FUNFZEHNTES KAPITEL.VON AKSUM NACH MASSAUA.
Geburtstag des Deutschen Kaisers und die dabei aufgeführten Spiele. – Mr. Baraglion. – Herr Abarguez de Sosten. – Ein abessinisches Bad und seine Aerzte mit ihren Mitteln. – Aeusserst wenige Geisteskranke und körperlich Verkrüppelte in Abessinien. – Ein Räuberhauptmann. – Eine merkwürdige Begegnung. – General Gebro. – Eine Gerichtssitzung. – Gefangennahme mehrerer Diener des französischen Consuls. – Das Bisen-Kloster und dessen Beschreibung von Alvares. – Das Thal von Genda. – Zurücksendung der abessinischen Bedeckung. – Der Gouverneur von Massaua sendet freundlichst eine Compagnie Soldaten entgegen. – Ein mächtiges Gewitter. – Ankunft in Massaua. – Schmerzlicher Abschied von den Abessiniern. – Ein Beispiel von Anhänglichkeit abessinischer Diener.
Geburtstag des Deutschen Kaisers und die dabei aufgeführten Spiele. – Mr. Baraglion. – Herr Abarguez de Sosten. – Ein abessinisches Bad und seine Aerzte mit ihren Mitteln. – Aeusserst wenige Geisteskranke und körperlich Verkrüppelte in Abessinien. – Ein Räuberhauptmann. – Eine merkwürdige Begegnung. – General Gebro. – Eine Gerichtssitzung. – Gefangennahme mehrerer Diener des französischen Consuls. – Das Bisen-Kloster und dessen Beschreibung von Alvares. – Das Thal von Genda. – Zurücksendung der abessinischen Bedeckung. – Der Gouverneur von Massaua sendet freundlichst eine Compagnie Soldaten entgegen. – Ein mächtiges Gewitter. – Ankunft in Massaua. – Schmerzlicher Abschied von den Abessiniern. – Ein Beispiel von Anhänglichkeit abessinischer Diener.
Der Weg von Aksum nach Adua ist nicht nur malerisch schön – das versteht sich eigentlich in Abessinien überall von selbst – sondern verhältnissmässig recht belebt. Der Austausch der beiden grossen Städte unter sich trägt zur Belebung bei, ausserdem ist aber auch die Umgegend an und für sich besser bevölkert. Man geht zuerst bis auf halbwegs nach Adua längs der Bergkette, an deren Fusse Aksum liegt, und da man fast in gerader Ostrichtung vorgeht, bleibt das Gebirge nördlich vom Wege liegen, während rechts der Blick über schöne Ebenen streift, aus welcher riesige Berge hervorragen: Duksa Amba und derimposante Zuckerhut Damo Galila. Ad Jesus, eine zwischen Kolqualbäumen versteckte Kirche, gilt als die Hälfte des Weges, aber genau genommen ist sie es nicht. Oestlich davon auf dem Sporn zwischen Ad Jesus und Bit Johannes findet man wundervolle Opale, welche dermaleinst in Europa Verwerthung finden dürften, besonders in den grossen Schleifereien von Oberstein, wo man jetzt den Bedarf dem viel entferntern Brasilien entnimmt.
Der Priester von Bit Johannes, dessen Kirche malerisch auf der höchsten Bergspitze liegt, lud mich schon früher, als ich in Adua war, zu sich ein. Jetzt hatte er sich nebst andern Geistlichen am Wege aufgestellt und bot mir Tetsch, Brot, Butter, Milch und Honig zum Geschenk. Wir schwelgten in der That fortwährend in Ueberfluss, und meinen Leuten schmeckten diese Gaben aus frommer Hand natürlich doppelt so gut.
Bald kam Adua in Sicht. Schon von weitem erglänzten die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen, und namentlich funkelte im heitern Sonnenschein der echt vergoldete, von einem Kreuze überragte Janitscharenmusikschmuck, den der Negus den Aegyptern in der Schlacht von Gura abnahm und auf der neu errichteten Siegeskirche anbringen liess.
Schimper kam mir entgegen; ich machte halt und errichtete mein Lager auf dem rechten Ufer des Mai Gogo, etwa gegenüber der Stelle, auf welcher ich lagerte, als ich nach Debra Tabor reiste. Meine anfängliche Absicht, gleich am folgenden Tag weiter zu ziehen, da mich nichts in Adua hielt, gab ich auf, weil Kaisers Geburtstag auch von unsern Abessiniern sollte gefeiert werden. Wie oft schon beging ich diesen festlichen Tag in Afrika, und zwar stets so glänzend, wie es die Verhältnisse gestatteten! Mit türkischen Soldaten, mit Beduinen, mit Deutschen inmitten der unbewohnten Libyschen Wüste! So durftedenn auch diesmal der Tag nicht ohne Sang und Klang vorübergehen.
Ich liess mit Sonnenaufgang die deutsche Flagge entfalten – sonst geschah das nur Sonntags – und mit Flinten und Revolvern in schnell und regelmässig nacheinanderfolgenden Pausen 101 Schüsse abfeuern. Ausser einem Geldgeschenk erhielt das ganze Lager, selbst die Bettler und Reisenden, die mich noch immer in grosser Zahl umlagerten, eine grosse Quantität Tetsch. Auch die Fremden, welche kamen, um sich das Lager anzusehen, waren von meiner Bewirthung nicht ausgeschlossen. Nachmittags wurden Spiele und namentlich ein Wettlaufen mit Hindernissen angeordnet. Es handelte sich darum, das rechte 4–5 m tief in Humus und Lehm eingeschnittene Ufer des Mai Gogo zu gewinnen. Also über das an und für sich schon zerrissene Erdreich hinüber durch das Wasser des Mai Gogo hindurch zu seinem Ufer hinauf und von da wieder herunter zum ersten Ufer empor und zum Lager zurück – man kann sich denken, welche lustigen Vorfälle und Verwickelungen da stattfanden!
Auch das Sacklaufen oder in Ermangelung einer genügend grossen Anzahl von Säcken das Hüpfen mit zusammengebundenen Füssen, ferner das Topfschlagen, Tauziehen, Klettern und sonstige noch nie in Abessinien aufgeführte Spiele belustigten nicht nur die Diener, sondern, verlockt von den Geldpreisen oder andern Gaben, welche dem Gewinner zufielen, nahmen auch Bewohner Aduas theil an den Spielen, und mancher zog mit einem hübschen Sümmchen davon.
