Medea.Sei sicher, du erhältst, was dir gebührt.Medea bin ich wieder, Dank euch Götter!
König.Schließ auf und gib!
Medea.Jetzt nicht.
König.Wann sonst?
Medea.Gar bald;Zu bald!
König.So send es zu Kreusen hin.
Medea.Hin zu Kreusen! Zu Kreusa?—Ja!
König.Enthält die Kiste andres noch?
Medea.Gar manches!
König.Dein Eigentum?
Medea.Doch schenk ich auch davon!
König.Dein Gut verlang ich nicht; behalt was dein!
Medea.Nicht doch! ein klein Geschenk erlaubst du mir!Die Tochter dein war mir so mild und hold,Sie wird die Mutter meiner Kinder sein,Gern möcht' ich ihre Liebe mir gewinnen!Das Vlies lockt (euch), vielleicht gefällt ihr Schmuck.
König.Tu wie du willst, allein bedenk dich selbst.Kreusa ist dir hold gesinnt, das glaube.Nur erst bat sie, die Kinder dir zu senden,Daß du sie sähest noch bevor du gehstUnd Abschied nähmest für die lange Fahrt.Ich schlug es ab, weil ich dich tobend glaubte,Doch da du ruhig bist, sei dir's gewährt.
Medea.O tausend Dank, du güt'ger, frommer Fürst!
König.Bleib hier, die Kinder send ich dir heraus!
(König ab.)
Medea.Er geht! Er geht dahin in sein Verderben!Verruchte, bebtet ihr denn schaudernd nichtAls ihr das Letzte nahmt der frech Beraubten?Doch Dank euch! Dank! Ihr gabt mir auch mich selbst.Schließ auf die Kiste!
Gora.Ich vermag es nicht.
Medea.Vergaß ich doch, womit ich sie verschloß!Den Schlüssel halten Freunde, die ich kenne.
(Gegen die Kiste gewendet.)
Untres heraufObres hinabÖffne dich bergendesHüllendes Grab!
(Die Kiste springt auf.)
Der Deckel springt. Noch bin ich machtlos nicht!Da liegt's! Der Stab! Der Schleier! Mein! Ah, mein!
(Es herausnehmend.)
Ich fasse dich, Vermächtnis meiner Mutter,Und Kraft durchströmt mein Herz und meinen Arm!Ich werfe dich ums Haupt, geliebter Schleier!
(Sich einhüllend.)
Wie warm, wie weich! wie neu belebend!Nun kommt, nun kommt, ihr Feindesscharen alleVereint gen mich! Vereint in eurem Falle!
Gora.Da unten blinkt es noch!
Medea.Laß blinken, blinken!Bald lischt der Glanz in Blut!Hier sind sie, die Geschenke, die ich bringe.Du aber sei die Botin meiner Huld!
Gora.Ich?
Medea.Du. Du geh zur Königstochter hinSprich sie mit holden Schmeichelworten anBring ihr Medeens Gruß und was ich sende.
(Die Sachen aus der Kiste nehmend.)
Erst dies Gefäß; es birgt gar teure Salben,Erglänzen wird die Braut, eröffnet sie's!Allein sei sorgsam, schüttl' es nicht!
Gora.Weh mir!
(Sie hat das Gefäß mit der Linken schief gefaßt. Da sie mit der Rechten unterstützend den Deckel faßt, wird dieser etwas gehoben und eine helle Flamme schlägt heraus.)
Medea.Sagt' ich dir nicht, du sollst nicht schütteln! Kehr indein HausZüngelnde SchlangeBleibst nicht langeHarre noch aus. Nun halt es und mit Vorsicht sag ich dir!
Gora.Mir ahnet Entsetzliches!
Medea.Fängst an zu merken? Ei was bist du klug!
Gora.Und ich soll's tragen?
Medea.Ja! Gehorche Sklavin!Wagst du zu widerreden? Schweig! Du sollst. Du mußt.Hier auf die Schale weit gewölbt von Gold,Setz ich das zierlich reiche Prachtgefäß.Und drüber deck ich, was so sehr sie lockt,Das Vlies—
(Indem sie es darüber wirft.)
Geh hin und tu was deines Amts!Darüber aber schlinge sich dies Tuch,Mit reichem Saum, ein Mantel, königlich,Geheimnisvoll umhüllend das Geheime. Nun geh und tu wie ich es dirbefahl,Bring das Geschenk, das Feind dem Feinde sendet.
