Ein Besuch auf dem Sclavenmarkte von Smyrna.

Wir hatten den heiteren, lebensvollen Bazar einige Zeit durchwogt, als ich mich an meinen Dragoman mit der Frage wandte, wo sich der Sclavenmarkt befinde. Er ward verlegen und versicherte mich, es existire keiner mehr in Smyrna. Da ich das Gegentheil gehört hatte, begnügte ich mich natürlich mit dieser Antwort nicht und wendete mich an die Beamten unseres Consulates, welche mir zu verstehen gaben, daß die Türken vor den Christen so thäten, als gäbe es keinen mehr, indem doch die Gebildeteren eine Art von Schamgefühl über diesen barbarischen Menschenverkauf hätten. Ich dachte mir aber, daß man, aus Rücksicht für die Muselmänner, einen so interessanten Punkt zu sehen nicht unterlassen dürfe, und bestand beharrlich auf meinem Wunsche. Bald gab uns auch einer der Consulat-Beamten das Zeichen in ein Thor einzutreten. Wir verstanden ihn, und folgten seinen Schritten. Im Schutze eines Thorbogens,der unter einem Hause durchging, befanden sich in reicher türkischer Kleidung die Menschenhändler. Sie rauchten, an die Wand gelehnt, mit einem kalten, fast stupiden Ausdruck ihre Pfeifen und Nargilés. An ihrer Seite standen einige männliche Sclaven in weiße Linnentücher und braune Lodenstoffe gehüllt. – Diese schwarzen Männer unterzogen sich unseren neugierigen Blicken mit stumpfer Ruhe. Ihre Gesichtszüge sind abstoßend, ihre Gestalt ist mager und schmächtig, ihre Haltung, wie die aller Südländer, frei und fast edel. Aus dem Thorgange traten wir nun in den inneren großen Hof. Hier bot sich uns ein Bild des entsetzlichsten Jammers und Elendes dar. Auf dem grauen, theilweise kothigen, theilweise staubigen Boden, lagen Gruppen von halb nackten, graufarbigen Negerweibern. Zu fünf bis sechs waren sie an mehreren Stellen, in den verschiedenartigsten Haltungen, auf Rohrmatten hingestreckt. Ihre spärliche Bekleidung bestand aus blaugrauen Kotzen, in welche sie nach Möglichkeit den mageren Leib hüllten. Manche hatten um die wolligen Haare Tücher gebunden, alles war auf diesem entsetzlichen Platze grau und wieder grau; die Hautfarbe der Menschen, die Kleidung derselben, der Boden, die spärlichen Pflanzen, die den Platz begränzenden verfallenen Hütten, alles ein Ton des Entsetzens.

Einige dieser Weiber lachten mit grinsendem, dummem Ausdruck und machten mit ihren langen, dürren Händen possierliche Bewegungen. Es scheint, daß unser Aeußeres aufsie einen komischen Eindruck ausübte. Einige jedoch starrten mit nichtssagenden Blicken unbeweglich in die Welt hinaus. Sie schienen Körper ohne Seele.

Andere standen an den verfallenen Thüren ihrer Wohnungen, die in Europa für einen Stall zu schlecht wären. Eines der Weiber hatte an seinem Fuße, durch das lange Gehen in der furchtbaren Hitze, die Elephantiasis; hülflos schmachtete dieses arme Wesen dahin; der Anblick machte mich fast krank vor Mitleid und Ekel. In der Mitte des Platzes stand ein dürrer Baum, an dessen Aesten ein grauer Käfig mit drei grauen Papageien hing, welche ein Türkenknabe feilbot, zu 23 frs. das Stück. So wird Mensch und Thier auf einem Raume dem Nebenmenschen verkauft; – ein erniedrigender Gedanke. –

Und mancher philantropisch winselnde Christ, der alle Tage den Grundsatz der Liebe zum Nebenmenschen loben hört und mitlobt, kauft um ein maßloses Geld eine solche gefiederte Bestie, während sein Nebenmensch um wenig Geld verschachert wird. Falsch wäre es jedoch, wenn man glaubte, daß diese Menschen durch das Freikaufen glücklich gemacht würden; dazu müßte mehr geschehen, als es gewöhnlich der Fall ist. In ihrem Vaterlande leben diese Menschen in einem thierisch wüsten Zustande, und nur durch die tiefe Stufe, auf welcher sie stehen, ist die Möglichkeit gegeben, sie einzufangen, um sie dann zu verkaufen.

Man müßte also durch Missionen und Civilisirung desInneren von Afrika Hülfe zu bringen suchen; aber der Mensch will so selten auf den Grund gehen und begnügt sich gewöhnlich nur mit momentaner scheinbarer Abhülfe! – Wirklich elend sind diese Menschen schon von dem Augenblicke, in dem sie von den Muselmännern gekauft werden. Nackt werden sie aus ihrem Vaterlande bis zu den Thoren Smyrna's gleich einer Heerde getrieben; erst auf dem Markte bekommen sie dieses blau-graue Tuch. Die Nahrung, welche ihnen die Sclavenhändler geben, ist ein grauer Brei. – Diese »bêtes feroces«, wie sie der christliche Dragoman nannte, kosten als Kinder, wenn sie lenksam sind, 100-150 frs., sind sie aber stutziger Natur, nur 40-50 frs. – Einer der Mohrenknaben, welcher schon besser gehalten schien und im türkischen Kostüme war, spuckte auf uns, als wir ihn näher betrachten wollten, mit dem Ausdruck des bittersten Unmuthes. Weiße Sclaven kommen sehr selten auf den Markt. Wir sahen unter allen diesen gräulichen Erscheinungen nur ein hellfarbiges, sehr schönes Weib, welches in reichem, eigenthümlichem Kostüme Speisen herumtrug. Einige behaupteten, es sei eine jüdische Aufseherin, andere sagten es sei eine zum Kauf dargebotene Circassierin. Ihre Züge waren edel: schön gewölbte feine Brauen, lange scharf geschnittene Augen, mit einem melancholisch tiefen Ausdruck, eine echt orientalische Nase und ein zarter länglicher Mund; ihr Teint war blaß und etwas broncirt; die Gestalt schön und wohlgebaut; ihr braunes Haar umfing ein goldenerReif, der einen feinen Schleier hielt, welcher sie feenartig umhüllte. Mieder und Kleid waren von bunten orientalischen Stoffen, und so war sie die einzige lichte Erscheinung in diesem Meere von grauen Farben. Ich ließ mir erzählen, daß die Sclaven nach dem Ankaufe eine ziemlich gute Existenz hätten. Sie werden wie Diener behandelt und das orientalisch patriarchalische Verhältniß erstreckt sich auch auf sie. Dies gab mir einigen Trost und einige Beruhigung bei dem Scheiden von diesem Platze des Entsetzens. Auch gewahrte ich wirklich später auf dem Bazar einige Mohrenweiber, in Begleitung ihrer verschleierten Herrinnen, mit recht wohlgerundeten fröhlichen Gesichtern.

Das furchtbare Elend ist schon im Urzustande dieser Menschen vorhanden und dem könnte man nur durch Civilisation abhelfen.

Wer hat nicht »tausend und eine Nacht« gelesen? Wer hat nicht geträumt von türkischem Luxus, orientalischer Fülle und Pracht? und der mageren Traumgestalt des Schätze tragenden Kamels? Wer hat nicht vom nutzbringenden Hausfreunde des Orientalen, dem fleißigen Langohr gehört? Alles dieses findet der Leser vereinigt in einigen mit Holz und Tüchern bedeckten Straßen von Smyrna, welche die Moslemin Bazar nennen. Als ich mich das erste Mal in diesen langen, hohen, vor der Sonnenhitze geschützten Straßen befand, glaubte ich zu träumen. Alles wogt in bunten Farben und mit dem verwirrendsten Geschrei durcheinander. Auge, Ohr und Nase werden auf einmal in Anspruch genommen, und es braucht lange Zeit, bis man anfängt sich zurecht zu finden; und noch dann verwischt ein Bild das Andere, so daß es mir außerordentlich schwer wird, den Eindruck, den das Ganze auf mich machte, wieder zu geben. –Der Bazar befindet sich zwischen der Türken- und der Frankenstadt. Er nimmt einen großen Raum ein und seine Gassen kreuzen sich nach allen Richtungen. Inmitten derselben befinden sich auf kleinen Plätzen Moscheen, Baumgruppen mit marmornen Brunnen und öffentliche Badeorte, wodurch bei der unendlichen Anzahl von Buden eine angenehme und malerische Abwechslung hervorgebracht wird. Daß sich diese öffentlichen Gebäude im Mittelpunkt der Kaufwelt befinden, hat darin seinen Grund, daß der Bazar das Leben der Stadt, ja der ganzen Provinz vereinigt. So leer die Gassen der eigentlichen Türkenstadt sind, so überfüllt sind diese Räume. Alle Geschäfte werden hier abgeschlossen, alle Wünsche hier befriedigt. Die Sendboten der entfernten Gegenden sind die genügsamen Kamele, welche unter immerwährendem Läuten der Glocken an ihrem Halse, gewöhnlich zu fünfen hinter einander angebunden, schwer bepackt die Straßen durchziehen; den nöthigen Raum um die Menge zu durchschreiten, verschafft ihnen das Geschrei des mohammedanischen Treibers, welcher, im buntesten Kostüme seinen Tschibuk rauchend, auf einem kleinen Esel die Spitze der Caravane bildet. Oft ist man genöthigt, sich vor einem solchen Zuge in die Buden zu flüchten. Die meisten der Letzteren befinden sich in hölzernen Räumen, welche sich an einander reihen und auf deren oberem Theile sich das Dach stufenweise von einer Seite zur andern aufbaut. Das Gebälke ist überall sichtbar und hat die Naturfarbe. Gegendie Gasse zu befinden sich große breite Oeffnungen, wie bei unsern Jahrmarkt-Buden, nur in einem viel größeren Maßstabe. Der eine Theil derselben erstreckt sich bis auf den Boden und bildet hierdurch die Thüre, welche eine Stufe von der Erde trennt. Vor dem andern Theile befindet sich ein langer kistenartiger Auslagetisch, auf welchem zwischen den aufgeschichteten Waaren gewöhnlich der Mohammedaner mit untergeschlagenen Beinen sitzt, pathetisch seine Nargilé raucht und seinen Kaffee aus kleinem Schälchen schlürft. Den regelmäßig edel gebauten Kopf desselben umgiebt ein aus langen Tüchern graziös gewundener Turban; von dem Kinn wallt der mächtige Bart auf den geöffneten pelzverbrämten Kaftan; die Beine bekleiden bis zu den Knien weite faltenreiche Hosen; der untere Theil ist bei den ärmeren Leuten gewöhnlich entblößt, bei den reicheren mit weißen Strümpfen bedeckt. An den Füßen tragen sie schwarze Schuhe, oder in gebogene Spitzen auslaufende gelbe Pantoffeln. Der Eindruck, den ein Mohammedaner im alten Kostüme, vom Aermsten bis zum Reichsten macht, ist würdevoll und malerisch. – Die Oeffnung der Kaufläden umgeben hölzerne Stangen, an welchen die Waaren im buntesten Gewirre hängen; die schönsten sind die, in welchen man türkische Stoffe, Teppiche und Kleidungsstücke verkauft. Wir traten in mehrere derselben ein und ergötzten uns an der Ruhe und Unbeweglichkeit, welche die Türken während dem Verkaufe beibehalten. Sie haben ein edles Vertrauen in dieEhrlichkeit des Käufers, während die griechischen Kaufleute von einer außerordentlichen Beweglichkeit und Geschwätzigkeit sind, und schlau jede Bewegung des Käufers mit ihren dunkeln, verschmitzten Augen verfolgen. Die Teppiche, deren wir mehrere kauften, sind meist aus Persien und zeichnen sich durch Frische der Farben und schöne Zeichnung aus; die Weichheit und Wärme derselben ist bekannt.

