Johannes de Fugger's Grabschrift.
Während wir bei der schlechten Mahlzeit und bei dem noch schlechteren Weine saßen, kam ein deutscher Reisender von der Kirche, wo er das Grab eines berühmten Landsmannes gesehen hatte. Andere Zeiten, andere Sitten und hier wahrscheinlich anderer Wein. Jener deutsche Prälat reiste früher in diesen Gegenden umher, gerade um guten Wein zu finden. Wo er ihn fand, weilte er eine Zeitlang und schrieb an seine Thüre: „Est.“ Besonders in Montefiascone mußte ihm der Traubensaft geschmeckt haben; denn er hatte sich dort zu Tode getrunken und sein Diener setzte ihm folgendes Epitaph:
„Est, est, est!Propter nimium estHic Johannes Fugger,Dominus meus, mortuus est.“
„Est, est, est!Propter nimium estHic Johannes Fugger,Dominus meus, mortuus est.“
„Est, est, est!Propter nimium estHic Johannes Fugger,Dominus meus, mortuus est.“
Hätten wir viel von dem jetzigen Wein getrunken, so wäre es uns wahrscheinlich ebenso gegangen wie dem seligen de Fugger bei dem Baron von Montefiascone.
Ein Ehepaar.
InRonziglioneging der Wagen entzwei; wir dankten Gott, daß es nicht mitten auf der Landstraße geschehen war. Während der Kutscher ihn wieder mit Stricken zusammen band, suchte ich in einem kleinen Stalle Schutz vor dem Platzregen, wo ich ein Schaf und einen Esel an die Krippe gebunden fand. Meine müßige Phantasie, von Göttern und Menschen verlassen, ließ mich in diesen Thieren ein altes ehrwürdiges Ehepaar sehen. Der Esel schien mir der Mann, etwas bejahrt, mit vieler Menschenkenntniß, aber zurückhaltend und wenig sprechend, obgleich seine philosophische Miene zeigte, daß es ihm nicht an Nachdenken mangelte. Das Schaf, seine Frau, schien in ihren jungenJahren eine hübsche Blondine gewesen zu sein; nun hatte aber ihr Teint sehr gelitten und war etwas ins Gelbliche gefallen. Sie schien nicht viel Geist zu besitzen, hatte aber ein gutmüthiges Wesen. Ich fragte den Mann, ob er die neuesten Zeitungen gelesen habe? — Ob es wahr wäre, daß der König von Schweden abgesetzt sei? — Er schwieg. — Ich verdachte es ihm nicht; wer mochte wohl damals, wo das Spionirwesen so stark im Schwunge war, sich mit einem wildfremden Menschen in einen politischen Discurs einlassen? Ich gab dem Gespräch eine andere Wendung, näherte mich der Frau und lobte die italienischen Naturschönheiten. — Sie schwieg — vielleicht aus Bescheidenheit: vielleicht glaubte sie, es sei Spott, weil wir armen Ultramontanen so lange Zeit hindurch das elendste Wetter in Italien gehabt hatten. Darauf fing ich ein galantes Gespräch mit ihr an, lobte ihren blonden Teint und sagte: sie gliche mehr einer Nordländerin als einer Italienerin; ohne Zweifel flösse lombardisches Blut in ihren Adern. — Sie lächelte gerührt. — Gerne hätte ich noch länger bei diesen braven Eheleuten geweilt, die mir so durchaus die Geschichte von „Philemon und Baucis“ ins Gedächtniß zurückriefen; aber — der Wagen war mit Stricken zusammengebunden und wir mußten fort. — Das ist das Unangenehme bei Reisen; kaum ist ein angenehmes Freundschaftsband geknüpft, so wird es bald wieder zerrissen.
Wie gern würde ich hier nun ein schönes Naturgemälde liefern, um den zarten Seelen zu gefallen, die solche humoristische Stallfütterung nicht leiden mögen und nur mit ihren Gefühlen auf schönen Wiesen zwischen Blumen und Blüthen grasen. Aber was kann ich dafür? Es regnet noch immer und der schlecht gebundene Wagen kriecht langsam wie eine Schnecke den Hügel hinauf.
Ein schönes Wirthshaus.
Den Abend, bevor wir nach Rom kamen, klärte sich der Himmel auf und ich konnte wieder in der Abendkühle spazieren gehen, während der Wagen erst langsam nachkam. Weithin auf dem Felde sah ich das Haus, wo wircenahalten sollten, und ich dachte: „Das ist wieder eins von den gewöhnlichen Hundelöchern.“ Aber — im Gegentheil — das Haus war groß und reinlich; und was noch besser war, auf der Treppe begegnete mir die Tochter des Wirthes mit einem Gesichte, das nicht idealisirt zu werden brauchte. Aber sie verschwand gleich wieder wie eine Sternschnuppe. Als ich ins Zimmer trat und darüber nachdachte, wie ich das schöne Mädchen wieder zu sehen bekommen könnte, hörte ich Jemand auf dem Gange gehen. Ich öffnete die Thür in der Hoffnung, daß sie es sei. Aber eine ganz kleine Haushälterin stand mit einem Schlüsselbunde vor der Thür und fragte, ob der Herr Etwas zu befehlen hätte? — Ich glaubte erst eine kleine Zwergin im Halbdunkel zu sehen, aber als sie näher trat, war es ein liebliches Mädchen von 7 Jahren, die Schwester der verschwundenen Schönen und eigentlich ein Miniaturbild von ihr. Die dunkeln Augen waren fast ebenso groß wie die des Originals; das kleine Mädchen war geputzt, denn es war Sonntag und sie hatte ein grünseidenes Tuch um den Kopf. — Ich nahm sie auf den Schooß, küßte sie und fragte: „Wie heißt Du?“ — „„Sancta!““ antwortete sie und hob die hübsche Hand auf, um mir den Silberring an ihrem Finger zu zeigen. Als ich sie wieder losgelassen hatte, verschwand sie wie eine Elfe; bald aber kam sie mit zwei großen Weinflaschen zurück, die sie auf den Boden setzte, weil sie den Tisch nicht erreichen konnte.
