Kiartan und Gudrun.
Frederiksberg, den 3. Juli 1847.
— — Weil wir von Tragödien reden, so darf ich nicht zu erzählen vergessen, daß meine neue Tragödie „Kiartan und Gudrun“ fix und fertig ist, und den Beifall der Kenner und Freunde gefunden hat. Es ist eine Liebes-Tragödie, aber von den frühern dieser Art darin verschieden, daß das Unglück nicht von Außen, sondern von Innen kommt.
Frau Heiberg wird eine vorzügliche Gudrun, einen heroischen, koketten, dämonischen Character spielen.
Das Sujet ist sehr frei behandelt, ganz nach eigener Erfindung. Es ist in Trimetern wie „Amleth“ und „Das Land gefunden und verschwunden“ geschrieben, und es spielt sowohl auf Island wie in Norwegen.
Bei Bing lasse ich von einigen alten Uebersetzungen: „Reinecke Fuchs“, „Götz von Berlichingen“ und Shakespeare's „Sommernachtstraum“ neue Auflagen besorgen. Reinecke Fuchs wird ganz umgearbeitet werden, denn es sind 40 Jahre her, daß ich ihn zuletzt Dänisch schrieb. Den „Sommernachtstraum“ dagegen vermag ich nicht zu verbessern.
Stockholm, den 13. Juli 1847.
Den Tag nach unserer Ankunft hier besuchten wir das Museum. Der alte Herr v.Röck, dessen Bekanntschaft ich vor 30 Jahren bei Frau v.Arnsteinin Wien gemacht hatte, führte uns umher. Man gewinnt ihn lieb; er hat Sinn und Geschmack und große Liebe für das, was er vorzeigt; er istauch nicht ohne einen gewissen naiven Humor. Die herrlichen Arbeiten vonSergelimponirten mir. Er war doch auch ein echter Bildhauer, größer alsWiedeweltund gingCanovaundThorwaldsenvoraus.Fogelberg'skolossale nordischen Götterbilder haben zwar etwas Plumpes an sich, aber das Genie spricht aus ihnen.
Gestern (Sonntag) waren wir des Vormittags in der Ridder-Holms-Kirche, wo ich mit Ehrfurcht vor Gustav Adolph's Granit-Sarkophag stand und mit bewundernder Erinnerung und Neugierde das Loch im Hute Karl's XII. sah, und seine großen Stiefeln und die großen Schlüssel eroberter Festungen betrachtete.
Mittags waren wir zur Tafel bei Sr. Majestät. Nach der Mahlzeit überreichte ich ihm meine zwei neuen Tragödien nebst einem Gedichte, welches ich am Vormittage geschrieben hatte. Er dankte mir herzlich, drückte wiederholt meine Hand und er, sowie die Königin und die Prinzen, die höchst liebenswürdig sind, unterhielten sich eine Stunde lang mit mir.
Montag besuchten wir am Vormittage die Antiquitätensammlung, und am Mittage fuhren wir mitBeskow, der uns abholte, nach dem Thiergarten, wo StaatsministerDueuns eingeladen hatte. Unter anderm wurde Falerner Wein servirt, und hier nahmDueeine hübsche und schmeichelnde Veranlassung, mir ein Hoch im Weine des Horaz zu bringen. Den ganzen Nachmittag unterhielt ich mich mit Due, der ein charmanter Mann ohne allen Dünkel ist; er erzählte von der Reise, die er kürzlich mit seiner Frau und Tochter nach Afrika, nach Algier gemacht, wo sie sich köstlich amüsirt hatten.
Reise in Schweden.
Stockholm, den 26. Juli 1847.
Ich habe wenig Zeit, Dir zu schreiben, will aber doch in der größten Eile Dir das Wichtigste, was sich mit uns ereignet hat, erzählen. Beim Könige war ich noch einmal zum Abschied.Er war sehr gnädig, führte mich in seinen Zimmern umher, zeigte mir seine Gemälde, sein Schlafzimmer u. s. w. Sonntag gingen wir auf dem Dampfschiffe mitBeskownach Gripsholm. Montag mit dem Dampfschiff nach Upsala. Ein Gutsbesitzer Troil hatte die dänische Flagge aufgezogen und salutirte (auf der Rückreise kam er selbst an Bord und begrüßte mich). Ueber das mir zu Ehren veranstaltete Fest in Upsala kannst Du in den Zeitungen lesen. Am nächsten Tage reisten wir von Upsala nach Danemora, wo BaronTammuns empfing, und uns die Gruben zeigte. Ein Bergmann, der aus der Grube heraufgewunden wurde, kam mit der Axt auf der Schulter und überreichte mir ein Gedicht, und während ich dasselbe las, feuerte man zwanzig Kanonenschüsse unten in der Grube ab; es dröhnte als wollte die Erde auseinanderspringen. Auf der Reise von Danemora waren wir auf Odins Hügel bei dem alten Upsala, traten auch in denselben, sahen eine Urne mit Asche und leerten einen Becher mit Meth.
Frederiksberg, den 16. Aug. 1847.
Die guten Schweden erwiesen mir, ebenso wie die guten Norweger, viele Ehre und Liebe bei meinem Aufenthalt in Schweden.
In den drei Wochen, die wir in Stockholm verbrachten, waren wir fast jeden Tag zu einem festlichen Diner. In der ersten großen Gesellschaft, die mir zu Ehren im Thiergarten veranstaltet wurde, saß ich zwischen dem altenBjörnstjernaund dem Oberstatthalter BaronSprengtporten. Als ein vortreffliches Lied vonBeskowgesungen war, zeigte der alte Björnstjerna mit dem Finger auf eine der für mich ehrenvollsten Stellen und tippte eifrig darauf, und die Thränen standen ihm in den Augen, während er mich mit einem liebevollen Blick anlächelte. Ich erzähle dies, um der Herzlichkeit und Liebe Erwähnungzu thun, die stets mit der Ehre, die man mir erzeigte, verknüpft waren, und die mir theurer als diese Ehre selbst sind.
Es würde Dir viel Spaß gemacht haben, wenn Du bei dem Feste des Kunstvereins im botanischen Garten zugegen gewesen wärest; dort kamen die stockholmer Damenen massemit Blumen, die sie mir zuwarfen, während ich wohl sechs-, siebenmal die Runde unter ihnen machen mußte; es war ein wirkliches Gewimmel, sie füllten den ganzen Garten. — —
Glaube nicht, meine liebe Maria, daß ich ein so eitler Mensch bin, dies höher anzuschlagen, als sich gebührt. Die große Menge läßt sich zu gewissen Zeiten von Denjenigen animiren, die das Wort führen und den Ton angeben. Ich erinnere mich sehr gut aus der Zeit, wo man mich verfolgte, wie eine große Menge junger Herren mich geringschätzte, ja fast verachtete, als sei ich schon verblüht; sie waren dazu von meinen Feinden und Neidern verleitet, welche kurze Zelt die Macht erhalten hatten, oder wenigstens das Wort führten. Dergleichen muß man für das nehmen, was es eben ist. Aber ein Gefühl, das nicht ganz ohne Realität war, glaube ich allerdings, theilten Alle. Alle glaubten, ich sei einer der ersten gewesen, der zu dem guten Verständniß zwischen beiden Nachbarländern beigetragen. Alle sagten sie mir das. Als wir zur Tafel beim Könige waren, und ich ihm nach der Mahlzeit das Gedicht überreichte, wovon ich bereits erzählt habe, machte es einen ersichtlichen Eindruck auf die ganze Königsfamilie, und die Königin sagte mit Thränen in den Augen zu William: „Ihrem Vater undTegnérhaben wir vor Allen für das gute Einverständniß zu danken.“ Als William meine Tuchnadel, die ein wenig entzwei gegangen war, zu einem Goldarbeiter trug, betheuerte ihm derselbe gerührt, daß er keinen Pfennig dafür nehme. Als ich der Tochter unserer Wirthin die Miethe zahlte, wollte sie mir durchaus weinend die Hand für all die Freude küssen, die ihr meine Gedichte bereitet hatten.