Kleiderstoffe und Echarpen werden gewöhnlich in einer Fabrik in Brussa verfertigt; sie sind sehr fein und schmiegsam. Der Preis derselben ist außerordentlich niedrig; nur anfangs erschraken wir über die großen Summen von Piastern, welche die Türken für jeden Gegenstand fordern; bald waren wir jedoch hierüber aufgeklärt, indem wir erfuhren, daß zehn dieser Piaster nur 1 Gulden in Conventionsmünze ausmachen.

Eine besonders schöne Auswahl und geschmackvolle Farbenpracht findet man in gestickten Stoffen, welche für Pantoffeln, Kappen, Kissen und Beutel verwendet werden. Eine feine gelbe Seide, mit goldenen Fäden untermischt, giebt ihnen einen lebhaften Schimmer, welcher gegen den schwarzen, rothen oder blauen Grund sehr gut contrastirt. Erst von den Kaufläden aus hatten wir etwas mehr Muße, das Getreibe um uns in den Straßen zu betrachten. Türken, Griechen, Armenier und Juden umwogten uns. – Die Letzteren stachen gewaltig durch ihren geistreichen, schlauen Ausdruck hervor, welcher zu den gutmüthigen Türken in lebhaftem Gegensatzesteht, besonders da beide Nationen fast ein und dasselbe Kostüme tragen. Zwischen dem männlichen Volke erschienen die Frauen der Türken, Stirn, Aug' und Nase mit schwarzem Flor umhüllt, der, wie man mir sagte, mit dem Alter immer undurchsichtiger wird. Von dem Kopfe um das Kinn und den Leib schlingt sich ein weißes Tuch; unter demselben erscheinen beim Knöchel blaue weite Beinkleider, welche in gelben oder violetten Pantoffeln enden. Den Frauen folgen gewöhnlich schwarze Sclavinnen, welche sich nur in ein weißes Tuch hüllen und ihre dicken aufgeschwollenen Gesichtszüge den Blicken der Männer Preis geben. Zu den merkwürdigsten Erscheinungen der Bazarwelt gehören die berühmten türkischen Lastträger. Diese Leute haben ein matratzenartiges Kissen über Rücken und Schultern, auf welchem sie in vorgebeugter Stellung Lasten von fünf Zentnern tragen. Man sagte uns, daß einer auf diese Art ein ganzes Clavier trage. Professor G. begegnete einem, welcher eine complete Hauseinrichtung fortschleppte. Auch zu vieren tragen sie an schweren Stangen kreuzweise außerordentliche Lasten. Oefters trafen wir auf Mohammedaner mit grünem Turban, was besonders gut aussieht; es sind dies Abkömmlinge des Propheten, die jetzt Melonen und Feigen in den Straßen Smyrna's verkaufen; so steigen und sinken die irdischen Größen. –

Wir unternahmen eine vollkommene Entdeckungsreise in die verschiedenen Theile des Bazars. Das erste, was uns auffiel, waren die Vegetabilien, welche hier verkauft werden.Ganze Berge von Melonen häufen sich auf den Straßen, tausende von Schachteln mit Feigen gefüllt, welche die Muselmänner mit dem Daumen kneten, sind für die europäischen Leckermäuler aufgeschichtet. Lager von herrlichen Sultanatrauben, breite Kuchen von Honig und Mehl, alles dies lockt das Auge des Hungrigen an, und bringt gar manchen Piaster zu Tage. Eigenthümlich sind eine Art Restaurateurs, welche in ihren Boutiquen zwei aufrecht stehende Spieße immerwährend drehen. An dem einen derselben befinden sich aneinander gepreßte glühende Kohlen in Säulenform, an dem andern sind hunderte von Fleischstückchen aufgespießt; durch diese zwei beweglichen Colonnen wird das Hammelfleisch für die Moslemin gebraten.

Einige der Bazarstraßen sind mit Juwelieren gefüllt, bei welchen man die schönsten gravirten Steine findet. Ich kaufte mir einige derselben, unter andern einen Talisman, in dem ich mir aber meinen eigenen Namen in türkischen Lettern von einem Mohammedaner in der Nähe einer Moschee einstechen ließ.

Diese kunstreichen Arbeiten werden mitten unter dem Volke in freier Luft gemacht. In den Straßen der Juweliere erfreuten wir uns an einem Zuge türkischer Ehrlichkeit. Fürst J. sah in einem gläsernen Kasten einen silbernen Ring mit grünem Talisman; ihn lockte die Form des Geschmeides, und er gedachte es zu kaufen. Der Besitzer des Ringes war jedoch nicht gegenwärtig. Da kamen die Nachbarn, erbrachen den Kasten und gaben einen Preis an. Der Fürstfand ihn zu hoch, man kam ins Handeln, worauf der Kauf ohne Beisein des Herrn abgeschlossen wurde. Auf dem Wiener Kohlmarkte könnte man sich auf diese Art nicht helfen; gleich würde die Sicherheitswache herbeieilen und über Diebe und Räuber schreien; nur in barbarischen und uncivilisirten Ländern ist so etwas möglich.

Wir mußten sehr lachen, inmitten dieses Geschreies Lärmens und lebhaften Treibens auch eine Schule anzutreffen, welche sich ebenfalls in einem Kaufladen befindet, indem die Schullehrer einen Handel mit der Gelehrsamkeit treiben; doch muß die mohammedanische Jugend viel fleißiger sein, als die unsere, da sie in dem Mittelpunkt des Weltgebrauses koranfest wird. Das Geschrei, welches dem Munde der Jugend entfuhr, war außerordentlich; vielleicht, daß sie auf diese Art die Zerstreuungen der Welt zu übertönen suchen.

Besonders reizend in dem Bazar ist es, wenn der Blick durch die langen, gedeckten, bunt ausstaffirten Räume schweift und am Ende auf einem, von Bäumen beschatteten Plätzchen ausruht, welches der Centralpunkt von vier bis fünf Straßen ist. Einzelne Strahlen der Sonne und blaue Himmelsblicke dringen in diese Lichtungen ein und erhöhen den orientalischen Farbencontrast; doch neugierig späht wieder das Auge unter die Bretterdächer und blickt in das Halbdunkel der sich öffnenden Straßen; überhaupt finden sich die schönsten Farbeneffekte und Wechsel von Licht und Schatten in diesen südlichen Regionen; vom Kleide des Menschen bis zur Wolkeam Himmel zeichnet sich alles kräftig und lebendig, und darum findet hier der Maler ein dankbares und doch schweres Feld für seine Kunst; denn nur wenige Bilder habe ich in Europa gesehen, welche den Ausdruck des orientalischen Lebens wahr wieder geben; die wenigen aber, in denen dies gelungen ist werden leicht als übertrieben gescholten.

Aus dem Bazar geriethen wir durch ein Seitengäßchen auf einen Lagerplatz der Kamele. Ein höchst merkwürdiger Anblick, 40 bis 50 dieser Thiere in den verschiedensten Gruppen beisammen zu sehen. Ihre gelbe Erdfarbe vermischte sich geisterhaft mit dem unebenen Boden, auf welchem sie lagerten. Der Raum war von verfallenen schmutzigen Häusern umstellt. Viele ganz junge Thiere schritten pathetisch unter den erwachsenen umher, und komisch war es, wie diese höchstens vier Schuh hohen Kleinen auf ihren langen, mageren Stelzfüßen, sich an ihre großen, unförmlichen Mütter anschmiegten. Einige unserer Begleiter holten eines dieser Jungen aus dem Thierknäuel heraus, so daß wir es ganz in der Nähe besehen konnten. Es hatte einen höchst gutmüthigen Ausdruck und ließ ruhig Alles über sich ergehen; dagegen schoß uns die Mutter wüthende, unheimliche Blicke zu. Die Kamele, deren gegen 10,000 sich in Smyrna und seiner Umgebung befinden sollen, werden aus der Krimm gebracht, wo sich bedeutende Gestüte befinden. Die Höhe dieser Thiere ist sieben Fuß, die Länge vom Kopf bis zum Schweif mag gegen acht Fuß betragen. Der Leibist erdfarb, zeigt das ganze Knochensystem und ist mit einer dicken räudigen Haut mit sehr wenigen Haaren bedeckt. Zum Reiten werden im Oriente nur die Dromedare benützt, deren es in Smyrna keine giebt. Die Kamele werden nur zum Lasttragen gebraucht. Ihr hoher Höcker wird mit einer Decke umhüllt, an welcher rechts und links große mit Riemen befestigte Körbe herabhängen. Hier werden diese Thiere mit einem getrockneten Brei von schlechtem Mehl und Wasser genährt. Als wir unser Gefallen an der possierlichen Kameljugend dem Dragoman des Pascha's ausdrückten, versicherte er uns, Seine Hoheit Halil Pascha würde uns eins derselben verehren. Einige der Reisegefährten fanden dieses Anerbieten sehr hübsch und den Transport des Thieres auf dem Dampfschiffe sehr leicht ausführbar, die Mehrzahl sträubte sich jedoch dagegen. – Nach dieser Episode kehrten wir wieder auf den Bazar zurück, um unsere mannigfachen Einkäufe der türkischen Landesprodukte fortzusetzen; ein immer neues Interesse fanden wir an den wechselnden Bildern, welche sich auf einem türkischen Bazar dem Blicke des Beschauers darbieten.

Aus den Moscheen und dem bunten Gewimmel des Bazars begaben wir uns zu dem für uns in Bereitschaft gesetzten Badehause. Dasselbe liegt im Bazar und ist in Kuppelform gebaut, mit einfachen türkischen Verzierungen. Vor dem Eingange befindet sich eine Terrasse, wie bei den Moscheen. Sie war von einer großen Menschenmenge im buntesten Kostüme umringt, welche vermuthlich durch eine Compagnie tückischer Militärs angezogen wurde, die uns zu Ehren vor dem Badehause Wache hielt.