Die erwachsene Schwester kam nicht wieder. Später glaubte ich sie über den Gang mit der Kleinen in ein entfernteres Zimmer gehen zu hören. Ich machte mir ein Geschäft daselbst und öffnete die Thür, um Etwas zu verlangen; hier hatte ich ein schönes Bild:
Ein hübscher dreijähriger Knabe saß auf dem Schooße derSchönen und sie kleidete ihn aus, um ihn zu Bett zu bringen. Während sie ihm das Kleidchen auszog, sagte sie ihm stückweis ein Abendgebet vor, das das Kind nachsagen mußte, um es allmälig auswendig zu lernen. Er that es halb willig aus Gewohnheit, halb verdrießlich, weil er sehr schläfrig war, und half aus allen Kräften beim Auskleiden. Eine hübsche Gruppe, und schön anzuhören! DasMädchen: „Heilige Mutter Gottes!“ DerKnabe: „„Mutter Gottes!““ DasMädchen: „Ich bete —“ DerKnabe: „„bete —““ DasMädchen: „Deine himmlische Macht und Herrlichkeit an.“ DerKnabe: „„und Herrlichkeit an!““ — „Ist das Ihr Bruder, Jungfrau?“ fragte ich. — „Nein, Herr!“ antwortete die Schöne, „es ist mein Brudersohn!“ Ich hätte das Gespräch gern fortgesetzt, nun aber kam die Mutter und sagte mir, daß das Mahl auf dem Tische sei.
Die Kuppel von St. Pietro.
„Das ist die Kuppel von St. Pietro!“ rief wie gewöhnlich der Vetturin, als wir uns endlich der großen Stadt näherten, von der man von Ferne nur sehr wenig sieht, da sie tief im Thale liegt. Roms Umgebung ist eine Wüste. Wir fuhren am Abend zurporta del populohinein, an dem großen Obelisken vorbei über den Platz, in dem drei lange Straßen münden, deren mittelste derCorsoist. Die schöne Welt der Stadt ging gerade spazieren; es that mir leid, daß wir so bald in eine Seitengasse einlenkten, um nach einem Gasthofe hinzufahren. Von Rom ist bereits so viel erzählt worden, daß es thöricht sein würde, wollte man eine Lebensbeschreibung mit römischen Bildern anfüllen.
Der Ort selbst, die Ruinen und Statuen aus der antiken Zeit, die Paläste und Gemälde aus dem Mittelalter, die südliche Natur, das Volk, die Menge fremder Künstler und Reisender, die blühenden Weiber, Alles vereinigt sich, um Rom interessant zu machen. Aber man muß das Alterthum und die Kunst lieben, wenn man sich hier recht unterhalten soll; denn Rom hatnur wenig von den Vergnügungen einer Hauptstadt, die Carnevalszeit ausgenommen, und die war vorüber.
In Rom; Thorwaldsen. — Die Gebrüder Riepenhausen.
Wir hatten in den ersten Wochen schlechtes Wetter und der Scirocco blies oft heiß. Ich suchte gleich meinen Freund Koës auf, der hier ein ganzes Jahr gewesen war und ging mit ihm nach Thorwaldsen's Werkstatt. Wie froh erstaunte ich nicht, als ich seinen Jason und alle die herrlichen Werke sah. Ich kannte bisher Nichts von seinen Arbeiten und hatte ihn selbst nie gesehen. Wie ich nun vertieft in der Betrachtung dastand und endlich das Auge nach der Seite hinrichtete, bemerkte ich einen ziemlich schlecht gekleideten Mann mit einem regelmäßigen, geistvollen Gesichte, schönen blauen Augen, mit thonbespritzten Stiefeln, der neben mir stand und mich aufmerksam betrachtete. „Thorwaldsen!“ rief ich. „„Oehlenschläger!““ rief er. Wir umarmten und küßten einander und von dem Augenblicke an war die Brüderschaft geschlossen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte mich. Ich dachte an unsere barbarischen Voreltern, welche früher ohne Kunstsinn Rom so oft zerstört hatten. Nun umarmten zwei dänische Künstler sich, deren Einer mit den edelsten Griechen sich messen konnte; und in der Brust des Jüngern brannte wenigstens eine kräftige, liebevolle Flamme und jugendlicher Muth, um etwas mehr als das Gewöhnliche zu versuchen. Thorwaldsen und ich gingen seitdem täglich um, und damit wir uns um so seltener zu trennen brauchten, gaben wir uns bei den MalernRiepenhausenin Kost, welche versprachen, uns für billige Bezahlung das Mittagessen zu besorgen. In den Brüdern Riepenhausen fand ich Männer von Talent, besonders inChristel, dem Jüngeren. Sie führten jedes Werk in brüderlicher Vereinigung aus. Damals malten sie eigentlich nicht, sie zeichneten mit schwarzer und weißer Kreide ihre eigenen Compositionen. Sie hatten viele Copieen von alten italienischen Bildern gemacht und man durftesich nicht darüber wundern, wenn sich zuweilen in ihre Ideen einige Reminiscenzen mischten. Uebrigens waren sie Anhänger der neuen Schule und wir stimmten also nicht immer in unseren Ansichten überein. Thorwaldsen achtete ihr Talent, ohne gerade mit ihnen zu sympathisiren. Einmal als er Mittags mit mir hinkam, lag eine neue Zeichnung von ihnen auf dem Tische. Thorwaldsen betrachtete sie aufmerksam. „Wie findest Du es, Thorwaldsen?“ fragte Christel bescheiden — „„Es ist sehr hübsch.““ — „Findest Du keinen Fehler darin?“ — „„Hm!““ — Christel gab ihm die schwarze Kreide in die Hand; und nun markirte er mit ein paar kühnen Strichen Beine, Kniee, Füße, Ellenbogen und Hände der Figuren, und dadurch hatten sie in einem Augenblick, ehe die Suppe auf den Tisch kam, viel gewonnen.
Ihre Bedeutung als Maler.