Im Thiergarten speisten wir einmal inByström'sVilla.Ein schönes Haus hat er sich dort ganz im italienischen Style erbaut und mit einem großen Theil seiner Arbeiten in der Hoffnung geschmückt, daß König Karl Johann, der ihn sehr ehrte und königlich bezahlte, es kaufen sollte. Unglücklicherweise starb der König 14 Tage zu früh, sonst wäre es geschehen. Aber Byström ist so reich, daß es ihn doch nicht ruinirt.
Meine Reise von Stockholm und Upsala nach Danemora will ich Dir nicht nochmals erzählen — wie Holberg's „Geert Westphaler“ die seinige von Hadersleben nach Kiel — die Zeitungen haben auch schon darüber berichtet. Nur das muß ich noch hinzufügen, daß das Dampfschiff, welches uns trug, mit Kanonen salutirte und daß von mehreren der Orte, an denen wir vorübersegelten, gleichfalls mit Kanonen salutirt und mit weißen, wehenden Tüchern gegrüßt wurde. In Upsala selbst hatten wir — wie billig — auch einen Besuch vonAukathor. Er schlug dem Verfasser von „Thors Drapa“ zu Ehren einige Fenster mit großem Hagel bei Böttiger ein, wo ich zu Mittag aß. Später, beim Feste, beleuchtete er durch seine Blitze die Gesichter der Redner und schlug die Pauken, daß es eine Lust war. Daß er ebenfalls in seinem freundlichen Eifer einige hundert Scheiben des Orangeriehauses zerschlug, muß man ihm zu Gute halten, es war Alles im gerechten Eifer, seinen Dichter zu ehren. Im Upsal-Hügel traf ich ihn nicht an, ich leerte aber zu Ehren seines Gedächtnisses einen Becher Meth. Auf der Rückreise besuchten wirSkogkloster, ein schönes, altes Schloß, bewohnt vom GrafenBrahe, einem Bruder des Brahe, der König Karl Johann's Augapfel war und aus Trauer um Diesen starb. Auch hier wurde bei unserer Ankunft mit Kanonen salutirt, die Gräfin und ihre Kinder standen am Ufer und bewillkommten uns. Der Graf war nicht zu Hause, kam aber gegen Mittag an; es war sein Geburtstag. Wir besahen das Schloß, das eine Menge historischer Merkwürdigkeiten besitzt; besonders hatGustav Wrangeles mit vielem Raub aus dem dreißigjährigen Kriege bereichert. Doch hat ereinen frommen Sinn und Gottesfurcht mit seinem Raube verknüpft, denn die Kanzel und die Altartafel in der Kirche hat er den Deutschen abgenommen. Aber Napoleon's Generale waren nicht besser und lebten doch in einer humaneren Zeit.
„Man kann des Guten auch zu viel genießen,“ und die Wahrheit dieses Spruches fühlte ich, als ich ungefähr einen ganzen Monat so viel Ehre und Wohlleben genossen hatte. Deshalb nahmen wir auch Abschied. Einen alten Bekannten besuchten wir: Herr v.Brinckmann, der früher schwedischer Minister in Berlin gewesen ist. Er lebt jetzt wie ein Student, inmitten seiner großen Büchersammlung, die er schon der Universität Upsala vermacht hat. Wir (Beskow, dessen Frau, William und ich) hatten versprochen, zum Thee zu kommen. Der Theetopf und die Tassen, einige Teller mit Früchten und Kuchen standen schon da, als wir ankamen, auf einem Tische ohne Tischtuch. Er selbst war in einen alten Rock gekleidet, aber die schönen Augen waren voll Feuer, und er redete mich als einen alten Freund auf Deutsch an (vor 40 Jahren hatten wir einander in Berlin gesehen). Er fragte uns lustig: „Ists nicht dumm, daß man bald sterben soll, weil man 83 Jahre alt ist?“
Kopenhagen, Sept. 1847.
MadameSchröder-Devrientist jetzt hier und macht uns durch die Ueberreste einer ausgezeichneten Größe staunen. Ich besitze doch sonst ein wenig Phantasie, aber es kostet mir viel, mir das Alte jung, das Abgeblühte schön, das Sündhafte unschuldig, ein Frauenzimmer als Mann und Deutsch als Dänisch vorzustellen (unsere Sänger sangen nämlich dänisch, die Schröder-Devrient deutsch). Doch in der Norma erstaunte ich im zweiten und dritten Akt über ihr vorzügliches Spiel. Sie ist den Jüngeren ein gutes Vorbild.
Literarische Neuigkeiten.
Kopenhagen, den 13. Jan. 1848.
Kiartan und Gudrun ist noch nicht vom Stapel gelaufen. Es waren verschiedene andere Sachen, die Anciennetät hatten, wie z. B. „Zauberei.“ Dieses Stück soll von einem sehr tüchtigen juristischen Beamten geschrieben sein. Der Zauber ist deshalb vom juridischen Standpunkte, mit langwierigen Untersuchungen, Proceß und Richterspruch geschrieben, aber der poetische Zauber fehlt. Deshalb wohl wurde am ersten Abend geflötet. Später wurde das Stück ebenso übertrieben in den Zeitungen gelobt, und jetzt geht es seinen ruhigen Gang; das Gezänk hat dem Verleger eine nochmalige Auflage verschafft.
Von literarischen Neuigkeiten haben wir mehre erhalten. Das Beste ist ohne ZweifelBournonville's„Mein Theater-Leben.“ Dieses Buch ist wirklich ein geniales Product, und vieles darin ist höchst interessant. Seine Schilderungen anderer Künstler, als: Frydendahl, Ryge, Talma, Demoiselle Mars, Friedr. Lemaitre u. s. w. sind ganz vorzüglich. Die Art und Weise, wie er seine Kunst bespricht, macht Vergnügen und ist belehrend. Die kleinen Poesien, die er als Anhang gegeben hat, sind gleichfalls hübsch.
Velhavenist diesen Winter hier. Er ist ein Mann von vielem Geist und Feuer, er disputirt mit Talent und Beredtheit, — seine Poesien, elegische Betrachtungen des norwegischen Stilllebens sind oft anmuthig, aber zu monoton und zu wenig original.
