Ueber die Sehenswürdigkeiten Moskaus will ich hier nicht sprechen – eine Reisebeschreibung soll dieses Werk nicht werden – genug, wir besahen alles, wasdort von Interesse war und verweilten zwei Tage in dieser Stadt. Ming Tse war zuvorkommend wie immer, unser Verkehr rein freundschaftlich und wohl niemand, der uns Seite an Seite durch die Straßen der alten Stadt wandern sah, hätte glauben können, daß hier zwei Verlobte dahinmarschierten, so weit entfernt voneinander gingen wir, und so ruhig und leidenschaftslos waren unsere Züge. Mama fand unsere Haltung äußerstcomme il faut, Jenny lächerlich und ich? Ich dachte an jene längstentschwundene Zeit zurück, wo selbst ich davon geträumt hatte, daß man als Braut im irdischen Paradiese schwebe, daß eine unbekannte, früher ungeahnte Seligkeit das Herz schneller schlagen, das Blut schneller kreisen lasse. Die Glückseligkeit war entschieden nicht europäisch – aber die Ruhe, die gleichmäßige Heiterkeit, die ich im Verkehr mit Li Bai fand, war nicht zu verachten – es war der orientalische Abglanz,voilà tout!
Sonnabend! Jennys Wangen glühen vor Aufregung, Mama empfiehlt ihre Seele und besonders den Körper dem großen Geist, betend, daß sie mit dem Kopf auf dem Rumpfe wohlerhalten wieder nach Moskau zurückkommen möge, Ming Tse freut sich wahnsinnig auf das endliche Wiedersehen mit seiner Mutter, und ich wünsche aus ganzer Seele, daß die Zukunft lichter als die Vergangenheit werden würde; so stehenwir alle gegen Mitternacht auf dem großen und belebten Kursk-Nishninowgoroder Bahnhof und warten auf den sibirischen Zug, der uns in das Reich des fernen Ostens tragen soll. Endlich wird das Abfahrtszeichen gegeben, wir betreten unsere Abteile, die wie kleine Zimmer sind, die man nach Belieben sperren kann, sooft man sie verläßt und wo alles sehr bequem und elegant ist. Noch ein Blick über Moskau mit seinen Hunderten von Lichtern, den dunklen, kaum sichtbaren Kuppeln und Türmen, und wir sausen durch die mondhelle Nacht über die große Ebene rund um die Wolga, auf der die unzähligen Schiffe auf- und niederfahren, von denen in den warmen Sommermonaten ununterbrochen Gesang ertönen soll – die melancholischen Lieder erklingen da aus den Kehlen der Schiffer, die damit die Unbehaglichkeiten der Reise zu mildern suchen. Nun war alles still, nur das fahle Mondlicht beleuchtete das nächtliche Rundbild. Die drei Mitreisenden verfügten sich in ihre Zellen, ich aber lag, überkommen von dem Gedanken, Europa vielleicht auf Jahre, vielleicht auf immer, Lebewohl gesagt zu haben, die Nacht hindurch wach und blickte, als sich endlich die schweren Morgennebel hoben, auf das in der Ferne auftauchende Hügelland.
Li Bai klopfte schon früh an meine Türe, und da die beiden Damen noch schliefen, gingen wir allein in den Speisesaal, wo ein dicker Mann uns gegenüber Platz nahm. Ich mochte kaum einen Schluck getan haben, alser trotz meiner abwehrenden Haltung ein Gespräch anfing, und da ich russisch konnte und Li Bai nicht, fiel die Bürde der Unterhaltung auf mich. Es stellte sich heraus, daß mein Gegenüber ein wohlhabender Pferdehändler war, der bis Samara mitfuhren wollte, und da ich mich interessierte, wann wir dahin kommen würden, ging er gleich daran, im Fahrplan die Ankunftszeit zu finden.
Mein kleiner Chinese sah wie eine dräuende Gewitterwolke aus, obschon ich immer wieder das Gespräch mit dem Fremden unterbrach, um ihm alles zu übersetzen, und als er nun merkte, daß der Händler mir galant allerlei Ankunftszeiten auf ein Stück Papier schrieb, war er so böse, daß er mich fragte:
»Wozu braucht der Mensch da höflich gegen dich zu sein? Und wozu braucht er dir Ankunfts- und Abfahrtszeiten herauszuschreiben, dieser dicke Idiot!? Haben wir nicht selbst einen Mund unter der Nase und zwei Augen oberhalb derselben, so daß wir selbst fragen und herausfinden können, was wir wollen?«
Damit faßte er mich am Arm und zog mich hinter sich durch den ganzen Zug, bis wir vor Mamas Zelle standen, an die er klopfte.
»Mama,« rief er, sobald er sie begrüßt hatte, »hier bringe ich dir die Käthe. Wenn ich nicht auf sie achtgegeben hätte, wäre sie mit einem Pferdehändler, der nach Samara fährt, durchgebrannt!«
Seine geschlitzten Augen sahen in diesem Augenblicke keineswegs übermäßig hübsch oder angenehm aus.
Mama dankte ihm aus voller Seele, wenn auch mit einem Lächeln um die Lippen, Jenny aber warf sich auf das Bett, strampelte vor Vergnügen mit den Beinen und lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Für den Rest des Tages wich Li Bai nicht von meiner Seite, und ich fragte mich, wie es werden würde, wenn ich einmal in China sei. Seinem Versprechen gemäß sollte ich das Recht behalten, auszugehen, sooft ich dies wünschte, wenn er auch gänzlich abgeschlagen hatte, mich meinen Beruf dort weiter ausüben zu lassen. Wie nur alles enden würde? Vorläufig unterhielt mich sein Betragen nur.
Am zweiten Tage gegen Mittag kamen wir nach Samara, und von da an begann eigentlich erst so recht die Reise. Russen aller Arten standen in ihren etwas schmutzigen Kleidern auf dem Bahnhof und warteten auf den gewöhnlichen sibirischen Zug, der mit russischer Gleichgültigkeit gegen das Sprichwort »Zeit ist Geld« innerhalb der nächsten zwei bis drei Stunden eintreffen sollte. Auf allen Stationen hält der einfache sibirische Zug; die armen Auswanderer, denen es beinahe ebenso schlecht wie den Gefangenen geht, können aussteigen und sich heißes Wasser holen, womit sie ihre Teevorräte erneuern, und die Eisenbahnbeamten behandeln sie nicht viel besser als Tiere. Man erzählt sich,daß ein Zugführer einst einigen armen Russen, die auch auf einer solchen Station ausgestiegen waren, höflich sagte: »Meine Herren, es ist Zeit zum Einsteigen!« aber niemand nahm irgendwelche Notiz davon. Nach dem zweiten Glockenzeichen sagte er: »Einsteigen, bitte!« doch ganz ohne Erfolg. Diese Unglücklichen glaubten nicht, daß die Aufforderung an sie gerichtet war, und erst als er hinzutrat und sie anschrie: »Verdammtes Pack, seht zu, daß ihr augenblicklich in den Zug kommt,« verstanden sie, wer gemeint war, und eilten auf ihre Plätze.
Der Zug flog über die weite Ebene von Batraki, die mit ihrer Abwechslungslosigkeit ununterbrochen bis Kinel fortdauert und erst bei ihrer Kreuzung mit der Hügelkette unweit des Padowaflusses ein Ende nimmt, während wir in dem bequemen Zuge saßen, wo wir einen Lesesaal mit guter Bibliothek und vielen Zeitungen hatten, in dem man Schach spielen konnte und wo man so viele Briefe an kleinen Tischchen schreiben konnte, als man nur wollte. Da waren Badezimmer und Küche, der schöne Speisewagen und der elegant möblierte, mit vielen weichen Sitzgelegenheiten ausgestattete Salon, die netten Schlafzimmerchen und die langen Korridore, durch die man von einem Ende des Zuges zum andern gehen konnte. Da es schon ziemlich kühl war, wurde der Zug geheizt, was den Aufenthalt überall sehr angenehm gestaltete. Ming Tse und Jenny wanderten wie Kinder durch alle Räume, untersuchten alles, freuten sich über jede Entdeckungund waren ganz gleichgültig gegen die Gegenden und die Orte, die wir passierten. Der Zug fing in voller Fahrt das nötige Wasser aus der der Strecke angrenzenden Wasserleitung auf und brauste mit unverminderter Fahrt durch die Stationen, auf denen wir nur wie im Fluge Soldaten und Gefangene stehen sahen. Lange lagen am Morgen die Nebel über der Landschaft, und früh schon sank am Abend die Dunkelheit herab.
Am folgenden Tage erspähten meine Augen endlich den erwarteten schlichten Grenzobelisk, auf dem mit russischen Buchstaben »Europa – Asia« stand und an dem wohl manch' ein armer Verbannter mit Schaudern vorbeigegangen. Hier mußte man Abschied nehmen von der Zivilisation, nun waren wir in Asien, dem gefürchteten Sibirien. Ach, auch ich hatte Europa jetzt hinter mir gelassen – wie, wie würde ich Asien finden?
Li Bai kam gelaufen. »Mutter, Käthe, kommt, jetzt kommen die hängenden Brücken, die großen Schluchten!«
»Der Ural?« fragte ich lebhaft und war augenblicklich am Fenster, Mama gleichfalls.
»Es ist ja gleichgültig, wie der Berg heißt,« meinte Li Bai, »hübsch ist die Gegend.«
Ich vergab ihm gern seine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, verriet er doch zum ersten Male, daß die Schönheit eines Gegenstandes (außer Kleidern) auf ihn wirkte. Es war auch großartig, was wir sahen. Vorüber ging die Fahrt an herrlichen Bergseen, in denensich der Schnee der Berggipfel klar spiegelte, an Abhängen, über die Schwebebrücken führten, an Aushöhlungen vorbei, die majestätisch in ihrer Großartigkeit wirkten; Abgründe erblickten wir, die uns den Atem benahmen und in denen wir Gießbäche wild rauschen hörten; bald führte die Bahn durch einen künstlich gebildeten Unterbau dahin, bald bahnte sie sich den Weg durch einen endlosen Tunnel, immer wechselnd, immer Bewunderung erregend. Zwischen Zlatoust, »dem goldenen Mund«, und Urshumka erreicht sie endlich ihren Höhepunkt. Mächtige Kurven, wilde Wasserfälle und schroffe Felswände verleihen auch weiterhin der Strecke großen Reiz.
