The Project Gutenberg eBook ofMeine Lebens-Erinnerungen - Band 3

The Project Gutenberg eBook ofMeine Lebens-Erinnerungen - Band 3This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 22, 2015 [eBook #48559]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 3 ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 22, 2015 [eBook #48559]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)

Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Author: Adam Oehlenschläger

Author: Adam Oehlenschläger

Release date: March 22, 2015 [eBook #48559]Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)

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Ein NachlaßvonAdam Oehlenschläger.Deutsche Originalausgabe.Dritter Band.LeipzigVerlag von Carl B. Lorck.1850.

Bei meiner Heimkehr traf ich meine Christiane und ihren Vater nicht mehr in dem großen Hause und dem schönen Garten auf der Norderstraße; dieses war durch das Bombardement in Asche gelegt worden. Sie hatten nun eine beschränkte Wohnung an der Ecke der Büngaard-Gasse; aber der Alte hatte sein Bestes, seine Gemüthsruhe und die stille Munterkeit, gerettet. Er liebte wie früher Sprachstudien, Musik und mechanische Beschäftigungen. Mit Christiane besuchte ich die Gräfin Schimmelmann, die sie lieb gewonnen hatte und beständig bei sich sah. Auch mit dem Herzoge von Augustenburg hatte Christiane auf eine sonderbare Weise Bekanntschaft gemacht. Sie war gerade eines Tages mit der Gräfin in deren Schlafkammer, als der Herzog sich melden ließ. Die Gräfin Schimmelmann, die oft gute Einfälle hatte, bat nun Christiane — sie hatte gerade ihren reichen Haarwuchs bewundert — die Flechten aufzulösen, und sie von dem Kammermädchen so zurichten zu lassen, daß sie in den Haaren verborgen wie in einer Glocke stand. Darauf ging die Gräfin zum Herzog, und bat ihn, eine junge Dame mitbringen zu dürfen, welche wünschte, die Bekanntschaft seiner Durchlaucht zu machen. Und nun trat eine Gestalt ins Zimmer, von der man bis auf die Füße nichts weiter sah, als das reiche glänzende blonde Haar. — Auch die Bekanntschaft König Friedrichs VI. hatte Christiane auf eine eigenthümliche Art gemacht. Als die zwei Jahre von der Zeit meines Reisestipendiums verflossen waren, wollten Schimmelmann und Reventlow mir die sechshundert Thaler gern noch auf ein Jahr verschaffen; um abereines guten Ausfalles gewiß zu sein, da die Poesie nicht in besonderer Gunst bei diesem guten, auf alles Nützliche väterlich bedachten Könige stand, wurde es bei Schimmelmann's folgendermaßen abgemacht: Christiane hatte sich in der letzten Zeit mit einer Freundin im Schönschreiben geübt und es darin weit gebracht. Nun mußtesiedas Gesuch so schön, als möglich, schreiben und Schimmelmann brachte es zum Könige, dessen gutes Herz dadurch gerührt wurde, daß eine Braut auf diese Weise ihrem Bräutigam helfe; er bewilligte die Bitte, bewunderte die schöne Handschrift, und fragte, indem er mit dem Gesuch in das Cabinetsecretariat hineinging: „Kann Einer von Euch so hübsch schreiben?“

Meine Heimkehr und Professur.

Nach meiner Heimkehr machte ich dem Könige gleich meine Aufwartung. Es demüthigte mich Etwas, daß er, als ich ihm meinen Namen nannte, sagte: „So, so, Sie sind Oehlenschlägers Sohn!“ Meinen Vater kannte er natürlich vom königlichen Schloß her viel besser, als mich. Aber als das Gespräch gleich auf Axel und Valborg kam und er sagte: „Das Stück ist vortrefflich!“ fühlte ich mich wieder getröstet. Durch Schimmelmann's Einfluß auf den Herzog von Augustenburg und nach dessen Vorschlage, wurde ich kurz darauf als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt, ohne daß ich darum nachsuchte. Nach den geltenden Regeln hatte ich eigentlich keine Berechtigung, denn ich hatte nur das lateinisch-juridische Vorbereitungsexamen gemacht, wenn auch bereits vor 10 Jahren eine akademische Abhandlung geschrieben, die der Prämie würdig erkannt worden war, und dies hat vermuthlich zu meiner Anstellung beigetragen. Als ich dem Könige dafür dankte, sagte ich: „Ich muß die Gnade Ew. Majestät als einen Dichterlohn betrachten; aber dann muß ich auch glauben, Sie wollen, daß ich Dichter bleiben soll. Die Dichter gehören zu den Vögeln, welche in einem Bauer schlecht singen; ich glaube wohl, daß ich im Winter Professor sein könne, wenn ich im Sommer Poet sein darf, d. h.: wenn ich von den Sommervorlesungenentbunden werde.“ Dies fand er billig, und so hielt ich 22 Jahre lang,venia regis, keine Sommervorlesungen, bis ich mich ein Mal darein fand, um dadurch um so leichter eine kleine Gehaltserhöhung zu erlangen.

Dichter-Honorare.

