Kopfstück Seite 32Wasser-Anwendungen.
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D
Die bei mir zur Anwendung kommenden Wasserheilmittel teilen sich in:
A.Aufschläger.B.Bäder.C.Dämpfe.D.Gießungen.E.Waschungen.F.Wicklungen.G.Trinken des Wassers.
A.Aufschläger.B.Bäder.C.Dämpfe.D.Gießungen.E.Waschungen.F.Wicklungen.G.Trinken des Wassers.
Da beim Volke die folgenden Anwendungen bereits unter dem Namen „Aufschläger“ eingebürgert und bekannt sind, so behalte ich die Benennung gerne bei, selbst auf die Gefahr hin, daß sie nicht ganz zutreffen sollte. Unter den Aufschlägern ist verwendet
Ein größeres, grobes Linnenstück (Strohsackleinwand eignet sich sehr gut dazu) wird 3–4–6–8–10fach der Länge nach zusammengelegt, so breit und so lang, daß es vom Halse an die Brust und den ganzen Unterleib bedeckt. Rechts und links am Körper soll es nicht wie abgeschnitten aufhören, sondern zu beiden Seiten durch ein kleines Stück herunterhängen. Das so zubereitete Tuch wird in kaltes Wasser eingetaucht (zur Winterszeit darf Warmwasser gebraucht werden), tüchtig, d. i. vollständig ausgewunden und dann in oben beschriebener Weise dem zu Bette liegenden Patienten aufgelegt. Darüber kommt eine Wolldecke oder ein 2–3fach zusammengelegtes Linnen, welches den Zweck hat, die nasse Auflage luftdicht abzuschließen, jeden Zutritt der Luft gründlich zu verhindern, darüber erst das Federbett. Um den Hals lege ich in der Regel noch ein ziemlich großes Tuch- oder Wollstück, um der von oben eindringenden Luft den Zugang zu wehren. Man sei mit dem Zudecken vorsichtig; denn leicht könnten sonst Erkältungen eintreten.
Der Aufschläger bleibt ¾–1 Stunde liegen; muß nach Vorschrift die Anwendung, welche in diesem Falle durch Kälte wirken soll, fortgesetzt werden, so muß auch der indessen warm gewordene Aufschläger erneuert, d. i. von neuem naßgemacht werden.
Sobald die vorgeschriebene Zeit verstrichen, entfernt man die nassen Tücher, kleidet sich an und macht Bewegung, oder man bleibt noch eine kleine Zeit im Bette liegen.
Die Anwendung des Oberaufschlägers wirkt speziell auf dieAustreibung versessener Gaseim Magen und Unterleib.
Diese wie die folgenden Übungen erfordern, daß der Körper warm sei.
Dem Oberaufschläger entspricht der Unteraufschläger, der, wenn beide Anwendungen sukzessive, d. i. nacheinander geschehen, zuerst an die Reihe kommt. Dabei ist folgendes zu bemerken:
Da auch der Unteraufschläger im Bette zu nehmen ist, legt man, um das Naßwerden der Matratze oder des Strohsackes zu verhüten, über das Leintuch ein anderes Linnenstück, darüber der Breite nach eine Wolldecke („Kotze“).
Dasselbe mehrfach (2–3fach) zusammengelegte, vorher durchnäßte und ausgewundene, rohe Linnenzeug wird der Länge nach so auf die Wolldecke ausgebreitet, daß es vom letzten Halswirbel an die ganze Wirbelsäule, den ganzen Rücken hinunterreicht. Darauf legt man sich mit dem Rücken, schlägt, um sich luftdicht abzuschließen, die ausgebreitete Wolldecke nach beiden Seiten ein und deckt sich mit Wolle und Federbett gut zu. Auch der Unteraufschläger soll drei Viertelstunden gebraucht und im Verlängerungsfalle erneuert, von neuem eingetaucht werden, da er wie der Oberaufschläger nur durch Kälte wirken soll. Die Verhaltungsmaßregeln nach der Anwendung sind dieselben wie die oben angegebenen.
Zur Stärkung des Rückgrates, des Rückenmarkes, bei Rückenschmerzen, bei Hexenschußist der Unteraufschläger eine vorzügliche Anwendung. Beim Hexenschuß z. B. kenne ich vieleFälle, in denen zwei solcher Aufschläger, in einem Tage gebraucht, das Übel gänzlich gehoben haben.
Auch beiAnstauungen von Blut, in derFieberhitzewirkt der Unteraufschläger sehr gut.
In welchen einzelnen Fällen er zu gebrauchen und wie oft er zu erneuern sei, das wird bei den einzelnen Krankheiten gesagt werden.
Wie nacheinander, so können diese beiden Anwendungen auf einmal zur selben Zeit genommen werden.
Man bereitet den Unteraufschläger vor, wie Nr. 2 besagt, desgleichen den Oberaufschläger, den man neben das Bett legt. Ausgekleidet liegt man sodann auf den Unteraufschläger und appliziert sich den zur Seite parat (fertig) liegenden Oberaufschläger. Das Zudecken mit Wolldecke und Federbett geht leicht. Ist jemand zur Stelle, so kann er beides, Federbett und Wolldecke, zu beiden Seiten gut einschlagen, daß nirgends die frische Luft Zutritt hat. Wichtig ist bei dieser Doppelanwendung, daß die der Breite nach unter dem Unteraufschläger aufgeschlagene Wolldecke so groß ist, daß sie gleich einer Binde beide nassen Aufschläger einhüllen kann.
Die Dauer der Anwendung beträgt zum mindesten ¾, zum höchsten eine Stunde.
Beigroßer Hitze, dann wieder beiGasen, beiKongestionen, beiHypochondrieund anderen Leiden tut dieselbe vorzügliche Dienste.
Der Name „Batzerei“ darf uns nicht aus der Fassung bringen. Wende sie ruhig an, diese etwas mühsame Kur, sie wird dir manchen Batzen ersparen.
Der Patient liegt zu Bett.
Ein 4 bis 6fach zusammengefaltetes Linnentuch wird in Wasser getaucht, ganz ausgewunden (so daß es nicht mehr trieft), auf den Unterleib (Magengegend und abwärts) gelegt und mit Wolldecke und Federbett sorgfältig zugedeckt. Die Anwendung kann ¾–2 Stunden dauern. Bei einer Dauer von zwei Stunden indessen soll die Auflage nach der ersten Stunde erneuert, d. i. von neuem eingetaucht werden.