Jenny hatte einen großen Bewunderer gefunden, der ihr auf Tod und Leben den Hof machte und uns alle interessanten Punkte erklärte, nicht nur während wir sprachlos vor Staunen und Entzücken den Ural kreuzten, sondern auch später, als er uns auf die Aushöhlung des Dergatsch, ein wahres Meisterwerk, aufmerksam machte. Er belehrte uns, daß nur einundzwanzig Werst vom malerischen Orte Ssuleja, an dem wir wie der Wind vorbeisausten, das berühmte Bakalsche Grubenwerk liegt, welches überreich an Eisenerz – vielleicht das reichste Sibiriens – ist, und erzählte, daß in dem Museum von Zlatoust ein Nagel aufbewahrt werde, den Kaiser Alexander I. eigenhändig geschmiedet haben soll. Kurz, der Russe war ein sehr angenehmer Gesellschafter für Jenny und Mama. Ich durfte freilich nicht viel mitihm sprechen, sonst sah Li Bai drein wie ein vierzehntägiges Regenwetter mit gelegentlichem Schauer und Donnerwetter.
Trotzdem der Russe gewiß nicht zehn Worte mit mir gewechselt und sein ganzes Herz – so schien es wenigstens – Jenny zu Füßen gelegt hatte, sah Li Bai ihn doch mit Vergnügen bei Tschelabinsk den Zug verlassen, um mit der Zweigbahn nach Jekaterinenburg zu fahren, wo er Geschäfte hatte. Es war der Vorabend meines Geburtstages, und als mir Ming Tse zum Abschied die Hand reichte, zog er mich plötzlich etwas von Mama und Jenny weg und flüsterte mir geheimnisvoll zu:
»Ich habe etwas sehr Hübsches für dich, Käthe, für morgen,« und er hielt einen Augenblick inne, »und morgen werde ich dich – küssen!« Sprach's, drückte meine Hand noch einmal und verschwand in sein Schlafabteil.
Ein Europäer hätte wahrscheinlich gefunden, daß er der gewinnende Teil bei diesem Vorgang wäre, aber Li Bai sagte es mit dem Tone und der Miene eines Menschen, der sich vollauf bewußt ist, welche unendliche Großmut er dem Gegner zeigt und welch unschätzbare Gnade damit verliehen wird. Ich war unglaublich gespannt, wie er sich dabei ausnehmen werde und wie mich diese seine Zärtlichkeit berühren würde. Ich war sogar ängstlich, da ich gegen jedwede Berührung außergewöhnlich empfindlich bin und ich mich fürchtete, mir könnte ekeln. Allerdings war er so rein und nett, jung undbartlos, daß ich mich einigermaßen beruhigt fühlte, aber mit großer Spannung sah ich nichtsdestoweniger dem kommenden Tage entgegen.
Als daher Jenny früh an mein Abteil klopfte und mir eine hübsche Handarbeit als Geschenk überreichte, bat ich sie, mit Mama voraus in den Speisesaal zu gehen, da ich natürlich Ming Tse allein treffen wollte. Mama gab mir eine lange Goldkette, an die ich mein Firmungsgeschenk, eine Golduhr, hängte, und nachdem wir beide geweint hatten – ganz wie's sich schickt, wenn man vierundzwanzig Lenze hinter sich hat –, blieb ich allein in meinem Abteil.
Etwa fünf Minuten später klopfte es verstohlen an die Pforte, und auf mein »Herein!« erschien zögernder als gewöhnlich mein kleiner Chinese auf der Schwelle.
»Möge sich dieser Tag noch oft wiederholen!« sagte er, indem er ein sehr schönes Kettchen mit einem Anhänger um meinen Hals legte, und dabei berührten seine Lippen fast unmerklich meine Wange, gerade als fürchtete der Besitzer dieser Lippen sie an mir zu verbrennen. Er war auch gewiß dreimal so verlegen wie ich, blickte mich gar nicht mehr an, und obschon ich ihm warm dankte, wandte er sich mir nicht wieder zu, sondern faßte mich energisch bei den Schultern und schob mich vor sich dem Speisewagen zu.
Als wir vor der Türe des Wagens standen, hielt der kleine Chinese einen Augenblick inne und fragte mich:
»Bist du zufrieden, Käthe, daß ich dich geküßt habe?«
Und ich, die ich mich der Hoffnung hingab, daß hier wie in allen Dingen Uebung den Meister machen würde, entgegnete lächelnd:
»Sehr zufrieden und sehr froh, Li Bai!«
Damit betraten wir den Speisewagen, der eben mit voller Fahrt durch das wichtige Gouvernement von Orenburg dahinbrauste und in dem am appetitlich gedeckten Frühstückstisch Mama und Jenny saßen und ein Butterbrot nach dem anderen in den inneren Kräftebehälter hinabspazieren ließen.
Am Nebentische saßen zwei hagere Engländer, aber Jennys Augen und Mamas Beredsamkeit (Mama spricht auch mit Leuten, deren Sprache sie nicht mächtig ist, und macht aus drei Worten ausländischer Wortkenntnis mehr, als ich aus einem reichen Wortschatz von vielen tausend Wörtern) hatten das ihrige getan – man sprach herüber und hinüber, und die beiden Herren machten uns aufmerksam, daß wir eben an Mischkino vorbeifuhren, das die Waren von ganz Sibirien für die berühmte Irbitsche Messe erhält. Als wir später im Salonwagen saßen und an Kurgan vorbeisausten, wußten die Engländer zu erzählen, daß dieser Ort seinen Namen dem Umstande verdankt, daß in unmittelbarer Nähe der Stadt künstliche Erdaufschüttungen in Gestalt von Kurganen oder Hünengräbern liegen, die mit Wald und Gräben umgebensind und um die sich viele Sagen spinnen, besonders um den einen, in welchem einst eine wunderschöne Königstochter gelegen haben soll und die, als die Tataren immer wieder ihren Grabhügel der unermeßlichen, darin vergrabenen Schätze willen plünderten, eines Nachts auf silbergeschmücktem Wagen, der von zwei milchweißen, feurigen Rossen gezogen wurde, aus dem Hügel herausfuhr und sich in den unergründlichen Tschuklomsee stürzte. Natürlich blickten wir alle interessiert auf die eigentümliche Stadt mit ihrer breiten, öden Hauptstraße, ihren kleinen, fast durchschnittlich ebenerdigen Häusern und den im Hintergrunde auftauchenden Hünengräbern. Ueberall lag schon Schnee, obschon wir kaum Mitte Oktober hatten, und die Aussicht auf all die öden Strecken vor uns bot wenig Fesselndes, bis wir auf der breiten Eisenbrücke den mächtigen Tobol überschritten, an dem so viele Nomadenstämme sich niederließen und der eine so wichtige Rolle für diese Leute spielte.
Ich fühlte eine Hand auf meinem Arm. Li Bai stand neben mir und sagte gelangweilt:
»Komm mit mir, Käthe, wir gehen durch den Zug.«
Kaum waren wir in Bewegung, als er mir sagte:
»Diese Fremden sind ganz überflüssig, sie sollen mit Mama und Jenny sprechen. Für dich haben sie kein Interesse, nicht wahr?« fragte er mich und kniff die Augen gewaltig zusammen.
»Gar kein Interesse, aber sie kennen die Gegend gut. Hörst du nicht gern alles über ein Land, das man durchfährt?«
»Ja – a!« entgegnete er gedehnt. »Ist doch immer die alte Geschichte,« fügte er wegwerfend hinzu. Hierauf lehnte er sich ruhig zurück und erzählte mir allerlei Geschichten von China – von Vampiren, die ihren Feinden in der Nacht das Blut aussaugen, während sie am Tage meist die Gestalt eines schönen Mädchens haben; von Räubern, die sich in ein reiches Haus einschlichen und die Tochter des Hauses überfielen, worauf sie verschwanden, aber ihren Namen – oft einen sehr gefürchteten – zurückließen; von Dämonen, die sich in die Häuser einschlichen und allerlei Unheil stifteten und Aehnliches. Er schien, obschon er unseren Aberglauben, unsere Märchen, ja selbst unseren Glauben verspottete und verlachte, von dem, was er erzählte, ganz durchdrungen zu sein. Daß er auch nicht ohne Aberglauben mit Bezug auf die alltäglichen Vorkommnisse war, zeigte sich am folgenden Tage.
Wir hatten Irkutsk passiert, wo wir den Zug endlich einmal verlassen und auf dem mit Buräten, Jakuten, Tungusen, Japanern, Chinesen und den gefürchteten Kosaken mit ihren feurigen Augen und ihren hohen Pelzmützen übervoll besetzten Bahnsteig auf und ab gehen konnten, und saßen gerade vor einigen russischen Nationalspeisen, als eine tote Fliege in der Suppe Li Baissichtbar wurde. So etwas ist immer unangenehm und abscheuerregend – wer zweifelt daran? – aber mein Verlobter nahm es doch noch viel tragischer, als man dies erwarten konnte.
»Eine Fliege! Eine Fliege in der Suppe!« sagte er mit Grabesstimme. »Das bedeutet einen Todesfall in der Familie!«
All unsere Versicherungen, all unsere Bemühungen, ihm begreiflich zu machen, daß dies nur ein Aberglaube sei, war vergeblich, und für den Rest des Tages war Li Bai äußerst schlechter Laune und sehr niedergedrückt.
Der nächste Tag war etwas freundlicher. Es schneite nicht mehr, und Li Bai sah auch fröhlicher aus, obschon er ganz in Trauer gekleidet erschien – selbst mit schwarzer Krawatte und matten Manschettenknöpfen.
»Was ist geschehen?« fragte Mama, die sogleich an die Fliegenprophezeiung dachte.