Jetzt hatte ich 1200 Rbthlr., davon 600 von der Universität, 600 von der Finanzcasse. Daraufhin wollte ich mich nun verheirathen; man meinte, das müsse vortrefflich gehen, wenn ich Alles dazu legen wollte, was Aladdin's Lampe (die Poesie) einbringen würde. Ich glaubte es selbst; bis jetzt hatte ich mich nicht sehr viel mit der Oeconomie abgegeben, hatte mich mit meinen Ausgaben nach der Decke gestreckt, hatte keinen Schilling Schulden, sollte Honorar für Axel und Valborg bekommen, der bald aufgeführt wurde und hatte außerdem Correggio für die Einnahme des nächsten Jahres mitgebracht. Leider hatte ich mich aber nicht auf den Buchhandel verstanden, und litt deshalb einen unersetzlichen Verlust und verlor Einkünfte, die meinen Wohlstand hätten begründen können. Vieles konnte man aber auch nicht voraus wissen. Für meineersten Gedichtegab Brummer mir 100 Rbthlr.; für diepoetischen Schriftenerhielt ich von Schubothe 6 Rbthlr. per Bogen, und mußte noch Vorwürfe hören, daß das Buch so groß geworden sei. Dienordischen Gedichtebekam ich etwas besser bezahlt, vielleicht das Doppelte; fürAxel und Valborgerhielt ich endlich 300 Rbthlr.; aber 3000 Exemplare dieses beliebten Stückes sind gewiß im ersten Jahre verkauft worden. Für die folgenden Auflagen erhielt ich nicht einen Schilling. Nun war mir noch Correggio übrig, den mein früherer Verleger auch gern haben wollte. Als ich ihm erzählte, daß ich das Stück selbst verlegen würde, sagte er ganz betrübt: „Ach Herr Professor, das werden Sie doch nicht thun?“ — „Ja gewiß,“ antwortete ich, „es kann mir Keiner verdenken, daß ich mir selbst erwerben will, was ich nothwendig selbst brauche.“ Ich behielt es also, und ohne dieses Reiben der Lampe hätte mein Geist mir seine Gaben nicht gebracht. Aber er brachte nicht Gold und Edelsteine. Der größte Vortheilwar in fremde Hände gekommen. Meine Schriften gingen wohl noch gut; aber nicht so reißend, wie in der ersten Frühlingszeit meines Auftretens, wo Alles neu und ungewöhnlich war. Ich verstand mich auch später nicht auf den Buchhandel, das wußte ich; Christiane verstand es auch nicht; aber sie wußtees nicht. Viel ging verloren; aber es kam doch so viel ein, daß ich in den ersten Jahren vor Nahrungssorgen sicher war.

Die Professur in Gefahr.

Ich muß bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines Mißverständnisses von Seiten meines Gönners, des Herzogs, gedenken, das mich fast um das Amt gebracht hätte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, daß ich ihm aus Dankbarkeit Etwas von meinen Plänen über meine bevorstehenden poetischen Arbeiten mittheilen müsse. Ich sagte ihm also, daß ich einen Roman schreiben wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrübt, daß der Herzog befürchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; daß ich durchaus zu ihm hineilen müsse, um dieses Mißverständniß zu heben, das das Schiff meiner Hoffnungen leicht stranden machen könne. Ich eilte also zum Patron, und erklärte ihm, daß das, was ich erzählt hatte, durchaus nicht meine Vorlesungen berühre: daß das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich im Kopfe hätte. Dies beruhigte ihn wieder; „denn,“ sagte er, „wenndaswäre! —“ Hierin lag gewissermaßen noch eine Warnung. Und als ich ihn verließ, mußte ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert war, weil er einen Menschen übergefahren habe, daselbst aber bewies, daß er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, daß er ihn nicht so ganz frei durchschlüpfen lassen könne,sagte: „Da Du es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; daß es aber nicht öfter geschieht!“ Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief, als er sein Universitätspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir für den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.

Eine Genugthuung.

Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben, in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgeführt werden sollte, und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht übersetzt. Alles Vornehme und zum Hof Gehörige (bis auf den König und die Königin) war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf Baudissin, der einer der Zuhörer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn seit dem kurzen Besuch vor fünf Jahren in Berlin, wo er Minister war, nicht gesehen. Er begrüßte mich mit vieler Achtung, und manövrirte um mich her, indem er mir auf eine höfliche Weise zu Leibe rückte, bis er mich in einen Winkel des Saales gedrängt hatte. Er stellte sich fest und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, daß Etwas in ihm gähre, womit er kämpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: „Ich habe Ihnen Unrecht gethan, ich bitte Sie um Verzeihung!“ Nun verstand ich ihn, und es rührte mich, diesen adelstolzen, strengen, militärischen Mann (er war damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanität (wegen deren er ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewiß nicht leichte Opfer bringen zu sehen. „Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht gethan,“ sagte ich, „aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der die herkömmlichen Formen nicht beachtete, es vergaß, Ihnen in Berlin meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich muß also Sie um Vergebung bitten!“ — Damit war der Frieden geschlossen; und nun hätte ich ihm freilich den Besuch machensollen, den ich in Berlin vergaß, und von dem ich ihm selbst zugestanden, daß ich ihn ihm schulde, — aber — ich unterließ es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten und fremden Fuß mit einander. Warum unterließ ich es denn? War es Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewiß nicht; aber ich fühlte, daß dieser Mann und ich nicht sympathisirten, daß das aristokratische Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener Mann war, daß es früh oder spät mich wieder verletzen würde; und daher fand ich es für besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwäche, die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen; alle Stände sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas zu sagen hatte, war es natürlich, daß dieses Gefühl des Geburtsstolzes — eigentlich ein Unding — oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnißreicher und höchst gebildeter Jüngling, der einem spätern, mehr aufgeklärten Zeitalter angehörte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s. w., einmal eine Abhandlung darüber geschrieben: daß kein Unadliger eigentlich das Gefühl der Ehre haben könne; worin er ganz Recht hatte, wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das Mittelalter beherrschte.