Diese Auflage leistet gute Dienste beiMagenbeschwerden, beiKrämpfen, auch wenn es gilt, dasBlut von der Brustund vomHerzen wegzuleiten.
Sehr oft wird zum Eintauchen und Netzen des Tuches statt des WassersEssigverwendet, wohl auch, wie solches im besonderen im dritten Teile angegeben ist, einAbsud von Heublumen, Zinnkraut, Haberstrohusw.
Um den Essig zu sparen, gebe ich dieEssig-Auflagenin der Art, daß ich zuerst ein zweifach gefaltetes Linnen, in halb Wasser und halb Essig eingetaucht, auf den bloßen Leib lege und darüber dann ein 2–4fach gefaltetes, nur in Wasser getauchtes Tuch breite. Das Zudecken geschieht wie oben.
Sehr oft bin ich gefragt worden, welche Grundsätze ich befolge bezüglich derEisauflagen, desAderlassensu. a. Dieselben mögen hier in Kürze ihre Stellung finden.
Wer mit gerunzelter Stirne einem Feinde zur Versöhnung die Hand bietet, wird schwerer zu Werke kommen, als wer ihm freundlichen Antlitzes und frohen Herzens die Hand reicht. Dieses Bild will mir nicht übel dünken da, wo es sich um die Anwendung von Eis oder um Wasser handelt. Von jeher habe ich die Eis-Auflagen, namentlich auf die edelsten Körperteile (Kopf, Augen, Ohren usw.) zu den schroffsten und gewaltsamsten Mitteln gerechnet, welche überhaupt zur Anwendung kommen können. Sie gehen der Natur nicht helfend an die Hand, daß sie anfange, selbst wieder zu arbeiten; sie erzwingen gewaltsam etwas von ihr, und das muß sich rächen. Eistuch und Eisbeutel, und wie die Dinge heißen, sind in meiner Werkstätte unbekannte Größen und sollen es auch für alle Zukunft bleiben. Man stelle sich nur einmal die kolossalen Gegensätze vor: drinnen im Körper die Glühhitze, draußen der Eisberg, dazwischen das leidende Glied, das von beiden bearbeitete Organ von zartem Fleisch und Blut. Die Ergebnisse solcher Arbeit habe ich stets nur mit großem Bangen erwartet und mein Bangen war in den meisten Fällen sehr gerechtfertigt.
Ich kenne einen Herrn, der ein ganzes Jahr hindurch bei Tag und bei Nacht auf einem Fuße Eis-Auflagen zu tragen hatte, ohne jede Unterbrechung. Fürwahr, da müßte ja geradezu ein Wunder geschehen, wenn diese Eisscholle nicht alle Hitze, aber auch die unentbehrliche Naturwärme davontragen sollte! Von Heilung des Fußes war keine Spur zu sehen.
Aber, entgegnet mir jemand, in vielen Fällen hat’s in der Tat geholfen. Mag sein, daß das Übel den Zwangsmitteln nicht widerstehen konnte. Welches waren indessen die Folgen? Unzählige sind zu mir gekommen mit teilweisem Verluste des Gesichtes, mit größerer oder geringerer Taubheit, mit Rheumatismen der verschiedensten Art, besonders mit Kopfhaut-Rheumatismus und sonstiger großer Empfindsamkeit des Kopfes usw. Woher das alles? „Ja, da und dort und dann,“ so lauten die Antworten, „hat solchesder leidige Eisbeutel getan, dieses Übel trage ich nun schon seit so und so vielen Jahren.“ Gewiß, und die meisten werden es tragen bis zum Ende ihrer Jahre.
Noch einmal sei es gesagt: ich spreche durchaus gegen jede Eis-Auflage und behaupte dagegen, daß das Wasser, richtig angewendet, jedwede, auch die stärkste Hitze, in welchem Teile oder Organe des Körpers dieselbe immer wüte, zu dämmen und zu tilgen imstande ist. Wenn eine Feuersbrunst nicht mehr durch Wasser gelöscht werden kann, dann kann sie auch nicht durch Eisschollen gelöscht werden. Das sieht ein jeder sehr gut ein.
Ich sagte soeben: Hilfe wird bringen, wer das Wasserrichtiganwendet. Darunter verstehe ich freilich nicht, daß man z. B. bei einer Entzündung am oder im Kopf, wie man sonst die Eisplatte, den Eisbeutel auflegt, nun möglichst viele nasse Kopfwickel, Auflagen usw. gebrauchen müsse. 100 Eisplatten und Kopfwickel werden das Zuströmen des Blutes nach der entzündeten Stelle, wodurch die Hitze sich steigert, nicht aufhalten. Ich muß das Blut anders wegzuleiten, zu verteilen suchen, mit anderen Worten: ich muß neben den Anwendungen auf die leidende Stelle auch solche auf den ganzen Körper machen. Diesen Feind in oder am Kopf z. B. werde ich zu allererst bei den Füßen des Patienten angreifen und allmählig dann gegen den ganzen Körper vorrücken.
Das Eis leistet im übrigen auch mir bei meiner Wasserkur durch indirekte Verwendung treffliche Dienste. Es kühlt zur Sommerszeit das Wasser, wenn es anfangen will, lau zu werden. —
Wie ich über dasAderlassen, dieBlutegelund all die wie immer gearteten Blutentziehungen denke?
Noch vor 50, 40, 30 Jahren war selten eine Frau, die sich nicht zwei-, drei-, viermal zur Ader gelassen hätte; die Halbfeiertage und natürlich die günstigsten Zeiten waren gleich am Jahresanfange im Kalender strenggläubig gewählt und rot oder blau angestrichen worden. Die Land- und anderen Ärzte, die Bader und Rasierer selbst nannten ihre eigene Arbeit in dieser Beziehung eine förmliche „Metzgerei“. Auch Anstalten, Klöster hatten ihre Aderlaßzeit und die vor allem andern streng eingeführte Diät (Lebensweise) genau bezeichnet. Man wünschte sich Glück vor und gratulierte sich nach den überstandenen blutigen Strapazen. Diese mögen zuweilen nicht gering gewesen sein. Ein geistlicher Herr aus jener Zeit versicherte, 32 Jahre lang habe er sich zur Ader gelassen, in jedem Jahre viermal, und bei jedem Aderlaß 8 Unzen Blut verloren. Tut in Summa 8 × 4 × 32 = 1024 Unzen Blut.
