ELFTES KAPITEL.AM TANA-SEE.

ELFTES KAPITEL.AM TANA-SEE.

Aufbruch des ganzen kaiserlichen Lagers. – Der Negus erscheint. – Die Lagerordnung. – Reisegesellschaft, darunter drei vornehme Damen. – Hundert Soldaten zur Bedeckung. – Eintretender Mangel, da die Karavane sich bis zu 1000 Menschen verstärkt. – Lieblichkeit der Gegend. – Der Aasgeierberg. – Die erste steinerne Brücke in Abessinien. – Ein Waldbrand. – Lagerplatz dicht am Wasser des Tana-Sees. – Beschreibung des Tana. – Die Kirche auf der Insel im See. – Die Soldaten plündern in den Hütten der Bewohner. – Aufbruch. – Der Zolldirector. – Dembea die reichste und bevölkertste Provinz Abessiniens. – Der zu klein befundene Ochs und abermals Plünderung der Soldaten. – Ankunft in Gondar.

Aufbruch des ganzen kaiserlichen Lagers. – Der Negus erscheint. – Die Lagerordnung. – Reisegesellschaft, darunter drei vornehme Damen. – Hundert Soldaten zur Bedeckung. – Eintretender Mangel, da die Karavane sich bis zu 1000 Menschen verstärkt. – Lieblichkeit der Gegend. – Der Aasgeierberg. – Die erste steinerne Brücke in Abessinien. – Ein Waldbrand. – Lagerplatz dicht am Wasser des Tana-Sees. – Beschreibung des Tana. – Die Kirche auf der Insel im See. – Die Soldaten plündern in den Hütten der Bewohner. – Aufbruch. – Der Zolldirector. – Dembea die reichste und bevölkertste Provinz Abessiniens. – Der zu klein befundene Ochs und abermals Plünderung der Soldaten. – Ankunft in Gondar.

Mein Reisegefährte zog schon tags zuvor von mir fort und nahm in einer recht geräumigen, von Herrn Naretti ihm zur Verfügung gestellten Hütte Wohnung. Am 17. früh morgens brauchte auch der Festschlafendste sich nicht wecken zu lassen, denn schon lange vor Sonnenaufgang tönte ein eigenthümliches Brausen und Lärmen durch die Lüfte: es kam von dem Packen, Satteln, Aufladen der Tausende von Maulthieren, Eseln und Pferden; von dem Gebrüll und Stampfen der Thiere; von dem Rufen, Sprechen, Rennen und Gehen der Menschen; es war, von fern gehört, wie ein Börsengesumme im grossen. Dazwischen knatterten Gewehrschüsse. Ich trete heraus und erblicke etwasUnbeschreibliches. Das ganze grosse Lager um Samara herum ist in Aufruhr. Ueberall Gruppen, Familien, Einzelne. Man schleppt aus den Hütten die Sachen, welche man mitnehmen will; sie werden verladen, von halsstarrigen Thieren abgeworfen, wieder aufgeladen, umgepackt. Wie ein umgerührter, wimmelnder Ameisenhaufen. Einzelne Züge ordnen sich. Hier hundert, dort weniger Leute mit ihren Thieren. Bei vielen Haufen besteht nur die Hälfte, bei den meisten nur ein Viertel aus Soldaten; die übrigen sind Greise, Weiber, Kinder. Alle ziehen ab nach einer bestimmten Richtung, nach Südost, als ob sie irgendein Punkt mit unwiderstehlicher Gewalt anziehe. Die Hütten, die Gehöfte bleiben verwaist stehen. Kein Mensch kümmert sich um sie. Dann verschwinden die lebendigen Säulen um eine Bergecke herum. Da – es war 8 Uhr morgens – ertönt plötzlich ein Kanonenschuss, noch einer und mehrere: der Negus! Ich trat hervor. Zuerst ein Zug Musikanten, Leute mit riesigen Trommeln, mit Pauken und Trompeten, mit erbeuteten ägyptischen Blasinstrumenten, denen sie entsetzliche Töne entlockten. Dann ein langer und breiter Zug mit Gepäck; eine von Cavaleristen umschwärmte Abtheilung Fusssoldaten; Grosswürdenträger; der Negus auf reichgeschirrtem Maulthier. Ueber ihm ausgespannt der prachtvolle deutsche Sonnenschirm, dessen Gold in dem strahlenden Sonnenschein sich zu verdoppeln schien. Dicht hinter dem Negus mit fast ebenso grosser Pracht der Etschege. Hierauf wieder eine Abtheilung Soldaten und andere Züge bis um 10 Uhr, wo alles hinterm Gebirg verschwand. Das Lager war leer. Samara erschien wie ausgestorben.

Wenn man bedenkt, dass vielleicht 40000 Menschen – so hoch muss man wol die ZahlallerAnwesenden in Samara veranschlagen – innerhalb sechs Stunden mit verhältnissmässiger Ordnung abzogen, so muss man zugestehen,dass hier von vornherein ein System waltete. Man hörte keine Befehle. Es war, als ob ein unsichtbarer Geist alles leitete. Auch Stockungen und wüste Durcheinanderschiebungen schienen nicht vorzukommen. Man muss eben wissen, dass in Abessinien für Kaiser und Heer seit 1000 Jahren eine gewisse Lager- und Marschordnung besteht. Jeder Offizier, jeder Beamte weiss, wann und wo er mit seiner Truppe zu marschiren und zu lagern hat. Voran der Fitorari, welcher gegenüber dem Zelte des Negus nach vorn lagert; zuletzt der Balata Geta mit der Lagerung rückwärts vom Zelte des Negus; der Budjurun unmittelbar vor dem Negus mit der Lagerung rechts vom Zelte desselben. Der Agafari oder wirklich geheime Oberhofmeister marschirt vor dem Budjurun und lagert auf dem äussersten rechten Flügel u.s.w.