»Vor sieben Jahren starb mein Großvater an diesem Tage, und daher ist es notwendig, daß ich für heute Trauer anlege.«
Der chinesischen Sitte gemäß legt man an den Sterbetagen der Mutter und der männlichen Verwandten stets Trauer an (für die übrigen Frauen wird jedoch nicht Trauer getragen), selbst wenn schon über zwanzig Jahre seit dem Tode des Betreffenden verstrichen sind. Mama fand dies rührend, aber ich konnte nicht umhin zu denken, daß es doch unangenehm sein dürfte, fallsman sehr viele Verwandte zu betrauern hat, da man in diesem Falle aus dem Trauertragen kaum herauskommen kann.
Endlich gelangten wir zum See Baikal, von den einheimischen Russen das »Heilige Meer« genannt, der einer der größten Süßwasserseen der Welt und entschieden der gewaltigste der Alten Welt ist. Die Chinesen nennen diesen See »Pei-ho« oder »Nordmeer«, die Mongolen geben ihm den Namen »Dalai-Nor«, was »Heiliges Meer« bedeutet, oder auch »Baikul« oder »gesegnetes Meer«. Die den See umgebenden Höhenzüge verleihen ihm einen besonders malerischen und großartigen Charakter. Die Randgebirge bilden verschiedene Gestalten, um die die lebhafte Phantasie der Eingeborenen viele Sagen gesponnen hat. Jede der zahlreichen Landzungen hat einen eigenen Namen und die Inseln werden von den lamaïtischen Priestern und auch von den burjatischen Schamanen als die Aufenthaltsorte des Gottes der Unterwelt Begdosi angesehen. Rund um den riesigen See gibt es eine Anzahl geweihter Stätten, an denen bald dem Gotte der Weisheit, bald dem Seegotte Dianda, bald anderen Göttern geopfert wird, damit diese Götter keine Menschenopfer verlangen sollen, wohl aber geneigt werden, den Fischern viele Fische an den Strand und in die Netze zu treiben. Die Farbe des Sees ist hell und die Fluten leuchten dem Beschauer auffallend durchsichtig entgegen. Als wir ihn passierten, war erschon teilweise zugefroren, im Juni und Juli aber soll an den sonst so stürmischen Gestaden eine so wunderbare Windstille herrschen, daß das Wachsen einer Anzahl merkwürdiger Wasserpflanzen sehr begünstigt wird und die die Fluten bald grünlich, bald rötlich erscheinen lassen, weshalb man diese Zeit »die Blütezeit des Baikals« nennt.
Li Bai war schon in höchster Aufregung, denn wir näherten uns der chinesischen Grenze. Nur noch wenige Tage und ich hatte meine neue Heimat erreicht. Jenny war sehr gespannt auf die neuen Eindrücke und Mama sah dem himmlischen Reiche mit einigem Mißtrauen entgegen. Ich glaube, sie wäre am liebsten gleich wieder zurückgefahren.
Seit jenem Kusse an meinem Geburtstage, der mich mehr an die Liebkosung einer Freundin als an den ersten Kuß eines Verlobten erinnerte, waren wir in unser früheres freundschaftliches Verhältnis zurückgefallen, und ich fragte mich, ob er auch als Gatte so fremd und kalt bleiben würde.
Kosenamen gebrauchte er nie, und nur das englische »dear«, was seiner Kürze wegen sehr gut einen Namen ersetzen konnte, schlich sich in unsere Rede ein. Er war sehr höflich, erriet unsere Wünsche bezüglich allgemeiner Bequemlichkeiten, machte Jenny einen zuvorkommenden Schwager und Mama einen höflichen aber unverständlichen Schwiegersohn, der zu allem »ja« sagteund alles »nein« tat, was ein gewisses diplomatisches Talent verriet. Die Abwechslung der Reise hatte wohltuend auf mein aus dem Gleichgewicht gebrachtes Gemüt und auf meine erschütterten Nerven gewirkt, und ich war infolgedessen heiterer geworden, wozu die komischen, oft treffenden Bemerkungen meines kleinen Chinesen sehr beitrugen. Eigentlich sagte mir Jenny oft, daß ich kein Recht hätte, ihn »den kleinen Chinesen« zu nennen, da ich nicht um ein Haar größer und schwerlich mehr wie zwei Zentimeter breiter als er war. Aber er erschien mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch – weniger klein, als vielmehr jung – und doch war er es nicht, wie ich mich später überzeugte. Ich konnte deshalb nicht umhin, ihn immer als »meinen kleinen Chinesen« zu betrachten, wie wenig Recht mir meine eigene Größe oder der Mangel einer solchen auch dazu gaben. Daß er so klein war, so zart aussah, war mir ein Trost!
Früh am folgenden Morgen kamen wir zum Dorfe Nagodan – der chinesischen Grenze. Die Kosaken verschwanden und eine Anzahl Chinesen mit kaftanähnlichen Kleidern und großen, in der Mitte spitz zulaufenden Hüten nahmen ihre Plätze ein. Hier war Zollinspektion, und ein verzweiflungsvolles Anklammern an sein Hab und Gut. Li Bai hatte uns gewarnt, die Träger auch nur einen einzigen Augenblick aus den Augen zu verlieren, da sie gleich mit den Koffern auf Nimmerwiederkehr verschwinden würden. Li Bai sprach, erklärte,schimpfte und bewachte, und es gelang uns mit vereinten Kräften einen Diebstahl zu verhindern, obschon es keine Kleinigkeit war, allen den zudringlichen, schmutzigen Chinesen zu wehren, die um jeden Preis ihre gelben Pfoten in die Tiefen unserer Koffer stecken wollten, und die mit affenartiger Geschwindigkeit bald einen Gegenstand, bald den andern ergriffen, um ihn in die weichen Falten ihres wallenden Gewandes verschwinden zu machen. Dazu schrien sie ununterbrochen und gestikulierten mit Händen und Füßen, daß mir ganz schwindlig im Kopf wurde und ich froh war, als die schreckliche Inspektion vorüber und wir wieder im Zuge waren.
Hier begann die chinesische Küche. Wir speisten zum erstenmal auf chinesische Art und Weise in Mukden, wo man uns zuerst grünen Tee ohne Zucker oder Milch in den kleinen, mit allerlei Zeichen und chinesischen Figuren überstreuten, henkellosen Tassen servierte. Ihm folgte eine Riesenschüssel Reis, der blendend weiß und ganz trocken war – er ersetzt in China unser Brot –, und kleingeschnittenes Fleisch mit einer Art Seegras, das mir gut schmeckte und mich unterhielt, da es beim Essen ein Heidengeräusch machte. Man hätte glauben können, daß ich zum mindesten die allerstärksten Hühnerknochen mit einem wahren Löwengebiß zerdrückte, so riesig war der Lärm, den die Zerkleinerung dieses Gemüses hervorrief. Wir mußten uns zum erstenmal der chinesischen Eßstäbchen bedienen. Das war eine schwere Aufgabe.Li Bai hielt die feinen Stäbchen geschickt zwischen Zeige- und Mittelfinger und fischte aus dem Schälchen (denn wir aßen nicht von Tellern) sehr gewandt die Fleischstückchen, die er in die kleine Saucenschüssel, die bei jedem Besteck lag, tauchte und zum Munde führte. Mama, Jenny und ich aber, wir waren verloren. Li Bai warf in jede unserer Schalen mit dem entgegengesetzten Ende seiner Stäbchen alle erhaschbaren Leckerbissen, aber umsonst. Wenn wir sie endlich aufgefaßt hatten, ließ gewiß eine unvorsichtige Handbewegung die mühsam aufgeladene Beute ins Wanken kommen und manchmal flog sie mit der Sicherheit eines wohlgezielten Pfeils in das Gesicht oder auf die Bluse eines Mitspeisenden, und als endlich ein reichlich in die pikante schwarze Sauce getauchtes Stück Huhn auf diese ungewollte Weise Li Bai »platsch« gegen die tadellose Krawatte geflogen war, warf er einen Blick gegen den Himmel, als ob er die unsichtbaren Mächte einladen wollte, solche Ungeschicklichkeit näher in Augenschein zu nehmen, schüttelte das Haupt, als ob so etwas noch nie vorgekommen wäre, und öffnete dann seinen Koffer, dem er schweigend drei Löffel entnahm, die er uns mit unbeschreiblichen Gesichtsausdruck überreichte. Dann knüpfte er sich eine frische Krawatte um und setzte seine Mahlzeit fort, durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, daß er unserer Schießlust Einhalt geboten hatte, indem er uns die gefährlichen Stäbchen gegen Löffel ausgetauscht. Den Schluß der merkwürdigenMahlzeit bildete ein Litschikompott, das ausgezeichnet schmeckte. Die Früchte erinnern an unsere Pfirsiche, nur sind sie glatthäutig und viel kleiner. Der Geschmack ist sehr fein und die Frucht erquickt ganz unbeschreiblich. Tschau-tschau dagegen war mir zu süß, – er war noch süßer als unsere kandierten Früchte, übermäßig verzuckert und klebrig.
Wir stiegen spät am Abend in Peking aus. Li Bai führte uns in das europäische Hotel unweit der deutschen Gesandtschaft und nahm dann Abschied von uns. Wir sollten noch zwei Tage in der Hauptstadt Chinas bleiben, er aber fuhr voraus nach Tientsin, um seine Eltern zu begrüßen und den chinesischen Zauberer noch einmal zu befragen, wann der günstigste Trauungstag für uns sein würde. Daher nahm er auch alle meine Geburtsdaten mit, denn nach chinesischem Glauben spielt das Horoskop eines Menschen eine sehr wichtige Rolle. Viele Chinesen, die lange in Europa gewesen sind, haben mit diesem Humbug lange gebrochen, aber Li Bai war in seinem ganzen Wesen Chinese – unveränderlich Chinese – und ich viel zu nachsichtig in meinem Denken, als daß ich mich diesen seinen Wünschen irgendwie widersetzt hätte. Er konnte soviel es ihm beliebte an chinesischen Sitten und Gebräuchen festhalten, wenn er mich nur recht liebhaben wollte und mich stets höflich und gut behandelte.