Schimper, Monsieur Baraglion und ich hielten aber eine Festtafel ab, welche um so luxuriöser ausfiel, als ersterer mit einer Flasche jerusalemer Wein angezogen kam, sodass wir den Toast auf den Kaiser in wirklichem Wein trinken konnten. Auch Mr. Baraglion stiess ausvollem Herzen mit an: „Ihm, dem Deutschen Kaiser, verdanke ich“, sagte er taktvoll, „dass ich nun mit all meinem Vermögen in Sicherheit Abessinien verlassen kann.“ Und das war auch wirklich der Fall.
In Adua kam ich diesmal nicht hinein. Den Gouverneur zu besuchen fühlte ich mich nicht veranlasst, da er mir das letzte mal keinen Gegenbesuch machte und sogar Schimper’s Abreise mit mir verzögerte. Er schickte nur die üblichen Lebensmittel, und ich ihm als Gegengeschenk Branntwein, nach Schimper’s Meinung das Liebste, was ich ihm bieten konnte. Und so lag denn dem letzten Theile meiner Rückreise von Adua aus nichts im Wege. Ja, eigentlich verlässt man mit Adua schon das rechte Abessinien, das echte alte Aethiopien.
Meine Karavane wurde nun merklich kleiner. Allerdings hatte ich immer noch meine militärische Bedeckung und meine eigene Dienerschaft. Viele Bettler blieben aber zurück, weil sie richtig urtheilten, dass sie in Adua eher Gelegenheit finden würden, sich wieder als Reisebettler anzuschliessen, als im Norden von Hamasen oder gar in Massaua.
Am Abend vor meiner Abreise bezog auch Mr. Baraglion das Lager. Er hatte zur Tragung seines Gepäckes nur einige Esel, und so bat er mich, sein baares in den letzten Zeiten noch erspartes Geld in meine Koffer zu verschliessen. Mr. Baraglion machte den ganzen Weg von Adua zu Fuss und schien trotz seinesEmbonpointkeineswegs Beschwerden davon zu spüren. Abends schlug er mit Hülfe seiner beiden Diener sein kleines Zelt auf und kochte seine Abendmahlzeit, wozu ich ihm regelmässig aus meinen Lieferungen das nothwendige Fleisch und Brot schickte.
Zum ersten mal seit meiner Anwesenheit in Abessinien begegnete ich am Tage meiner Abreise von Adua, kaumeine Stunde Weges davon, Europäern. Es war Herr Abarguez de Sosten[151]mit seinem Diener. Nach einigen freundlich ausgetauschten Worten theilte mir Herr Abarguez mit, dass er Zeitungen und Briefe für mich habe, weshalb ich sogleich zwei meiner Abessinier bei ihm zurückliess, um sie mir zu überbringen. Leider aber hatte Abarguez gar keine Lastthiere, da seine Mittel zum Ankauf derselben wahrscheinlich nicht ausreichten. Wenn man aber nur auf abessinischen Regierungstransport angewiesen ist, vergehen Wochen, ehe das Gepäck an Ort und Stelle gelangt. Wenn ein besonderer Befehl des Kaisers zu schneller Beförderung vorliegt, oder wenn man die Provinzialgouverneure durch Geschenke geschmeidig macht, geht die Sache noch an. Aber diese Voraussetzung schien bei dem spanischen Reisenden zu fehlen, denn sein ganzes Gepäck lag zerstreut an der Strasse, oft nicht einmal in den Ortschaften, sondern unter irgendeinem Baum:von Adua bis Asmara. Und so musste Abarguez wochenlang auf die Ankunft seines Gepäckes in Adua warten. Meine Post bekam ich erst in Massaua, denn zum Unglück für mich hatte er sie in einen Koffer eingeschlossen, den man ihm als einen der letzten nach Adua trug.
Ich weise nochmals darauf hin, dass die Dieberei in Abessinien nicht so häufig ist, wie man gewöhnlich annimmt. Denn all das Gepäck des Herrn Abarguez, welches zerstreut hier und da,ganz allein ohne Wacheauf der Strasse lag, kam richtig in seinen Besitz. Es ist wahr, sobald das Gepäck einer Ortschaft oder den Trägern einer Ortschaft übergeben ist, übernehmen diese die Verantwortung. Wenn man aber bedenkt, wie häufig Räuber und Rebellen in Abessinien das Land unsicher machen, so ist es sehr wunderbar, dass so wenig verloren geht.
Beim Weiterreiten begegnete ich Herrn Mitzaki, hellenischem Consul in Sues, welcher als Ueberbringer des Erlöserordens für den Negus Negesti zum zweiten mal nach Abessinien kam und mir mittheilte, dass auch Herr Raffray im Begriff stände, nach Abessinien zu reisen.
Ende März bemerkt man schon eine bedeutende Veränderung in der Natur: Alles wollte grünen und sprossen, und täglich noch vor Beginn der eigentlichen Regenzeit hatten wir Gewitter. Welch einen Reiz gewährt dieses neue junge, zumal im tropischen afrikanischen Alpenland wunderbar sich entfaltende Grün! Auch die Fauna zeigte ein fröhlicheres Leben, und es war, als ob hinter den Menschen der Frühling selber stände, der sie zum Pflügen und Säen anregte, wie man auch überall sah. Im Süden von Abessinien freilich pflügen, säen und ernten sie das ganze Jahr hindurch.
Bis Ad Dochali ganz derselbe Weg wie auf der Herreise. Dann aber bogen wir etwas nordwestlich ab, direct auf den imposanten Bergstock Dabamatta[152]zu. Wir liessen also diesmal Godofelassi östlich liegen. Als wir etwa 2 km östlich vom Orte Kesadaro lagerten, welcher am Fusse desDabamatta liegt, lernten wir, fast an der Quelle desselben, im Dabamatta-Bach eine berühmte Heilquelle, ein abessinisches Bad[153], kennen.
