarn die Hand; so werden Ketten gebildet, welche sich aber nicht zu Kreisen schließen, wenn auch meist die Tänzer einer Kette sich im Kreis anordnen. Meistwird je eine Kette von Männern und eine von Mädchen und Frauen gebildet. Das war bei den Tänzen, welchen ich damals inNeresizusah, stets der Fall. Bald bildeten die Frauen den inneren und die Männer den äußeren Kreis, bald kam es zur umgekehrten Reihenfolge. An anderen Orten sah ich auch gelegentlich Ketten aus Männern und Frauen gleichzeitig gebildet.

Ein Vortänzer leitet den ganzen Tanz. Oft findet sich in der Männerkette ein männlicher Vortänzer, in der Frauenkette eine Vortänzerin. Meist ist der Vortänzer der vorderste in der Kette, er führt beim Tanz und gibt das Tempo an. Er kann dabei auch an der zweiten oder dritten Stelle eingereiht sein, läßt auch einmal los und greift an irgendeiner Stelle ein, wo es mit Tempo und Rhythmus hapert.

In der Kette pflegen die besten Tänzer vorn dem Vortänzer sich anzuschließen und die geringsten und ungeschicktesten den Abschluß zu bilden. Das ist oft auch eine Reihenfolge des Alters; denn am Schluß findet sich meist die Jugend. Auch Kinder pflegen bei nicht ganz feierlichen Gelegenheiten am Reigen teilzunehmen und wenn es genug sind, eine besondere Kette zu bilden.

Das Tempo des Tanzes pflegt anfangs mäßig, sogar langsam zu sein. Das hängt natürlich vom besonderen Tanz ab. Während des Tanzes wird durch den Vortänzer das Tempo allmählich beschleunigt, bis es allmählich zu rasender Bewegung der Füße und Drehung des ganzen Kreises führt. Es bietet ein eigenartiges Bild, wenn der Kreis der Männer und derjenige der Frauen sich in gleichem Tempo ineinander bewegen, wobei der Rhythmus jeden einzelnen Körper bewegt und über die ganze Kette sich fortpflanzt.

Manchmal wird die Schnelligkeit zur Raserei, wobei die Menschen sich erschöpfen; der Vortänzer gibt ein schnelleres und immer schnelleres Tempo an, dem die Musik genau folgt. Sind die Tänzer ermüdet, d. h. gibt der Vortänzer dies zu, so wird eine Pause gemacht. Die Kette löst sich auf, die einzelnen stehen schwitzend und stark atmend umher und ruhen sich aus. Sie setzen sich auch nieder und nehmen Erfrischungen zu sich.

Damals in Neresi setzte sich der Tanz stundenlang fort; die Leute waren unermüdlich und zeigten, Frauen wie Männer, dabei eine erstaunliche körperliche Leistungsfähigkeit. Man hatte durchaus den Eindruck, daß sie allmählich in einen gewissen Rausch gerieten. Dabei überschritt die Leidenschaft in keinem Fall, demich beiwohnte, einen mäßigen Grad; der Tanz blieb stets dezent und in der Ausführung gemessen.

Solche Tänze werden nicht nur in den Klöstern bei religiösen Feiern ausgeführt, sie spielen im Leben der Bauern überhaupt eine große Rolle, man kann sie in den Dörfern an Sonn- und Feiertagen unter dem großen Schattenbaum des Dorfes oder auf dem Gemeindeplatz beobachten; bei Hochzeiten und anderen Familienfesten dürfen sie nicht fehlen.

Hier im Kloster ging es geordneter her als bei den Tänzen, welche in den Dörfern etwa zur Feier einer Hochzeit stattfanden. Dort nahmen neben den Festgebern auch allerhand andere Leute an den Tänzen teil, vor allem die Kinder der Nachbarschaft, die viel weniger gut gekleidet, oft direkt verlumpt waren. Dann unterschied sich der Anfang der Kette mit dem geregelten Tanz, den stattlichen, schön geschmückten Frauen sehr von dem Hinterende, wo Mädchen von 8-12 Jahren, ungeschickt und ungraziös mittanzten, die Hände oft loslassend und so die Kette sprengend, daß der Vortänzer immer wieder eingreifen mußte.

Abb. 180. Junger Männerkreis beim Tanz in Neresi.

Abb. 180. Junger Männerkreis beim Tanz in Neresi.

Noch schlimmer war das im Männerkreis, dem sich oft ganz kleine Knaben angliederten, von denen einige die Hanswürstemachten, schrien, lachten, den Tanz störten und jubelnd Purzelbäume schlugen.

In denKlösternwaren immer dieKirchenbesonders interessant, soweit sie alt waren und früheren Jahrhunderten entstammten. Dann war die Bauweise von besonderem Interesse und weckte Gedanken an die Geschichte des Landes. Und zwar waren es meist bulgarische Traditionen, welche aus den alten Bauten zu einem sprachen. Die Kapitel überPrilepundOchridawerden Gelegenheit geben, auf sie zurückzukommen.