Der Bibelkundige ersieht hieraus, dass eine solche auf uraltem Herkommen beruhende Anordnung auf biblische Vorbilder hinweist. Ja, die Vermuthung ist nicht ausgeschlossen, dass diese mosaische Marsch- und Lagerordnung selber ihren Ursprung afrikanischen Völkern verdankt. –

Also alles davon! Nur unser Balderaba blieb zurück und zwar auf besondern Befehl des Kaisers, um diesem über unsere Abreise Bericht zu erstatten.

Und nun mussten wir uns denn ebenfalls für die Reise rüsten, was so ziemlich den ganzen Tag hinnahm. Mein Gepäck hatte sich zwar ausserordentlich vermindert, sodass ich selbst verschiedene Maulthiere zurücklassen konnte, aber andere Elemente vergrösserten meine Karavane. Da kam zuerst der Budjurun-Lauti mit einer vornehmen Dame, welche nach Adua reisen wollte, und die er nebst ihren zehn Dienern unter meinen Schutz stellte. Eine andere Dame, Frau eines Beamten in Uogera, kam selbst, um für sich und ihre acht Diener die Mitreise unter meinem Schutze zu erbitten. Natürlich schlug ich es ihr nicht ab.Auch einer jungen hübschen Dame von etwas zweifelhaftem Rufe nicht. Man fragte sich wol, wohin will sie? welche Absichten hat sie? Sie besass nur zwei Diener, aber keine weibliche Bedienung. Das etwa waren die vornehmsten Reisenden. Ausserdem aber schlossen sich wieder kaufmännische Gesellschaften an und, wie immer, eine ganze Bande von Bettlern beiderlei Geschlechts. Auch Schimper’sche Verwandte fanden sich ein undlast not least: ein Oberst mit einer ganzen Militärabtheilung, es mochten ca. 100 Soldaten sein, sollte mich wegen Unsicherheit der Gegend von Uogera bis zum Takase begleiten; bis dahin auch die Districtsgouverneure der Provinzen. Und der Etschege gab mir einen Geleitsmann bis Gondar mit, da diese Stadt zum grössten Theil, dann aber die ganze Gegend am Tana-See sein Eigenthum ist, und ohne seinen speciellen Befehl wären die Lieferungen ausgeblieben. Diesmal in der That sah ich mich auf diese angewiesen. Abgesehen vom Allernothwendigsten, hatte ich unsere Vorräthe Stecker gelassen, und dann handelte es sich um eine Gesellschaft von 500 Menschen, und alle diese zu sättigen, musste selbst bei reichlichen Mitteln bedenklich machen.

Und recht schlimm ging es anfangs. Bis Dobarik herrschte stets Mangel. Dazu kam das anspruchsvolle Benehmen der vornehmen Damen, von denen die eine eine Frau Dedjadj (die meisten übersetzen das mit Herzog) war. Kam ihnen einmal Brot, Fleisch oder Bier etwas später als gewöhnlich, gleich schickten sie, um zu klagen, einen ihrer Diener zu mir oder zu Schimper, den ich ihnen, sowie allen, zum Balderaba gegeben. Allerdings musste man mir täglich 1000 Brote liefern; aber wie oft fehlte daran mehr als die Hälfte! Und um einen Abessinier satt zu machen, bedarf es mindestens dreier Brote. Noch schlimmer aber sah es mit dem Fleisch aus. Täglich sollte für mich ein Ochs und ein Schaf da sein, aber bis wir Gondar erreichten, hieltendie mich begleitenden Beamten es für zweckmäßiger, sich das Geld dafür von den Ortschaften geben, als die Thiere in natura einliefern zu lassen. Zum Glück hatte sich bei meinem Aufenthalt in Debra Tabor eine ganze Heerde angesammelt, sodass wir zwar täglich Fleisch, aber keineswegs reichlich hatten. Mancher der mich begleitenden Bettler musste abends sich hungerig schlafen legen, so sehr ich auch bemüht war, für alle zu sorgen. Die reifenden Gerstenfelder, die ebenfalls reifen Schimbera zu Seiten des Weges boten zwar einigermassen einen Ersatz; aber welchen Lärm und Skandal machte es, wenn die Leute sich wie grasendes Vieh oder wie Heuschrecken über die Felder ergossen, und die jammernden Bauern herbeieilten, um die hungerigen Plünderer abzuwehren, die sich jedoch auf die sie begleitenden Soldaten verliessen und ihr Geschäft fortsetzten: sie wurden zu wirklichen Heuschrecken in Menschengestalt. –

Der Abschied von Stecker wurde mir recht schwer. Wir hatten zusammen in Kufra gelitten, geduldet und dem Tode ins Auge gesehen, und das schmiedet eine Kette, welche so leicht nicht bricht. Aber endlich mussten wir uns trennen. Von Naretti begleitet, bestieg ich um 1½ Uhr nachmittags mein Maulthier und fort ging’s nach Westen, dem blauen Süsswassersee entgegen, welcher eins der Hauptbecken des uralten und ewig jungen Nil bildet. Auch Naretti verabschiedete sich bald, und so war ich denn allein, zum ersten mal, da Schimper um Urlaub gebeten hatte, um seiner an den Oberzolleinnehmer von Abessinien verheiratheten Schwester Lebewohl zu sagen, welche im Dorfe Lisawa wohnt, das noch zum District von Debra Tabor gehört.