Als wir uns zum Abschied die Hand reichten, flüsterte ich ihm zu:
»Li Bai, ich fürchte mich ein wenig vor deinem Vater!«
»Unsinn!« entgegnete er. »Mein Vater wird dir nicht den Kopf abreißen, er hat Europäerinnen gern und ist froh, daß du so viele Sprachen sprichst.«
Diese Versicherung beruhigte mich ein wenig, doch nicht ganz. Wie würde ich mich je in diese Verhältnisse finden? Ein heißes, drückendes Angstgefühl stieg bei diesem Gedanken in mir auf, aber mit Aufgebot meiner ganzen Willenskraft drängte ich es zurück. Warum jetzt zittern, wo alles entschieden ist? Alle Menschen sind gleich, und gewiß kann es viele gute Menschen unter gelbem Aeußern geben, ebenso viele vielleicht als unter weißem oder braunem.
Ich hatte einem alten Herrn geschrieben, den ich einmal in Paris kennengelernt hatte und der nun, wie ich wußte, schon seit vielen Jahren zwischen Europa und Asien hin und her reiste, seinen eigentlichen Stammsitz geschäftshalber jedoch in Peking hatte. Früh am folgenden Morgen kam Herr Frise, um uns die Stadt mit allen ihren Sehenswürdigkeiten zu zeigen.
Er geleitete uns zuerst in die echt chinesische Stadt, wo wir in alte Porzellanfabriken und Geschäfte gingen, wo wir die herrlichen Schüsseln, Kannen, Vasen und Tassen bewundern konnten, die alle als Merkzeichen ihrer chinesischen Erzeugung den Drachen aufwiesen. Die Chinesen lieben es, solche echte Vasen oder Schüsselnzu sammeln und als Familiengut aufzubewahren, denn dieses Porzellan bedeutet ein ganzes Vermögen, etwa wie unsere Bücher vor der Erfindung der Buchdruckerkunst.
Die Straßen von »Shung-tien-fu«, oder wie die Chinesen die Stadt noch öfter nennen, nämlich »Peh-Djing«, d. h. nördliche Hauptstadt, sind entsetzlich. Sie sind weder geschottert noch gepflastert und der durch viele Hunderte von Jahren unablässig über sie hinwegrollende Verkehr hat den schrecklichen Sandboden in einen Hohlweg verwandelt, in dem man im Sommer vor Staub fast ersticken soll und in welchem man jetzt zur Winterszeit im Kot fast stecken blieb. Die kleinen echt chinesischen Wagen, die nach Aussage unseres Begleiters heute noch ebenso wie vor vielen hundert Jahren aussahen und die dem alten Weisen Konfuzius gewiß nicht um ein Haar verändert erscheinen würden, falls er plötzlich auferstehen und in den Gassen auf und ab gehen würde, halten sich noch heutzutage streng an die Achsenlänge, die wahrscheinlich unter Lao Tse in Kraft getreten war. Die Beförderung in einem solchen Vehikel läßt Herz, Lunge und Leber dergestalt gegeneinander fliegen, daß nur ein Orientale mit seiner Unempfindlichkeit gegen physische und moralische Schmerzen so eine Fahrt auf die Dauer aushalten kann. Daher tritt die japanische Jinriksha immer mehr in Kraft, aber auch da gehört eine gewisse Geschicklichkeit dazu, in diesen zweirädrigen Wägelchen nichtdas Gleichgewicht zu verlieren und unsanft in den Straßenschlamm geschleudert zu werden. Trotzdem wird dieses fremdartige Verkehrsmittel besonders in Shanghai und Hongkong sehr viel verwendet.
Die reichen Chinesinnen wanken nicht auf ihren verkrüppelten Füßen (was Gott sei Lob ein Ende nimmt) durch die elenden Gassen, sondern werden in Sänften getragen, und nur die armen Chinesinnen müssen versuchen, ihr Gleichgewicht zu erhalten. Wie man uns sagte, soll der liebende Gatte seine Frau nie auf den Mund, sondern immer nur auf diese »goldenen Lilien« küssen, die aber nie ganz bloßgelassen werden, da der Fuß nur eine formlose, abstoßende Masse ist.
Von allen Häusern und besonders den Auslagefenstern hingen allerlei bunte Papierstreifen mit chinesischen Zeichen versehen herab, überall sah man heftig sprechende Chinesen in eifrigem Handel begriffen. Trafen sich zwei Bekannte, so reichten sie sich nie die Hand. Es schüttelte nur jeder seine eigene Hand und legte, wenn er besonders liebenswürdig sein wollte, beide Hände gekreuzt über die Brust, in dem er den Körper leicht nach vorn beugte.
Wir gingen auch zum Gesandten, um alle Einzelheiten der Eheschließung zu bestimmen, und ich muß sagen, daß der alte Herr sehr liebenswürdig war und nichts unversucht ließ, um eine Verbindung zu vereiteln. Wäre meine Existenz nicht so traurig gewesen, so hätteich möglicherweise seinen Vorstellungen nachgegeben. So aber war ich bereit, mich in die unbekannten Gefahren zu stürzen, in der Hoffnung, dort der Einsamkeit zu entgehen, in der trügerischen Voraussetzung wohl auch, daß es mir gelingen werde, die Liebe meines Gatten zu erringen oder seine chinesischen Gefühle für mich in irgendeine europäische Münze gleich hohen Wertes zu verwandeln. Noch zweifelte ich nicht ernstlich daran, daß mein unausgesetzter Einfluß günstige Folgen haben und mir den endlichen Sieg sichern würde. Er mußte doch wie andere Leute eine Seele haben – die Frage war nur, wie konnte ich die Perlen, die am Grunde seines Seins schlummerten, auf die Oberfläche fördern. Mama, die über die Warnungen des Gesandten nicht entzückt war, fürchtete sich ihrerseits viel zu sehr vor dem Gerede der Leute, als daß sie gewünscht hätte, mich vor der Ehe zu retten, und nur Jenny schlang weinend ihre Arme um meinen Hals und sagte, daß sie selber nie einen Chinesen heiraten könnte, auch nicht, wenn er so höflich wie Li Bai wäre, und damit war die Angelegenheit erledigt.
Wir wanderten auf der Stadtmauer umher, besuchten einige Tempel, die berühmten Tore der Stadt usw., und nach Ablauf von zwei Tagen saßen wir wieder im Zug, der uns nach Tientsin, der bedeutendsten Stadt des Nordens, bringen sollte.
Mama war von all den neuen Eindrücken in einen unruhigen Schlummer verfallen. Jenny und ichblickten auf die uninteressante Ebene hinaus, durch die sich der Pe-ho-Fluß träge schlängelt, und die er oft, wenn seine Wasser durch jähe Regengüsse anschwellen, furchtbar überschwemmt.
Plötzlich sah ich über Jennys blasses Gesichtchen zwei Tränen rollen. Ich zog mein Schwesterchen an mich und fragte sie, was ihr diese Tränen entlockt habe.
»Ni–chts!« entgegnete sie langsam und schmiegte sich eng an mich. »Ich – ich möchte nur so gern wissen, ob – ob – du glücklich sein wirst?« schluchzte sie sodann.
»Jennychen,« sagte ich weich, »das Glück ist ein individueller Begriff, und vielleicht habe ich es nicht in mir, so himmelanstürmend glücklich zu sein. Ich prüfe immer, ich ahne immer mehr hinter den Worten, als sie wirklich ausdrücken, möglicherweise auszudrücken bestimmt sind, aber ich habe ja selbst diese Ehe gewollt und –«, ich zwang mich, meiner Stimme einen heiteren Klang zu geben, »du weißt, daß des Menschen Wille sein Himmelreich ist.«
Eine Weile saßen wir schweigend da und hielten uns fest umschlungen. Ach, wenn ich meine Schwester immer, immer so nahe gehabt hätte!
»Möchtest du nicht einige Monate bei mir bleiben?« fragte ich. »Im Februar geht der Gesandte nach Europa zurück, und er versprach mir, dich mitzunehmen, falls Mama nun allein reisen würde. Nein, nicht allein,« fügte ich hinzu, als ich Jennys Zögern sah, »sondernmit Herrn Frise, der in fünf Wochen wieder nach Europa in geschäftlicher Angelegenheit reist.«
»Würde mein Bleiben dir ein Trost sein, Käthe? Du bist ja jung verheiratet dann und in den Flitterwochen.«
»Ja,« erwiderte ich gepreßt. »Weißt du, Jenny, chinesische Flitterwochen dürften nicht so – süß sein, daß – – daß deine Gegenwart störend wirken würde – – aber Jenny, zieht dich vielleicht der Doktor? Wenn, so will ich dich nicht halten, dein Glück geht allem voran.«
»Jenny wird bei dir bleiben,« sagte sie und sprach von sich wie ein kleines Kind in der dritten Person, indem sie ihr blondes Köpfchen an meine Schulter legte. »Der Doktor,« fuhr sie zögernd fort, »hat meine Haarlocke.«
Wir lachten beide, da wir beide uns augenblicklich bewußt waren, daß der arme Doktor nur wenig Trost aus einer Locke, und sei sie noch so schön, ziehen würde. Ich aber sehnte mich so sehr, wenigstens während der ersten Zeit jemanden aus meiner Heimat bei mir zu haben, daß ich Jenny nicht gern hätte reisen lassen. Auch dachte ich mir, daß es dem Kinde nicht schaden würde, etwas mehr von der Welt zu sehen, bevor sie sich für immer an den Doktor band, zu dem sie wie eine niedrige Sklavin zu ihrem Herrn und Gebieter aufschaute, was mir, die ich die Männer kannte, nicht gefiel. Die besten von ihnen sind herzlose Egoisten, die schlechtesten –least said, soonest mended!
Endlich hielt der Zug in Tientsin, dem Hafen Pekings, der berühmten Manufakturstadt, die wie ein Marmeladefleck auf einem riesigen Pfannkuchen dalag. Li Bai war da, um uns zu begrüßen und uns in das Haus eines Chinesen zu bringen, wo wir wohnen sollten, bis wir in das Haus des Mandarins übersiedelten, der stets über eine Anzahl Fremdenzimmer verfügte. Bis zur Trauung sollten wir indessen in dem genannten Hause bleiben.