(Eine Sklavin kommt mit den Kindern.)
Sklavin.Die Kinder schickt mein königlicher Herr,Nach einer Stunde hol ich sie zurück.
Medea.Sie kehren früh genug zum Hochzeitschmaus!Geleite diese hier zu deiner Fürstin,Mit Botschaft geht sie, mit Geschenk von mir. Du aber denke wasich dir befahl!Sprich nicht! Ich will's!—Geleite sie zur Herrin.
(Gora und die Sklavin ab.)
Medea.Begonnen ist's, doch noch vollendet nicht.Leicht ist mir, seit mir deutlich, was ich will.
(Die Kinder, Hand in Hand, wollen der Sklavin folgen.)
Medea.Wohin?
Knabe.Ins Haus!
Medea.Was sucht ihr drin im Haus?
Knabe.Der Vater hieß uns folgen jener dort.
Medea.Die Mutter aber heißt euch bleiben. Bleibt!Wenn ich bedenk, daß es mein eigen Blut,Das Kind, das ich im eignen Schoß getragen,Das ich genährt an dieser meiner Brust,Daß es mein Selbst, das sich gen mich empört,So zieht der Grimm mir schneidend durch das Innre,Und Blutgedanken bäumen sich empor.—Was hat denn eure Mutter euchgetan,Daß ihr sie flieht, euch Fremden wendet zu?
Knabe.Du willst uns wieder führen auf dein SchiffWo's schwindlicht ist und schwül. Wir bleiben da.Gelt Bruder?
Kleine.Ja.
Medea.Auch du Absyrtus, du?Allein es ist so besser, besser—ganz!Kommt her zu mir!
Knabe.Ich fürchte mich.
Medea.Komm her!
Knabe.Tust du mir nichts?
Medea.Glaubst? hättest du's verdient?
Knabe.Einst warfst mich auf den Boden, weil dem VaterIch ähnlich bin, allein er liebt mich drum.Ich bleib bei ihm und bei der guten Frau!
Medea.Du sollst zu ihr, zu deiner guten Frau!—Wie er ihm ähnlich sieht, ihm, dem VerräterWie er ihm ähnlich spricht. Geduld! Geduld!
Kleinere.Mich schläfert.
Ältere.Laß uns schlafen gehn 's ist spät.
Medea.Ihr werdet schlafen noch euch zu Genügen.Geht hin dort an die Stufen, lagert euch,Indes ich mich berate mit mir selbst.—-Wie er den Bruder sorgsam hingeleitet,Das Oberkleid sich abzieht und dem KleinenEs warm umhüllend um die Schulter legt,Und nun, die kleinen Arme dicht verschlungen,Sich hinlegt neben ihm.—Schlimm war er nie!—-O Kinder! Kinder!
Knabe (sich emporrichtend).Willst du etwas?
Medea.Schlaf nur!Was gäb' ich, könnt' ich schlafen so wie du.
(Der Knabe legt sich hin und schläft. Medea setzt sich gegenüber auf eine Ruhebank. Es ist nach und nach finster geworden.)
Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf,Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend;Dieselben heute, die sie gestern warenAls wäre alles heut, wie's gestern war;Indes dazwischen doch so weite KluftAls zwischen Glück befestigt und Verderben:So wandellos, sich gleich, ist die NaturSo wandelbar der Mensch und sein Geschick. Wenn ich das Märchenmeines Lebens mir erzähle,Dünkt mir, ein andrer spräch', ich hörte zu,Ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein!Dieselbe, der du Mordgedanken leihst,Läßt du sie wandeln in dem Land der Väter,Von ebendieser Sterne Schein beleuchtet,So rein, so mild, so aller Schuld entblößtAls nur ein Kind am Busen seiner Mutter?Wo geht sie hin? Sie sucht des Armen Hütte,Dem ihres Vaters Jagd die Saat zerstampftUnd bringt ihm Gold und tröstet den Betrübten.Was sucht sie Waldespfade? Ei sie eiltDem Bruder nach, der ihrer harrt im Forst,Und nun, gefunden, wie zwei ZwillingssterneDurchziehn sie strahlend die gewohnte Bahn.Ein andrer naht, die Stirn mit Gold gekrönt;Es ist ihr Vater, ist des Landes König.Er legt die Hand ihr auf, ihr und dem BruderUnd segnet sie, nennt sie sein Heil und Glück.Willkommen holde, freundliche GestaltenSucht ihr mich heim in meiner Einsamkeit?Kommt näher laßt mich euch ins Antlitz sehn!Du guter Bruder, lächelst du mir zu?Wie bist du schön, du meiner Seele Glück.Dein Vater zwar ist ernst, doch liebt er michLiebt seine gute Tochter! Gut? Ha gut!
