ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

BESUCH BEI DEN ALBANERN

Meine bulgarischen Freunde hatten den kühnen Plan, an den Abhängen des Ljubotren eine Wildschweinjagd zu veranstalten. Ein alter Albaner, ehemaliger Patient und seither treuer Anhänger des Dr.Molloff, hatte eingeladen, bei ihm Quartier zu nehmen.

Es war um die Wende von Februar und März, als wir uns frühmorgens in die Eisenbahn setzten, welche von Üsküb nach Nordwesten überPrizrennachMitrowitzaführt. Wir fuhren aber nur die 36 km durch dasLepenatztalbisKazanik, einem kleinen Ort, welcher bei 425 m Höhe am Fuß des Ljubotren gelegen ist. Es war eine interessante Fahrt durch das tiefeingeschnittene Tal des Flüßchens, welches im flotten Lauf, über Steine plätschernd, dem Wardar zufließt.

Kazanikliegt sehr reizvoll vor dem noch tief mit Schnee bedeckten Ljubotren, der allerdings bei unserer Ankunft in Wolken steckte. Hier und da öffneten sich die Wolken, und wir konnten einen Blick auf weite Schneefelder tun, welche sich jenseits der Waldzone ausdehnten. Kazanik mit seiner weißen Moscheekuppel und seinem schlanken Minaret liegt zwischen Bäumen eingebettet zu beiden Seiten des Lepenatzflusses, der kurz unterhalb des Ortes in eine Schlucht eintritt. Der Zug hatte uns vorher durch einige Tunnels geführt.

Den Ort durchfloß die Lepenatz als starker Bach mit steilen Ufern. Über den Steinen in seinem Bett flogen zahlreicheWasserstare, Männchen und Weibchen. Es war ein anziehendes Schauspiel, wie sie von Stein zu Stein flogen, bald mit gespreizten Flügeln auf den Felsen standen, bald sich in das Wasser stürzend. Wie sich im Laufe unserer Forschungen herausstellte, ist dermazedonische Wasserstareine besondere Form (Cinclus cinclus orientalisStresem.), so ähnlich er auch dem heimischen Vogel sah, den ich aus dem Schwarzwald und den Voralpen so gut kannte.

Während unsere Tragtiere herangebracht wurden, durchstreifte ich das Flußufer und das malerische Tal. Wir brachen am Nachmittagauf, zweigten bald von der Bahn ins Lepenatztal nach Norden ab. Es war ein weites Tal, welches wir etwa 1 Stunde aufwärts verfolgten, um dann steil die Berge hinaufzuklimmen, an die Hänge des Ljubotren.

Der Abend sank schon herab, als wir in der Höhe von etwa 700 m durch Obstgärten, an Zäunen, Hecken und Mauern vorbei an ein Holztor gelangten, welches auf Klopfen sich vor uns öffnete. Wir traten in einen nicht sehr großen Hof, dessen eine Längsseite von einem niedrigen Haus eingenommen war, sein einziges Stockwerk war von einem Strohdach bedeckt. Die anderen Seiten des Hofes waren von Schuppen und Vorratshäusern eingefaßt. Über dem Eingang hing das Dach weit vor und war von Balken gestützt.

Unser Gastfreund, ein alter Albaner von über 70 Jahren, namens Mustafa Visch, trat uns freundlich entgegen und begrüßte uns unter umständlichen Formen. Wir traten in das dunkle Haus ein, dessen an der linken Seite befindlichen Fenster tief in der Wand saßen. Eine niederige Decke war von Balken gestützt, die in zwei Reihen standen, so daß in der Mitte ein Durchgang auf einen offenen Kamin führte, in welchem ein mächtiges Holzfeuer prasselte.

Dessen Schein genügte, um uns das Zurechtfinden im Raum zu gestatten. Wir sahen, daß die beiden Abteilungen des Zimmers mit schönen dicken Teppichen belegt waren. Die Abteilung links war für uns vorbereitet, die rechts gelegene, etwas kleinere, hatte der alte Mann für sich und seine Söhne reserviert.

