Die Familie Zeuthen.
Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche einige Gleichheit mit der lange gestattetenlyrischen Unordnungin der Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein Zeitgemälde zu vervollständigen.
Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm, Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen. Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige, junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Dastarb er an einer plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der Dämmerung noch beim Mittagstische — da hörten wir einen Wagen auf dem Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns — rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten einander die Hände, und ich dachte: „Das ist das Loos des Schönen auf der Erde“.
Ich studire wieder Latein.
Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universitätsprogramm zu schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich hatte eine Zeit lang vorher wieder die Römersprache vorgenommen, die ich seit meiner juristischen Studienzeit versäumt hatte. Nun las ich fleißig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, daß er der beste der römischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten näherte er sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der das Herz rührt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und ihm weiche Sentimentalität vorgeworfen. Daß diese ihn oft, besonders in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber es waren auch nicht solche Klagen, die mich rührten. Seinen schönen, epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und in der Schilderung der Göthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und Studium nicht gut von einander trennenkonnte, so übersetzte ich diese Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull übersetzt hatte.
Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit vorzugeben, die ich nicht besaß, so beschloß ich lieber in Gottes Namen in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm täglich zu arbeiten. Das that ich denn auch und HerrRepphalf mir ein Jahr lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthümlichkeit, welche mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets unerträglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich meine Muttersprache, und merkwürdigerweise auch die deutsche gelernt, in der ich nach dem Urtheil von Sachverständigen mit den Besten wetteifern konnte, obgleich ich — aus jenem Grunde — niemals kleine Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht geändert wurden. Mit dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls, wobei oft der komische, aber sehr natürliche Fall eintrat, daß ein Satz, von dem mein Lehrer erklärte, daß er Ciceronianisch sei, mit einem argen Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ändern konnte, wenn ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So saß ich also ein paar Jahre und übte mich, erst mit Herrn Repp, später mit meinem Freunde, dem Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen, wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne mich noch, daß ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei einem schwierigen Satze stehen blieb, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn die Todten sich über meine Phrase im Grabe umgewendet hätten.
Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und flickte mein Programm und meine Rede zusammen,die von den Betreffenden durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom Bischof Fogtmann dercopia verborumwegen gelobt ward, die sich darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt hatte. Außerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform in die andere über, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dänischen und Deutschen zu Hülfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir gesagt hatten, schüttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte kam, in dem die feine Nüancirung ausgedrückt war, die ich bezeichnen wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im Gedächtniß zur Hand.
Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwähnen, und wohl kaum wieder darauf zurückkomme, will ich bemerken, daß ich mehrere Jahre später, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich 1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen ließ ich mir doch zwei von einem guten Freunde übersetzen, da mir schien, daß ich mich lange genug mit einer Uebung herumgequält hatte, bei der doch Nichts weiter herauskam.
Professorengesellschaften.
Da ich hier einmal bei der Universität bin, will ich, ohne mich ängstlich an die Chronologie zu halten, derProfessorengesellschaftenerwähnen, die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften waren für mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen, geselligen Leuten gefehlt hätte; aber Ton und Einrichtung waren im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde, nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen.Hier waren nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da ich in diesem Jahre starke Anfälle von Podagra bekam, welche Krankheit mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der spätern Periode meines Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, daß ich verstimmt und zurückhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse zurückhaltend gegen mich. Aber selbst an und für sich hatte hier, wie es wohl gewöhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gespräch. Sobald der Anstand es gestattete, zog ich mich zurück und ich glaube, daß Mehrere meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar Jahren ganz aufhörte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu ist, und Veranlassung zum Gespräch giebt, können sich auf diese Weise wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten soll, so kann er auch mit Göthe sagen:
So gieb mir auch die Zeiten wieder,Da ich noch selbst im Werden war.
So gieb mir auch die Zeiten wieder,Da ich noch selbst im Werden war.
So gieb mir auch die Zeiten wieder,Da ich noch selbst im Werden war.
Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J. P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.
Siboni.
Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der musikalischen Welt machte, der GesanglehrerSiboni. König Christian VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne, kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit raubte.
Musikalische Zustände.
Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß musikalischerEindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.
Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen, eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s. w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange des reinen Geschmackes und der wahren Musikbeitragen müsse, weil dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als Palästrina sie rettete.
Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen, veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer darin auftreten zu lassen — zu einer solchen Trivialität konnte die italienische Kunst sich nicht herablassen — deshalb hatte stets ein Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah auch hier. Diese musikalische „Haupt- und Staatsaction“ hat mir, trotz aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie gefallen.
Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. „Ja,“ sagte er, „ich glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber doch mittelbar.“ „„Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!““ antwortete ich; „„ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere ausüben sollte.““ „Ja, ja!“ antwortete er und legte die Handauf meine Schulter: „ich weiß, Sie sind ein braver Mann.“ Damit ging ich.
Ich nannte es unbillig, daß man die Rossini'schen Opern auspfiff, und das war es gewiß, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten Geschmack und den natürlichen Sinn verstießen, und als es erst Mode war, wurde, wie in der französischen Revolutionszeit, alle Musik, die den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, daß wir nichtLa gazza ladrazu hören bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schön ist: eine stehlende Elster, die ein unschuldiges Mädchen auf das Schaffot bringt, aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.
Bei Geheimrath Malling's hörte ich oft schöne Melodieen vortragen. Die älteste Tochter (später Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich, kränklich, ein Sonderling, größtentheils fremde Musik verschmähend, und aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte unvergleichlich schön, war in Sprachen und selbst in Metaphysik bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine große Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; später gab er sich nicht mehr damit ab; erst alsMoschelesuns einmal besuchte, bekam er Lust, sich wieder zu üben, und Moscheles erstaunte über seine Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit Klavierspielen gelehrt, Schulz mußte ihm erst den falschen Fingersatz abgewöhnenund ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darüber, gesagt haben: „Wenn ichseinGenie hätte, was würde ausmirgeworden sein!“ Er meinte nämlich, verbunden mit der Charakterstärke und dem tiefen Gefühl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewiß auch der „Schlaftrunk“ als seine beste dramatische Composition zu betrachten; aber er besaß auch eine reiche träumerische Phantasie und ein fein elegisch schwärmerisches Gefühl. Das Spukwesen in Ludlam's-Höhle ist vortrefflich ausgedrückt, und in vielen Nummern zeigt sich auch tiefes Gefühl und schöne Humanität. Selbst von Denen, welche Weyse als Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr geschätzt. In dieser zeigen sich gewiß die erwähnten Eigenschaften oft mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, daß Weyse's Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der gründlichen Bach'schen Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten, und daß er ein würdiger Schüler von Schulz war; doch fehlte ihm das warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's Kirchenmusik finde ich den religiösen Künstler mehr als den religiösen Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.
Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner Kindheit auf hier gewesen war, war Dänisch geworden; Kuhlau blieb immer Deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit rothen Wangen, hatte aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker und componirte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Körper, stärkere Effecte, größerer Melodienreichthum,und mehr lebendige dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wäre es Weyse leicht geworden, Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt hätte. Aber er war zu bequem für dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch nicht.Schalldagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewiß Unrecht thaten. Kuhlau sagte von ihm: „Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.“ Das war sehr übertrieben; aber es ist ganz gewiß, daß Schall von Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur, endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen großen Theil Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt musikalisches Genie; seine erste Arbeit, „die Chinafahrer“ ist voller Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich; und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den Generalbaß; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstücke voll Effect, Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun todt; die Ballete wurden nur selten aufgeführt und Bournonville, der später Galleotti bedeutend überragte, war noch nicht aufgetreten.