Thorwaldsen hatte seinem Vaterlande zu danken, daß er bereits als Knabe unter dem ausgezeichnetenAbildgaardvortrefflichzeichnengelernt hatte, der nicht viel productives Genie besaß, aber das Technische verstand. Später brachte der Meister selbst es zur Vollkommenheit sowohl in der wahren, als in der schönen Natur. Riepenhausen's hatten nie richtig zeichnen gelernt und gewöhnten sich erst nach und nach durch practische Uebung daran, ohne es darin doch weit zu bringen. Sie hatten auch nie malen gelernt. Aber Christel hatte Genie, und das weiß immer trotz Hindernissen und Mängeln durchzudringen. Wenn man eine gerade Linie durch die Bilder der Brüder zog, welche sie in einen obern und untern Theil trennte, so war der obere Theil stets ungleich besser, als der untere, denn dieKöpfekonnten sie zeichnen und in diese legten sie den poetischen und characteristischen Ausdruck, der die Verdienste ihrer Bilder ausmachte. An die Köpfe schlossen sich die Schultern und Oberkörper einigermaßen gut an, aber das Untere war oft ganz verzeichnet und die Figuren standen gewöhnlich schlecht auf ihren Füßen. Einmal saß ich bei Christel, als er eine weibliche Figur malte. „Den Fuß müssen Sie kleiner und hübscher machen,“sagte ich. — „„So?““ — „Noch mehr!“ — Endlich wurde der Fuß nach meinem Wunsch, und Christel mußte gestehen, daß ich Recht hatte. Ich wunderte mich darüber, daß er sich so hatte verzeichnen können; denn mir schien, als ob Das, was ich bemerkt hatte, Jedem auffallen mußte, der einen Blick für schöne, edle Formen hatte.
Thorwaldsen zeigte mir viele Kunstwerke, und es freute mich, daß er mir in meinen Ansichten über diese Recht gab, indem er mich zugleich lehrte, das Technische besser zu verstehen. Ich las ihm mehrere meiner Gedichte vor und sie gefielen ihm.
Zusammentreffen mit der Dichterin Brun.
Die Dichterin FrauBruntraf ich mit ihren TöchternIdaundAugusteund ihrem SohneCarlwieder in Rom. Dieser Letztere verließ uns bald nach meiner Ankunft, und reiste wieder nach Hause. Ich fuhr oft mit den dänischen Freundinnen aus und sah die Merkwürdigkeiten der Stadt. Die gute Frau Brun lebte ganz mit Leib und Seele in der antiken Welt, kannte jeden alten Steinhaufen, jede Ruine, und es war mir außerordentlich lieb, durch ihren beredten Mund Vieles auf leichte, angenehme Weise zu lernen. Ich selbst hatte, wie der Leser weiß, keine sonderliche Lust, in der Mittagshitze nach allen Sehenswürdigkeiten umher zu laufen. Thorwaldsen ging es ebenso. Wenn die Rede auf dergleichen Dinge kam, pflegte er zu sagen: „In dem ersten Jahre, in dem ich hier war (also vor 20 Jahren) besah ich auch Alles; jetzt kann ich Dir keinen ordentlichen Bescheid darüber geben.“ In den großen schönen Kirchen, im Vatican und in der Bildergalerie ging ich oft umher, wenn ich es in der Kühle und Ruhe thun konnte. Nun fuhr ich auch mit Frau Brun aus und bekam dadurch Vieles zu sehen, was sonst wohl nicht geschehen wäre. Aber ich war ihr nicht eifrig genug in meiner Liebe zu den alten Steinhaufen, und deßhalb neckte mich meine Freundin oft scherzend, und ich sie wieder, wenn sie mir zu begeistert vorkam.
Das Coliseum.
Eines Abends traten wir zusammen insColiseum. Es fing an dunkel zu werden; die Sterne funkelten am Himmel und die Johanniswürmchen in den Büschen. Der Mond warf sein bleiches Licht auf die ungeheure Ruine, wodurch das Ganze erst sein Relief erhielt. Frau Brun war entzückt, und das mit Recht. Das Bild war malerisch und groß. Aber ich war in diesem Augenblicke von einem Dämon des Uebermuths besessen, und es machte mir Spaß, ihrer Begeisterung mit Spott und Satyre zu begegnen, vielleicht auch nur, um die schöne Ida zum Lachen zu bringen, die oft hiergewesen war, heute nicht ernst gestimmt schien und zuweilen den Scherz den Alterthümern vorzog. „Oehlenschläger!“ sagte die Mutter, indem sie die hohen Mauern mit Epheu in den Oeffnungen, durch die der Mond schien, betrachtete, — „ist es nicht göttlich?“ — „„Ja!““ entgegnete ich; „„aber noch schöner muß es gewesen sein, als die 12,000 gefangenen Juden mit Schlägen dazu getrieben wurden, dieses Theater in größter Eile aufzubauen; als (fuhr ich ernster fort) die von wilden Thieren zerrissenen Gladiatoren mit eisernen Haken durch die Todespforte geschleppt wurden. Mir kommt das Ganze wie eine ungeheure Richterstätte vor.““ — Meine Freundin lächelte gutmüthig; sie sah bei einem Manne gern eine gewisse ironische Laune, wenn diese auch ihrem weiblichen Gefühl wiedersprach; und sie sagte nur später zu Ida: „Der Oehlenschläger ist doch ein wunderlicher Gesell; in dem ganzen, schönen, großen Coliseum sieht er Nichts, als eine Mördergrube.“ — „„Ach, Mama,““ antwortete Ida, „„das sagt er ja nur so; er fühlt es ebenso gut, wie wir.““
Der Kirchenstaat als französische Provinz.
Merkwürdig war es für mich, daß ich gerade nach Rom kam, als die große Staatsumwälzung stattfand, alsMiollisCommandant war. Auf dem spanischen Platze hörte ich einen französischen Officier in einem Kreise von Soldaten verlesen, daß von nun an der Kirchenstaat eine französische Provinz sei.Die Römer standen eng im Kreise umher, und hörten es an, blaß wie die Leichen, mit glühenden Augen. — „A il scelerato! a il maledetto!“ hörte ich in der Nähe Mehrere ziemlich deutlich über Napoleon flüstern.
Pius VII. wurde in der Nacht vom 6. Juli durch die Franzosen aus dem Palast geholt und fortgebracht. Sie krochen durch die Fenster zu ihm hinein, und hoben ihn wieder zu den Fenstern heraus, um keinen Lärm zu machen, Christenblut zu schonen, und den Schweizern die Mühe zu ersparen, ihn zu vertheidigen. Ich bekam deshalb den Papst gar nicht zu sehen. Uebrigens war Alles ruhig in Rom; sogar ruhiger und sicherer, als gewöhnlich, weil die Franzosen eine bessere Polizei einführten. Sobald es am Abend dunkel wurde, mußte man mit einer Laterne gehen, sonst wurde man arretirt. Die papiernen Laternen waren billig; aber eines Abends, als ich spät nach Hause ging, fiel das Licht in meiner Laterne um, zündete das Papier an, und im Augenblicke war sie verbrannt. Glücklicherweise begegnete ich der Wache nicht, sonst hätte sie mich ins Gefängniß geführt.
