Chapter 8

Liebs, herzigs Nannele!Höchst erfreulich war mir Dein lieber letzter Brief, der mich im Bett traf. Wir hatten alle die Grippe, und müssen wir Gott danken, daß Vater wieder vollkommen gesund ist und sich recht kräftig erholt hat. Bei mir hat sie fast Krach gemacht und gab mir zu verstehen, meine Lebensweise mit aller Vorsicht einzurichten. Therese nimmt sich viel Recht über mich, um mich ganz aus der Küche zu bannen. Doch muß auch ich sorgen, daß dieses gute Kind nicht mehr auf sich nimmt, als ihre Kräfte erlauben. Mit Vater ist nun harter Kampf, indem wir darauf bestehen, er komme um seine Pension ein, um doch noch einige Jährle den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Es soll noch so lang hingezogen werden, bis Hermannsein Examen über- und gut bestanden hat. Es sind dann die Ausgaben nicht mehr so groß, die Kostgänger werden an die Luft gesetzt, und wir nehmen eine kleinere Wohnung. Aber es muß wohl so sein, die Sorgen hören nicht auf, so lange man lebt. Hermanns warmes Blut macht ihm das Sitzen und strenge Studieren nicht leicht, und ich hab ihn viel zu verteidigen, da Vater die Strapazen der Warmblütigkeit nicht kennt, die mir mein ganzes Leben zu schaffen gemacht. Caton hat die richtige Dosis abbekommen, während ich um Dein warmes Geblüt und Herzle eine Hauptsorge in mir trage. So war Deine Nachricht über die Besserung des körperlichen Ungemachs eine nicht zu beschreibende Freude für mich, für die ich Gott alle Tage inständig danke.Samt den Deinen läßt Dich auch die Hofrätin grüßen, die jetzt leider arg schwerhörig geworden und so verkehrte Antworten gibt, daß mein Nannele vor Lachen gar nicht mehr unter dem Tisch hervorkäme, denn ich selber kann mir oft nicht helfen, so traurig es ist, wenn ich ihr zum Beispiel sage: »Heut haben wir Holz kriegt,« und sie nickt und sagt: »'s best Frühstück.«In dem Augenblick ist Herbst hier, unsäglich viele Trauben, aber immer schlechte Witterung, keinen Sommer, den Wein zu veredeln. Alle Getreide stehenin leidlichem Wert, nur das Fleisch ist teuer. Sage sechs Kreuzer das Pfund Kalbfleisch!Von Vater, Schwester und Bruder die herzlichsten Grüße, und nicht mehr für heute als eine Umarmung im Geiste vonDeiner Mutter Villinger.

Liebs, herzigs Nannele!

Höchst erfreulich war mir Dein lieber letzter Brief, der mich im Bett traf. Wir hatten alle die Grippe, und müssen wir Gott danken, daß Vater wieder vollkommen gesund ist und sich recht kräftig erholt hat. Bei mir hat sie fast Krach gemacht und gab mir zu verstehen, meine Lebensweise mit aller Vorsicht einzurichten. Therese nimmt sich viel Recht über mich, um mich ganz aus der Küche zu bannen. Doch muß auch ich sorgen, daß dieses gute Kind nicht mehr auf sich nimmt, als ihre Kräfte erlauben. Mit Vater ist nun harter Kampf, indem wir darauf bestehen, er komme um seine Pension ein, um doch noch einige Jährle den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Es soll noch so lang hingezogen werden, bis Hermannsein Examen über- und gut bestanden hat. Es sind dann die Ausgaben nicht mehr so groß, die Kostgänger werden an die Luft gesetzt, und wir nehmen eine kleinere Wohnung. Aber es muß wohl so sein, die Sorgen hören nicht auf, so lange man lebt. Hermanns warmes Blut macht ihm das Sitzen und strenge Studieren nicht leicht, und ich hab ihn viel zu verteidigen, da Vater die Strapazen der Warmblütigkeit nicht kennt, die mir mein ganzes Leben zu schaffen gemacht. Caton hat die richtige Dosis abbekommen, während ich um Dein warmes Geblüt und Herzle eine Hauptsorge in mir trage. So war Deine Nachricht über die Besserung des körperlichen Ungemachs eine nicht zu beschreibende Freude für mich, für die ich Gott alle Tage inständig danke.

Samt den Deinen läßt Dich auch die Hofrätin grüßen, die jetzt leider arg schwerhörig geworden und so verkehrte Antworten gibt, daß mein Nannele vor Lachen gar nicht mehr unter dem Tisch hervorkäme, denn ich selber kann mir oft nicht helfen, so traurig es ist, wenn ich ihr zum Beispiel sage: »Heut haben wir Holz kriegt,« und sie nickt und sagt: »'s best Frühstück.«

In dem Augenblick ist Herbst hier, unsäglich viele Trauben, aber immer schlechte Witterung, keinen Sommer, den Wein zu veredeln. Alle Getreide stehenin leidlichem Wert, nur das Fleisch ist teuer. Sage sechs Kreuzer das Pfund Kalbfleisch!

Von Vater, Schwester und Bruder die herzlichsten Grüße, und nicht mehr für heute als eine Umarmung im Geiste von

Deiner Mutter Villinger.

St…, 6. Dezember 1837,

Liebe Schwester!

Du hast Dich über den Bericht über meinen hiesigen Aufenthalt mehr als nötig beunruhigt. Das tut mir von Herzen leid, um so mehr, als ich wohl in meiner jetzigen Stimmung zu schwarz sehe, indem ich leider noch nicht fähig bin, Menschen und Dinge im Lichte des Humors zu betrachten. O Caton, immer von neuem danke ich dem Himmel, daß ich in Nancy meiner heißen Sehnsucht nach der Heimat nachgegeben und mich durch alles Bitten und Beschwören nicht habe zurückhalten lassen. Es war wie ein Fingerzeig von oben, daß ich mit aller Sicherheit wußte – heim, nur heim. So habe ich doch in meiner tiefen Trauer den stillen Trost, daß ich Mutter pflegen und erheitern durfte und ganz kurz vor ihrem Ende noch einmal dasliebe »Närrle« hörte, weil meine Augen wohl gar so ängstlich auf ihrem teuern Antlitz ruhten.

Daß ich dann noch Vater und Therese bei der Auflösung des großen Haushaltes beistehen konnte und sie nun in der schöneren Hälfte unsrer Wohnung untergebracht weiß, mitsamt der getreuen Dortel, ist mir viel wert.

Ach, ich kann mich auch noch heut nicht in den Gedanken finden, daß unsre Mutter nicht mehr unter uns weilt, und so bin ich auch mit meinem Innern eigentlich gar nicht da, wo ich sein sollte, und darum wohl auch nicht so recht fähig zu wirken.

So viel weiß ich aber doch, daß meines Bleibens in diesem Hause nicht von Dauer ist, ja, ich habe vor, womöglich schon im Frühjahr meine Stelle zu wechseln, und würde dann, Deiner liebevollen Vorwürfe eingedenk, auch meinerseits einige Bedingungen stellen. Ich bin ja nun auch kein Neuling mehr und wundere mich oft selber über mein selbständiges Auftreten, wenn es gilt, auf meinem berechtigten Willen zu beharren. Mit den Kindern wollte ich ja immer und überall fertig werden, aber die Eltern! Man hat ja keine Ahnung, wie es um diese in der Welt steht, wenn man aus einem Haus kommt wie das unsrige. Ob es noch so eine Mutter gibt – die Hände wollte ich ihr unter die Füße legen. O Gott, ich weiß nicht,was ich ihr alles zuliebe täte, fände ich eine solche Frau. –

Du sagst, liebe Caton, Nancy bleibt mir ja immer offen, sollte ich sonst nichts Passendes finden. Es rührt mich ja auch geradezu, wie anhänglich man meiner dort gedenkt, und wie sehr man meine Rückkehr wünscht. Natürlich waren die Verhältnisse dort angenehmer, als ich sie hier gefunden, das Leben leichter und heiterer. Aber, Caton, so wie ich jetzt bin, wäre es mir ein Ding der Unmöglichkeit, mich in jenes oberflächliche, meinem innersten Sinn so wenig entsprechende Dasein zurückzudenken. Im eigenen Land sein ist eben doch etwas andres. Das Heimatbrot schmeckt besser als die feinsten Delikatessen in der Fremde. Mir wenigstens. So einsam, wie ich mich dort gefühlt, fühl ich mich hier nie, wo ich auf Tritt und Schritt die lieben Heimatlaute höre.

Außerdem weißt Du ja, daß ich mir auf der Welt nichts sehnlicher wünsche als die selbständige Stelle einer Schulvorsteherin. Bin ich aber außer Landes, könnte ich bei den Behörden leicht in Vergessenheit geraten oder selbst den richtigen Augenblick verpassen, mich zu melden.

Ich soll Dir von der Stadt, von den Leuten erzählen, mit denen ich lebe. Nun, St. ist kein zweites Paris wie Nancy, aber eine hübsche deutsche Residenz, von Rebhügeln und waldigen Höhen umrahmt. Mit Ausnahme des alten Stadtteils ist die Stadt regelmäßig gebaut, mit zum Teil sehr schönen, breiten Straßen. Das Schloß mit seiner mittelalterlichen, turmfesten Burg und der Schloßplatz sind großartig, ebenso die Anlagen. Von der sehr schönen, bergigen Umgebung habe ich auch schon einiges gesehen.