Wir traten etwas befangen in den echt orientalischen Raum; er befindet sich unmittelbar vor dem Badelokal und dient zur Entkleidung. Das Gemach endet in einer schön gewölbten Kuppel; an den Wänden laufen steinerne Ruhebänke herum, welche bestimmt sind den Muselmännern bei den Vorbereitungen zum Bade zu dienen. Ueber denselben sind hölzerne Stangen angebracht, die, wenn maneinzelne Abtheilungen zu haben wünscht, mit Wollzeugen überhängt werden. Dem Eingange gegenüber befindet sich ein Empor mit Divans, welches höher gestellten Personen dient. Dasselbe war heute zu unserem Gebrauch mit den herrlichsten orientalischen Stoffen geschmückt. Goldgestickte Polster, Cachemirs, leichte Baumwollzeuge wechselten in den buntesten Farben, und ihre Gruppirung zeigte den lebhaften, graziösen, türkischen Geschmack. Weiche, elastische Teppiche aus Persien waren zur Wahrung des entkleideten Fußes über die marmornen Steinplatten ausgebreitet. An den Stufen des Empors erhebt sich ein Becken, aus dessen oberer Abtheilung ein in elf Strahlen getheilter Springbrunnen das klarste, kühlendste Wasser unter lieblichem Geräusch in den Marmor wirft. An dem Rande des Beckens dufteten die schönsten Blumensträuße mit südlicher, balsamischer Kraft. Der Gouverneur Halil Pascha hatte sie gleich den übrigen luxuriösen Einrichtungen geschickt. Es war ein echtes Bild türkischer Sinnenblendung, ein liebliches Durcheinander, welches doch einen inneren reizenden Einklang hatte. Das Gemach war mit Dienern Halils, welche die kostbarsten Pfeifen und Nargilés bereit hielten, und mit gewöhnlichen Badedienern gefüllt. Man mußte an die Beschreibungen aus Tausend und eine Nacht denken, welche man in unseren Gegenden für übertrieben hält, während sie mehr Wirklichkeit als Traum sind. Man gab uns fortwährend Winke, auf die Divans zu steigen und uns zum Bade zu entkleiden.Ich genirte mich gewaltig, meine Toilettecoram publicozu machen und mußte mich auch erst etwas an diese lebhaften Eindrücke gewöhnen. Daher fing ich damit an, mich nur auf dem Divan niederzulassen und den vortrefflichen Taback des Paschas aus den reichen Pfeifen zu schmauchen. Diese Rauchapparate kosten, wie man uns sagte, zwischen 1000 und 3000 Gulden. Die Mundstücke sind aus eiergroßem Bernstein, mit funkelnden Diamanten besetzt. Während dieser Zeit versammelte sich unsre ganze Reisegesellschaft, welche noch auf dem Bazar mit Einkäufen beschäftigt gewesen war. Zum Bade entschlossen sich nur Baron K., mein Bruder und ich. Die übrige Gesellschaft war befangen und fürchtete sich vor der Hitze, welche bei einer solchen orientalischen Körper-Reinigung herrschen soll. Alles was nicht Theil nahm, begab sich nun auf die vor dem Badehause befindliche Terrasse, schmauchend und Scherbet trinkend. Mein Princip ist es, auf Reisen Alles mitzumachen, was das Land eigenthümliches bietet, da man ja um zu sehen und um zu lernen reist. Auf dem Divan kam mir die Toilette lächerlich vor, daher begab ich mich mit meinem Kammerdiener und dem mir zugetheilten Bade-Famulus in das erste Vorbereitungsgemach. Beängstigt trat ich ein und wurde von einem Schwall von feuchter Hitze fast erstickt. Zu meiner Beruhigung fand ich Baron K. schon in seinem Badekostüme postirt. Ich entkleidete mich, und die dienenden Muselmänner schlangen mir um die Lendeneine weiche Baumwollbinde und behingen mich mit einem weißen Mantel aus gleichem Stoffe. An die Füße erhielt ich erhöhte Sandalen, die vor dem auf dem Marmor befindlichen Wasser schützen sollen. Ich wurde hierauf auf einem mit Kissen belegten Stein-Divan installirt, und man reichte mir eine Pfeife. Nun hatte ich Gelegenheit das Gemach zu betrachten. Es war von Stein und hatte die Form eines länglichen nicht sehr großen Rechteckes. Längs der Wände waren ebenfalls Ruhebänke angebracht. Den Boden bedeckte eine halbe Zoll hohe Fluth von Wasser, welche, da die Hitze von unten kommt, der Luft einen so hohen Grad von Feuchtigkeit giebt. Kaum war ich in Transpiration, so begann die Arbeit der Badediener. In diesem Vorbereitungszimmer kneten sie den Körper, um ihn in stärkeren Schweiß zu bringen. Es schien hiebei magnetischer Einfluß vorhanden zu sein; auch spricht die äußere Erscheinung dieser Männer sehr für diese Behauptung. Es sind meist junge Leute mit unendlich tiefen, schwarzen Augen, welche im ersten Augenblicke einen nichtssagenden Eindruck machen; das innere Auge ist aber schwärmerisch, melancholisch, und diesen ihren tiefen Blick heften sie unverwandt und starr auf das Opfer, welches sie unter ihren Händen haben. Ihre Gesichtsfarbe ist fein, aber gelblich fahl; es fehlt ihnen jene jugendliche Frische, die ihnen das Leben in der nassen Hitze nimmt. Ihre Gesichtsform ist wie bei allen Muselmännern, lang und eckig. Um den fein geschnittenen,meist geschlossenen Mund, spielt oftmals ein wehmüthig spöttisches Lächeln, das wohl hauptsächlich uns Europäern gegolten haben mag, die wir uns in diese türkischen Gebräuche gewiß recht unbeholfen geschickt haben. Ihre Gestalt ist schlank und schmächtig, die Hände sind durch das Kneten auffallend ausgebildet; die Haare tragen sie, nach mohammedanischer Sitte gegen vorn zu, kurz geschoren. Ihre Bekleidung ist außerordentlich einfach: gleich den Badenden tragen sie um die Lenden blaugraue mit rothen Streifen versehene Wolltücher, auf den Schultern hängt der weiße Mantel und auf dem Kopfe haben sie weiße anliegende Käppchen. Als die Transpiration, während welcher wir immer liegend rauchten und mit Kaffee bewirthet wurden, durch das Kneten und die ungeheuere Hitze den gehörigen Höhepunkt erreicht hatte, legte man uns wieder die Sandalen an die Füße und wir wurden nun, von der türkischen Bedienung gestützt, in das dritte, das Hauptlokal geführt. Unsere europäische Bedienung ließen wir, da sie uns jetzt nichts mehr nützte, in dem früheren Gemache zurück. Die armen Leute, welche ihre Kleidung nicht so leicht einrichten konnten, waren fast vor Hitze vergangen. Die Temperatur in diesem dritten Gemache aber glaubten wir kaum aushalten zu können; doch einmal schon so weit gekommen, wollten wir das Ganze aus Neugierde überstehen. Wir klapperten mit den Sandalen auf dem feuchten Boden muthig vorwärts. Dieser Saal ist wieder von einer großen, kühn gewölbten Kuppelgekrönt. In der Mitte befindet sich eine runde Erhöhung des Fußbodens; sie beträgt nur ungefähr 2 Schuh und dient als Ruheplatz. An vier Punkten der runden Wand sind kleine Bade-Cabinette errichtet; die Wände derselben bilden gegen den Mittelpunkt des Hauptgemaches zu schiefe Winkel, welche mit kleinen Eingangsbögen endigen: sie dienen nur zur Absonderung; denn gleich spanischen Wänden beträgt ihre Höhe höchstens 1½ Klafter. Der obere Theil ist gegen die Kuppel offen. Wir wurden nun jeder in ein solches Cabinet geführt. Im Inneren desselben befand sich eine hölzerne Pritsche und zwei Hähne für warmes und kaltes Wasser, welche in ein Marmorbecken mündeten. Die steinerne Wand war mit tausenden von Schwaben tapeziert, welche aber bei der menschlichen Annäherung, Gott sei Dank, flohen. Mein Badediener nahm mir den Mantel ab, nachdem er sich auch des seinigen entledigt hatte; ich mußte mich auf die Pritsche ausstrecken, worauf er meine Glieder mit einer blauen weichen Bürste tüchtig rieb. Nachdem er das einige Zeit so fortgetrieben hatte, nahm er ein großes Bündel aus Aloefasern, erzeugte in demselben, mittelst warmen Wassers und Seife, eine große Menge weißen Schaumes, deutete mir mit Zeichen an, die Augen zu schließen und übergoß mich nun wiederholt vom Wirbel bis zur Zehe, indem er immer den Schaum mit heißem Wasser wegspülte. Während dieser Operationen, reichte er mir mit indolenten Gebärden ganz vortreffliche Scherbet-Limonade, welche indiesem furchtbaren Dunst sehr erfrischend wirkte. Bei diesem Reinigungsvorgang kamen die Dragomanen öfter zu den kleinen Cabinetten, um nach unserem Befinden zu fragen. Mehrmals wiederholten sie, ob wir das Bad gänzlich nach türkischer Sitte nehmen wollten? Ich versicherte sie fortwährend, daß es unser Wunsch sei, und ließ daher alles lautlos über mich ergehen. Als der Badediener mich für gehörig gereinigt hielt, schlang er mir ein weißes Linnentuch turbanartig um die feuchten Haare, machte mir durch Zeichen begreiflich, aufzustehen, warf mir den Mantel um die Schulter, reichte mir die Sandalen und führte mich nun in das allererste Gemach, wo die erhöhten Divans zeltartig mit weißen Baumwollstoffen umgeben waren, um uns den Blicken der Neugierigen zu entziehen. Carl und ich streckten uns auf die schwellenden Kissen, ließen uns mit goldgestickten Tüchern behängen und sollten uns nun nach der ungewöhnlichen Transpiration etwas abkühlen. Man reichte uns Pfeifen, Kaffee, Scherbet und vortreffliches Wasser. Die Badediener knieten an unserer Seite, uns knetend und bedienend. Das Ganze war stattlich und gab uns ein recht lebhaftes Bild von orientalischer Ueppigkeit. Unsere übrigen Reisegesellschafter besuchten uns zuweilen und lachten über unser türkisches Aussehen. – Da die Transpiration nicht aufhören wollte und wir dem Besuch des Pascha auf unserem Schiffe entgegen sahen, so zogen wir uns an und verließen triefend das Badehaus. Ich könnte nicht sagen,daß das Bad eine angenehme Wirkung auf mich gemacht hätte; man schwitzt so fürchterlich und kommt in eine beängstigende Unruhe und Mattigkeit; für faule Mohammedaner, die nach einer solchen Operation Stunden und Stunden imdolce far nientezubringen, ihren Taback schmauchend und den Kaffee in langen Zügen schlürfend, mag es recht gut sein.