Neben dem Aderlaß gingen noch Blutegel, Schröpfköpfe u. a. um; es war gut gesorgt für jung und alt, für hoch und nieder, für Männer und Frauen.
Wie doch die Zeiten sich ändern! Dieses Treiben hielt man lange für dasunum necessarium, das einzige und absolut Notwendige des Gesundseins und Gesundbleibenwollens. Und wie denkt man heutzutage darüber? Man belächelt und bespöttelt diesen Irrwahn der Alten, diese Naturwissenschaftlichkeit, zu meinen, daß irgend ein Mensch zu viel Blut habe. Vor ungefähr zwei Jahren sagte mir ein literarisch tätiger Arzt des Auslandes, der einer neueren Schulrichtung folgt, er habe sein Leben lang noch nie Blutegel gesehen. Viele Ärzte schreiben die Blutarmut unserer Zeit dem früheren Übelstand und Mißbrauch des Aderlasses zu. Sie mögen recht haben, nur ist dieses nicht die einzige Ursache.
Doch zur Sache! Meine Überzeugung ist folgende: Beim menschlichen Körper stimmt alles so wunderbar zusammen, der Teil zum Teil und jeder Teil zum Ganzen, daß man nicht ansteht, das Gebilde des Körpers ein einziges Kunstwerk zu nennen, dessen Idee nur in Gottes Schöpfergeist ruhen konnte, und dessen Inswerksetzung nur durch Gottes Schöpferkraft möglich war. Dieselbe Ordnung, dasselbe Maß, dieselbe Harmonie besteht zwischen Einnahme und Verbrauch der zum Unterhalte, zur Erhaltung des Körpers notwendigen Stoffe, wenn anders der vernünftige und freie Mensch durch rechten Gebrauch des ihm Gegebenen nach Gottes Willen mitarbeitet und nicht durch Mißbrauch desselben die Ordnung verkehrt und Mißklänge in die Harmonie bringt. Da der Sachverhalt ein derartiger ist, so kann ich mir nicht denken, wie die Blutbildung allein, dieser wichtigste aller Prozesse im menschlichen Körper, ohne Ordnung, ohne Zahl und Maß, ungeordnet und übermäßig vor sich gehen solle.
Jedes Kind, so denke ich mir die Sache, bekommt von seiner Mutter mit dem Leben als Erbteil gleich bei der Geburt ein Quantum, eine Portion Blutbildungsstoff mit, mag man letzteren nennen, wie man will, gleichsam die Essenz, ohne welche kein Blut fabriziert, bereitet werden kann. Geht diese Essenz aus, so hört auch die Blutbildung, mit ihr das eigentliche Leben auf. Absterben, hinsiechen nenne ich nicht mehr „leben“. Durch einen jeden Blutverlust nun, geschehe es durch Fall, Sturz oder durch Aderlaß, Blutegel, Schröpfköpfe, geht ein Teilchen oder Teil dieses Blutbildungsstoffes, dieser Lebensessenz verloren; um so viel hat der Mensch weniger, kürzer zu leben. Jede Blutentziehung bedeutet soviel als Verkürzung des Lebens, denn im Blute ist das Leben.
Man wendet ein: Nichts geht rascher als Blutbildung; Blut verlieren, Blut gewinnen, ist fast ein und dasselbe. —
Unglaublich wunderbar schnell geht die Blutbildung vor sich, das gestehe ich vollkommen zu. Aber man entschuldige folgendes Erfahrungsargument (Beispiel); es wird meine Leser aus dem Bauernstand interessieren und sie werden es bestätigen müssen. Wer ein Stück Vieh schnell fett machen will, zapft ihm einen großen Teil Blutes ab, läßt ihm zur Ader und füttert es dann recht gut. In ganz kurzer Zeit wird neues, schönes Blut in Menge fließen. Dabei gedeiht das Stück außerordentlich und nimmt zu an Fettigkeit. Nach 3–4 Wochen läßt man nochmals Blut ab und füttert wieder kräftig und gut, gibt auch viele und kräftige Tränke. Das Gedeihen ist prächtig, und selbst ein altes Stück Vieh wird beim Schlachten so viel und so schönes Blut zeigen wie ein junges. Sehen wir uns indessen das Blut näher an! Das künstlich gebildete Blut ist nur mehr wässeriges, fades, lebensunfähiges Blut. Das Stück Vieh hat keine Kraft, keine Leistungsfähigkeit, keine Ausdauer mehr, und wird es nicht bald geschlachtet, so wird sich binnen kurzem die Wassersucht ansetzen.
Sollte es bei dem Menschen anders sein? Wer schon mehr als 60 Jahre zählt und ein bißchen Erfahrung und Einsicht hat ins Menschenleben, weiß, wie gerade der unmäßige Aderlaß der Voreltern Einfluß hatte auf Fähigkeiten, Talente, Lebensdauer der Nachkommen. Der im Beginne dieser Abhandlung angeführte Herr, der so viele Unzen Blut lassen mußte, starb in den schönsten Mannesjahren an der Wassersucht. Und wenn eine Frau, es sind dieses Tatsachen, 300mal, eine andere 400mal sich zur Ader ließ und dabei namenlos schwach und krank wurde, mußte da die folgende Generation nicht schwächlich und gebrechlich, zu Krämpfen und anderen Leiden veranlagt sein?
Ich gestehe gerne zu, daß es Fälle geben kann, welche aber stets zu den Ausnahmen gehören,in denen, da andere rasch wirkende Mittel nicht zur Hand sind,der Aderlaß eine augenblickliche Gefahr beseitigt.
Sonst aber frage ich jeden vernünftigen Unparteiischen: Was ist besser, sich Stück für Stück vom Lebensfaden abzwacken zu lassen, oder durch richtige Wasseranwendung das Blut so zu verteilen, daß selbst der Vollblütigste kein zu großes Quantum Blut besitzt? — Wie und durch welche Anwendungen diese Verteilung zu geschehen habe, ist an passender Stelle des öfteren erörtert.
Gewöhnlich bekommt man zu hören, daß beidrohenden Schlaganfällender Aderlaß das einzige Rettungsmittel sei.Da erinnere ich mich soeben des Falles, wo nach einem stattgehabten Schlagflusse der erste Arzt in der Tat schnell zur Ader ließ, der zweite Arzt aber bestimmt erklärte, der Kranke müsse gerade infolge dieses Aderlasses sterben, was auch geschah. Nicht Blutreichtum und Blutüberfluß führen, wie irrtümlicher Weise die Leute meinen, in der Regel einen Schlag herbei, sondern Blutarmut. „Er ist am Schlage verschieden“ heißt gewöhnlich soviel als: mit dem Ausgehen des Blutes ist ihm auch das Leben ausgegangen. Das Öl hat aufgehört zu fließen und zu befruchten; deshalb ist der glimmende Docht völlig erloschen.