Wir wohnen in einer der schönen Straßen, in der Bel-Etage. Elf meist große, luftige Räume stehen der Familie zur Verfügung, aber die Gouvernante muß in einem Loch schlafen, dessen schmales Fenster auf einen dunklen, feuchten Hof geht. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen mein Asthma wieder zunimmt, luftbedürftig wie ich bin.

Ich habe natürlich gegen mein Unterkommen aufbegehrt, worauf die Gnädige erstaunt erklärte, von jeher habe die Gouvernante neben den Kindern geschlafen, und dabei müsse es bleiben. Als ich mich nicht zufrieden gab, beruhigte sie mich mit der Versicherung, sie wolle sich die Sache überlegen.

Damals wußte ich noch nicht, was es mit dem Überlegen dieser Frau auf sich hat. Sie überlegt überhaupt nicht, sondern ist ein unerzogenes, grenzenlosegoistisches und in ihrer Art auch wieder liebenswürdiges Kind. Wolltest Du glauben, Caton, die Mädchen nennen ihre Mutter nie anders als »Kleines«, und täglich kann man sie fragen hören: »Was hast du wieder angestellt, Kleines?« Eine allerdings sehr berechtigte Frage, denn es vergeht kein Tag, an dem die Gnädige nicht durch ihre grenzenlose Schlampigkeit den Zorn ihres Mannes erregt. Die Kinder sind dann immer auf ihrer Seite und nennen den Vater einen alten Brummbär.

Ich sehe immer mehr, welch ein Umschwung sich in der Welt vollzog, seitdem man die Eltern duzt. Oder ist es nicht das allein, sind es nicht vielmehr die Eltern, die, ob man ihnen Du oder Sie sagt, in jedem Fall imstande sein müßten, Respekt einzuflößen? Und wenn sie 's nicht können wie diese, urteile, wie es um den Respekt für die Gouvernante steht.

Die Kinder sind begabt, besonders Elli. Sie machen gute Fortschritte im Französischen, zu dem die verschiedenen ein- und ausfliegenden Gouvernanten, meist Französinnen, bisher einigen Grund gelegt. Das Deutsche hat in den Augen der Gnädigen, also auch in denen der Kinder, keinen Wert.

Einmal, als die Mutter die Mädchen wieder von der deutschen Stunde erlösen wollte, sagte ich zu Elli, die vergnügt ihr Buch zuklappte: »Gut, lassen wir dieStunde, aber du wirst trotz allem Französisch niemals in der Welt für einen gebildeten Menschen gelten, wenn du nicht imstande sein wirst, einen fehlerlosen Brief zu schreiben.«

Die Gnädige ist es nämlich nicht. Ist ihr dieser Mangel schon empfindlich gewesen? Es scheint doch, denn die Kinder werden nicht mehr aus der deutschen Stunde geholt.

Noch von einer Szene will ich Dir erzählen. Der Herr kam in großem Zorn ins Speisezimmer gestürzt, man saß schon bei Tisch, und warf seiner Frau eine Schlafhaube ins Gesicht.

»Statt Taschentücher legt man mir dieses Zeug in die Schublade, und ich blamiere mich vor der ganzen Sitzung, als das Gebändel zum Vorschein kommt. Schämst du dich nicht? Ob du dich nicht schämst?« schrie er sie an.

Sie bog sich vor Lachen: »Das ist ja köstlich – nein, denkt euch, Kinder, er zieht eine Schlafhaube aus der Tasche.« –

Die Kinder wußten sich nicht zu helfen vor Lachen, und schließlich lachte auch der Herr.

»Was soll man da machen?« sagte er zu mir.

Ich hätte ihm wohl sagen können, was da zu machen gewesen wäre, aber wollte er es hören? Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß sich die Männerviel weniger vor einer Kugel als vor einer Szene fürchten.

Jedenfalls ist diese kleine blonde Frau mit dem hübschen, nichtssagenden Gesichtchen die Stärkere. Sie soll Millionen in die Ehe gebracht haben. Wo aber geht das Geld in den Händen dieser Frau hin, die es sich nicht einfallen läßt, ihre Rechnungen zu bezahlen, überhaupt etwas zu bezahlen. Von meinem Gehalt habe ich noch nichts gesehen, dagegen muß ich ihr bei Ausfahrten oder bei Stadtgängen bei jeder Gelegenheit aus meiner kleinen Barschaft aushelfen. Das vergißt sie natürlich. Ich habe mir deshalb eine Liste angelegt mit meinem Soll und Haben, durchaus gesonnen, dieser Millionärin keinen Kreuzer zu schenken.

Man muß, um in das Speisezimmer zu gelangen, durch einen kleinen Salon gehen, in dem die Familienbilder hängen. Meine angeborene Pünktlichkeit erlaubt mir, mich gelegentlich hier aufzuhalten und umzusehen, wie denn Porträts für mich von jeher das größte Interesse hatten.

Es hängt hier das lebensgroße Bildnis der Mutter der Gnädigen. In strotzendem, schwarzem Seidenkleid, eine dicke, goldene Kette um den Hals, macht sie trotz des Aufputzes einen durchaus bürgerlich gediegenen Eindruck. Sie war die Frau eines Mannes, der seine Millionen erst verdiente, und hat ihm sicherlichbrav und tüchtig als gewissenhafte Hausfrau zur Seite gestanden. So sieht sie aus. Im übrigen ist das Gesicht ganz leer, hübsche, kleine Züge, gute Farben. Aber kein Lachfältchen weit und breit, nicht die Spur irgendeines tieferen Eindrucks. Weder gut noch bös, möchte man als Motto unter dies Bild schreiben.

Derselbe Maler hat die Tochter als Braut gemalt, an der Seite des Bräutigams; ein großes, schönes Bild. Beide sehr jung, allzu jung, er groß, kräftig, mit klugen, zuversichtlichen, ein wenig trotzigen Augen, ein ganzer Mann, an den sich ein holdseliges Weibchen lehnt mit schmachtendem Blick, ganz die Mutter, fein, nichtssagend, die Wangen rosig; nur ist der Mund nicht weich wie bei jener, sondern schmal, eigensinnig.

Was hat sich dieser Mann, der auf seinem Jugendbild so zukunftssicher in die Welt schaut, mit dieser Millionenheirat angetan! Er tut mir in der Seele leid, denn ich sehe, welche Not er hat, in der grenzenlosen Unordnung seines Hauses nicht unterzugehen. Seine Tüchtigkeit, sein Verstand berechtigen ihn zu einer glänzenden Karriere. Er soll ein schneidiger Jurist sein. Zu Hause ist er verdrossen, von einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Die beiden Mädchen fürchten ihn; der Sohn, ein Tunichtgut, ist auf dem Land bei einem Pfarrer.

Die Gnädige erzählte mir, daß der Vater den armen Gustel oft halb tot geschlagen habe.

»Aber,« setzte sie listig hinzu, »es wird schon gesorgt, daß mein Bub nicht Not leidet, nur darf's mein Mann nicht wissen.« –

Wie soll man sich das Innere eines solchen Wesens vorstellen – sie liebt ihren Mann und betrügt ihn zugleich. Sie ist von einer fanatischen Eifersucht, lädt nur ältere oder häßliche Frauen ein und duldet keinen hübschen Dienstboten im Haus. Ich kann nicht sagen, wie viele Magdgesichter ich in diesem einen Jahr meines Hierseins schon habe auftauchen und wieder verschwinden sehen.

»Es ist immer mein Mann«, sagte die Gnädige mit einem Achselzucken.

Nun ja, er kommt in die Küche geschossen:

»Liederliches Pack, kein Hemd gebügelt, keine Kragen, keine Manschetten – wozu seid ihr da – marsch, hinaus.«

Mit Fragen gibt er sich nicht ab, wohl aus Angst, zu erfahren, daß nicht an den Mädchen, daß an der Frau die Schuld lag, wenn nicht geschah, was geschehen sollte.

Aus Mitleid mit dem armen Mann nehme ich mich des Haushaltes an, bin dadurch aber nicht wenigangestrengt, daher die lange Pause seit meinem letzten Brief. Ich kann auch diesen nur in Absätzen schreiben.

Ich wagte einmal eine kleine Anspielung, ob nicht etwas mehr Ordnung auch mehr Zufriedenheit zur Folge haben würde, und schlug eine Wirtschafterin vor.

»Eine solche Person,« schrie die Gnädige auf, »die mich in der ganzen Stadt verschwätzt.«

Ich fragte: »Glauben Sie, daß das die Dienstmädchen nicht auch tun?«

»Er ist ja gleich wieder zufrieden, wenn ein gutes Essen auf den Tisch kommt«, war ihre Antwort.

Das Essen wird aus dem gegenüberliegenden Hotel geschickt. Es sind oft Gäste da; die Gnädige sitzt dann sehr hübsch gekleidet oben am Tisch; die beiden Mädchen dürfen nie anders als in weißen Kleidern erscheinen. Ein Kellner serviert, es fehlt an nichts, und jeder hat den Eindruck, als sei hier die glücklichste Familie beisammen.

Die Gäste sind meist Beamte und Offiziere mit ihren Frauen. Von den älteren Herren wird entsetzlich umständlich politisiert, wobei mein demokratisches Herz wahre Folterqualen aussteht, besonders wenn es sich um unsere so schwer mißverstandenen Freiheitsmänner Rotteck und Welcker handelt.

Die Offiziere sind fast alle frisch und lebendig, undich bin immer froh, wenn ihr leichtes Geplauder den Sieg über die Philister davonträgt.

Von den Büchern ist nie die Rede, und daran merke ich so recht, wie groß der Vorzug ist, in einer Universitätsstadt zu leben.