Der Pascha hatte uns auf eine so freundliche und zuvorkommende Weise seinen Besuch abgestattet, daß wir uns durch unseren Consul erkundigen ließen, wann wir unseren Gegenbesuch machen könnten. Er hatte uns auf heute Morgen zu sich gebeten, mit der Ankündigung, uns ein alt-türkisches Essen geben zu wollen. Man kann sich unsere Freude denken, auch diesen originellen Moment einer Reise im Orient durchkosten zu können. Wir legten bei unserem Consul um 11 Uhr Mittags die volle Parade an, was sich ziemlich komisch zu dem orientalischen Kostüme und dem bunten Gewimmel auf den Straßen ausnahm, und begaben uns auf den schlechten, ziemlich vernachläßigten Quai; hier wartete unser das aus dem schönsten geschnittenen Holze verfertigte lange, aber ziemlich schmale Boot des Pascha, bemannt mit zwölf türkischen Matrosen, welche in ihren weißen Hemden und rothem Feß ein plumpes und sehr nüchternes Aussehenhatten. Das Einsteigen in das schmale Schiff unter das scharlachrothe Dach war mit Säbeln und Sporen ziemlich beschwerlich; auch fand nur ein Theil der Gesellschaft darin Platz. Für die Andern war eine zweite minder pompöse Barke bereit. Wir stießen ab und im Fluge ging es über die schäumenden Wogen der Türkenstadt zu, an deren Anfang Paläste und Kasernen sich befinden. Die Ruderer bewegen ihre schön geschnitzten langen Ruder mit außerordentlicher Kraft und mit so viel Takt, als seien sie nach dem Metronom einstudirt. Ich ließ mir erzählen, daß diese Leute ganze Tage in einem fort unter der glühendsten Hitze rudern, ohne abzusetzen, so daß sie zuletzt in eine Art fieberhafter Extase gerathen, und, fast ihrer Sinne beraubt, in gleichmäßigen dumpfen Lauten stöhnen.

Ich saß in der Barke auf einem rothseidenen eleganten Kissen, des kleinen Raumes wegen mit gekreuzten Füßen, was in der europäischen Kleidung einen nicht sehr malerischen Anblick gegeben haben muß. Wir näherten uns dem Landungsplatze vor dem Palaste. Die Garden waren aufgestellt und echt türkische Musik, in verwirrten wilden Tönen, ließ sich bei unserem Anblicke vom Ufer hören. Als wir das Land betraten, wurden uns mit prachtvollen blauen, gold- und silbergestickten schweren Schabraken und mit herrlich ciselirten Zäumen versehene arabische Pferde des Pascha vorgeführt. Wir zogen jedoch vor, die kurze Strecke zu Fuß zu machen. Die Garden umringten uns, es erscholleine von allen möglichen Instrumenten ausgeführte wirbelnde Musik, und so zogen wir mit orientalischem Pompe unter Zuströmen der Menge in die inneren Palast-Räume Halil Paschas ein.

Längs des ganzen Weges, bis zur Stiege des Gouverneurs, war eine große Anzahl bewaffneter Diener in alttürkischem Kostüme aufgestellt. Sie waren mit den schönsten Waffen, meist in gediegenem Silber, beladen. Die uns begleitenden Garden trugen leider nicht mehr das alte Kostüme, und sahen in ihrem neuen ganz erbärmlich aus. So plump, so farblos, nichtssagend, hängt ihnen der schmutzige Rock am Leibe, während das alte Kostüme etwas ehrwürdiges, geschichtlich interressantes und den lebhaften Farben des Morgenlandes entsprechendes hat. Das Sprichwort »Kleider machen Leute«, zeigt sich hier als wahr, nur im umgekehrten Falle wie in Europa; denn das Volk hält sich in Smyrna, wie man sagt, noch viel mehr wie in Constantinopel, an die alten Vorschriften, wodurch es einen imposanten, ernsten Eindruck macht, da dieses Kleid den Gesichtszügen, dem Bart und der Gestalt der Mohammedaner wohl ansteht, während sich Autoritäten und Militär sehr kleinlich in ihren modernen Anzügen ausnehmen; wenn man sie ansieht, muß man unwillkürlich an den Verfall des türkischen Reichs denken; denn mit solchen Figuren, welche sich unter dem Volke matt verwischen, verliert die himmlische Pforte ihre Stützen, und die Christen des türkischen Reichs werden bald aufhören, voreinem solchen europäisch behosten Pascha oder Bey, der ihnen sonst eine Geißel Gottes war, zu zittern; und so verliert sich die große Idee eines osmannischen Reiches, gleich der deutschen Rheinfluth, im Sande: Kleider machen Leute. –

Der Palast Halil's ist nach türkischer Art von Holz, da die Moslim nach ihrem Koran ihre Häuser nur als vorübergehende zeltartige Ruhestätten ansehen; denn sie haben mit den Christen nur Waffenstillstand, nicht Friede geschlossen, da es ihre eigentliche Bestimmung ist, mit Feuer und Schwert den Koran über den Erdball zu verbreiten. An den untersten Stufen der hölzernen Treppe empfing uns mit einer bedeutenden Anzahl Diener ein Großer des Reiches, nach dem Pascha der erste Würdenträger in der Stadt. Er bekleidete eine Art Polizeistelle, und schien ein gutmüthiger mohammedanischer »Spitzel« zu sein, der in Wien für diese Race, glaub' ich, zu unbedeutend gewesen wäre. Halil dürfte seine politischen Eigenschaften wohl erkennen, da er den ganzen Morgen außerordentlich freundlich mit ihm war. Der arme Mann fürchtet sich vermuthlich vor einem mißliebigen Berichte an das Constantinopolitanische Ministerium, welches so nicht gut gelaunt gegen den Pascha sein soll, weil er der türkischen Reaktion angehört. Da wir die Bezeichnung »Zopf« hier nicht anwenden können, so wollen wir ihn einen mohammedanischen Langbart nennen; dieser ist nämlich das Symbol des alten Regimentes. Wir nannten diesen orientalischen Spitzel kurzweg türkische Excellenz, weil ihn Gouverneur und Dragomanimmer »son excellence« titulirten. Er schlug wiederholt, als Zeichen der größten Hochachtung, auf Bauch, Mund und Stirne. Wollte er damit ausdrücken, daß der Magen sein entwickeltester Theil und das Gehirn ihm und dem Munde nachsteht – ich weiß das nicht; aber gewiß ist es, daß uns der Pascha am obern Rande der Stiege mit demselben Zeichen bewillkommnete. Das Aeußere des Paschas trägt den Ausdruck der Gutmüthigkeit; er ist nicht sehr groß aber außerordentlich fett, und um seinen Mund spielt ein freundliches Lächeln. Sein Kopf ist breit und stark, sein Auge mild und nicht ohne Geist. Aus dem Feß, welches ihm alle Augenblicke herunter zu rutschen drohte, wobei er eine sehr komische Handbewegung machte, guckten ihm einige braune Locken heraus. Um sein Kinn trägt der arme Mann, als Beamter der Neuzeit, nur einen mäßigen und kurzen Bart. Bei uns muß man sich gerade im Gegensatze, wenn man Minister oder wenigstens Ministerial-Rath werden will, alsfra diavoloarrangiren. Dort bannt man die schwarze Reaktion mit ihren Derwischartigen (jesuitischen) Umtrieben durch das Verkürzen des Kinnwaldes, und bei uns thut sich das freie Ich, das liberale Bewußtsein der Neuzeit, in der möglichsten Gesichtsverlängerung durch den Bart kund. Ueberall unterwirft sich der Mensch den selbst aufgedrungenen Formen.

Der Rock, den er trug, war von dunkelblauem Tuche mit außerordentlich reicher Goldstickerei. Dieinexpressiblesvon weißem Tuche mit Goldstreifen. Um den Hals trug er das Zeichen, welches ihm als Schwager des Sultans gebührt. Es besteht aus einer Diamanten-Schnur und zwei kleinen eben solchen Quasten, wie auch den in Brillanten gefaßten Namenszug des Sultans. Seine Brust schmückte der auf gleiche Art gefaßte russische Andreasorden, den er erhielt, als er in dem Jahre 1827 als Friedensbote nach Petersburg geschickt wurde, nachdem er sich in diesem Kriege sehr ausgezeichnet hatte und der Einzige war, vor dem sich die Russen fürchteten. Um die Lenden hatte er einen herrlichen Säbel inpeau de chagrinund Diamanten gegürtet. In dem ersten geräumigen Stiegenhause war eine noch größere Anzahl von Dienern versammelt; überhaupt macht die Menge der Diener und Sklaven den Stolz der Türken aus. Halil führte uns mit dem Zeichen der größten Aufmerksamkeit in einen an das Stiegengemach anstoßenden Salon, dessen lange Fensterreihen eine prachtvolle Aussicht auf das wogende Meer darboten, und von diesem immer schönen Elemente die wohlthuendste Brise einließen. Wände und Plafond des Gemaches waren hellgrau angestrichen; in den Ecken liefen Goldstreifen mit orientalischen Verzierungen. Auf zwei Seiten waren Fenster an Fenster, nur durch leichte Balken getrennt. Auch ein Theil der Stadt und der ganze Hafen waren durch dieselben sichtbar. An den Fensterbrüstungen standen Divans, Sofa und Lehnstühle. Zwischen den zwei in gerundeten Ecken befindlichen Eingangsthürenist die Wand außerordentlich reich mit Gold verziert; in der Mitte derselben befindet sich der Namenszug des Sultans mit goldenen Zügen auf blauem Grunde; unter diesem sind in dem Holzgetäfel kleine Schubladen angebracht, in welchen man die werthvollsten Kleinodien, Andenken und Schriften aufbewahrt. Es scheint dies das Familien-Sanctuarium zu sein, und es hat auch durch einen großen, schrankartigen Tisch, welcher sich vor demselben befindet, Aehnlichkeit mit einer Kapelle. Auf dem Boden liegen feingearbeitete Matten. Die oben angeführten Möbel beziehen die Türken aus Triest und Wien. In diesem Gemache waren sie aus braunen, hübsch geschnitzten Nußbaumholz mit schwarzem Roßhaarstoff überzogen. Der Pascha wies meinem Bruder und mir Lehnstühle an der Fensterwand, gegen die Stadt zu, an, so daß wir in das Innere des Gemaches und auf das Meer sehen konnten. Halil setzte sich an unsere Seite, die übrigen Herren, die im ersten Boote gefahren waren, vertheilten sich auf den Divans. Es entspann sich nun zwischen uns und dem Gouverneur ein Gespräch mit Hülfe des Dragoman, welcher in französischer Sprache verdolmetschte.