Ein starker Schnupfen plagte mich sehr, und ein junger, deutscher Arzt rieth mir, ein kaltes Bad statt eines warmen zu gebrauchen. Dies nahm ich buchstäblich. Ein kaltes Marmorbecken in einer kalten Badestube füllte ich mit eiskaltem Wasser und sprang hinein. Die Folge davon war, daß mich beinahe der Schlag getroffen hätte, und daß ich gleich wieder heraus mußte. Ich war so matt, daß ich mich kaum ankleiden und nach Hause schleppen konnte. Ich blieb auf dem spanischen Platze in der Mittagssonne stehen, bis der Schweiß ausbrach, und der hat mich vermuthlich gerettet. Als ich nach Hause kam, warf ich mich aufs Bett und schlief mehrere Stunden fest. Nun erwachte ich und es war mir so leicht zu Muthe, wie einem Vogel in der Luft. Aber noch ein anderes kaltes Bad, unter dem der Tod lauerte, sollte ich versuchen, ehe ich Italien verließ.
Ein Wassertanz.
Bei Riepenhausen's versammelte sich nach und nach eine größere Anzahl junger deutscher Künstler und Gelehrter:Beaulieu,Kestner,Mayeraus Hannover undSchlosseraus Frankfurt. Mit Einigen von diesen und mit Koës machte ich eine Lustfahrt nachTivoli, um die Ueberreste von Horaz'-Bad, die Hadrianische Villa und besonders — den berühmten Wasserfall zu sehen.
Zu diesem Wasserfalle muß man über einen schmalen Fußsteig ohne Geländer gehen. Linker Hand stürzt der Strom in einen bodenlosen Abgrund, auf der Rechten ist er ein kleines stillstehendes Wasser. Wenn man hinübergekommen ist, sieht man den unendlichen, schneeweiß schäumenden Fluß sich aus der Höhlung herauswälzen. Ein seltenes, schönes und feierliches Bild!
Als ich meine Augen an diesem herrlichen Schauspiele gesättigt hatte und glücklich über den schmalen Steg zurückgekommen war, entdeckte ich Christel Riepenhausen, der nicht mit uns Andern hinübergegangen, sondern auf dem fernen Ufer zurückgeblieben war, und sich mit dem begnügte, was er von ferne sehen konnte. „Warum stehen Sie da drüben, wie ein Huhn, das mit den Enten nicht ins Wasser gehen darf?“ fragte ich ausgelassen — „„Ich habe es schon so oft gesehen,““ antwortete er, „„ich habe keine Lust, heute hinüber zu gehen.““ — „Nun sollen Sie sehen, daß ich über den schmalen Steg hinübertanze!“ rief ich übermüthig. — Ich tanzte wirklich glücklich hinüber; aber als ich zurück wollte, machte ich (der ich nicht einmal auf der ebenen Erde tanzen konnte) einen Fehltritt, glitt aus — und war im Begriff, in den Wasserfall hinabzustürzen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes dachte ich „Du mußt hinab! wirf Dich über den Steg in das ruhige Wasser, da kannst Du vielleicht gerettet werden.“ — Ich stürzte mich fast auf den Kopf hinüber, kam wieder herauf und griff mit beiden Händen um mich. Ein Freund faßte mich am Kragen. Triefend naß stand ich wieder zwischen meinen entsetzten, bleichenGefährten, und ehe sie sich fassen konnten, rief ich folgende Verse aus Schiller's Taucher:
„Hoch lebe der König! Es freue sich,Wer da athmet im rosigen Licht;Da unten aber ist's fürchterlich,Und der Mensch versuche die Götter nicht.Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.“
„Hoch lebe der König! Es freue sich,Wer da athmet im rosigen Licht;Da unten aber ist's fürchterlich,Und der Mensch versuche die Götter nicht.Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.“
„Hoch lebe der König! Es freue sich,Wer da athmet im rosigen Licht;Da unten aber ist's fürchterlich,Und der Mensch versuche die Götter nicht.Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.“
„Nun wollen wir laufen,“ fuhr ich fort, „damit ich nicht das Fieber bekomme.“ Darauf lief ich, was ich konnte, zum Wirthshaus hinauf, und die Andern folgten schweigend. Christel hatte mich hinuntergleiten sehen, das Antlitz fortgewandt, und ausgerufen: „Ich sehe ihn nie wieder.“ Als ich ins Wirthshaus hinauf kam und mich ausgekleidet hatte, gaben sie mir Jacke und Pantalons von Flanell, welche mir gute Dienste thaten. Nun gingen die Anderen, froh darüber, daß ich gerettet war, zu Tisch, aber ich konnte Nichts essen. Ich legte mich in einem Nebenzimmer aufs Bett, und als ich von dort den entsetzlichen Wasserfall in der Tiefe brausen hörte, faltete ich meine Hände, und dankte Gott für meine Rettung.
Ein Unglückstag.
Am Nachmittag, als wir durch die Stadt gingen, zeigten die Leute mit Fingern auf mich und sagten: „Dort geht der Herr, der in die Cascade gefallen ist, ohne zu ertrinken!“ Es war dies ein unerhörter Zufall und manche Leichtsinnige waren bereits von der Tiefe verschlungen worden.
Aber ich war an demselben Nachmittage wieder in Lebensgefahr; denn als wir auf Eseln den Fels hinaufritten, hätte mich einer der Andern mit seinem Esel beinahe in den Abgrund hinabgestürzt, indem er jubelnd von meiner Rettung beim Wasserfalle sprach. „Laß mich nach Hause!“ rief ich, „es ist heute ein gefährlicher Tag für mich.“ Aber der Abend war schön und ruhig, und als ich in dem alten Garten, der dem Hause Este gehört hatte, unter den großen Cypressen stand, und die Sonne in all' ihrer Herrlichkeit untergehen sah, fühlte ich michtief ergriffen. Ein Jahr darauf suchte ich das Andenken in einem Gedichte „Rückblick auf Rom,“ auszudrücken, wo ich jene Begebenheit beschrieben habe.
Grotta ferrata.