Was ich durch den Umgang mit wirklich bedeutenden Männern und durch die Lektüre wertvoller Werke von zu Hause mitbekommen, das liegt jetzt unbegehrt im tiefsten Innern meines Herzens, und ich habe nur Muße, in den Nachtstunden dieser reichen Zeiten zu gedenken.

Ich muß über mich lächeln, wie ich mich im Anfang bemühte, die jungen, mir anvertrauten Gemüter in die Welt einzuführen, in der wir uns einstens so glücklich gefühlt.

»Fräulein Villinger,« unterbrach mich Elli mit einem überlegenen Lächeln, »wir sind doch keine Kinder mehr.«

Sie ist zehn Jahre alt, die Kleine acht.

So gibt es fortan kein Appellieren an das Gemüt meiner Schülerinnen, wenn ich nicht durch Ellis naseweise Bemerkungen aufs trockene gesetzt werden will.

Die abscheuliche Resignation, die mich zuweilen überkommt, ist noch das Schlimmste von allem. Erzähle mir von Deinen Kindern, Caton, von ihren Fortschritten in der Schule, und sage mir, ob es Dirgelingt, sie in der alten, schlichten und wahrhaften Art unseres Elternhauses zu erziehen. Gott helfe Euch!

Deine Anna.

Halt – noch eins. Es wird Dich interessieren, Monz ist seit einem Jahr in Rom. Seine Frau ist eine Karlsruherin. Lotte kennt sie gut.

St., den 3. März 38.

Liebe Caton!

Eigentlich sollte ich Dir zürnen, daß Du Vater mit dem Inhalt meines letzten Briefes bekannt gemacht. Nun seid ihr alle so gut und freundlich, d. h. weniger streng verständlich als wohltuend herzlich, indem ihr wünscht und mir ratet, daß ich das Glück des Daheimlebens nicht um so geringen Preis dahingeben soll, ja, mich dessen solang' als möglich nicht begeben solle. Wie schön und angenehm für mich, wenn ich diesem Wunsche nachkommen könnte. Wenn dann aber einmal die Notwendigkeit zu verdienen an mich herantritt, könnte alsdann das verblichene Wissen so bald aufgefrischt werden, und wo fände ich gleich den Jemand, der mir, wie man sagt, etwas Passendes auf dem Präsentierteller brächte?

Zudem, liebe Caton, irrst Du Dich sehr, wenn Duglaubst, daß Vaters Pension von 800 Fl. für eine kleine Familie ein gemächliches Auskommen sei, und daß ja früher die selige Mutter und Du und wir alle im elterlichen Hause nichts von Mangel gespürt. Du hast doch wohl die Plagen und Opfer unserer guten Eltern nicht vergessen, um mit dem mühsam gewonnenen Miet- und Kostgeld dem Haushalt aufzuhelfen? Zudem war damals gegen jetzt noch eine wohlfeile Zeit. Hauszins, Holz- und Mundvorräte haben sich um die Hälfte verteuert. Urteile, ob es bei den obwaltenden Umständen nicht vernünftig von mir ist, durch meine Entfernung dem guten Vater nicht nur ein wenig sparen zu helfen, sondern mir selbst womöglich einen Sparpfennig zu erübrigen für die Tage, da man nicht mehr wirken kann.

Nicht minder sorgenvoll sehe ich Theresens Zukunft entgegen.

Therese hätte das schöne Los zuteil werden können, die Gattin des gediegenen, älteren Mannes zu werden, den wir als lieben Gast so oft in unserm Haus gesehen und geschätzt haben. Was aber soll aus Vater werden, kränklich und hilfsbedürftig, wie er jetzt ist? Unsere Therese hat keinen Augenblick geschwankt, wo ihr Platz ist. Wenn aber einmal ein trauriges Verhängnis sie aus diesem kindlichen Pflichtenkreis herausreißen sollte, dann muß ich imstande seinkönnen, ihr eine Heimat zu bieten, ihr, die mehr als wir alle an unsern Eltern getan.

Gutmütig, aber höchst unvernünftig ist Dein zweiter Vorschlag, ich möchte, wenn nicht zum Vater, so doch zu Dir kommen. Ach, Caton, Du bist und bleibst halt unser unpraktisches Catonele, das man liebt und über das man liebevoll lächelt. Du wirst mich eine Stolze schelten, wenn ich Dir sage, daß ich kein Tantenleben, sondern mein eigenes, selbständiges und arbeitsreiches Leben zu führen im Sinne habe. Und darum vorwärts! –

Es sind mir inzwischen nicht weniger als drei Stellen angeboten worden durch vermittelnde Bekannte in Freiburg. Ich habe mich für Baron Ö… in J…heim entschlossen, des Landlebens wegen. Ein Töchterchen und zwei noch kleine Knaben. Eine Schule gibt es nicht, so ist das Unterrichten ganz mir anheimgegeben, was mir sehr lieb ist. Das Gehalt ist das größte, das ich bisher bekommen; mein Zimmer soll nichts zu wünschen übriglassen. Auf Schattenseiten bin ich gründlich gefaßt; schlimmer als hier kann ich es ja wohl kaum wo anders treffen. Ging doch meine halbe Gesundheit in dieser Unordnung und beständigen Hetzerei zugrunde. Da die Gnädige von meiner Kündigung durchaus nichts wissen wollte, sondern mich einfach auslachte (wart', ich will dirzeigen, daß du mit mir nicht auch machen kannst, was du willst), habe ich eine Stunde ihrer Abwesenheit benutzt, um den Herrn in seinem Zimmer aufzusuchen.

Er nickte: »Begreife, daß man nicht auf einem lecken Schiff bleiben mag«, meinte er, nachdem ich mein Anliegen vorgebracht.

Ich legte ihm sodann meine Liste vor, mit dem Verzeichnis meines Soll und Haben.

Er wurde dunkelrot: »Das hätten Sie mir längst sagen sollen.«

Er tat mir leid, ich sagte schnell: »Wollen Sie, bitte, mit der gnädigen Frau sprechen. Ich habe mich bereits engagiert und muß den ersten April an meinem Bestimmungsort eintreffen. Drei Reisetage sind erforderlich.«

»Natürlich«, sagte er, sich verneigend.

Ich bin nun, nachdem ich mein Gehalt in den Händen habe, in der Lage, meiner Toilette etwas aufhelfen zu können, denn da ich auf mein Gehalt gerechnet, hatte ich nur das Nötigste von zu Hause mitgenommen. O Caton, das allerschwierigste auf der Welt ist doch, Menschen dienen zu müssen, vor denen man keinen Funken Respekt haben kann. Ich weiß ja, ich habe es ja nun erfahren, daß nicht alle Eltern wie die unsrigen sind. Damit muß man rechnen und nicht, wie ich's im Anfang meiner Gouvernantenlaufbahntat, von allen Menschen verlangen, daß ihr Denken und Handeln so sei, wie wir's von zu Hause gewohnt sind. Ich muß jetzt lachen, daß ich einmal solches wähnte. Es wär' ja auch gar nicht in der Ordnung, da Mannigfaltigkeit in der Welt sein muß. Es gehört halt nur viel Weisheit dazu, um sich das klarzumachen, statt zu verzweifeln.

Nun haben wir schon den 26., und der arme Mann hat noch immer nicht den Mut gefunden, mit seiner Frau über mein Fortgehen zu sprechen. Ich habe ihn heute gemahnt. Er nickte wieder: »Natürlich.« –

Ich glaube aber nicht mehr an dieses »natürlich« und habe nun folgenden Entschluß gefaßt: Ich gehe unwiderruflich den 27., und wenn es heimlich geschehen müßte. Ich werde dann einen Brief hinterlassen, in dem ich dartue, daß meine Kündigung regelrecht erfolgt sei, ich aber aus dem Gebaren der gnädigen Frau schließen müsse, daß ich damit ihre Unzufriedenheit erregt und sie es darum wohl lieber sehe, ich gehe, ohne durch ein Abschiednehmen zu stören. Mag er dann sehen, wie er mit seiner Frau fertig wird, der Held. –

Den 26ten.

Mein Koffer ist gepackt. Ich war an der Post, habe mir einen Platz genommen – diesmal den etwas teurern vornen beim Postillion, weil ich nichts wünsche als Ruhe und Stille nach dieser letzten Zeit innerer Aufregung und peinlicher Unentschlossenheit.

Der Hausknecht wird morgens halb sieben den Koffer abholen. Ich öffne das Tor. Es ist um diese Zeit noch niemand wach im Haus.

Ich nehme diesen Brief mit, um Dir an der ersten Station das weitere zu berichten. Ich bin sehr in Angst. Dieses heimliche Auf- und Davongehen wird mir nicht leicht. Gestern und heute versuchte ich vergebens, mit dem Herrn zu sprechen. Er weicht mir aus. Die Gnädige hatte wieder nur ein Lachen, als ich ihr mein Gehen plausibel zu machen suchte. Nun, zum Kuckuck, wollen sie nicht hören, so sollen sie's fühlen.

Ich schreibe dies in der Nacht; ich kann nicht schlafen. Eine Kerze brennt. Aus dem Spiegel gegenüber sieht mir ein blasses, verhärmtes Gesicht entgegen. O Mutter – weißt Du, ich denke gar nichts andres als immer nur: o Mutter, Mutter.

U…, den 28ten, früh morgens.

Gestern fiel ich nur so ins Bett, aber ich schlief die ganze Nacht, und das hat gut getan. Es ist also alles geschehen, wie ich's vorhatte. Der Hausknecht kam, und ich lief hinter ihm her durch die noch stillen Straßen. Es war ein schrecklicher Weg – Gewissensbisse, ob ich recht tat, die Furcht: Was wird die Zukunft bringen?

