Angenehme Ueberraschungen.
Mehrere angenehme Ueberraschungen wurden mir in den Jahren 1838 und 39 bereitet. Man wird sich erinnern, daß der Bischof Münter, mir, als ich Ritter vom Nordsternorden geworden war, sagte: „Der König kann es nicht leiden“! und ich hatte später Ursache, ihm zu glauben; denn drei Mal war ich von der Universitätsdirection meiner Anciennetät als Professor zufolge zum Etatsrath vorgeschlagen, ohne daß ich es wurde; und ich weiß, daß alle Betreffenden sich darüber wunderten. Vielleicht hat der selige König geglaubt, daß ich selbst mich um jenen Orden bemüht habe. Die Wunde des verlorenen Norwegens war noch nicht geheilt — und die Unzufriedenheit des Königs läßt sich menschlich erklären. Aber sein gutesHerz gestattete ihm doch nicht lange dem Unschuldigen zu grollen.
Im Jahre 1838 wohnten die königlichen Herrschaften nicht auf Friedrichsberg; das Schloß stand leer, und ich bekam so große Lust, wieder einmal dort zu wohnen, daß ich dem Triebe nicht widerstehen konnte, meinen Wunsch gegen den Oberhofmarschall auszusprechen. Er trug dieses darauf dem Könige vor und brachte mir die angenehme Nachricht, die ich gar nicht erwartet hatte, daß der König es gleich erlaubt und gesagt hätte: er könne ganz gut begreifen, daß ich wünschte, wieder einmal da zu wohnen, wo ich meine Kindheit verlebt, und wo er mich gekannt hätte, als ich nicht größer, alssowar! Hier machte er mit der Hand eine Bewegung nach der Erde zu. — Ich zog also mit meiner lieben Marie hinaus und lebte in schönen Jugenderinnerungen mit dem theuren Kinde, das mich (was ich damals noch nicht wußte) bald verlassen sollte; ich ging, von vergangener Zeit träumend, umher und besuchte täglich die Portraits meiner ältesten Geliebten in den königlichen Zimmern. Die Vergangenheit stand wieder so klar vor mir, daß ich Lust bekam, mein Leben ausführlicher und vollständiger, als das erste Mal zu schreiben, und ich begann die gegenwärtige Ausgabe. Damals vollendete ich nur die Periode meiner Kindheit. Manche Stelle zeugt von diesem meinen letzten Aufenthalte auf dem Schlosse, z. B. die genaue Beschreibung und das Urtheil über das große Gemälde von Rubens, das, von Lorenzen copirt, in dem Zimmer der Königin hing. Täglich ging ich mit meiner Maria im Garten und im Südfelde spazieren, wie ich es gethan hatte, als sie klein war. In diesem Sommer schrieb ich auch die Tragödie: „Knud der Große“.
In unserer ländlichen Einsamkeit wurden wir durch die freudige Nachricht überrascht, daßThorwaldsennach Dänemark komme, um sein übriges Leben bei uns zuzubringen.
Sein Empfang ist eine historische Scene, deren Schilderung nicht in ein idyllisches Gemälde gehört. Ich war auch auf derRhede in einem Boote, um ihn zu begrüßen, was mir wegen des großen Schwarmes von Fahrzeugen doch nicht glückte; aber ich sah ihn ziemlich fern in dem Königsboote sitzen, und entdeckte da bereits, daß sein Haar, welches früher (nach seinem eigenen lustigen Ausdrucke) gepudert gewesen, nun schneeweiß geworden war.
In diesem Jahre ernannte mich König Friedrich VI., ohne einen Vorschlag von Seiten der Universität, als ich es am wenigsten erwartete, zum Etatsrath.
Im Jahre 1839 fiel es meinem FreundeBournonvilleein, meinenAladdinzur Aufführung auf dem Theater einzurichten. Mit dem ihm eigenen Geschmacke wählte er die Musiknummern, componirte schöne Tänze zu den Feenscenen und Aufzügen und tanzte selbst vortrefflich darin. Ich hatte ihm undOverskoudie Vollmacht gegeben, das Stück nach Gutdünken zu kürzen und zusammenzuziehen. So wurde es wiederholt mit vielem Beifall gegeben und verschaffte mir eine so reiche Einnahme, daß ich eine Freude genießen konnte, die mir in meinem ganzen Ehestandsleben nur ein einziges Mal, vor 22 Jahren, zu Theil geworden war, und an der ich jetzt auf dem Schlosse Geschmack gefunden hatte: einen Sommer mit meiner ganzen Familie auf dem Lande zuzubringen.
Tod Friedrich des Sechsten.
Gegen Ende dieses Jahres starb auch König Friedrich VI. Ich schrieb als Universitätsprogramm ein Gedicht über ihn, und es wurde mir übertragen, die Trauercantate zu verfassen, welche bei seiner Beisetzung in der Roeskilder Domkirche aufgeführt wurde. Ich war mit dort, und bei einer schneidenden Kälte bei dem ProbstHertzeinquartirt, wo ich diese Nacht dem lieben Gott für Etwas dankte, das ich sonst verabscheute, nämlich fürein paar warme Federkissen. Mit meiner Cantate, zu der Weyse die Musik geschrieben hatte, war ich selbst nicht recht zufrieden. Im Programm hatte ich das ganze preiswürdige Leben Friedrich's VI. in naiven Knüttelversen besprochen; aber sein Tod versetzte mich nicht in eine höhere Begeisterung. Auch die alte Einrichtung von Solo, Duett, Recitativ und Chor genirte mich. Später schrieb Heiberg eine Cantate für die Universität, welche besser war, als die meinige; Weyse's Musik war auch besser, besonders fand sich ein Duett von unvergleichlicher Schönheit darin.
Brief des Kronprinzen Oskar.
Im Jahre 1840 zeigte Tegnér mir in einem sehr freundschaftlichen Briefe an, daß mir König Karl Johann das Großkreuz des Nordsternordens ertheilt habe, und ich erhielt auch bald das Diplom. Zu gleicher Zeit sandte der Kronprinz mir eine goldene Medaille mit seinem Brustbilde und der Inschrift:Memoriae pignus, nebst folgenden Zeilen:
„Herr Etatsrath Oehlenschläger! Durch mehrfache wichtige Geschäfte abgehalten, sah ich mich länger, als ich wollte und wünschte, der Freude beraubt, Ihnen meine Dankbarkeit für das schmeichelhafte Gedicht zu bezeugen, das Sie mir letzthin, von Ihren ins Deutsche übertragenen Arbeiten begleitet, zugeeignet haben“.
