VIERTES KAPITEL.AUFENTHALT IN HOTUMLU.

VIERTES KAPITEL.AUFENTHALT IN HOTUMLU.

Der Berg Gedem. – An den abessinischen General Ras Alula. – Antwort Ras Alula’s. – Abermals an Ras Alula und dessen Antwort. – Die Furcht vor den Abessiniern. – Fahrlässigkeit der Orientalen. – Die für den Negus Negesti bestimmten Geschenke. – Besteigung des Gedem. – Der Naib. – Der freundliche Besitzer einer Hütte. – Zahlreiche Begräbnissplätze. – Beschaffenheit und Umgebung des Gedem. – Affen. – Je ein geschlachtetes Thier für Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier) besonders. – Die Aussicht vom Gedem. – Messung des Gedem. – Abstieg. – Vegetation. – Fauna. – Der Klippschliefer. – Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner. – Das weibliche Geschlecht.

Der Berg Gedem. – An den abessinischen General Ras Alula. – Antwort Ras Alula’s. – Abermals an Ras Alula und dessen Antwort. – Die Furcht vor den Abessiniern. – Fahrlässigkeit der Orientalen. – Die für den Negus Negesti bestimmten Geschenke. – Besteigung des Gedem. – Der Naib. – Der freundliche Besitzer einer Hütte. – Zahlreiche Begräbnissplätze. – Beschaffenheit und Umgebung des Gedem. – Affen. – Je ein geschlachtetes Thier für Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier) besonders. – Die Aussicht vom Gedem. – Messung des Gedem. – Abstieg. – Vegetation. – Fauna. – Der Klippschliefer. – Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner. – Das weibliche Geschlecht.

Unser Lagerplatz befand sich auf einer kleinen luftigen Anhöhe und bot eine entzückende Aussicht. Nach Westen zu hatte man das unvergleichliche Alpenpanorama von Abessinien vor sich. Gegen Abend, zuweilen allerdings auch bei Tage, lagen gewöhnlich schwere Haufenwolken auf den Bergriesen, und an irgendeiner Stelle – das sah man deutlich – witterte und regnete es. Aber des Morgens, wenn die aus dem Meere auftauchende Sonne der Gebirgswand neues Licht spendete, zeichneten sich mit wunderbarer Klarheit die Umrisse der einzelnen Berge ab.Imposant trat namentlich etwas südlicher der mächtige, vom eigentlichen Hochplateau abgelöste Bisenberg mit dem darauf befindlichen Kloster hervor. Letzteres konnte man jedoch der örtlichen Verhältnisse wegen nicht unterscheiden. Im Süden aber, etwas zu Ost, erhob sich nahe vor uns der grossartige Gedem, welcher, wenn auch im Vergleich zu den abessinischen Nachbarn an Höhe nur ein Kind – seine Höhe ist etwa die des Brockens – sich dadurch bemerkbar machte, dass er plötzlich aus einer kaum über dem Niveau des Meeres am Meere gelegenen Ebene hervortrat. Vor dem Gedem lag Massaua, das Inselchen Tolhut, die grüne Insel Sidi Schich und links davon mit seinen phantastischen Formen zeichnete sich das von Arakel Bei erbaute chedivialische Schloss ab. Nach Norden hatten wir den Blick auf das zwischen Tamarisken, Parkinsonien und Calotropis versteckte schmucke und stattliche Gebäude der schwedischen Missionare, während nach Ost zu die Hütten der Bewohner von Hotumlu uns die Ansicht aufs Rothe Meer entzogen. Unsern Hügel trennte nur ein schmaler Arm des Mpasi von der Wohnung Franz Hassen Bei’s, welche als ein Musterhaus aller Gebäude in jener Gegend dienen kann. Allen Reisenden ein treuer Berather, lebt Hassen Bei schon seit Jahren in Massaua oder Senhit als ägyptischer Beamter. Im Jahre 1882 war er sogar von der ägyptischen Regierung mit einer Mission an Johannes betraut und erledigte sich seines Auftrags in Adua, wo der Negus damals residirte. Verheirathet mit einer Enkelin des berühmten Negus Ubieh von Tigre, versteht sich diese würdige Dame vortrefflich auf die Führung des Hausstandes ihres Gatten und hat sich vollkommen die Art und Weise, wie Europäer leben, zu eigen gemacht. Hassen Bei war, als ich mich in Massaua befand, Vicegouverneur oder Adlatus des Gouverneurs und füllte zur Zufriedenheit Aller seinen Posten aus. Neben Herrn Tagliabue, welcherwährend unsere Aufenthaltes in Massaua uns am meisten mit Rath und That zur Seite stand, sind wir Herrn Hassen Bei zu grösstem Dank verpflichtet. Durch seine Vermittelung wurde mir auch der Regierungsdolmetsch zur Verfügung gestellt, durch den ich folgenden Brief an den General Ras Alula, Gouverneur der Provinz Hamasen, amharisch schreiben und absenden liess:[57]

„Massaua, 18. November 1880. Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula vom Kaiserlich Deutschen Gesandten Rohlfs! Wie geht es Ihnen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ich komme gesendet vom König von Preussen (ich hatte ‚Kaiser‘ dictirt; ‚Preussen‘ oder ‚Borussia‘ ist, wie ich andern Ortes erwähnt habe, bei den orientalischen Völkern synonym für Deutschland) mit einer Antwort auf Seiner Majestät Schreiben. Das zeige ich Ihnen, dem geehrten Ras Alula, hiermit an und bitte Sie nun, das Seiner Majestät eilig schreiben zu wollen. Wenn Sie mir bestimmen, will ich zu Ihnen kommen, um bei ihm (das ist ein Schreibfehler, ich hatte Ihnen geschrieben) zu bleiben, bis von Seiner Majestät Antwort für mich anlangt. Ich bitte, dass auch von Ihnen die Antwort mir bald zukommen möge. 10. Hedar 1873.“ (Alter Stil.)