Kaum hatten wir uns gewaschen und uns von der zweistündigen Fahrt etwas erholt, so kleideten wir uns in unsere besten europäischen Toiletten und bereiteten uns vor, dem gefürchteten Mandarin in seinem Bankkontor unsere Aufwartung zu machen. Li Bai, ebenfalls in tadelloser europäischer Kleidung, begleitete uns durch die Straßen Tientsins, das so gar nicht den Eindruck einer chinesischen Stadt machte. Da fuhren elektrische Wagen auf und ab, Telegraphendrähte spannten sich von einen Stange zur andern, die Häuser, in diesem Teile wenigstens, waren nach europäischem Muster gebaut und wiesen alle mehrere Stockwerke auf. Wir passierten den großen deutschen Klub, den wir am folgenden Tage besuchten, und wo man ausgezeichnetes Bier und unsere Würstel, die geliebten Würstel erhalten kann. Große Gärten, die jetzt allerdings öde dalagen, erstreckten sich vor vielen Bauten und alles machte einen freundlichen Eindruck, ganz anders als das schmutzige Peking, wennauch hier die Reinlichkeit noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte.
Wir durchkreuzten einige kleine Gassen, die sogleich das chinesische Gepräge trugen, sowohl was Reinlichkeit als auch Bauart und Geruch anbelangt. Aus manchen ebenerdigen Fenstern hingen Kinder. Man hatte ihnen eine Art Gängelband unter die Arme befestigt, so daß sie nun frei heraushingen, vieles sehen und sich nicht wehtun konnten. Nach unseren Ideen muß so ein aus dem Fensterhängen nicht sehr angenehm sein, aber Li Bai versicherte mir, daß alle ärmeren Chinesinnen ihre Kinder so vor dem Ueberfahrenwerden bewahrten, da sie nicht Zeit hatten, auf die Kleinen unausgesetzt achtzugeben. Das erinnerte mich an Japan, wo man den Kindern, wie bei uns den Hunden, ein Halsband mit Namen und Adresse umgibt, so daß das verlorene Kind früher oder später, tot oder lebendig, an den Besitzer zurückgelangt.
Wieder in eine breitere Gasse einbiegend und uns, so gut es ging, vor dem schaurigen Nordostwind schützend, indem wir uns immer fester in unsere Mäntel und Pelze hüllten, standen wir endlich vor einem Gebäude, auf dem auf englisch: »United Oriental and Tientsin Bank« mit großen Buchstaben geschrieben stand. Li Bai öffnete die Tür und ließ uns eintreten. Die Schwelle zum gefürchteten Mandarin, dem Bankdirektor und zukünftigen Schwiegervater, war überschritten.
XII.
Ein chinesischer Schreiber machte eine tiefe Verbeugung vor Mama und eine weniger tiefe vor Jenny und mir, öffnete eine kleine Tür im Hintergrund, meldete uns auf chinesisch und trat dann zurück, um uns in das Allerheiligste eintreten zu lassen. Ich merkte, daß Jenny ganz blaß wurde und ich muß einräumen, daß mein Herz mir gleichfalls in die Schuhe sank – auch aus meinem Gesicht schien alle Farbe gewichen zu sein und am liebsten wäre ich auf den Boden gesunken.
Uns entgegen trat ein hoher, breitschulteriger Chinese in kaftanähnlicher Kleidung und mit allen äußeren Abzeichen eines hochstehenden Mandarins – die gestickte Seidenkleidung, die breite Schärpe, die funkelnden blauen Knöpfe – und bot Mama auf europäische Weise die Hand, indem er sie gleichzeitig aufforderte, Platz zu nehmen. Jenny verbeugte sich tief und trat augenblicklich zurück, um mich vorzulassen.
Li Bai legte seine zarte Hand auf meinen Arm und sagte seinem Vater in seiner Sprache, wer und was die kleine Mädchengestalt vor ihm war, während ich wie einaltes Taschenmesser zusammenknickte und bei meiner Verbeugung, teils aus Ehrfurcht, teils aus Furcht, mit meinem Gesichtsvorsprung beinahe die Erde abwischte.
Als ich wieder auftauchte, das heißt, nach der tiefen Verbeugung meine verwunderten Augen zum erstenmal zum großen Mandarin aufschlug, von dem ich die unbestimmte Meinung hatte, daß er mir sofort den Kopf abschneiden lassen könnte, wenn er es nur wollte, bemerkte ich, daß der Schatten eines Lächelns über sein Gesicht huschte.
Er reichte mir ebenfalls die Hand zum Gruße, was ich eigentlich gar nicht erwartet hatte, und während ich zum zweitenmal eine mißglückte Art von Kotau oder chinesischer Festverbeugung machte, sagte der Mandarin in einer über Erwarten angenehmen Stimme, wenn er auch nur sehr langsam und vorsichtig englisch sprach (denn deutsch sprach er gar nicht):
»Das also ist die Braut meines Sohnes Li Bai, seine vorherige Lehrerin?«
Ich bejahte und verbeugte mich heldenmütig zum drittenmal, worauf der Mandarin mich selbst zu einem Stuhl geleitete und mich mit einer Handbewegung einlud, mich zu setzen, was ich mit meinen zitternden Beinen nur allzu gern tat.
»Wollen Sie meinem Sohn auch weiter helfen, damit er nach, sagen wir Jahresfrist, nach Europa zurückkehren und die höheren Prüfungen machen kann?«
»Ich werde stets mein Bestes tun,« versicherte ich, und dann nahm ich meinen gesamten Mut in beide Hände, denn ich sagte mir mit Recht, daß ich mir meine Stellung jetzt sichern mußte, wenn dies überhaupt je geschehen sollte, und sagte mit der weichsten Stimme und im bescheidensten Tone, den ich hervorbringen konnte, aber nichtsdestoweniger mit einer gewissen Festigkeit in beiden:
»Ich spreche und schreibe viele europäische Sprachen, Herr Ming Tse, und ich würde sehr glücklich sein, wenn ich während einiger Tagesstunden in der Bank als Korrespondent arbeiten dürfte. In London schon hatte ich viel Uebung in dieser Art Arbeit und ich hoffe mit der Zeit auch Sie, Herr Bankdirektor, zufriedenzustellen.«
Die strengen Augen in dem regungs- und ausdruckslosen Gesichte waren scharf und unbewegt auf mich gerichtet, wenn sie auch, ganz wie beim Sohne, von den Lidern halb verborgen waren.
»Schon der Unterricht Li Bais wird viel Zeit in Anspruch nehmen,« erwiderte der Mandarin, aber da ich ihn unverwandt bittend ansah, fügte er hinzu:
»Ich freue mich, zu sehen, daß Sie über ein so reiches Wissen verfügen und werde mich dessen erinnern, sooft ich Ihrer freundlichen Hilfe bedürfen werde.«
Es war nicht viel, was ich erreicht hatte, aber etwas war doch geschehen. Li Bai war sehr unzufrieden, und schon als sein Vater von einer möglichen Rückkehr nach Europa, mehr noch, als er von den Studien sprach (erwollte um jeden Preis, daß Li Bai das Doktorat in moderner Philologie abgelegt hätte), war meines Verlobten Gesicht so lang wie eine Essiggurke und so sauer, wie eine solche geworden, und als ich nun geendigt hatte, begann er dem Vater auf chinesisch etwas vorzureden, jedenfalls eine Weigerung, mich ausgehen zu lassen. Aber der Mandarin war nicht umsonst Mandarin und Vater mit unumschränkter Macht – er befahl ihm, so schloß ich nämlich aus den strengen Mienen des einen und den unzufriedenen des anderen – energisch still zu sein und setzte sich sodann Mama gegenüber, mit der er die Uebergabe der Dokumente und andere Formalitäten besprach, was lange Zeit dauerte.
Bei chinesischen Heiraten werden alle Einzelheiten immer durch einen Zwischenträger ausgemacht, die nötigen Geschenke werden bestimmt und eine bessere Art Kaufvertrag wird aufgesetzt, während der Zauberer den passenden Tag bestimmt. Ist dieser Vertrag einmal abgeschlossen, so ist eine Lösung der Verlobung nicht mehr möglich – es muß erst geheiratet werden, bevor eine Scheidung in Kraft treten kann, daher bricht man einen solchen Kontrakt nie. Hier lagen die Verhältnisse allerdings anders, aber nach den neuen Gesetzen mußte ein genauer Vertrag aufgesetzt werden, den beide Elternpaare unterschreiben mußten und in dem nicht nur das Vermögen beider Teile festgesetzt wurde, sondern auch bestimmt, was für Strafen für dieses oder jenes Vergehen des einen oder des anderenTeils bestimmt werden sollen – auch Bestimmungen mit Bezug auf das Vermögen im Falle einer Scheidung, Teilung der Kinder usw. und auch, wie oft mein künftiger Gatte mir gestatten mußte, heim nach Europa zu reisen und die Fahrt zu zahlen und auch, auf wie lange Zeit ich ihn verlassen durfte, ob und wie viele Kinder ich mitnehmen sollte und vieles andere. Alle drei Jahre sollte ich drei Monate lang bei meiner Mutter oder Schwester in Europa weilen dürfen, das wurde bestimmt. Die anderen Punkte überließ ich ganz Mama zu bestimmen, da wir alles schon vorher gründlich erörtert hatten.
Als der Tag zur Ueberreichung und Unterschreibung des Dokuments vor dem chinesischen Magistrat (auch eigentlich eines Mandarins) und der Eheschließung am gleichen Tage vor dem deutschen Konsulat bestimmt worden war, trat der Mandarin noch einmal vor mich hin und sagte langsam und feierlich:
»Mein Sohn ist Chinese und seine Mutter wie auch er selbst würde gerne, daß die Trauung, wenngleich mit einer Europäerin, doch nach chinesischer Sitte gefeiert werden möge. Wollen Sie sich darin den Sitten unseres Landes fügen?« Die Frage war leidenschaftslos gestellt, aber schien mehr einen Befehl als eine Bitte zu enthalten.