Es war ein wundervoller Nachmittag. Ueber der ganzen Gegend lag Ruhe und tiefer Friede ausgebreitet. Nur hin und wieder sah man noch kleine Trupps von Nachzüglern,welche dem Heere des Kaisers nacheilten. Wir kamen nach einer Viertelstunde bei Gafat vorbei, bewunderten die Schlote und leergebrannten Fabrikgebäude, welche die Missionare auf Befehl Theodor’s errichten mussten, um dort jene Kanonen und Mörser zu giessen, welche auf den ersten Blick durch ihre Grösse imponirten, beim ersten Schuss aber zerplatzten.

Mit betrübten Herzen dachten wir an die traurigen Stunden, welche hier die britischen Gefangenen verlebten, an die Erniedrigung, welche sich die Missionare und der französische Consul Lejean mussten gefallen lassen. Jetzt sind nur noch Ruinen da, und auch diese werden wol in einigen Jahren vom Erdboden verschwunden sein.

Prachtvolle mähbare Gerstenfelder, dicht daneben junge Gerste, welche saftgrün eben den Mutter-Erdboden verliess, weiterhin Bauern, beschäftigt, das Korn gerade der Erde anzuvertrauen – so entrollte sich vor uns ein lachendes Bild nach dem andern, während im Norden das Melsa-Gebirge, im Süden das Debra Tabor-Gebirge in grossartiger Weise den Blick begrenzten. Natürlich konnten wir, da wir so spät aufbrachen, am ersten Tag nur einen kurzen Marsch zurücklegen, wir campirten bald an einem kleinen tief eingeschnittenen Bache, der nach Norden abgoss und dem Reb zufliesst. Hätten wir nur gleich einen doppelt so grossen Weg machen können!

Immer mehr Reisende kamen, um sich uns anzuschliessen. Die günstige Gelegenheit, unter militärischer Bedeckung nach Tigre kommen zu können, war zu verlockend. Aber die meisten hatten keine Vorräthe. Wie sollte das schliesslich enden? Und wieder kam eine vornehme, in einen himmelblauseidenen Mantel gehüllte Dame, welche ebenfalls mit kaiserlicher Erlaubniss einen Sonnenschirm tragen durfte. Sie liess sich ohne weiteres ganz in der Nähe meines Zeltes eine Hütte aus Reisig bauen.Schimper, immer sehr ehrerbietig und galant gegen Damen, meinte, man müsse auch diese unter die zu Verpflegenden aufnehmen. Wir hatten im ganzen am Abend des ersten Marschtags fast 1000 Menschen um uns.

Die Gegend wurde immer lieblicher und schöner, die Wildheit verlor sich mehr und mehr; die aus weiter Ferne herüberwinkenden Bergriesen mahnten allerdings den Reisenden, welche Schwierigkeiten unter Umständen seiner warteten. Oft glaubte man in einem Hain von Palmen[119]zu wandeln, und die Häufigkeit dieses tropischen Baumes findet denn auch Ausdruck im Sselenoa-Fluss, d.h. Palmenfluss. Natürlich dacht sich die Gegend ab nach dem Tana[120]-See, doch muss man einige grosse Treppen oder Felsufer hinab, welche einen äusserst zerrissenen Charakter zeigen. So am folgenden Tag. Aber die Wildheit, die Unwegsamkeit dieses einige hundert Fuss hohen Absatzes verschwand unter einer wahrhaft überraschenden Pflanzen- und Blumenfülle. Ueberall grosse Büsche von Rosen und Jasmin. Man zog dahin in einem Meer von Wohlgerüchen. Alsdann lagerten wir am Fusse der Amba Tsunko[121], bekannter unter dem Namen Amara Gedell, d.h. Aasgeierfels. Der Berg ist um so auffallender, als er ganz vereinzelt, ein riesiger Block, aus der Ebene aufsteigt, nach allen Seiten fast senkrecht abfällt und unersteiglich ist. Oben aber wird er von einem herrlichen Laubdach bedeckt und dient zahlreichen Aasgeiern und Adlern, welche hier vor allen Angriffen sicher sind, zum Aufenthalt. Die Sage geht, König Theodorhabe von dem mindestens 100 m hohen Block einen Adler heruntergeschossen, was denn meine Leute anfeuerte, auch ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Es stellte sich aber heraus, dass keiner es dem berühmten Kaiser nachmachen konnte, trotz der bessern Waffen, die sie besassen.

AMARA GEDELL.S. 236.❏GRÖSSERE BILDANSICHT

AMARA GEDELL.

S. 236.

❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Als ich abends längs des kleinen Baches, der sich in weitem Bogen um die Amba Tsunko hinzieht, einen Spaziergang machte, stiess ich zum ersten mal auf die Musa Ensete, welche an den Ufern wild wächst und hier ihre prächtigen saftgrünen Blätter entfaltet.

Immer anmuthiger wird die Gegend, und der aus verwitterten vulkanischen Massen bestehende Boden immer reicher. Weizen- und Gerstenfelder wechseln ab mit der wickenartigen Schimbera, aus deren reifen Erbsen unsere abessinischen Diener eine „Purée“ zu machen verstehen, welche wirklich gut schmecken würde, wenn nur nicht die brennende Schärfe des rothen Pfeffers den Geschmack so sehr beeinträchtigte. Wir lassen nun etwas nördlich die bedeutende Handelsstadt Deritta liegen, welche bis vor kurzem fast nur aus Mohammedanern bestand, die aber sich ebenfalls sämmtlich mussten taufen lassen. Einer meiner Diener, ein junger Mann von 25 Jahren, erhielt dort bei seiner Taufe den Namen Desta.