Das erste war, daß wir vor dem Betreten der Teppiche unsere sehr schmutzigen Stiefel ablegten und ermüdet uns auf den Boden setzten. Unser alter Gastfreund, gekleidet in enge, schwarze wollene Hosen, ein wollenes Hemd, über welches eine emaillierte Kette mit einer Taschenuhr hing, schaute aus einer pelzverbrämten, langen braunen Jacke hervor; unter dem roten Bauchgürtel ragten noch Zipfel eines weißen Wamses heraus. Den Kopf deckte das übliche halbkugeliche, weiße Filzkäppchen. Ähnlich warm und gut waren die übrigen Männer gekleidet.

Mit mir waren sechs Bulgaren mitgekommen, dazu hatte ich meinen Burschen und den PräparatorAigner, die bulgarischen Herren ihre Bedienung und noch Bedeckungsmannschaften bei sich. Dennoch kamen wir ganz gut unter, denn die Bedienung verschwand bald draußen, machte eine Küche ausfindig und begann für uns zu kochen.

Es war ganz behaglich in dem von dem starken Feuer durchstrahlten Raum auf unseren dicken Teppichen. Anfangs hatte man etwas Angst vor Ungeziefer. Aber bei der allmählichen Gewöhnung an Schmutz fand man das Quartier recht sauber, breitete die Decken aus und bald kam unser Essen. Wir boten natürlich unseren Gastfreunden von unserem Proviant an, was sie erwiderten, als sie nach uns ihre Speisen bereiteten und es sich gemütlich machten.

Mit dem greisen Vater lebten drei unverheiratete Söhne zusammen, welche alle auch schon über 50 Jahre alt waren. Zwei davon machten einen sehr gesetzten, klugen Eindruck, während der Dritte etwas abnorm zu sein schien. Es war außerordentlich interessant zu beobachten, wie respektvoll sie mit ihrem alten Vater umgingen. Trotz ihres Alters, hatten sie noch keine Rechte im Haus. Der Vater hatte stets den Vortritt, sie warteten, bis er sie aufforderte, sich zu setzen.

An dem Kaminfeuer wurde dann ihr Essen zubereitet, welches aus Hammelfleisch mit Reis und Gemüse bestand. Während wir auf unseren Decken lagen, beobachteten wir ihr eigenartiges Gehaben. Zwei Öllampen, welche an der verräucherten Holzdecke aufgehängt worden waren, verbreiteten ein gelbes Licht über den Boden des Gemachs, warfen dunkle Schatten hinter den Balken, während vom Kamin von Zeit zu Zeit ein Krachen ertönte, Funken aufsprühten und ein heller Schein den ganzen Raum erfüllte.

Die vier Greise hockten sich um einen kleinen, niedrigen, dreibeinigen Tisch, auf den die große, dampfende Schüssel zwischen sie gestellt wurde, es war der rußgeschwärzte, halbrunde Topf, welcher vorher an einem langen Hacken über dem Kaminfeuer geschwebt hatte. Vor jedem von ihnen stand ein Messinggefäß mit Wasser und lag ein sauberes Wischtuch.

Nun kam der Vater zuerst mit dem Essen daran, griff mit den Fingern in den Topf und holte sich ein gutes Stück heraus, führte es zum Mund, wusch dann seine Hände ab, ehe er von neuem hineingriff. Dann bot er den gefischten Brocken demjenigen seiner Söhne dar, den er offenbar bevorzugte. Er steckte ihn ihm direkt in den Mund. Das war das Zeichen, daß diese auch mit ihrer Mahlzeit anfangen konnten. Sie verfuhren genau so wie der Alte. Mit ihren Fingern waren sie ebenso reinlich wie er. Und so wußte ich die Ehre zu schätzen, als der alte Mann einen möglichst schönen Happen Fleisch für mich herausfing und ihn mir inden Mund steckte. Als die Alten fertig waren, wurde zur größeren Feier noch ein guter, süßer, schwarzer Kaffe gebraut und in kleinen Täßchen auch uns allen angeboten.