Ich habe in dieser Zelt aufs Neue meinen Amleth ins Deutsche übertragen. Erst hatte ich ihn wie die dänische Tragödie in Trimetern geschrieben, ich bemerkte aber, daß er dadurch etwas Steifes und Gezwungenes erhalten und schrieb ihn jetzt in fünffüßigen Jamben um. Das ist so zu sagen zu meinem Privatvergnügen. Die Deutschen kümmern sich für den Augenblick nicht um unsere Literatur. Ich konnte in Deutschland (viel habe ich allerdings auch nicht darum sollicitirt) keinenVerleger finden; Dahl in Christiania verlegt die letzte Sammlung meiner ins Deutsche übersetzten Werke, wofür er natürlich nur ein geringes Honorar zahlen kann. Aber es amüsirt mich, und wenn auch kein einziger Deutscher lesen würde, was ich schreibe. Es wird schon eine bessere Zeit kommen. Auch Kiartan und Gudrun übersetze ich jetzt. Ein wenig Schriftstellerei muß ich als Morgenbeschäftigung treiben; immer lesen kann ich doch nicht. Zum Frühjahr, wenn wieder etwas belebende Wärme in die Luft kommt, und ich nach Frederiksberg ziehe, nehme ich wieder meine Lebens-Erinnerungen vor.
Tod Christian's VIII.
Den 22. Januar 1848.
Die Trauer, die das Land und mich durch den Tod des Königs getroffen, kennst Du bereits. Ich will nicht von dem Uebrigen reden, aber er war in 46 Jahren einer meiner aufmerksamsten und theilnehmendsten Zuhörer!
„Er gab mir Garten und Haus, Neigung, Muße, Vertrauen, Niemand brauch' ich zu danken als ihm, und Manches bedurft' ich, Der ich mich auf den Erwerb, schlecht als ein Dichter verstand.“
An seinem letzten Geburtstage war ich der Einzige, dem er seine königliche Gunst bezeigte[3]. An seinem letzten gesunden Lebenstag traf es sich so schön, daß ich ihn besuchte und ihm ein frohes Neujahr wünschte.
Er war nicht makellos — selbst die Sonne hat ihre Flecken — aber nach seinem Tode wird man ihm schon Recht widerfahren lassen. Friede sei mit ihm!
„O freundliches Grab! Wie so friedlich bist du,Dein schweigendes Dunkel birgt heilige Ruh'.“
„O freundliches Grab! Wie so friedlich bist du,Dein schweigendes Dunkel birgt heilige Ruh'.“
„O freundliches Grab! Wie so friedlich bist du,Dein schweigendes Dunkel birgt heilige Ruh'.“
Vor drei Nächten hatte er die letzte schlaflose Nacht. Jetzt schläft er mit Hrolf Krake — und Alfred — und Hakon Adelstan!
Den 24. Januar 1848.
Das Oberhofmarschallamt hat mir antragen lassen, die Trauer-Cantate zu schreiben — ichhabesie bereits geschrieben. Sie geht vom Herzen und ich hoffe auch, sie wird zum Herzen gehen. KapellmeisterGläserwird sie in Musik setzen.
„Schleswig-Holsteinische“ Unruhen.
Den 27. März 1848.
Hier im Lande traf uns der Tod Christian's VIII. und wir fühlen jetzt fast Alle, was wir an ihm verloren haben, wenn auch das Vaterland in froher Hoffnung auf Frederik VII. blickt. Wie es mit „Schleswig-Holstein“ werden wird, davon hat noch kein Mensch eine Ahnung, so verwickelt und unglücklich sind die Zustände. Durch die französischen Ereignisse werden sie wohl noch verwickelter werden. Daß in Frankreich in kurzer Zeit Unruhen ausbrechen würden, dazu waren die Zeichen bereits vor zwei Jahren da, als ich Paris besuchte. Alle bewunderten das Genie Ludwig Philipps; man räumte ihm auch persönliche Liebenswürdigkeit ein — man fand es natürlich, daß er mich für sich einnahm, aber man haßte fast überall seine Politik. Durch die totale Verwirrung und Ausleerung der Finanzen, durch die Bestechungen, die geduldet wurden, durch den ungesetzlichen Gebrauch der Macht erhielten ja die Franzosen das Recht Aufruhr zu machen. Ich hatte gerade den achten Band vonLamartine's„Girondisten“ beendigt, als die Revolution ausbrach. Ich hatte ihn aus diesem vorzüglichen Werke kennen lernen, und es freute mich zu erfahren, daß er und der herrlicheArago(ein eiserner Character) sich unter den Anführern befand. Aber ich hätte doch lieber gewünscht, daß sie, unter größerer Beschränkung als bisher, den kleinen Grafen von Paris zum Präsidenten ihrer Republik gewählt und ihm den Königstitel gelassen hätten. Ich fürchte, die große europäische Republik wird sich nicht halten können. Ueberhaupt hat die Königsmacht in vielen Richtungen etwas Schönes und Gutes, was bedeutende Männer und Talente lieben müssen. Die republikanische Gleichheit geht leicht zu weit, sodaß es zuletzt keinen Unterschied zwischen Verdienst und Nichtverdienste giebt, weil der Neid einen zu großen Spielraum erhält. Lamartine's Manifest hat auch seine schwachen Seiten, welche die englischen Blätter mit Recht hervorgehoben haben. Hier in Kopenhagen lächeln gewisse hohe Beamte über die französische Zusage den „Arbeitern Arbeit zu verschaffen,“ was sie für eine Unmöglichkeit halten; mir scheint es aber, daß wenn die Menschen arbeitenkönnenund arbeitenwollen, und ohne Arbeit nichtlebenkönnen und dessenungeachtet keine Arbeiterhaltenkönnen, so haben die staatlichen Einrichtungen sie zu legitimen Räubern und Aufrührern gemacht.
Die Pariser Revolution.
Wir haben hier zwei Theater-Neuigkeiten: Hertz's „Ninon“ und „Ein Sonntag auf Amak.“ „Ninon“ behagte mir nicht, und ich glaube, es geht Vielen wie mir. Das Stück hat viele schöne Denksprüche und lyrische Stellen, aber Ninon ist ein deutscher metaphysischer Professor, anstatt eine liebenswürdige Französin. Die Liebe des Sohnes ist fatal. Als er entdeckt, daß es seine Mutter ist, die er liebt, schießt er sich eine Kugel durch den Kopf! Wie viel Gelegenheit wäre hier nicht, die Läuterung und den Uebergang der erotischen Liebe zur kindlichen Liebe zu zeigen. Daß das Gegentheilgeschichtlichist, giebt keine Entschuldigung ab. Es geschieht soviel Dummes in derWelt, das darzustellen unter der Würde der Poesie ist. „Der Sonntag auf Amak“ ist ein hübsches kleines Stück mit schönen herzergreifenden Melodien — original und national. FrauHeibergist ein unvergleichliches Amak-Mädchen. Das Ganze ist übrigens eine niedliche Bagatelle — und mit Frau Heiberg steht und fällt das Stück. Hertz hat später einen „Federigo“, ein Singspiel geschrieben; Musik von Rung. Es ist wieder eine Art Don Juan oder Robert der Teufel. Hier ist auch ein Teufel, er besitzt aber den einzigen Fehler, den ein Teufel nicht besitzen darf: er istlangweilig.