Man passirt hierauf den Reb, den man erst in unmittelbarer Nähe bemerkt, denn er frass sich tief in den schwarzen Humusboden ein und rollt nur langsam seine trübe Flut zwischen senkrechten Ufern dem Tana zu. Eine steinerne Brücke überrascht mit ihren fast gothischen Bogen, deren ich vier zählte. Die erste Brücke in Abessinien! Aber schon vorher machte sich die ehemalige Anwesenheit der Portugiesen, denn diese erbauten die Brücke, durch eine recht breite, stellenweise sogar gepflasterte Strasse bemerklich. Nachdem man die grossen Kieselsteine weggeräumt, beseitigte man durch kleinere die Unebenheiten.Also in dem Bezirk der ehemaligen Portugiesenherrschaft sind wir jetzt. Auffallend ist es nur, dass angesichts der in diesem Theile Abessiniens doch gut erhaltenen Brücken spätere Herrscher nie daran dachten, anderwärts ähnliche nützliche Werke zu errichten. Ein tüchtiger Kaiser, Theodor, beherrschte doch unlängst, und ein zweiter tüchtiger, Johannes, beherrscht jetzt Abessinien. In seiner Noth liess Theodor einen Weg von Debra Tabor nach Magdala bauen, aber die dabei notwendigen Brücken bestanden aus Holzstämmen, waren also ganz vergänglicher Natur. Trotz seiner Scheusslichkeiten, die er beging, indem er Dutzende von Priestern verbrennen und ermorden liess, baute er – Kirchen, z.B. die prächtige Kirche Medani Allem in Debra Tabor. Auch der jetzige Kaiser Johannes, ein sehr frommer Mann, lässt Dutzende von grossen Kirchen aufführen, aber keine einzige Brücke. Was in aller Welt nützen die vielen Kirchen in Abessinien?

Ehe wir nach dem District Eifag kamen, wo wir in der Nähe einiger Dörfer nächtigten, überraschte uns einer jener gewaltigen Waldbrände, wie man sie nicht nur in Abessinien, sondern überall in Centralafrika, ja selbst in den nördlichen Berberstaaten so häufig erlebt. Meist entstehen dieselben durch Unvorsichtigkeit. Irgendeine Karavane lässt lebendige Kohlen oder gar noch loderndes Feuer zurück. Bald darauf jagt der Wind die Flamme in die nahen trockenen Gräser, und der Waldbrand ist da, welcher häufig riesige Dimensionen annimmt von oft quadratkilometergrossen brennenden Räumen, auf unglaublich weite Entfernungen seine Dämpfe entsendet, ähnlich dem Moorrauch, den man bis zu den Alpen hin verspürt. Es entsteht dadurch jener eigentümliche trockene Nebel, den wir Moorrauch, die Engländer Hamattan nennen.

Diese Waldbrände hemmen denn auch die Entwickelung der Bäume. Es wird wol jedem Reisenden aufgefallen sein,dass, abgesehen von jenen undurchdringlichen tropischen Urwäldern, z.B. in Yoruba, die wegen ihrer Dichtigkeit und daraus resultirenden Feuchtigkeit nicht abgebrannt werdenkönnen, alle sogenannten lichten Wälder aus nicht sehr grossen Bäumen bestehen und man erst an den Ufern der Flüsse und Bäche wieder grosse und dicke Bäume vorfindet, zu welchen die Flamme nicht gelangen kann, weil das sie umwachsende Gras und Buschwerk sammt Unterholz während des ganzen Jahres, auch in der trockensten Zeit, grün und feucht bleibt. Aber auf Flächen und Bergen trocknet in der trockenen Jahreszeit alles. Die grossen Bäume behalten zwar ihre Säfte, die nicht, wie bei unsern blattlosen Bäumen, im Winter zurücktreten, aber wenn sie alljährlich die Flammen des Grases umfluten, so wird doch ihr Wachsthum dadurch gehemmt. Nur die Adansonien scheinen nicht daran zu leiden, vielleicht wegen ihrer dicken rhinocerontischen Haut oder Schale.

Eifag[122], ein District mit einigen Oertern, liegt recht hübsch an den Ausläufern der nördlichen Gebirgskette, welche in Amba-Tschara, Michael Debr u.s.w. gipfelt. Man kann nun schon den herrlichen See und im Osten davon die so überaus fruchtbare Ebene überblicken, welche nahe am See aus Marschboden mit hohem Grase besteht, aus welchem, wie bei uns im Norden von Deutschland, die Heerden kaum hervorragen. Scharen von Wasservögeln, welche morgens seewärts, abends landwärts fliegen, kündigen ebenfalls die Nähe des grossen Wasserbeckens an, und breitgetretene Wege durchs Gebüsch zeigen uns die Richtung der Flusspferde und Nashörner, wenn sie zum Wasser wollen. Prachtvolle Juniperus und Wontsabäume (cordia) beschatten den grossen Marktplatz von Eifag, der ausserdem durch zahlreiche steinerne Herde für Schmiede und Garköche, durch Löcher aller Art, durch Holzgestelle zum Aufhängen von Gegenständen und leerstehende Hütten sich bemerkbar macht. In der Nähe desselben lagerten wir, während der Oberst mit seiner Truppe weiter nach oben hinzog. Aber trotzdem die Bewohner Eifags reichlich Lebensmittel verkauften, denn geliefert wurde nicht, da die Beamten das Geld dafür einsteckten, konnten die Soldaten von Plünderungen nicht ablassen.