Im Posthause trank ich Kaffee, setzte mich neben den Postillion, und fort ging's unter lustigem Blasen. Als ich die Stadt hinter mir hatte, hätte ich gern geweint vor Erleichterung, aber ich schämte mich ein wenig vor dem jungen Burschen neben mir und schenkte ihm lieber einen Sechser, damit er sich eine gute Zigarre kaufe. Ich drückte mich in meine Ecke, schlief viel und sah wenig von der Welt. Dachte wohl auch der Zeit, als ich zum erstenmal mit so lebhaftem Interesse in der Postkutsche davonfuhr und mich jedes Menschenkind interessierte. Wie müde hat mich meine kurze Gouvernantenlaufbahn schon gemacht!

Also nun geht's ins Bayerische, gleich an der württembergischen Grenze. Ich werde dann nach meiner Ankunft Vater schreiben und, wie mein neuer Aufenthalt auch ausfallen mag, nur solches berichten, was unsern guten Vater über mein Schicksal beruhigen kann.

Dir, liebe Caton, schreibe ich dann erst, wenn ich das, was mich erwartet, ruhigen Gemüts zu beurteilen vermag.

So leb' denn wohl, meine gute Caton, grüß Deinen lieben Mann und küß mir Deine Büble.

Deine Anna.

J… (Bayern), 29. April 1838.

Meine liebe Schwester!

Eure herzliche Teilnahme an meinem Geschicke hat mich innig gerührt: ich wußte es wohl, daß mir solche, mit dem besten Rat verbunden, von Euch werden würde, weshalb ich mich ja auch so offen gegen Euch abgesprochen. Aber nun, Gott sei Dank, kann ich diesmal bei weitem Angenehmeres berichten als bisher. Ja, wahrhaftig, ich atme, ich lebe auf, denn ich hätte mir eine erfreulichere Herrschaft kaum auszudenken vermocht. Der Baron, schön, heiter, ist geradezu mit Talenten gesegnet. Er hat eine prachtvolle Stimme, und seinem Gesang und seinem Klavierspiel zu lauschen, ist ein großer Genuß. Es ist auch ein Genuß, ihn auf dem Pferde sitzen zu sehen. Der eleganteste Reiter, aber sein Aussehen kümmert ihn nicht im geringsten. Er trägt einen dunkelgrünen Jagdkittel, Kniehosen, graue Strümpfe, auf dem Kopf einezerknitterte Mütze mit einem verschossenen, grünen Band. Eine Anzahl Jagdhunde begleiten ihn, wo er steht und geht. Er regiert sie mit einem Blick. Im Park macht er sich an den Bäumen zu schaffen, die ihm so lieb sind wie seine Hunde. Zuweilen auch galoppieren zwei, drei Pferde ohne Sattelzeug um ihn herum, und man hört ihn mit ihnen sprechen wie mit einem Menschen.

Im großen Saal, dessen Laden gewöhnlich geschlossen sind, und dessen gelbdamastene Kanapees und Lehnstühle unter weißen Houssen stecken, hängen die von der Hand des Barons gemalten Familienbilder. Ich weiß natürlich nicht, wie ein Künstler von Beruf diese Porträts beurteilen würde; ich für meine Person finde sie erstaunlich und bei weitem hervorragender als die der Amalie von Berg. Wie er den Ausdruck, den Charakter trifft, bewundere ich am meisten. Geradezu ein Meisterstück ist das Bild seiner Tochter, meines Zöglings.

Ach, Caton, dieses Kind; wenn ich aufwache, wenn ich zu Bett gehe, immer liegt es mir wie ein Alp auf der Seele: Werde ich mit diesem unberechenbaren Geschöpf fertig werden oder nicht?

Sie ist jetzt zwölf Jahre alt. Als der Baron sie malte, war sie zehn. Elferl nennt er sie, und mit Recht; schlank wie ein Gertlein, den Kopf voll braunerLocken, große, dunkle, leidenschaftliche Augen, der Mund trotzig. Wie eine kleine Elfe steht sie da, schon halb auf der Flucht ins Waldesdickicht, das den Hintergrund des Gemäldes bildet.

Das Bild der Baronin ist konventionell. Auf dem schweren, weißseidenen Kleid spielen helle und dunkle Lichter. Der Hals des schmalen, fast zu ernsten Gesichtes ist von einer feinen Spitzenkrause umschlossen. In schweren Flechten liegt das dunkle, leicht gekrauste Haar um ihren Kopf. Diese Frisur trägt sie immer. Sonst, wenn ich des Morgens meine Promenade mache, sehe ich die Baronin im kurzen Rock und hohen Reitstiefeln, auf dem Kopf ein Hutexemplar, nicht schöner als das des Gatten, und gleich ihm von einer Anzahl laut bellender Hunde gefolgt, das Haus verlassen. Einmal habe ich um Erlaubnis gebeten, sie begleiten zu dürfen. Etwas abseits, rechts vom Schlosse, liegen die Ökonomiegebäude. Langgestreckte Ställe in einem großen Hof, Wohnungen der Dienstleute, Obstgärten und Wiesen rings umher. Der Verwalter erwartet die Baronin am Parktor. Gleich dahinter ist das Forsthaus. Im ebenerdigen Raum, dessen Wände unzählige Hirschgeweihe zieren, nimmt die Baronin die Berichte ihrer Untergebenen entgegen. Sachlich, kurz, fast streng klingt ihre Rede. Die Leute stehen im tiefen Respekt vor ihr. Gleich unterbricht sie, wennderen Rede auch nur einen Schein von Unklarheit enthält. Große Rechenbücher liegen auf dem Tisch. Weiber, die Klage zu führen haben, werden vorgelassen. Die Baronin geht in die Häuser der Klagenden. Wehe diesen, wenn die Reinlichkeit zu wünschen übrig läßt, die Kinder schlecht gehalten sind. Ich war schon dabei, wenn neue Leute engagiert worden sind, Männer und Frauen; Fragen und Befehle der Baronin sind haarscharf, jeder weiß sofort, was er zu tun und zu unterlassen, wem er zu gehorchen hat. Der Baron ist bei solchen Anlässen nie gegenwärtig. Er malt, er reitet, befindet sich in seinem Park, in seinem Jagdrevier. Sie tut die Arbeit. Und was so wunderschön ist, keines beugt sich vor dem andern, ganz klar und wahr geben sie sich, verstehen sich und lächeln übereinander.

»Mama,« kann er zu ihr sagen, wenn sie von ihrem Morgengang zurückkommt, »du bist wohl wieder bei jeder Kuh im Stall gewesen, so sehen deine Stiefel aus.«

Und sie nickt und sagt: »Ja, Rudi, bei jeder Kuh.«

Auch ich genieße eine Freiheit, wie ich sie bisher nie gekannt. Komme ich von meinem Morgenspaziergang nach Hause, finde ich Punkt acht Uhr das Frühstück auf meinem Zimmer, das groß ist und luftig, und in dem ausrangierte, aber prachtvolle, uralte Möbelstehen, Lehnstühle, in denen man förmlich ertrinkt, ein Schreibtisch, an den sich drei Menschen nebeneinandersetzen könnten, und der so viele Fächer und Schubladen hat, daß ich sie noch gar nicht gezählt habe. Ich bewohne eine Giebelstube, von der aus ich das ganze Anwesen so ziemlich übersehe: Im Schloßhof den Springbrunnen, die Hundezwinger und dahinter den prächtigen, wohlgepflegten Park. Durch eine Gittertür geht's in den Wald, der mächtig ansteigt; links davon kann ich das Dorf sehen. Mein Weg führt mich oft durchs Dorf, dessen Kirchlein inmitten des Friedhofes ein Turmdach hat wie eine Zwiebel. Das Pfarrhaus daneben, zweistöckig, ragt hoch über die niedrigen Bauernhäuschen. In dem unteren Stockwerk wohnen Schullehrers. Der Pfarrer mit der »Tant'« bewohnt das obere Stockwerk.

Die Lehrersfrau kommt immer schnell aus dem Haus gelaufen, wenn sie mich sieht, an den Füßen Holzschuhe, den Putzlumpen hält sie hinten am Rücken.

»I bitt,« redet sie mich an, »gelt', machens Hannerl recht schön gebüld – wissens, 's soll halt a so e Gouvernant'n werd'n wie Sie, so will's der Mann; o mei, ihm is halt d' Büldung so gar viel wert. I bin nit gebüld', aber er laßt mich's nie nit merk'n – i schaff halt, daß sie's gut hab'n, die zwei, nur halt ins Schloß kann i nit z'weg'n der Büldung.«

So ungefähr ist der Dialekt hierzulande, natürlich nur ungefähr.

Das Lehrerstöcherchen nimmt nämlich die französischen Stunden im Schloß mit, ein braves, schwerfälliges Kind, mit weit vom Kopf abstehenden Zöpfen und hochrotem Gesichtchen.

Der Lehrer, ein rührend bescheidenes, spindeldürres Männle, ist zuweilen des Sonntags mit dem Pfarrer und dessen »Tant'« zum Abendessen ins Schloß eingeladen. Stotternd entschuldigt er jedesmal seine Frau, sie könne halt wieder nicht kommen, sie habe 's Zahnweh.