Adelshochmuth und Pöbelplumpheit.

Obgleich ich als Dichter zu allen Ständen gehörte und mit ihnen umging, habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die Pöbelplumpheit finden können; ich suchte das schön Menschliche im Palast wie in der Hütte, d. h. das Poetische; die höflichen Uebertreibungen gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem verziehen werden könne. Das Rohe kann außerdem auch reif werden, nie aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schönheit erheben, Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schönheit; und im schlimmsten Falle ist es weniger gefährlichfür die Gesundheit, in der Nähe eines Wagens zu stehen, der voller Dünger ist, als in einem Treibhause voll blühender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des Widerlichen gesund sein; aber der übertrieben starke, feine Wohlgeruch ist tödtend.

Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit den Großen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte erzählen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleipräsident Friedrich Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jünglinge bleiben. Für die Poesie hatte er eine ungeschwächte Liebe. Ewald war sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schöne Ode: „Des Schwertes Sausen und der Lärm der Schilde“ gewidmet, welche so endet:

„Deshalb lächelnder Tugenden, reichenWissens glühender Freund, der die ErdeLiebet! Deshalb, mein edelster Moltke!Füllst Du mir mächtig die Brust und der HarfeZitterndes Gold!“

„Deshalb lächelnder Tugenden, reichenWissens glühender Freund, der die ErdeLiebet! Deshalb, mein edelster Moltke!Füllst Du mir mächtig die Brust und der HarfeZitterndes Gold!“

„Deshalb lächelnder Tugenden, reichenWissens glühender Freund, der die ErdeLiebet! Deshalb, mein edelster Moltke!Füllst Du mir mächtig die Brust und der HarfeZitterndes Gold!“

In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube bei der Königin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft, indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke Aristokrat, und man sagte, daß er sich nie mit dem kräftigen Demokraten Christian Colbiörnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei war, welcher Moltke als Präsident vorstand, und die Folge davon war, daß Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg wurde.

Der gefeierte Dichter.

Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Großen, ebenso wie Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister GrafChristian Reventlow, GrafChristian Bernstorff, GeheimrathMoltkeund die Hofdamen Fräuleinv. d.Maase, Gräfin Mynster und FräuleinLevetzau. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg bei einer dieser Damen; er hatte dem König und der Königin seine Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche der König und die Königin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darüber, daß Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: „Ew. Excellenz meinen, daß Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewiß; sein Vater war Bruder des Schauspielers Londemann, der die dänische Bühne verherrlichte, und das Zwergfell der guten Kopenhagener unablässig erschütterte; aber vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, daß der vortreffliche Darsteller des Holberg'schen Henrik ein viel älterer Adelsmann war, als Sie selbst sind, obwohl ich weiß, daß Ihr Adel alt ist, und daß bereits zu Erik Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird.“ — Moltke sah mich verwundert an und gestand: „Nein, das wisse er nicht.“ — „Das ist leicht zu beweisen,“ sagte ich, „Sie brauchen nur in der Vorrede zu der Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden, daß Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson stammt von Harald Schönhaar, und dieser von Regnar Lodbrok.“ — „Ja das ist sehr möglich!“ sagte Moltke artig und lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Moltke war ein hübscher Mann, leicht und schlank, sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweißen Haares glühten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.

Eine Anekdote von Thorwaldsen.

Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, daß man auf Länder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland, Corsica, Ungarn, Polen. — Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem Gespräche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise, huldigen.Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche ließ. Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen wurde, daß er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem norwegischen Könige Magnus Barfuß abstamme. „Das will ich glauben,“ sagte Thorwaldsen lächelnd zu mir, „darum bekomme ich heut auch keine Stiefeln!“

Reventlow. Bernstorff. Die Gräfin Mynster.

Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, saß an seiner Seite, und er machte mir das Compliment, daß ich für den Correggio verdiente Mitglied der Akademie der Künste zu werden. Aber als wir später von Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit über ihn stellte, nahm ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein. Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit für einen Landsmann; aber ich antwortete: „Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt sage, für eine Trivialität angesehen werden.“ — Der vortreffliche Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn für das Oeconomische und Nützliche, als für das Schöne, und er bewunderte deshalb auch Rumford als einen der größten Männer der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus entgegengesetzter Art, und das Aeußere dieser Herren entsprach ihrem Wesen. Reventlow groß, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne und Bänder wie ein sinnreicher, tüchtiger Handwerksmeister aus. Der rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die Stolberg's, nicht schwärmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie gegründete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchenAugenblicke zu ihm sagte: „es sei doch ein schöner Beruf, Staatsminister zu sein,“ entgegnete er: „Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstände haben mich dazu gemacht.“ Man hat ihm später vorgeworfen, daß er den Engländern zu viel getraut habe, und daß er ein Aristokrat gewesen sei. Dies letztere war gewiß stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und Anerkennung alles Großen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schöne junge Gattin war seiner würdig und durchaus liebenswürdig. Ich besuchte sie oft auf Schloß Bernstorff.

Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Gräfin Mynster, geborne Ompteda, Hofdame der Königin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin und übersetzte einige meiner Gedichte, unter andern „Die heimliche Stimme.“ Ich habe es mit einigen Veränderungen in der Ausgabe meiner deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer überspannten Sentimentalität. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir gewöhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen, theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltägliche herabzuziehen. Als wir einmal Schiller's „Lied an die Freude“ gelesen hatten, und sie zwischen den Sternen und den Millionen umherschwärmte, sagte ich: „Nun zur Veränderung ein anderes kleines Lied,“ und recitirte das Göthesche:

„Mich ergreift, ich weiß nicht wie,Himmlisches Behagen.Will mich's etwa gar hinaufZu den Sternen tragen?Doch ich bleibe lieber hier,Kann ich redlich sagen,Beim Gesang und Glase Wein,Auf den Tisch zu schlagen!“

„Mich ergreift, ich weiß nicht wie,Himmlisches Behagen.Will mich's etwa gar hinaufZu den Sternen tragen?Doch ich bleibe lieber hier,Kann ich redlich sagen,Beim Gesang und Glase Wein,Auf den Tisch zu schlagen!“

„Mich ergreift, ich weiß nicht wie,Himmlisches Behagen.Will mich's etwa gar hinaufZu den Sternen tragen?Doch ich bleibe lieber hier,Kann ich redlich sagen,Beim Gesang und Glase Wein,Auf den Tisch zu schlagen!“

Die letzte Zeile begleitete ich wirklich mit einem tüchtigen Schlage auf den Tisch, um sie von dem Firmament wieder in's Zimmer herabzuziehen; aber sie grollte mir sehr anmuthig wegen dieses burschikosen Wesens, das sie aus dem schönen Traume geweckt hatte.

Eine Vorlesung am Hofe.

Ich laß nun bald Correggio, bald Axel und Valborg so oft in diesen Gesellschaften vor, daß ich ihrer zuletzt ganz müde wurde; und Christian Colbiörnsen hatte gewiß vollständig Recht, daß er ein Mal bei Prinz Christian nach der Vorlesung von Axel und Valborg, sein Compliment über das Stück mit der Bemerkung begleitete, daß er meine, es müsse etwas wärmer vorgetragen werden.Variatio delectat. Ich hatte so oft meinen Vortrag loben gehört, daß es mir nun gefiel, von einem Manne kritisirt zu werden, der, wie man sagt, selbst Beredsamkeit besaß. Es war das erste und letzte Mal, daß wir zusammen sprachen; ich konnte ihm den wahren Grund des Mangels an Wärme nicht angeben, und begnügte mich damit, ihm höflich für seine richtige Bemerkung zu danken, indem ich die Hoffnung aussprach, daß ich es ein anderes Mal besser lesen werde.

Dieses andere Mal strengte ich mich auch wirklich an; denn da fand die Vorlesung bei dem König und der Königin selbst statt, welche auch den Correggio hören wollten und deshalb eine Assemblée in dem großen Palaissaale veranstalten ließen. Hier hatte ich einen kleinen amüsanten Prolog mit dem OberceremonienmeisterCharles Louis Bouz de la Calmette, der, um mir das Vorlesen leichter zu machen, mir vorschlug, ein Pult zu besorgen, an dem ich stehen könne, um mir die Brust nicht zu drücken. Aber da ich diesen alten französisch-holländischen Cavalier, der mit seinen gepuderten Locken und dem Haarbeutel im Nacken durchaus dervieux bon-tempsangehörte, in Verdacht hatte, daß er mich wie einen andern Virtuosenbehandeln wolle, der im Stehen spielte, während die Herrschaften saßen, so versicherte ich ihm, daß das Sitzen meiner Gesundheit durchaus nicht schaden, daß es mich vielmehr ermüden würde, fünf lange Acte hindurch zu stehen, und daß ich mir daher einen Stuhl ausbäte. Einige Jahre später dachte ich an diese Scene, als ich die Väringer schrieb, in der Scene mit Harald Haarderaade, wo der Kaiser dem Harald befiehlt zu knieen, dieser aber stehen bleiben will.

Das Brun'sche Haus.

Man hatte befürchtet, daß die Lectüre des langen Stückes seine Majestät ermüden würde; aber er hörte sehr aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zu und schien zufrieden zu sein.

Das angenehmste große Haus in Kopenhagen war damals das Brun'sche. Hier war ein Sammelplatz für den Hof, für diebeau mondeund für die Künstler. Die anmuthige Ida sang vortrefflich, und die Musik war der Genius, welcher hier das Ganze verband und verschmolz.