Wir durchzogen bis zum Tana, diesem grössten See Abessiniens, eine überaus liebliche Gegend. Ich schlug mein grosses Zelt gegenüber der malerischen Insel Matraha auf, welche nur durch einen schmalen Sund vom Festlande getrennt ist. Unser Lagerplatz war der denkbar schönste. Das Zelt lag unmittelbar am Wasser, von diesem nur durch einen etwa 3 m breiten Rasenstreifen getrennt, der ca. 1 m höher lag als der Spiegel des Sees. Rechts also, nach Norden zu, schloss die Scenerie ein kleines über und über mit Candelaberbäumen bestandenes Vorgebirge. Nach Süden zu sah man in weitester Ferne die Berge von Korata und den hohen Guguwieberg; vor uns lag wie eine Silberplatte der ruhige See, und im Hintergrunde hatten wir eine herrliche Baumwand aus Akazien, Worka und Wontsa und andern Laubbäumen, welche mit prächtig farbigen Schmarotzergewächsen, mit tausendfach sie umschlingenden Rankgewächsen umsponnen war. Dazu die Bäume wie übersäet mit jenen kleinen birnförmigen Nestern des Webervogels. Kann man sich ein reizenderes Bild denken? Ich liess mein Lager deshalb so unmittelbar am Rande des Tana-Sees aufschlagen, weil den Tag über der von dem Wasserspiegel herwehende Wind angenehme Kühlung brachte, nachts aber der entgegengesetzte Landwind die Feuchtigkeit desselben abhielt.

AM TANA-SEE.S. 240.❏GRÖSSERE BILDANSICHT

AM TANA-SEE.

S. 240.

❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Der Tana-See mit seiner birnförmigen Gestalt wurdezuerst von Bruce am eingehendsten geschildert. Seine wirkliche Gestalt ist jetzt von Stecker, welcher nach mir dahin kam und den See fast in seiner ganzen Ausdehnung umging, festgestellt. Die Mitte des Sees wird fast genau vom 12.° nördl. Br. und dem 37.° 15′ östl. L. v. G. geschnitten. Der Flächeninhalt desselben beträgt etwa 3000 □km,[123]also ungefähr so viel wie der des Cantons Tessin in der Schweiz oder wie der der Insel Socotra, die Höhe dagegen über dem Meere ca. 1750 m, welche von Rochet, von mir und zuletzt von Stecker, ganz unabhängig voneinander, gefunden ward. Was die Tiefe des Sees anbetrifft, so liegen darüber noch keine abschliessenden Untersuchungen vor, welche erst dann wirklich richtige Resultate ergeben können, wenn Europäer in ordentlichen Schiffen mit guten Messwerkzeugen Tiefseemessungen anstellen. Wenn man den Tana als einen ehemaligen Krater betrachtet, dürfte seine Tiefe eine beträchtliche sein, während andererseits zu bedenken ist, dass seit undenklichen Zeiten aus den 50 Flüssen und Flüsschen, welche in den See sich hinein ergiessen, grosse Mengen Geröll, Erde u.s.w. abgelagert wurden. Stecker, der, wie wir erwähnten, 2980 □km Flächeninhalt angibt, rechnet davon auf die zwei Inseln Dek und Dega, auf erstere 40 □km, auf letzere 44 □km. Die grösste Tiefe fand Stecker[124]zwischen der Insel Dega und Zegi mit 72 m, zwischen Korata und Zegi mit 67 m. Aber auch nach ihm dürfte die grösste Tiefe, weit über 100 m, nördlich von Dek zu suchen sein. Wie wenig zuverlässlich aber derartige Angaben von Messungen oft sind, geht daraus hervor, dass Rochet d’Héricourt bei der Insel Matraha bei 197 m noch keinen Boden zu finden vorgab, Stecker dagegendie Tiefe daselbst auf 5 m angibt, und ich, der ich in einer Tankua[125]überfuhr, fand, dass die mich nach der Insel übersetzenden Fährleute mit ihren 4 m langen Stangen schon bei 2 m auf Grund stiessen. Keineswegs ist aber vielleicht an diesen so voneinander abweichenden Angaben der verschiedenartige Wasserstand des Tana-Sees schuld, welcher sehr wenig wechselt, wie man an den Wassermarken sehen kann. Trotz der zahlreichen Zuflüsse dürfte derselbe während und nach der Regenzeit kaum mehr betragen als 1,25cm, welche Höhe durch Sturmfluten nach der einen oder andern Seite sich noch um 50 cm erhöhen mag. Die regelmäßige Regenzeitswassermarke war, wie man an den Felsen ersah, in der That nur 25 cm über dem Spiegel des Meeres.

Der Tana ist äusserst fischreich, hat aber keine Krokodile. Flusspferde sahen wir, aber wegen zu grosser Entfernung konnten wir nicht Jagd auf sie machen. In bewunderungswürdiger Ruhe sassen aber in nächster Nähe von unserem Zelte buntfarbige Enten, schöne wilde Gänse, Riesenreiher, Schwäne und Strandläufer. Pelikane stopften sich Fische in ihre Kropfbeutel, und in der Baumwandung zwitscherten und sangen die Vögelchen, dass es eine Lust war. Man glaubt gewöhnlich, in Afrika gebe es wenig Singvögel, das ist aber irrthümlich; namentlich in Abessinien sind sehr viele, von denen die meisten sich im farbenprächtigsten Federschmuck zeigen.