Worauf des Pfarrers »Tant'«, de unbewußt laut zu denken pflegt, jedesmal sagt: »Die Zähn' sein's nit, 's ist der Anstand, den s' nit hat.«

Der Lehrer hört während des ganzen Essens nicht auf, sich für alle möglichen Wohltaten zu bedanken. Zuerst beim Baron, der ihn aber gleich unterbricht: »Schon gut, schon gut, was bilden Sie sich nicht alles wieder ein, ich bin ja ganz unschuldig.«

»Ach nein, nein, Herr Baron, das sein S' nie, nie«, ereifert sich der Lehrer, alsdann richtet er seine Danksagungen an die Baronin.

Zuletzt kommt's an mich, indem er mir mit feuchtschimmernden Augen immer von neuem versichert:»Wissen S', was Sie für mein Hannerl tun, heilig möcht' ich Sie nennen, heilig!«

Inzwischen läßt sich's der Pfarrer prächtig schmecken, und sobald er den Teller füllt, seufzt die Tant': »O mei, schon wieder, und ich muß zuschaun und vertrag nix nit.«

Es wird von der Predigt gesprochen, die man am Morgen gehört, und die die Schloßherrschaft ungemein befriedigt hat. Auch der Lehrer bekommt sein Kompliment für Orgelspiel und Kindergesang während der heiligen Messe. Das Wohl und Weh der Dorfleute wird in Betracht gezogen, wo's dem einen fehlt, was dem andern nützlich wäre, die Gesundheit des kleinsten Kindes ist wichtig. Gleich sagt der Baron: »Ich hol' den Doktor.« Sie sind mir dann so lieb, denn ist es nicht ihr höchstes Bestreben, die Menschen, die von ihnen abhängen, glücklich zu machen?

Freilich, was sonst in der Welt vorgeht, davon ist nicht viel die Rede. Auch mit den Standesgenossen, die im Schloß verkehren, dreht sich die Unterhaltung meist um Alltägliches; zuweilen auch wird die Politik berührt, aber nur vorübergehend. Was ein gutes, herrliches Buch für die Welt bedeutet, davon scheint hier niemand eine Ahnung zu haben. Wenn ich gefragt würde, für was ich mich interessiere, was ich schon erlebt, ich könnte es ihnen gar nicht sagen; dennmein Denken und Erleben und was ich an Begeisterung empfunden, kommt mir fast selbst überschwenglich vor in diesem eng umschlossenen, selbstsicheren Kreis.

Ach, einmal wieder unter meinesgleichen ich selbst sein dürfen – Caton, Caton, ob ich's erlebe? –

Und doch, wie anders lerne ich die Menschen kennen durch dieses intime Zusammenleben, als wenn ich nur von ihnen hörte. Wirklich, man sollte nicht so leichthin aburteilen, wenn es sich um Menschen andrer Kreise handelt. Wir wissen gar nichts, wenn wir nicht unter ihnen gelebt haben.

Wenn ich nur ein wenig mehr Freude an meinen Zöglingen haben könnte! Clothilde haßt jeden Zwang und will immer fertig sein. Hannerl ist nicht vom Fleck zu bringen, ehe sie nicht eine Sache kapiert hat. So muß ich immer nur vermitteln zwischen diesem so ganz und gar ungleichmäßigen Gespann.

Noch schlimmer ist's, wenn ich Clothilde allein habe. Ihre schönen, leuchtenden Augen werden, sobald die Rechenstunde beginnt, zu dunkel blitzenden Unsternen. Sie hört nicht, begreift nicht, will nicht begreifen.

Um meine Autorität als Lehrerin nicht zu verlieren,halte ich an mich mit aller mir zu Gebote stehenden Macht, mit Sanftmut meine Lektion immer wieder von neuem wiederholend. Umsonst. Meine Versuche, an Clothildens Pflichtgefühl zu appellieren, scheitern ebenfalls. Es ist ein unglückseliger Zufall, daß, wenn Clothildens Mutter in den Lehrstunden erscheint, jene oft gerade ihren starrköpfigen Paroxismus hat. Dann fällt der Hauptfehler auf die Gouvernante, die keine Autorität zu behaupten, keinen Gehorsam einzuprägen weiß. Das Kind wird durch eine sinnliche Entbehrung gestraft, die Gouvernante aber hat die moralische Folter zu bestehen, ihrer Aufgabe nicht zu genügen.

Es war gerade nach einem solchen Vorfall eine Landpartie projektiert, wozu mich die Baronin einladen ließ.

Nach dem, was geschehen, hatte ich nicht die geringste Lust, daran teilzunehmen, und ließ danken. Auch sollte die Baronin wissen, daß ich nicht gleichgültig gegen ihren Tadel bin, daß ich zwar wie ein Stein schweigen könne, aber nicht selber einer sei.

Es klopfte an meine Tür, und der Baron kam mit Clothilde.

»Wissen Sie, Mama muß eben ein wenig zanken,« sagte er, »ich werde ja auch den ganzen Tag gezankt. Das macht doch nichts! Nun, was habe ich dir gesagt,Elferl,« fuhr er in liebevollem Ton seine Tochter an, »wirst du gleich –« –

Sie reichte mir die Hand mit einem: »Bitte, verzeihen.«

Ich wollte nicht empfindlich erscheinen und beeilte mich, dem Drängen des Barons: »Schnell, schnell, machen Sie sich fertig« Folge zu leisten.

Die Fahrt ging durch Wälder und Dörfer. Überall lachte uns der Frühling entgegen, und seine zwingende Macht ließ mich bald alles vergessen, daß ich froh wurde wie ein Kind. Hatte ich doch den kleinen Rudi zur Seite, der sonst mit seinem jüngeren Brüderchen ganz der Fürsorge der Bonne anheimgegeben ist, die schon ein schiefes Gesicht schneidet, wenn ich mir nur ein Händchen von ihm geben lassen will. Er ist zart, und seine großen Augen quellen über in unendlicher Liebe für alles Lebende.

Immer wieder suchte sein Blick die laut kläffend hinter dem Wagen her eilenden Hunde. »I bitt, Papi, nicht so schnell,« bat er, »schau, wie sie laufen – das ist doch gewiß nicht gesund.« –

Der Baron lachte und fuhr langsamer.

Ein Wagen kam des Weges, hoch beladen mit Säcken. Ein magerer Gaul zog ihn müde einher.

»Zieht das Pferd gern so schwer?« erkundigte sichRudi. »Man muß es fragen. Halt an, Papi, ich steige schnell aus« –

Da der Baron weiterfuhr, vergoß Rudi bittere Tränen, wurde jedoch durch eine Schar barfüßiger Kinder schnell von seinem Schmerz abgelenkt. Die Kleinen knicksten vor der Herrschaft. Clothilde warf ihnen Backwerk zu. Rudi aber erkundigte sich voll Besorgnis: »Tun ihnen die Steine nicht weh am bloßen Fuß? Wir müssen ihnen Schuhe schenken, Papi.« –

Die Fahrt ging weiter, und ich suchte Rudi mit der Versicherung zu beruhigen, daß Barfußgehen ein Vergnügen für die Kinder sei.

»Wir wollen sie fragen«, sagte er etwas ungläubig.

Das geschah sofort, als wir vor einem Dorfwirtshaus ausstiegen. Kinder umstanden den Wagen, und Rudi ging auf das erste beste kleine Mädchen zu.

»I bitt, gehst du gern barfuß?« fragte er, dabei artig das Hütchen ziehend.

Über und über rot, nickte die Kleine lebhaft mit dem Kopf, auch die andern Kinder nickten lachend.

Da kam er selig auf mich zugelaufen: »Sie gehen gern barfuß.«

Das ganze Haus lief zusammen, um die Herrschaftzu begrüßen, und da war niemand bis zur zahnlückigen Köchin, dem nicht ein liebenswürdiges Wort zuteil geworden wäre.

Der Pfarrer kam, der Lehrer und seine Familie; in kurzer Zeit war die ganze Wirtsstube voll Menschen, die alle zum Kaffee eingeladen wurden.

Ein sonderbarer Umstand drang mir eine schmerzliche Erinnerung an die selige Mutter auf. Der Wirtin, die das blau und rot gewürfelte Tuch über den langen Tisch ausbreitete, strahlte ein so herzliches Wohlwollen aus den braunen Augen, daß ich für einen kurzen Augenblick die Mutter vor mir zu sehen glaubte. Ich konnte mich nicht bemeistern und zog mich deshalb von der fröhlichen Gesellschaft unbemerkt in eine Fensternische zurück, wo ich weinen mußte. Ein lautes Aufschluchzen brachte mich in die Gegenwart zurück. Rudi hielt mich umfaßt. »Sie weint,« schrie er, »sie weint, kommt schnell, schnell und helft, daß sie nicht mehr weint.« –

Der Baron und die Baronin waren sofort an meiner Seite und fragten mich, was mir fehle. Ich gestand ihnen, um nicht mißdeutet zu werden, was mich betrübte; sie nahmen den herzlichsten Anteil, führten mich zum Tisch zurück, und ich gab mir alle Mühe, mein unstatthaftes Benehmen durch besondere Heiterkeit vergessen zu machen.

Die Baronin fragte mich, wie lange es her sei, daß ich Mutter verloren. Ich sagte ihr, daß es zwei und ein halbes Jahr sei, und ich weiß nicht, wie's kam, ich fing an, von Mutter zu reden. Wie lange habe ich das ersehnt, einmal von zu Hause reden zu dürfen, von unserm schönen Leben – unserer Heimat – o Caton, gibt es eine schönere – von der Herzlichkeit zwischen Eltern und Kindern – wie wir arbeiteten und doch wieder Zeit hatten zu allen möglichen herzerquickenden Zerstreuungen – von unserm Verkehr mit den Professoren der Universität – und wie eben immer und überall die Mutter den Mittelpunkt bildete, und nicht nur die Eigenen, auch alle, die ins Haus kamen, an diesem warmen, menschenfreundlichen Herzen eine Heimat fanden.