Welch nützliche Dienste gerade nach Schlaganfällen das Wasser leistet, lese man im dritten Teile nach. Ich bemerke hier nur noch, daß gerade mein Vorgänger im pfarrlichen Amte dreimal vom Schlage gerührt und nach dem dritten Male vom Arzt als lebensunfähig erklärt wurde. Das Wasser hat ihn nicht nur im Augenblicke gerettet, sondern noch mehrere Jahre seiner Gemeinde erhalten.
Die Fußbäder können kalt und warm zur Anwendung kommen.
besteht darin, daß man1–3 Minuten bis an oder über die Waden in kaltem Wasser steht.
BeiKrankheitendienen kalte Bäder vornehmlich dazu, das Blut von Kopf und Brust abwärts zu leiten; sie kommen indessen meist nur in Verbindung mit anderen Anwendungen vor, zuweilen in Fällen, in denen Ganz- oder Halbbäder von den Patienten verschiedener Ursachen wegen nicht ertragen werden.
BeiGesundenbezwecken sie Auffrischung (Entziehung der Mattigkeit) und Kräftigung und sind Landleuten insbesondere zur Sommerszeit anzuraten, wenn nach anstrengenden, sehr ermüdenden Tagen nachts der Schlaf sich nicht einstellen will. Sie ziehen die Müdigkeit aus, bringen Ruhe und guten Schlaf.
kann auf verschiedene Art genommen werden.
a) In warmes Wasser von 25–26°R.bringt maneine Hand voll Salzund die doppelte QuantitätHolzasche. Nach gehöriger Mischung benützt man das Fußbad ungefähr 12–15 Minuten.
Zuweilengebe ich — es muß solches stets besonders verordnet werden — so ein Fußbad mit einer Temperaturbiszu 30°, jedoch stets mit darauffolgendemkaltenFußbad von der Dauer einer halben Minute.
Die Fußbäder dienen vortrefflich überall da, wo wegen Kränklichkeit, Gebrechlichkeit, mangelnder Körperwärme usw. strenge und kalte Mittel nicht leicht gebraucht werden können, da zu geringe oder gar keine Reaktion stattfindet, d. h. das kalte Wasser wegen Blutmangels zu wenig Wärme entwickelt.
Es sind die eigentlichen Fußbäder fürschwächliche,blutarme,nervöse,sehr junge und sehr alte, vorherrschend fürFrauens-Personenund erweisen sich sehr wirksam bei allenStörungen im Blutumlaufe,bei Kongestionen,Kopf-undHalsleiden,Krämpfenusw.
Sie leiten, ziehen das Blut nach den Füßen und wirken beruhigend.
Solchen, die anFußschweißleiden, empfehle ich dieselbennicht.
Bei unserem Landvolke sind diese warmen Fußbäder allbekannt und deren Wirkungen, wie der häufige Gebrauch zeigt, allgemein bekannt.
b) Ein heilkräftiges Fußbad ist dasHeublumen-Fußbad.
Man übergießt („schwellt an“) eine kleine Schürze (3–5Handvoll) Heublumen[5]mit strudelndem Wasser, deckt das Gefäß zu und läßt die ganze Mischung bis zu der angenehmen Fußbadwärme von 25–26°R.erkalten.
Es istganz gleichgültig, ob die Heublumen selbst im Fußbade verbleiben, oder ob nach Entfernung derselben der Absud allein zur Verwendung komme. Gewöhnliche Leute lassen der Einfachheit und Zeitersparnis wegen in der Regel alles beisammen.
Diese Fußbäder wirkenauflösend,ausleitendundstärkendund dienen sehr gut beikrankenFüßen, des weiteren beiFußschweißen,bei offenen Schäden,bei Quetschungen aller Art(ob durch Schlag, Stoß, Auffallen usw. entstanden, ob blutend oder blutunterlaufen), beiGeschwülsten, bei derFußgicht,bei Verknorpelungenan und beiFäulnis zwischen den Zehen, beiNagelgeschwüren, beiVerletzungendurch zu enge Schuhe usw. Im allgemeinen kann gesagt werden:diese Fußbäder dienen all jenen Füßen vortrefflich, deren Säfte mehr krankhaft und zur Fäulnis neigend als frisch und gesund sind.
Ein Herr litt entsetzlich an der Fußgicht. Er schrie vor Schmerzen. Ein solches Fußbad mit Fußwickel, der in den Absud getaucht war, benahm nach einer Stunde die gräßlichen Schmerzen.
c) An das Heublumenfußbad schließt sich enge an dasHaberstrohfußbad.
In einem Kessel werde Haberstroh eine halbe Stunde lang gesotten und der Absud zu einem Fußbade von 25–26°R.verwendet, in dem man 20–30 Minuten aushält.
Nach meinen Erfahrungen sind diese Fußbäderunübertroffen, wenn es sich umAuflösung aller möglichen Verhärtungenan denFüßenhandelt. Sie dienen somit beiVerknorpelungen,Knotenusw., den Folgen von Gicht,Gliedersucht, Podagra, beiHühneraugen,bei eingewachsenen faulenden Nägeln, bei durch Gehen entstandenenHitzblattern.Selbst offene, eiternde Füße und durch zu scharfen Fußschweiß verwundete Zehenkönnen in diesem Fußbade behandelt werden.
Ein Herr schnitt sich das Hühnerauge aus. Die Zehen entzündeten sich; einbösartigesGeschwür ließ an Blutvergiftung denken. Täglich drei Haberstrohfußbäder und bis über die Fußknöchel reichende Fußwickel, in solchen Absud getaucht, heilten den Fuß innerhalb vier Tagen.
Einem Kranken drohten sämtliche Zehen eines Fußes wegzufaulen. Geschwülste, dunkelblau gefärbt, legten wiederum die Besorgnis vor Blutzersetzung nahe. Die Fußbäder und Fußwickel halfen in kurzer Zeit wieder auf die Beine.