„Mehrere unter diesen sind mir zwar alte und liebe Bekannte, aber als Geschenk des Verfassers haben sie für mich einen neuen und erhöhten Werth. Ueber das schöne Gedicht darf zwar Der, welcher der Gegenstand desselben ist, nicht urtheilen, aber ich kann es mir doch nicht versagen, Ihnen, Herr Etatsrath, meinen Dank für die freundschaftliche Gesinnung auszusprechen, die sich darin zeigt, und die ich mit derselben Aufrichtigkeit, wenn auch in einfacheren Worten, erwidere. Das Andenken an unsere Begegnung in Christiania bereitet mir stets Freude, und ich rief es mir aufs Neue ins Gedächtniß zurück,als Ihr Sohn mich besuchte. Ich hoffe, daß er meine Grüße bestellt hat, und daß Sie, Herr Etatsrath, bald Ihr Versprechen, Ihre schwedischen Freunde zu besuchen, erfüllen werden. Indem ich mit Freude diese Gelegenheit benutze, Sie meiner Freundschaft und Hochachtung zu versichern, bitte ich Sie, die beifolgende Medaille anzunehmen, welche, wie ich hoffe, Sie an Denjenigen erinnern wird, der, wie ich, Ihren Geist und Ihre Eigenschaften, Herr Etatsrath, so hochschätzt.
Stockholm, den 8. Mai 1840.
Oskar“.
König Christian der Achte.
In diesem Sommer wurde König Christian VIII. und Königin Karolina Amalia auf Friedrichsborg mit vieler Pracht gekrönt. Die Ritter vom Elephantenorden und die Großkreuze des Dannebrog waren in purpurrothen und citrongelben Sammetmänteln, weißen Seidentricots und großen Federhüten gekleidet. Die Meisten nahmen sich in dieser ihnen ungewohnten Tracht eigenthümlich aus.
Der König machte mich in diesem Jahre, am Tage seiner silbernen Hochzeit, zum Dannebrogsmann. Ich hatte auf seinen Befehl eine Tischcantate zum Krönungsfeste gedichtet, die, vonFröhlichcomponirt, bei Tafel aufgeführt wurde. Aber die Unmasse von Menschen, die hin- und herging, um zu sehen, wie die Majestäten von den Staatsministern bedient wurden, kümmerten sich nur wenig um die Musik; die Herrschaften saßen am andern Ende des Rittersaales; die Teller klirrten, die Menge lärmte, und ich glaube, daß Keiner, mit Ausnahme der Spielenden und Singenden, die Cantate gehört hat. Ich war selbst im Saale, hörte sie aber nicht.
Zusammenleben mit Thorwaldsen.
Steffens war auch zugegen. Der König hatte ihn mit seiner Familie nach Dänemark eingeladen und bezahlte die Reise. Ich besuchte mit Thorwaldsen, Steffens und Grundtvig den BaronStampeauf Nysöe. Schon früher war ich einige Malemit Thorwaldsen dort gewesen. Des Abends, wenn wir nicht Lotto spielten (das einzige Spiel, an dem Thorwaldsen Theil nahm, wo er aber auch ein sehr leidenschaftlicher Spieler war und sich ebenso sehr freute, wenn er einige Schillinge gewonnen, als wenn er eine bedeutende Summe für seine Arbeiten bekommen hatte), mußte ich ihnen Etwas aus Holberg oder meinen eigenen Arbeiten vorlesen, und dann war er ein aufmerksamer Zuhörer. Er liebte überhaupt das Schauspiel sehr; in Kopenhagen saßen wir fast jeden Abend im Theater neben einander. Er konnte herzlich lachen und bei den rührenden Stellen rannen ihm die Thränen an den Wangen herab. Er hatte oft davon gesprochen, meine Büste zu modelliren; aber es verzögerte sich immer und ich mochte nicht daran erinnern. Endlich machte die Baronesse Stampe kurzen Prozeß damit. Sie bestellte bei dem Tischler ein Brett mit einem Stift darin, ließ ein Gefäß mit nassem Ton heraufbringen, formte mit ihren eigenen Händen einen großen Klumpen davon mit einem Hals wie an einer Flasche, und aus dieser Erde schuf Thorwaldsen seinen Adam, d. h. meine Büste. Den nächsten Tag hatte er keine Lust, daran zu arbeiten, und entschuldigte sich damit, daß er nicht recht aufgelegt sei. Als ich dann wieder zu ihm kam, componirte er die Skizze zu einem Taufengel. Ich fand es sehr natürlich, daß er lieber an einem Taufengel als an einem getauften Poeten arbeiten wollte.
Den nächsten Tag dagegen war er fleißig an der Büste beschäftigt und machte sie fertig. Er modellirte auch ein Basrelief von Steffens, als derselbe hier war. Bei Tische hielt Steffens Vorlesungen, die weder Grundtvig noch mir gefielen. Mein Verhältniß zu meinem alten Freunde war ganz wunderlicher Art. Er übersprang ganz die 37 Jahre, die wir getrennt gewesen waren und sprach mit mir noch immer, wie mit seinem Schüler vom Jahre 1803. Ich fand mich darein; einstmals gingen wir im Südfelde zusammen spazieren und es freute mich, alte Erinnerungen wieder heraufzubeschwören. In diesen Gefühlen sympathisirtenwir brüderlich. Seine Frau war auch hier; die schöne Hanna Reichardt hatte sich außerordentlich gut conservirt; wir waren stets gute Freunde. Seine TochterKlärchenhatte viel von dem Geiste des Vaters geerbt. Verstand und Herz standen bei ihr in seltener Harmonie. — In diesem Jahre feierte auch meine Tochter Marie ihre Hochzeit mit dem DoctorWollert Konowaus Norwegen.
Tod meiner Frau.