Die vortrefflichenfranzösischen Singspielehatte unser Theater von Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkäppchenmit Glück aufgeführt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stücken suchen; dagegen werden die Gefühle der Liebe, der Humanität, der Munterkeit, eines milden Mitleides, echte französische Nationalität, Anmuth und Naivetät in diesen originellen und schönen Compositionen ausgedrückt, und das französische Singspiel ist gewiß eine der schönsten Blumen in der französischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht?Monsigny,Gretry,Daleyrac,Isouard,Mehul,Cherubini(ganz französisch in diesem Genre),Boyeldieu, sowie auch späterAuber. Und die Texte zu diesen Stücken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht von Seiten der Ausführung, so doch des Stoffes und der Situationen: der Deserteur, der Böttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Löwenherz, die kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrödel, Rothkäppchen, die weiße Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der großeGluck, obgleich ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragödien zu französischen Texten gedichtet. In Mehul fand er einen großen und würdigen Nachfolger, denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der neuern Periode. Auch Auber wußte sich dieses Pathos auf eine Weise zu bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, sodaß seine Stumme von Portici der Vorläufer und Beförderer einer Revolution ward, sowie eine Comödie, Figaro's Hochzeit, der einer frühern gewesen war. Durch die schöne, genußreiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel und Oper, hatte sich dieOpéra comiquein Paris stets ausgezeichnet, und, was gute Schauspieler betraf, demThéâtre françaisfast stets die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stücken, von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und Frydendahl's Zeit geblüht. So war der Zustand auf unserer musikalischen Bühne, als Siboni mit seinem mächtigen Rossini kam, der ganz Europa eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.
Der Wessel'sche Vers:
Die theuren Dänen will ich preisen,Wenn sie bescheiden sich erweisen,Die Tugend trifft sich selten an.Doch wenn sie gar zu weit getrieben,Daß Dänen alles Fremde lieben,Ich nenn' es keine Tugend dann,Denn er erniedrigt jeden Mann.
Die theuren Dänen will ich preisen,Wenn sie bescheiden sich erweisen,Die Tugend trifft sich selten an.Doch wenn sie gar zu weit getrieben,Daß Dänen alles Fremde lieben,Ich nenn' es keine Tugend dann,Denn er erniedrigt jeden Mann.
Die theuren Dänen will ich preisen,Wenn sie bescheiden sich erweisen,Die Tugend trifft sich selten an.Doch wenn sie gar zu weit getrieben,Daß Dänen alles Fremde lieben,Ich nenn' es keine Tugend dann,Denn er erniedrigt jeden Mann.
paßte nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber er konnte leicht mißverstanden werden. Es muß ein Unterschied zwischen dengebildeten Dänen(der größte Theil war vom Mittelstande), und zwischen den Vornehmen (der größte Theil war aus den Herzogthümern), gemacht werden. Von Königin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst durch Deutsch, dann durch Französisch und Italienisch zu trennen. Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: daß das ganze Volk Eine Sprache redete, und daß das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst in Frankreich war dieitalienische Oper, wo das hohe Entrée den Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz für den Hof und diebeau monde. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergnügungen; die Kunst wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuosität war es, mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.
Aber Eins dürfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer schönsten Zeit im schönen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den größten Virtuosen vortragen gehört. Wie natürlich, daß sie einige Jahre nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zuerneuern, die schöne Sprache wiederzuhören, mit der sie so vertraut geworden waren? Hierzu kam, daß immer einige gute Sänger da waren, die die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten zuläßt, und MadameForconiwar zu gleicher Zelt eine sehr gute Schauspielerin voller Feuer und Gefühl.
Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.
Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt, indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo sie — was mich betrifft — wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr gekommen war.
Die Vaudevilles.
Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L.Heibergfür unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke waren alle Das, was die FranzosenFarcennennen; aber meine Leser wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich, im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen Einfall (pointe) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singenkönnen, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb, war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet waren. So machte „König Salomonund Hutmacher Jürgen“, das in den Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel:der Einzug, vom Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch Ryge's vortrefflichen Juden. In den „Aprilnarren“ stellte der herrlicheWinslöweinen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In „Der Recensent und das Thier“ und in „die Unzertrennlichen“ stand Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem unvergleichlichenTrop und Hummerda. In „Die Dänen in Paris“ und in „Kjöge's Hauskreuz“ bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche, dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug, ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen, war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken, sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie, ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu spielen, zeigte sich in dem „kleinen Schachspieler“; in „Gyda“ war sie die tragische, abgelebte Hexe, und in „Dina“ und „Gudrun“ das anmuthige, blühende, eigenthümliche Weib.
Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr erquickt,als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen, die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. — Aber diese Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein. Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch, oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum und Witz fehlte. Aber —mirabile dictu— doch sei ich ein wahres Genie und ein großer Dichter! — Also nur die Phantasie und das Gefühl sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.