Da fiel mir ein – hast du nicht zu viel gesprochen? Der Pfarrer und der Lehrer schauten mich wohl alle gütig und voll Verständnis an, aber die Baronin – bei ihrem Anblick erfaßte mich plötzlich ein Gefühl der Beschämung.

Daß ich doch immer noch nicht hinlänglich genug Lebensweisheit besitze und gleich bereit bin, mich durch ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick zu allzu großem Vertrauen hinreißen zu lassen.

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein großgewachsener, gebietend blickender Herr trat überdie Schwelle. Er wurde vom Baron mit dem Ausruf: »Was, Graf, Sie sind wieder hier?« begrüßt.

Dem Grafen war ein ungemein langer und schmaler Jüngling gefolgt, dem Arme und Beine wie lose am Körper zu hängen schienen, so daß ich Mühe hatte, nicht zu lachen, als Clothilde ausrief: »Da kommt der Hampelmann!«

Es wurde nun ganz anders. Der Graf vertiefte sich, ohne von der übrigen Tischgesellschaft Notiz zu nehmen, mit dem Baron und der Baronin in ein Gespräch über Pferde. Der Pfarrer und der Schullehrer verabschiedeten sich unter linkischen Verbeugungen. Ich selbst kam mir nicht weniger überflüssig vor. Sonderbar – wehe uns Bürgerlichen, wenn es uns am richtigen Benehmen den Adligen gegenüber gebricht. Aber wissen diese sich uns gegenüber immer richtig zu benehmen?

Später.

Du siehst, liebe Caton, es fehlt mir nicht an Zeit zum Schreiben. Ich habe hier nicht, wie in meiner letzten Stelle, mich neben der Erziehung der Kinder um einen unordentlichen Haushalt zu kümmern, und bin nicht, wie in Nancy auf Schritt und Tritt an meinen Zögling gekettet. Clothilde eilt nach ihren Lehrstundenmit ihren vierfüßigen Freunden in den Park oder reitet mit den Eltern aus. Sie setzen dann nacheinander mit ihren herrlichen Pferden über das Parktor weg, das laut kläffende Hundevolk hinterher. Ein ganz herrlicher Anblick.

Ich wollte Dir aber noch von einem merkwürdigen Erlebnis am Schluß jenes Ausfluges erzählen.

Ich hatte die Wirtsstube mit Clothilde verlassen, als uns der junge Graf nachkam.

»Noch so ungnädig?« fragte er.

»Immer und ewig«, gab ihm Clothilde zurück und lief wie der Blitz in den Wald hinein.

Der junge Mann wandte sich mit einem Lächeln an mich: »Lassen wir den Wildfang laufen, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Wissen Sie, die Jugend hat eigentlich gar keinen Reiz für mich. Ernste Frauen sind mir lieber. Ich möchte sehr gern lange und ernst mit Ihnen – zum Beispiel über die Liebe sprechen.«

Ich nahm mich sehr zusammen, um so ernsthaft wie möglich zu antworten: »Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Graf, vielleicht ein anderes Mal, jetzt ruft mich die Pflicht« – ließ ihn stehen und eilte in den Wald hinein, nach meinem Zögling rufend.

Ich fand ihn lange nicht, endlich machte mich einKichern aufsehen. Clothilde saß auf einem Baumzweig, sich lachend darauf hin und her schaukelnd.

»Wenn er bricht«, schrie ich auf.

»Dann bin ich um so schneller unten.«

Es tat einen Krach – mehr fliegend als fallend stand sie im nächsten Augenblick triumphierend vor mir.

Es war gut abgelaufen; ich tat ihr nicht den Gefallen, ihr meine Angst zu zeigen, sondern wendete mich von ihr ab, um weiterzugehen.

Sie hielt mich plötzlich fest: »Fräulein Villinger, würden Sie einen Hampelmann heiraten?«

Ihre Augen glühten, sie sah mich wie gewissenerforschend an.

Ich hielt ruhig stand: »Wie kommst du auf diese Frage?«

»Weil ich ihn heiraten soll«, sprach sie in hartem Ton.

Ich zog ihre Hand in meinen Arm, und wir gingen nebeneinander her im leise rauschenden Wald; die Vögel sangen von allen Zweigen.

»Horch, wie schön,« sagte ich, »mein Gott, Kind, was geht dich denn jetzt schon das Heiraten an – so genieße es doch, daß du noch ein Kind sein darfst – oh, wenn ich's nur für eine Stunde wieder sein dürfte, wie wollte ich mich freuen.«

Eine Weile war es still, dann stieß Clothilde in heißem Zorn hervor: »Aber die Gouvernante, die vor Ihnen da war, hat es mir doch gesagt.«

»Was hat sie dir gesagt?« drang ich in sie.

»Daß es die Eltern ausgemacht, ich müsse den Hampelmann heiraten, den ekelhaften.«

»Woher wollte sie das wissen, Kind?«

»Sie hat gelauscht.«

»Großer Gott«, fuhr es mir durch den Kopf.

Ich hatte bisher immer nur das Los der Erzieherinnen bedauert. In diesem Augenblick wurde mir klar: Wem vertrauen die Eltern ihre Kinder oft an?

Clothilde gegenüber nahm ich die Sache leicht. Bei ihr muß jeder Gemütston vermieden werden.

»Hast du nie von Menschen gehört, die sich allerlei einbilden und schließlich meinen, es sei wahr?« fragte ich sie. »Denn niemals glaube ich, daß deine Eltern so etwas untereinander ausgemacht. Da kenne ich sie besser. Oder es könnte auch sein,« setzte ich hinzu, »frage dich einmal, mein Kind, hast du jene Gouvernante vielleicht in der Rechenstunde auch so gequält wie mich?«

Sie gab keine Antwort.

»Nun, dann hat sie sich am Ende ein wenig rächen wollen, weil sie merkte, daß du den Hampelmann nicht magst.«

Ob sie meinen Worten Glauben schenkte, war an nichts zu ersehen, aber ich nahm mir vor, mit den Eltern über diese Angelegenheit zu reden.

Nach dem Abendessen, wenn Clothilde gute Nacht gesagt, halten mich die Eltern zum Plaudern zurück. Besonders der Baron. »Erzählen Sie uns doch etwas, Fräulein Villinger; ich könnt' Ihnen den ganzen Tag zuhören«, behauptet er. Dann kommt regelmäßig das Erziehungsthema aufs Tapet. Hier gehen die Eltern ganz und gar aneinander. Die Baronin meint, durch Autorität, Sanftmut und Konsequenz müsse Clothildens leidenschaftliches Temperament schließlich der besseren Einsicht weichen. Der Baron zuckt die Achseln.

»Das Mädel ist nächstens dreizehn – hat deine Methode bisher etwas genützt, nachdem sie zehn Gouvernanten gehabt, die alle nach deinem Rezept handelten? Ich bin für die Reitpeitsche. Meine Pferde, meine Hunde, alle haben sie einmal gekostet, aber dies eine Mal half's.«

»Geh, damit ist dir's doch gar nicht Ernst,« sagte die Baronin, »dein Elferl und die Reitpeitsche.«

»Bin ich vielleicht ein schwacher Vater?« brauste er auf.

Wir lachten beide.

»So,« ereiferte sich der Baron, »aber in derKlavierstunde nehme ich mir die Freiheit und werfe ihr die Noten an den Kopf – o diese Klavierstunden!« Er fuhr sich in die Haare.

»Ihr habt beide keinen Funken Geduld,« sagte die Baronin, »aber immerhin solltest du mit gutem Beispiel vorangehen, Rudi.«

»Fällt mir gar nicht ein,« erklärte er, »Fräulein Villinger hat eine Engelsgeduld, was hilft's. Gar nichts hilft's.«

Ich fand den Augenblick günstig, den Eltern mein Erlebnis mit Clothilde bezüglich des Hampelmanns mitzuteilen.

»Natürlich soll sie ihn heiraten«, sagte der Baron.

»Aber es ist mir sehr fatal, daß sie davon weiß«, sagte die Baronin.

»Werden wir machen«, beruhigte sie der Baron, »soll ihr gründlich ausgetrieben werden, verlaß dich auf mich.«

Andern Tags, bei Tisch, kam die Sache gleich zum Austrag. »Ja, nun geht der Hampelmann nach München zum Militär,« sagte der Baron, »wo er Arme und Beine hübsch eingerenkt bekommt. Paßt auf, was das für ein schmucker Kerl wird – ob er dann nicht Glück bei der schönen Irmgard hat, famoses Mädel, er liebt sie heiß.«

»Er liebt sie?« erkundigte sich Clothilde. »Ist's wirklich wahr?«

»Heiß, Elferl,« nickte der Baron, »brennend heiß.«

»Herrlich,« rief sie aus, »o Papi, ich möchte am liebsten gleich um den Tisch herum tanzen.«

»Tanz, mein Elferl, ist sehr nett von dir, soviel Anteil an ihm zu nehmen.«

Sie lachte vor sich hin und blieb sitzen.

Mir kommt es oft vor, als habe sie das Zeug in sich zu irgendeiner Ausnahmestellung in der Welt. Sie wird schön, ist musikalisch wie ihr Vater; von ihrer Stimme, die jetzt hell und zart ist, sagt er, daß sie herrlich werden wird. Dazu diese Grazie, dieser Mut, diese Kraft und Entschlossenheit. – Neulich auf der Landstraße fiel ein großer, schwerfälliger Metzgerhund über die beiden aneinandergeketteten Windhunde her, die Clothilde auf Schritt und Tritt begleiten. Sie kamen zu Fall, der Hund hielt sie mit beiden Tatzen fest. Ich wollte mit meinem Schirm herbeieilen – zu spät. Schon hatte sich Clothilde über die Tiere gebeugt, und zu meinem großen Erstaunen gab schon im nächsten Augenblick der Unhold die Windspiele frei und torkelte davon.