Der Dabamatta-Bach entspringt aus Wiesengewässern am Fusse des Dabamatta selbst und stürzt sich dann, nachdem er sich langsam durch die Wiese geschlängelt, urplötzlich in eine steilabfallende Schlucht, welche ganz eng mit senkrechten Felswänden beginnt und sich allmählich zu einem Thal erweitert, welches bei Teramne vorbeigeht, um in den Mareb zu münden. Die urplötzlich auftretende Steilheit des Flussbettes dürfte wol dafür sprechen, dass wir es hier mit einer Auswaschung nicht zu thun haben, sondern mit einer Spaltung der Erdoberfläche. Obschon das Gestein seiner Beschaffenheit nach Trachyt ist, hat sich eine dicke Kalkschicht darauf abgelagert, welche dort, wo das Wasser darüber hinrieselt, zum Theil Tropfsteingestalt annahm. Natürlich veranlasste das Bächlein einen kleinen Wasserfall, der bei jähem Regenfall oder während der Regenzeit recht hübsch sein wird. Kolossale Sykomoren beschatten den Beginn dieses Spaltes, der noch merkwürdiger dadurch wird, dass sich unter seinem Rande grosse Höhlungen befinden, von denen man eine ohne viel künstlerische Beigabe zu einer Kirche einrichtete. Einige dieser Höhlen haben schöne Tropfsteinbildung. Leiderkonnte ich dieselben nicht besuchen, da die dazu führenden Wege so steil, abschüssig und Schwindel erregend sind, dass eine abessinische Natur dazu gehört, um sie benutzen zu können.
Die eigentliche Heilquelle hat gewöhnliche Temperatur, wirkt also wol besonders durch ihre mineralischen Bestandtheile, wenn anders nicht die ganze Heilkraft derselben auf Glauben beruht. Denn von Geschmack und Farbe spürte man nicht das Geringste. Dennoch war die Frequenz der Heilsuchenden so gross, dass sie die Anwesenheit mehrerer Aerzte erforderlich machte. Die Badenden – es mochten einige Hunderte sein – benutzten grosse natürliche, im Grunde der Schlucht befindliche Wasserbecken, in welchen sie einen halben, oft gar einen ganzen Tag blieben. Nach der grossen Mannichfaltigkeit der Krankheiten zu urtheilen, müsste das Wasser eine Universalheilkraft besitzen.
Die Aerzte, von welchen einer sich eines Rufes erfreut, der durch ganz Abessinien geht, sind von Haus aus Priester. Die neben dem Bade befindliche Kirche[154]gehört ihnen und wird von ihnen bedient. Möglich, dass die Kirche erst Veranlassung zum Bade gab. Irgendein erfinderischer Kopf verordnete den Genesung Suchenden nach dem üblichen Kirchgang ein Bad, welches mit seiner reinigenden Wirkung den ersten wohlthätigen Einfluss ausübte. Der eigentliche Finder, wenn ich so sagen darf, soll übrigens der fromme Aba Mata selbst gewesen sein. Eine etwas grössere Hütte für Aussätzige befand sich ebenfalls hier, aber weiter stromabwärts. Ich hebe dies besonders hervor, weil verschiedene Reisende behaupteten, dass man Leprose nicht absondere, sondern frei herumgehen lasse.Die Abessinier sind ein viel zu mosaisches Volk, um sich so etwas zu erlauben.
Der oberste Arzt, der unverheiratet war, weil er einen höhern geistlichen Rang bekleidete, erwiderte auf meine Frage, womit man die Leprosen sonst noch behandle: „Wir verordnen ihnen, ausser den langen Sitzungen im Bade, Sassaparille; namentlich aber erfolgt die Heilung durch Amulete, welche um den Kopf getragen werden müssen.“ Also ein ähnliches Heilverfahren wie bei den Arabern, Berbern und Türken. Ich fragte ihn ferner, ob er bei einem solchen Heilverfahren Erfolge erziele? worauf er mit der grössten Kaltblütigkeit sagte: fast nie!
Auch viele mit Syphilis Behaftete bemerkte ich, obschon keineswegs in so schlimmen Formen, wie man sie in West-Algerien und Marokko unter den Eingeborenen antrifft. Diese Krankheit ist sehr verbreitet in Abessinien, tritt aber mehr unter primären Erscheinungen auf, und bei einigermassen rationeller Behandlung, wie Schimper mir sagte, erzielt man leicht Heilung. Aber leider verlassen sich die Abessinier wie hier so in allen Krankheitsfällen nur auf ihre Priester (die, wie gesagt, allerdings zugleich die Heilkunde handwerksmässig betreiben), welche in dieser Beziehung den grössten Unsinn machen. Man wird doch Syphilis nicht durch Gebete und Amulete heilen können! Das sind aber die am meisten angewandten Mittel. Oft heilt das Uebel durch die Zeit, auch Sassaparille wendet man dagegen an; Quecksilber erst in neuerer Zeit, aber ohne Vermittelung des Priesters bei Gott ist kein Erfolg da. Man denke sich: Arzt und Priester ineinerPerson! Wie einflussreich wird dadurch der Mann, namentlich wenn ihn bei seinen Curen das Glück begünstigt!
Auch Grindige waren vorhanden, welchen man den Kopf rasirte, ohne Heilung zu bewirken. Wie auch? Gebete, Amulete, Weihwasserbesprengungen, welche diemedicinischeGeistlichkeit anwendet, sollen helfen! Anspucken gehört auch mit zu den beliebten Mitteln, namentlich in Augenkrankheiten, die übrigens bei weitem nicht so häufig sind wie in Nordafrika, wo die Menge Staub die vielen Augenkrankheiten erklärlich macht. Sicher würde Reinlichkeit dagegen helfen. Aber niemand wäscht sich in Abessinien. Alt und jung legt sich reichlichst Butter aufs Haupt, um dadurch, wie sie meinen, das Ungeziefer fern zu halten; auch die Jungfrauen legen auf, aber wozu? da sie ja den Kopf bis auf einen zwei Finger breiten Haarstreifen abrasiren. Nun schmilzt die Butter, vermischt sich mit dem jahrelangen Schmuz der Haut, fliesst über Nacken und Gesicht herab und erzeugt auf diese Weise häufig genug jene Augenübel, gegen die man das Dabamatta-Bad besonders rühmt. Aber das reine Wasser wird wol die Hauptsache dabei sein und nicht das auch hier übliche Anspucken der Augen.
Nur zwei Krankheiten behandeln die Abessinier vernünftig:Taeniaundfilaria medinensis. Letztere entfernen sie durch langsames Herauswinden um ein rundes Hölzchen. Von der allmonatlichen, bei manchen allzweimonatlichen Kusso-Cur gegen Bandwurm sprach ich bereits, der jedoch eigentlich gar nicht als Krankheit angesehen wird. In dieser Beziehung gehen die Abessinier so weit wie die rechtgläubigen Fesanar hinsichtlich derpediculi hominis, beide halten das Nichtvorhandensein dieser Parasiten für eine Schande.