Meine Heimat hatte ich außer bei mir selbst noch an vier Orten: bei meinem Vater, meinem Schwiegervater, bei Oersteds und Rahbeks. Bei dem Alten speisten wir gewöhnlich jeden Sonntag, wenn wir nicht auf dem Lande waren, und er ein Mal die Woche bei uns.

Rahbek empfing mich sehr liebevoll, und mir war es eine große Freude, die liebenswürdige Karen Margrete wieder auf dem Hügelhause zu sehen; aber Rahbek's Freundlichkeit für mich fing doch bald an, sich aus folgenden Gründen abzukühlen. Zuerst hatte er die Absicht, eine neue Zeitschrift herauszugeben, an deren Herausgabe ich mich betheiligen sollte; aber ich hatte durchaus keine Lust dazu, theils weil es mich im Dichten gehindert haben würde, wenn ich zu gleicher Zeit eine Zeitschrift und die Vorlesungen hatte besorgen sollen, theils weil Rahbek gerade damals durch eine zu flüchtige Behandlung seiner Arbeiten und dadurch, daß er sich in Federkriege einließ, einen Theilseines literarischen Ansehens eingebüßt hatte. Diese abschlägige Antwort sagte ihm nicht zu, und als eine junge Schauspielerin, auf die er außerordentlich viel hielt und von der er geglaubt hatte, daß sie die Hauptrollen in meinen Tragödien spielen würde, mir nicht gefiel, so trug auch dies etwas dazu bei, die Freundschaft abzukühlen. Doch war er an dem Tage sehr liebevoll, wo er zum Ritter des Dannebrogordens ernannt wurde, welche Ehre ich erst mehrere Jahre später erlangte. Er bat mich an dem Tage, wo er Ritter geworden war, die Nacht über bei mir bleiben zu dürfen, da es zu spät sei, nach dem Hügelhause zu gehen. Dies war das einzige Mal, wo er mein Schlafkamerad und zwar in einem sehr engen Bette war, und ich dachte dabei an die Nacht in Paris, wo Baggesen auf ähnliche Weise mein Gast wurde.

Rahbek hatte viel Eigenthümlichkeiten, und einer von dieser verdankte ich meine gute Stellung im bürgerlichen Leben. Er war nämlich mehrere Jahre lang Professor der Aesthetik an der Universität gewesen, als es ihm plötzlich einfiel, seinen Abschied aus einem höchst sonderbaren Grunde zu nehmen: weil man ihm vorgeworfen hatte, daß er die Kant'sche Philosophie nicht studirt habe. Nun lebte er davon, daß er schrieb und übersetzte und Lehrer der Geschichte und des Lateinischen in einer Privatschule war. Wäre dies nicht geschehen, so würde ich wahrscheinlich nie Professor geworden sein, und Gott weiß, was ich dann geworden wäre. Vielleicht wäre ich dann nach Deutschland zurückgegangen (wo Correggio viel Glück gemacht hatte) und wäre ebenso wie Steffens nach und nach ein Deutscher geworden.

Vorlesungen über Ewald und Schiller.

Aber das war nun, Gott sei Dank, nicht der Wille der Vorsehung. Ich wurde hier Professor und wenn ich auch kein Kantianer war, so hatte ich doch ein volles Haus im Ehlers'schen Collegium. Im ersten Winter las ich über Ewald, im zweiten über Schiller. Ich wiederholte diese Vorlesungen im Local der harmonischen Gesellschaft vor Herren und Damen, hatte vieleZuhörer und zählte unter diesen Schimmelmann, Bernstorff, Admiral Bille, Geheimrath Moltke, Oersteds, Professor Mynster, Etatsrath Kirstein u. s. w.

Aufnahme meiner Tragödien in der Heimat.