Den Fragen Halils merkte man an, daß er nicht ohne Bildung sei, und seine echt türkischen Schmeicheleien waren gut gewählt, blumenreich und fast witzig. Bald nach uns kam die Gesellschaft, welche im zweiten Boote Platz gefunden hatte, an; die Herren wurden vom österreichischen General-Consuldem Pascha vorgestellt, welcher ihnen mit den freundlichsten Worten sagte, er hoffe, Alle würden ihre Pflicht thun, nur der Doctor möchte niemals Gelegenheit dazu haben. Ich konnte mich über die Verwunderung meiner Freunde kaum des Lachens enthalten. Die eckigen, schlichten, häßlichen Fracks nahmen sich mitten im orientalischen Luxus so äußerst komisch aus, und ein dicker, liebenswürdiger Haus-, Hof- und Staats-Archivarius Seiner apostolischen Majestät, dem man die Lachlust im Gesichte ansehen konnte, einem Gouverneur und Pascha einer asiatischen Provinz der himmlischen Pforte gegenüber, gab ein gar mächtiges Genrebild. Nachdem auch diese Herren sich niedergelassen hatten, strömte auf ein gegebenes Zeichen ein Haufe von Dienern herein, welche außerordentlich schöne, sieben bis acht Schuh lange Tschibuks lanzenartig im Arme trugen. Sie vertheilten dieselben unter uns, faßten unsere Stellung scharf ins Auge und wußten die duftenden Pfeifenköpfe so geschickt auf den Boden zu stellen, daß das Mundstück gerade in die Richtung unserer Lippen kam. Dieser Handgriff gehört zumbon tonder türkischen Dienerschaft. Nun knieten sie nieder, legten unter jede Pfeife eine Metalltasse und fachten das vortreffliche Lieblingskraut der Osmanli mittels Kohlen zur dampfenden Gluth an. Alles dieses geschieht mit außerordentlicher Fertigkeit; nur Schade, daß diese Diener ebenfalls die neuere Kleidung tragen. Wir erkannten die Pfeifen aus dem Bade her; nur erstaunten wir jetzt über die Menge,welche den außerordentlichen Luxus verräth, den man in diesem Punkte in der Türkei treibt. Der Sultan ließ schon einst ein Verbot gegen die große Verschwendung in Pfeifen ergehen, da sich mehrere seiner Paschas im vollsten Sinne des Wortes durch diesen Artikel ruinirt haben. Für unsern guten Halil ist dies nicht zu fürchten, indem er sehr reich ist; seine Einkünfte schon als Gouverneur von Smyrna betragen bei 80,000 Gulden. Während des Gespräches rief er plötzlich unseren liebenDr.F. zu sich, und ließ ihm durch den Dragoman bedeuten, er möge ihm den Puls greifen, indem es ihm eine Ehre sei, daß er an ihm dasselbe vollziehe, was er täglich an uns ausübe. Der Arzt that wie ihm befohlen wurde, und versicherte Seiner Hoheit, daß der Puls außerordentlich stark und gesund sei, worüber unser freundlicher Wirth in ein sehr lebhaftes Gelächter ausbrach. Er befrug auch noch den Medicus, ob denn kein Mittel gegen die Cholera gefunden sei. Als man ihm verneinend antwortete, schien er nicht sehr zufrieden; denn die Furcht vor dieser Krankheit ist im Orient ungeheuer groß. – Wieder erschienen die Diener und brachten Kaffee.

Im Oriente wird dieses so oft gebrauchte Getränk in kleinen Schälchen aufgetischt, welche sich in eierbecherförmigen Gestellen befinden. Gewöhnlich sind diese Gefäße aus Porzellan; hier waren sie aus rosenfarbenem Email mit Diamanten. Der Kaffee wird sehr warm, mit Satz und ohne Zucker getrunken und ist nicht so schlecht wie man glaubt.Als die Pfeifen zur Hälfte geraucht waren, wurden sie von den Dienern hinausgetragen, und frisch gefüllt zum neuen Gebrauche wieder hereingebracht. Plötzlich hörte man Schellen klingen und drei stattliche, bunt geschmückte Kameele erschienen, umgeben von malerisch gekleideten Treibern, auf dem Platze vor dem Palast. Es sollte uns ein Schauspiel ganz neuer Art geboten werden: ein Kameelkampf, von dem ich in Europa nicht einmal reden hörte. Gegen das Spätjahr zu, besonders im Monat Dezember, kommen die männlichen Thiere in eine eifersüchtige Wuth, so daß sie sich gegenseitig jagen, beißen und schlagen, gleich den Hähnen bei den Wettkämpfen in England. Leider mißglückte der heutige Versuch, indem es noch zu früh im Jahre war. Nur das stärkste dieser Thiere ging einmal, gereizt durch die Treiber, auf ein schwächeres los, biß es ein paarmal, wobei ihm der Schaum aus dem Maul lief; der Gegner jedoch stöhnte nur einigemale jämmerlich und wich dann feige zurück. War auch dieser Spaß dem Pascha mißglückt, so hatte uns doch der Anblick dieser mächtigen Thiere sehr interessirt; plötzlich verschwand der Gastgeber, aus welchem Grunde ist uns bis jetzt noch nicht bekannt. Einige Zeit nachdem er außer Athem zurückgekehrt war, lud er uns zur Tafel ein. Er ging vor uns, wie es überhaupt im Orient Sitte zu sein scheint, mit würdevollem Anstand in das Stiegengemach, wo ihn die immer fortgesetzten Bücklinge seiner treuen Diener empfingen. Von hier aus führte er uns durch eine kleinemit einem schweren Vorhange versehene Thüre in das Speise-Kabinet. Dies bot ein liebliches Bild des phantastisch graziösen Morgenlandes. Die Wände und der Plafond waren zeltartig mit weißen moirirten Tapeten bedeckt, welche mit rothen Streifen und zierlichen Bouquets geschmückt waren. Auf der einen Seite befand sich wieder eine hohe, lange Fensterreihe, unter welcher sich ein breiter, grüner, schwellender Divan hinzog. Holzgitter schützen vor den neugierigen Blicken des Volkes. Auf dem Boden lagen Rohrmatten und außerdem noch reiche Teppiche, in der Mitte des Zimmers befanden sich zwei große geränderte Vermeil-Platten auf Dreifüßen, welche mit reichen Stoffen behängt waren. Diese bildeten die Eßtische, an denen nach türkischem Brauch immer nur sechs bis sieben Personen Platz nahmen. Die Gesellschaft theilte sich demnach in zwei Theile. Wir ließen uns auf kleine weiche Sitze nieder, mit der gespanntesten Erwartung auf das kommende Mahl. Halil Pascha, Fürst J., Baron K., der General-Consul, mein Bruder und ich saßen an einer dieser Platten. Jeder der Gäste hatte einen schwarzen und weißen mit Corallen besetzten Löffel vor sich, ein goldgesticktes Handtuch aus Battist, welches mit einem Schnupftuche viel Aehnlichkeit hatte, ein feines Weißbrot, dessen eine Hälfte in längliche Rechtecke geschnitten war, und mehrere in Vermeil und Silber elegant gearbeitete Untertäßchen, auf welchen sich köstliche Sultana-Trauben, Sardellen, Caviar, Gurkensalat mitsaurer Milch, Wasser- und süße Melonen befanden. Die letzteren waren durch die südliche Sonne so gereift, daß sie auf der Zunge wie Zucker zerflossen. Diese verschiedenenhors d'oeuvresißt man nach Belieben während des Speisens, was keine schlechte Einrichtung ist, da man beim orientalischen Mahle süße und saure Speisen durcheinander bekommt. Man schlang uns um Brust und Schooß goldgestickte Linnentücher, was uns ein sehr spaßhaftes Aussehen gab; diese Maßregel ist jedoch höchst nothwendig, da man nur die ganz flüssigen Speisen mit dem Löffel ißt, während man alles andere mit den Händen zerreißt. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so füllte sich das ganze Gemach mit Dienern, die sich weidlich an unserer Verwunderung und unserem ungeschickten Benehmen ergötzten. Man legte nun in die Mitte der Tafel ein kleines, rundes, ledernes Kissen, auf welches man die Speisen, deren Zahl über 20 war, der Reihe nach in großen, weißen und blauen chinesischen Porzellan-Schüsseln setzte. Da es einige europäische Gourmands interessiren könnte, so lasse ich den Speisezettel folgen. Den Eingang machte eine Nudelsuppe, welche jedem französischen Koch Ehre gebracht hätte; hierauf folgte ein Schöpsenbraten mit Reis gefüllt, welcher sich durch sein zartes und vortreffliches Fleisch auszeichnete. Die Suppe hatte man mit dem Löffel gegessen, in diese Speise jedoch fuhr der Pascha mit seiner weichen dicken Hand, und gab uns zu verstehen, wir möchten seinem kühnen Beispiele folgen. Alles stürzte nun gleichwilden Thieren auf diesen Braten los, und bald waren die triefenden Fasern abgelöst und mit etwas Ungeschick in den harrenden Mund gebracht; aus besonderer Bevorzugung und Artigkeit riß der Gouverneur einen saftigen Knochen ab, den er mir mit liebenswürdigem Lächeln gleich einer Blume überreichte. Wir waren einigermaßen verlegen, indem wir nicht wußten, wohin die überbleibenden Knochen legen; der Pascha half uns jedoch bald aus dieser Ungewißheit, indem er uns andeutete, nur alles auf die goldene Platte tropfen und fallen zu lassen; diesebeaux restesdes orientalischen Magenluxus bleiben die ganze Tafel hindurch den nicht sehr erbauten Augen der Gäste Preis gegeben. Darauf kam eine flache, sehr breite Mehlspeise von Butterteig, welche die Türken Börek nennen. Halil benutzte eine glückliche Gelegenheit, während wir nicht auf die Speise achteten, lüftete die Mitte derselben, worauf zu unserer großen Verwunderung ein Stieglitz scheu herausflog. Unser heiterer Wirth lachte über diesen Beweis türkischen Witzes, mit einem maßlosen Gebrülle; es scheint, daß diese naiven Ueberraschungen in Smyrna noch der höchste Grad von gutem Geschmacke sind, denn der Pascha bat mich, ich möchte dieses Intermezzo in meinem nächsten Briefe an meine Verwandten erwähnen.