Man wird aus diesen Zeilen entnehmen, dass ich meinen Brief mit äusserster Höflichkeit abgefasst hatte; das Antwortschreiben des abessinischen Generals zeichnete sich aber keineswegs durch allzu grosse Höflichkeit aus. Es lautete:

„Der Brief des Ras Alula gelange an den kaiserlichdeutschen Botschafter Rohlfs. Wie geht es Dir? Ich bin Gott sei Dank wohl. An Seine Majestät werde ich sofort für Dich einen Eilboten mit einem Briefblatt senden, und Du beeile Dich, sobald Seine Majestät Dich vorzulassen befiehlt, dass ich Dich sende. Das Schreiben mit dem geehrten Auftrag, das Du mir geschickt hast, ist an mich gelangt. Im Jahre der Barmherzigkeit 1873 geschrieben im Lager von Tzaazaga am 15. Hadar“ (23. November 1880).

Man ersieht hieraus, dass der abessinische General mich duzte, während ich ihn „Sie“ genannt hatte. Und man glaube keineswegs, dass dies eine gewisse Freundlichkeit ausdrücken sollte. Ich war ihm ein Fremder, und gegen Fremde tragen die Abessinier ein hochfahrendes Wesen zur Schau. Unter sich sind sie derart höflich und ceremoniell, dass kleine Kinder, wenn sie einander fremd sind, sich gegenseitig „Sie“ nennen und erforderlichenfalls die Titel „edler“, „hochwohlgeborener“, „right honourable“, „Hoheit“ u.s.w. u.s.w. mit peinlichster Gewissenhaftigkeit ertheilen. Ganz anders ist das bei den Arabern zwischen hoch und niedrig, Freund und Feind, alt und jung übliche „Du“! Wenn der Abessinier duzt, ist es nicht Vertrautheit, sondern es drückt einfach Geringschätzung aus, die allerdings zuweilen eine gewisse Vertraulichkeit in sich schliesst. Weder der ägyptische Regierungsdolmetsch noch andere hatten mir das gesagt. Erst bei meiner Rückkehr machte Schimper mich darauf aufmerksam, und die schwedischen Missionare bestätigten diese unhöfliche Angewohnheit. Ja, sogar die kleinen abessinischen, von ihnen aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommenen Zöglinge, die ihnen körperliches Wohlergehen, alles und alles verdanken, benennen sich unter sich mit „Sie“ und sonstigen hochtönenden Redensarten, während sie ihre Pfleger, Ernährer und Erzieher duzen. Auf diese Mittheilung der Missionare erlaubte ich mir die Bemerkung, dass solche Unarten ambesten durch schlagende Verbesserungen abzustellen seien, aber die weichherzigen Leute ziehen es vor, sich duzen zu lassen. Was mich anbetrifft, so erfuhr ich die unhöfliche Art des Benehmens der Abessinier gegen Fremde, wie gesagt, erst später; aber selbst im Anfang meiner Reise davon unterrichtet, würde ich ebenso wenig wie Gordon und die Missionare einen cas daraus gemacht haben. Ich hätte mich trösten müssen mit dem Gedanken, dass nur die Dummen und Unwissenden unhöflich sind und Dummheit mit Eitelkeit und Unhöflichkeit untrennbar verbunden ist.

Auf ein zweites Schreiben, welches ich an den Gouverneur von Hamasen richtete, erhielt ich auch schnell Antwort. Mein zweiter Brief hatte folgenden Inhalt[58]:

„Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula von Gerhard Rohlfs (ich hatte dictirt: der Brief gelange von Gerhard Rohlfs an den geehrten Ras Alula), Diener des Kaiser-Königs von Preussen! Wie ist es Ihnen ergangen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ihr geehrtes Briefblatt, wofür ich danke, ist mir zugekommen. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Botschaft an Seine Majestät meinethalben. Jetzt habe ich noch 14 Tage hier zu warten, bis Babur (d.h.il vapore, der Dampfer) von Sues kommt. Ich bitte, dass Sie mir in diesen Tagen Leute und Vieh nach Sabarguma entgegenschicken wollen. Funfzig Ochsen zur Belastung bedarf ich. Zwei Tage, ehe ich aufbreche, werde ich nochmals Botschaft schicken, dass Sie mir 20 Soldaten bis Ginda entgegenschicken, die mir Sicherheit geben. Am 19. Hedar 1873“ (27. November 1880).