Aber in diesen Tagen sind freilich Alle so auf die Antwort aus Holstein gespannt, daß wir für nichts Anderes Sinn haben. Ich hoffe, die guten Leute werden in sich gehen und billige, vortheilhafte edle Bedingungen annehmen — sonst geht es schief.
Literatur.
Frederiksberg, den 28. Mai 1848.
Verzeihe mir, daß ich die Beantwortung Deines Briefes einige Tage aufgeschoben habe! Was in vielen Jahren der Grund war, daß ich meinen Freunden keine Briefe schrieb, und dadurch manch' schönes Verhältniß schwächte und abkühlte, welches ich später tief vermißte — macht mich in dieser Richtung auch nachlässig gegen meine Kinder. Aber ich kann Dich damit trösten (wenn das ein Trost ist), daß dieser Grund bald aufhören wird, und daß ich in meinen letzten Jahren ein besserer Briefschreiber werde. Wenn ich nämlich nicht mehr dichte, und einige Vormittagsstunden mit diesem Schreiben zubringe, werde ich mehr Luft zum Briefschreiben bekommen. Nun weiß ich zwar, daß Du gegen diesen Grund protestiren wirst, und ich verschwöre es auch nicht, zu dichten, aber ich glaube doch nicht, daß es viel mehr geben wird. Dies ist nun gar nicht, weil ich meine dichterische Kraft abnehmen spüre, dieselbe ist ebenso frischund kräftig, wie sie immer gewesen, aber weil ich fühle, daß „ein Mensch nur ein Mensch ist,“ und daß selbst der beste Dichter nicht mehr ist. Aus meinem eignen Wesen, meiner eigenen Individualität vermag ich nicht herauszugehen; ich kann zwar das verschiedenste Objective mit derselben verbinden, und das habe ich auch gethan, aber das Verschiedenartigste muß doch mit demselben Auge gesehen, mit demselben Herzen gefühlt, mit demselben Talente dargestellt und mit demselben Verstande aufgefaßt werden.
Lebens-Erinnerungen.
Und wenn man nun fast in einem halben Jahrhundert sich mit Werken beschäftigt hat, die den Fähigkeiten eines solchen Menschen entsprungen sind, so langweilt ein solcher Mensch zuletzt, und man bittet ihn, in einer höflichen Weise, zu schweigen, und er bittet sich selbst darum; denn er würde sich über fernere Variationen, wenn auch nicht über dasselbe Thema, so doch von demselben Geiste aufgefaßt — und wären sie noch so verschieden — langweilen. Es verschafft ihm dann mehr Vergnügen, Andere zu lesen, und es wird mich recht freuen, auf meine alten Tage zu lesen und zu studiren.
Aber ein Werk fehlt doch noch, und das soll auch, so Gott will, vollendet werden; ich meine den Schlüssel zum Ganzen, eine echt objective Darstellung der eigenen Subjectivität des Verfassers: Sein Leben und seine Ansichten. — —
Gestern vollendete ich die deutsche Uebersetzung von Kiartan und Gudrun. Ungeachtet meines jetzigenpolitischenHasses gegen die Deutschen, verspüre ich doch Lust, diese Tragödie der deutschen Ausgabe meiner Werke einzureihen. Es wird schon die Zeit kommen, wo diese und mehrere meiner Werke in Deutschland mehr Anerkennung finden werden.
Soröe, den 7. Aug. 1848.
— — Unter andern habe ich auch deshalb die Beantwortung Deines Briefes aufgeschoben, weil ich mich mit einem neuen, ziemlich großen Gedichte beschäftigt habe, das jetzt vollendet ist. Es ist weder mehr noch weniger als eineArs poëtica, ein Gedicht über die Dichtkunst, worin ich Alles ausgesprochen, was ich über die Dichtkunst während der fast 40 Jahre gedacht habe, in denen ich Lehrer an der Universität gewesen bin. Aber es wird erst einmal zum Neujahr gedruckt werden, wenn wir Frieden erhalten und die Aufmerksamkeit sich wieder auf solche Dinge richten wird. Wie es gehen wird, wissen wir für den Augenblick Alle nicht. Die Dänen brennen zwar vor Begierde, sich an dem deutschen Uebermuthe zu rächen, aber das kleine Dänemark kann nicht mit ganz Deutschland kämpfen. Doch frischen Muth! Wir wollen das Beste hoffen! Nichts hasse ich nächst Zagen so sehr als Klagen. Gott wird schon helfen!
Die Dichtkunst. Regnar Lodbrok.
Frederiksberg, den 30. Sept. 1848.
Um die Grillen zu verjagen, und weil es so lange mit dem Zustandekommen des Waffenstillstandes währt, schreibe ich unterdessen ein Heldengedicht „Regnar Lodbrok“ in zwölf Gesängen, von welchen zehn und ein halber fast beendet sind. Von frühern Werken hat es am meisten Aehnlichkeit mit „Helge“ d. h. in Form und im Ton: denn die Charactere, die Handlung und die Ereignisse sind sehr verschieden.
Ja, du lieber Gott, was soll ich machen? — In Regnar Lodbrok tröstete es mich, inmitten dieser Zeit politischer Kleinlichkeit, Thorheit und Kannegießerei mich in eine kräftige, barbarische Zeit zu vertiefen, wo es doch Männer gab, die da wußten, was sie wollten, und es verachteten, durch affectirtes Geschwätz besser zu erscheinen als sie waren. — — Daß ichbegreiflicherweise, um ein altes Gleichniß zu gebrauchen, diese rohe Wallnuß des Heidenthums in den Zucker der Humanität eingemacht und dazu die Kochkunst der Poesie benutzt habe, versteht sich von selbst. Daß diese Nuß weder zu bitter, noch zu wässerig, noch zu süße schmecken möge, ist mein eifrigster Wunsch, und wenn ich der nicht geringen Zahl von gebildeten Zuhörern, welche sie schon kennen, trauen darf, so habe ich das rechte Maaß getroffen.
Mozart's Don Juan.
— — Gestern Abend saß ich wieder einmal im Theater und hörte Mozart's herrlichen Don Juan, den ich nie zu oft hören kann. Von allen Kunstwerken, hätte ich beinahe gesagt, ist mir Don Juan das liebste, und überhaupt Mozart's Musik im Figaro und in der Zauberflöte. Man vermißt nichts. Da ist gar nichts auszusetzen. Es ist nicht wie ein Menschenwerk, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Naturproduct in der Kunst, wie von Gott selbst geschaffen. Von allen großen Männern, die Deutschland aufzuweisen hat, muß es am stolzesten auf seinen Mozart sein, denn in allen andern Richtungen besitzen auch andere Nationen Männer, die mit den seinigen zu vergleichen sind; aber einen Mozart besitzen sie nicht. Rossini ist ein großes Genie, das ihm in Melodien-Reichthum und lieblicher Kraft nicht nachsteht — aber wie weit erhebt sich nicht Mozart über ihn in Höhe, in Tiefe, in Wahrheit, in Gefühl und Anmuth!