Im Jahre 1841 dichtete ichDina. Ich las meiner Frau und meinen Kindern die drei ersten Acte in demselben Zimmer vor, in welchem sie in kurzer Zeit als eine Leiche stehen sollte. Noch hatten wir keine Ahnung davon, obgleich sie in den letzten Jahren ihre Gesundheit verloren hatte. Sie konnte Nachts nicht schlafen. Die Folge davon war, daß sie oft am Tage einschlummerte und nicht recht an Dem Theil nehmen konnte, was uns Anderen interessirte. Meine Dichtungen hörte sie stets mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Da ich an dem fünften Acte von Dina arbeitete, konnte ich ihr noch das Meiste davon vorlesen. Das Letzte, was sie hörte, war Eleonore Christine's Monolog, wo sie aus Liebe zu Mann und Kindern beschließt, das geliebte Vaterland zu verlassen. Da füllten sich Christiane's große blaue Augen, die trotz aller Schwäche noch nicht den Stempel ihrer frühern Schönheit verloren hatten, mit Thränen. Und das war der Abschied dieser edlen Seele vom Dichter und Gatten, denn später ergriff die Lähmung und das Fieber des Todes sie und machte ihren Geist unempfänglich für zarte, rührende Eindrücke. Selbst der kleine Enkel konnte sie nicht recht erfreuen. Sie war oft vom Schwindel geplagt gewesen; ein krampfhaftes Zucken des Mundes und der Augenliden ließ einen apoplectischen Anfall befürchten. Das würde, sagten die Aerzte, sie, wenn auch langsamer, dem Tode zugeführt haben. Nun endigte gutmüthige Dienstfertigkeit, die ein Charakterzug bei ihr war, plötzlich ihr Leben. Eine arme Frau,die im Hause zuweilen waschen und dergleichen half, wurde krank. Christiane besuchte sie und bekam den Typhus! An dem letzten Tage ihres Lebens wo ich sie sah, lag sie wie in einer Betäubung, kannte mich kaum und als ich mit unterdrücktem Gefühl ihr Lebewohl sagte, machte sie eine mechanische Bewegung mit der Hand nach dem Munde zu. Ich ging untröstlich nach Friedrichsberg hinaus; aber da hatte ich keine Hütte mehr, keinen Winkel, in den ich mich hinsetzen und über meine Einsamkeit trauern konnte. Der Kaufmann Melchior, den ich früher von einer edeln Seite kennen gelernt hatte, erlaubte mir in einem Hause zu wohnen, das er in der Friedrichsberger Allee besaß, bis ich andere Zimmer finden würde. Kaum war ich dort hinaus, als mein Sohn Wilhelm mir die Nachricht von dem Tode seiner Mutter brachte.
In dieser Trauer kam Bröndsted zu mir und fragte mich mit seiner gewöhnlichen herzlichen Bereitwilligkeit, ob er mir irgend einen Dienst leisten könne? „Ja,“ antwortete ich, „das kannst Du. In diesem Hause kann ich nur einige Tage bleiben; ich weiß, daß das Schloßverwalterhaus leer steht. Da verbrachte ich, als mein seliger Vater noch lebte, manchen Sommer, und es würde mir Trost gewähren, wenn ich die Erlaubniß erhielte, jetzt wieder dort zu wohnen. Aber ich bin zu betrübt und niedergeschlagen, als daß ich zum König gehen und ihn darum bitten könnte. Willst Du es für mich thun“? — „„Ja, mit größtem Vergnügen!““ — Er ging. Den Tag darauf kam er wieder und brachte mir einen Brief, den der König mir geschrieben hatte, in welchem stand, daß es Sr. Majestät freue, meine Trauer lindern zu können, und daß er gleich Befehl gegeben habe, daß das Schloßverwalterhaus mir für diesen Sommer eingeräumt werde. Dafür hatte ich nun meinen guten Bröndsted zu danken, wenigstens dafür, daß es so schnell geschah; denn mir selbst wäre es in meiner Gemüthsbewegung unmöglich gewesen zum Könige zu gehen.
Meine Tochter zieht nach Norwegen.
Ich zog nun mit meinen Söhnen in das Schloßverwalterhaus.Mein Schwiegersohn Konow und meine Tochter wohnten in der Stadt. Er hatte erst die Absicht gehabt, sich ein Gut in Dänemark zu kaufen. Aber da er keins fand, was ihm convenirte, und da wohl auch der freiheitsliebende Norweger sich nicht dazu entschließen konnte, Unterthan eines souverainen Königs zu werden (damals zeigte sich viel Gährung und Opposition hier im Lande), so beschloß er ein schönes Gut,Steen, zwei Meilen von seiner Vaterstadt Bergen, zu kaufen. Nun sollte ich also auch, wenngleich, gottlob nicht für stets, meine Maria verlieren.
Die traurigen, stillen Vormittage in der ersten Zeit nach Christiane's Tod (mich trennte nur ein breiter Platz von dem Kirchhofe auf dem sie begraben war) brachte ich damit zu, alle ihre Briefe zu lesen, wodurch ich mich gleichsam in meine erste Jugend zurückversetzte und das entschwundene Leben noch ein Mal mit ihr durchlebte. Ich miethete Zimmer für den Winter, besuchte die lieben Neuvermählten, und ihre Nähe erquickte mich sehr, bis die Abschiedsstunde kam, wo ich meine schmerzlichen Gefühle bemeistern mußte. Die Trauer wurde durch den tröstlichen Gedanken gemindert, daß ich sie, unserer Verabredung gemäß, bald in Norwegen besuchen würde.
Bevor sie aber abreisten, versuchte eine Zahl der begabtesten und gebildetsten jungen Männer des Vaterlandes, mich dadurch zu trösten, daß sie mir einen neuen ehrenvollen Beweis ihrer Achtung gaben. Ich erhielt folgenden Brief:
„Der Studentenverein an Adam Oehlenschläger!
Sie vollenden heute das 62. Jahr ihres Lebens, welches dem Dienste der Musen geheiligt war, dessen bedeutungsvolle Wirksamkeit ihrem Namen Unsterblichkeit verleihen wird. Gegen diese muß eine wenn auch noch so kräftig ausgesprochene Anerkennung eines kleinen Kreises der Gegenwart einem Nichts gleich sein; aber eine Gesellschaft junger Musensöhne, welche Sie in einer Reihe von Jahren mit Freuden unter sich gesehen hat, fühlt die Pflicht auszusprechen, daß sie es für eine Ehrefür die Gesellschaft hält, Sie zu deren Mitgliedern zu zählen. Der Studentenverein bittet Sie daher, den Platz als Ehrenmitglied der Gesellschaft anzunehmen, und indem wir, die Vorsteher des Vereins, Ihnen dies, laut uns gegebenem Auftrage, mittheilen, konnten wir dem Drange nicht widerstehen, Ihnen persönlich unsere Freude darüber auszusprechen, daß uns die Ehre zu Theil geworden ist, diese Handlung der Gerechtigkeit gegen den ersten Dichter unseres Vaterlandes zu vollziehen.