Ich stimmte sofort zu. Warum sollte ich mich weigern, Li Bai und meiner zukünftigen Schwiegermutter diesen Gefallen zu tun? Mein Herz klopfte nicht wonnig beglückt, wie das einer europäischen Braut, die im weißenGewande und mit Myrthenkranz und Schleier in eine frohe Zukunft blickt – ich hoffte nur Friede, nur ein wenig Freude und Rettung vor der schreckvollen, graueneinflößenden Einsamkeit. Ich würde mein Bestes tun, mich ganz wie eine Chinesin an diesem Tage zu benehmen, ob ich mich wohl dabei fühlte oder nicht. Dies würde Li Bai gewiß mild stimmen und ihn vielleicht zärtlich gegen mich machen, und danach fühlte ich plötzlich einen brennenden Wunsch. Wenn mich in allen diesen Zweifeln und Bangen doch jemand, der mich selbstlos oder meinetwegen selbst selbstsüchtig liebte, in die Arme genommen hätte! Ich kam mir so furchtbar verlassen und schutzbedürftig vor.
Es war zuerst – als ich noch in Europa war – festgesetzt worden, daß Li Bai und ich einen Haushalt nach europäischem Muster haben und nicht mit der ganzen Familie zusammen wohnen würden, aber nun sagte mir der Mandarin, daß es so furchtbar schwer gewesen sei, eine passende Wohnung zu finden, daß er es für ratsam halte, mich zu bitten, auch eines der für die verheirateten Söhne bestimmten Häuschen zu beziehen, da ich mich weder um die Küche noch um sonst etwas zu kümmern haben würde – alles würde für mich gemacht werden.
Ich war betroffen, da ich mich immer geweigert hatte, unter demselben Dache – und sei es noch so groß – wie meine gelbe Schwiegermutter zu wohnen, aber nachdemmich Li Bai mit Bitten bestürmte und mir versicherte, daß wir ganz abgesondert leben würden, ganz genau wie draußen, und daß er so gern bei seiner Mutter bliebe, daß es sich ja nur um die Wintermonate handle und wir im Sommer gewiß eine eigene Wohnung haben würden und bald wieder nach Europa gingen usw., wie eben ein Mann, der etwas erreichen will, reden und überreden kann, so sagte ich endlich, wenn auch gegen meinen Willen und gegen meine innere Ueberzeugung »ja und Amen«, das Einzige, was mir zu sagen übrig blieb.
Daraufhin bat ich den gestrengen Schwiegervater noch einmal höflich, meine Sprachkenntnisse nicht zu vergessen und über mich zu verfügen, tauchte noch einmal ehrfurchtsvoll unter, um nicht europäisch unhöflich zu erscheinen, und als dies geschehen, gingen wir. Ohne es zu wissen, hatte ich mir den schwer einzunehmenden Mandarin zum Freunde gemacht. Es sollte eine Zeit kommen, wo ich dies sehr, sehr angenehm empfinden würde.
Meine Schwiegermutter sollte ich erst am Tage der Eheschließung kennenlernen, nur mein Bild und die Beschreibung des Mandarins gaben ihr einen schwachen Begriff von dem Geschöpf, das nun ihren Sohn beeinflussen würde, denn fürchtete ich den Einfluß der Schwiegermama – des gefürchtetsten aller Tiger – so war auch sie nicht ohne Furcht vor der verhaßten Europäerin.
Wie die nächsten zwei Wochen vergingen, kann ich kaum sagen. Mir schien es, als sei alles nur ein böserTraum, aus dem ich erwachen mußte, sei es, um mich in liebenden Armen weich beschützt zu finden, sei es, um mich von schlitzäugigen Furien verfolgt zu sehen – eins nur fühlte ich, daß ich vor der Pforte stand, die in ein neues Reich führte, und daß die Pforte merkwürdig verschnörkelt und sehr fremdartig war.
Wir wanderten die ganze Zeit in den Gassen von Tientsin umher. Mama und Jenny machten allerlei Einkäufe, wobei uns erfahrene Europäer sehr liebenswürdig an die Hand gingen. Wir besuchten den großen Park, der nun öde im Winterkleid vor uns lag, besuchten die großen Warenhäuser, zu denen riesige Fahrzeuge während acht Monaten des Jahres Waren von ganz China und von vielen anderen Erdteilen brachten, studierten die orientalische Kunst in Tempeln mit schrecklichen Götzenbildern (es ist eigentümlich, welche Vorliebe die Asiaten für graueneinflößende Gebilde haben, denen man überall begegnet), in Kunstgeschäften und in den Häusern solcher Europäer, die wir kannten und die große Sammlungen solcher Bilder hatten. Eigentümlich ist bei allen Bildern der Mangel jedweden Schattens und jedweder Perspektive. Ein Mann ist größer als das unmittelbar danebenstehende Haus, ein Baum ist kleiner als ein Pferd, und alle Personen, Tiere und Sachen haben, wie einst Peter Schlehmil, ihren Schatten verkauft – oder so scheint es. Einzig in ihrer Art sind die Porzellanmalereien, bei denen man diesen Mangel nicht fühlt. Die Farben sind großartiggewählt und die Feinheit der Arbeit unnachahmlich, besonders schön aber sind alle Elfenbeinschnitzereien und Papierrollen mit chinesischen Zeichen.
Wir gingen auch in eine Seidenspinnerei. Die chinesischen Seidenraupen sind viel größer als die europäischen und werden auch in vielen Privathäusern gehalten und gezüchtet. Man spannt ein großes Stück Papier von der Form eines Tischtuches auf ein Brett und setzt sodann die Seidenraupen an beide Enden, die nun über das Papier hinkriechen und ihre dicken leuchtenden Fäden ziehen. Die chinesische Seide ist viel dicker, widerstandsfähiger und schöner als die europäische und wird dort, so wie bei uns Wollstoffe, für alle Kleider verwendet. Mama und Jenny waren entzückt davon und kauften eine ganze Menge Seidenstoffe ein, obschon ich ihnen sagte, daß sie furchtbar hohen Zoll dafür bezahlen würden.
Auch auf mich machte all das Neue und Schöne einen angenehmen Eindruck, aber ich war zu geschwächt, um mich wirklich dem Genuß alles dessen hingeben zu können. Auch hatte ich meine vorige Genußfähigkeit in hohem Grade eingebüßt – ich konnte nicht mehr so froh sein, als mir dies früher möglich gewesen. Wer einmal die Tore des Todes sich hat öffnen sehen – noch dazu aus eigenem Antriebe – wer sich ihnen bewußt Schritt auf Schritt genähert hat, wem sie dunkel und schaurig wochenlang entgegensahen, dem scheint der Rest des Lebens ein Geschenk, er lebt nicht mehr als Schauspieler auf derBühne des Lebens, wo alles entweder Tragödie oder Komödie, doch in den meisten Fällen Tragikomödie ist, sondern nur mehr als Zuschauer, für den das Leben noch Interesse, aber nicht mehr das tätige Interesse hat. Er bleibt – weil er nicht gehen kann, aber im Innern ist eine Saite jäh zerrissen.
Ich hatte einsehen gelernt, daß der Begriff »Zeit« eine Illusion ist, daß eine Qual nur deshalb so unerträglich scheint, weil wir in unserer Beschränktheit nicht ihr Ende sehen können, weil sie uns »ewig« dünkt und wir glauben, daß wir »nie« über sie hinwegkommen werden. Aber wenn wir gelernt haben, daß es nur gilt, dem »Heute« aus dem Wege zu gehen, gut oder schlecht durch die Gegenwart zu gleiten, so sind Zukunft und Vergangenheit besiegt. Wenn es uns nur gelingt, die augenblickliche Pein zu dämpfen oder ihr aus dem Wege zu gehen, so ist alles gewonnen. Morgen ist nicht mehr heute und was heute unabwendbar und unveränderlich erscheint, hat morgen schon eine Wendung der Umstände uns aus dem Wege geräumt. Die Schwierigkeit des Lebens liegt im Erträglichmachen und Umgehen des Heute. In diesen zwei Wochen lebte ich nicht – ich ließ das Leben an mir vorübergleiten und daher brachte es keine neuen Aufregungen mit sich.
Mama war sehr zufrieden – Chinese oder nicht Chinese – so war Li Bai doch ein reicher Mann, eine »Partie« wie man bei uns sagt, sein Vater Mandarin,Bankdirektor und einflußreich in Tientsin und über diese große Stadt hinaus. Was wäre da noch weiter zu bedenken? Ob ich glücklich sein werde? I, du Himmel, das hängt von mir ab, nicht von den Müttern. Daß ich so weit entfernt sein werde? Was tut's? Die Verwandten werden sich dennoch über meine Verheiratung ärgern und das genügt Mama. Jenny war zu jung, zu leichtsinnig, zu unerfahren, um sich über mein künftiges Schicksal den Kopf zu zerbrechen. Ich war mit dreizehn Jahren fühlendes, urteilendes Weib gewesen, meine Schwester würde mit vierundzwanzig möglicherweise auch noch »Kind« sein. Daher lachte Jenny den ganzen Tag und Mama sah überaus glücklich aus. Ich war ruhig – weder froh noch traurig – ich schwieg und ich – lebte.
Es ist beklagenswert, daß Mütter auch in Europa geradeso unempfindlich gegen das Geschick ihrer Kinder in einer Ehe sind, wie die phlegmatischen Asiaten, die auf ein Mädchen als unnütze Last herabsehen. Europäerinnen, die in den eleganten Salons und beimfive o'clock-Tee die Hartherzigkeit der gelben »Barbaren« so streng verurteilen, gehen oft heim und tun desgleichen. Sie verhandeln ihr Kind an reiche Männer oder solche, die Titel und Würden aufweisen können und die sonst den Eindruck machen, als habe sie der Tod vergessen – alt, häßlich, lasterhaft, brummig und krank – und reden dem ahnungslosen jungen Dinge vor, daß es sich »die Hände oder wenigstens die Finger ablecken muß« eine so gutePartie gemacht zu haben. Sie zwingen mit Drohungen und Versprechen das junge Mädchen in eine solche Ehe und tun dann hocherstaunt, wenn dasselbe sich tief unglücklich fühlt. Sie sprechen unter Umständen noch von »schreiendem Undank«, wenn die junge Frau, die zu spät die volle Bedeutung des Begriffs »Ehe« kennengelernt hat, fühlt, daß die ihr auferzwungene Pflicht über ihre Kräfte geht, und das einzige Mittel ergreift, das ihr in der Regel offensteht, mit einem jüngeren Manne zu fliehen oder sich mindestens mit ihm neben dem reichen Gatten zu trösten, was die Mütter viel milder beurteilen als die Flucht. Bleibt das Geld auf diese Weise doch erhalten! Und das nennt man »europäische Kultur«. –
Die Vorbereitungen hatten etwas über zwei Wochen Zeit in Anspruch genommen – das allermeiste war schon vorher schriftlich erledigt worden, und nun hatten Mama und der Mandarin täglich Konferenzen über die Ausstattung des künftigen Heims, das halb chinesisch, halb europäisch eingerichtet werden sollte, über die Mitgift und ihre Verwaltung, über die Hochzeitsfeierlichkeiten usw.