Ich war fünftehalb Jahre fortgewesen und hatte die Eitelkeit keines Menschen durch meine Anwesenheit verletzt; man hatte meine heimgesandten Schriften nur gelesen, wie man die hinterlassenen Werke eines todten Mannes liest, und so kam es denn mit mir, wie es oft viel Schlechteren begegnet, daß ich zurModegeworden war.Hakon Jarlhatte außerordentliches Glück gemacht. Es war dies die erste auf die Geschichte begründete poetische Schilderung aus dem Heldenleben des heidnischen Alterthums, welche auf der Bühne dargestellt wurde. Dies allein hätte doch nicht soviel Wirkung auf das größere Publikum ausüben können, wenn nicht auch Hakon's Verhältniß zur Thora, oder richtiger gesagt: ihres zu ihm, die Herzen der Weiber gerührt hätte. BeimPalnatokewar dies nicht der Fall; da war gar keine Liebe und deshalb war das Schauspielhaus bei den ersten Vorstellungen auch ziemlich leer; aberAxel und Valborgmachte Alles wieder gut; da gab's Liebe von Anfang bis zu Ende. Obgleich das Stück noch nicht gedruckt war, so war es doch überall bekannt, man hatte gewußt sich Abschriften davon zu verschaffen; diese wurden zu theuren Preisen verkauft, und so hatte man das Vergnügen, sich in die Mönchzeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst zurückzuversetzen, wo ein schön abgeschriebenes Exemplar den Genuß erhöhte, weil es seltener war, und weil man etwas genoß, das Andern nicht zu Gebote stand. Reiche Engländer amüsiren sich ja noch oft damit, einige wenige prächtige Exemplare als Manuscript drucken zu lassen. —Correggiowirkte nun wieder auf eine andere Weise, während darin doch zugleich wieder Stoff genug für fühlende Herzen war. Sowie Hakon Jarl den Sinn für das Altnordische geweckt hatte, weckte Correggio den Sinnfür die Kunst, und war vielleicht eine der ersten Triebfedern zu ihrem fleißigen Studium in Dänemark, das später reiche Früchte trug. Was die damalige Aufführung dieser Stücke betraf, so läßt dieselbe sich auf keine Weise mit der Aufführung späterer Zeiten vergleichen. — Meine Hauptstütze war gefallen; der Künstler, auf den ich am meisten gerechnet hatte, der herrlicheRosingwar lebend todt. Seitdem habe ich selten an einen bestimmten Schauspieler gedacht, wenn ich meine Dramen schrieb, was ihnen oft geschadet hat. Denn man kommt hauptsächlich ins Schauspielhaus, um die Schauspieler zu sehen; sie können ein mittelmäßiges Stück interessant machen, und ein gutes Stück, das im Ganzen schlecht gespielt wird, wird langweilig. Aber es war mir unmöglich, die idealen und neuen Charactere, die ich darzustellen suchte, nach gewissen bekannten Menschen zu formen. Mit Rosing als Hakon Jarl war es doch etwas Anderes! Alles in dieser Rolle paßte für ihn. Er war voller Feuer und pathetisch, konnte kalt und klug sein, war ein Bewunderer des weiblichen Geschlechts und ein kräftiger Norweger von Nidaros. — Sowarer, als ich ihn kannte; jetzt bei meiner Heimkehr saß er, von einer schrecklichen Gicht darniedergebeugt und konnte weder Hand noch Fuß rühren. —Schwarz, früher in komischen Rollen vortrefflich, war später als würdiger Vater in bürgerlichen Dramen ausgezeichnet;Frydendahl, Thalia's auserwählter Liebling, konnte in mißglückten Versuchen unter Melpomene's Fahne Rosing nicht ersetzen.

Deren Darstellung auf der Bühne.

Aber ein ehrenwerthes Künstlerkleeblatt, ohne dessen Hülfe es mir unmöglich gewesen wäre, durch die Bühne zu wirken, darf ich nicht vergessen. Ich hatte die Freude, Diejenige, die mich vor 16 Jahren als Dyveke und Kathinka entzückt hatte,Heger'sGattin, früherMarie Smith, als eine edle Thora, als Valborg, als Marie im Correggio zu sehen. —Stephan Heger, der in der letzten Zeit ganz die Lust zu spielen verloren hatte, lebte durch meine Stücke gleichsam wieder für die Kunst auf. Der hübsche, gebildete, geistreiche Mann mit demschönen Organ erfreute Alle als Einar Tambeskjälver, als Thorwald und als Giulio Romano.

Mein Freund der Schauspieler Foersom.

Der dritte im Kleeblatt war mein lieberFoersom. Er hattesehr viel mehr, als was er auf dem Theater gebrauchte, aber Etwas, was er dort nothwendig haben mußte, fehlte ihm: ein starker Körper und ein deutliches Organ. Dies mußte er durch Anstrengung zu ersetzen suchen und die sichtbare Anstrengung in der Kunst schwächt stets den Eindruck. Aber Foersom war ein Mann von Genie. Er hätte ein vortrefflicher Philologe werden können, und er war Dichter; Dichter mehr als Schauspieler. Einige seiner lyrischen Stücke tragen unverkennbar das Gepräge der Originalität; als Shakspeare's Uebersetzer machte er Epoche. Seine Uebersetzungen bedürfen vielleicht der Berichtigung und es fehlt ihnen zuweilen die Feile; aber Shakspeare hat auch keine Feile gebraucht, und in Foersom's feuriger Uebertragung tritt der eigentliche Shakspeare oft stärker, als in A. W. Schlegel's oft allzu correcter und glatter Bearbeitung hervor, so gut diese auch übrigens ist.

Der Shakspeare'sche Humor war Foersom's eigentliches Element, und deshalb war auch der tiefsinnige, mit seiner Schwäche kämpfendeHamletseine beste Rolle. — Friede sei mit Deinem Staube, guter Foersom! Ich bewahre noch das Exemplar Deines Lear's und Romeo's, in das Du geschrieben hast: „Dem Zwillingsbruder William Shakspeare's.“ Ich bin stolz darauf, daßDumir das gesagt hast. — Geist und Gefühl des kräftigen Helden vermochte er darzustellen; aber das Erotische schien nicht gerade das zu sein, womit der tiefsinnige, launige Foersom am meisten sympathisirte.

Madame Schirmer als Thora.