Und welche medicinische Schätze mögen gerade in der Pflanzenwelt Abessiniens noch verborgen sein! Ja, ich bin überzeugt, dass in weit abgelegenen Ortschaften, welche nicht so sehr unter dem Einfluss der Priester stehen, die Einwohner manche heilkräftige Pflanzen kennen, welche dermaleinst eine grosse Rolle spielen werden. Ist doch das kräftigste Bandwurmmittel: Kusso Brayeraanthelminticaerst seit den dreissiger Jahren durch Dr. Brayer, einen französischen Arzt in Konstantinopel, aus Abessinien eingeführt. Aber wie soll man durch Erforschung und Ausprobiren Mittel kennen lernen, wenn man sich, wie die abessinischen Priester-Doctoren, seit tausend Jahren darauf beschränkt, Krankheiten durch Gebete, Zauberformeln, Amulete, Anspucken und Prügeln zu beseitigen!
Ja, man prügelt auch gewisse Kranke in Abessinien: man prügelt die Epileptischen oder, wie man dort nach biblischer Weise sich ausdrückt, die vom Satan Besessenen. Den Teufel will man auf diese Weise austreiben! Leider geschieht das hier und dort auch in Europa.
Wie in allen wenig civilisirten Ländern gibt es in Abessinien gar keine oder doch äusserst wenige Geisteskranke. In früherer Zeit pflegten sich die Kaiser Hofnarren, in der Regel Zwerge, zu halten, aber von einer Verrücktheit dieser Leute hörte man nie etwas. Auch körperliche angeborene Verunstaltung sieht man in Abessinien sehr selten, wie denn z.B. Buckelige zu grossen Ausnahmen gehören.
General Plata Gebro, der jetzt in Abwesenheit Ras Alula’s die Grenzarmee gegen die Aegypter commandirte, schickte uns schon von Dabamatta Soldaten entgegen. Oestlich von Teramne hatte sich nämlich ein Räuberhauptmann in die Mareb-Schluchten geworfen und brandschatzte von hier aus das Land. Er gehörte zu einer der ersten Familien von Tigre, war sogar nahe verwandt mit dem Negus Negesti, weshalb die Provinzialgouverneure und Districtscommandanten es für rathsam hielten, mit nicht allzu grosser Strenge gegen ihn vorzugehen. Er plünderte und brandschatzte übrigens nur fremde Karavanen. Kaufleute, die von Gondar kamen und von Massaua heimkehrten, mussten mit hohen Zöllen sich freien Durchzug erkaufen oder wurden eingekerkert, geprügelt, auch wol getödtet.Den umwohnenden Leuten that er nichts, und da er sehr fromm war, der Geistlichkeit öfters Geschenke machte, erfreute er sich eigentlich des besten Rufes, welcher ihm selbst in den Kreisen des Negus Negesti und seiner Generale nicht fehlte, denn er hatte – so behauptete man – eigenhändig Dutzende von Aegyptern entmannt. Balata Gebro, welcher fürchtete, dass er mich angreifen möge, schickte mir daher noch 20 Soldaten.
Wir finden also auch hier wieder ganz dieselben Zustände, wie sie vor einigen hundert Jahren in unserm eigenen Vaterlande und in den übrigen Ländern Europas stattfanden. Irgendein Reichsgraf,un barone,an earloderun marquis, vielleicht nahe Verwandte ihrer Fürsten, lagerten am Wege, raubten, zollten, plünderten und mordeten ungestraft. Diese „guten alten Zeiten“ sind nun lange dahin. Warum also sollen nicht auch in Abessinien bessere Tage kommen? Wenn es dem Lande, dem Volke gelingt, sich von den Fesseln und Anschauungen der Geistlichkeit zu befreien,wenn es gelingt, dort Gesetze einzuführen und diese ohne Ausnahme für alle geltend zu machen, dann erst kann es auch in Abessinien besser werden. –
Beim Dorfe Ad Saul erreichten wir wieder die alte Strasse und campirten auf demselben Lagerplatze, welchen wir auf der Hinreise innehatten. Zuvor aber begegneten wir, wie sich erweisen wird, einem sehr eigenthümlichen Manne.
Schon von weitem bemerkte ich, dass der uns Entgegenreitende ein vornehmer Mann sein müsse. Auf einem prächtig geschirrten Maulthier sass er, vor ihm gingen zahlreiche Diener, alle gut bewaffnet, einige sogar mit Gewehren neuester Construction. Ein Priester folgte unmittelbar hinter ihm. Bagage, welche zum Theil Maulthiere, zum Theil Menschen trugen, Weiber mit Tetschtöpfen,Männer mit Brotkörben auf den Köpfen deuteten auf Reichthum; ein Knabe mit einem Tetschhorn, ein anderer mit einem Hornbecher im Lederfutteral auf Luxus. Dann kam eine elegant gekleidete Dame mit wundervoll gestickten Hosen und ebenso elegantem Untergewand, umwunden vom buntseidenen Margef und von weiblichen Dienern umgeben, welche seine Frau oder Tochter zu sein schien. Viele mit Speeren, schönen alten Silberschilden und krummen Säbeln bewaffnete Diener schlossen den imposanten Zug. Der vornehme Mann, einfach im Margef, aber ohne Ehrengewand gekleidet, trug eine schwarzseidene Binde, musste also wol augenkrank sein. Ein Krieger führte sein Maulthier am Zaum. Wir grüssten uns im Vorbeireiten, nahmen aber weiter keine Notiz voneinander. Bald darauf kam Schimper athemlos und in grosser Aufregung zu mir herangeritten.