Hauch. Paludan-Müller.
Kopenhagen, den 21. Januar 1849.
Wir sind um diese Weihnachtszeit mit mehren neuen Dichterwerken beschenkt worden.Hauchhat sich tief in das Altnordische einstudirt und einen „Thorwald Widförle“ geschrieben. Das Werk hat einige sehr schöne Partien, aber es fehlt ihm im Ganzen die Selbsterfindung; der alte Ton ist mitunteretwas affectirt und das Ganze hat in meinen Augen mehr von einem geistreichen Studium, als von einer originalen Dichtung.Paludan-Müllerhat ein sehr merkwürdiges Gedicht:Adam Homogeschrieben. Es ist eine große gereimte Alltagsgeschichte, gespickt mit subtilen philosophischen Reflexionen in sehr fließenden Versen. Es hat mir Freude gemacht, dieses Buch zu lesen, es hat viele amüsante, gut gezeichnete Genrebilder aufzuweisen. Eine Situation, wo die verlassene Geliebte am Todeslager des Helden, ihm unbekannt, als Krankenwärterin dient, ist schön und rührend. Aber der Geschmack hat viel einzuwenden; diese Reim-Chronik ist gar zu weitläufig, prolix (wie Göthe sagte). Der Held ist ein Alltagsmensch, sogar etwas schlingelhaft, und steht doch als Repräsentant der Menschheit da. Die philosophischen Abhandlungen, denen Paludan-Müller verfallen ist, brüsten sich zu sehr und sprechen, wenn auch oft die Wahrheit, nichts weiter aus, als was früher kürzer und viel klarer gesagt worden. Ein Heft Gedichte der Heldin, das man nach ihrem Tode findet, verwischte ganz das holde Bild von ihr, und enthält weiter nichts als Paludan-Müllersche Subtilitäten. Dessenungeachtet verdient das Buch in vielen Stücken Beifall und Lob.
Du hast wohlKiartan und Gudrungelesen; das Stück wurde gut gespielt und machte viel Glück. AuchRegnar Lodbrokund dieDichtkunsthaben gefallen. Man wundert sich, daß ich noch in meinen alten Jahren etwas schreiben kann, das Saft und Kraft besitzt. Aber jetzt müssen wir auch bald aufhören, nicht weil die innere Kraft fehlt, sondern weil der Stoff erschöpft ist; ich finde keine Sujets mehr in meiner Geistesrichtung. Schilderungen der Gegenwart kann ich nicht liefern, ich kenne sie nicht; und wer kennt sie recht? Kaum der liebe Gott kennt sie, und sie selbst kennt sich gar nicht.
Einen täglichen Umgangs-Freund, den ich verloren habe, vermisse ich doch gerade nicht sehr, ich meine Dr.Christiani. Denn obgleich Christiani witzig, fröhlich und ein vorzüglicherGesellschafter ist, selbst große poetische Bildung besitzt und Göthe und Heine auswendig kann, auch mich persönlich liebt, so ist er doch weder recht dänisch, noch recht deutsch; Begeisterung fehlt ihm, er ist vielmehr blasirt, lebt immer in der Reflexion und muß Alles, was er sich aneignen will, in Hegel'sche Philosophie übersetzen — und die Rolle, die er hier spielte, wollte mir nicht munden. Er trug den Mantel zu sehr auf beiden Schultern, spielte mit zwei Schildern. Niemand kann zwei Herren dienen. Die Folge seiner subtilen Politik wurde die, daß weder Dänen noch Deutsche ihn mochten. Das Persönlichfreundliche und Talentvolle schätze ich noch bei ihm nach Verdienst.
Politische Verhältnisse.
Kopenhagen, den 24. März 1849.
Ich würde früher geschrieben haben, wenn ich nicht den Ausbruch des Krieges oder den Friedensschluß hätte abwarten wollen. Jetzt ist es doch zu einem achttägigen Waffenstillstand gekommen, der Einigen nicht behagt; die meisten Vernünftigen glauben doch, daß er gute Folgen haben wird, und daß er wenigstens die theuern Menschenleben während der Friedensunterhandlungen schont.
Ueber das politische Wesen ist es noch nicht möglich, ein Urtheil zu fällen. Auf dem Reichstage geht es schläfrig und langsam. Ich bin noch nie dagewesen. Gebe Gott, sie kämen so weit, das Wahlrecht ein wenig zu beschränken, sonst werden wir in den Schlamm hinabgezogen; doch ist noch Hoffnung vorhanden, denn der Kern des Reichstags besteht aus vernünftigen, tüchtigen Leuten.
Meine TragödieKönigin Margaretheist wieder sehr gut gespielt worden. Mad.Nielsenund HerrNielsenwaren vorzüglich. Mad.Winslövglücklich, und Mad.Holstspielte ihre Ingeborg anmuthig und rührend, wenn sie auchseit der Zeit, wo das Stück zuletzt aufgeführt wurde (14 Jahre) sehr gut eine Tochter hätte haben können, die mit Rücksicht auf das Alter für die Rolle besser gepaßt hätte.
Vor einigen Tagen war ein Deutscher, Dr.Leo, bei mir, Redacteur des Nordischen Telegraphen. Er erzählte mir, daß die dänische Literatur durchaus nicht in Deutschland verschmäht sei, daß es im Gegentheil scheine, als hätten die letzten kriegerischen Begebenheiten Vielen die Augen geöffnet.
Frederike Bremerist hier diesen Winter; sie ist eine gute fromme Seele.
Die Lebens-Erinnerungen.
Frederiksberg, den 17. Juli. 1849.
— — Ich sitze jetzt wieder hier und schreibe an meinen „Lebens-Erinnerungen“, die ich schon im Sommer 1838 begann, als wir auf dem Frederiksberger Schlosse in den Zimmern wohnten, die jetztHauchbewohnt. Es verstrichen seitdem viele Jahre, und mein „Leben“ blieb liegen (d. h. die Beschreibung) — jetzt habe ich es wieder vorgenommen. Denn wenn ich ganz zu schreiben aufhörte, so würde ich unfehlbar darüber hinsterben, wenn ich auch noch so lange lebte. Wenn ich nun auch die letzte Hälfte nur fragmentarisch behandeln werde, so giebt es doch Vieles, das ich etwas genauer erzählen und beschreiben möchte. Ich bin bis an die Baggesen'sche Periode und die zweite Reise ins Ausland gelangt.
Schlußwort.
Die Ausführung der oben ausgesprochenen Absicht, die letzte Hand an seine Lebens-Erinnerungen zu legen, sollte, wie die Leser bereits wissen, dem Dichter nicht vergönnt sein. Es bleibt nur übrig, seiner letzten Tage mit wenigen Worten zu gedenken.
Letzte Tage Oehlenschlägers.