Das Erste, was ich that, war, dass ich ein Bad im Seenahm. Die Wasserwärme betrug bei 24° Luftwärme 25°. Die wundervolle Süsse des Wassers erinnert an den Geschmack des Nilwassers. Die Einwohnerschaft der am Ufer zerstreuten, dem Etschege untergebenen Hütten waren zwar recht freundlich, aber mit Lieferungen sah es schlimm aus, und verkaufen wollten sie auch nichts, offenbar aus Furcht, kein Geld zu bekommen. Erst als ich für ganz kleine Dienstleistungen reichlich mit Amolen bezahlte, fassten sie Zutrauen, und bald schwammen wir im Ueberfluss. Direct unterstellt sind sie der Geistlichkeit von Matraha, jener kleinen Insel, welche unserm Lagerplatz gegenüberlag. Sobald der mich begleitende Bote des Etschege dort erschienen war, kam eine Deputation der Geistlichkeit und bat um Erlass der Lieferungen[126](1 Ochs, 1 Schaf, 1000 Brote, Butter, Honig u.s.w.), was ich mit Freuden bewilligte, aber nur bat, mir durch ihre Unterstützung den reichlichen Einkauf von Lebensmitteln zu erleichtern. Zugleich ersuchte ich, mir eine Tankua zu stellen, da ich gern am andern Tage ihrer berühmten Kirche einen Besuch abstatten wolle. Matraha, dessen Kirche die Gebeine des Kaisers Jesus oder Jasus I. birgt, ist nämlich Asyl und steht bei den Abessiniern in grosser Verehrung.

Am andern Tage kamen denn auch zwei kräftige Inselbewohner mit ihrer Tankua, und Schimper, ich und einer meiner Diener schifften hinüber. Die Einrichtung der Tankua bringt es mit sich, dass den untern Theil immer Wasser überschwemmt, während man auf dem obern Rohrbündel sitzt. Wenn man aber die Füsse nicht angezogen hielt, wurden diese vom Wasser überflutet. Das hat ja nun für die Abessinier, welche alle mit Ausnahme der Geistlichkeit barfuss gehen, keinen Uebelstand, vollends nicht für dieMatrahenser, welche wahre Amphibien sind, aber für Europäer kann man es gerade nicht „angenehm“ finden. Wir kamen schnell an, denn nur ca. 500 m liegt die reizende Insel vom Ufer. So wie beim Einsteigen wurden wir beim Landen von den Leuten getragen, da die tiefgehende Tankua kein unmittelbares Landen gestattet.

Natürlich mussten wir zuerst zur Wohnung des obersten Geistlichen, wo man uns in einem dunkeln Gemach Erfrischungen darbot. Als wir auf einem hübschen Angareb sassen, der gerade für uns beide Platz hatte, brachte man Kaffee und darauf Schnaps in kleinen Gläsern. Auf meine erstaunte Frage, wie man in dieser Abgeschiedenheit Schnaps erhalten könne, erwiderte er, die Kunst zu destilliren habe er in Jerusalem gelernt; auch dem Negus Negesti und dem Etschege sende er alljährlich einige Flaschen, der Kaffee aber sei von der nahen Halbinsel Segi.[127]Dieser ehrwürdige Priester, dessen Namen ich leider vergessen habe, konnte nicht genug hören über Jerusalem, Kairo, Alexandria, Städte, die er vor mehr als einem Menschenalter besucht hatte.

Dann standen wir auf, und nun ging es nach der auf der westlichen Seite der Insel gelegenen Kirche. Es war wie eine Procession, denn fast die ganze Bevölkerung der kleinen Insel schloss sich an. Jung und alt, alles ging mit. Und recht freundlich, zutraulich und anständig benahmen sich die Leute. Auch die Wohnungen aus Stein, die von niedrigen Mauern umschlossenen Gärtchen sahen so schmuck aus, dass man unwillkürlich an die Portugiesen denkt, welche so lange Zeit hier ihren Einfluss ausübten. Ja, wiein Gondar, erinnert die Bevölkerung dieser kleinen Insel auffallend an den portugiesischen Typus. Die meisten haben ganz schlichtes Haar, und der nach oben sich erweiternde Schädel ist echt portugiesisch.

Die Kirche selbst ist ein äusserst interessantes Bauwerk: allerdings ein Rundbau in abessinischem Stil, aber einige Bauten daneben sind offenbar portugiesischen Ursprungs. Dicht umgeben die Kirche uralte, aufs üppigste von prachtvollen Lianen umschlungene Juniperus und Oelbäume. Die Bilder in derselben, ältern Ursprungs, sind, wie die meisten abessinischen, auf stark gegipster Leinwand[128]gemalt, die man fest anliegend auf die nackte Wand klebt, sodass man recht gut von al fresco sprechen kann. Auch erkennt man die Leinwand auf den ersten Blick gar nicht. Wie gewöhnlich, waren die gemalten Gegenstände der Bibel und der abessinischen Geschichte entnommen. Die hölzernen[129]Königsärge ruhen nicht mehr in demGewölbe, welches oberhalb der Erde hinter der Kirche offenbar früher Grabstätte gewesen ist. Mit Bestimmtheit wussten die Geistlichen selbst nicht anzugeben, ob ausser Jasus noch ein anderer Kaiser in Matraha begraben liege, da sie gar keine Documente oder geschichtlichen Nachweise zu besitzen vorgaben. Und die „ältesten Leute“ der Insel wollten oder konnten sich dessen nicht erinnern. Die Möglichkeit, dass sie keine Bücher und Documente mehr besassen, ist übrigens, wie Schimper mir mittheilte, nur zu wahrscheinlich, da Theodor einst mit wahrer Berserkerwuth die Inselüberfiel und die ganze Priesterschaft, von der er beleidigt zu sein glaubte, fortschleppte. Die meisten von ihnen wurden grausam umgebracht, die Einwohner der Insel aber in ihren Häusern verbrannt. Schimper, als kleines Kind, war Augenzeuge dieser Schandthaten.