„Ist Ihnen nicht eben ein vornehmer Abessinier begegnet?“ fragte er, nachdem er sich etwas gesammelt. – „Gewiss“, erwiderte ich, „dort sehen Sie die letzten seines Gefolges hinter den Bergen verschwinden.“ – „Oh, Sie wissen nicht! Glücklich, dass mich, wie es scheint, keiner von seinem Gefolge erkannte, und er selber – er konnte nicht sehen, er ist geblendet.“ – „Wer, wer ist geblendet?“ fragte ich. – „Der vornehme Mann. Doch Sie wissen nicht – ja, es ist mein Schwager, oder vielmehr erwares – Dedjadj Abba Kessi heisst er.“ – Hierauf erzählte mir Schimper, nachdem er sich etwas beruhigt, Folgendes:
„Sie erinnern sich wol, dass mein Vater eine Zeit lang unter Ubieh Gouverneur in Entitscho war, wo er Versuche mit Einführung der Kartoffeln machte, die auch vorzüglich gediehen und bei besserer Unterstützung sich leicht über ganz Abessinien hätten verbreiten können. Theodor enthob meinen Vater der Statthalterschaft, nichtaus Unzufriedenheit mit ihm, sondern weil er ihn in seiner Nähe haben wollte. Meine Aeltern, Geschwister und ich befanden uns in Magdala, als die Engländer die Festung erstürmten. Damals bei meinen Aeltern lernten Sie meine Schwester kennen: ein zu einer blühenden Jungfrau herangewachsenes funfzehnjähriges Mädchen, in den Augen der Abessinier um so schöner, weil sie sich durch besonders weisse Hautfarbe auszeichnete und langes schlichtes Haar trug.“ – „Gewiss“, rief ich, „alles das weiss ich und Ihrer Schwester erinnere ich mich recht gut.“ – „Gut“, fuhr er fort; „nach Abzug der Engländer, mit welchen ich nach Europa kam, erhielt Abba Kessi von Kassai, damaligem Prinzen von Tigre, jetzigem Kaiser von Abessinien, die Statthalterschaft. Meine Aeltern und Geschwister lebten aber ganz zurückgezogen in Adua. Abba Kessi kam nun häufig, um sich bei seinem Vorgänger in der Statthalterschaft über dies und jenes Raths zu holen, wodurch sich ein freundschaftliches Verhältniss gestaltete, zumal sich Kessi sehr eifrig für die von meinem Vater begünstigten Kartoffelanpflanzungen interessirte. Bei seinen öftern Besuchen mochte er wol meine Schwester gesehen und für sie eine heftige Leidenschaft erfasst haben. Eines Tages wieder in Adua, wohin er sogar einen grossen Sack von ihm angebauter Kartoffeln für meinen Vater mitbrachte, entführte er mit Hülfe mehrerer Diener meine Schwester, die er knebeln, aufs Pferd setzen und im gestreckten Galop hinwegführen liess. Als mein Vater von der Entführung hörte, war der Gouverneur schon ausserhalb Verfolgungsweite. Sie können sich vorstellen“, fuhr Schimper fort, „wie unser ganzes Haus in Aufruhr gerieth. An Verfolgung konnte man nicht denken, selbst wenn sich der Gouverneur von Adua, die ganze Stadt für uns interessirte. Prinz Kassai war fort in Hamasen. Uebrigens kam schon nach zwei Tagen die überraschende Nachricht, Abba Kessihabe sich mit meiner Schwesterkirchlich trauenlassen. Und wenn Sie wissen, dass jetzt in Abessinien die meisten Ehen ohne kirchliche Einsegnung geschlossen werden, so hatte mein Vater allen Grund, zufrieden zu sein. Auch eine vor dem Gesetze gültige Civilehe gibt es bei uns im Lande nicht, sondern eigentlich nur ein freiwilliges Zusammenleben von Mann und Frau, von Jüngling und Jungfrau. Abba Kessi war von angesehenster Familie, reich von Haus aus, Provinzialgouverneur, was wollte man mehr? Und da noch dazu meine Schwester ganz zufrieden war, gab mein Vater die Einwilligung und eine Versöhnung fand statt.
„Kurze Zeit darauf rebellirte aber Abba Kessi, wurde gefangen genommen, jedoch von Prinz Kassai begnadigt. Zum zweiten mal empörte er sich, fiel abermals in die Hände des Fürsten von Tigre, welcher sich gerade zum Kaiser von Abessinien in Aksum hatte krönen lassen. Es gelang ihm zwar zu entfliehen, aber seine Frau, meine Schwester, gerieth in die Hände der kaiserlichen Truppen und musste nun für die Rebellion ihres Gatten schwer büssen.[155]Der Kaiser liess sie zum Tode verurtheilen, da sie gegen das Gesetz gehandelt habe, welches besagt, ‚dass jeder mit dem Tode zu bestrafen sei, der dem Feinde des Kaisers Speise und Trank reiche und mit ihm in Verbindung bleibe‘. Der Kaiser verwandelte auf Bitten meines Vaters die Strafe des Todes in die des Peitschens, gabauch schliesslich meine Schwester wieder frei. Wie mein Vater behauptet, liess sie der Negus geiseln, um Lösegeld zu erpressen, aber dieser wusste so gut wie jedermann, dass mein Vater nichts geben konnte. Natürlich liess sich meine Schwester jetzt scheiden, und ob schon sie der Negus hart bestraft hatte, trug er ihr das Verhältniss zu Abba Kessi so wenig nach, dass sie bald darauf den Oberzolldirector des Reiches heirathen durfte. Abba Kessi aber, nicht zufrieden damit, sich zweimal gegen den Negus Negesti empört zu haben, verband sich mit Uld-Michael, jenem Hauptrebellen, welcher mit Aegypten ein Bündniss abschloss, wurde aber bei Gura abermals zum Gefangenen gemacht und diesmal wollte ihn der Negus tödten lassen. Dennoch begnadigte er ihn einigermassen. Abba Kessi war Jugendgespiele des Negus gewesen, der für ihn eine grosse Zuneigung besessen. Um ihn aber von nun an für immer unfähig zum Empören zu machen, liess ihm der Kaiser die Augen blenden; sein Vermögen ist aber nicht confiscirt worden. Er lebt in der Nähe von Adigrat auf seinen Besitzungen.“ So die Erzählung Schimper’s, die ich zur Ergänzung in das von mir entworfene Gemälde abessinischer Verhältnisse einfüge.
Die Bewohner des Dorfes Saul empfingen uns ebenso freundlich wie das erste mal. Als ich am folgenden Morgen den Mareb überritt und nordöstlich mich wandte, um nach Daro Kaulus zu gelangen, wo Balata Gebro lagerte, fand ich dort eine Ehrenwache vor, welche der General und derzeitige Vicegouverneur von Hamasen mir bis dahin entgegengeschickt hatten. Der Offizier derselben meldete mir zugleich, Balata Gebro habe Zelte aufschlagen lassen, damit ich bei ihm bleibe. Das lag aber nicht in meiner Absicht; ich dirigirte daher schnell mein Gepäck nach Asmara, während ich selbst mit Schimper und einigen Dienern nach Daro Kaulus ritt.