Am 14. Nov. 1849 vollendete Oehlenschläger sein 70. Jahr. Um diesen Tag zu feiern, hatten die edelsten und hervorragendsten Männer seines Volkes ein großes allgemeines Fest in den Räumen der königlichen Schützen-Gilde zu Kopenhagen veranstaltet. Dichter und Künstler, Gelehrte und schlichte Bürger empfingen ihn hier, wo ihm ein erhabener, geschmückter Platz zwischen den Büsten vonHolbergundEwaldbereitet war; Reden und festliche Gesänge, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen, liehen den Gefühlen der Nation das Wort, und auch Schweden und Norwegen waren bei diesem Feste durch den schwedisch-norwegischen Minister-Resident in Kopenhagen vertreten, der ein Hoch auf den „Dichter-Fürst des Nordens“ ausbrachte, während die Frauen, die stillen Pflegerinnen nationaler Tugenden, durchGrundtvig'sHand und Mund dem Dichter einen Lorbeerkranz überreichten.
Nach dem ersten allgemeinen Hoch auf den Jubilar, das mit einer Begeisterung aufgenommen, die den Gefühlen der Versammlung und den unverwelklichen Verdiensten des Dichters entsprach, erhob sich derselbe, und in einem längern Gedichte, so jugendfrisch und voll männlicher Kraft, wie die Sprache seiner Muße immer war, brachte er seinen tiefgefühltesten Dank dar.
In einer der Strophen dieses Gedichtes heißt es:
Ihr ehrt mich hoch! — Obgleich das End' nicht fern,Ist doch der Greis noch nicht erschöpft gesunken.Ich trink' mit Euch, und leer' den Becher gern,Denn nicht mein Todesfest wird hier getrunken.Noch hab' ich nicht die Lebenskraft verloren.Nur wen'ge Häuser fern bin ich geboren;Doch eine schöne Baum-Allee von dort,Führt, will es Gott, zum letzten Ruheort.
Ihr ehrt mich hoch! — Obgleich das End' nicht fern,Ist doch der Greis noch nicht erschöpft gesunken.Ich trink' mit Euch, und leer' den Becher gern,Denn nicht mein Todesfest wird hier getrunken.Noch hab' ich nicht die Lebenskraft verloren.Nur wen'ge Häuser fern bin ich geboren;Doch eine schöne Baum-Allee von dort,Führt, will es Gott, zum letzten Ruheort.
Ihr ehrt mich hoch! — Obgleich das End' nicht fern,Ist doch der Greis noch nicht erschöpft gesunken.Ich trink' mit Euch, und leer' den Becher gern,Denn nicht mein Todesfest wird hier getrunken.Noch hab' ich nicht die Lebenskraft verloren.Nur wen'ge Häuser fern bin ich geboren;Doch eine schöne Baum-Allee von dort,Führt, will es Gott, zum letzten Ruheort.
Letzte Tage Oehlenschlägers.
Kaum ahnte es damals Jemand, daß zwei Monate später das Trauerlied über den Sarg des Dichters dort ertönen sollte, wo seine Wiege einst gestanden, in der Nähe jener Hallen, wo den noch kräftigen, lebensfrischen Greis kürzlich die Jubeltöne und die Huldigung dreier Brüder-Völker umrauschten. Zwar hatte er in jenem Gedicht auf den naheliegenden Friedhof gedeutet, aber er tröstete sich und Andere damit, daß eine „schöne Baum-Allee“, dorthin führte. Prangte auch diese, als man seinen Sarg durch dieselbe trug, noch nicht mit blühenden Bäumen und grünem Laube, so bildeten, wie ein Dichter in seinen Nachrufe sagt, dänische Männer und Frauen, trauernd um den Hingang ihres liebsten und größten Dichters, eine noch schönere Allee dahin.
Seines gesunden, blühenden Aussehens ungeachtet hatte er seit längerer Zeit einen beschwerlichen, schwankenden Gang gehabt. Er litt an Steifheit und Mangel an Kraft in den Knien, ein Uebelstand, der sich doch immer nach den fast jährlichen kleinen Anfällen von Podagra verringerte, welche nur in den letztern Jahren seltener kamen. Dies hinderte ihn, der Bewegung zu genießen, deren seine starke corpulente Constitution bedurfte, und er, der früher Sommer und Winter, in gutem und schlechtem Wetter, bei Sonnenschein und bei Regen, täglich nach Frederiksberg spazierte, begnügte sich jetzt, eine Viertelstunde in den Bogengängen des Christiansburger Schlosses sich zu ergehen, oder gar mitunter, wenn ihm das Wetter zu schlecht war, mit einer bestimmten Anzahl Gänge durch seine Zimmer. Auch seinen frühern allabendlichen Besuch im Schauspielhause stellte er manchmal in den letzten Jahren ein, und zog dannvor, eine Partie L'hombre zu spielen. Sonderbar genug, fand er, der bis zu seinem vierzigsten Jahre immer Unwillen gegen Kartenspiel hegte, nun ein großes Vergnügen am L'hombrespiel, und wenn er den Tag über gedichtet und gelesen hatte, suchte er des Abends seine angenehmste Erholung am Spieltische mit einigen guten Freunden, oft nur mit seinen Kindern. Ungeachtet dieser zunehmenden Gemächlichkeit, die seinem übrigen Naturell so wenig glich, mitunter seine nächste Umgebung ängstigte, vermochte man doch keine bedenkliche Wirkung derselben zu spüren. Zwar zeigte er sich im Sommer 1849, wenn er des Vormittags in seinem Lehnstuhle, ein Buch in der Hand, saß, zum leichten Schlummer geneigt, aber wenn man zu ihm eintrat, war er immer wieder lebhaft wie sonst, und zum Scherz wie Ernst aufgelegt; er las wie früher laut vor, und sein Antlitz trug immer das Gepräge der Gesundheit und Kraft. Erst in den letzten Tagen des Novembers fühlte er Unwohlsein, Uebelkeit und Mattigkeit, und die gelbe Gesichtsfarbe ließ die Vermuthung zu, daß die Gelbsucht ihn zum dritten Male in seinem Leben angreifen würde. Nach ungefähr drei Wochen verschwand die gelbe Farbe, die Kräfte kehrten zurück und ihm wurde so wohl, daß er am 21. Dec. A. S.Oersted'sGeburtstag in dem Freundeskreise zu feiern vermochte, den der Bruder H. C. Oersted an diesem Tage zu versammeln pflegte. Am 23. Dec. wohnte er zum letzten Male einem Familienfeste bei, und am Weihnachtsabend hatte er die Familie um sich in seiner Wohnung versammelt. Aber am folgenden Tage zeigten sich wieder Symptome, gleichsam wie von Gelbsucht und sein Zustand wurde wieder der frühere. Er hielt sich doch längere Zeit aufrecht, bis er von Mangel an Appetit und Verdauung ermattete. Dies mußte sowohl ihn selbst wie seine Umgebung beunruhigen, und er sprach öfterer die Ueberzeugung aus, daß er die Krankheit nicht überstände. Am 4. Januar 1850 schrieb er an seine Tochter, um dieser und ihren Angehörigen ein fröhliches Neujahr zu wünschen, und sie über seine Krankheit zu beruhigen.Aber nur wenige Zeilen vermochte er zu schreiben, die Vollendung des Briefes überließ er seiner Schwiegertochter.