Das Seniorat des Studentenvereins am 14. Nov. 1841“.
Diese Huldigung war früher nur Rahbek und Thorwaldsen zu Theil geworden, und es fand in Folge derselben ein schönes Fest Statt.
In demselben Jahre wurde ich Commandeur des Dannebrogordens. Kurz darauf ward ich auch Mitglied der niederländischen Gesellschaft der Wissenschaften, und erhielt die große goldene Medaille der schwedischen Akademie für Geist und Geschmack (för Snille och Smak).
Gnade des Königs.
Der König hatte mir erlaubt, „diesen Sommer“ im Schloßverwalterhause zu wohnen. Ich wünschte nun sehr, daß diese Erlaubniß auf mehrere Sommer ausgedehnt werden möchte. Als ich ihm für seine Güte dankte, fragte er, ob nicht auch ein Garten dabei sei, und ob ich diesen pflege? Dies gab mir die beste Gelegenheit, meine Bitte anzubringen. Ich antwortete, daß ich ihn sehr gern pflegen würde, wenn ich hoffen könnte, in der Zukunft auch die Früchte zu ernten. Der König antwortete: „Wenn es möglich sei, sollte ich die Erlaubniß erhalten, dort wohnen zu bleiben“, und als ich in dem muntern Tone, in dem er mich gern sprechen hörte, antwortete: „für Ew. Majestät ist sehr Viel möglich“, erlaubte er mir die Wohnung zu behalten. Ungefähr um dieselbe Zeit starb die ConferenzräthinJessen, welche nach dem Tode ihres Mannes auf dem imFriedrichsberger Garten, von üppigen Gebüschen und Bäumen verborgen gelegenen Fasanenhofe wohnen geblieben war. Der OberhofmarschallLevetzau, den ich von Jugend auf kannte, und der stets freundlich mit mir gewesen war, erzählte mir, daß der König mir erlaubt habe, zu wohnen, wo ich es selbst am liebsten wünschte: entweder im Schloßverwalterhause oder auf dem Fasanenhofe. Als ein Freund des Alten, an das sich viele liebe Erinnerungen knüpften, zog ich es zuerst vor, da zu bleiben, wo ich war; als mir aber der Marschall lächelnd rieth, erst den Fasanenhof anzusehen, that ich es und schwankte nicht länger.
Tod Wullf's und Bröndsted's.
In dieser Zeit traten kurz nach einander zwei traurige Todesfälle ein, welche mir zwei meiner besten Freunde raubten. Zuerst starb plötzlich mein lieber PeterWullf. Ich hatte ihn im Jahre 1814 als Capitain und Lehrer der Seecadetten kennen gelernt. Unsere Freundschaft wurde in der Baggesen'schen Periode geknüpft, in welcher Wulff sich uns warm angeschlossen hatte.
Er schrieb schöne Gedichte, und setzte die Foersom'sche Uebersetzung des Shakespeare zwar nicht mit der Virtuosität Foersom's, aber doch lobenswerth fort. Jetzt war er Contreadmiral und Generaladjutant. Seine gute Frau hatte er einige Jahre vorher verloren. In dem liebenswürdigen Kreise seiner Familie verlebte ich viel heitere Tage. Weyse war auch ein Freund des Hauses und erquickte uns oft durch seine schönen Phantasieen am Fortepiano.
Der gute Wulff litt zuweilen an einem leichten Podagra, war aber niemals eigentlich krank. Eines Abends im Theater fühlte er sich nicht recht wohl, ging hinaus, nahm eine Droschke, um nach Hause zu fahren, und ehe er nach der Cadetten-Akademie kam, — war er todt!
Tod Bröndsted's.
Im folgenden Jahre hatte mein lieber Bröndsted ein ähnliches Schicksal. Von Natur war er riesenstark und genoß einer vortrefflichen Gesundheit. Aber er war vollblütig und bedurfte der Bewegung. Da er nun viel saß und nach alter Gewohnheit immer lange zögerte ehe er sich in Bewegung setzte, so beeilte er sich dann umso mehr zu Pferde, denn er ritt lieber, als er ging. Ein paar Jahre wohnte er des Sommers auf Friedrichsberg, wo ich ihn und seine liebenswürdigen Töchter Friederike und Marie häufig besuchte. Die armen Mädchen gingen oft des Abends um sieben, halb acht Uhr auf die Landstraße, um nach ihrem Vater zu sehen, der noch nicht zum Mittagsessen gekommen war. Wenn sie ihn dann in weiter Ferne herangalopiren sahen, freuten sie sich. Leider sollte diese Freude bald in Trauer verwandelt werden.
In Kopenhagen wollte er eines Tags zu einem der Thore hinaus reiten. Auf der Esplanade begegnete ihm der Etatsrath, späterer MinisterBang. Sie hielten an und sprachen mit einander. Das Gespräch war zu Ende und Bröndsted wollte weiter reiten, als er, gutmüthig und höflich wie er stets war, den unglücklichen Einfall bekam, Bang für eine Abhandlung zu danken, die dieser kurz zuvor geschrieben hatte. Rasch und kühn warf er das Pferd herum; aber bei dieser Bewegung fiel er ab. Er war zwar an das Reiten gewöhnt; aber da er kurz und untersetzt war, konnte er sich nicht fest genug halten. Er bekam einen fürchterlichen Schlag, wobei er wohl merkte, daß Etwas in seinem Körper zerbrach. Er hatte noch so viel Kraft, daß er sich mit Hülfe eines Andern nach dem nahe gelegenen Friedrichshospital schleppen konnte. In den ersten Tagen schien es, als ob die Gefahr nicht sehr groß sei; nun aber schwoll der Körper auf, und er starb glücklicherweise plötzlich, wobei er von heftigen Schmerzen verschont blieb. Das Becken war ihm gebrochen! und doch hatte er Muskelkraft und Körperstärke genug gehabt, um von der Esplanade nach dem Hospital zu gehen. Armer Bröndsted! wie viele Gefahren hast Du in Deinem Leben besiegt! auf Felsen und Bergen in der dunkeln Nacht bist Du an tiefen Abhängen vorübergeritten — und es hatte Dich Nichts betroffen! Und nun solltest Du an einem schönen, stillen, hellen Tage unter den freundlichen Bäumen in einer schönen Allee der Hauptstadt Deines Vaterlandes stürzen!