Um diese Speise auf eine angenehme Art zu verschlingen, nahm er die fetten Blätter des Kuchens und rollte sie so zu einer Kugel, welche er dann mit Grazie in den weit aufgerissenen Mund warf. Nach diesem Gerichte brachteman Limonade-Scherbet, in sehr eleganten, wahrscheinlich französischen oder sächsischen porzellanenen Rococo-Tassen. So schlecht dieses aus Citronen bereitete Getränk im Occident ist, so erfrischend und vortrefflich ist es im Orient. Die Speisen wurden außerordentlich rasch gewechselt, so auch verschwand der labende Trunk nur zu bald. Ihn ersetzte ein gebackener Fisch mit kleinen Rosinen. Diese Zusammenstellung ist zwar etwas gewagt, aber in der Wirklichkeit nicht so schlecht, wie man glaubt; dann folgte eine sehr gute Mehlspeise, Kataif genannt, dann Patlitscha, ein Gericht Fleisch mit einem Gemüse Macedoine, dessen Hauptbestandtheil eine in der hiesigen Gegend vorkommende sehr schmackhafte, paprikaartige Pflanze ist. Bei diesen Speisen in halbweichem Zustande hilft man sich mit den rechteckig geschnittenen Brotstücken, welche man auf den Zeigefinger legt, und so mit diesem und dem Daumen sich bedient. Viele zarte Europäerinnen und fein gebildete Dandys werden über dieses naturgemäße Verfahren erschrecken. Ich erlaube mir nur die Bemerkung, daß es kein großer Unterschied ist, mit rein gewaschenen, eigenen Fingern aus einer so großen Schüssel zu essen, in welcher man, wenn man einigermaßen geschickt ist, mit seinem Nachbar gar nicht in Berührung zu kommen braucht, oder in einer zartfühlenden europäischen Gesellschaft die Speisen mit Bestecken zum Munde zu führen, deren sich schon Hunderte von Menschen bedient haben. Es kommt alles nur auf Einbildung und Gewohnheit an. Der Gouverneurerzählte uns, daß ihm das Essen mit dem Bestecke in St. Petersburg sehr schwer gefallen sei; die Türken lachen über die Sitten der ungläubigen Franken ebenso, wie wir über die Ihrigen. Nach dem Patlitscha brachte man gute, gebratene Meerfische. Hierauf krapfenartige Reiskugeln, bei welchen die Türken Mittel finden, sie auf einmal mit der platten Hand in den Mund zu drücken. Nach diesen kam Reis mit Paradiesäpfeln. Hierauf Hallioa, eine geléeartige, sehr süße und gute Honigspeise, dann erschien Bombar, bestehend aus vortrefflichen Würsten mit Reis gefüllt. Dies war vielleicht eine der schmackhaftesten Speisen. Der Pascha nöthigte uns durch die freundlichsten Worte, von allem zu genießen. Als Fürst J. einmal, ganz außer Athem, aussetzen wollte, versicherte er ihn gleich, ein Militär müsse noch mehr als die andern Leute zu sich nehmen. Nun tischte man Lokma, einen durchsichtigen, meerfarbigen Strudel auf, welcher durch seine Süßigkeit fast widrig war. Hierauf kam Lammfleisch, dann Kalbsragout, diesem folgte Tank-goksi, ein weißer Brei, welchen man aus fein gestoßener Hühnerbrust und Mandeln macht. Ich fand diese Speise furchtbar, einige der Gesellschaft lobten sie jedoch außerordentlich. Dann erschien ein Gericht aus Truthahn. Bei einem der angeführten Fleische winkte Halil einem Diener, welcher mit den Händen in die Speise fuhr, um sie zur leichteren Behandlung der Essenden auseinander zu reißen. Ein kurzes und praktisches Verfahren. Nun kamen Maccaroni mit Käse,ganz nach europäischer Sitte. Hierauf vortreffliches Pfirsich-Kompott, dann Kabak dolma, aus gefüllten Kürbissen zubereitet, eine Speise, welche die europäischen Feinschmecker sehr gut aufgenommen hätten, wenn sie nicht unmittelbar nach dem süßen Kompotte gekommen wäre. Das Ende des reichen und gemischten Mahles, machte der Pilau, ein großer Reishaufen, bestreut mit kleinen Rosinen. Nach geschlossener Speisenreihe wurde Urchas, ein schwimmendes Kompott in eleganten gläsernen Schalen servirt. Dieses ziemlich starke, aber nicht sehr angenehme Getränk vertritt bei den Mohammedanern die Stelle des Weines. Während der Tafel gelang es mir nur zweimal sehr frisches gutes Wasser zu bekommen. Nun war das Mahl, dieses interessante Reiseereigniß, beendet. Wir setzten uns auf den an der Fensterreihe befindlichen grünen Divan, und man brachte uns in herrlichen Kannen und Becken von Vermeil Wasser und Seife, um eine sehr nothwendige Händereinigung vorzunehmen, bei welcher der Pascha, der sich übrigens auch das Gesicht einseifte, ein Gebet zu murmeln schien. Nachdem diese Toilette vollendet war, führte uns Halil wieder in den grauen Salon, und abermals brachte man die Tabackspfeifen.

Jetzt lernten wir eine neue, den türkischen Großen höchst eigene Sitte kennen; man vernahm nämlich in dem wohlgefüllten Bauche des Paschas ein dumpfes Rollen und Tönen wie vor einem herannahenden Gewitter. Plötzlichdröhnte das ganze Zimmer von einem Schall, welcher dem holdseligen Munde des kaiserlichen Schwagers entfahren war. Da diese bauchrednerischen Betonungen bei uns keineswegs üblich sind, so mußten wir in den großen Mundstücken der Tschibuks Hülfe suchen, um nicht in ein Gelächter auszubrechen. Von der türkischen Seite aus wurde dieser Beweis eines zu copiösen Diners sehr gleichgültig aufgenommen und die Osmanli schienen gar nicht verlegen. Im Gegentheil, kaum war Smyrnas Pascha zu Ende, so hörten wir auf der andern Seite des Zimmers ebenfalls einen lauten Seufzer über die Thorheit, so viel gegessen zu haben. Es war die Gemüthsäußerung der türkischen Excellenz, welche am zweiten Tische während des Mahles präsidirt hatte. Nun konnte unser convulsivisches Lachen kaum mehr verborgen bleiben; erst später erfuhren wir, daß diese etwas lebhaften Magenäußerungen im Oriente nicht im geringsten unartig seien, sondern so behandelt würden, wie bei uns allenfalls das Niesen. Unsere Gedanken wurden von diesem sehr komischen Thema durch einen ägyptischen Mohrentanz abgelenkt, welchen der Pascha auf demselben Platze, wo der Kamelkampf verunglückt war, aufführen ließ. Die Neger spielten selbst eine monotone Musik mit Trommeln und Cinelli. Der Tanz war eigenthümlich, graziös und kriegerisch. Die Neger schlugen mit Stöcken gegen einander und machten mitunter Sätze wie wilde Tiger. Ein National-Tanz ist immer von großem Interesse, da sich in demselbenmeist der Charakter des Volkes ausspricht. Die Tarantella ist voll wilder Gluth, der Bolero edel und feurig, die Mazurka voll leichtfertiger Anmuth, und in diesem Tanze sieht man die wilde, kriegerische Horde, welche um die Leiche der Feinde oder um den erlegten Löwen tanzt.

Als wir einige Zeit dies Schauspiel betrachtet hatten, fragte uns der Pascha, ob wir nicht die Kaserne und die Truppen sehen wollten, welches Anerbieten wir sehr gerne annahmen. Zum Abschied traten wir zu dem Schreine, unter dem Namenszug des Sultans, der nun mit Champagner, Feigen, Trauben und köstlichen Sultaninen überfüllt war. Ich ergriff ein Glas mit dem sprudelnden Frankenwein und bat den Pascha, ob wir nach unserer europäischen Sitte auf sein Wohl trinken dürfen; er erwiederte unseren Toast, indem er ebenfalls einen auf das Wohl unseres Monarchen ausbrachte. Den Namen des Kaisers lispelte er nach türkischer Sitte nur mit leisen Worten. Nun trank er noch auf unsere Gesundheit, und wir auf die des Sultans. Ich sah bei dieser Gelegenheit, daß die Türken, trotz des Korans, dem perlenden Champagner keineswegs abhold sind; sie entschuldigen diese stille Leidenschaft durch die Behauptung, dieser Wein sei nach Mohammeds Tode erfunden worden. Wir verabschiedeten uns nun bei unserem herzlichen, freundlichen Wirthe, den wir in der kurzen Zeit ganz lieb gewonnen hatten, und wurden mit denselben Ceremonien entlassen, mit denen man uns empfangen hatte. Wir begabenuns in die Kaserne; ein sehr geräumiges zweistöckiges Gebäude, aus einem Mittel und zwei Seitentrakten bestehend; gegen die vierte Seite zu ist es offen und ein Gitter schließt den großen Hof, unmittelbar am Rande des Meeres, ab, wodurch auch die Luft in den schönen fensterreichen Räumen immer gesund und frisch ist. Der in dem Gebäude kommandirende General, welcher seiner Charge nach über zwei Regimenter gesetzt ist, hatte in diesem Augenblicke nur ein Regiment in der Kaserne, das andere war auf dem Marsche. Jedes Regiment hat zwei Oberste, vier Oberstlieutenants, zwölf Majors und vier und zwanzig Lieutenants. Die Mannschaft ist in vier Bataillone eingetheilt, das Bataillon in zwei Compagnien.

Der General, welcher den Titel Militär-Gouverneur führt, empfing uns unter dem Thore des dunkelroth angestrichenen Gebäudes. Wir besuchten die Räume des ersten Stockes; die Gänge sind außerordentlich hoch, breit, luftig und von lobenswerther Reinlichkeit, die Zimmer geräumig und nett; vierzig bis sechzig Menschen haben in demselben Platz. Der Mann hat einen magern Strohsack, ein kleines Kissen und eine Wolldecke, alles von dunkler Farbe; das ganze Bett hat in seinem Tornister Platz. Die Leute liegen am Boden ziemlich dicht neben einander. Die Kleidung des Soldaten besteht aus einem rothen niedern Feß, einem blauen Tuchspenser und weißen Leinwandhosen; die Füße sind nur außerhalb der Caserne mit schwarzen Schuhen bekleidet; inder Kaserne gehen die Leute bloßfüßig herum, was viel zur Reinlichkeit beitragen mag. Das Riemzeug ist von weißem Leder, die Patrontasche ziemlich umfangreich. Die Gewehre sind groß und braun geschäftet, die Tornister schmal und hoch, mit braunem Leder überzogen. Ich konnte dem General nicht genug meine Bewunderung ausdrücken und versicherte ihn, daß man selbst in Europa sich die Reinlichkeit des Militärgebäudes zum Beispiel nehmen könnte, was dem Kommandanten sehr zu schmeicheln schien. Man führte uns nun in eine Art großen Erkers, welcher in der Mitte des mittleren Traktes im ersten Stock ein Gastzimmer enthält, von wo aus wir gebeten wurden, einigen Bewegungen des Regimentes zuzusehen; wir versicherten die Herren, daß wir, statt auf den schwellenden Kissen des Divans zu ruhen, uns lieber in den Hof begeben wollten, um die Truppen in der Nähe bewundern zu können. Diese Aufmerksamkeit freute die zuvorkommenden Türken außerordentlich, was ich später durch einen Brief aus Constantinopel erfuhr. Von ihrem Sultan sind sie keiner so nahen Betrachtung gewürdigt. Für Seine osmanische Majestät ist nämlich ein prachtvolles Zimmer im zweiten Stock eingerichtet; in jeder Kaserne ist ein solches für ihn bestimmt, von wo er dann die gläubigen Kinder Mohammeds wie aus den Wolken betrachtet, das heißt nur sein Körper zeigt sich bei diesem kriegerischen Schauspiele, denn der abgestumpfte Geist des jugendlichen Fürsten erfreut sich nicht an dergleichen Dingen; er ergeht sich lieberim Genusse des umhüllenden Tabacksrauches und denkt lieber an das Heer seiner 700 Frauen, als an seine bewaffnete Armee; wenn auch der Dragoman mit gewandtem Sinne mir sagte: »Cette chambre est réservée pour le Grand-Sultan, puisque les soldats sont ses enfants et le père doit toujours loger parmi ses enfants«, was recht hübsch klingen würde, wenn es nicht eine leere Redensart wäre. Das Regiment war im großen Hofe aufgestellt, alle Offiziere waren zu Fuß; ich glaube, daß nur dem General ein Pferd zusteht. Die vier Bataillone standen in einer Front, und es begann ein kurzes Exerciren im Feuer. Zuerst schoß jedes Bataillon der Reihe nach, wobei das erste Glied nach alter Art niederkniete, wodurch alle drei Glieder feuern konnten. Hierauf kam eine Décharge der ganzen Front, ein Lauffeuer und dann die Formirung eines ganzen Quarrés. Im Feuer exercirten sie vortrefflich, die Déchargen waren wie ein Schlag und das Laden fabelhaft rasch; mit den übrigen Bewegungen ging es minder gut; dieselben werden noch nach dem Beispiele eines Flügelmannes gemacht. Besonders schlecht fiel das Defiliren aus, bei welchem ein langer schwarzer Neger-Lieutenant die Richtung angab; die Musik tönte hierzu gar wild und eigen. Einmal versuchten die guten Leute etwas aus Flotow's »Martha« zu spielen, was aber ganz und gar mißlang. Das Commando der Türken in der Landessprache ist wohltönend und laut, und wird rasch von den Truppen ausgeführt.