Wir hatten uns alle schon längst zum Schlafen ausgestreckt, als die alten Männer sich auch dazu anschickten. Die Söhne bereiteten dem Vater das Lager aus Kissen und Teppichen, dann der jüngste der Fünfziger seinen beiden Brüdern das ihrige. Schließlich ordnete er umständlich das seine, löschte die letzte Lampe und kroch unter seine Decken. — Ich hatte als Letzter von uns blinzelnd das alles mit angesehen. Nun flackerte das Feuer im Herd noch einmal auf und dann begann auf allen Seiten ein mächtiges Schnarchen. Man schlief gut und fest und mit dem Gefühl voller Sicherheit unter dem Dach des neuen Gastfreundes.

Früh am nächsten Morgen wurde zur Wildschweinjagd aufgebrochen. Es war eine stattliche Schar, welche gemeinsam loszog. Albaner zogen zahlreich als Jäger und Treiber mit, alles hohe, schlanke Gestalten, mit Gewehren über der Schulter. Der große Troß, der Lärm, mit dem man in die Höhe gegen den Wald stieg, flößte mir wenig Vertrauen auf das Gelingen der Jagd ein.

Es ging zunächst über grasige Hänge, durch dichten Busch steil den Berg hinan. An zwei Dörfern kamen wir noch vorbei, welche alle dasselbe Bild boten wie unser Dorf Dubrava. Alle Häuser standen abseits des Weges, eingeschlossen durch dichte Hecken. In den Gärten standen schöne Obstbäume.

Weiter oben hatten wir an einer tiefen Schlucht entlang zu wandern, bis wir nach etwa 1½ Stunden an den Rand eines Eichenwaldes kamen, der zuerst aus Buschwerk bestand, allmählich, je tiefer wir in ein Tal hineinkamen, immer mehr zum Hochwald wurde. Das ganze Tal wurde immer dichter vom Eichenwald erfüllt.

Wir Jäger wurden an das obere Ende des Tales verwiesen; die Albaner sollten an beiden Seiten am Hang durch den Hochwald treiben, und man versicherte uns, die Sauen würden schußgerecht bei uns herauskommen. Der fürchterliche Lärm, mit dem die Menschenmenge in den Wald eingezogen war und den sie drinnen ungemindert fortsetzte, die große Schießerei, die alsbald ohne jeden Grund losging, und das sinnlose Ansetzen der Schützen überzeugten mich, daß bei dieser Jagd nichts herauskommen konnte.

So beschloß ich denn, mich in der Umgebung meines Standplatzes genau umzusehen. Ich war in einer durch Holztrieb entstandenenLichtung des Eichenwaldes postiert. Auf dem laubbedeckten Boden lagen einzelne gefällte Stämme, rings umher standen noch prachtvolle alte Baumriesen. Am Himmel zogen große Wolken und ließen dann und wann einen blauen Flecken klar werden. Damit wurden auch die roten Buchenwälder der höheren Region und über ihnen die Schneeflächen der Matten zeitweise sichtbar. In der Hauptsache blieb es aber ein trüber Tag.

Es dauerte gut zwei Stunden, bis die übrige Jagdgesellschaft und die Treiber herankamen. Trotzdem erlosch das Getöse in den Tälern nicht. Waren je Wildschweine im Gebiet, sie hatten sich sicher längst in stillere, verborgenere Gegenden zurückgezogen. Soviel ich suchte, ich fand keine Spuren, keine Losung, keine Andeutung, daß je Wildschweine hier gehaust hatten. Kein Tier irgendeiner Art brach durch den Wald. Außer dem Lärm, den die Menschen machten, herrschte tiefste Stille. Es hätten weihevolle Stunden sein können, in dieser stillen, winterlichen Einsamkeit des Bergwaldes.

Ein wenig genoß ich davon, als ich bis zum Schneerand anstieg und mich dort ruhig eine Zeitlang hinsetzte. Kein Tier regte sich im Gebiet, kaum ein Vogel flog vorbei, nur ein Specht trommelte in der Ferne. Ich wälzte Steine, löste Rinden von alten Bäumen. So fand ich Hackstellen des Spechtes; unter einem losgelösten Rindenstück fand ich etwa 50 schwarzrot gefleckte Blattwanzen im Winterquartier. Ähnlich fand ich solche Wanzen auch an anderen Stellen in Mazedonien. Es sind diesAradiden, Rindenwanzen, deren geselliges Leben undgemeinnützigesÜberwintern auch sonstwo beobachtet ist. Unter Steinen fand ich eine Anzahl Spinnen. Es waren junge Exemplare einer Wolfsspinne (Lycosasp.).