Daro Kaulus ist kaum ein Ort zu nennen, da er nuraus einigen stets bewohnten Hütten besteht, in der Nähe einer Kirche, die auf einer Anhöhe auf dem ohnedies schon ca. 2000 m hohen Plateau liegt. Hier also lagerte der „magere“ Balata Gebro, wie er sich selbst nannte, derselbe, bei dem ich im grossen Lager von Tsatsega Gastfreundschaft genoss. Das Heer war natürlich bedeutend zusammengeschmolzen, denn den grössten Theil desselben nahm Ras Alula mit, aber immerhin noch gross genug, um einen Einfall der Aegypter abweisen zu können.
Balata Gebro befand sich in einer grossen von Menschen gedrängt vollen Hütte. Im Hintergrunde auf einem Angareb sass er, reinlich und gut angekleidet. Zu seinen Füssen lag ein Knabe, der ihm die untern Extremitäten streichelte und knetete. Als ich die Hütte betrat, machte man Platz, der General erhob sich und war sichtlich erfreut, mich zu sehen. Ich überreichte ihm einen Empfehlungsbrief, den mir der Negus Negesti unerbeten aus freiem Antrieb gab, denn dem General Balata Gebro gegenüber wäre das kaum nöthig gewesen. Man brachte für mich einen Stuhl und je einen Schemel für Schimper und Mr. Baraglion, welcher anfangs nicht mitgehen wollte, aus Furcht, von Balata Gebro zurückbehalten zu werden. Ich rieth ihm jedoch, da ihm der Negus die Abreise erlaubt habe, lieber offen Abschied zu nehmen; seine Anwesenheit könne ja doch nicht verborgen bleiben: als tüchtiger Waffenschmied sei er fast bei jedem Soldaten bekannt.
Balata Gebro benahm sich denn auch ganz freundlich gegen ihn und fragte darauf höflich, ob er die Sitzung zu Ende führen dürfe. Er hielt Gericht. Natürlich hatte ich nichts dagegen einzuwenden; im Gegentheil war es für mich höchst interessant, einem solchen Acte beiwohnen zu können. Ich muss gestehen, dass die mit Ernst und Würde geführte Verhandlung einen vorteilhaften Eindruck aufmich machte. Wie schon Rüppel[156]nachwies, haben die Abessinier ein geschriebenes Gesetzbuch, Pheta Negust, d.h. Richtschnur der Regenten genannt, welches angeblich unter Konstantin dem Grossen von Kirchenvätern auf dem Nicäischen Concil verfasst wurde und von da nach Abessinien kam. Das von unserm um die Erforschung Abessiniens so hochverdienten Landsmann nach Frankfurt a. M. gebrachte schöne Exemplar enthält eine Abtheilung kanonisches Recht mit 22 Kapiteln und eine Abtheilung bürgerliches Recht mit 28 Kapiteln. Rüppel meint aber, die Annahme bleibe nicht ausgeschlossen, dass der von Bruce, III, 718 erwähnte Peter Heyling von Lübeck, ein protestantischer Missionar, welcher 1634 Abessinien besuchte, diese Gesetze dorthin gebracht habe.
Wie dem auch sei, sie kommen jetzt nie in Anwendung. Das Gerichtsverfahren ist in Abessinien durchaus mündlich. Der Schum eines Ortes, der Gouverneur einer Provinz entscheidet, und in letzter Instanz als oberster Richter des ganzen Landes der Negus Negesti. Hat dieser seinen Spruch gethan, dann gibt es keine weitere Appellation. Likaonten, wie man die obersten zwölf Richter nannte, als es noch Kaiser aus der wirklichen Kaiserfamilie gab, gibt es jetzt nicht mehr.
Hier nun plaidirten zwei Leute in eigener Sache, aber einem jeden stand noch ein Helfer, eine Art Advocat, zur Seite. Es handelte sich um einen Gegenstand, den der eine dem andern verkaufte, den dieser aber nachher nicht dem Werthe entsprechend fand. Die Rede des ersten war lebhaft, er gesticulirte, entrollte häufig die Schama und brachte sie ebenso oft wieder in Ordnung. Dann der Gegner mit ebenso lebhafter Sprache und Bewegung; auch er machte sich fortwährend mit seiner Schama zu schaffen:es war gewissermassen ein Kokettiren mit dem Kleidungsstück. Hierauf sprachen die beiderseitigen Advocaten und brachten einen ebenso grossen Redefluss ins Gefecht, wobei sie gleichfalls höchst anmuthig ihr Kleidungsstück in Unordnung und wieder in Ordnung zu bringen suchten. Während die Parteien, wenn sie sprachen, aufrecht standen, sass die ganze übrige Versammlung, ohne jedoch einen Laut zu äussern oder Zeichen des Beifalls oder der Misbilligung zu geben. Keine Partei durfte die andere unterbrechen, jeder musste seinen Gegner ruhig ausreden lassen. Endlich, nachdem er lange und aufmerksam zugehört, erhob sich der Balata Gebro und ebenso die ganze Versammlung. Er hielt eine längere, wie es schien, gut geordnete Rede. Häufiges Beifallsgemurmel unterbrach ihn. Als er geendet, ergriffen die Soldaten den einen Mann und führten ihn hinaus, während der andere dem Balata Gebro zu Füssen fiel, um seinen Dank abzustatten.
Der General entliess die Versammlung. Wir selber blieben noch bei ihm und tranken ein Glas Tetsch miteinander. Dann nahmen wir freundlichst Abschied.
Balata Gebro hatte dem Hauptmann Mariam befohlen, mich bis Massaua zu begleiten. Natürlich musste ich dafür haften, dass ihn die Aegypter nicht gefangen nähmen, wie ich eine solche Verpflichtung auch hinsichtlich Schimper’s dem Negus Negesti gegenüber einging.
Ein schneller Ritt brachte uns nach Asmara, wo wir in der Nähe der Ortschaft lagerten. Asmara, 2300 m über dem Meere gelegen, ist, wie alle Grenzdörfer, ein ärmliches Nest mit einigen hundert Einwohnern. Eine portugiesische Kirche, nicht Rundbau, wie die meisten abessinischen Kirchen, enthält nichts Bemerkenswerthes.