Am meisten interessirte mich das aus zwei Stockwerken bestehende Gewölbe, sodann eine kleine Kapelle mit Rundbogen, ferner die Fenster und Thürme, welche als Schutzthürme aufgeführt sein mochten und die mir zum ersten mal einen vollen Blick über die staunenswerthe Thätigkeit jener Hand voll Jesuiten gewährten, die unter Christof de Gama nach Abessinien kamen. Höchst merkwürdige grosse Spinnen, welche vor dem Gewölbe und, wie ich später sah, auch in den die Kirche umgebenden Bäumen und Büschen wahrhafte Riesennester – förmliche Wagenräder – errichtet hatten, durfte ich leider meiner Sammlung nicht einverleiben, da die frommen Geistlichen baten, sie nicht zu stören oder gar zu tödten.

Es versteht sich von selbst, dass ich für die Geistlichkeit ein reichliches Almosen zurückliess, und befriedigt kehrten wir auf unserer Tankua nach dem Festlande zurück. Mein Geldgeschenk musste übrigens Wunder gewirkt haben, denn abends liess sich die Geistlichkeit noch einmal melden, und siehe da, man brachte nun ganz aus freien Stücken die Lieferung. Selbstverständlich hatten sie sich nicht verrechnet, als sie annahmen, sie würden dafür blanke, neue Maria-Theresienthaler erhalten.

Ueber die Insel füge ich noch hinzu, dass dieselbe etwa 1 km lang und 0,5km breit ist. Grössere Fische, als 1 m lange, gibt es nach der Versicherung der Matrahenser im See nicht. Von meinem Besuche auf der Insel Matraha und von meinem Lagerplatz am Tana-See nahm ich nur liebe und angenehme Erinnerungen mit. Desto mehr wundert es mich, dass man Dr. Stecker eine kurze Zeit daraufnicht so gut empfing, obwol ich eigens die Priesterschaft gebeten, meinen Begleiter, falls derselbe käme, ja recht freundlich aufzunehmen. Sollte die Freundlichkeit der frommen Leute nur der dringenden Empfehlung des Etschege zuzuschreiben sein?

Denke ich an den Tana-See mit seinen tiefblauen Fluten und ewiggrünen Ufern zurück, dann muss ich sagen: von den Aequatorialseen wird er zwar bedeutend an Grösse, aber gewiss nicht an Schönheit und Ueppigkeit der ihn umgebenden Natur übertroffen. Und was die Reinheit der Luft anbetrifft, so ist die an und für sich hohe Lage des Sees und die stellenweise unmittelbar ans Ufer stossenden, nicht niedrigen Berge, z.B. der Tekla Haimanot auf Segi mit 2074 m, im Norden der Goraf mit 2134 m Höhe die beste Bürgschaft für gesunden Aufenthalt. Wann aber werden die Zeiten kommen, dass man nach Abessiniens herrlichen Seen, dem Aschangi, Tana etc. und nach den Alpenlandschaften von Semien, Guna etc. Kranke schickt, um in ewig reinen Lüften zu gesunden? Gewiss in sehr ferner Zukunft! Augenblicklich möchte ich keinem Vergnügungsreisenden einen Ausflug nach Aethiopien empfehlen.

Am 22. Februar 1881 fingen wir von neuem zu packen an, während die Soldaten des Obersten es nicht lassen konnten, zu guterletzt noch mit Plünderungen verbundene Abschiedsbesuche in den Hütten der Bewohner zu machen. Bis dahin betrugen sie sich am Tana ziemlich anständig: sie erhielten ja wirklich genug Lebensmittel von mir; auch hielt sie eine Art Scheu von Wohnungen ab, welche unmittelbar unter der Geistlichkeit standen. Jetzt aber glaubten sie noch schnell die kurze Zeit vor dem Aufbruch benutzen zu müssen, um hier etwas Kusso (Wurmmittel), dort einige Eier, hier etwas Butter, dort Gescho (zum Tetschbereiten) zu ergattern, was dann wieder ein allgemeines Jammern und Wehklagen der Besitzer zur Folge hatte.Und wen betrachtete man als den Urheber und Anstifter aller dieser Plündereien? Meine Wenigkeit natürlich. Zu mir kamen sie heulend und schreiend und verlangten die Herausgabe der gestohlenen Gegenstände oder Ersatz. Ich half so gut es ging. Als aber die Geistlichkeit von Matraha beim Abschiednehmen in Klagen über das unwürdige Benehmen der Soldaten ausbrach – und aus langer Erfahrung kannten sie es doch gewiss recht gut – und mich dafür verantwortlich machen wollten, musste ich dies durchaus ablehnen. Ich liess ihnen durch Schimper sagen, sie möchten sich in dieser Angelegenheit an den Obersten wenden und ihm meinetwegen ihren Fluch geben. Aber sie erreichten gar nichts bei ihm, im Gegentheil, er liess die Priester fortjagen. Wie verwünschte ich innerlich diese Escorte, welche plündernd durchs Land zog, überall Wehklagen und Jammer hervorrief, die Felder zerstampfte, die Häuser durchsuchte und überhaupt mit der grössten Anmaassung auftrat.

Der Weg geht fast gerade nordwärts, neben dem See, den man häufig erblickt, oft aber entziehen ihn hohes Buschwerk oder Hügel dem Auge. Bei Ferkaber, einem felsigen Absatz, dessen Grat wie ein Sporn westlich nach dem Tana verläuft, und vor welchem mit schmuckem Kirchlein die reizende Insel Kalamondj liegt, ist eine bedeutende Zollstätte. Denn wir verlassen nun mit dem District Dangurieh die Provinz oder vielmehr, wie Schimper behauptet, die Landschaft Fogara, die mir allerdings kein politischer Bezirk zu sein scheint, während Dangurieh einen solchen bildet, und betreten Begemeder.