Die Flucht aus dem Kloster.
Ein Stück, welches mir wirklich mißglückte, war „Die Flucht aus dem Kloster.“ Eine kühne Idee verführte mich, es zu schreiben. Ich wollte das Meiste von den Tönen in Mozart'sCosi fan tuttemit menschlichem Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte, war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der Ausführung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst würde auch die Zauberflöte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen Elemente: das Uebernatürliche, das Erhabene, das Erotische, das Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflöte wie in einem Traume, deutlich gemacht und poetischausgemalt durch die Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge nicht aufmerksam folgt, so genießt man durch Mozart, der hier zugleich Dichter und Componist ist, die schönsten Märchen. AberCosi fan tutteist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer fingirten Reise verkleidet zurück, um ihre Geliebten zu prüfen, ohne daß diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien (eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hörte, waren diese schönen Töne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefühl und Wahrheit. Aber ein neues Stück zu einer großen fremden Musik mit combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets für eine Unmöglichkeit gehalten; und ich überzeugte mich davon, obgleich ein großer Theil recht gut ging und nur der letzte Act und der Schluß des Stückes sich nicht fügen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgeführt.
Die Wäringer in Constantinopel.
Im Jahre 1826 schrieb ich dieWäringer in Constantinopel, in denen das herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge als Eremit und Nielsen als Harald mich kräftig unterstützte. Das Stück erwarb sich großen Beifall. Die folgende Tragödie:Karl der Großefand auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Fräulein Pätges (jetzt Frau Heiberg), als seine Töchter Imma und Bertha. Ich habe dieses Stück vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind endigt jetzt die Tragödie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des Holger Danske ist aus dem Stücke herausgenommen und zu einem Nachspiel gemacht.
Von denDrillingsbrüdern von Damask, wozu Kuhlau herrliche Musikpieçen geschrieben hat, kann ich wohl sagen,daß sie nicht das Glück machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich aus der Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen, daß es natürlich war, wenn man den einen für den andern hielt. Man wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen, durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Bärte, die Aehnlichkeit hervorzubringen, dachte man nicht. Winslöw war als Babekan und Madame Werschall als Lyra vortrefflich. Ich übersetzte später dieses Stück ins Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen), und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor.
In denLongobarden, einem Stücke in Einem Akte, das darauf folgte, suchte ich Sophokles noch um einige Grade näher zu kommen, wie in Baldur und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur großartiger und in Yrsa rührender ist.
Hrolf Krake.
Im Jahre 1827 schrieb ich das HeldengedichtHrolf Krake, der sich von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Götter des Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke, leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und äußerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zügen der geistige Zustand angedeutet ist. Die Götter des Nordens sind große, sorgfältig ausgeführte Phantasie- und Naturbilder für religiöse und philosophische Ideen. Hrolf Krake nähert sich der Tragödie und ist mehr ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in epischer Vollständigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere, milde Sitten und Barbarei kämpfen tragisch und rühren wie in der Tragödie zu Schrecken und Mitleid.
Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schönenWissenschaften ein Preis für eine gute Epopöe ausgesetzt. Der PastorJens Michael Hertzgab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenesbefreites Israelheraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie dürften dem Verfasser für das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler waren also übrig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von 23 Jahren den Würdigen, der sie verdienen könne. Ich hatte freilich bereits die Götter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte aber nicht in Einem Versmaße zusammenhängen, sondern Cyklen mehrerer (freilich zusammenhängender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Möglichkeit auszusetzen befürchtete, daß man sagen könnte, es seien keine ordentlichen Epopöen. Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten, war in der Gesellschaft noch nicht eingeführt, und ich erhielt also Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklichklassischesEpopöe war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national, als möglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, daß es vielleicht doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr Secretair war, das Gedicht ein.