Hierauf traf rechtzeitig schnell folgende Antwort ein:

„Der Brief des Ras Alula gelange an den geehrten Gerhard Rohlfs, Minister (d.h. Diener) des Königs von Preussen. Wie ist es Dir ergangen? Ich bin, Gott sei Dank, wohl.Wenn Du kommst, mache, dass Du nach Ailet kommst. In Ginda sind muselmanische Räuber, welche plündern. Nach Ginda komme nicht! Wenn Du in Ailet anlangst, sende an mich! Ich werde Dir sofort Leute schicken, die das Geleit geben.“ (Ohne Datum.)

Hieraus ersieht man schon, dass ich noch längere Zeit in Hotumlu zu weilen hatte. Indess war der Aufenthalt in meinem grossen schönen Zelte mit Schattendach weit angenehmer als in Massaua. Die Nächte wurden gegen Morgen sogar kühl im Vergleich zur Tageswärme, denn vor Sonnenaufgang fiel das Thermometer häufig auf +20°C. Auch sonst unterhielten wir mit allen Bewohnern der Gegend gute Beziehungen. Mr. et Madame Lombard, welche sich nun auch zum Aufmarsch nach Abessinien rüsteten, hatten Wohnung genommen in der französischen Lazaristenmission, nahe beim schwedischen Missionsgebäude, und öfters machten wir uns Besuche. Sehr häufig kamen auch die ägyptischen Stabsoffiziere und blieben zum Essen bei mir. Der Generalgouverneur liess vor meinem Zelte einen Doppelposten aufstellen, und nachts bezog stets ein ganzer Zug mit einem Lieutenant Wache bei meinem Lager. Trotzdem ich innerhalb der befestigten Linie lagerte, denn das äusserste mit guten Kanonen bewehrte Fort, welches ein ganzes Bataillon regelmässiger Soldaten beherbergte, lag noch ca. 2 km von mir in Saga, wurde nicht selten bis zu meinem Lager, ja, bis zum eigentlichen Massaua alles in Angst und Schrecken gesetzt. Kurschid Bei, der Höchstcommandirende, kam einigemal sogar spät abends angeritten: „Die Abessinier, Ras Alula, sind im Anrücken!“ Es war immer blinder Lärm, aber die Panik so gross, dass alle ausserhalb der Vertheidigungslinie sich befindenden Bewohner eiligst zurückflüchteten. Ich bin fest überzeugt, dass wenn die Abessinier wirklich gekommen wären, kein ägyptischer Offizier, kein Soldat standgehalten hätte.Mit Leichtigkeit würden sich die Abessinier sogar Massauas bemächtigt haben. Darin sich zu behaupten, war allerdings unmöglich. Trotz der guten Waffen, trotz der anscheinend festen Disciplin und der übrigen guten militärischen Einrichtungen möchten ägyptische Truppen jetzt gegen Abessinier nicht zu verwenden sein. Die Angst und Furcht vor ihnen sitzt ihnen noch zu sehr in den Gliedern. Mehreremal, und das war sehr komisch, kamen von Senhit Depeschen: die Abessinier hätten grosse Niederlagen erlitten, hundert Mann seien gefallen, der und der Ras gefangen worden. Hinterher aber kam der hinkende Bote: „irgendein abessinischer Häuptling habe von Bogos oder einem andern ägyptischen Gebiete so und so viel hundert Schafe, Rinder u.s.w. weggetrieben, bei welcher Gelegenheit sich die ägyptischen Soldaten wohlweislich nach ihren Schanzen zurückconcentrirten!“ –

Seit den Munzinger’schen für Massaua wirklich grossartigen Verbesserungen hat man alles wieder ins alte Nichts zurückfallen lassen. Bei gegebenen Gelegenheiten können die Orientalen unternehmen, Bauten ausführen, Verbesserungen anbringen, aber die Anreizung dazu müssen sie immer von aussen empfangen. Einmal ausgeführt, denken sie nie an Unterhaltung. So ist denn die Wasserleitung, welche Munzinger von Mkullu bis in die Stadt Massaua leitete, schon zur Hälfte wieder eingestürzt und nur noch bis Hotumlu wirksam. Der Damm, welcher Massaua mit Hotumlu und dem Festlande bildet, ist dem Einsturze nahe. Kein Mensch denkt an Ausbesserungen. Der Palast, den Arakel Bei mit so grosser Sorgfalt errichtete, droht binnen kurzem zu einer malerischen Ruine zu zerfallen, Unterhaltungskosten dafür gibt es nicht. Am meisten setzte mich aber in Erstaunen, dass ich auf einem aus Hotumlu östlich hinaus unternommenen Spaziergange die Telegraphenleitung von verschiedenen umgewehten und nicht wiederaufgerichteten Stangen am Boden liegen – und doch Dienste verrichten sah. Ich konnte mir das anfangs nicht erklären, bis ich fand, dass der Draht auf basaltischem Boden lag, welcher vielleicht isolirend wirkte.