An den Tagen, wo er sich besser fühlte, ließ er sich von seinen Kindern und seiner Schwiegertochter ganze Capitel aus Göthe's „Wilhelm Meister“ vorlesen, und dieselbe Begeisterung und Liebe, die er sein ganzes Leben hindurch für den großen Dichter gefühlt hatte, sprach er noch auf dem Krankenlager wenige Tage vor seinem Tode aus. Selbst las er mitunter in einem dänischen Volksbuche: „Malling's große und gute Thaten“, das namentlich kurze Biographien dänischer und norwegischer verdienter Männer und Frauen enthält. — In den letzten acht Tagen nahm die Krankheit einen gefährlichern Character an, und da alle Mittel ohne Wirkung blieben, mußte man auf das Schlimmste vorbereitet sein. Am 19. Januar erwachte wieder eine schwache Hoffnung, aber die Symptome, die sich am Sonntag Morgen den 20. zeigten, verkündigten, daß es nicht Gelbsucht, sondern ein Geschwür in der Leber selbst sei, an welchem er litt. Als die Aerzte (sein alter College, Conferenzrath O. Bang, und sein Hausarzt, Dr. Hansen) des Vormittags in einem Nebenzimmer über seine Krankheit conferirten, fragte er seinen ältesten Sohn, was wohl die Aerzte über sein Befinden äußerten, und als dieser ihm antwortete: „Du darfst nichts fürchten!“ unterbrach er ihn gleich und sagte mit Wärme: „Lieber Sohn, glaubst Du, ich fürchte den Tod; nein, nicht im entferntesten!“ Nach einem kurzen Augenblick fügte er hinzu: „Was ist das Ganze — ein Hauch nur — und dann ist es vorüber!“ — Als Bang am Nachmittage desselben Tages sich entfernen wollte, rief er ihn zurück, blickte ihm freundlich ins Auge, drückte seine Hand und sagte: „Habe Dank für gute Kameradschaft!“ — Um 8 Uhr des Abends fühlte er schon die Hand des Todes und verlangte ein Kissen, das ihm seine Tochter Maria gestickt hatte, unter sein Kopfkissen gelegt. Dann und wann schlummerte er. Wenn er erwachte blickte er oft nach der Uhr, die neben seinem Bette hing, und fragte mehre Male, ob die Uhrbald zehn sei. Zwischen neun und zehn Uhr rief er seinen ältesten Sohn zu sich und sagte ihm: „Du sollst das Manuscript meiner Lebens-Erinnerungen vollenden. Zu meiner Trauer-Feier im Theater will ich, daß meinSokratesaufgeführt werden soll, aber die Scene in den Propyläen muß ausgelassen werden. Und jetzt lies mir die Stelle aus der Scene im 5. Akt zwischen Sokrates und Kebes vor, wo Sokrates vom Tode spricht, sie ist sounaussprechlich schön!“ Diese letzten Worte sprach er mit einem innigen, warmen Gefühl. Die Replik lautet:
Wie kann der milde Tod Dich so betrüben?Er kann ja doch von Zweien Eins nur sein,EntwederEtwas, Kebes, oderNichts!Raubt' er nur das Bewußtsein, das Gefühl,Wär' er ein Schlaf, worin der SchlafendeSelbst nicht vom kleinsten Traum geängstigt würde,Dann wär' er schon unschätzbarer Gewinn.Denn sicher, glaub' ich, wollte Jedermann,Mit solcher ruh'gen Nacht die Nächte, TageVergleichen, die er hier im ird'schen LebenIn Pein und Kummer zugebracht:Dann wählt er lieber jene sel'ge Ruh'.Doch wenn der Tod nicht das Bewußtsein tödtet,Ist er Verwandlung, eine SeelenwanderungUnd Reise nach dem bessern Ort, wo wirDie lieben Theuern alle wiederfinden; —Denk', welche Freude das dann werden muß,Mit Göttern dort zu leben und zu reden,Mit Hesiod, mit Orpheus, mit HomerUnd allen Großen, die vor uns gewesen!
Wie kann der milde Tod Dich so betrüben?Er kann ja doch von Zweien Eins nur sein,EntwederEtwas, Kebes, oderNichts!Raubt' er nur das Bewußtsein, das Gefühl,Wär' er ein Schlaf, worin der SchlafendeSelbst nicht vom kleinsten Traum geängstigt würde,Dann wär' er schon unschätzbarer Gewinn.Denn sicher, glaub' ich, wollte Jedermann,Mit solcher ruh'gen Nacht die Nächte, TageVergleichen, die er hier im ird'schen LebenIn Pein und Kummer zugebracht:Dann wählt er lieber jene sel'ge Ruh'.Doch wenn der Tod nicht das Bewußtsein tödtet,Ist er Verwandlung, eine SeelenwanderungUnd Reise nach dem bessern Ort, wo wirDie lieben Theuern alle wiederfinden; —Denk', welche Freude das dann werden muß,Mit Göttern dort zu leben und zu reden,Mit Hesiod, mit Orpheus, mit HomerUnd allen Großen, die vor uns gewesen!
Wie kann der milde Tod Dich so betrüben?Er kann ja doch von Zweien Eins nur sein,EntwederEtwas, Kebes, oderNichts!Raubt' er nur das Bewußtsein, das Gefühl,Wär' er ein Schlaf, worin der SchlafendeSelbst nicht vom kleinsten Traum geängstigt würde,Dann wär' er schon unschätzbarer Gewinn.Denn sicher, glaub' ich, wollte Jedermann,Mit solcher ruh'gen Nacht die Nächte, TageVergleichen, die er hier im ird'schen LebenIn Pein und Kummer zugebracht:Dann wählt er lieber jene sel'ge Ruh'.Doch wenn der Tod nicht das Bewußtsein tödtet,Ist er Verwandlung, eine SeelenwanderungUnd Reise nach dem bessern Ort, wo wirDie lieben Theuern alle wiederfinden; —Denk', welche Freude das dann werden muß,Mit Göttern dort zu leben und zu reden,Mit Hesiod, mit Orpheus, mit HomerUnd allen Großen, die vor uns gewesen!
Tod Oehlenschlägers.
Er hörte diesen Worten mit der größten Bewegtheit zu und blickte dabei mit einem seligen Lächeln vor sich hin. Als die Replik aus war, unterbrach er selbst das Vorlesen und nahm Abschied von seinen Söhnen, seiner Schwiegertochter undihrer Schwester, die mit den Dienern seines Hauses um sein Lager standen, bis er seinen letzten Seufzer aushauchte. Nach einem kurzen und leichten Todeskampf, unter welchem seine Blicke abwechselnd auf der Uhr und auf seinen Kindern ruhten, verschied er mit dem Schlage elf, ruhig, ohne Schmerzen und bis zum letzten Augenblicke im Besitz seiner vollen Geisteskraft.
Fußnoten:[1]Tycho Brahe hatte bekanntlich eine silberne Nase, da sie ihm in einem Duell verstümmelt worden war.[2]Kurz nach der Rückkehr von dieser Reise wurde Oehlenschläger zum Offizier des Leopold-Ordens ernannt.[3]Der Dichter wurde zum Conferenzrath ernannt.
Fußnoten:
[1]Tycho Brahe hatte bekanntlich eine silberne Nase, da sie ihm in einem Duell verstümmelt worden war.