Kaum hatten wir unser Zelt aufgeschlagen, als ein Abessinier zu mir hereingestürzt kam. Er sei, sagte er, ein Diener des französischen Consuls Herrn Raffray undvon diesem mit mehrern andern aufs Hochland geschickt, um Maulthiere für seine bevorstehende Reise zum Negus anzukaufen; alle aber seien von Soldaten Balata Gebro’s gefangen genommen, in Ketten gelegt, des Geldes entledigt; er selber sei entronnen und wünsche meine Fürsprache. Ich schickte sofort Hauptmann Mariam zu Balata Gebro, der mir jedoch durch einen Obersten melden liess, er habe die Diener des Consuls gefangen nehmen lassen, weil sie in Gemeinschaft mit Dienern der katholischen Mission Salpeter nach Aegypten hätten schmuggeln wollen; auch läge der dringende Verdacht vor, dass sie den vorhin erwähnten Räuberhauptmann von Teramne mit Geld unterstützten; Freilassung könne also nicht erfolgen.
Um kein Mittel unversucht zu lassen, schickte ich Schimper zurück und liess nochmals bitten, die Diener des französischen Consuls freizulassen, indem ich zugleich den General aufmerksam machen liess auf die Folgen, welche daraus für ihn selbst erwachsen könnten, falls der Negus diese Vorgänge erführe. Balata Gebro blieb aber bei seiner Weigerung.
So musste ich denn unverrichteter Sache den Abstieg beginnen.
Wenn es in den letzten Wochen in Abessinien stets geregnet und geschauert hatte,irgendwoüberhaupt anjedemTage und zujederStunde in Abessinien feuchter Niederschlag stattfindet, besonders auf den höchsten Regionen des Landes, so machte sich beim Abstieg selbst der Regen noch bemerklicher. Alles aber stand hier jetzt in beispielloser Ueppigkeit. Der Abstieg von Asmara ist bedeutend weniger schwierig, als der von Kasen, da er einer natürlichen Rinne folgt und allmählich zur Ebene hinabsinkt. Wie ein goldener Stern leuchtete vor uns her das grosse Kreuz der Kirche des berühmten Bisen-Klosters, das man, obwol man anscheinend in gerader östlicherRichtung darauf losgeht, bald südlich hoch oben über sich liegen lässt. Das Bisen-Kloster ist eins der berühmtesten von Nordabessinien. Die beste Beschreibung gibt uns Alvarez[157]: „Das Kloster wäre sehr gross, gewaltig und schön, also, dass man Gott billig zu danken, das in diesen frembden, onbekandten vnd weit entlegenen Landen, bey so viel Feinden des Christlichen glaubens dennoch noch etliche Christen, vnd solche stadtliche Kloster vnd Gotteshäuser zu befinden, darinnen Gott teglichen gelobet vnd gepreiset würde u.s.w.“ Alvarez erzählt uns sodann von dem grossen Reichthum des Klosters, den vielen Mönchen, angeblich 3000, die er selbst aber nur zu 300 habe schätzen können. Ferner heisst es: „Dieses Kloster vnnd alle Klöster demselben zugethan, halten in ihrer Regel, das kein Weib, kein Kue, kein Maulesel, kein Henne, oder einiges Thier Weibliches geschlechtes darff in das Kloster kommen“ u.s.w. Etwas weiter fügt er aber drastisch hinzu: „Ob sie aber diese Regel so steiff halten, vnd gar keine Weiber hinein lassen, das wissen sie am besten. Gleichwol fragt ich zu etlichen malen die jungen, die im Kloster wie gemelt erzogen wurden, wes Kindt ein jeder, oder wer sein Vater were, die sagten gemeinlich, die Brüder im Kloster weren ihre Väter, das war mir etwas wunderlich zu hören, wie die alten Brüder die jungen Brüder on Weiber aushecken kondten.“
Auch heute nach 300 Jahren ist noch alles im Kloster wie vordem. Ueberhaupt änderten sich die kirchlichen Verhältnisse in Abessinien gar nicht. Mit den Filialen mag Bisen auch 1881 gegen 1000 Mönche aufweisen. Alles Weibliche ist auch heute noch verbannt. Kein neuerer Reisender, soviel mir bekannt, besuchte Bisen. Und dochdürften ebenfalls hier manche Bücherschätze verborgen sein, da Bisen nie, auch von Theodor nicht, geplündert wurde. Selbst die Aegypter umgingen es bei ihrem Aufmarsch, obschon der Berg keineswegs schwierig zu ersteigen ist.
Am ersten Tag kamen wir schon auf 1800 m herab und lagerten im Mai Hinsi, einem engen, von Wasser durchrieselten Thale. Die Schlucht verbreiterte sich bedeutend am zweiten Tage, wo wir das prachtvolle Thal von Genda erreichten, worin zur Zeit Theodor’s eine protestantische, reizend auf einem Hügel gelegene Mission sich befand. Auch Kirkham liess sich hier ein Wohnhaus bauen, und der ganze Grund und Boden soll ihm von Johannes geschenkt worden sein. Von all diesen Bauten blieben nur noch unregelmässige Steinhaufen übrig, aber ausgedehnte Strecken Landes, man sieht es, standen schon unter Cultur. Obwol 900 m über dem Meere, hat die Pflanzenwelt von Genda durchaus tropischen Charakter. Die Kolqualeuphorbie verschwand, dagegen winden sich Stapelien durch die Akazien; Tamarinden längs des Flusses geben herrlichen Schatten, und grosse Haufen Elefantenlosung deuten darauf hin, dass diese Dickhäuter noch nicht ganz aus den untern Gehängen der Berge verschwunden sind. Menschen aber gibt es nirgends. Der ganze eigentliche Steilabhang ist jetzt unbevölkert. Die stummen Gräber und Friedhöfe erzählen jedoch laut genug, dass einst diese fruchtbaren Gefilde gut bevölkert waren. Das Genda-Thal, von Mai Hinsi an, könnte allein 100000 Menschen mit Leichtigkeit ernähren. Auch in Genda hatten wir abends wieder Gewitter und Hagelschlag, das aber nur zu einer noch üppigern Entfaltung der Natur beitrug.
Das Land östlich von Kasen und Asmara bis Ailet ist in diesem Augenblick völlig herrenlos, was eben die grösste Unsicherheit und damit den Mangel an aller Bevölkerungveranlasst. Meine abessinische Bedeckung hatte ich zurückgeschickt, aus Besorgniss, dass ich mir dennoch ihretwegen in Massaua Unannehmlichkeiten zuziehen könnte. Froh jedoch war ich, als mir nach meinem Aufbruche von Genda ein Naib entgegensprengte mit der Meldung, dass etwas weiter eine Compagnie Soldaten auf mich warte. In der That verhielt es sich so: Herr Hassen Bei und der Gouverneur Allah ed Din von Massaua erwiesen mir diese Freundlichkeit.