Mittlerweile wurde die Ausrüstung eifrig betrieben, Instrumente nahmen wir natürlich aus Europa mit. Auch hatte mir die Afrikanische Gesellschaft die Geschenke, welche bei der Katastrophe von Kufra gerettet oder wieder herausgegeben waren, zur Verfügung gestellt. Das neue, glänzende, prachtvolle Schwert von Solingen hatte gar nicht gelitten; die echt goldenen Fransen des grossen Sonnenschirms waren durch neue noch schönere ersetzt worden; der violettblaue Sammtmantel hatte sich ebenfalls gut erhalten. Das waren die Hauptstücke, welche ich dem Negus Negesti als mein Geschenk überreichen wollte. Absichtlich habe ich geschrieben: als mein Geschenk, da irrtümlicherweise das Gerücht sich verbreitete, der Deutsche Kaiser übermittele durch mich Geschenke an den Souverän von Abessinien.

Im übrigen completirte ich meine Geschenke durch Einkauf von echtem und unechtem Sammt, Schama (grosse, weisse, rothgeränderte Umschlagetücher, von denen ich Dutzende mitnahm), Baumwollenstoffen geringerer und besserer Qualität, Taschentüchern, Sonnenschirmen aus Seide und Kattun, Messern u.s.w. Sodann hatte ich eine ganze Partie billiger in Deutschland fabricirter Schmucksachen, die ich ebenfalls als Geschenke verwerthen konnte. Billige Ferngläser, Spiegel und besonders Goldbrokatstoffe von wundervoller Farbe und schönen Mustern vervollständigten die Geschenke. Man ersieht daraus, dass ich aufs reichste ausgerüstet war, aber wie viele Gouverneure, wie viele Provinzen und Städte mussten auch vorher besucht werden, und überall sollten und mussten passende Geschenke für die Machthaber und für die Bevölkerungdem Träger des kaiserlichen Briefes den nöthigen Glanz verleihen.

Auch die übrige Ausrüstung wurde hinsichtlich der Dienerschaft, der Fortbewegungsmittel und der Nahrung aufs grossartigste hergestellt. Es gelang mir, schon in Massaua einige Diener und Maulthiere zu bekommen, erstere durchaus Christen, d.h. Abessinier, da ich im Lande durch Mitnahme von Mohammedanern keinen Anstoss erregen wollte. Als Proviant hatte ich Mehl, Hülsenfrüchte, Reis, Zwiebeln, Zwieback, Zucker, Thee, einige Dutzend Flaschen Cognac und Absinth (diesen zum Verschenken), Gewürze und diesmal nur wenige Conserven, da ja in Abessinien täglich auf frisches Fleisch zu rechnen war.

Alles dies, selbst feinere Gemüse, europäische Kleidungsstücke u.s.w. konnte man recht gut und verhältnissmässig billig in Massaua bei griechischen Ladenbesitzern erhalten.

In die Zeit meines Aufenthaltes von Hotumlu fiel auch die Besteigung des Gedem, welcher ein nach Norden vorspringendes Gebirge bildet, dessen nördlichste Spitze unter 15° 4′ nördl. Br. sich befindet und in seiner höchsten Spitze vom 39° 4′ östl. L. von Greenwich geschnitten wird. Die Hauptachse des Berges ist von NNO. zu N. nach SSW. zu S. gerichtet. Etwa 24 km lang, beträgt die Durchschnittsbreite ca. 5 km.

Von weitem gesehen, hat der Gedem ein herausforderndes, abschreckendes und doch zugleich äusserst malerisches Aussehen: herausfordernd, weil er so zur Hand liegt, dass man meint, manmüssteihn besteigen, und er ist ja auch oft bestiegen worden; abschreckend, weil er von tiefen Furchen durchsetzt erscheint und keinen Baum und Strauch zeigt; malerisch, weil kaum ein Berg sich durch harmonischere Formen hervorthut. Seine Höhe steht mit der Breite und Länge in schönstem Verhältniss. Aberder Gedem täuscht doch: eristnicht kahl, sondern durchaus, von unten bis oben mit Bäumen und Unterholz bestanden, nur sind die Bäume nicht gross, sondern scheinen durch häufige Brände in ihrem Wachsthum gehemmt zu sein.

Es war ein wundervoller Morgen, als ich mit einigen Dienern, einem Führer und einem Naib[59], alle beritten und reichlich mit Proviant versehen, aufbrach. Der Weg führt um die Bucht herum, und, fortwährend durch grosse Gebüsche von Calotropis procera und Euphorbia quadrangularis reitend, erreicht man bald das freundliche Städtchen Arkiko, die Residenz des Naib, mit etwa 1500 Einwohnern. Es war nicht zu vermeiden, ihm, dem Hauptnaib, in seiner Wohnung einen Besuch abzustatten. Noch weniger konnten wir der üblichen Tasse Kaffee, der Cigarrette und zum Schluss dem Geschenke eines Hammels aus dem Wege gehen. Ja, der Naib wollte sogar, wir sollten wenigstens einen Tag bei ihm bleiben, was wir indess entschieden, aber mit grosser Höflichkeit ablehnten, denn wir mussten weiter eilen, um noch vom frühen Morgen zu profitiren. Sobald man nun das freundliche Arkiko verlässt, dessen Häuser und Hütten zwischen riesigen Uscherbüschen, Mimosen und Hadjilidj (balanites aegypt.) versteckt liegen, hält man sich dichter dem Meere zu, dessen Anblick sich hier oft selbst dem Reiter durch doppelt mannshohe Meerlorberbüsche, auch Schora (Avicennia tomentosa) genannt, entzieht.