(Aufspringend.)
's ist Lüge! Sie wird dich verraten Greis!(Hat) dich verraten, dich und sich.Du aber fluchtest ihr.Ausgestoßen sollst du sein,Wie das Tier der Wildnis, sagtest du,Kein Freund sei dir, keine StätteWo du hinlegest dein Haupt.Er aber, um den du mich verrätst,Er selber wird mein Rächer sein,Wird dich verlassen, verstoßenTöten dich.Und sieh! Dein Wort ist erfüllt:Ausgestoßen steh ich da,Gemieden wie das Tier der Wildnis,Verlassen von ihm, um den ich dich verließ,Ohne Ruhstatt, leider (nicht) tot,Mordgedanken im düstern Sinn.Freust du dich der Rache?Nahst du mir?—Kinder! Kinder!
(Hineilend und sie rüttelnd.)
Kinder hört ihr nicht? Steht auf.
Knabe
(aufwachend). Was willst du?
Medea
(zu ihnen hingeschmiegt). Schlingt die Arme um mich her!
Knabe.Ich schlief so sanft!
Medea.Wie könnt ihr schlafen? schlafen?Glaubt ihr weil eure Mutter wacht bei euch?In schlimmern Feindes Hand wart ihr noch nie!Wie könnt ihr schlafen hier in meiner Nähe?Geht da hinein, da drinnen mögt ihr ruhn!
(Die Kinder gehen in den Säulengang.)
So, sie sind fort! Nun ist mir wieder wohl!—Und weil sie fort;was ist wohl besser drum?Muß ich drum minder fliehn, noch heute fliehn?Sie hier zurück bei meinen Feinden lassend?Ist minder drum ihr Vater ein Verräter?Hält minder Hochzeit drum die neue Braut? Morgen wenn die Sonneaufgeht,Steh ich schon allein,Die Welt eine leere Wüste,Ohne Kinder, ohne GemahlAuf blutig geritzten FüßenWandernd ins Elend.—Wohin?Sie aber freuen sich hier und lachen mein!Meine Kinder am Halse der FremdenMir entfremdet, auf ewig fern.Duldest du das?Ist's nicht schon zu spät?Zu spät zum Verzeihn?Hat sie nicht schon, Kreusa, das Kleid,Und den Becher, den flammenden Becher?—Horch!—Noch nicht!—Aber bald wird's erschallenVon Jammergeschrei in der Königsburg.Sie kommen, sie töten mich!Schonen auch der Kleinen nicht.Horch! jetzt rief's!—Helle zuckt empor!Es ist geschehn!Kein Rücktritt mehr!Ganz sei es vollbracht! Fort!
(Gora stürzt aus dem Palaste.)
Gora.O Greu'l! Entsetzen!
Medea
(ihr entgegen). Ist's geschehen?
Gora.Weh! Kreusa tot! Flammend der Palast.
Medea.Bist du dahin, weiße Braut?Verlockst du mir noch meine Kinder?Lockst du sie? lockst du sie?Willst du sie haben auch dort?Nicht dir, den Göttern send ich sie!
Gora.Was hast du getan? Man kommt!
Medea.Kommt man? Zu spät!
(Sie eilt in den Säulengang.)
Gora.Weh mir! Noch in meines Alters TagenMußt' ich unbewußt dienen, so schwarzem Werk!Rache riet ich selbst; doch solche Rache!Aber wo sind die Kinder? hier ließ ich sie!Medea, wo bist du? Deine Kinder, wo?
(Eilt in den Säulengang.)
(Der Palast im Hintergrunde fängt an sich von einer innen aufsteigenden Flamme zu erleuchten.)
Jasons Stimme.Kreusa! Kreusa!
König (von innen).Meine Tochter!
Gora (stürzt außer sich aus dem Säulengange heraus und fällt in derMitte des Theaters auf die Knie, sich das Gesicht mit den Händenverhüllend).Was hab ich gesehn?—Entsetzen!
(Medea tritt aus dem Säulengange, in der Linken einen Dolch, mit der rechten, hocherhobenen Hand Stillschweigen gebietend.)
(Der Vorhang fällt.)