In der heißesten Jahreszeit zog ich mit Koës, den beiden Riepenhausen, Kestner und Schlosser nachGrotta ferratahinaus, wo wir alle Bequemlichkeiten entbehrten; wir hatten nur ein großes, verfallenes Haus zu unserer Benutzung (eine frühere Villa), Kühle und frische Luft. Obgleich wir auf dem Lande waren, konnten wir doch weder Milch noch Sahne bekommen, sondern mußten Eier zum Morgenkaffee genießen. Die Wirthin, eine Bauerfrau, besorgte unsere Wäsche; aber als wir sie geglättet haben wollten, lächelte sie wie über Etwas, das sie nie gehört hatte, und wir mußten mit ungerolltem und ungeglättetem Leinenzeuge gehen. Ein altes Billard stand in der Halle mit einigen fünf- und sechseckigen Kugeln. Ueberall war es, die Kunstwerke ausgenommen, eine Seltenheit im Kirchenstaate, etwas Neuverfertigtes zu finden. Alles war da wenigstens ein paar hundert Jahre alt; es schien, als ob die Italiener seit der Zeit im Schlummer gelegen hätten, als ob sie nun Somnambülen wären. Ich war so wenig daran gewöhnt, neue Gegenstände in Italien zu sehen, daß es ordentlich mein Auge erquickte, als ich zum ersten Male in der Schweiz wieder ein hübsches, neues, weißangestrichnes Stacket vor einem gutgepflegten Garten erblickte. Aber wer hielte sich doch nicht gern in einer solch verzauberten Stadt wie Rom auf, wo schöne Feenschlösser mit herrlichen Kunstwerken und kühlen, wenn auch altmodischen Gärten und Hecken sich dem Wanderer öffneten; wo man stets schöne Frauen unter einem blauen Himmel findet; obgleich die Männer im Ganzen genommen etwas müßig und faul dahinschlendern, und das Gras in der Sonne fast überall verdorrt.
Mit der grünen Frische der nordischen Eichen- und Buchenwälder kann das Buschwerk in Italien sich nicht vergleichen.Wir unternahmen einmal eine Fahrt durch die Campagna, wo die Heuschrecken so dicht wie Schnee das Feld bedeckten. Sie spritzten wie Wasser zu beiden Seiten der Radspur in die Höhe, und das Geleise selbst war naß von zerquetschten Heuschrecken. Später wurde ein Priester hinausgesandt, der sie förmlich in die Hölle hinabbeschwören sollte; ob es half, will ich ungesagt sein lassen.
Römischer Sommer. — Der Maler Müller.
Den angenehmen Schatten der Bäume im Sommer, können die Italiener nicht genießen; sie fliehen die Bäume in der starken Hitze, weil sie durch ihre Dünste ungesund sind; die Damen können den Blumengeruch nicht vertragen; denn er ist ihnen zu stark; von den herrlichen Früchten darf man nur wenig, und sie nur immer mit Brot essen, um nicht das Fieber zu bekommen. Der Scirocco kommt häufig von den afrikanischen Wüsten herüber; das Mittelmeer war nicht im Stande gewesen, ihn abzukühlen, und er schlug mich mit Lähmung in allen meinen Gliedern, so lange er währte. Von deraria cattivalitt man in Rom sehr viel. Große, schöne Straßen stehen fast menschenleer, weil Niemand dort wohnen darf; und auf vielen Stellen brennen sie Stroh des Abends, um die ungesunde Luft zu reinigen.
Ich besuchte den berühmten Deutschen,Müller, der zum Dichter geboren war, aber durchaus Maler werden wollte. Ein kräftiger, feuriger Mann, von 60 Jahren, der nicht viel über 40 zu sein schien. Er schrieb eineheilige Genovevalange vor Tieck. Er wohnte gut und zu sehr billigem Preise hier in Rom. Als ich mich darüber wunderte, sagte er: „Das kommt daher, weil in dieser Straßearia cattivaist; aber darum kümmere ich mich nicht.“ Ich hatte die Freude, das Herz dieses kräftigen Mannes ganz zu gewinnen und er war ein eifriger Freund meiner Muse.
Das römische Volk.
Damit man doch nicht glauben solle, daß ich, wie einArchenholz, nur Italiens Schattenseite gesehen habe, will ich gern gestehen, daß das römische Volk mir im Ganzen genommen gut gefallen hat, das heißt, nicht die Vornehmen; denn diese sind verblüht (obgleich die Frauen noch körperlich schön blühen), sondern das Volk, in dem noch Kraft, Munterkeit, Naivetät und eine glückliche Anlage, Alles leicht aufzufassen, wohnt. Der gewöhnliche Mann ist lustig, gutmüthig und durchaus nicht falsch. Viele kalte Ultramontanen sind bedeutend falscher. Aber rachsüchtig ist der Italiener, größtentheils aus eifersüchtiger Liebe; und da kann er sogar böse und heimtückisch werden, wie ein toller Hund, der im gesunden Zustande treu und freundlich ist. Der Zorn brennt heftiger in dem warmen Blute dort, als bei uns. InMarinosah ich in einem Kruge zwei junge Bauerburschen im Kampf mit einander. Sie waren beim Weine uneins geworden, sprangen von den Bänken auf, zogen ihre Jacken ab, wickelten sie wie ein Schild um den linken Arm, und nun suchten sie, mit langen Messern bewaffnet, einander zu verwunden. Der Eine wurde in die Hand gestochen und blutete. Ein Bildhauer oder Maler würde in diesen schönen, zornigen Antlitzen, in diesen edlen Bewegungen schöne Motive zu einer Composition gefunden haben. Endlich sollte Frieden gestiftet werden. Man reichte ihnen gefüllte Gläser. Mit zitternden Händen und todtenbleich stießen sie an. Ein Italiener, der neben mir stand, flüsterte: „Das geht nie gut aus. Einer von Diesen macht den Andern kalt, ehe das Jahr um ist.“
Diese Blutrache ist ein häßlicher Zug den die Italiener mit den schottischen Hochländern gemein haben; aber um wieviel munterer, gutmüthiger, angenehmer sind doch jene, wenn sie nicht gereizt werden.
Frau Brun erzeigte mir viele Gastfreundschaft; in ihrem Hause lernte ich die beiden BaroneRennenkampfkennen. Ich verdanktemeiner Landsmännin noch die Bekanntschaft der Frau v.Humboldt. Wie gern hätte ich auch den Minister, ihren Mann, einen der tüchtigsten Aesthetiker Deutschlands kennen gelernt.