Im Uadi Fareg Bei, welches, wie viele andere, westlich vom Gedem verläuft und unterirdisch fliessendes Wasser enthält, machten wir bei einer Oertlichkeit, welche Airuri heisst und aus einigen Hütten besteht, halt, um zu frühstücken. Der Besitzer einer Hütte liess es sich nicht nehmen, uns mit schönen selbstgezogenen Wassermelonen zu bewirthen, auch Kaffee liess er von seinem Töchterchen in einem eigens dazu eingerichteten steinernen Kaffeetopf kochen: ein Beweis, wie selbst bei armen Bewohnern dieses Getränk in Ansehen steht. – Hier konnten wir denn, während das Frühstück bereitet wurde, schönblühende Blumen sammeln, wie denn überhaupt, je näher an den Gedem heran, der Pflanzenwuchs zunimmt. Nach kurzer Rast ging es weiter. Eigentümlich aber: hier sowol wie auch nördlich und westlich von Massaua weisen die zahlreichen Begräbnissplätze auf eine einstmals viel zahlreichere Bevölkerung. Wann lebte diese? Wann wurde sie verdrängt? Getödtet? Darüber konnte ich keinen Aufschluss erhalten. Aber ich vermuthe stark, dass die schwache Bevölkerung erst seit der neuesten Zeit datirt. Die Furcht vor den Abessiniern hat sie vertrieben.

Die Wasserlöcher von Airuri sind 2,5m tief und hatten, als wir nachmittags um 4 Uhr das Wasser hinsichtlich der Wärme massen, bei 29° Lufttemperatur 27°C. Von hier an beginnt der Aufstieg.

Der Gedem, aus zwei fast senkrechten Granit- und Gneisschichten bestehend, zeigt ausserdem mächtige Lavaergiessungen, welche, so sieht es aus, jene beiden ersten Gesteinsmassen hier durchbrachen, dort überfluteten. So abgerundet der Gedem von der Wasserseite her aussieht, zeigt er doch, wenn man angekommen ist, äusserst durchklüftete Wandungen. Während die Ostseite steil abfällt, zeigt die Westseite Zwischenstufen, die sich zur Ferara-Ebene absenken, welche den Berg von den abessinischen Vorbergen trennt. So hat der Berg denn nach Westen zu auch zwei bedeutende Rinnsale: das nördlichere heisst Mülhohinna, das südliche bedeutendere Avero. Beide, sowie zahlreiche andere Rinnsale, ergiessen sich in den zuweilen auch nach der Ferara-Ebene benannten Sillikit, der sich im Norden mit dem aus Abessinien kommenden Chor Gatra vereint und später noch weiter nach Norden zu den Namen Airuri und schliesslich Fareg Bei annimmt. Das Mülhohinna-Thal hat 1 km von seiner Mündung aufwärts einen Brunnen mit Süsswasser, dessen Temperatur, bei 30° Lufttemperatur und einer Tiefe von 2 m, Stecker am Vormittag zu 30°C. fand. Der Mülhohinna-Brunnen befindet sich schon 160 m über dem Meere. Bemerkenswerth ist, dass man diesen Quell mit vorzüglichem Süsswasser während der englischen Expedition verborgen hielt. Selbst nach zweijähriger Trockenheit zeigte er noch eine ergiebige Fülle Wasser. Der südlichere Avero-Giessbach hat übrigens eine bedeutendere Länge, welche mit allen Krümmungen ca. 5 km betragen dürfte.

An der Quelle angelangt, wo gerade Schäfer eine kleine Ziegen- und Schafheerde tränkten, störten wir eine zahlreiche Affengesellschaft auf, von welcher ein Theil den Hundsaffen, Hamadryas kynokephalos, die kleinern Affen dagegen den Hamadryas gelada anzugehören schienen. Bei der Flucht sprangen die Jungen auf den Rücken der Mutter. Wir zogen noch höher hinauf und campirten dann, von grossen Feuern umgeben, in einer ziemlich engen Schlucht. Nachts wurden wir verschiedentlich aufgestört durch das Geheul von Raubthieren, die wol herbeigelockt sein mochten durch den Geruch der geschlachteten Schafe und die weggeworfenen Gedärme. Letztere waren denn auch am andern Morgen spurlos verschwunden.

Ich musste nämlich zwei Thiere schlachten lassen, dadie eine Hälfte der mich begleitenden Leute aus Christen (Abessiniern), die andere aus Mohammedanern bestand. Letztere essen nicht das von jenen geschlachtete Fleisch, und umgekehrt, obschon bei beiden, abgesehen von den dabei ausgesprochenen Formeln, das Abschlachten absolut auf dieselbe Art geschieht. Da ein Thier für alle vollkommen ausreichte, konnten sie, indem sie zwei verzehrten, recht eigentlich im Fleische schwelgen, von welchem auch nicht ein Titelchen übrigblieb.