Fünfter Aufzug
(Vorhof von Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge. Die Wohnung desKönigs im Hintergrunde ausgebrannt und noch rauchend. Mannigfachbeschäftigtes Volk füllt den Schauplatz. Morgendämmerung.)(Der König schleppt Gora aus dem Palaste. Mehrere DienerinnenKreusas hinter ihm her.)
König.Heraus mit dir! Du warst's, die meiner TochterDas Blutgeschenk gebracht, das sie verdarb!O Tochter! O Kreusa, du mein Kind!
(Gegen die Dienerinnen.)
Die war's?
Gora.Ich war's. UnbewußtTrug ich den Tod in dein Haus.
König.Unbewußt?O glaube nicht, der Strafe zu entgehn!
Gora.Meinst du, mich schrecket deine Strafe?Ich hab gesehn mit diesen meinen AugenDie Kinder liegen tot in ihrem Blut,Erwürgt von der, die sie gebar,Von der, die ich erzog, Medea,Seitdem dünkt Scherz mir jeder andre Greu'l!
König.Kreusa! Oh, mein Kind! Du Reine! Treue!—Erbebte dir die Hand nicht, Ungeheuer?Als du den Tod hintrugst in ihre Nähe.
Gora.Um deine Tochter klag ich nicht. Ihr ward ihr Recht!Was griff sie nach des Unglücks letzter Habe?Ich klag um meine Kinder, meine Lieben,Die ich gesehn, von Mutterhänden tot.Ich wollt', ihr läget allesamt im GrabMit dem Verräter, der sich Jason nennt,Ich aber wär' in Kolchis mit der TochterUnd ihren Kindern; hätt' euch nie gesehn,Nie eure Stadt, die Unheil trifft mit Recht.
König.Du legst den Trotz wohl ab, wenn ich dich treffe!Allein ist's auch gewiß, daß tot mein Kind?So viele sagen's; keine hat's gesehn!Kann man dem Feuer nicht entrinnen?Wächst Flamme denn so schnell? Nur langsam,Nur zögernd kriecht sie an den Sparren fort.Wer weiß das nicht? Und dennoch wär' sie tot?Stand erst so blühend, lebend vor mir da,Und wär' nun tot? Ich kann's, ich darf's nicht glauben!Die Augen wend ich unwillkürlich hinUnd immer glaub ich, jetzt und jetzt und jetztMuß sie sich zeigen, weiß in ihrer SchönheitHerniedergleitend durch die schwarzen Trümmer.Wer war dabei? Wer sah es?—Du?—So sprich!Dreh nicht die Augen so im Kopf herum!Mit Worten töte mich!—Ist sie dahin?
Magd.Dahin!
König.Du sahst's?
Magd.Ich sah's. Sah wie die Flamme,Hervor sich wälzend aus dem Goldgefäß,Nach ihr—
König.Genug!—Sie sah's!—Sie ist nicht mehr!Kreusa! O mein Kind! O meine Tochter!—Einst—noch als Kind—verbrannte sie die HandAm Opferherd und qualvoll schrie sie auf.Hin stürz ich, fasse sie in meinen ArmDie heißen Finger mit den Lippen hauchend.Da lächelt sie, trotz ihren bittern TränenUnd leise schluchzend spricht sie: 's ist nicht vielWas tut der Schmerz? Nur brennen, (brennen) nicht!Und nun—
(Zu Gora.)
Wenn ich das Schwert hier zwanzigmalDir stoß in deinen Leib—was ist's dagegen?Und wenn ich sie, die Gräßliche!—Wo ist sie,Die mir mein Kind geraubt?ich schüttle dirDie Antwort mit der Seel' aus deinem MundWenn du mir nicht gestehst: wo ist sie hin?
Gora.Ich weiß es nicht und mag es auch nicht wissen!Geh' unbegleitet sie in ihr Verderben.Was weilt ihr? Tötet mich! Ich mag nicht leben!
König.Das findet sich; doch eher noch gestehst du!
Jason
(hinter der Szene). Wo ist sie? Gebt sie mir heraus! Medea
(mit dem bloßen Schwerte in der Hand auftretend)
Man sagt mir, sie ward eingeholt! Wo ist sie?Du hier? Und wo ist deine Herrin?
Gora.Fort!
Jason.Hat sie die Kinder?
Gora.Nein!