„Jetzt bin ich gerettet, jetzt bin ich ganz gerettet und in Sicherheit!“ rief Monsieur Baraglion, sobald er sich von den Soldaten umgeben sah. Und in der That hatte er recht, denn was sollte er machen, wenn es Balata Gebro eingefallen wäre, ihn zurückzurufen? In Abessinien ist Jeder Sklave, auch der Fremde. Sobald man dieses Land betritt, hört jede persönliche Freiheit auf. Und in wirklicher Sicherheit ist der Reisende erst wieder auf ägyptischem Boden, wo das Gesetz, nicht die despotische Willkür eines Einzelnen herrscht.[158]
Wir campirten mit den Soldaten östlich von der Digdigta-Hügelkette, bei Mai Atal. Aber welche Nacht mussten wir noch erleben! Ein Gewitter brach über uns los mit Regen und Schlossen, wie es sich eben nur unter den Tropen entfesselt. Zum Glück hatte ich mein Zelt auf einer Anhöhe aufpflanzen lassen, denn alles Land glich nach wenigen Minuten einem See, einem starkfliessenden See. Am schlimmsten waren die Soldaten daran, welchen aller Schutz fehlte. Die Offiziere und einige Soldaten flüchteten in mein Zelt, aber die meisten blieben dem Unwetter ausgesetzt. Die Rinnsale füllten sich und, wie wir am andern Tage wahrnahmen, hatten sich die Fluten durch Hotumlu gewälzt. Aber der Schall des Donners wurde nicht bisnach Massaua getragen, trotz der geringen geraden Entfernung, welche etwa 12 km beträgt. Man sah dort nur das grossartige Wetterleuchten.
Nachdem Gott Phöbus am folgenden Morgen mit tropischer Glut die Uniformen der Soldaten und die Kleidung der Diener getrocknet, machten wir von hier nach Hotumlu, wo wir nur einen Tag blieben, die letzte kleine Etappe. Der so formvollendete Gedem-Berg verkündete uns bald die Nähe von Massaua; die hohe schwedische Mission leuchtete uns entgegen, und als unsere Karavane vorbeizog, sagten uns die aus den Fenstern wehenden weissen Taschentücher, dass wir erkannt seien. Und kaum hatten wir das Zelt aufgeschlagen, als unser Freund Hassen Bei[159], der französische Consul Mr. Raffray, Herr Tagliabue, Herr Habib Schiavi, die schwedischen Missionare u.s.w. kamen, um uns zu begrüssen. Es war ein frohes Wiedersehen.
Gütigst stellte uns der Chedive das Gouvernementsgebäude in Massaua zur Verfügung. Da fanden wir luftige, hohe Zimmer, schöne Einrichtung und unmittelbar am Meere alle Bequemlichkeit für Seebäder, auf die man gleich ein Wannenbad mit Süsswasser folgen lässt. Auch blieb ich nicht lange allein, denn bald kam eine Gesellschaft junger Engländer, welche in Bogos und Mensa gejagt hatten und nun ebenfalls der Heimat zustrebten. Bereitwilligst trat ich ihnen den grössern Theil des Palais ab. Herr Schimper, der mich, wie ich früher erwähnte, auf Befehl des Kaisers von Abessinien bis Massaua begleiten musste, reiste zurück, und nun, nach Erledigung aller Geschäfte, traf gerade zur rechten Zeit ein Dampfer ein, auf welchem ich meine Rückreise antrat.
Der Abschied von meinen Freunden in Massaua war schmerzlich,dervon meinen treuen Abessiniern fast nochschmerzlicher. Die Frauen, Mädchen, Kinder, Bettler, alle, die als gänzlich überflüssig die Reise mitgemacht hatten, musste ich allerdings schon in Asmaramit Gewaltabschütteln, und auch da fehlte es nicht an Thränen und Rührscenen. Nun aber galt es, mich von meinen eigenen Dienern zu trennen. Sie umklammerten mich, sie warfen sich auf den Boden, küssten meine Füsse und beschworen mich, wieder zu kommen, wenn nun einmal von Mitgehen nicht die Rede sein könne; auf Lohn und Geld seien sie bereit für immer zu verzichten. Und das waren nicht blosse Redensarten. Von der Hingebung und Aufopferung der abessinischen Diener erhielt ich unterwegs Beweise genug. So zwang mich gewissermassen zu Daro Kaulus im Lager des Balata Gebro ein von mir entlassener Diener, dass ich ihn wieder aufnahm. Ich gab ihm den Abschied, nicht wegen eines Vergehens, sondern wegen verschiedener Nachlässigkeiten, die sich bei ihm trotz mehrmaliger Drohung wiederholten. Obwol das Ende meiner Reise bevorstand, musste ich, der Disciplin wegen, zu dieser Strafe greifen; ein anderes Mittel stand mir überhaupt nicht zu Gebot. Nun eilte er, um bis zum Schluss bei mir bleiben zu können, nebst seiner Frau vorauf zum Balata Gebro und bat diesen um seine Vermittelung. In der That sagte der General, als ich mich von ihm verabschiedete: „Ich habe noch eine Bitte.“ – Anfangs meinte ich, es handle sich um einen Revolver oder sonst eine Waffe, die er noch zu besitzen wünsche. Ich erwiderte also: „Sagen Sie – und wenn irgend möglich gewähre ich.“ – „Nehmen Sie Desta und seine Frau wieder auf, sie grämen sich so sehr darüber, dass sie nicht bis zum Schlusse Ihrer Reise bei Ihnen bleiben sollen.“ – So kam denn Desta wieder in meinen Dienst, denn kaum hatte er mein dem General gegebenes „Ja“ gehört, als er auch gleich da war, um nach abessinischer Art zu danken,d.h. meine Füsse zu küssen. Und alle andern Abessinier freuten sich mit ihm, sie umringten ihn, wünschten ihm Glück, undder, welcher ihm meine Flinte, die er früher getragen, wieder einhändigte, rief: „Der Desta versteht es, er hat goetana[160]Rohlfs ‚gezwungen‘, ihn wieder aufzunehmen.“
Ja, ich musste von meinen Abessiniern scheiden! Es rührte mich tief, als ich sie noch weinend am Ufer stehen sah, während der Dampfer sich langsam aus dem Hafen von Massaua entfernte.