Am andern Morgen, noch vor Sonnenaufgang, vollendete ich, nur von einigen Leuten, welche Waffen und Instrumente trugen, begleitet, den Aufstieg, während die Mehrzahl aufs obere Avero-Thal zugingen, um mich dort zu erwarten. Trotz der frühen Stunde begegneten uns schon Eingeborene, welche auf Klippschliefer (Hyrax abessin.) ausgegangen waren, von denen sie Dutzende auf der Schulter trugen. Das Fleisch dieses reizenden Thierchens essen die Mohammedaner, während es die Abessinier aus religiösen Gründen verschmähen. Unter unerwartet grossen Anstrengungen bei der Steilheit und ausserordentlichen Schwierigkeit der Wege ging es nun bergauf. Mehreremal wollte ich davon abstehen, den doch gar nicht so hohen Berg zu erklettern, aber wenn ich dann bemerkte, mit welcher Leichtigkeit die von Jugend auf an Bergsteigen gewöhnten Abessinier die schwierigsten Stellen überwanden, mir sogar noch hülfreiche Hand leisteten, dann trieben Ehrgeiz und Scham mich vorwärts. Die grosse Affenheerde, vermuthlich dieselbe, der wir tags zuvor bei Mülhohinna begegneten, und wahrscheinlich die einzige auf dem Gedem, stellte sich uns wieder entgegen, wurde aber durch einige blinde Schüsse vertrieben. Endlich oben! Die Sonne ging gerade auf, und ein wunderbares Bild bot sich unsern überraschten Blicken. Noch einen grossen, von seitwärts wachsendenBoswelien und Avalo (Olea chrysophylla) überschatteten Lavablock, welcher 4 m im Geviert hielt, mussten wir erklettern. Wir standen auf der höchsten Spitze.

Leider waren durch tief hängende Wolken die Ortschaften Massaua, Hotumlu, Arkiko u.s.w. verhüllt, aber nach allen andern Seiten beschränkte nichts unsern Blick. Im Süden die Ansley Bai! Ich dachte an die Gründer von Adulis, an das von Kosmas aufgefundene Denkmal ptolemäischer Herrschaft, welches auf eine vormalige langdauernde Grösse und Wichtigkeit des Ortes zurückschliessen liess. Im Geist sah ich jene Scharen indischer Soldaten, welche dem stolzen britischen Leu folgten; die Eisenbahn, die Lagerbefestigungen, die grossartigen Wasserbecken, um Elefanten und die 40000 andern Lastthiere zu tränken. Jene wunderbare Bucht mit den grossen Transportschiffen, welche damals oft zu Hunderten dort ankerten! Und jetzt – nicht einmal ein einsames Fischerboot durchfurchte die klaren Fluten.

Und hätte nicht England ein viel grösseres Recht, sich bei Adulis einen Denkstein zu errichten, als jener Grieche, der die stolze Inschrift setzte: „Der grosse König Ptolemäus, Sohn des Ptolemäus und der Arsinoe u.s.w., hat das vom Vater erhaltene Reich durch Hülfe der von ihm und von seinem Vater aus Aethiopien herbeigeholten Elefanten erweitert und grosse Eroberungen in Kleinasien gemacht u.s.w.“ Hätten nicht auch, fragen wir, die Briten das Recht und die Pflicht, dort bei Adulis ihrer Grösse ein Denkmal zu errichten? Ein Denkmal, um der Nachwelt zu verkünden, wie sie, blos um einige der Ihrigen aus den Händen eines mächtigen afrikanischen Tyrannen zu befreien, hierher kamen mit Tausenden von englischen und indischen Soldaten, mit indischen Elefanten und 40000 Lastthieren, und wie sie hierauf nach Magdala zogen, die Engländer befreiten, das äthiopische Reich zertrümmerten und dann siegreich nach blos drei Monaten Aufenthalt das Land wieder verliessen!

Nach hinlänglicher Erholung wollte ich die Gedalospitze, eine der höchsten des Gedem, messen. Aber leider hatten wir den Alkohol vergessen. Das Aneroid konnte zwar auch eine annähernd richtige Höhe angeben, aber wünschenswerth war es, diese Messung durch eine hypsometrische zu controliren. Und nun – einer der jungen Abessinier, welcher unsere Verlegenheit bemerkte, machte sich sofort auf, um das Gewünschte vom Lagerplatz zu holen. In unglaublich kurzer Zeit war er auch mit der Flasche zurück. Die hypsometrische Messung ergab 1029 m, während das Aneroid nur 825 m[60]anzeigte; ein anderesAneroid ergab 811 m. Anscheinend war dies die höchste Spitze des Berges. Von Kuppen merken wir an: Arbara, im äussersten Südwesten; Idet, 2 km ostnordöstlich von Gedalo entfernt; Maderali, von Gedalo 2 km in westnordwestl. Richtung entfernt; Koma, nordnordöstlich davon ca. 6 km entfernt, also ungefähr gleich hoch, im Unterschiede von höchstens 50 m. Durch scharfkantige Riffe miteinander verbunden, senden sie nach den Hauptthälern tief eingeschnittene Rinnsale hinab, wodurch der Gedem seinen so wilden Charakter erhält. Namentlich vom Arbara aus senkt sich nach Ansley Bai ein grosses, tiefes Thal hinab.