[1]Tycho Brahe hatte bekanntlich eine silberne Nase, da sie ihm in einem Duell verstümmelt worden war.
[2]Kurz nach der Rückkehr von dieser Reise wurde Oehlenschläger zum Offizier des Leopold-Ordens ernannt.
[2]Kurz nach der Rückkehr von dieser Reise wurde Oehlenschläger zum Offizier des Leopold-Ordens ernannt.
[3]Der Dichter wurde zum Conferenzrath ernannt.
[3]Der Dichter wurde zum Conferenzrath ernannt.
Inhalts-Uebersicht.Erster Band.
Oehlenschläger's Vorältern4–9. Sein Vater9. Geburt11. Erste Kindheits-Erinnerungen12–46. Schulgang in Kopenhagen47–88. Er soll Kaufmann werden, entscheidet sich aber für den gelehrten Stand89–90. Erste Liebe92. Neigung für das Theater93–99. Theater-Verhältnisse in Dänemark99–109. Bekanntschaften109–115. Vorbereitungen zu demExamen artium115. Eintritt in das Schauspielerleben116–146. Bekanntschaft mit den Gebrüdern Oersted146–149. Abschied vom Schauspielerleben, Wiederanfang der Studien150–152. Er lernt Schiller's und Göthe's Werke kennen153–160. Tod seiner Mutter160–162. Rahbek's Haus, Verlobung mit Christiane Heger162–166. Beantwortung einer Preisfrage167–168. Baggesen's Abreise169–172. Die Schlacht am 2. April 1801172–176. Briefwechsel mit Baggesen176–179. Militairische Uebungen179–184. Privattheater184–186. Bekanntschaft mit den Gebrüdern Mynster und Bentzon, geselliges Leben, Pram, Weyse, Arndt, Frau Koren. Bull186–204. Erstes Zusammentreffen mit Steffens204–213. Polemik mit Baggesen, Rahbek und seine Frau222–227. Literarische Wirksamkeit228–233. Caspar Bartholin233–237. Zusammenleben mit Steffens237–245. Ein Symposion245–248. Bekanntschaft mit Schimmelmanns und Bruns249–252. Er erhält ein Reise-Stipendium253.
Zweiter Band.
Erste Reise in Deutschland: Briefe in die Heimath und aus derselben.5–9. Halle, Reichardts9–11. Erstes Zusammentreffen mit Göthe12–13. Briefe13–20. Lafontaine20. Schleiermacher22. Deutsche schriftstellerische Versuche24. Hakon Jarl25–41. Berlin43. Fichte44–49. Himmel50. Weimar54. Wieland, Herder, Frau Schiller, Göthe, die weimar'sche Fürstenfamilie54–62. Jena, Frommann, Göthe, Hegel63–66. Gedicht an Charlotte Schiller66–72. Dresden73. Bröndsted, Koës, Münter73–78. Die Bildergalerie79–84. Sächsische Schweiz87–89. Weimar, Schlacht bei Jena92–100. Gotha, Frankfurt a. M.101–102. Paris103–113. Ueber die Tragödie113–125. Die französischen Dramatiker127–130. Malte-Brun130–134. Die Schlegel134–136. Umgang in Paris137–140. Das Bombardement Kopenhagens140–144. Baggesen145–160. Straßburg163–164. Stuttgart165. Die Schweiz167–171. Aufenthalt in Coppet172–184. Savoyen185–188. Mailand189–196. Parma196. Bologna198. Florenz200. Rom207. Thorwaldsen208–210. Frederike Brun210–211. Lebensgefahr213. Grotta Ferrata215–218. Albano218. Abschied von Rom222. Pisa, Livorno, Florenz, Mailand, Simplon223–228. Heidelberg, Weimar, Göthe228–234.
Dritter Band.
Heimkehr5. Professur6–8. Gesellige Kreise9–18. Dramatische Wirksamkeit18–30. Trauung31. Schimmelmann33–36. Tragödien36–39. Brandis39–43. Neue Umgangskreise44–46. Theater46–51. Rückblick auf die erste Dichterperiode52–77. Baggesen's Angriffe77–81. Napoleon's Fall82–88. Gräfin Mynster89–90. Königskrönung91–94. Der Dichter frühere Geltung94–98. Theater-Verhältnisse100–104. Zweite Reise ins Ausland104. Auszug aus den Reisebriefen: Hamburg106–111. Celle, Hannover, Göttingen, Kassel, Marburg, Frankfurt111–119. Paris121. Frau von Staël-Holstein123–127. Das Theater127–129. Die Pariserinnen129–130. Passy131–133. Jardin des plantes135–136. Versailles137–138. St. Denis139–140. Die stille Woche141–143. Das Museum143–145. Das Ballet146.Abreise von Paris153. Stuttgart158. Wien167. Das Theater169. Laxenburg171. Kloster Neuburg180. Ein Magnetiseur185–188. Dresden189–196. Die Haide197–199. Berlin199. Lübeck212. Heimkehr213.
Vierter Band.
Neue Dichterwerke8–20. Heiberg21–23. Bekanntschaften 24–28. Verhältnisse als Professor28–32. Musikalische Zustände32–42. Dichtungen42–48. Baggesen's Tod48–50. Tod des Vaters Oehlenschläger's.50–54. Deutsche Werke55–56. Rahbek's und seiner Frau Tod56–60. Erster Besuch in Schweben61–66. Zweite Fahrt nach Schweden67. Dichterkrönung in Lund69–72. Der Bischof Mynster73–76. Schwedische Bekanntschaften77–80. Christian VII.80–83. Sölling83–85. Dritte Reise nach Deutschland: Leipzig86. Dresden 86–90. Berlin91–93. Reise nach Norwegen95–110. Tod seiner Tochter Charlotte101–103. Besuch beim Prinzen Christian in Odensee103–105. Reise mit ihm nach Augustenburg105–107. Der poetische Geschmack und die Kritik109–116. Frederike Brun116–122. Tod Friedrich's VI.124–125. Zusammenleben mit Thorwaldsen126–128. Tod seiner Frau128–130. Tod Bröndsted's132–133. Zweiter Besuch in Norwegen135–143. Thorwaldsen's Tod144–150. Vierte Reise in Deutschland: Berlin151–154. Dresden155–157. Prag157–158. Wien159–166. Salzburg166–168. München168–170. Nürnberg170–172. Frankfurt172. Der Rhein173. Paris175. Die Franzosen176–179. Besuch bei Louis Philipp180–186. Die Brüder Rothschild186–187. Literarische Notabilitäten188–198. Brüssel200. Hamburg201. Oehlenschläger's letzte Jahre, Auszüge aus seinen Briefen an seine Verwandten203–212. Besuch in Schweden212–218. Tod Christian's VIII.219. Letzte literarische Wirksamkeit222–228. Schlußwort. Fest zu Oehlenschlägers 70jährigen Geburtstage229. Sein Tod230–234.
Namenregister
der in Oehlenschläger's Lebens-Erinnerungen ausführlicher besprochenen Personen, Städte und literarischen Werke des Verfassers. Letztere sind mit * bezeichnet.