Jason.So sind sie?—
Gora.Tot!Ja tot! du heuchelnder Verräter!—Tot!Sie wollte sie vor deinem Anschaun retten,Und da dir nichts zu heilig auf der ErdeHat sie hinabgeflüchtet sie ins Grab.Steh nur und starre nur den Boden an!Du rufst es nicht herauf das liebe Paar.Sie sind dahin und dessen freu ich mich!Nein dessen nicht!—Doch daß du drob verzweifelstDes freu ich mich!—Du heuchelnder Verräter,Hast du sie nicht dahin gebracht? Und du,Du falscher König, mit der Gleisnermiene?—Habt ihr es nicht umstellt mit JägernetzenDes schändlichen Verrats, das edle Wild,Bis ohne Ausweg, in VerzweiflungswutEs, überspringend euer Garn, die Krone,Des hohen Hauptes königlichen SchmuckMißbraucht zum Werkzeug ungewohnten Mords.Ringt nur die Hände, ringt sie ob euch selbst!
(Zum König.)
Dein Kind, was sucht' es einer andern Bett?
(Zu Jason.)
Was stahlst du sie, hast du sie nicht geliebt?Und liebtest du sie, was verstößt du sie?Laßt andre, (mich) laßt ihre Tat verdammenEuch beiden widerfuhr nur euer Recht.Ihr spottet nun nicht mehr der Kolcherin.—Ich mag nicht länger leben auf der ErdeZwei Kinder tot, das dritte hassenswert.Führt mich nur fort und, wollt ihr, tötet mich.Auf etwas (Jenseits) hoff ich nun gewiß,Hab ich gesehn doch, daß Vergeltung ist.
(Sie geht ab von einigen begleitet.)
(Pause.)
König.Tat ich ihr Unrecht—bei den hohen GötternIch hab es nicht gewollt!—Nun hin zu jenen Trümmern,Daß wir die Reste suchen meines KindesUnd sie bestatten in der Erde Schoß.
(Zu Jason.)
Du aber geh, wohin dein Fuß dich trägt.Befleckter Nähe, merk ich, ist gefährlich.Hätt' ich dich nie gesehn, dich nie genommenMit Freundestreue in mein gastlich Haus.Du hast die Tochter mir genommen! GehDaß du nicht auch der Klage Trost mir nimmst!
Jason.Du stößt mich fort?
König.Ich weise dich von mir.
Jason.Was soll ich tun?
König.Das wird ein Gott dir sagen!
Jason.Wer leitet meinen Tritt? Wer unterstützt mich?Mein Haupt ist wund, verletzt von Brandes Fall!Wie, alles schweigt? Kein Führer, kein Geleitet?Folgt niemand mir, dem einst so viele folgten?Geht, Schatten meiner Kinder denn voranUnd leitet mich zum Grab, das meiner harrt.
(Er geht.)
König.Nun auf, ans Werk! Dann Trauer ewiglich!
(Nach der andern Seite ab.)
(Wilde, einsame Gegend von Wald und Felsen umschlossen, mit einerHütte. Der Landmann auftretend.)
Landmann.Wie schön der Morgen aufsteigt. Güt'ge Götter!Nach all den Stürmen dieser finstern NachtHebt eure Sonne sich in neuer Schönheit.
(Er geht in die Hütte.)
(Jason kommt wankend, auf sein Schwert gestützt.)
Jason.Ich kann nicht weiter! Weh! Mein Haupt—es brennt—Es glüht das Blut—am Gaumen klebt die Zunge!Ist niemand da? Soll ich allein verschmachten?Hier ist die Hütte, die mir Obdach botAls ich, ein reicher Mann, ein reicher VaterHierherkam, neuerwachter Hoffnung voll!
(Anpochend.)
Nur einen Trunk! Nur einen Ort zum Sterben!
(Der Landmann kommt heraus.)
Landmann.Wer pocht?—Wer bist du Armer? todesmatt?
Jason.Nur Wasser! Einen Trunk!—Ich bin der Jason!Des Wunder-Vlieses Held! Ein Fürst! Ein König!Der Argonauten Führer Jason, ich!
Landmann.Bist du der Jason? so heb dich von hinnen.Beflecke nicht mein Haus, da du's betrittst.Hast meines Königs Tochter du getötetNicht fordre Schutz vor seines Volkes Tür.
(Er geht hinein, die Türe schließend.)
Jason.Er geht und läßt mich liegen hier am Weg!Im Staub, getreten von des Wandrers Füßen!Dich ruf ich: Tod, führ mich zu meinen Kindern!
(Er sinkt nieder.)