Wir blieben nur so lange oben, um die mehreremal nacheinander vorgenommenen Messungen zu vollenden, und begannen dann den Abstieg. Die nach zweijähriger Dürre gehemmte Vegetation erfreute doch jetzt durch einen gewissen Reichthum, namentlich auch deshalb, weil man auf gar keinen Pflanzenwuchs gerechnet hatte. Viele Bäumejedoch waren blattlos, und junge Knospen schienen es nicht recht zu wagen, sich hervorzuthun. Hin und wieder ragte aus den Spalten der höchsten Bergpartien grosses Büschelgras hervor; aber überall sah man die Spuren einer jüngst viel reichern Vegetation. Ja, die verschiedenen Flechten, Moose und Pilze an den Bäumen und am Gestein deuteten auf eine gewöhnlich grosse Feuchtigkeit hin.

Ausser verschiedenen Mimosen nannten die abessinischen Diener Saffa, Gerar, Kema, Karmea (Boscia reticulata), Dudena, Unkueï, Ankoa (Boswellia papyrifera) und Tolnua. Am meisten aber auf dem Gedem setzte mich in Erstaunen das Vorkommen wenn auch nicht sehr grosser Exemplare der Adansonia digitata, gewiss ein Beweis von grosser Feuchtigkeit des Erdreichs. Fast alle Bäume sind von Stapelien umschlungen, welche oft in den Kronen wahre Schattendächer bilden.

Ausser vielen Gazellenheerden, die aber nur in kleinern Truppen erschienen, wurden die schon erwähnten Affen und Klippschliefer bemerkt. Hyänen, Leoparden, Luxe, wilde Schweine, Schakale, vielleicht auch Löwen, Ichneumone, Stachelschweine, Ratten und Mäuse bilden den Säugethierbestand. Von Vögeln bemerkte ich Aasgeier, Raben mit weissem Hals (Corv. leuconotus), Falken, Haubenlerchen, Rebhühner, Perlhühner, Webervögel und Nectarine, viele jedoch in ihrem flüchtigen Vorbeihuschen konnte ich nicht erkennen.

Bei der grossen Trockenheit war die niedere Thierwelt weniger sichtbar. Von Ameisen machte sich die Häuser bauende Termite durch ihre 2–3 m hohen plumpen Gebäude noch am meisten bemerkbar. Grössere Schlangen bekamen wir nicht zu sehen, Echsen und kleinere Schlangen wurden eingeheimst, ebenso einige Libellen, Skorpione und Scolopendren gesammelt.

Den Gedem bewohnen im Norden die Saurta, auf dersüdlichen Hälfte die Terroa, beide Stämme dem Naib vom Arkiko unterthan. Der Religion nach sind sie Mohammedaner, von Fanatismus ist jedoch bei ihnen keine Rede. Sie haben auch keine Tholba (Geistliche) und keine Moscheen. Nach Aussage des Naib soll jeder Stamm mindestens 1000 Seelen stark sein, was ich indess für sehr übertrieben halte. Die Terroa besitzen auf dem Südgehänge des Gedem eine grössere Ortschaft, sonst aber leben sie zerstreut wie die Saurta in einzelnen, rund und auf einfachste Art erbauten Hütten. Beide Stämme, nahe verwandt mit den um Massaua wohnenden Triben, reden tigrinisch, d.h. einen stark mit arabischen Wörtern verquickten Dialekt des echten Tigrischen. Ihr Aeusseres ist ebenfalls nicht von dem der Küstenstämme zu unterscheiden. Alle Männer, Frauen und Kinder sind von dunkler, ins Schwarze spielender Hautfarbe und sehr mager, und diese Spärlichkeit in der Entwickelung und Befettung der Muskeln, die infolge davon mehr hervortreten, macht ihre stark markirten kaukasischen Gesichtszüge nur noch markanter. Ihr Haar tragen sie nicht, wie die übrigen Küstenbewohner und verschiedene Nubiervölker, in wulstigen Flechten oder geflochtenen Wülsten, sondern kurz geschnitten; aber nie rasiren sie sich den Kopf, wie es Araber und andere im Norden Afrikas wohnende berberische Stämme zu thun pflegen. Möglich, dass ihr Haar, welches ich überall nur 2 cm lang fand, bei der Neigung, sich zu kräuseln, nicht länger wächst. Die Männer gehen ohne jeden Schmuck, ohne jedes Abzeichen. Ihre Bekleidung ist die möglichst einfache: ein um die Lenden geschlagenes Stück Zeug. Für gewöhnlich tragen sie keine Waffen, und bei solchen Naturkindern ist das gewiss ein Beweis grosser Friedfertigkeit, aber alle besitzen Wurfspiesse.

Als Nahrungsquelle kann man ihre Schaf- und Ziegenheerden bezeichnen. Die Terroa besitzen auch Rinderheerden. Jagd betreiben beide Stämme eifrig, und besonders liegen sie dem Fange der Klippschliefer ob. Jenes kleine, murmelthierartige, nach den Zoologen mit unserm grössten Säugethier, dem Elefanten, nahe verwandte Thierchen, fangen sie mit Fallen oder graben es aus seinen Höhlungen heraus. Der Hyrax haust übrigens ebensowol in hohlen Baumstämmen wie in Felsspalten und Löchern. Mit der grössten Gewandtheit läuft das zierliche Thierchen an glatten Felswänden auf und ab, gerade so wie es die Fliegen an Fensterscheiben thun. Bei der verhältnissmässigen Grösse des Thierchens ist dies um so mehr zu verwundern.