Axel und Valborg machte Glück; doch entging es nicht dem Tadel der Mitglieder der ältern Schule. Der verstorbene Professor Kierulf fand es unnatürlich, daß Axel einSchwanenliedsang, ehe er starb. Ich hatte nämlich „Schwanengesang“ über Axel's letzten Monolog geschrieben, worunter ich nichts Anderes, als seinen Herzensseufzer im Tode meinte. Es wäre vielleicht besser gewesen, jene Ueberschrift auszulassen. Als man Thaarup einmal während der Aufführung fragte: „Woran stirbt Valborg?“ antwortete er: „An einem Liede!“ Valborg's Tod mag etwas Auffallendes und für Viele etwas Unnatürliches haben; aber ich glaube doch nicht, daß es unmöglich ist, und das ist für den Dichter genug. Ich habe später einmal in Dresden eine MadameSchirmergesehen, welche den Tod der Valborg dadurch motiviren wollte, daß sie vom 3. Acte an ein gewisses schmachtendes Dahinschwinden andeutete, welches Valborg zu verbergen sucht; aber dies verdirbt das Ganze, ohne die Einzelnheiten zu retten. Valborg's Herz muß plötzlich durch einen Nervenschlag brechen, den ihr überspannter Zustand herbeiführt. Sie stirbt also stark bewegt und entschlummert nicht elegisch. Es würde leicht sein, ihren Tod ohne Nachtheil für das Stück zu verändern; aber davor werde ich mich wohl in der Ausgabe der Tragödien selbst hüten. Die Leser sind nun einmal an die alte Form gewöhnt und mit ihr zufrieden, und würden eine solche Veränderung für einen Eingriff in das öffentliche Eigenthum ansehen. Wenn indessen Etwas an der sogenannten Künstlerunsterblichkeit ist, so muß sie doch wenigstens einige Menschengeschlechter überleben. Es wird also eine Zeit kommen, wo man sich auch von Jugend auf an die Veränderungen in einem Dichterwerke ohne Verlust persönlicher Gefühle und Erinnerungen gewöhnen kann. Für diese — und für die Leser der Jetztzeit, die sich, wenigstens in einer Biographie für die verschiedenen Ideen eines Verfassers interessiren dürften, will ich hier einen Monolog anführen, den ich in späteren Jahren gedichtet habe, und mit dem Valborg das Stück beendigen könnte, wenn Wilhelm seine letzte Replik gesagt hat, und sie todt glaubt.

Neue Schlußscene zu Axel und Valborg.

Valborg(erhebt sich von Axel's Leiche und nähert sich Wilhelm):

Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen!Hoch Euer Lied ich preise,Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen.Durch Aage's und Else's Weise.Der Tod wird langsam mich bezwingenBis dann in's Grab ich steige.Doch kann ich leicht dies Opfer bringen,Daß meine Treu' ich zeige!Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes RuhmWoll't mir den Segen ertheilen!In jenem dunkeln HeiligthumWill bis zum Tod ich weilen.Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth,Es schaff't Euch keinen Harm!Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd'Ueber jung Valborgs Arm.Nun gehet Valborg mit Nonnen daherUnd betet die frommen Messen.Versäumen wird sie's nimmermehrUnd Axel nie vergessen.Besser doch nimmer geboren sein,Als nur sich in Leid zu versenken;Wenn die Sonne taucht in das Meer hineinVerlor'ner Freuden zu denken.Gott denen verzeihe, die Ursach' sindDaß die nicht zusammen geblieben,Die einander so treu von Herzen geminntUnd in Zucht und Ehren sich lieben!

Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen!Hoch Euer Lied ich preise,Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen.Durch Aage's und Else's Weise.Der Tod wird langsam mich bezwingenBis dann in's Grab ich steige.Doch kann ich leicht dies Opfer bringen,Daß meine Treu' ich zeige!Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes RuhmWoll't mir den Segen ertheilen!In jenem dunkeln HeiligthumWill bis zum Tod ich weilen.Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth,Es schaff't Euch keinen Harm!Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd'Ueber jung Valborgs Arm.Nun gehet Valborg mit Nonnen daherUnd betet die frommen Messen.Versäumen wird sie's nimmermehrUnd Axel nie vergessen.Besser doch nimmer geboren sein,Als nur sich in Leid zu versenken;Wenn die Sonne taucht in das Meer hineinVerlor'ner Freuden zu denken.Gott denen verzeihe, die Ursach' sindDaß die nicht zusammen geblieben,Die einander so treu von Herzen geminntUnd in Zucht und Ehren sich lieben!

Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen!Hoch Euer Lied ich preise,Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen.Durch Aage's und Else's Weise.Der Tod wird langsam mich bezwingenBis dann in's Grab ich steige.Doch kann ich leicht dies Opfer bringen,Daß meine Treu' ich zeige!Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes RuhmWoll't mir den Segen ertheilen!In jenem dunkeln HeiligthumWill bis zum Tod ich weilen.Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth,Es schaff't Euch keinen Harm!Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd'Ueber jung Valborgs Arm.Nun gehet Valborg mit Nonnen daherUnd betet die frommen Messen.Versäumen wird sie's nimmermehrUnd Axel nie vergessen.Besser doch nimmer geboren sein,Als nur sich in Leid zu versenken;Wenn die Sonne taucht in das Meer hineinVerlor'ner Freuden zu denken.Gott denen verzeihe, die Ursach' sindDaß die nicht zusammen geblieben,Die einander so treu von Herzen geminntUnd in Zucht und Ehren sich lieben!

So würde die Tragödie sich fromm und recht an das alte Lied anschließen, von dem sie ausging, und Valborg's Tod, wenngleich im Grund derselbe, würde natürlicher erscheinen.