Sonst war es hier oben in einer Höhe zwischen 1200-1500 m noch ohne jedes Tierleben. Ich genoß die schöne frische Luft und meine Einsamkeit und war froh, als die Jagdgesellschaft enttäuscht sich wieder versammelte und den Rückmarsch zu unserem Gastfreund nach Dubrava antrat.

Da unten erwartete mich Besseres; denn schon beim Aufstieg hatte ich bemerkt, daß weiter unten das Vogelleben des Frühlings schon seinen munteren Anfang genommen hatte. Am Rande des Waldes, wo dieser in die Kulturlandschaft überging, da tönten schon die Lockrufe und der Gesang von vielen Vögeln. Überall huschte es in den Kronen, kletterte es auf den Stämmen. Aufden hohen Eichen sah manBaumläufersich verfolgen (Certhia familiaris familiarisL.), zahlreich waren die Kleiber (Sitta europaea caesiaWolf), auch schon Männchen und Weibchen gepaart. Sehr zahlreich waren dieTrauermeisen(Parus lugubris lugubrisTemm.), die auf den hohen Bäumen am Waldrand lärmten. Dort waren auch kleine Flüge derNonnenmeise(Parus communis fruticetiWallengr.). Und überall trieben sich in großen MengenSchwanzmeisen(Aegithalos caudatus macedonicusDress.) umher.

Ging man aus dem Wald heraus, so kam man auf eine Wiese, auf der sich Obstbäume, vor allem Apfelbäume mit dicken Knospen erhoben. Die Wiese war vom Schmelzwasser des Schnees sehr naß und noch dürr und braun. Trotzdem war in den Bäumen ein Lärmen und Singen im Gange, daß man den ganzen Frühling im Herzen spürte.AmselnundDrosselnfreuten sich da ihres Lebens und waren zum Teil schon beim Nesterbauen. Sehr drängte sich mit ihrer schallenden Stimme dieBalkanamselvor (Turdus merula aterrimaMad.), in zahlreichen Paaren war dieMisteldrosselvertreten (Turdus viscivorus viscivorusL.). Und fast ebenso zahlreich waren die Pärchen derRingdrossel(Turdus torquatus alpestrisBg.). Auf dem Heimweg am nächsten Morgen war die Vogelwelt nicht weniger lebhaft. Zwischen denMeisenunten im Tal, in den Büschen erregte meine besondere Freude ein ganzer Flug vonGimpeln. Mit ihrem silbergrauen Rücken, ihrem roten Brüstchen, ihrem dunkelen Schnabel machten sie einen sehr feinen Eindruck. Wer hätte gedacht, daß wenige Tage darauf tiefer Schnee das Land wieder bedeckte, und all den Vögeln da oben die Lenzesfreude bös versalzen war.

Höchst feierlich war unser Abschied von den albanischen Gastfreunden. Sie begleiteten uns zu ihrem Haus hinaus, schüttelten uns die Hände und unser Oberarzt, sowie ich, offenbar für den Alten die Angesehensten der Gesellschaft, wurden von ihm mit dem albanischen Kuß, dem Aneinanderlegen der Wangen, verabschiedet. Flott liefen unsere Pferdchen den Berg hinunter. Nachmittags bestiegen wir in Kazanik den Zug, der uns abends wieder nach Üsküb ins Standquartier brachte. Ich war zufrieden, diesen Blick ins intime Leben der Albaner getan zu haben.

Während dieser Tage waren wir mit keiner Frau zusammengekommen. Zwei verschleierte Wesen waren in Kazanik vor uns geflohen. Im Haus unserer Gastfreunde hatten wir, obwohl sie im anderen Teil des Hauses wohnten, von Frauen nichts gesehen noch gehört.


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