Der fünfte Act meines Correggio.
In Rom und inGrotta ferratadichtete ich meinenCorreggio. Ich war bis zum fünften Acte gekommen, als ich in den Wasserfall bei Tivoli stürzte. Wäre ich dort liegen geblieben, so hätte ich den Wienern nicht die Mühe gemacht, diesen Act bei der Aufführung wegzustreichen. Die Erinnerung an diesen Fall gab mir den Stoff zu Lauretta's Liede.
Als der Sommer nicht mehr so heiß, der Himmel kühl und klar geworden war, so daß ich wieder frei athmen konnte, genoß ich auch die Schönheiten Roms und der Umgegend. Acht Tage lang war ich bei Frau Brun inAlbano; dort ritten wir am Abend auf Eseln und machten kleine Wallfahrten. Unter Anderm entsinne ich mich eines Besuchs bei den alten Mönchen im Kloster auf dem Berge. Als wir nach Hause ritten und mein Esel ziemlich rasch den Berg hinab lief, hörte ich meine Freundin hart hinter mir hergallopiren; sie rief: „Oehlenschläger! reiten Sie um Gotteswillen nicht so rasch!“ — „„Weßhalb?““ fragte ich — „Wenn Sie rasch reiten, muß ich es auch; denn mein Esel folgt dem ihrigen immer auf den Fersen.“ Ich versuchte nun langsam zu reiten; aber wenn ich und mein Esel in Gedanken verfielen, trabten wir wieder rasch den steilen Bergweg hinab, bis der Ruf der Dichterin oder das Lachen der reizenden Ida uns in der Fahrt anhielten.
Von welch wunderbarem Gefühle wird man erfüllt, wenn man die Gegend dort unten überschaut! An einem kleinen See lagAlba longa. Weiter hin landeteAeneas, ein abenteuerlicher Schiffer, mit einer handvoll trojanischer Matrosen, auf einer fremden Küste, wo sie eine unbedeutende Colonie anlegten. Und aus diesem Funken entstand die große Weltenflamme.
Man fragte mich immer, ob ich nicht nachNeapelhinunter wolle; aber ich war nun 4½ Jahr von Braut, Familie und Vaterland entfernt gewesen; ich sehnte mich nach Hause und hatte keine Lust, weiter zu reisen. Hätte der Vesuv Feuer ausgeworfen, so wäre ich doch hinuntergegangen. Aber einen beschwerlichen Weg in der heißesten Jahreszeit zweimal durch die pontinischen Sümpfe zu machen, blos um mich einige Tage in Neapel aufzuhalten, — und dann direct nach Kopenhagen zu jagen, dazu hatte ich keine Lust. Auf der Rückreise wünschte ich nur noch einige Besuche zu machen, und ich mußte mich so einrichten, daß ich nicht zur späten Winterszeit in Dänemark ankam. Auch wollte ich gern der ersten Vorstellung von Axel und Walborg beiwohnen.
Gedenkblatt von Christel Riepenhausen.
Hierüber mußte ich nun viele Neckereien, halb im Scherz, halb im Ernst anhören, daß ein nordischer Barbar keinen Sinn für südliche Naturschönheiten habe; besonders von Christel Riepenhausen, der ein sehr witziges und hübsches Stück in mein Stammbuch zeichnete, wo ich zwischen all' den Schrecken stehe, die er in einer Parodie von Göthe's: „Kennst Du das Land“, folgendermaßen in dem Verse anbrachte, der mit dem Bilde folgte:
„Wo Schlangen dräuen, wo gift'ge Blumen blüh'n,Aus Erd und Himmel schlagend, Flammen glüh'n,Scirocco heiß vom bleichen Himmel weht,Und im Gebüsch der gier'ge Mörder steht, —Kennst Du das Land?“Wenn Sie in einem schöneren Lande glücklich sind,denken Sie neben allen diesen Gefahren an IhreFreunde, die Sie herzlich lieben.
„Wo Schlangen dräuen, wo gift'ge Blumen blüh'n,Aus Erd und Himmel schlagend, Flammen glüh'n,Scirocco heiß vom bleichen Himmel weht,Und im Gebüsch der gier'ge Mörder steht, —Kennst Du das Land?“Wenn Sie in einem schöneren Lande glücklich sind,denken Sie neben allen diesen Gefahren an IhreFreunde, die Sie herzlich lieben.
„Wo Schlangen dräuen, wo gift'ge Blumen blüh'n,Aus Erd und Himmel schlagend, Flammen glüh'n,Scirocco heiß vom bleichen Himmel weht,Und im Gebüsch der gier'ge Mörder steht, —Kennst Du das Land?“Wenn Sie in einem schöneren Lande glücklich sind,denken Sie neben allen diesen Gefahren an IhreFreunde, die Sie herzlich lieben.
Ultramontane in Rom.
In dem ersten Monate, den ich in Rom verlebte, machte es mir Freude, täglich mit jungen, deutschen Künstlern umzugehen; aber ich rathe einem jeden Reisenden, lieber die Bekanntschaft der Eingebornen des Landes aufzusuchen. Dadurch lernt man besser das nationale Element kennen, und deßhalb reis't mandoch eigentlich. Die Ultramontanen bringen ihre Sitten und Gewohnheiten mit; da muß man in der Mittagshitze mit ihnen laufen, und in die Nacht hinein wachen, was kein Römer thut. Mit jugendlicher Unwissenheit und Einseitigkeit beloben sie das Halbbekannte mit einem außerordentlichen wenn auch nicht erquickenden Enthusiasmus, und setzen das Vaterländische, das sie oft noch weniger kennen, herab. Auch herrscht gewöhnlich ein roher Ton unter ihnen. In unserm Zirkel, der aus talentvollen, älteren und mehr Gebildeteren bestand, wo Thorwaldsen präsidirte, war es natürlich viel besser. Ich habe manche schönen Abende in diesem Kreise zugebracht, wo wir uns denAcciuto, unsernOrviettound den Speckschinken selbst mitgebracht hatten, oder uns für ein paar Bajocchi's in einer oder der andern Osterie zu gute thaten.