In manchen Fällen verordne ich bei den genannten Fußbädern (man lese die einschlägige Stelle bei: „Warmes Vollbad“ S. 57) wie bei den warmen Vollbädern dendreimaligen Wechsel. Den Abschluß bildet auch hier wie dort das Kalte. Eine stete Ausnahme bildet jedoch das oben unter a erwähnte 25 bis 26° warme Fußbad mit Beigabe von Asche und Salz. Dasselbe hat den Zweck, das Blut in verstärkter Weise von oben nach unten zu ziehen und daselbst zu verteilen. Wer auf dieses warme Fußbad also noch ein kaltes folgen ließe als Abschluß, der würde das stark nach den Füßen geleitete Blut abermals von unten nach oben zurückschrecken, und es würde dasselbe keineswegs mehr in so ausgiebiger Menge in die Füße hinabfließen, in der es durch das warme Wasser mit Asche und Salz hinabgezogen wurde. Die erste, gewollte Wirkung würde auf diese Art wenigstens teilweise aufgehoben und der Zweck vereitelt. Auf das warme Fußbad mit Beigabe von Asche und Salz folgt also nie ein kaltes.
d) An eine besondere Art von Fußbädern, die mehr fester als tropfbar flüssiger Natur sind, möchte ich hier nur erinnern. Wer in die Möglichkeit ihres Gebrauches gesetzt ist, verschmähe dieselben nicht! Ich habe sie oft, sehr oft mit großem Erfolge angewendet.
Man lege in ein Gefäß (Fußkübel) den nochwarmen Malztreber. Die Füße bohren sich leicht ein und fühlen sich in der wohltuenden Wärme bald heimisch. Das Bad kann 15 bis 30 Minuten währen. — Noch stärker wirken die Trebern der Weintrauben. Das sogenannte „Trebernhocken“ ist in den Weingegenden beim Volke bekannt und das Trebernbad von den Landleuten als sehr günstig wirkend erprobt.
Wer anRheumatismus,Gichtoder ähnlichen Übeln leidet, wird die Heilwirkung am besten spüren.
EineBemerkung, welchefür sämtliche Fußbädergilt, ist folgende: Bei Personen, die mitKrampfadernbehaftet sind, sollen die Fußbäder nie weiter alsbis zu den beginnenden Wadenreichen und die Temperatur von 25°R.nicht übersteigen.
Fußbäder miteinfachem warmem Wasser, ohne jede Beimischung, nehme und verordneich nie.
Im allgemeinen verstehe ich unter Halbbädern jene Bäder, welche den Körper im höchsten Falle bis zur Mitte des Unterleibes, ungefähr bis zur Magengegend herauf bespülen, aber sehr oft unter diesem höchsten Wasserstande bleiben. Ich mußte einMitteldinghabenzwischendenVollbädern, die mir zu viel,und zwischendenFußbädern, die mir zu wenig bieten. Für dieses Mittelding wählte ich mit Verlaub den Namen Halbbäder.
DieAnwendungkommt indreifacherArt vor:
1.ins Wasser stehen, so daß dieses reicht bis über die Waden oder über die Knie;
2.ins Wasser knien, so daß die ganzen Schenkel mit ins Wasser kommen;
3.ins Wasser sitzen. Die dritte Art nur verdient mit Recht den Namen deseigentlichen Halbbades; es reicht bis zur Mitte des Unterleibes, bis in die Nabelgegend.
Alle drei Anwendungen, diestets nur in kaltem Wasservorgenommen werden, zählen in erster Linie mit zu denAbhärtungsmitteln. Sie betreffen demnachGesunde, die noch stärker,Schwächlinge, die stark,Rekonvaleszenten, die vollends gesund und stark werden wollen. InKrankheitsfällenmußihr Gebrauch speziell undausdrücklich vorgeschriebensein, sonst soll man damit keine Versuche anstellen, sie könnten unter Umständen nicht gut ausfallen.
Bei jeder Art des Verwendens, sie betreffe Gesunde oder Kranke, ist die AnwendungstetseineTeilanwendung, d. h. sie kommt nur in Verwendung mit anderen Anwendungen vor und darf dieGebrauchszeit ½–3 Minutennie übersteigen.
Die Nummern 1 und 2, ins Wasser stehen und ins Wasser knien, habe ich bei solchen Personen, diean Kraftdurch die verschiedensten Ursachengänzlich heruntergekommenwaren, beim Beginne der Wasserkur stets mit großem Erfolge angewendet. Ich will diese Ursachen nicht nennen, sondern nur andeuten, daß es viele gibt, welche den Druck des Wassers bei Vollbädern anfangs ohne die unangenehmsten Folgen nicht ertragen können. Man gehe über diesen Punkt nicht mit vornehmem Naserümpfen oder mit Lachen hinweg. Ich wäre gerne bereit, nicht einige, nein, Hunderte von schlagenden, lebendigen Beispielen aus den verschiedensten Klassen und Ständen anzuführen. Gerade solche (wegen zu großer Schwäche und Armseligkeit) Kranke haben mich auf diese zwei Anwendungen gebracht; ihr Zustand erforderte diese diskrete, maß- und rücksichtsvollste Wasserbehandlung — manchmal durch lange Wochen hindurch, so lange, bis sie mehr gekräftigt auch mehr aushalten konnten.
Alszweite abhärtende Übungwird mit beiden Nummern gewöhnlich verbundendas Eintauchen der Arme bis zu den Achseln(s.AbhärtungsmittelS. 29). NebenStählung der Naturverordne ich diese eine ganze (aus zwei Teilanwendungen bestehende)Anwendung speziell gegen kalte Füße.
DieNummer 3, das eigentliche Halbbad ist wohl zu beachten; ich empfehle dieses allenGesundenauf das eindringlichste. DieUnterleibsschwächenundUnterleibskrankheiten— und deren Zahl ist Legion, deren Ursache im Grunde nur eine: Mangel an Abhärtung, Verweichlichung — werden durch sie im Keime erstickt, die schon seßhaften beseitigt. Diese Halbbäderkräftigen den Unterleib,erhalten und mehren die Kraft. Tausende und Tausende von Menschen tragen eine, zwei, mehrLeibbindenund anderes. Machen die es besser? Oft schlimmer; sie binden die Verweichlichung, das Gebrechen erst recht sozusagen in den armen Leib hinein. Man probiere einmal langsam, aber entschieden unser Halbbad! Die Klagen überHämorrhoiden,Windkolik,Hypochondrie,Hysterieusw. werden sich in Bälde bedeutend mindern, Übel, die jetzt im kranken und geschwächten Unterleib ihr geistverrückendes Spiel treiben.