Später hörte ich, daß Geheimrath Malling, der Präsident der Gesellschaft, Mühe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich im Hrolf Krake gewählt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie, sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hülfe gekommen, hatte es ihm vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden, die ich durch das Versmaaß hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die Götter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten, deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit in Ton und Ausdruck erfordert. Hierkamen mir also die wechselnden Versformen (und bei Helge sogar die Tragödienform) sehr zu Hülfe. Aber Hrolf Krake war ein zusammenhängendes Ganze, bei dem der Grundton nicht verändert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht wählen, um in meinem Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man könnte sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner nordischen Tragödien? ich antworte: Eine edle, große Sprachformmußteich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische Heldenleben zeigt in seinen großen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Altgriechischen; deßhalb ließ sich der Trimeter mit seiner kräftigen Würde sehr gut in das Nordische überführen ohne dessen Eigenthümlichkeit zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt hätte, würde ich den Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kämpenweisen des Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmäht noch verkannt werden durfte. Aber in den Kämpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu sehr in das Lyrische über, und ermüden das Ohr durch die Wiederholung. In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir für ein großes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin besteht der Vorzug des Hexameters, daß er den Wohlklang des Verses der Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschloß nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaaß zu bilden, indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in größeren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war, und glaube dadurchauch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich in den schönen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.
Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften gut aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.
Baggesen's Tod.
In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland. In den späteren Jahren nach meinerErklärung an das Publikumhatte er aufgehört mich zu verfolgen. Der Tod versöhnt, und das ist das Schöne am Tode, daß er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des Grabes verschwinden läßt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius zurück, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet hat, nicht allein dem Himmel angehört, sondern auch etwas Himmlisches auf der Erde zurückläßt. Und das war mit Baggesen gewiß der Fall. Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige Beschäftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntniß, seine unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand gestimmt war: alles Das mußte ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefühl, Ansichten und Handlungen, und dieses Wanken störte die meisten schönen Verhältnisse in seinem Leben, wenn sie eine Zelt lang gewährt hatten. Er hatte nicht männliche Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu täuschen, die in einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Sünden gegen Recht und Billigkeit übergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen glänzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris lebten wir in brüderlichem Verhältnisse, erst in Kopenhagen wandte sich das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen ihn gewesen wäre,so würde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an. Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren läßt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden, daß erst der Tod eine Brücke über diesen Abgrund schlagen mußte. Das war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte zurück; die schöne Erinnerung rührte mich, und in diesem Gefühle schrieb ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedächtnißfeier gesprochen wurde.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungenStehn wir bei dieses Festes trübem Glanz;Wer hat: „Als ich noch klein war“ je gesungen,Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen,Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?Wer, dem die Liebe einst geflochten hätteDen Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht —Wer sang mitBaggesennicht Henriette,Und von Lyciliens, von Selinens Macht?Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle,Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:„Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle,Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?“Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühenUnd stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein:„Daß nirgends so die Rosen roth erblühen,Und daß die Dornen nirgends gar so klein?“Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn;Die stumme Harfe trauert in den HallenIhr Leben schwand mit Deinem Leben hin.Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen SchlummerWard Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.Es schweigt der Sturm — der Himmel strahlt im Glanz —Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungenStehn wir bei dieses Festes trübem Glanz;Wer hat: „Als ich noch klein war“ je gesungen,Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen,Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?Wer, dem die Liebe einst geflochten hätteDen Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht —Wer sang mitBaggesennicht Henriette,Und von Lyciliens, von Selinens Macht?Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle,Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:„Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle,Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?“Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühenUnd stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein:„Daß nirgends so die Rosen roth erblühen,Und daß die Dornen nirgends gar so klein?“Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn;Die stumme Harfe trauert in den HallenIhr Leben schwand mit Deinem Leben hin.Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen SchlummerWard Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.Es schweigt der Sturm — der Himmel strahlt im Glanz —Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungenStehn wir bei dieses Festes trübem Glanz;Wer hat: „Als ich noch klein war“ je gesungen,Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen,Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?Wer, dem die Liebe einst geflochten hätteDen Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht —Wer sang mitBaggesennicht Henriette,Und von Lyciliens, von Selinens Macht?Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle,Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:„Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle,Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?“Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühenUnd stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein:„Daß nirgends so die Rosen roth erblühen,Und daß die Dornen nirgends gar so klein?“Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn;Die stumme Harfe trauert in den HallenIhr Leben schwand mit Deinem Leben hin.Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen SchlummerWard Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.Es schweigt der Sturm — der Himmel strahlt im Glanz —Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.