Der Zauberer hatte den dritten November als den passendsten Tag für unsere Verbindung festgesetzt, und alle hatten sich damit einverstanden erklärt. Morgen sollte ich von chinesischen Mädchen in chinesische Roben gesteckt und in den Brautsessel gehoben werden, der mich in feierlichem Umzug zum Hause meiner Schwiegereltern zu bringen bestimmt war. Die europäische Eheschließungsollte jedoch schon in den Vormittagsstunden in europäischer Tracht auf dem Konsulate vollzogen werden.
Ich sah Li Bai nur auf Augenblicke in allen diesen Tagen, da er bis über den Kopf in Hochzeitsvorbereitungen steckte. Trafen wir uns endlich, war er so höflich und so – zurückhaltend wie immer.
Und die Stunden verflossen und das gefürchtete »morgen« wurde »heute«.
XIII.
Seit Mitternacht schon pfiff der Nordwind um das Haus und fuhr heulend und klagend um die Ecken, der anbrechende Tag brachte Regen und endlich Schneegestöber mit sich, und wie warm wir uns auch in unsere Mäntel auf der Fahrt zum Konsulat hüllten, zitterte ich doch, teils vor Aufregung, teils vor Kälte so sehr, daß ich nicht ein Wort der Begrüßung an Li Bai richten konnte, der bitterböse aussah und scheinbar auch nur bei einem Ofen zu sitzen wünschte.
Die kalte Begrüßung, der dunkle Himmel, der heulende Sturm und unsere triefenden Gewänder wirkten vereint dergestalt auf mich ein, daß ich ohnmächtig wurde, was den einen Vorteil mit sich führte, daß alle, auch Li Bai, sehr lieb gegen mich waren, als ich endlich die Besinnung wieder gewann.
»Du wirst sehen, wie schön es ist, verheiratet zu sein,« flüsterte Li Bai mir zu, als Jenny und auch Mama mit dem Konsul sprachen.
Ich hatte zwar gerade in dem Augenblick die allergrößten Zweifel bezüglich der Schönheiten oder Annehmlichkeiten einer Ehe, aber ich war froh, daß er frohwar – eine Fröhlichkeit deckte die andere – und so lächelte ich ihm beruhigend zu und versicherte, mich wohl genug zu fühlen, um den Kontrakt zu unterschreiben.
»Nachmittags darfst du nicht ohnmächtig werden,« sagte er noch, als er mir aufhalf, »das ist gegen die chinesische Sitte.«
Ich versprach ihm, alles aufzubieten, um nicht gegen die chinesische Sitte zu verstoßen und dadurch beruhigt, geleitete er mich an den Tisch, und die Trauung oder wenigstens die Eheschließung, da jeglicher kirchliche Segen fehlte, wurde vollzogen.
Li Bai half uns freundlich in den Wagen, bat mich, nicht aufgeregt zu sein und kehrte hierauf in sein Heim zurück, um mich daselbst zu erwarten und feierlich zu empfangen. Nach unseren Gesetzen war ich nun Käthe Ming Tse. Mir deuchte fast, als wäre ich selbst eine andere geworden.
Mama und Jenny zogen sich auf meine Bitten zurück, und ich blieb allein mit den Chinesinnen, die mich in eine ihrer Landsmänninnen verwandeln sollten. Sie kämmten mein langes blondes Haar flach zurück, so daß meine Stirn doppelt hoch erschien, und gossen eine Menge wohlriechenden Oels darauf. Nachdem dies geschehen war, wollten sie mein Gesicht in die Arbeit nehmen, die Lippen mit Rot vergrößern und die Augenbrauen in eine schmale hochgeschwungene Linie verwandeln, während sie den Rest des Gesichts weiß zu färben wünschten. Aber gegendiesen Punkt des Programms wehrte ich mich entschieden. Wie ein Zirkusklown zweiter Güte wollte ich denn doch nicht aussehen. Mein Gesicht verblieb wie es war – und endlich mußten meine gelben Schwestern sich in das Unabänderliche fügen. Sie setzten mir den Brautschmuck auf das geölte Haar, das ich, fetttriefend wie es war, nicht berühren wollte, befestigten die aus Gold- und Silbermünzen und Ketten zusammengestellte kostbare Haube so gut es ging auf meinem vor Furcht und Angst ganz verwirrten Kopf und fanden, daß mir das unförmige Scheusal gut stünde. Hierauf steckten sie mich in seidene Unterwäsche, die wie die Oberkleider aus roter Seide war, warfen das rote Brautkleid über mich, das hoch am Halse geschlossen wird und zu den Schultern jäh abfällt, denn je greller diese Linie ist, desto schöner dünkt sie den Chinesen. Die Schultern dürfen um keinen Preis gerade sein, sondern müssen gegen den Arm zu abfallen. Das Kleid, das jede Biegung der Gestalt verdeckt und wie ein Kaftan bis zu den Knöcheln fällt, wird auf der linken Seite geknöpft, unter dieser Robe aber hatte ich weite Hosen, ähnlich denen der türkischen Damen, die lose über das Knie hinabfielen. Ueber mein Brautkleid gab man mir noch ein rotes Seidenkleidungsstück, einer Jacke ähnelnd, das mir bis etwas tiefer als die Mitte reichte und reich mit Gold gestickt war. Es hatte sehr weite Aermel, ebenfalls reich mit Goldstickereien verziert, aus denen meine Hände weiß hervorleuchteten. Trotz allerBitten ließ ich mir nicht die Nägel färben und wollte auch nie sie mir wachsen lassen wie viele der reichen Chinesinnen es tun, bis sie nichts mehr in die Hand nehmen konnten, aus Furcht, die Nägel zu zerbrechen. Meine Füße, die von Natur schon klein ausgefallen waren (ich bin ja selbst so klein), wurden noch in zu enge Seidenpantöffelchen mit Goldstickerei gequetscht, was mich, vereint mit den ungewöhnlich hohen Absätzen, vom sichern Stehen abhielt. Ich wankte wie eine echte Chinesin unsicher im schwankenden Gleichgewicht hin und her.
Die Chinesinnen fanden mich sehr »gelungen« und betrachteten ihr Werk mit sichtlicher Genugtuung, als aber Mama und Jenny hereinkamen, fielen sie bei meinem Anblick beinahe um. Ich stand, besser, ich wackelte in der Mitte des Zimmers, fühlte mich nicht nur ängstlich bezüglich des Bevorstehenden, sondern auch rein physisch unbehaglich in den ungewöhnlichen Kleidern, dem geölten Haar, dem schweren Kopfputz und den schrecklichen Pantoffeln. Das konnte man mir auf den ersten Blick ansehen, und ich glaube, ich machte dazu das denkbar dümmste Gesicht.
Mama setzte sich auf einen Stuhl und starrte mich entgeistert an. Ihr europäischer Schönheitssinn empörte sich gegen eine solche Verwandlung meines äußeren Ichs, Jenny aber lachte zum erstenmal an diesem Tage und rief:
»Käthe, du siehst wie ein wunderschön geputzter Kartoffelsackaus!« Sie warf sich auf eines der niedrigen Sofas und krümmte sich vor Lachen.
»Wirst du als rote Vogelscheuche wirklich zu deinem Gatten gehen?« fragte mich Mama. »Wäre es nicht viel besser gewesen, dich ganz in Weiß mit Schleier und Kranz zu kleiden? Aber du willst einmal immer nach deinem Kopfe handeln,« setzte sie geärgert hinzu.
»Du vergißt,« warf ich ein, »daß es nicht mein Wunsch gewesen, so gekleidet zu gehen, sondern Li Bais. Soll ich ihm eine Bitte am Hochzeitstage abschlagen?«
»Gewiß hätten dich alle sehr schön als weiße Braut gefunden und nun siehst du so schrecklich aus,« ereiferte sie sich.
»Ach, Mama,« bat ich, »laß die Einwendungen. Die Chinesen finden ein weißes Kleid (ihre Trauerfarbe) nicht passend für einen Freudenakt wie eine Hochzeit und ich bin nicht länger Europäerin,« fügte ich langsam hinzu, während ich fühlte, wie mich etwas im Halse gewaltig würgte, »sondern Chinesin seit – seit – heute früh.«
»Leider!« entfuhr es der Mama. Es war ihr zum erstenmal wirklich leid, daß ich einen Chinesen geheiratet hatte, weil – weil ich dadurch verlustig ging, ein schönes europäisches Brautkleid zu tragen. Bei der zivilen Eheschließung hatte ich nur ein lichtbraunes Kostüm angehabt.
Jenny verstand trotz ihrer Jugend die Tragik desAugenblicks besser. Vielleicht dachte sie, wie anders ihre Trauung in Europa mit dem Doktor sein würde, wie ganz anders sie fühlen würde und wie froh ihre Altersgenossinnen sie umkreisen würden. Sie begriff, zum erstenmal vielleicht, was ich in dieser Stunde litt, wo weder eine Klage noch eine Träne mir entschlüpfte.
»Laß die Käthe,« rief sie fast gereizt und wollte mir um den Hals fliegen, aber dagegen wehrten sich die Chinesinnen. Das hätte ihre sorgsame Arbeit zerstören können. Ich lächelte meiner Schwester daher nur dankbar zu.