Die Aufführung von Dina.
Ehe ich nach Norwegen reiste, wurde Dina aufgeführt und machte vorzüglich durch das vortreffliche Spiel der Frau Heiberg Glück. Das Stück wurde sehr gelobt; die Tadler hielten sich nun daran, „daß ich der Geschichte Gewalt angethan, Ulfeld als zu schlecht und Dina als zu gut gezeichnet hätte; daß sie eine niedere Verbrecherin sei“. Aber Alles, was zu Ulfeld's Lob gesagt werden kann, habe ich ihm im Stücke gelassen; ich habe ihn nur auch mit seinen Schattenseiten gezeichnet. Daß ich durch die Idealisirung Dina's der Geschichte zu nahe getreten sei, können nur Thoren sagen. Dina ist gar keine historische Person. Ihr Auftreten ist eine Privatanekdote in Ulfeld's Leben; wenn diese mir Veranlassung dazu gegeben hat, und es mir geglückt ist, aus einem groben Feuerstein einen Diamanten herauszuschlagen, so ist dies ein Gewinn für die Poesie und kein Verlust für die Geschichte. Die strenge historische Wahrheit würde bei den meisten Stoffen die Dichterschönheit unmöglich machen. Hakon Jarl schlachtete thatsächlich seinen Sohn ohne Liebe; er verbarg sich, ehe er von seinem Diener gemordet wurde, in einem Schweinestalle; Palnatoke erschoß den Harald Blauzahn von hinten in einem Walde, wo derselbe bei einer gewissen Verrichtung saß; Hagbarth schlich sich nach der Kämpeweise nach Signe's Kammer und lag bei ihr, als er ergriffen wurde. Habe ich auch hier die Geschichte verunstaltet? Sophokles sagte zum Euripides: „Duzeichnest Deine Helden, wie sie sind,ichwie sie sein sollten“. „Aber“, wird man sagen, „Du hast Ulfeld eines Meuchelmordes beschuldigt“. Das habe ich nicht gethan. Dina hat ihn dessen beschuldigt; selbst als sie zum Tode ging berief sie ihn noch vor Gottes Richterstuhl, und das Ganze blieb — ein ewigesGeheimniß. — Dies genügte dem Dichter. Ich habe jenes Motiv, welches die Triebfeder meines Werkes war, soviel als möglich moderirt. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke des erhitzten Ulfeld, wird aber von der tragischen Nemesis festgehalten. Die Möglichkeit eines solchen Gedankens lag nicht außerhalb Ulfeld's Charakters, er war bei all seinen glänzenden großen Eigenschaftenherrschsüchtig und rachgierig; und wenn gleich die Humanität gebot, seine Schandsäule niederzureißen, so wird doch die historische Wahrheit selbst nie leugnen können, daß zu großer Ehrgeiz und Stolz, sowie Mangel an Edelmuth und echter Tugend ihn zum Landesverrath getrieben haben.
Ole Bull.
Im Juni reiste ich mit meinem jüngsten Sohne Wilhelm nach Norwegen. Als Reisegefährte folgte uns der ViolinistOle Bull, der durch sein seltenes Talent einen nicht nur europäischen, sondern einen Weltruhm erlangte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, diesen großen Künstler zu bewundern, aber auch mich über ihn zu wundern. Sein Leben ist merkwürdig: wie er als ein armer, unbekannter Musiker durch Paris kam, und von der äußersten Noth getrieben, beabsichtigte, in der Verzweiflung sein Leben zu enden, als er gerettet, gekannt, gehört, anerkannt, geliebt, verheirathet, und sich durch seine Concerte bald ein erkleckliches Vermögen erwarb. Seine musikalischen Leistungen waren ein Ausdruck seines eigenen Charakters; eine eigenthümliche Mischung von liebenswürdiger kindlicher Gutmüthigkeit und Milde, die oft durch eine unruhige Heftigkeit unterbrochen wurde. So wechselten die schönsten, schmelzendsten Töne und genialsten Phantasien mit einem plötzlichen, gellen Schreien der Saiten ab. Es war gleichsam, als ob Bull ein Vergnügen daran fand, mit launischem Wankelmuth die milde feierliche Stimmung zu vernichten, die er selbst erweckt hatte, und dieselben Zuhörer, die er soeben noch entzückte, durch eine Bizarrerie zu verletzen, die nicht ihn beherrschte, sondern die er in stolzer Laune hervorrief, wenn er wollte. Er kam mir oft wie ein Maler vor, der uns ein schönes Bild zeigt, das er soeben vollendet, und in dem Augenblicke, wo wir es genauer betrachten wollen, mit einem Pinsel darüber hinfährt und es wieder verwischt. Doch muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir hörten manch' herrliches Stück, das nicht auf diese Weise abgebrochenwurde; und es ist höchst wahrscheinlich, daß diese Manier ihn im reifen Alter ganz verlassen hat. Keiner spielte ein Adagio von Mozart so anmuthig, wie er, hier verleugneten sich ganz jene grellen Töne einer zu heftigen Persönlichkeit. Ich sage, daß er ebenso in seinem Leben war: er machte zuweilen das Gute schlimm; aber mit der Kindlichkeit, die dem kräftigen, schönen, jungen Norweger so gut stand, war es ihm auch leicht, das Schlimme wieder gut zu machen.