(Medea tritt hinter einem Felsenstück hervor und steht mit einemmal vor ihm, das Vlies wie einen Mantel um ihre Schultern tragend.)
Medea.Jason!
Jason
(halb emporgerichtet).Wer ruft?—Ha! seh ich recht? Bist du's?Entsetzliche! Du trittst noch vor mich hin?Mein Schwert! Mein Schwert!
(Er will aufspringen, sinkt aber wieder zurück.)
O weh mir! Meine GliederVersagen mir den Dienst!—Gebrochen!—Hin!
Medea.Laß ab! Du triffst mich nicht! Ich bin ein OpferFür eines andern Hand als für die deine!
Jason.Wo hast du meine Kinder?
Medea.Meine sind's!
Jason.Wo hast du sie?
Medea.Sie sind an einem OrtWo ihnen besser ist, als mir und dir.
Jason.Tot sind sie, tot!
Medea.Dir scheint der Tod das Schlimmste;Ich kenn ein noch viel Ärgres: elend sein.Hätt'st du das Leben höher nicht geachtetAls es zu achten ist, uns wär' nun anders.Drum tragen wir! Den Kindern ist's erspart!
Jason.Das sagst du und stehst ruhig?
Medea.Ruhig? Ruhig?Wär' dir mein Busen nicht auch jetzt verschlossen,Wie er dir's immer war, du sähst den SchmerzDer endlos wallend wie ein brandend MeerDie einzeln Trümmer meines Leids verschlingtUnd sie, verhüllt im Greuel der Verwüstung,Mit sich wälzt in das Unermeßliche.Nicht traur' ich, daß die Kinder nicht mehr sindIch traure, daß sie (waren) und daß (wir) sind.
Jason.O weh mir, weh!
Medea.Du trage, was dich trifft,Denn wahrlich, unverdient trifft es dich nicht!Wie du vor mir liegst auf der nackten Erde,So lag ich auch in Kolchis einst vor dir,Und bat um Schonung, doch du schontest nicht!Mit blindem Frevel griffst du nach den Losen,Ob ich dir zurief gleich: du greifst den Tod.So habe denn was trotzend du gewollt:Den Tod. Ich aber scheide jetzt von dir;Auf immerdar. Es ist das letztemalIn alle Ewigkeit das letztemalDaß ich zu dir nun rede mein Gemahl.Leb wohl. Nach all den Freuden frührer Tage,In all den Schmerzen, die uns jetzt umnachten,Zu all dem Jammer, der noch künftig drohtSag ich dir Lebewohl, mein Gatte.Ein kummervolles Dasein bricht dir an,Doch was auch kommen mag: Halt aus!Und sei im Tragen stärker als im Handeln.Willst du im Schmerz vergehn, so denk an michUnd tröste dich an meinem größern Jammer,Die ich getan, wo du nur unterlassen.Ich geh hinweg, den ungeheuern SchmerzFort mit mir tragend in die weite Welt.Ein Dolchstoß wäre Labsal, doch nicht so!Medea soll nicht durch Medeen sterben,Mein frühres Leben, eines bessern RichtersMacht es mich würdig, als Medea ist.Nach Delphi geh ich. An des Gottes AltarVon wo das Vlies einst Phryxus weggenommenHäng ich, dem dunkeln Gott das Seine gebend,Es auf, das selbst die Flamme nicht verletztUnd das hervorging ganz und unversehrtAus der Korintherfürstin blut'gem Brande;Dort stell ich mich den Priestern dar, sie fragend,Ob sie mein Haupt zum Opfer nehmen an,Ob sie mich senden in die ferne WüsteIn längerm Leben findend längre Qual.Erkennst das Zeichen du, um das du rangst?Das dir ein Ruhm war und ein Glück dir schien?Was ist der Erde Glück?—Ein Schatten!Was ist der Erde Ruhm?—Ein Traum!Du Armer! der von Schatten du geträumt!Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.Ich scheide nun, leb wohl, mein Gatte!Die wir zum Unglück uns gefunden,Im Unglück scheiden wir. Leb wohl!
Jason.Verwaist! Allein! O meine Kinder!
Medea.Trage!
Jason.Verloren!
Medea.Dulde!
Jason.Könnt' ich sterben!
Medea.Büße!Ich geh und niemals sieht dein Aug' mich wieder!
(Indem sie sich zum Fortgehen wendet fällt der Vorhang.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Medea, von Franz Grillparzer.