Ich fragte, was sie ihm denn getan habe.

»Die Kehle zusammengedrückt«, erwiderte sie.

In den Lehrstunden leider nach wie vor der alte Starrkopf.

Man soll's halt nicht zu gut haben in diesem Leben.

J…, den 12. Dez. 1838.

Meine liebe Caton!

So haben wir kein Elternhaus mehr. Therese sagt, daß sich Vater ohne Unterlaß nach Mutter gesehnt und seine letzte Lebenszeit für ihn keine leichte gewesen sei. Wohl ihm, daß er erlöst ist – für uns – welch ein Verlust. Du mußt nicht sagen, daß Du von allen Kindern den Eltern am wenigsten habest sein können. Das ist nicht wahr, Caton. Sie labten sich an Deinem Glück und freuten sich alle Tage ihrer Enkel, wenn auch nur aus der Ferne. Nein, lasse Dir Deinen Schmerz nicht durch Gewissensbisse verkümmern. Das ist ja so unwesentlich jetzt, ob Du etwas mehr oder weniger geschrieben hast. Das rechnen Dir unsere lieben, gütigen Eltern im Jenseits ganz gewiß nicht an. Sie wollen nicht, daß wir verzweifeln, sondern in treuem, dankbarem Gedenken an sie unser Tagewerk mutig weiter tun.

Ja, das ist gut sagen; erst jetzt, fast vier Wochen nach unseres guten Vaters Tod, bin ich einigermaßenimstande, meinen Pflichten wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Bisher tat ich, was ich mußte, ohne selbst irgendwelchen Anteil daran zu nehmen. Da fiel mir einmal in der Nacht ein, welch schlimme Folgen jener teilnahmlose Zustand damals nach Mutters Tod für meinen Beruf hatte, und daß ich gewiß viel vernachlässigte, was nicht wieder gutzumachen war. Denn hätte ich meinen Zöglingen Liebe statt Gleichgültigkeit geschenkt, wer weiß, ob nicht vieles besser geworden wäre. Die Kinder waren nicht böse, nur sehr verwöhnt.

So habe ich mich denn aufgerafft und bitte Dich, meinen verzweifelten Brief nach Vaters Tod nicht aufzubewahren wie die andern, sondern der Vernichtung preiszugeben.

Ich bin ja auch nun über Theresens Los beruhigter, seit ich weiß, wie liebevoll Freunde und Verwandte sich ihrer angenommen. Unsere Therese hat förmlich das Geriß. Frau von Schönau, Baurittels, Fromherzens, alle boten ihr eine Heimat an. Daß Therese vorzog, beim Onkel in Säckingen ihre Zuflucht zu suchen, ist mir eine ganz besondere Erleichterung. Die Stiftsmüllerin ist leidend und Burgele kaum imstande, mit der Pflege und dem großen Haushalt allein fertig zu werden. Da ist Therese recht am Platz, und ihrer vornehmen Seele wird das Bewußtsein,mehr zu geben als zu empfangen, eine stille Genugtuung sein.

Daß Hermann nun sein Auskommen hat als Referendär in Waldkirch, ist auch ein Lichtstrahl. So wollen wir denn zufrieden sein und dankbar. Das Leben geht weiter, und wir müssen mit …

Ich will diesen Brief nicht abschicken, ohne noch eine liebe kleine Episode mitzuteilen, weil ich weiß, daß ich Dir damit eine Freude mache. Das Erscheinen des kleinen Rudi des Morgens im Hof ist nämlich ein Ereignis fürs ganze Haus. Sofort sind alle Mägde an den Küchenfenstern, sobald Rudis helles Stimmchen ertönt. Niemand kümmert sich um den dicken, kleinen Günther auf dem Arm der Bonne, Rudi ist der erkorene Liebling aller. Die Hunde stürmen ihm entgegen und werfen ihn auch gewöhnlich um.

»Ihr Sakra«, schreit der große Stallknecht und eilt herbei.

»I bitt, nicht schlagen, Sixtl,« fleht ihn Rudi an, »schau, sie können nichts dafür. Und gelt, Sixtl, i bitt, heb mich zur Köchin hinauf, ich muß ihr ein Handerl geben.«

Bis zur letzten Küchemagd, alle kriegen eines, und sie jubeln dem Kleinen zu, den der Sixtl hoch hält, und die Hunde streben an ihm hinauf, dieEltern stehen am Fenster, Clothilde und ich, und es ist ein Rufen, Winken, die Bonne will ihn weiter zerren, er fleht: »I bitt, laß mich allen guten Morgen sagen« und wirft Kußhändchen nach rechts und links. Und plötzlich steht der Baron unten und nimmt ihn auf den Arm und küßt und herzt ihn und fängt an zu schelten:

»So ein dummer Bub das – immer ›i bitt, i bitt‹ – den Soldat möcht ich sehen, den der Rudi abgibt. Was wird er zum Pferdl sagen: i bitt, i bitt. Wird's Pferdel gehorchen? 's wird grasen und geht nicht vom Fleck, 's wird denken, du bittst mir lang, ich lach dich aus. – So einen dummen Buben hab ich.«

Und der Rudi drückt das Köpfchen gegen die Wange des Vaters und lacht und lacht und weiß recht wohl, wie's gemeint ist.

Ich wäre längst zu dem Resultat gekommen, Clothilde habe kein Herz, wenn dieses Kind nicht wäre. Aber mit Rudi kennt sie keinen Stolz, keinen Trotz, nur zärtliche, über alle Begriffe demütige Liebe.

10. Januar 40.

Tage des Schreckens liegen hinter uns. Rudi fing an zu husten: man brachte ihn zu Bett. Er bekam einen Kruppanfall, und der Baron fuhr schleunigstfort, um den Arzt zu holen. Ich nahm den kleinen Günther zu mir aufs Zimmer, um ihn vor Ansteckung zu bewahren. Die Baronin wich nicht von Rudis Bett.

Die Bonne lief schluchzend von einem Kind zum andern.

»Er wird ersticken, er wird ersticken,« jammerte sie, »wenn der Arzt nicht gleich kommt.«

Er kam. Alles war unten mit Rudi beschäftigt, ich allein bei dem Kleinen. Noch eben schien er mir gesund. Da mit einem Male schüttelte sich das Kind wie im Fieberfrost, und ein schrecklicher Husten, rauh, bellend, drang ihm aus der Kehle. Dann ein mühsames Atemholen, das Gesichtchen wurde dunkelrot, die Händchen klammerten sich an mir fest.

Was tun – o Caton, es war entsetzlich – ich läutete, es kam niemand, ich wußte nicht, sollte ich das Kind allein lassen. – Der Glockenzug blieb mir in der Hand, als ich wiederum und allzu heftig daran zog, der Husten setzte von neuem ein, das Gesicht des Kindes färbte sich blau, es rang nach Luft. Auf mein Geschrei kam endlich die Bonne. Geisterbleich starrte sie auf das Kind. Ich stieß sie zur Türe hinaus. »Den Arzt – den Arzt!« –

Und nun tat ich etwas – gab mir's der Himmel ein – oder was war's – ich goß dem Kind das Öl desNachtlichtes in den röchelnden Mund. Erst ein Würgen, dann ein Schrei – und noch einer; nicht diese heiseren Töne mehr, die mich so erschreckt. Als der Arzt eintrat, schrie das Kind aus vollem Halse.

Er betrachtete den Kleinen, dann fragte er: »Was haben Sie getan?«

Ich sagte: »Er war am Ersticken, da goß ich ihm das Öl des Nachtlichtes in den Mund.«

»Das hat ihn gerettet.«

Aber es zeigte sich keine Freude. Der Baron und die Baronin standen, sich bei den Händen haltend, unter der Türe, bleich beide bis in die Lippen.

Draußen hörte ich Clothilde weinen, herzbrechend – »Rudi, Rudi« –

»Rudi«, tönte es durchs Haus.

Da wußte ich – er war nicht mehr.

J…, 14. Februar 1840.

Du hast mir wohlgetan, liebe Caton. Du tust immer wohl. Du hast so viel von der seligen Mutter. Ich bin fast ein wenig krank gewesen nach den tiefen Gemütsbewegungen in der letzten Zeit, da hat es mich recht erfrischt, als Deine kleine Predigt kam, mitder Behauptung, daß ich meine Kräfte für eine schöne, erfreuliche Zukunft aufzubewahren habe und sie nicht ganz für Fremde hingeben dürfe. Aber mir sind die Menschen, mit denen ich lebe, liebe Caton, nicht fremd, trotz der großen Verschiedenheit unserer Lebensanschauungen. Darum sind sie doch liebenswert. Auch habe ich viel bei ihnen gelernt. Denn seitdem ich mich frei in der gegebenen Form zu bewegen weiß und den letzten Rest kindischer Ehrfurcht vor diesen Äußerlichkeiten abgestreift habe, bin ich viel freier und sicherer in meinem Auftreten. So wird das Errungene gewiß auch meiner ferneren Laufbahn zugute kommen. Ich fühle immer mehr, wie dankbar wir unseren Eltern zu sein haben für den Geist der Freiheit und Duldung, den sie uns anerzogen. Das ist die Hauptsache, das übrige läßt sich lernen. Die Gegensätze in dieser Welt sind gewiß nicht durch Unduldsamkeit zu unterdrücken. Da fällt mir der kleine Rudi ein. Ich sah einmal, wie er die große, harte Faust des Stallknechtes Sixtus küßte. Der Mann grinste vor Verlegenheit, lachte verschämt und sagte, indem er mir die Faust hinstreckte: »Küßt hat er's – er hat's küßt.« – Beim Begräbnis unseres Lieblings mußte sich der starke, gewaltige Sixtus mit seinem Schmerz hinter die Friedhofsmauer flüchten, weil er zu laut war.