Als er mir ein Mal auf dem Schiffe mißfallen hatte, weil er zu übertrieben auf die Schweden loszog, und ich fortging und mich auf eine Bank abseits setzte, kam er bald nachher auf allen Vieren kriechend und bellte mich wie ein Hund an. Das war nun eine ebenso originelle wie liebenswürdige Art, die Versöhnung herbeizuführen, und den Verstimmten zum Lachen zu bringen. Er besuchte mich mehrere Male in Kopenhagen. In Christiania, wo seine kleine hübsche Frau wohnte, die sich als Pariserin nicht recht in den Norden finden konnte, war ich zu Mittag bei ihm, und als wir reisten, war er so gut, uns einen seiner Wagen zur Fahrt nach Bergen, seiner Vaterstadt, zu leihen, wohin er auch bald reisen wollte. Er war außerordentlich stark; seine Arme waren wie von Eisen gegossen, und es ist wohl möglich, daß es seine allzu große Körperkraft war, die zuweilen ungeduldig die milden Töne unterbrach, während er mit dem Haupte schüttelte, daß ihm die Haare in die schönen braunen Augen fielen. Ein Beweis für seine Gutmüthigkeit ist, daß er mir seinen besten Wagen zu dieser Reise lieh. Er selbst beabsichtigte, in einem Wagen mit drei Rädern zu fahren; als man ihm aber vorstellte, wie gefährlich dies sei, wählte er einen großen Wagen, der nicht ordentlich die Spur hielt, und mit dem er auch ein Mal umwarf und beinahe den Hals gebrochen hätte. Als er vor dem Könige in Kopenhagen spielte, und Friedrich VI. ihn fragte, von wem er seine Kunst gelernt habe, antwortete er: „Von den norwegischen Felsen, Ew. Majestät!“ Der König, der an solche poetische Redensarten nicht gewöhntwar, und den Namen eines Menschen erwartet hatte, setzte das Gespräch nicht weiter fort.
Norwegische Bekanntschaften.
In Christiania besuchte ich meine alten Freunde und Gönner. Der Einzige, den ich nicht so fand, wie ich ihn verlassen hatte, warSverdrup, der an Augenschwäche litt, und den ich nie wieder sah. Die Studenten begrüßten mich eines Abends im Hôtel du Nord mit einem Ständchen. Ich machte die BekanntschaftSchweigaard's, eines der brillantesten Köpfe des Nordens, der Genie und Kenntnisse mit einem edlen Herzen verband,Dahlkam uns mit der alten Freundschaft entgegen, und seine gute Frau erquickte uns unter Andern mit schöner italienischer Musik.Colletsempfing mich mit unveränderter Herzlichkeit. Auch meinen alten ReisekameradKrogsah ich wieder, und lernte seinen Vater, den Staatsrath kennen, der, als ich das erste Mal Norwegen besuchte, in Schweden gewesen war.
Der Statthalter BaronLövenskjolderwies mir viel Freundlichkeit und Ehre. Am Namenstage des Königs waren wir bei ihm zu Tisch, und bei dem dritten Toast bat er mich, Dänemark Norwegens brüderlichen Gruß zu bringen. Fünf Jahre darauf sah ich seinen Sohn in Dänemark; der begeisterte, tapfere Norweger kam her, um unter dem Dannebrog für die Sache unsers Vaterlands zu kämpfen. Seine ehrliche, derbe, herzliche Freundlichkeit rührte uns Alle. Er war oft bei mir auf dem Fasanenhofe. Als ich in die Stadt gezogen war, kam der Diener eines Tages herein und sagte: „Herr! draußen steht ein Soldat, der mit Ihnen zu sprechen wünscht.“ Ich ging hinaus. Die Gardinen waren der Sonne wegen herabgelassen; ich konnte das Gesicht nicht recht erkennen, und sah nur einen Soldaten in seinem groben Rock, mit Patrontasche und Säbel, der ehrerbietig an den Czako faßte. Es war Lövenskjold, der in den Kampf ging. Nachdem er sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet und Dannebrogsmann geworden war, besuchte eruns wieder; wir hatten die Freude, ihn im Soldatenrocke an unserm Tisch zu sehen und auf sein Wohl zu trinken, ehe er seinem ehrenvollen Tode entgegenging. Er steht vor meiner Seele als ein schönes Ideal all' der edlen Norweger und Schweden, die mit ihrem Bruderherzen für uns stritten, und ihr Blut für uns wagten und vergossen.
Reise nach Bergen.
Den Reiseplan nach Bergen hatte uns unser FreundHolger Colletaufgeschrieben; und da der StaatsrathSibberneinen Tag vorher eine weite Strecke auf demselben Wege gefahren war, so hatte er Pferde für uns bestellt. Holger hatte uns aber zu kurze Zeit gelassen, und obgleich wir eilten, so mußten wir doch an ein paar Orten doppelt bezahlen, weil man uns zur bestimmten Zeit vergebens erwartet. Der Weg führt größtentheils an Abgründen entlang, doch ereignen sich selten Unglücksfälle; denn die norwegischen Pferde sind ebenso wie die italienischen Esel daran gewöhnt, die Felsen auf und ab zu klettern. Zwei Dinge gehören zu den wichtigen Erfordernissen einer Reise in Norwegen: ein guter Kutscher und ein Cabriolet. Ersteren verschafften wir uns; aber statt des Cabriolets bekamen wir Bull's Chaise. Da diese nun ziemlich hoch war, so war sie auch gefährlicher; hatte aber auch wieder den Vortheil, daß sie beim Regen zugemacht werden, und daß man mehr darin mit sich führen konnte. Im Anfange erschien mir die Nähe des Abgrundes etwas bedenklich; aber man gewöhnt sich an Alles und es währte nicht lange, so ließ ich den lieben Herrgott sorgen und schlief ganz ruhig in dem bequemen Wagen. Selbst eine Stelle, wo ein paar Tage vorher eine Karre mit einem Pferde herabgestürzt war, machte keinen Eindruck auf mich.
Wir machten unsere Reise in vier bis fünf Tagen. Ich will hier nicht all' die Ruhepunkte aufzählen, sondern nur einiges Charakteristischen, dessen ich mich entsinne, Erwähnung thun. Am ersten Abend kamen wir in ein Haus, wo der Wirth unddie Wirthin, obgleich Bauersleute, meine Biographie und mein Freia's Altar gelesen hatten, und sich alle Mühe gaben, uns nach besten Kräften zu bewirthen. Zu dem Ende brateten sie ein Spanferkel, das sie auf den Tisch setzten. Unglücklicherweise aber konnte ich Nichts davon genießen; denn es ist mir stets zuwider gewesen, von einem Spanferkel zu essen, das mit Kopf und Schwanz und geschlossenen Augen, fast als ob es noch lebte auf den Tisch kommt. Das Gefühl von einer Art Kanibalismus bei dem Genusse eines, wenn auch nicht Mitmenschen, so doch Mitgeschöpfes macht mir die Mahlzeit widerlich. Es darf keine Spur des verschwundenen Lebens mehr vorhanden sein, wenn die Fleischspeise schmecken soll. Nur durch diesen Selbstbetrug versöhnt sich unser, wenn auch nicht ethischer, so doch ästhetischer Sinn mit den Forderungen der Natur. Indessen kostete ich doch von der Speise, um den braven Leuten nicht zu mißfallen, die uns so gern Etwas zu Gute thun wollten.