Auch kam ich zuweilen in brillante Abendgesellschaften, wo man schöne Musik hörte, schöne Damen sah und dann kaltes Wasser und Eis bekam, um sich wieder abzukühlen. Einen herrlichen Abend brachte ich mit Brun bei dem Prinzen Colonna in seiner schönen Villa zu, wo die Marmorüberreste der ältesten Zeit von Myrthen und Lorbeer bewachsen im Grase liegen.
Abschied von Rom.
Als ich Rom verlassen sollte, besuchte ich wehmüthig und einsam zum letzten Male die Kirchen, den Vatican, das Campo vaccino, mit all' den merkwürdigen Ueberresten, Titus' Ehrenpforte, wo man noch in einem fast verwischten Basrelief den siebenarmigen Leuchter sieht. Durch diese Pforte gehen die Juden nicht, sondern um sie herum, auf einem Fußwege. Ich besuchte noch einmal die Villa Borghese, wo ich so oft umhergewandelt war, und wo ich, als ich Correggio dichtete, die Idee zur Scene mit Cölestine erhielt. Denn als ich an einem kühlen Abende da umher ging und dachte, wie ich Correggio auf eine würdige Weise über die Beleidigung erheben sollte, die Octavio ihm zufügte, hielt mich ein Zweig der Lorbeerhecke freundlich am Knopflochemeines Rockes zurück; und der Gedanke fiel mir plötzlich ein „ein schönes, edles Mädchen soll ihm den Lorbeer winden.“
Es that mit recht leid, mich von meinem Sprachlehrer, einem sehr gebildeten und geistreichen Römer zu trennen, dessen Namen ich vergessen, und mit dem ich das Meiste aus Dante's Hölle gelesen habe. Auch vonConfidati, meinem vortrefflichen Gesanglehrer, schied ich ungern. Ich hatte mir eine sehr gute Guitarre gekauft, da ich die Absicht hatte, auf diesem Instrumente spielen zu lernen. Aber die Zeit war zu kurz und ich verehrte sie Franz Riepenhausen. Er und sein Bruder zeichneten mich wieder mit schwarzer Kreide sehr ähnlich, und gaben mir das Bild mit. Nach diesem Bilde ist der Kupferstich in Nyerup's Almanach gemacht.
Zwei junge, italienische Mädchen, Kinder der Leute, in deren Hause Riepenhausen's wohnten, spielten mir zum Abschiede eine Pantomime vor, die die Trennung zwischen zwei Geliebten vorstellen sollte. Die jüngste war der Geliebte, die älteste die Liebhaberin. Als diese nun verzweifelt auf einen Stuhl sinken sollte, und nicht leidenschaftlich und betrübt genug war, rief die Jüngste erbittert: „Fatte le smanie, Bestia!“
Den letzten Abend war bei Thorwaldsen Gesellschaft; unter Anderen befand sich mein Landsmann und Vetter, Historienmaler Lund dort, der meine Schwester als Kind Zeichnen gelehrt hatte, als er als Jüngling meine Eltern auf Friedrichsberg besuchte. Wir waren Alle lustig und munter. Einige sangen, und ich sang unter Anderm „Göthe's Musen und Grazien in der Mark,“ nach einer alten, pathetischen Freimaurermelodie mir Rouladen und Trillern, welche dazu beitrugen, die Ironie des Gedichtes zu verstärken. Ich hatte Göthe selbst dieses Lied vorgesungen, und es hatte ihn sehr amüsirt und machte ihm besonders Spaß, wenn ich zuletzt das deutsche harte B und das weiche T gebrauchte und sang: „Wir sind pieder und nadierlich.“ Er wiederholte es lachend und rief laut: „„Pieder und nadierlich, der verfluchte Däne!““ — Hier gefiel das Lied auch, nur nicht demChristel Riepenhausen, der sich kalt zu seinem Nachbar wandte indem er sagte: „Mir scheint die Melodie nicht passend. Was meinst Du dazu?“ — Dieß verstimmte mich natürlich. — Ich hatte nicht gesungen, um Beifall einzuernten, sondern um mein Scherflein zu der allgemeinen Munterkeit beizutragen. — Bald sollte ich fortreisen und diesen Kreis vielleicht nie wiedersehen, doch vergab ich ihm gern, als er am nächsten Morgen bei Tagesanbruch mich mit den übrigen Freunden, unter denen Thorwaldsen war, ein Stück Wegs zur Stadt hinaus begleitete. Koës reiste mit mir. — Wir wollten Beide den dänischen Minister Schubart in Livorno auf Montenero besuchen. Der Weg führte durch schöne Berggegenden: Wir sahen den malerischen Wasserfall inTerni, kamen durch Perugia, Pietro Vanucci's (Raphael's Lehrers) Geburtsort, und sahen sein Portrait, welches die Einwohner nicht um eine ungeheure Summe hatten verkaufen wollen, so stolz waren sie auf ihren Künstler; d. h. als er todt war. Darauf kamen wir vonCortonaundArezzo(Petrarca's Geburtsort) wieder nach ItaliensBlumenstadt, meinem Lieblings-Aufenthalte jenseits der Alpen.
Sowohl jetzt, als das erste Mal, als ich in Florenz war, bekam ich ein Sonett von einem bettelnden Dichter, in welchem stand, daß die Nymphen des Arnoflusses sich über meine Ankunft freuten. Ein solches Sonett, und wahrscheinlich dasselbe, bekommt jeder Reisende und vergilt die Höflichkeit mit dem Honorare einiger Schillinge.
Ein Unzufriedener.