Das Mißgeschick.

Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rückkehr ein großes Zimmer gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleißig Besuch. Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, daß ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren könne. Hier fing nun mein Mißgeschick an; in dem sichern Vertrauen auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt genoß, beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen eine Skizze,Faruk, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mußte ich zum Könige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch für den Componisten bitten; denn es war nur eins für den Verfasser bestimmt, das wir dann hätten theilen müssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der König war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, daß ich das Stück nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber seiner Majestät vorstellte, daß ein so großes Genie, wie Weyse, doch auch Gelegenheit haben müsse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich überließ es Weyse. Dasselbe mußte ich ein paar Jahr später mitLudlams Höhlethun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen nun allmälig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen. Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hülfe, obgleich Correggio auf allen Bühnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch außerordentliches Glück machte. Aber — ich hatte nun Göthe gegen mich, ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dänemark fingen an, die Köpfe zusammenzustecken.Sanderwar immer feindlich gegen mich; er hatte zwei Stücke: „das Hospital“ und „Knut Lavard“ geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen Parteider Menge gegenüber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie. Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich während der Execution nicht zugegen gewesen war und die Stücke vor meiner Heimkehr nicht kannte.

Sander und seine „Alphabete“.

Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und rühmte sich oft aller der „Alphabete,“ die er herausgegeben hatte. Das Glück, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dänisch geschrieben war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, übte einen schädlichen Einfluß auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestärkte), daß er ein sehr großer Dichter sei, und — wenn er so fortführe — Dänemarks erster Tragiker werden könne. Das Alles fiel nun zu „Hospital“ und „Knut Lavard“ hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzählt, daß er eine kurze Zeit in der Schule für die Nachwelt, als ich noch Zögling daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Daß dieser Zögling vier Jahre darauf ihn verdunkeln würde, hielt er der Natur nach für ganz unmöglich und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablässig Tugend und Humanität im Munde führte, so schwach sah, daß er sich zu schamlosen Angriffen meines moralischen Characters herabließ. Es ging so weit, daß einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, daß er krank geworden wäre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht hätte.

Die Dichtung und das Strenghistorische.

Aber Sander war nicht mehr gefährlich; dagegen traf ich bei meiner Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt, die alten Heldensagen zu schätzen; manlegte sich gründlich auf dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, daß die Dichter die Geschichte allzu oberflächlich behandelt hätten; man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schönheit. — Ich glaubte und glaube noch, daß die Poesie sowohl Vergangenheit, wie Gegenwart, und weder das eine oder das anderealleinsein sollte. Ich unterschrieb Schiller's Worte:

„Alles wiederholt sich hier im Leben,Ewig jung ist nur die Phantasie;Was sich nie und nirgends hat begeben,Das allein veraltet nie.“

„Alles wiederholt sich hier im Leben,Ewig jung ist nur die Phantasie;Was sich nie und nirgends hat begeben,Das allein veraltet nie.“

„Alles wiederholt sich hier im Leben,Ewig jung ist nur die Phantasie;Was sich nie und nirgends hat begeben,Das allein veraltet nie.“

Der Dichter muß dem Ideale nachstreben; das menschlich Schöne besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und körperlicher Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald das Körperliche geherrscht; der Dichter muß Etwas von Beiden aufgeben, um sie Beide vereinigen zu können. Seine Helden dürfen weder Barbaren noch Philosophen sein, sondern kräftige Menschen mit Verstand und Herz. Er muß also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit über die allzu wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung und die Charactere, aber er muß zu großem Theile die Barbarei entfernen. Kurz, er muß im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:

„Ihr Brüder!KraftundFrömmigkeit, das sindDie beiden Flammen, die ins Leben strahlen.Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,Und weckt mit ihren starken SommerstrahlenDie schönen Blumen aus dem todten Grunde;Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond,Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.Doch diese beiden Flammen müssenwechseln!Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,So wird der Garten einer Wüste gleich,Der Held ein Irrlicht; strahlt der MondBeständig seine frommen matten Flammen,So schwindet bald des Lebens Macht, der MenschWird zum Gespenste, das vor seinem TodeUmherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.“

„Ihr Brüder!KraftundFrömmigkeit, das sindDie beiden Flammen, die ins Leben strahlen.Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,Und weckt mit ihren starken SommerstrahlenDie schönen Blumen aus dem todten Grunde;Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond,Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.Doch diese beiden Flammen müssenwechseln!Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,So wird der Garten einer Wüste gleich,Der Held ein Irrlicht; strahlt der MondBeständig seine frommen matten Flammen,So schwindet bald des Lebens Macht, der MenschWird zum Gespenste, das vor seinem TodeUmherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.“

„Ihr Brüder!KraftundFrömmigkeit, das sindDie beiden Flammen, die ins Leben strahlen.Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,Und weckt mit ihren starken SommerstrahlenDie schönen Blumen aus dem todten Grunde;Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond,Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.Doch diese beiden Flammen müssenwechseln!Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,So wird der Garten einer Wüste gleich,Der Held ein Irrlicht; strahlt der MondBeständig seine frommen matten Flammen,So schwindet bald des Lebens Macht, der MenschWird zum Gespenste, das vor seinem TodeUmherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.“


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