Der Wagen wankte oft an steilen Punkten; das störte mich aber doch nicht in der Betrachtung der wunderbaren Natur. Norwegen besteht mit Ausnahme einiger großen Thäler aus lauter Felsen, zwischen deren Spalten die Flüsse dahinströmen. Zwischen dem Fluß auf der einen Seite und dem Felsen auf der andern erstreckt sich ein breiter oder schmaler Erdstreifen mit Ackerboden und einem Fahrwege zwischen sich und dem Flusse.Dasist Norwegen! Man hat so viel von dem kalten unfruchtbaren Klima gesprochen; nicht das Klima im Ganzen genommen ist es, das Norwegens Unfruchtbarkeit verursacht; hieran sind größtentheils die unglücklichen einzelnen Nachtfröste schuld. Eine einzige Nacht kann die Ernte eines ganzen Jahres zerstören. Was Norwegen besonders fehlt, istErde. Steine können nicht zu Brot werden, und Norwegen besteht größtentheils aus Steinen und Wasser. Aber wenn eine Zaubermacht die gegen Süden gewandten Bergabhänge hinreichend mit fruchtbarer Erde bedecken könnte, so würde Norwegen ein Paradies werden; denn das Klima auf der Süd- und auf der Nordseitedes Berges ist durchaus verschieden. Wo die Sonne in dem Thale scheint, welches die Felsen vor Stürmen schützen und die Sonnenwärme verstärken, indem sie die Strahlen zurückwerfen, würde fruchtbare Erde den Fleiß des Landmannes durch die reichste Ernte belohnen.
Unser Kutscher fuhr rasch. Aber ein Mal hatte er schlechte Pferde bekommen, und wollte auf einer unwegsamen Stelle sie mit der Peitsche vorwärts zwingen, was wir ihm aber untersagten. Die Bauern umgaben uns in großen Haufen, darunter war auch ein baumstarker großer Bauer mit finsterm Gesicht, der sich uns erbittert und drohend mit wilden Blicken näherte. Glücklicherweise kam der Prediger dazu, der ihn beruhigte, sonst wäre es dem Kutscher und uns vielleicht auch schlecht gegangen. Dies war der erste und letzte Norweger auf meiner Reise, der sich mir unfreundlich zeigte.
Wir näherten uns dem Filefjeld, dessen Kamm jetzt, in der Mitte des Sommers noch an vielen Stellen mit Schnee bedeckt war. Hier aßen wir einen guten Rennthierbraten, und ein starker Bauer trug mich auf seinem Rücken durch den Schnee; doch nicht ganz ohne Schwierigkeit; denn ich war nicht so leicht, als er geglaubt hatte.
Von dort kamen wir nach dem Leerthale, wo Manöver gewesen war. Die Soldaten mußten von fernen Gegenden dorthin ziehen, um einen flachen Raum von genügender Ausdehnung zu finden, auf dem sie marschiren und exerciren konnten.
Von hier fuhren wir mit einer Abtheilung norwegischer Soldaten auf einem Dampfschiffe nach Bergen wo uns meine geliebte Maria und ihr Mann auf einem Boote im Hafen entgegenkamen. In dem Augenblick, wo ich aus dem Schiff ins Boot steigen sollte, mußte ich, als ich mein geliebtes Kind wiedersah, meine Gefühle unterdrücken, um nicht ins Wasser zu fallen. In der Stadt erwartete uns ihr Wagen, und nun fuhren wir rasch den herrlichen Weg entlang bergauf, bergab nachSteen.
Aufenthalt bei meiner Tochter.
Bei der Einfahrt in Konow's Gut stand in dem Thoredas Kindermädchen mit dem kleinenHarald, der seinen Großvater an der Grenze empfangen sollte. Durch eine lange Allee mit gut bebauten Feldern zu beiden Seiten, von nackten, hohen Riesenfelsen begrenzt, kamen wir nach dem traulich und schön eingerichteten Hause. Hier verbrachte ich sechs glückliche Wochen im Schooße meiner Familie. Meine Maria spielte mir täglich einige der Mozart'schen und Beethoven'schen Compositionen vor, die ich stets so gern hörte, und ich ging daran, meine Tragödie „Erik Glipping“ zu vollenden, die ich bereits im Fasanenhofe begonnen hatte. In Bergen besuchte ich den herrlichenChristie, der Stiftsamtmann gewesen, Staatsminister hätte werden können, sich aber mit dem Amte eines Zollinspectors begnügte, und einer der Begründer der norwegischen Constitution war.
Es währte nicht lange, so erhielt ich eine Einladung von Bergens Einwohnern aus allen Classen zu einem Feste im Locale der dramatischen Gesellschaft. Ich wurde von den Stiftsamtmännern Hagerup und Christie, dem Amtmann Schütz und den Directoren der Gesellschaft empfangen, und in des Prinzen Oskar Loge hinaufgeführt. Ungefähr fünfhundert Personen empfingen mich mit einem Liede und einem schönen Prologe von meinem alten Freunde, dem OberlehrerLyder Sagen. Später war Souper und Ball für über hundert Personen. Ich sprach meinen Dank für diese Ehre in einem Gedichte aus, das in meinen Sammlungen abgedruckt ist. Aber es blieb nicht dabei; die edlen Bergener erwiesen mir auf mehrere Arten ihre Zuneigung.