Gesunden gebe ich den Rat, sie sollen morgens beim Aufstehen den Oberkörper waschen, nachmittags oder abends sodann unser Halbbad nehmen. Haben sie zur Waschung in der Frühe keine Zeit, so mögen sie im Halbbade selbst die Waschung des Oberkörpers (der Brust und des Rückens) vornehmen.
Über den Gebrauch der einen oder anderen unserer drei Anwendungen in Krankheitsfällen mögen Beispiele ein Wort sagen.
Ein junger Mann wurdedurch den Typhus derart geschwächt, daß er zu jeder Arbeit unfähig war. Längere Zeit hindurch kniete er jeden 2. oder 3. Tag 1, später 2–3 Minuten ins Wasser.
Er erholte sich von Woche zu Woche mehr und wurde kräftig wie früher.
Jemand leidet anheftigen Kongestionen, die vom Unterleibe (es kommt dieses häufig vor) ausgehen. Er wäscht den einen Tag den Oberkörper kräftig ab, den andern Tag kniet er ins Wasser. So setzt er es eine geraume Zeit fort und wird frei.
Magenleiden, die von Blähungen, verhaltenen oder versessenen Winden herrühren, werden ebenso geheilt.
Das Austreiben solcher Gase, die nach Krankheiten zu den belästigendsten Übeln gehören können, ist ein Spezifikum, d. i. eine ganz besondere Wirkung unseres Halbbades.
Die Sitzbäder kommenkaltundwarmzur Verwendung.
wird in folgender Weise genommen.
Die eigens für die Sitzbäder gefertigte Sitzbadewanne (Fig. 2) oder in deren Ermangelung das weite, nicht tiefwandige Gefäß aus Holz, Blech oder Zink (Fig. 3) wird zum vierten oder fünften Teile etwa mit Kaltwasser angefüllt. In diese Wanne setzt man sich ausgekleidet wie auf einen Stuhl derart, daß der halbe Unterleib bis in die Nierengegend und die obere Hälfte der Schenkel in das Wasser kommen. Die andere Schenkelhälfte gegen die Knie zu und die Füße kommen außer Wasser zu stehen (Fig. 4). Wer schon einige Praxishat, braucht sich nicht ganz auszukleiden. Die Dauer eines Bades beträgt einehalbe bis drei Minuten.
Fig. 2.Fig. 3.Fig. 4.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Fig. 4.
Fig. 4.
Diese kalten Sitzbäder gehören nebst den Halbbädern zu denbedeutsamstenundwirksamsten Anwendungen speziell für den Unterleib. Sie sindLuft(Gas)ausleitend, die schwacheVerdauungund denStuhlgang befördernd, den Blutumlauf regelnd, stärkend und deshalb bei Bleichsucht, Blutflußundähnlichen Zuständen,bei Unterleibsgebrechen der delikatesten Artnicht genug zu empfehlen. Niemand braucht die naßkalte, nur 1–2 Minuten dauernde Anwendung zu fürchten. Gut und nach Vorschrift ausgeführt kann dieselbe niemals schaden.
UmErkältungen vorzubeugen, umgefeit,gekräftigt,unempfindlichzu werdengegen den häufig so arg mitspielenden Temperaturwechsel, nehme man öfters solche Sitzbäder, am bestennachts vom Betteaus. Man erwacht zu irgend einer Stunde, steigt schnell ins Sitzbad (das Auskleiden bleibt erspart) und sofort, ohne abzutrocknen, wieder ins Bett. Vor oftmaligem Gebrauche hintereinander möchte ich jedoch warnen, weil dadurch das Blut zu sehr in die Sitzteile geleitet wird und so Hämorrhoiden großgezogen werden; 2–3 mal in der Woche geht an.
Wemder gesunde ruhige Schlaffehlt, schon beim Beginn der Nachtruhe,wer nachts aufwacht und nicht wieder einschlafen kann, wer überhaupt anSchlaflosigkeitleidet, benütze fleißig das kalte Sitzbad. Die Sitzungen während je 1–2 Minutenbenehmen die Aufregungund verschaffen angenehme Ruhe.
Ein Patient vermochte geraume Zeit hindurch selten länger als 1–2 Stunden zu schlafen und wälzte sich, alle möglichen Gedanken aufgreifend, in immer tiefere Aufregung hinein. Diese Bäder brachten ihm den heißersehnten Gast.
Wer in der Frühe mit eingenommenem Kopfe,wer matter aufsteht, als er zur Ruhe ging: beiden rate ich dringend diese Anwendung.
Auch allen Gesunden sei dieselbe hiemit nochmals aufs wärmste empfohlen.
bereite ich niemals mit warmem Wasser allein. Dasselbe ist bei mir stets entweder
a) einZinnkraut-Sitzbadoderb) einHaberstroh-Sitzbadoderc) einHeublumen-Sitzbad.
a) einZinnkraut-Sitzbadoderb) einHaberstroh-Sitzbadoderc) einHeublumen-Sitzbad.
DieZubereitungder drei Bäder geschieht auf eine und dieselbe Weise. Man gießt strudelndes Wasser über das Kraut und läßt die Mischung auf dem Feuer eine Zeit aufkochen. Sodann rückt man das Kochgefäß aus der Hitze weg, läßt den Absud samt dem Kraut abkühlen, bis er die Badetemperatur von 24 bis 26°, selten 30°R.erreicht hat, und schüttet beides, Absud und Kraut, in die bereitstehende Sitzbadewanne. So ein Sitzbad darf eine Viertelstunde währen, und da es schade wäre, den Absud alsdann wegzugießen, lasse ich denselben noch zu zwei weiteren Anwendungen benützen. Die eine geschieht 3–4 Stunden später als die erste, die andere eine Stunde später als die zweite Anwendung, beide im kalten Absude, je zu 1–2 Minuten.
Solche Kräutersitzbäder erlaube ichwöchentlich höchstens zwei- bis dreimal, öfters nur im Wechsel mit kalten oder in Fällen, wo es sich um dieHeilung eines tief eingewurzelten Übels handelt, wie bei hervorragenden Hämorrhoidalleiden, bei Mastdarmfisteln, Blinddarmbeschwerden und ähnlichem.