Nirgends kann man den Gesichtscharakter einer fremden Nation besser beurtheilen, als in ihren Heeres-Abtheilungen. Wo alles gleich gekleidet ist, nach gleicher Größe gerichtet wird, da fällt einem auch die Gleichheit der Züge auf und es wird möglich, aus diesen neben einander gereihten Gestalten einen allgemeinen Typus zu entnehmen. Der türkische besteht in einer ziemlich kurzen, etwas zurück gelegten Stirne; starken, schön gewölbten Augenbrauen, scharfen, lang geschnittenen Augen, einer langen, schmalen an der untern Spitze gerundeten Nase, einem großen, schlaffen Munde mit starker Unterlippe, und einem langen, ovalen Kinn; die Haut ist olivenartig. Nur der Schnurrbart wird bei den türkischen Truppen getragen; der volle Bart wäre, wie wir oben gesagt haben, zu reactionär, und würde zu viel an den Janitscharen-Absolutismus erinnern. Nach der Defilirung der Truppen drückten wir dem Generale unsere Bewunderung und unseren Dank aus und verließen hierauf die schöne Kaserne.

Es scheint, daß die Türken die Erfahrungen, die sie aus den Revolutionen schöpften, gut zu benützen wußten, indem sich der Palast des Gouverneurs in unmittelbarer Nähe der Behausung der Truppenmacht befindet. Ist auch die türkische Monarchie im Innern morsch und schwach, so ist sie es doch nicht durch die Revolution, und das Hinsterben eines alten Kolosses, der eine große Vergangenheit hat, ist nicht so erbärmlich, als die furchtsame Schwäche der europäischchristlichen Staaten, die die Revolution hassen, sie gerne umbringen wollten, aber die Mittel hierzu mit kindischer Schwäche scheuen und nur manchmal hinterrücks einen Ausfall wagen. Die religiöse Idee ist es, die dies Reich noch zusammenhält. Ist Mohammed einmal begraben, so leuchtet auch sein Halbmond nicht mehr über den schönsten und reichsten Länder der Erde. Soll die Türkei untergehen, so untergrabe man ihre Religion. Will man die europäischen Nationen stürzen, so säge man fleißig am Kreuze.

Da während des Morgens das Meer ziemlich bewegt geworden war, schlug man unserer Gesellschaft vor, den Rückweg zum Consulate auf den Pferden des Pascha durch die Stadt zu machen. Wir nahmen das Anerbieten nicht an, da es uns in Verlegenheit setzte, auf diesen herrlich geschmückten Pferden zum Schauspiel für ganz Smyrna zu werden; wir hätten auch in voller Uniform zu Fuße in der glühendsten Hitze auf dem schlechten Pflaster eine lange Strecke gehen können. Ich aber liebe das bewegte Meer, und tanze gerne auf den mächtigen Wogen, bestimmte mich daher die Fahrt wieder in der Barke Halils zurück zu machen. Ein herrliches Vergnügen versprach ich mir von diesem wonnevollen Schaukeln durch den zauberhaften Hafen von Smyrna. Meinem Beispiele schlossen sich mein Bruder, Graf C., der General-Consul und der Dragoman an. Den Uebrigen schien das Heben und Sinken der schäumenden Wogen nicht zu behagen; sie zogen es vor, recht mühseligzu Fuße zu schleichen. Wir stießen frisch vom Ufer ab, und ich freute mich meines Einfalles; rasch schwebten wir über Berg und Thal im kühlenden Meerwinde dahin, die lustigsten Hafenscenen beobachtend. Das rothe Dach schützte uns vor den sengenden Strahlen und mit der größten Muße konnten wir das herrliche Panorama der Stadt betrachten. Lange schon ruhten wir wieder auf den Sopha's im Consulatsgebäude in angenehmer Erinnerung des heitern und merkwürdigen Morgens, als unsere Freunde keuchend und halbtodt von Hitze und Müdigkeit daher kamen. Wir bedauerten sie, daß sie nach einem so copiösen Male, so lange über das halsbrecherische Pflaster hatten hinken müssen. Ich lachte und dachte in meinem Innern, die hüpfenden Wellen sind doch besser als der holprige Weg.

Smyrna den 20. September 1850.

Es war einer der schönen hellen Tage des Südens, der Himmel rein, die Luft warm und doch nicht drückend. Alles dies lud uns ein, das Anerbieten des Consuls und Pascha's, einen Spazierritt nach Burnabá zu machen, anzunehmen. Um drei Uhr Nachmittag, nach einem stärkenden Gabelfrühstück verließen wir das Verdeck des Vulkan. Bald hatte uns die Barke an Asiens Strand gebracht, von wo uns einige Schritte zum Hause unseres Consuls führten. Hier warteten unserer die Pferde des Pascha; es waren herrliche Thiere, in der reichsten Zäumung; die langen und breiten Schabracken strotzten von reichen Goldstickereien, die Zäume waren aus goldig glänzender Bronce, und die Steigbügel aus demselben Metall stellten ganze Waffentrophäen vor. Wir setzten uns hoch zu Rosse und umgeben von einem bedeutenden Schwarm türkischer Offiziere und einer Art irregulären Garde des Pascha, durchzogen wir mit majestätischemPferdegetrappel die Straßen von Smyrna. Wir kamen durch die Armenier-Stadt, um der Anhöhe entlang in das freie Land zu gelangen. Alles stürzte zu den Fenstern und vor die Thüren, die herrlichsten orientalischen Physiognomien zeigten ihre neugierigen, fein geschnittenen Augen hoffend, daß sie einen asiatischen Fürsten im herrlichsten Anzuge einherziehen sehen würden, während sie nur, o Ironie! ein paar armselige Europäer in quadrilirten Sommertrachten bedeckt mit schwarzen Cylindern, auf den luxuriösen Pferden Halil Pascha's erblickten. Bald waren wir auf einem gar schönen, und – schenkt man den Historikern Glauben – interessanten Punkte, auf dem höheren Theile Smyrnas, angelangt. Es ist dies der von Platanen umschattete heilige Ort, an welchem der erste Musensohn, der erste, von dem wir wissen, daß er der Sprache die bezaubernden Rosenfesseln des Rhythmus angelegt hat, an welchem Homer das Licht der Welt erblickt hat. Ist es auch nicht der wahre Punkt, an welchem der von den Göttern begeisterte Sänger geboren ist, so ist doch wenigstens die geschichtliche Fabel trefflich ersonnen; denn gar reizend wölbt sich die Platane mit ihrem edlen schlanken Wuchse, ihren feinen glatten Aesten, und der breiten, leichten, vielfach gezackten Blätterkrone an dem diesseitigen Ufer eines Gewässers, während jenseits der stille, ernste toderfüllte Cypressenhain zum Himmel ragt; zudem erheben sich als Symbole der späteren Geschichte zwischen den spitzen dunklen Bäumen gleich weißen Geistergestalten die merkwürdigenTürken-Gräber, während über den Fluß die für Smyrna so wichtige eigenthümlich gebaute und mit lebhaften Farben bemalte Caravanenbrücke führt, über welche tausend und tausende von Kamelen die reichen Naturgaben auf den Stapelplatz der orientalischen Gewässer bringen. Wir überschritten dieses alte Bauwerk und begaben uns in den Todtenhain der Muselmänner. Ein eigenthümlicher Ernst, eine ergreifende Würde herrscht in diesen Räumen; in guter Ordnung und gehöriger Entfernung stehen die hohen Cypressen, diese lebenden und doch die Todesruhe verkündenden Minarets des Pflanzenreiches. Zwischen denselben sind die zahllosen Gräber, welche aus aufrecht stehenden Steinplatten bestehen, die meist auf und abwärts in einen Winkel auslaufen. Die Gräber der Männer bezeichnen auf dem obern Theil angebrachte Turbane; die der Frauen sind ungeschmückt wie überhaupt der Frau im Oriente keine Rolle eingeräumt ist. Vor mancher der Steinplatten erstreckt sich eine niedere Steineinfassung, wie sie bei uns im Gebirge öfter von Holz gemacht wird. Die neueren Gräber sind mit grellen Farben bemalt und statt dem Turban sieht man schon den türkischen Feß darauf. Auf den Steinplatten stehn der Name des Todten und Sprüche aus dem Koran. Zwei Dinge gefallen mir bei den Türken: daß sie nie die Gräber ihrer Vorfahren mit eigener Hand aufreißen und vertilgen, sondern dies Geschäft der Zeit überlassen, und daß sie keine steinerne, beklemmende Platte den Gebeinen der Verstorbenenaufdrücken, sondern sie dem Schooße der Mutter Erde anheimstellen. Ich ziehe einen solchen Türkenfriedhof den unserigen weit vor; man findet hier viel mehr Gediegenheit, Einfachheit und Naturreiz als in unseren Kirchhöfen, wo man oft eher geneigt ist zu glauben, man sehe ein theatralisch heidnisches Freudenmonument, als eine christliche Grabstätte, oder endlich gar, wie bei den Italienern, wo man auf einem großen mit Arkaden umgebenen Platz die Reichern aufschichtet, während man dem Armen nur auf freiem Felde einen Raum gönnt und sein Grab von dem eines Hundes nur durch eine kleine nummerirte Holzmarke unterscheidet; will man Namen und Auskunft über einen Todten finden, so muß man in einem Bibliothekkasten, einen Katalog nachschlagen lassen. Dies sind die Ergebnisse unserer großen materialistischen Zeit, in welcher sich die Menschheit selbst als eine von einem ungekannten Fluidum durchströmte Fleischmasse betrachtet und hiedurch, wie natürlich, die Achtung vor den todten Gebeinen verliert. Unsere Vorfahren kannten noch den schönen Sinn, der sich in den Türkenfriedhöfen zeigt, und man findet denselben noch in manchen Theilen des hohen Gebirges.

