Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.
Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht überraschend für mich.
Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.
Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig anbiß.
Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort war die Zentralhexenküche.
Es ist nicht meines Amtes.
Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.
Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, woder staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer.
Juden sind die Jakobiner der Epoche.
Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären. Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat, man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt.
Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes.
Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel.
Es ist der deutsche Haß.
Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein. Man weiß von ihnen,daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?
Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß.
Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.
Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen.
Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches.
Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte. Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch berghohen Haß häuft.
Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.
Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein. Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit. Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen, Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb, Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der Auserwähltheit.
Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende, eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden.
Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und das arische Prinzip von der Erde vertilgen.
Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, undwer dann jene Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn ich mit Engelszungen redete.
Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges, knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich ist.
Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-, einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär. Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte, sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du.
Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden, nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und Verschleierungen sein mögen.
Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet. Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilichda und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen freilich, das in die Zukunft deutet.
Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf.
Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage.
Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte.
Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.
Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört.
Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling, er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu.
Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit?
Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles.
Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben.
Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.
Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude.
In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die Lebendigen bei ihnen an.
So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz und gar unerträglich.
Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks. Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame; Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte, Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken; Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer Werke spüre.
Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich rechne, und zu denen ich mich stelle.
Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm, sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für die Deutschen als für die Juden leide.
Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn auch am vergeblichsten?
Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung, dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun?
Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe, und ich schäme mich für ihn.
Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern desTieres springen und die Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand.
Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch, der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm: das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die Peitsche aus der Hand.
Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre viel. Es wäre genug.
Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder Bemühung.
Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.
Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser Einsamkeit und aussichtslosem Kampf –?
Es ist besser, nicht daran zu denken.
Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als einen von ihnen betrachten.
Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen, zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt.
In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne finden.
Werke von Jakob WassermannDie Juden von ZirndorfRoman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.Die Geschichte der jungen Renate FuchsRoman. Dreiundzwanzigste Auflage.Der MolochRoman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.Alexander in BabylonRoman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.Die SchwesternDrei Novellen. Sechste Auflage.Die Masken Erwin ReinersRoman. Fünfzehnte Auflage.Der goldene SpiegelErzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.FaustinaEin Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage.Die ungleichen SchalenFünf einaktige Dramen.Der Mann von vierzig JahrenRoman. Vierzehnte Auflage.Das GänsemännchenRoman. Sechsundsechzigste Auflage.Deutsche Charaktere und BegebenheitenMit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen. Vierte Auflage.Christian WahnschaffeRoman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage.Der niegeküßte MundErzählungen. Dreiundsechzigste Auflage.Der WendekreisNovellen. Neunzehnte Auflage.Die Masken Erwin ReinersDieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.(Westermanns Monatshefte)Das GänsemännchenIn diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt, Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und Krausheit des Bildwerkes.(Der Tag, Berlin)Christian WahnschaffeDies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt unerschöpflich auf und verebbt. – Es sind zeitlose Sätze darin von tiefer und langer Gültigkeit.(B.Z. am Mittag, Berlin)Der WendekreisWassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen Novellenbuches. EinTheatrum munditut sich in den sechs Novellen auf, so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne sich offenbart.(Leipziger Tageblatt)Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.
Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.
Drei Novellen. Sechste Auflage.
Roman. Fünfzehnte Auflage.
Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.
Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage.
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Roman. Vierzehnte Auflage.
Roman. Sechsundsechzigste Auflage.
Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen. Vierte Auflage.
Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage.
Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage.
Novellen. Neunzehnte Auflage.
Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
(Westermanns Monatshefte)
In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt, Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und Krausheit des Bildwerkes.
(Der Tag, Berlin)
Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt unerschöpflich auf und verebbt. – Es sind zeitlose Sätze darin von tiefer und langer Gültigkeit.
(B.Z. am Mittag, Berlin)
Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen Novellenbuches. EinTheatrum munditut sich in den sechs Novellen auf, so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne sich offenbart.
(Leipziger Tageblatt)
Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltungp 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimesFolgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) ]
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltungp 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes
Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:
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[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists all corrections applied to the original text.p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltungp 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimesThe following peculiar spellings have been kept:p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) ]
[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists all corrections applied to the original text.
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