Ganz überrascht glaubte ich im Zolldirector, einem jungen stattlichen Manne, einen Weissen, einen Europäer zu erblicken. „Da kommt ein Europäer oder der Sohn eines Europäers!“ rief ich Schimper zu. Und es war so. Der junge Mann, welcher in Ferkaber als Zolldirector fungirt und den Namen Takal-Michael oder auch Haile Michaelführt, ist der Sohn eines berühmten französischen Forschers, welcher ehemals längere Zeit in Aethiopien weilte. Ich bat ihn, der mich so freundlich begrüsste und mir auf Arabisch gleich seine Herstammung mittheilte, mich abends zu besuchen. Leider kam er nicht, wahrscheinlich weil wir weiter von Ferkaber lagerten, als wir eigentlich beabsichtigten. Mich freute nur, dass ich ihm noch sagen konnte, dass sein Vater lebe, wahrscheinlich aber wol nicht mehr nach Abessinien zurückkomme.

Als wir am selben Abend auf dem rechten Ufer des Gomara lagerten, befanden wir uns schon nördlich vom Tana. Wir waren jetzt in Dembea, einer der reichsten Provinzen Abessiniens. Grosse Viehherden bezeugten dies allerdings genugsam, und der fette Boden, einst offenbar Seeboden, musste überall die reichsten Ernten geben. Auch Wald fehlte nicht, und der Gomara selbst gab uns einen Beweis von Fischreichthum, denn ein Mann warf sein rundes, mit Steinchen beschwertes Netz aus, und im Nu hatte er eine grosse Anzahl Fische zusammen, eine Art Karpfen oder Schleien, die er uns zum Geschenk machte. Interessant war es auch, zu sehen, wie in ganzen Schwärmen meist grosse Wasservögel beständig vom See her und kleinere Vögel nach dem See hinzogen.

Dembea ist meines Wissens der bevölkertste Theil von Abessinien, aber was will eine solche Dichtigkeit gegen die in unsern Ländern bedeuten? Es kam hier zu einer äusserst widerlichen Scene zwischen den Soldaten und den Einwohnern von Belange, welcher Ort, 2 km südlich von unserm Lager entfernt, den Ochsen zu liefern hatte. Der Oberste behauptete, dass derselbe zu klein sei, und schickte daher, um Leute als Geiseln einfangen zu lassen, Soldaten ins Dorf, welche diese Gelegenheit natürlich wieder zum Plündern benutzten. Die Einwohner widersetzten sich aber, es kam zum Streit, es wurde geschossen und der Schum (Ortsvorsteher) verwundet, kurz, es fehlte nicht viel an einer regelrechten Schlacht. Ein solcher Vorfall veranlasste denn nicht endenwollende Debatten, man zog die Geistlichkeit mit zu Rathe und schliesslich verlangten sie, ich solle entscheiden. Aber ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich auf die Schiedsrichterrolle rundweg verzichtete, obschon der Streit selbst am andern Morgen nicht enden wollte. Der Schum selbst – er hatte nur einen Streifschuss bekommen und davon macht man in Abessinien nicht viel Aufhebens – und einige Dorfbewohner wurden gefangen fortgeschleppt. Das setzte aber doch dem Ganzen die Krone auf! „Wer hatte denn eigentlich unrecht“, fragte ich Schimper, „die Soldaten oder die Bürger?“ „Nach deutschen Begriffen“, sagte Schimper, „allerdings die Soldaten, aber nach abessinischen die Dorfbewohner, weil sie nicht vorschriftsmässig lieferten und ausserdem sich widersetzten.“

Glücklicherweise wurde am folgenden Tage, als wir bei dem Orte Teda lagerten, der Streit in Güte beigelegt. Verwandte kamen und brachten Geschenke, nachträglich auch noch Lieferungen, und so setzte man den Schum und seine Mitbürger wieder in Freiheit. Aber auch in Teda kamen wieder Scenen vor, wie denn überhaupt kein Tag ganz in Friede und Ruhe verging. Die schönen, mit Zwiebeln, Pfeffer, Kürbissen und Rüben bepflanzten Gärten wurden zum Theil ausgeraubt. Diese entsetzliche Soldateska verleidete mir die Reise, welche unter andern Umständen viel angenehmer gewesen wäre.

Wir näherten uns aber nun der alten Kaiserstadt, und innerhalb derselben war ich wenigstens für einige Zeit dem Einflusse des Obersten entzogen. Die Bergketten, welche von Norden her mittels ihrer beiden auseinandergehaltenen Schenkel auf dem Tana-See stehen, und dem dazwischenliegenden Lande den Anschein geben, als ob es selbst einst Seebecken gewesen wäre, ziehen sich nun mehr und mehrzusammen und da, wo sie zusammenstossen, liegt Gondar. Mit welcher Spannung ging ich dieser altehrwürdigen Stadt entgegen! Man steigt immer höher und höher und passirt dann den Magetsch auf einer steinernen fünfbogigen Brücke. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass Bruce die Besorgniss hegte, die Pfeiler dieser Brücke könnten von herabgeschwemmten Felsblöcken zerstört werden. Das ist ganz richtig. Aber glücklicherweise hat sich das bisjetzt nicht ereignet. Noch ebenso stolz, wie zuvor, als Sabagadis, jener Städteerbauer, sie mit Hülfe der Portugiesen oder deren Nachkommen errichtete, noch ebenso fest wie Bruce sie gesehen, der darüber hinritt, steht sie heute und wird hoffentlich so bleiben, bis bessere Tage für Abessinien mit einer würdigern Verwendung seiner Kräfte und Hülfsmittel anbrechen.


Back to IndexNext