Wir verließen die großen Cypressenhaine, bestiegen wieder unsere schimmernden Rosse, und setzten unseren Weg nach Burnabá fort. Wir durchstreiften die fruchtbarste Gegend mit der üppigsten Vegetation; man konnte sich hier den richtigsten Begriff von dem Reichthume der türkischen Länder machen; die herrlichsten Reben schlingensich um die kräftigen Feigenbäume; die berühmten Zuckermelonen von Smyrna wachsen zwischen dem kornreichen türkischen Weizen; alles hat den Anstrich der Fülle, doch sieht man, daß Mutter Natur die Hauptkünstlerin in dieser herrlichen Kultur ist. Häufig begegneten wir Kamelzügen und Maulthieren, mit den Früchten des Landes beladen; von allen Seiten ward das Auge gespannt, überall erblickte man Neues und Fesselndes. Als wir in eine breitere, nur mit einzelnen Bäumen bewachsene Ebene geriethen, fingen die mit langen Flinten und Säbeln bewaffneten und bizarr gekleideten Garden des Pascha an, uns zu umschwirren; immer rascher trieben sie ihre Pferde an, und hoben sie ihre Stimmen zu wildem Geschrei; der Staub wirbelte unter den fliegenden Hufen auf, und nach den verschiedenen Richtungen gegenseitig ihre Wege durchkreuzend, gaben sie uns ein Bild kriegerischer Kämpfe; es nimmt sich ganz gut aus, wenn solch ein brauner Sohn des Orients in der malerischen Tracht, auf seinem kleinen feurigen Renner, zwischen den Bäumen stäubend dahin fliegt, den Säbel schwingt, die lange Muskete zum Schusse anlegt, sich in den kühnsten Bewegungen hin und her schwingt und das wilde Schlachtgeschrei ertönen läßt. Wie bedauerte ich, daß wir auf unseren Parade-Rossen dergleichen nicht thun konnten; doch leider dürfen diese Repräsentations-Thiere nach türkischer Sitte nur im Schritte geritten werden, indem sie der Pascha blos bei großen Gelegenheiten, wie beim Einzuge in dieMoschee braucht. Aus Artigkeit für den freundlichen Halil waren wir also verdammt, den ersten Theil des Weges im imposanten Einzugsschritte mit zeitweiligen nicht sehr dazu passenden Lançaden zu machen. Doch ward uns nach einiger Geduldprobe Hülfe verschafft; wir kamen in eine Papiermühle und versicherten dort auf die artigste Weise den türkischen Herrschaften, daß wir gesonnen seien, diesen herrlichen Thieren eine besondere Schonung angedeihen zu lassen. Artiger konnten wir die Sache nicht wenden. Die Türken schienen hierüber keineswegs böse zu sein, wir sprangen von unseren Pferden ab und nahmen dafür leichtfüßigere Thiere aus dem Gefolge, und nun ging es zu unserem Vergnügen bald in einem schärferen Tempo, und lachend und scherzend kam unser großer Schwarm im lebhaftesten Gewühle nach Burnabá. Dieser Ort, der Sommeraufenthalt der Franken, die elegantevilleggiatura, in welcher sich die verschiedenartigsten Stämme Europa's dem Sommervergnügen hingeben, liegt am Gebirge und sieht durch seine vielen und reichbepflanzten Gärten gar lieblich und heiter aus. Die Ortschaft ist groß; nur Schade, daß, wenn man in das Innere eindringt, man von der Pflanzenfülle und dem Häuser-Comfort gar wenig steht, indem alles mit hohen Mauern nach orientalischem Schnitte abgeschlossen ist. Im türkischen Theile befindet sich ein Bazar, welcher jedoch schmutzig und von kleiner Ausdehnung ist, so daß das Innere der Straßen gar wenig Interessantes darbietet. Uns war es jedoch vergönnteinen tiefern Blick in die Pracht und den Comfort der Bewohner dieser südlichen Länder zu thun. Ein charakteristischer Unterschied zwischen dem orientalischen und dem europäischen Volke ist es, daß die Bewohner Europa's mit ihren Schätzen prunken, ihre Gärten den Schaulustigen öffnen, gar häufig mit dem, was sie durch ihr Geld erkauft haben, prahlen und alles Mögliche thun, um Leute zu finden, welche das von ihnen Geschaffene bewundern. Der Orientale dagegen häuft seine Schätze mit stiller Eifersucht zwischen den vier schützenden Mauern auf, schafft sich daselbst ein Paradies, und genießt es im Stillen mit den Eingeweihten des Hauses; höchstens erlaubt er der Fama, daß sie von den geheimnißvollen unsichtbaren Wundern seines Hauses spricht. Dadurch wird im Oriente das Niegesehene immer von Neuem bewundert, wenn in Europa der Blick der Menge längst davon gesättigt ist. Durch die Güte des General-Consuls erhielten wir in den Garten eines sehr reichen Banquiers, Namens B., eines gebornen Triestiners, Einlaß. Der Besitzer empfing uns auf das Zuvorkommendste und führte uns in einen, in seinem Garten gelegenen reizenden Salon, welcher uns das lebhafteste Bild des luxuriösen Geschmacks des Orients gab. Der mit Marmor belegte Boden war in zwei Abtheilungen getrennt, so daß der eine Theil erhöht war. Hier lief längs der Wand ein Divan, zu dessen Füßen reiche Teppiche gebreitet waren. An den mit einer großen Anzahl Fenstern durchbrochenen Wändenhingen Armleuchter mit in Goldrahmen gefaßten Hohlspiegeln; in dem unteren Theile des Salons befand sich ein fein gearbeitetes marmornes Doppelbecken, in welches eilf Springquellstrahlen mit lieblichem Geplätscher niederrieselten. Das abfließende Wasser derselben bildete außerhalb des Gebäudes einen mit Bäumen beschatteten Teich, dessen von Stein ummauerte, über den Boden erhobene, von Goldfischen belebte Wasserfläche sich unmittelbar an der Fensterflur befindet. Durch diese Wasserfülle ist es, daß diesen reizenden Salon eine immerwährende wohlthuende Kühle durchweht. Der Garten ist mit Orangenbäumchen und andern üppigen Gewächsen des Südens bepflanzt. Nachdem wir ihn durchschritten hatten, wurden uns in dem angenehmen Gartenhause die herrlichsten Erfrischungen gereicht. Sie bestanden aus Gefrornem und dem berühmten in Smyrna eingemachten Obste; es ist Sitte, dieses in allen Häusern bei der Ankunft fremder Gäste zu reichen. Hierauf besuchten wir das Haus eines Armeniers, von dessen Dachzimmer aus man die herrlichste Aussicht auf das Thal, die Stadt und den prächtigen Golf hat. Glücklich die Menschen, die dies Zauberbild von den Fenstern ihres Hauses aus sehen können.

Auch der Garten des Armeniers ist üppig und giebt reichen Schatten; doch das Schönste, was wir an reizender Natur sahen, war bei Herrn W., einem reichen Engländer, der ebenfalls Kaufmann und Banquier ist. Alswir in den Garten traten, fanden wir auf einem vor dem Hause gelegenen mit Cypressen und anderen herrlichen Pflanzen reich umgebenen Platze eine elegante Gesellschaft versammelt. Es war ein Bild des Wohllebens, wie diese Herren und Damen in der herrlichen Abendluft sich demDolce far nienteergaben, wie an ihrer Seite die Blumen den herrlichsten Duft verbreiteten, ein Papagei sein lebhaftes Gefieder mit Stolz schüttelte, die Bäume still und ruhig zum blauen endlosen Himmelsgewölbe ihr stolzes Haupt erhoben, wie das schöne mit einem Perron versehene Haus sich zwischen dem Grün zeigte, und alles dies mit dem südlichen Dufte und der reinsten Abenddämmerung in einem stillen frohen Einklange stand; ein solches Bild prägt sich in das Herz des Fremden ein und er denkt sich die Leute glücklich, welchen ein solcher Wohnort zu Theil wird. Mistreß W., die Schwiegertochter des Besitzers, eine schöne, wenn auch etwas zu starke Frau mit einem gar sanften, engelguten Ausdrucke und regelmäßigen Zügen, kam uns entgegen und führte uns in die Gemächer ihres Hauses. Hier herrschte europäischer Luxus, in südlich wonnigem Klima. Die feinsten reichsten Möbel waren mit Geschmack und Comfort gestellt; man sah es, daß hier englischer Geist herrsche. Nach einem ziemlich alltäglichen Gespräch begab man sich wieder in den Garten, welchen uns Mistreß W. auf die freundlichste Art Gelegenheit gab zu bewundern. Von einer Terrasse aus hatten wir abermalseine herrliche Aussicht auf das Thal und die hohen Gebirge; diese schimmerten zauberhaft im brechenden Lichte der vorgerückten Dämmerung. Als wir zurückkehrten, wurden uns auch hier Confituren angeboten und Mr. W. Sohn, ein mageres komisches Männchen mit weißer Jacke und weißem Hute, stellte sich uns vor; ein eigenthümlicher Kontrast zu seiner schwarzgekleideten, etwas starken und doch schönen Frau. Nachdem wir den Garten verlassen und noch einen andern durchschritten hatten, hielten wir uns noch einige Zeit bei Herrn B. auf, worauf wir uns auf unsere Pferde schwangen und den Rückritt antraten. Es war Nacht geworden, aber eine Nacht, wie keine Phantasie des Nordens sie malen kann, eine Nacht, wie man sie nur an dem üppigen Strande Kleinasiens mit Bewunderung genießt; klar bis in die Unendlichkeit war das Himmelsgewölbe, kein Laut ließ sich hören, Ruhe herrschte auf der weiten Erde, Ruhe auf dem weiten Meere, und als Sieger über den heißen lebensvollen Tag, stieg mächtig hinter Smyrna's edelgeformten Höhen der große, volle Mond auf. Scharf begränzten sich die Schatten, silbern schimmerte es durch das Laub, und wie mit einem Zauberschlag war das Land in eine Märchengegend umgewandelt.


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