Bruchleidendebrauchen sich durch ihr Gebrechen von der Benützung dieser Bäder nicht abhalten zu lassen.
a) DasZinnkraut-Sitzbaddient speziell und hauptsächlich beikrampfhaften, rheumatischen Zuständen der Nieren und der Blase, beiGries-undSteinleiden, beiBeschwerden im Urinieren(Wassermachen).
b) DasHaberstroh-Sitzbadist ein vorzügliches Bad bei allengichtischen Leiden.
c) DasHeublumen-Sitzbadhat mehrallgemeine Wirkungund wird in Ermangelung von Zinnkraut und Haberstroh bei allen oben angeführten Unterleibsleiden angewandt, wenn auch weniger wirksam. Gute Dienste hat es mir stets geleistet bei derAuflösungvonAnstauungenim Unterleibe, bei der Behandlung vonäußeren Geschwülsten,Geschwüren(Gürtelausschlag),bei hartem Stuhlgang,bei Hämorrhoiden,bei krampfhaften und kolikartigen Erscheinungen(Windkolik).
Auch diese Bäder werden unterschieden in kalte und warme Vollbäder. Jede Art dient sowohl den Gesunden als den Kranken.
kann aufzweifacheWeise genommen werden: entweder steht oder liegt manmit dem ganzen Körper in das kalte Wasser, in die Badewanne; oder man geht, um den fühlbaren Druck des Wassers auf die Lunge zu vermeiden (obgleich nie eine Gefahr ist), nurbis unter die Armeins Wasser, so daß die Lungenspitzen frei bleiben, und wäscht den Oberkörper mit der Hand oder einem rauhen Linnen (Handtuche) rasch ab.
Diekürzeste Dauereines solchen kalten Vollbades isteine halbe Minute, die längste, welche nicht überschritten werden soll,drei Minuten.
Auf diese meine Sonderanschauung werde ich im folgenden noch einige Male zurückkommen müssen. Hier stehe nur die Bemerkung, daß ich vor ungefähr 20 Jahren selbst noch anderer Meinung war, Bäder von längerer Dauer anriet und im Glauben lebte, die Wasserheilanstalten könnten von der besten Methode nicht weit abirren.
Die langjährige Erfahrung und die tägliche Praxis an mir und an anderen haben mich seit langer Zeit, wie ich glaube, eines Besseren belehrt. Diese Lehrmeisterinnen brachten mich zu der festen Überzeugung, daß bei Kaltwasserbädern der Grundsatz der richtige und wahre ist:
Je kürzer das Bad, desto besser die Wirkung.Wer eine Minute im kalten Vollbade bleibt, handelt klüger und sicherer als derjenige, welcher fünf Minuten darinnen bleibt.
Mögen Gesunde oder Kranke dieses Bad gebrauchen,ich verwerfe ein jedes,das über drei Minuten dauert.
Diese Überzeugung, die unzählige Tatsachen gebracht und seitdem bestätigt haben, macht es erklärlich, daß ich über die schroffen Anwendungen in Wasserheilanstalten, auch über das vielfach unüberlegte Baden zur Sommerszeit meine eigenen Anschauungen habe.
Was den letzten Punkt angeht, so gibt es Leute, welche einmal, ja zweimal im Tage je eine halbe Stunde und darüber im Wasser bleiben. Bei tüchtigen Schwimmern, die starke Bewegung machen und nach dem Baden gute, kräftige Nahrung zu sich nehmen können, sage ich weniger. Die kräftige Natur wird schnell ersetzen, was das Bad ihr genommen. Den Landratten aber, die ohne rechte Bewegung wie mühsam gehende Schildkröten eine halbe Stundeim Wasser herumkriechen, nützt so ein Badmartyrium nicht nur nichts (die Reinigung der Hautwäsche hätten sie billiger haben können), es schadet, und wenn es öfters, gar zu oft wiederkehrt, schadet es viel: derlei Bäder machen schlaff und müde. Statt daß sie der Natur, dem Organismus nützen, ziehen sie ihn aus; statt daß sie kräftigen und nähren, zehren sie.
Öfters kamen mir von bekannter und unbekannter Seite Warnungen zu des Inhalts, ich möchte doch bedenken, daß die Anwendung des kalten Wassers gleichbedeutend sei mit Wärme-Entziehung, daß Wärme-Entziehung blutarmen Personen sehr schade und die Nervenreizbarkeit in hohem Grade steigere.
Ich unterschreibe jedes Wort, wenn es sich um allzu schroffe Anwendungen der oben beschriebenen Art handelt; meine Anwendungen aber, an dieser Stelle die kalten Vollbäder, empfehle ich vorerst allen Gesunden zu jeder Jahreszeit, im Sommer und Winter, und behaupte, daß gerade diese Bäder zur Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit wesentlich beitragen; sie reinigen die Haut, befördern die Hauttätigkeit, erfrischen, beleben und stärken den ganzen Organismus. Im Winter sollen die Bäder in der Woche die Zahl zwei nicht leicht überschreiten; eines genügt alle acht, unter Umständen alle vierzehn Tage.
Noch zwei Punkte seien hier berührt.
Eine wichtige Rolle im Gesundbleiben spielt dasAbgehärtetsein gegen die verschiedenen Einflüsse, den Wechsel der Temperatur(Witterung, Jahreszeiten). Unglücklich der Mensch, dem jeder Windhauch, jedes Lüftchen die Lunge, den Hals, den Kopf verdreht, der das ganze Jahr aufmerken muß, wie heute und morgen die Windfahne gerichtet ist. Dem Baum in der freien Natur kann es gleichgültig sein, ob Sturm, ob Windstille, ob Hitze, ob Kälte herrscht. Er trotzt Wind und Wetter, er ist abgehärtet. Der Gesunde probiere unser Bad, er wird dem starken Baume gleichen.
Ein Grund der Angst und Besorgnis vor den Kaltwasser-Anwendungen ist vielen sehr schwer zu benehmen; ich möchte denselben bezeichnen alsdie fixe Ideevonder Wärme-Entziehung. Die Kälte schwächt und muß schwächen, sagen sie, wenn nicht auf deren Anwendung alsbald das Gefühl der Wärme folgt. Ganz gewiß, ich stimme bei, aber ich behaupte entgegen, daß, abgesehen von der vielen Bewegung, die nach unseren Grundsätzen mit jeder Anwendung von kaltem Wasser strenge und vorschriftsmäßig verbunden ist, unsere Kaltwasserbäder der Natur die Wärme nicht rauben, vielmehr dieselbe erhalten und pflegen. Statt allem die Frage: Wenn ein geschwächter, durch fortwährendes Stubensitzen verweichlichter Mensch, welcher zur Winterszeit nur im äußersten Notfalle noch einen Ausgang wagen darf, durch die Bäder oder durch die Waschungen auf einmal so abgehärtet ist, daß er ohne Furcht bei jeder Witterung ausgeht, die empfindsame Kälte selbst kaum mehr empfindlich spürt, muß bei einem solchen die Naturwärme nicht gewonnen haben? Sollte dieses alles Schein und Trug sein?