Während des Feldzugs waren auch deutsche und bulgarische Archäologen und Kunsthistoriker an der Erforschung und Katalogisierung der historisch, kulturell oder künstlerisch wertvollen Bauwerke und Kunstdenkmäler tätig. Ihnen will ich nicht ins Handwerk pfuschen, wenn ich der Bauten und ihrer Ausschmückung gedenke, welche auf meinen Pfaden mir begegneten. Vielmehr will ich der Anregungen gedenken, die von ihnen ausgingen und mich veranlaßten, mit offenen Augen auch diese Zeugnisse der Entwicklung der Balkanvölker anzuschauen.

Während Kirchen späteren Ursprungs vielfach als Basiliken gebaut sind, sind alte Kirchen, wie die vonNeresi, meist als Kuppelkirchen mit einer großenzentralen Kuppelundvier Randkuppelnangelegt. Diese Grundform wird meist als byzantinische Bauweise bezeichnet, wenn sie auch offenbar älter ist als die byzantinische Kunst und, wieStrzygowskigezeigt hat, auf armenische Ursprünge zurückzuführen ist. Dem altarmenischen Konchenquadrat entspricht der Grundriß der Kirche von Neresi, wenn auch hier durch Anbauten an der Portalseite und am Chor eine Längsachse geschaffen ist. Sehr reizvoll sind in Neresi die Einfassungen der Fenster, ganz typisch der Gegensatz des achteckigen Zentralkuppelturmes zu den quadratischen Ecktürmen.

Das Innere mit dem freien Raum für die Gemeinde, anschließend an das Hauptportal, zeigt die übliche Trennung des Allerheiligsten durch denIkonostas, die Bilderwand mit reicher Schnitzerei und Vergoldung und Heiligenbildern von nicht sehr hervorragender alter Malerei. Einige Steine und Säulenteile im Innern deuten auf hohes Alter der Kirche hin. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert. Alte freskenähnliche Temperamalereien sind in den Ecktürmen und in der Apsis erhalten; weniger wertvolle Malereien aus neuerer Zeit finden sich im Hauptraum. In der Hauptsache gehen die gottesdienstlichen Handlungen hinterder bildgeschmückten Schranke vor sich. Deren drei Türen spielen im Ritus eine große Rolle. Der meist schöne Gesang der Priester im Wechsel mit den in der Kirche antwortenden Chören geben dem Gottesdienst eine feierliche Weihe. Sehr groß ist der Prunk im slavischen Ritus. Ein Aufgebot von zahlreichen Priestern mit oft sehr prunkvollen bunt- und goldgestickten Gewändern macht auf das Volk einen starken Eindruck.

Tradition spielt in der griechischen Kirche eine sehr große Rolle. Das ist ja in Religionen die Regel; aber gerade in der Balkankirche ist sie wohl ganz besonders streng. So ähneln sich die Balkankirchen in Bauweise, Einrichtung, Schmuck außerordentlich untereinander. Damit ist natürlich infolge der Nachahmung guter alter Vorbilder auch ein gewisses Niveau gewahrt. So kann es einen oft erstaunen, in einer Dorfkirche eine ganz merkwürdig gute Ausschmückung anzutreffen.

Abb. 181. Inneres der Kirche in Doiran mit Kanzel (rechts) und bedachtem Allerheiligsten.

Abb. 181. Inneres der Kirche in Doiran mit Kanzel (rechts) und bedachtem Allerheiligsten.

Abb. 182. Adam und Eva im Paradies. Sündenfall.

Abb. 182. Adam und Eva im Paradies. Sündenfall.

Abb. 183. Heilige und Teufel.

Abb. 183. Heilige und Teufel.

Als Beispiel möchte ich die kleine Dorfkirche vonGradečim Wardartal etwas oberhalb Hudowa anführen. Sie liegt als einfacher Bau mit viereckigem Glockenturm und niederem Ziegeldach in einem Hain von grünen Bäumen. Die Kirche ist von einemgedeckten Umgang mit einfachen Holzsäulen umgeben. Wie denn sonst die Innenwände von bulgarischen Kirchen gänzlich von Temperamalereien auf Kalkflächen bedeckt zu sein pflegen, die wie Fresken aussehen, so ist hier die durch das Dach des Umgangs geschützte Außenwand der Kirche vollkommen mit teilweisegut erhaltenen Malereien überzogen. Sie stellen Szenen aus der heiligen Geschichte, Adam und Eva im Paradies, den Sündenfall, das jüngste Gericht, die heilige Dreifaltigkeit und Scharen von Heiligen dar.

Abb. 184. Jüngstes Gericht und Heilige.

Abb. 184. Jüngstes Gericht und Heilige.

Es scheint, daß die Bilder auf alten Grundlagen immer wieder neu übermalt sind. Die Grundlage scheint aber höchst anständig gewesen zu sein und so finden wir in dieser kleinen Kapelle in dem Dorf von höchstens 20-30 Häusern eine schön und reich geschmückte Kirche. Was mag der Balkan an solchen Dingen beherbergt haben, die jetzt durch die unablässigen Kämpfe der Nationen, der Religionen und Konfessionen zerstört sind!


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