Du fragst, ob der Baron und die Baronin mir Dank wüßten, weil ich nach Ausspruch des Arztes dem kleinen Günther das Leben gerettet. Ob sie jetzt ganz anders seien? – Aber Caton, aus Dankbarkeit seine Natur ändern, das wäre doch ein wenig zu viel verlangt. Es geht alles anscheinend seinen gewöhnlichen Gang weiter, und doch scheint mir in der Tiefe alles anders geworden zu sein. Der Sonnenschein fehlt. Man vermißt ihn auf allen Gesichtern. Wenn ich mich früher bemüht habe, der Tränen um den guten Vater Herr zu werden, jetzt werden verweinte Augen kaum mehr bemerkt, denn wer hat nicht geweint in den langen Nachtstunden?

Auch an meinem Zögling ist Rudis Tod nicht spurlos vorübergegangen. Es hat seitdem keine Szenen mehr in den Lehrstunden gegeben. Sie hört wenigstens zu jetzt, wenn der Gegenstand sie auch nicht interessiert. Neulich feierte sie ihren dreizehnten Geburtstag. Die Geschenke hatten kaum Platz auf dem großen Tisch inmitten ihres Zimmers. Im Hof wurde ihr ein neues Pferd vorgeführt, prächtig aufgezäumt, ein kleiner Korbwagen stand dabei.

Weißt Du noch, Caton, wir pflegten vor Rührung zu weinen, wenn wir eine Merinoschürze und ein schönes Buch bekamen.

Clothilde sah sich ihre Geschenke ruhigen Blickes an und sagte dann mit einem Seufzer:

»Jetzt ist's aus mit dem Elferl.« –

Ich wußte nicht recht, was sie damit meinte, aber dann sah ich mit einem Mal, daß irgend etwas an ihrem Wesen anders war. Ja, sie erinnerte mich plötzlich an ihre Mutter, ich weiß nicht recht inwiefern, aber ich konnte sie mir, was ich früher nicht gekonnt hätte, mit einem Mal als eine Gutsherrin vorstellen – so wie ihre Mutter eine ist. Sie hat mir nie von ihrem Schmerz um Rudi gesprochen, aber sie schleppt den ganzen Tag das Rudi-Hündchen herum, das auch in der Nacht in ihrem Zimmer schlafen muß.

Wenn ich auch nicht imstande war und bin, aus Clothilden das zu machen, was ich gewünscht hätte, so geht es allmählich mit dem Hannerl so prächtig vorwärts, daß ich eine wirkliche Freude an diesem Kinde haben kann. Hier ist Entwicklungsfähigkeit in hohem Grade, nach einem langsamen, geistigen Erwachen. Clothilde war von Anfang an fertig. –

Ich muß Dir noch sagen, daß ich einen Brief aus Nancy bekommen habe. Marie hat sich verlobt, und Mutter und Tochter beschwören mich auf das liebevollste, im Sommer zur Hochzeit zu kommen. Das hat mich wirklich gerührt. –

Nun liegt der Brief schon acht Tage, und Du wirst mich der Schreibfaulheit zeihen, liebe Caton. Es kam so. Der Baron hat mich inständig gebeten, mich malen zu dürfen. Als er mit dem Bilde des kleinen Rudi fertig war, überkam ihn in seiner Untätigkeit von neuem die Verzweiflung, und die Baronin, die ihren Schmerz wie eine Heldin trägt, brachte ihren Mann auf den Gedanken, mich zu malen.

Nun ist er ganz eifrig dabei. Ich legte sogar für das Bild auf seine Bitte die Trauer ab und trage mein altes Blaues mit einem weißen Kragen.

Die Schülerinnen haben während des Malens ihre französische Konversationsstunde. Dem Baron ist das recht, besonders da ich mich dabei wenig rühre und hauptsächlich lausche.

Therese führt wieder einmal Klage, daß Schwester Caton nicht schreibt. Da muß ich ja ein wenig schelten. Sonst, Du kennst sie ja, klagt sie über nichts, aber ich lese ihr großes Heimweh aus jeder Zeile, aus jedem Wort, das sie schreibt. Eigentlich spricht sie nie von Säckingen, sondern immer nur von Freiburg – von ihrem lieben, guten, himmlischen Freiburgle. –

Von eben diesem Freiburgle schreibt mir Lenchen, es sei die langweiligste Stadt geworden auf der Welt, und ich würde mich kurios wundern, wenn ich wiederkäme – 's sei alles wie verschlafe, seit 's Villingersnimmer in Oberlinden wohnten mit ihrer Gastfreundschaft und ihrem Humor und den netten Herrle alleweil. – Und sie hätten jetzt 's Dortel – Dortel – und alle Abend säßen sie beisammen in der Küch und heulten über die vergangenen Zeiten, und's Dortel blieb dabei: »I sterb nit, ehnd i unsri Kinder nit noch emal g'sehe – und wenn i 's verzwinge müßt von unserm Herrgott.« –

J…, den 12. April 1840.

Caton, Caton, ach mir ist wie im Traum – vor mir liegt ein Schreiben – schwarz auf weiß steht in deutlichen Buchstaben, die Stelle der Vorsteherin der Rastatter höheren Töchterschule sei vakant, ob es mir beliebe, sie anzunehmen.

Erst habe ich müssen einen Gang durch den Park machen, so haben meine Hände gezittert und hat mein Herz gejubelt und doch auch wieder geblutet – ach, daß die Eltern es nicht erlebt – alle Kinder versorgt, alle eine Heimat. – So viel des Glücks – kaum zu fassen …

In den Sommerferien werde ich erwartet – die Schule ist im Rastatter Schloß, auch die Wohnung. Und denk dir mein Wirken darf in der Heimat sein. Das ist ja noch das allerschönste. Ich finde mich so gottbegnadet;mein ganzes Leben ging dahin wie unter einem Strahl der Güte Gottes.

Die Antwort nach Rastatt liegt schon da. Ich habe mich zusammennehmen müssen, um rein sachlich zu bleiben, denn meine Feder ist jetzt von einem Hymnus der Freude und Dankbarkeit von unten bis oben angefüllt. – »Närrle« – gelt, so würde Mutter sagen. –

Die Nachricht an Therese liegt auch schon da. Sie wird still weinen vor Glück. So ist sie. Und Hermann soll's auch gleich erfahren.

Nur vor einem bangt mir, Caton – wie werden sie's hier aufnehmen? – Es wird ihnen und mir nahgehen. Das weiß ich, und davor fürchte ich mich. Wie hat sich der Baron an meinem Bild abgeplagt, bis ihm der Ausdruck gelang, und nun soll ich's ganz sein, alle sagen's, ich auch. Und er hat es mir geschenkt, wobei seine Augen ganz feucht waren. Er dachte wohl an Rudi. Die Baronin sagte, sie wolle nicht zurückstehen, und steckte mir eine wundervolle Brosche an.

Und nun gehe ich mit solchen Gedanken unter ihnen herum.

10. Mai.

Liebe Schwester, denke Dir, ich habe noch immer nichts gesagt, und es ist doch die höchste Zeit, wenn ich Anfang Juli reisen will. Ach Gott, wär's nur schon heraus!

Therese will nichts davon wissen, daß ich nach Freiburg komme und ihr beim Transport unsres Haushaltes beistehe. Das wolle sie alles allein machen, auch die Einrichtung in Rastatt sei ihre Sache. Ich müsse alles fix und fertig vorfinden, befiehlt sie.

24. Mai.

Nun ist's heraus. Der Baron war ausgeritten; vor dem fürchte ich mich nämlich am meisten, die Baronin ist sachlicher. Also trat ich mit dem Rastatter Brief bei ihr ein und legte ihn vor sie hin.

Sie las und meinte aufblickend: »Aber Sie nehmen doch nicht an?«

»Ich muß es wohl, Frau Baronin,« gab ich ihr zur Antwort, »eine Schule ist das Ziel meines Lebens.«

»Aber Sie können uns doch nicht verlassen – könnten Sie das wirklich, Liebe, um einer Schule willen? Was haben Sie von einer Schule?«

»Meine Selbständigkeit, Frau Baronin, und damit die Möglichkeit, meiner Schwester ein Heim zu bieten.«

»Ihrer Schwester?«

»Ja, sie ist durch Vaters Tod heimatlos geworden.«

»Davon sagten Sie uns nichts.«

Ich mußte ein wenig lächeln.

Die Baronin verstand sofort, sie wurde rot, sah einen Augenblick vor sich hin und streckte mir dann in herzlicher Freimütigkeit beide Hände entgegen.

»Was wir an Ihnen verlieren, läßt sich nicht ausdrücken.«

Tränen erstickten meine Stimme, ich ging.

Der Baron tobte, als er's erfuhr. »Das ist doch zu machen, das ist doch zu machen«, meinte er immer wieder.

Jeden Abend setzte ihm seine Frau auseinander, daß es nicht zu machen sei, und am Morgen stellte er seine Behauptung von neuem auf.


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