Mama fügte sich in das Unabänderliche. Wenn ihre Tochter schon Vogelscheuche sein mußte, so wollte sie daraus Vorteil ziehen. Sie betrachtete mich sorgfältig von allen Seiten, damit sie daheim in Europa allen Bekannten und den Verwandten davon erzählen konnte, sah sich den sonderbaren Brautschmuck genauer an und fand endlich, daß mein Ensemble noch ärger hätte sein können. Daß ihr Kind heute über Leben und Tod (denn bei einer chinesischen Heirat setzt man noch viel leichter als bei einer europäischen das Leben aufs Spiel) entscheidet, das hatte sie für den Augenblick vergessen.
Plötzlich verkündete ohrenbetäubendes Geschrei und nervenerschütternder Lärm, daß meine Stunde geschlagen hatte, und der Bote kam, um mich in das Haus meines Gatten zu überbringen. Ich fühlte eine innere Leere und ein Gefühl physischen Uebelbefindens, als ich mir vorstellte, daß ich nun mit allem abbrechen sollte, was ichbisher gekannt hatte, um an der Hand meines kleinen Chinesen einen neuen Lebenspfad einzuschlagen. War die kleine Hand hinreichend, mich zu stützen? War seine Liebe stark genug, mir Trost zu geben, wenn physische und moralische Leiden an mich herantreten würden? Eine grenzenlose Mutlosigkeit überkam mich, und ich nannte mich einen elenden Feigling, gezögert zu haben, als ich schon so nahe am Styx gestanden. Oh, wenn doch schon alle Qualen, alle Zweifel ein Ende hätten! Wie ich mich nach der Zärtlichkeit Li Bais sehnte! Würde er auch als Gatte mir so fremd bleiben? Wie schrecklich, wie schrecklich! Warum, warum hatte ich »ja« gesagt? Aber da stieg wieder jene schreckliche Leidenszeit in London vor mir auf und die Frage starb dahin im Herzen, bevor sie sich noch recht geformt hatte.
Der prachtvoll gekleidete Bote überreichte unterdessen im Nebengemache meiner Mama eine chinesische Rolle, auf der mit kunstvollen Zeichen geschrieben war, was ich Mama schon früher erzählte, das darauf stehen würde, nämlich, daß der dumme Vater seines noch dümmeren Sohnes nicht selbst um die Braut kommen, um sie von meiner Mama hohen und ehrenvollen Palast in seine niedrige Hütte zu führen, sondern lieber einen Boten schicken wolle, der melden soll, daß alles zum Empfange der Braut bereit sei. Der Brief, der auf rotem Papier geschrieben war, endete mit dem Wunsche, daß Mama ein Alter von hundert Jahren erreichen und ihr Geschlechtbis ins fünfte Glied gesegnet werden möge. Damit empfahl sich von der großen Mama der dumme jüngere Bruder. Chinesische Höflichkeit!
Jetzt begannen sowohl Mama als Jenny, trotz aller meiner Bitten, sich zu beherrschen, fürchterlich zu weinen und wollten mich immer und immer wieder in die Arme schließen, wogegen sich die fünf Chinesinnen, meine Ehrenjungfrauen, entschieden wehrten, so daß ich beständig hin und her gerissen wurde. Zum Schlusse schob mich eine ehrwürdige chinesische Matrone, die selbst schon viele Söhne ins Leben gesetzt hatte (denn nur eine solche darf es tun), zur Tür hinaus und warf mir, bevor ich die Schwelle überschritt, ein seidenes Tuch – natürlich auch rot – vor das Gesicht und über den halben Kopf, auf daß niemand meine Züge sehen sollte. Hierauf hob man mich in den engen Brautsessel, der auch ganz rot verkleidet und reichlich mit Seide austapeziert war, schob die rotseidenen Vorhänge zurück, versiegelte die Oeffnung mit einem kleinen roten beschriebenen Papierstreifen, und erst als nirgends mehr ein neugieriger Blick oder auch nur ein Lufthauch eindringen konnten, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Ich im engen Stuhle, wo ich nur zusammengekauert sitzen konnte, sah nichts und atmete schwer, ich vernahm nur das wilde Pochen meines eigenen Herzens und fühlte nur eins: Das immer wiederkehrende Flehen, daß Li Bai lieb gegen mich sein würde. Wie ich mich vor all dem neuen fürchtete! Nicht nur vorder fernen Zukunft, sondern auch vor der nahen, der ganz nahen! Ob Männer ahnen, wie unser Herz vor Angst klopft, wenn wir unser Geschick auf ewig in ihre Hand legen? Ob sie wissen, wie schrecklich die Furcht vor jedweder Brutalität uns die Kehle zusammenschnürt? Ob sie rücksichtsvoller wären, wenn sie es wüßten? Es gibt wohl einige, die es sind, doch ach, ihre Zahl ist so verschwindend klein!
Jenny erzählte mir später, daß der Zug mit Musikanten begann, die auf einer Art Trompeten die ohrenzerreißendsten Laute hervorbliesen, während andere allerlei merkwürdige Instrumente bearbeiteten, die ganz gut imstande waren, auch das widerstandsfähigste europäische Trommelfell zu zersprengen; ihnen folgte eine lange Reihe von Fahnenträgern, die auf Stöckchen rote Bänder mit allerlei glückverheißenden Aufschriften trugen, welche sie erregt hin und her schwenkten und nicht wenig Lärm mit ihren Zungen dazu machten. Hinter diesen kamen andere Chinesen, die farbige Lampions trugen, was nach Jennys Angabe sehr hübsch aussah, fast wie unser Fackelzug daheim. Die Lampions waren vorwiegend rot, doch fand man auch andere Farben vor und alle hatten Sprüche darauf geschrieben, was die Wirkung vom chinesischen Standpunkt aus sehr erhöhte. Eine Anzahl Chinesen trugen große rotgemalte Schilder, auf denen in goldenen Buchstaben allerlei Zitate von Konfuzius und anderen großen Denkern standen, oft auch nur von Gelegenheitsdichterngeschrieben, die mit ihren Lobsprüchen den Ehestand verherrlichten. Hie und da sah man auch einen Chinesen mit einer Gans unter dem Arm – das Symbol ehelicher Treue – das sehr hochgehalten wird. Es gibt also, wie man sieht, Länder, wo selbst eine Gans zu Ehren kommt. –
Im Hause eines Mandarinen sind Gefängnisse, Gerichtssäle, Gästeräumlichkeiten und schließlich die Privatwohnung beisammen untergebracht und geschickt verteilt. Als wir endlich dieses Haus erreicht hatten – das sich schon von außen durch die Stufen, die zum Tore hinaufführten, von den Häusern eines gewöhnlichen Sterblichen unterscheidet und das auch drinnen, wenn man einmal die verschiedenen Höfe und Pforten durchschritten hat und innerhalb der Mauer, die um so ein Haus oder besser einen Häuserkomplex führt, sich großer Ausdehnung erfreut – trug man mich samt meines Marterstuhles, in dem ich mehr tot als lebendig hockte, durch eine Doppelreihe von Musikanten. Sie brachten nicht nur mich zum Leben zurück, sondern sie hätten mit ihrem Lärm selbst die Toten aus den Gräbern hervorzaubern können – die Posaunen von Jericho mußten die reinsten Aeolsharfen gegen die chinesischen Musikleistungen gewesen sein. In der Vorhalle nahm Li Bai in Gegenwart aller Gäste feierlich die Siegel ab, klopfte an den Brautstuhl und schlug die Seidenvorhänge zurück. Eine chinesische Dienerin hob mich, noch immer mit dem »roten Fetzen«, wie ich das Seidentuch,das mir jede Aussicht benahm, innerlich betitelte, vor dem Gesicht, aus der Sänfte, lud mich geschickt, wie einen Lumpensack, auf den breiten Rücken und humpelte mit mir so durch mehrere Räume, sprang sogar über ein eigens zu diesem Zwecke entflammtes Holzkohlenfeuer, während eine zweite Dienerin einen Napf Reis, einige Speisestäbchen und Betelnüsse über mein sündiges Haupt hielt, was alles zusammen Dauerhaftigkeit und Ueberfluß bedeuten soll.
Im nächsten Raume angekommen, durfte ich mein Tuch bis über die Lippen heben um die »Vereinigungsbecher« roten Weines, die mit roten Bändern verbunden und bis zu unserer Ankunft mit einem roten Tuch geheimnisvoll umwunden waren, zu leeren. Kaum war dies geschehen, als man mich wieder auflud – Jennys Vergleich mit einem Kartoffelsack paßte auch in dieser Hinsicht vortrefflich – und mich in der großen Halle oder dem Haustempel vor der Ahnentafel wieder ablud, damit Li Bai und ich einen tadellosen Kotau vor den Vorfahren der berühmten Ming-Tse-Familie machen konnten. Li Bai opferte ihnen Wein. Sobald dies geschehen war, war der eigentliche Trauungsakt vorüber. Ich wurde wieder hochgenommen und durch eine Anzahl Zimmer und über den breiten Garten – so viel konnte ich trotz des Tuches bemerken – in unser künftiges Heim getragen. Hier setzte mich die Chinesin auf das Bett, die Hochzeitsgäste und andere Besucher – denn an solchenTagen ist ein chinesisches Haus von allen Leuten überlaufen, ja selbst Bettler dringen ein, wenn man sich nicht früher mit einer großen Summe abkauft – stellten sich um mich, und Li Bai, der sich auf das zweite Bett geschwungen hatte, nahm mir langsam das eklige Tuch vom Gesicht. Schon nach einigen Augenblicken wünschte ich mir das Tuch lebhaft zurück, denn nichts zu sehen war noch immer besser, als in alle diese neugierigen Augen zu blicken, die mich feindselig betrachteten. Meine zukünftige – nein, jetzt schon meine wahre und unabschüttelbare Schwiegermutter – besah mich mit kritischen Blicken, denn in der Regel kennt sie die Schwiegertochter schon vor der Ehe, prüft sie mit Rücksicht auf ihre Kenntnisse in feinen Handarbeiten und im Gitarrespiel, wenn es sich um reiche Familien handelt. Bei armen Familien kommt meist ihre Körperkraft in Betracht, da sie als Lasttier dem künftigen Gatten und seiner ganzen Familie dienen soll, daher wählt man oft eine Frau, die um einige Jahre älter als der Mann ist, damit sie in jeder Weise den gestellten Ansprüchen entsprechen kann.