Hatte ich nun auf meiner Hinreise nach Rom einenfranzösischenKaufmann zum Reisegefährten, der unzufrieden mit dem italienischen Wesen war, und mich oft durch seine üble Laune gestört hatte, so traf ich auf meiner Reise nach Florenz einendeutschen Dito, der viel amüsanter war. Er schimpfte Italien noch heftiger aus als der Franzose, und brauchte noch viel beleidigendere Redensarten; aber mit viel mehr Berechtigung;es geschah nicht aus Nationalhaß, sondern, weil er kein Wort italienisch wußte, nicht das Geringste von den schönen Künsten verstand, und noch weniger als ich die Hitze ertragen konnte. Als reicher Gourmand fand er natürlich alle Wirthshäuser auf dem Wege abscheulich. Uebrigens war es ein außerordentlich freundlicher Mann, der blos um einem mitreisenden, gelehrten Freunde zu dienen, sich darein gefunden hatte, Wien zu verlassen, wo er wie im Paradiese lebte, von lauter gebackenen Hähndeln und delicaten Mehlspeisen umgeben. Nun zog er über die Alpen und schwärmte allerdings wie eine Fliege, die unversehens in eine leere Flasche gekommen ist. — Wir trafen ihn stets in den Wirthshäusern scheltend und fluchend, indem er mit dem Taschentuche das glänzende Antlitz abwischte; denn er war sehr corpulent. Er hatte es sich allmälig bequemer gemacht; zuletzt kam er in einer dünnen, weißen Piqué-Nachtjacke und leinenen Hosen. Es würde mich gar nicht gewundert haben, wenn wir ihn die letzten Male im bloßen Hemde oder später nackt gesehen hätten. Es ging ihm, wie einem schiffbrüchigen Manne, der nach und nach Alles, und doch vergeblich über Bord wirft. Jedesmal, wo er mich in einem Wirthshause traf, fragte er mich: „was er in Italien solle?“ und stets blieb ich ihm die Antwort schuldig. Man sollte nun glauben, daß, da er unaufhörlich schimpfte und fluchte, die Leute des Hauses auf ihn böse geworden wären: aber glücklicherweise geschah dies auf deutsch; sie verstanden ihn nicht und lachten über sein Benehmen, da die Italiener sehr viel Sinn für das Burleske haben. Selbst wenn er rief: „Cattive gente!“ das einzige Italienisch, dessen er sich bediente, schlugen sie ein lautes Gelächter auf. Einige glaubten, er sei verrückt und hatten inniges Mitleid mit ihm. In Allem, worüber er sonst mit uns sprach, wenn es ihn interessirte, zeigte er einen guten natürlichen Verstand, und er war gewiß ein tüchtiger, einsichtsvoller Kaufmann. Aber er fragte immer wieder: „was soll ich in dem verdammten Lande? etwa die alten Steinbilder sehen, die da gegen allen Anstand, ohne die geringsteBekleidung stehen? in die katholische Kirche gehen, während ich doch ein guter Lutheraner bin, um ihr Lirumlarum mit anzuhören? mich von den Wirthen betrügen, von ihrem Ungeziefer beißen lassen, und ihr Gift essen?“ Der gelehrte Freund suchte ihn zwar zu beruhigen und hielt ihm kleine, populäre Vorlesungen; aber das half Nichts. Erst als wir in Florenz beiSchneider'swaren, kam er in guten Humor, lud uns zu einer prächtigen Mahlzeit ein, und zeigte sich nun in seiner ganzen Gutmüthigkeit.
Pisa und Livorno. — Das Meer.
Als wir ein paar Tage in Florenz gewesen waren, reiste ich mit Koës durchPisanachLivorno. In dem Augenblicke, wo ich hier das Meer zum ersten Male wiedersah, brach ich in Thränen aus und fühlte ganz, was der Schweizer empfindet, wenn er seine Berge wiedersieht. In Montenero feierten wir den Geburtstag der Baronesse Schubart; dieser hatte das Merkwürdige für mich, daß er auf den 10. September, also gleichzeitig mit dem meiner Mutter fiel. Meine dadurch veranlaßten Gefühle theilte ich der Baronin in einem kleinen Gedicht mit. Baron Schubart begleitete uns nachPisa, wo er den Winter wohnte. Hier bewirthete er uns zum Abschiede in seinem eigenen Hause. In Pisa sah ich denschiefen Thurmund dasCampo santo. Die vornehmsten Aristokraten des Mittelalters liegen hier in heiliger Erde, die auf Schiffen von Jerusalem geholt ist; und nun sind sie Würmer, gleich den Bauern, die in einfacher, italienischer Erde zu Staub werden. In den Straßen wächst hohes Gras zwischen den breiten Fließen vor den verlassenen Palästen, und die ungeheure eiserne Kette, die früher ihren Hafen sperren sollte, wurde von den Florentinern gesprengt und rostet nun beim Battisterio in Florenz. Dagegen blühen noch an den Wänden desCampo santodie Bilder der ältesten italienischen Maler in jugendlicher Frische. — Die geistige That hat doch auch Etwas zu bedeuten und überlebt die That menschlicherGewalt, wenn sie auch für den Augenblick dieser dienen muß, und Fichte sagte wohl mit Recht von dem geistig Wirkenden: „Wir sind auch eine Macht und zwar keine geringe.“
In Florenz: Arndt, Bröndsted, Koës.
Als wir nach Florenz zurück kamen, trafen Koës und ich unvermuthet unsern lieben Bröndsted. Wir wußten wohl, daß er nach Italien kommen wollte; aber er überraschte uns hier, und das verdoppelte unsere Freude. Nachdem wir zusammen Mittag gegessen hatten, gingen wir in dem schönen Wetter Arm in Arm durch die Stadt spazieren. An einer Straßenecke stand ein schlecht gekleideter, kleiner Mann mit angeschwellten Taschen und streckte den Kopf mit der spitzen Nase (wie ein Huhn, wenn es trinkt) in die Höhe, um ein Placat zu lesen, das ziemlich hoch angeschlagen war. — „Da stehtArndt!“ flüsterte ich leise zu den Andern, indem wir dicht an ihm vorüber gingen. — Er bemerkte uns nicht, wir eilten von dannen und sahen ihn nie mehr wieder. Er lebte noch einige Jahre, ging oft noch von Süd nach Nord, von Nord nach Süd, und zuletzt fand man ihn in einem Graben, — ich weiß nicht, ob es in der Nähe von Torneå, Marseille, Moskau oder Venedig war, — vom Schlage getroffen, todt, die Taschen voll von Manuscripten, die man zu Nichts gebrauchen konnte.
Ebenso froh wie ich geworden war, Bröndsted in Florenz zu treffen, ebenso betrübt war ich, als ich mich kurze Zeit darauf von ihm und meinem treuen Koës trennen mußte, den ich erst bei Gott wiedersehe, im Leben aber nie vergesse. Der wackere Mensch, dessen Geist nach Wahrheit und Schönheit strebte, starb in Griechenland. Wilder Lorbeer und Myrthe bedecken sein Grab. Er war nicht Zeuge des Jammers und der Zerstörungen des Landes, das er so innig liebte; aber er ahnte diebessere Zukunft, für die die Hellenen so wacker gestritten haben, und die ihnen alle dankbaren Musensöhne von Herzen wünschen.