Je mehr sich die Abreise näherte, desto schwerer athmeten Maria und ich, und manche Thränen wischten wir fort, die sich am Ende doch nicht mehr verbergen ließen. Wir hatten Beide versucht unser Gefühl zu unterdrücken, wenn vom Abschiede die Rede war; aber wir wußten wohl, was wir einander waren, und der Gedanke an die schwere Trennung, die uns bevorstand, erschütterte uns. Eines Vormittags, als Konow und William ausgegangen waren, hatte ich mich in mein Zimmer gesetzt undlas; als ich zu Maria hineinkam, fand ich sie an ihrem Nähtische still weinend. Ich fragte sie besorgt um die Ursache? „Du gehst von mir weg und liest,“ sagte sie, „während ich hier allein bin. Dazu hast Du Zeit genug, wenn uns mehr als eine Thür trennt.“ In solchen Zügen äußerte sich ihr schönes Herz.
In ein paar Bäume auf dem Wege nach der See zu hatte ich einige Worte eingeschnitten; gleich vornan in einen: „Lebe wohl!“ und weiter unten am Strande: „Auf Wiedersehn!“ Nun schnitten wir auch unsere Namen in einen Baum im Garten. Bei dieser Gelegenheit darf ich eines poetischen Charakters nicht vergessen. Die Sage von den Hausgeistern ist hinreichend bekannt: es sind gute, unschuldige Wesen, die mit größter Bescheidenheit nur wenig von Dem genießen, was man ihnen anbietet, und mit größter Freude allen nur möglichen Nutzen im Hause thun, während sie sich an die Familie anschließen. Freilich haben sie etwas Wunderliches an sich, aber das wird hinreichend durch ihr muntres Wesen und ihre innige Gutmüthigkeit ersetzt. Solch' einen Hausgeist besitzt Steen imOnkel Jahn. Ohne an den Speculationen und dem Handelsfleiße seiner Brüder, wodurch diese reiche Männer wurden, Theil zu nehmen, führte er ein abenteuerliches Leben, ging in seiner Jugend auf die See, und schloß sich später als ein reisendes Mitglied den Familien an. Auf Steen ist er der Abgott der Kinder, denn er lebt mit ihnen wie ein Kind, erzählt ihnen Märchen, spielt ihnen auf der Violine und der Mundharmonika vor, und sie haben kein Spiel, an dem er nicht Theil nähme. Aber er kann auch schmieden, zimmern und dem Hauswesen nützen.
Als nun Maria und ich zum Abschiede unsere Namen in einen Baum geschnitten hatten, fand Onkel Jahn die Idee so hübsch, daß er Lust bekam, auch den seinigen daneben zu stellen. Als ihm aber später Jemand sagte, daß sein Name nicht dahin paße, wollte er ihn durchaus wieder wegschneiden, und es kostete viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er denselben stehen ließ.
So riß ich mich denn also aus den Armen meiner geliebten Maria. Um uns zu trösten, versprach der gute Konow, sie bald mit dem kleinen Harald nach Dänemark zu bringen. Und er hielt mehr, als er versprochen hatte, denn Harald kam mit noch zwei Brüdern.
Rückreise nach Kopenhagen.
Das Wetter war herrlich, es ging kein Wind, darum kümmerte sich aber das Dampfschiff nicht. Ich starrte lange nach der Küste hinüber, als ich an Steen vorüber fuhr, aber es war zu weit, um Jemanden sehen zu können, und das war recht gut; denn der Anblick der Geliebten würde die Wunde nur wieder aufgerissen haben. Beim Vorübersegeln betrachtete ich die große, schöne Stadt, die zwischen nackten Felsen eingeklammert liegt. Auch Norwegen hat in früheren Zeiten durch die Deutschen gelitten. Hier setzten sich die Hanse-Kaufleute fest und belästigten lange die Bergener Bürger. Die alten Heldenkönige, die hier gestrahlt hatten, wurden vergessen, selbst ihre Grabmäler in den Kirchen sind zerstört, und keiner wußte, wo sie gestanden hatten. Die nackten Felsen machten einen traurigen Eindruck; doch würden die der Stadt zunächst gelegenen nicht so unfruchtbar sein, wenn sie vor dem Viehe geschützt worden wären, das die hervorsproßenden Keime abnagt, wenn man das Ackerland nicht einhegt. Auf dem eingehegten Gute des Stiftsamtmanns Hagerup z. B. erstreckte sich das Grüne ein gutes Stück den Berg empor.
Um mich zu erheitern, hatte das Schicksal uns den herrlichenRosenkildeauf das Schiff geführt. Diesen vortrefflichen Schauspieler, ebenso ausgezeichnet durch seinen Humor wie durch sein Herz, der sich auch im „Fest der Freunde“ als ein guter Dichter bewährt hat, kannte ich bereits seit meiner Jugend, wo er oft bei Madame Möller in der Weststraße aß. Er war auf einer Kunstreise begriffen, und kam von Drontheim. Das Wetter war so schön und ruhig, daß wir auf dem VerdeckeKarten spielen konnten. Eine große Anzahl norwegischer Matrosen wurden auf dem Schiffe transportirt; jetzt hatten wir Gelegenheit, norwegische Seeleute zu sehen, sowie auf der Fahrt vom Leerthale nach Bergen Soldaten. Des Abends legten sie sich bis früh auf dem Decke zur Ruhe, und wenn wir Andern, die wir später zu Bette gingen, über das Verdeck gehen wollten, mußten wir über die schlafenden Matrosen wegschreiten. Ich fragte einmal den Capitain im Scherz, ob er nicht fürchtete, daß sie Aufruhr machen könnten? „Davor bin ich von moralischer Seite sicher,“ sagte er. — „„Genügt das?““ fragte ich. — Er zeigte auf fünf bis sechs Männer, die Riesen nichts nachgaben, und sagte: „Auf diese kann ich mich in jedem Falle verlassen.“
Es geht sehr langsam auf dieser Reise, weil man zwischen unzähligen Scheeren und Bänken in der Nähe kleiner Felseninseln dahin fahren muß. Ueberall gebraucht man Lootsen. Wir näherten uns einmal zwei solchen Straßen, deren eine breit, die andere sehr eng war. Aber gerade durch diese letztere mußten wir fahren, denn in der andern wären wir auf den Grund gelaufen.
In Stavanger, wo das Schiff sich einen Tag aufhielt, war ich in der Kirche, und sah das Taufbecken, in dem Steffens getauft worden war. Er kam ein Jahr alt mit seinen Eltern nach Dänemark; sie hatten gerade ein Jahr in Norwegen gelebt. Erst als Jüngling besuchte er Norwegen wieder; indessen hatte er doch das Recht Norwegen sein Vaterland zu nennen.