Das weibliche Geschlecht der Saurta und Terroa ist, wie wir das bei fast allen auf nicht hoher Cultur stehenden Völkern wahrnehmen, bedeutend kleiner als das männliche. Die jungen Mädchen haben angenehme Züge, aber die grosse Magerkeit im allgemeinen thut der Schönheit ihres Körpers Abbruch. Sie machen auf ihre Haut keine Tätowirungen, durchbohren aber die Nasenflügel, die Nasenscheidewand und, wie wol auch die Damen in Europa, die Ohrlappen, um durch die Löcher Silberringe oder Glasperlen zu schieben. Den Hals, das Hand- und Fussgelenk schmücken sie mit Metallringen. Ihre Hände, aber auch die der Männer, sind ausnehmend klein: eine Eigenthümlichkeit nicht blos der Küstenbewohner, sondern aller Abessinier, deren Hände (eine jede Pariserin würde den gemeinsten Soldaten in Abessinien um seine Hände beneiden) überhaupt zu klein sind, als dass sie könnten schön genannt werden. Der Grund der Kleinheit, der Verkümmerung liegt im Nichtgebrauch, in der Arbeitslosigkeit.

Im Charakter der Saurta und Terroa scheint eine grosse Gleichgültigkeit, eine grosse Theilnahmlosigkeit gegen alle äussern Vorkommnisse zu liegen. Abgeschieden wie sie sind, von den Abessiniern nicht belästigt, weil beiihnen nichts zu holen ist, von der ägyptischen Regierung nicht übermässig bedrängt – man lässt ihnen mindestens so viel, um nicht zu verhungern – leben sie jahraus jahrein auf dieselbe Art. Von der Heirath, dem einzigen wichtigen Lebensabschnitt, wird kaum Aufhebens gemacht. Ohne Festlichkeit übergibt man das junge Mädchen gegen Erlegung einer Kleinigkeit dem Gatten, und dieser beginnt dann mit ihr eine Murmelthierexistenz in der Weise der Aeltern und Grossältern.

Die Isolirtheit, das Inselartige des Gedem ist Hauptursache davon. Andererseits trägt die immerwährend hohe Temperatur gewiss nicht wenig dazu bei, eine Theilnahmlosigkeit zu erzeugen, welche unter andern Umständen unerklärlich wäre. –

Wir stiegen ins schöne Avero-Thal hinab, das an manchen Stellen prachtvolle Bäume und auch Spuren von Ackerbau zeigt, welchen die Terroa – sie säen Durra und Mais – nach anhaltenden Regengüssen zuweilen betreiben. Unter einer schönen Tamarinde hielten wir Mahlzeit. Schäfer mit kleinen Heerden kamen uns entgegen. Schnell handelseinig, brieten wir zwei für einen Thaler erstandene Zicklein über dem Feuer, und die Hirten, ihre Hunde und viele Aasgeier, Raben u.s.w. hatten auch noch was davon. Alsdann ging es weiter. Aber erst mit Sonnenuntergang erreichten wir Arkiko und unser Zeltlager bei Hotumlu.

Die Erzählung meiner kleinen zweitägigen Reise, abends bei einem guten Glase Dreher’schen Bieres, welches wir leider aber nur bis auf +26° zu kühlen vermochten, animirte Stecker derart, dass er gleich darauf ebenfalls einen Ausflug dahin unternahm und ebenso befriedigt zurückkehrte. Als Vorbereitungsreise kann auch in der That kein besserer Weg von Massaua aus eingeschlagen werden, als nach dem Gedem, diesem Abessinien im Kleinen in pflanzlicher und thierlicher Beziehung.

Inzwischen war der sehnlichst erwartete Dampfer eingetroffen. Mr. Lombard und seine Frau hatten sich bereits fertig gemacht. Der französische Consul nebst zwei französischen Offizieren, die ihn begleiten wollten, rüsteten ebenfalls. Ein spanischer Abgesandter, Herr Sosten d’Abargues, schon seit einem Jahre in Aegypten, sowie Herr Mitzaki, der griechische Consul, dieser in neuer Mission, sollten von Sues eintreffen. Ausserdem wollten noch zwei Jagdgesellschaften ihr Glück in Abessinien versuchen: eine englische unter Mr. James, und eine österreichische, die aus den Herren Pálffy, Esterházy und Prinz Liechtenstein bestand. Von einem Eindringen in das eigentliche Abessinien konnte bei beiden freilich nicht die Rede sein, aber erfolgreiche Jagden im Norden des Landes haben sie allerdings gehabt.

Ehe wir aber jetzt die eigentliche Reise beginnen, sei es uns gestattet, einen Blick auf die Mission der Schweden zu werfen, welche sich seit Jahren so grossartig in Mkullu entfaltete.


Back to IndexNext