Ein Beispiel von vielen möge doch hier Platz finden!
Ein hoher Herr, über 60 Jahre alt, war wasserscheu aufs äußerste. Seine größte Sorge bei Ausgängen bestand darin, ja nicht eines der unentbehrlichen Wollstücke zu vergessen; alle möglichen und unmöglichen Erkältungen usw. könnten ja die Folge solch’ unverzeihlicher Vergeßlichkeit sein. Der Hals des Herrn war vor allen andern Kopf-, Rumpf- und Gliederteilen so empfindlich, daß er ihn kaum mehr entsprechend zu pflegen, zu umhüllen wußte. Da kam der „Barbar“ dahinter. Mit einer gewissen Schadenfreude verordnete er unsere kalten Vollbäder. Der Herr gehorchte. Und die Folgen? Dieselben waren außerordentlich günstige. Nach wenigen Tagen schon vollzog sich die erste Häutung; dem ersten Woll- und Flanellhemd folgte bald das zweite und die Wollseile des Halses gingen bald denselben Weg. Jeden Tag, an dem er kein Vollbad nehmen konnte, hielt er für keinen geordneten Tag; so sehr stählte es fühlbar gegen Klima und Witterung. Und er nahm die Bäder nicht bloß im erwärmten Zimmer, er nahm dieselben im Oktober noch beim täglichen Spaziergange in einem Flusse, dessen kalte Wasser ihm willkommener waren als das Wasser der zu Hause stehenden Badewanne. —
Die Hauptfragen, die wir zu beantworten haben, sind folgende:
In welchem Zustande, in welcher Disposition (Beschaffenheit) muß der gesunde Körper sein, daß er solche kalte Vollbäder mit gutem Erfolge gebraucht? Ferner:
Wie langedarf ein Gesunder im Bade bleiben? Endlich:
Zu welcher Jahreszeit beginnt man am leichtesten diese Abhärtungskur?
Die gute Dispositionfür die kalten Vollbädererfordert wesentlich, daß der ganze Körper vollkommen warm sei.
Wer somitdurch den Aufenthaltimwarmen Zimmer,wer durch Arbeitenoder durchGehenvollständig durchwärmt ist, befindet sich in der richtigen Verfassung.
Wem kalt ist, wer an kalten Füßen leidet, wen fröstelt, der soll bei solchem Kältezustande nie ein kaltes Vollbad nehmen, er habe sich denn zuvor durch Gehen usw. gehörig erwärmt.
Umgekehrt:wer schwitzt,wer erhitzt(ich rede von gesunden Menschen),im größten Schweiße wie gebadet ist, nehme ruhig unser Vollbad.[6]
Kaum wird irgend etwas selbst von ruhigen, besonnenen, einsichtsvollen Männern so sehr gefürchtet, als in der Hitze, im Schweiße sich ins kalte Wasser zu begeben. Und doch, nichts ist schuldloser. Ja, ich stelle kühn die wohlüberlegte und langjährig erprobte Behauptung auf:Je ärger der Schweiß, um so besser, um so wirksamer das Bad.
Bei Unzähligen, die früher geglaubt hatten, es müsse sie bei solcher „Roßkur“ sofort der Schlag treffen, war nach einem einzigen Versuche, nach der ersten Probe alle Furcht, alle Angst, alles Vorurteil geschwunden.[7]
Wer hat denn je, wenn er schwitzend nach Hause kommt, wenn ihm der salzige Saft übers Gesicht rinnt und die Finger wie mit Klebstoff zusammengeleimt erscheinen, Bedenken und Furcht, Hände und Gesicht zu waschen, wohl auch noch Brust und Füße? Das tut ein jeder, denn es macht behaglich und wohl. Muß die Wirkung für den ganzen Körper — das ist die notwendige Folgerung — nicht dieselbe sein? Sollte eine Sache, dieeinzelnenTeilen vortrefflich zustatten kommt, für dieselben eine Wohltat ist, für dasGanzeein Nachteil, ein Verderben sein?
Ich glaube, die Angst vor der schädlichen Wirkung der kalten Bäder für Schwitzende rührt meistens her von der Wahrnehmung, daß Personen, die, von Schweiß triefend, plötzlich an die Kälte kommen oder der frischen Luft, besonders der Zugluft sich aussetzen, sich manchmal schon für ihr ganzes Leben gründlich verdorben haben. Das ist ganz wahr.
Ich gebe noch mehr zu, daß sich nämlich auch schon manche Schwitzende im kalten Wasser die Keime zu schweren Leiden holten. Was trägt die Schuld: der Schweiß oder das Kaltbad? Keines von beiden! Wie bei allem im Leben, so kommt es auch hier inerster Linie nicht auf das Was, sondern auf das Wie an, in unserem Falle, wie die Menschen im Schweiße das kalte Wasser gebrauchen. Mit dem einfachen Taschen- und Brotmesser kann ein Rasender namenloses Unheil anrichten. Unvernünftige Anwendung kann das höchste Gut in das größte Übel verkehren. Merkwürdig bleibt nur, daß man dann stets das Gut und nicht die zu verurteilenden Mißbräuche desselben verdammt.
Auf das Wie des Gebrauches also kommt es an. Wer in diesem Stücke seinem Kopfe nachgeht, der mag auch die Folgen, an denen er leichtfertigerweise selbst die Schuld hat, allein tragen.
Damit stehen wir bei der Beantwortung der zweiten Frage:Wie lange darf ein Gesunder im kalten Vollbade bleiben?
Ein Herr, dem ich wöchentlich zwei solcher Bäder verordnet hatte, kam nach 14 Tagen zu mir und jammerte, daß sein Zustand sich bedeutend verschlimmert habe, er sei wie ein Eisklumpen. Das Aussehen war sehr leidend, und ich begriff nicht, daß das Wasser mich auf einmal so im Stiche gelassen. Auf meine Frage, ob er die Anwendung genau nach Weisung gemacht, antwortete der Herr: „Aufs genaueste;ich habe noch mehr getan, als Sie befohlen haben; statt einer Minute bin ich fünf Minutenim Wasser geblieben, dann aber kaum mehr oder nicht mehr warm geworden.“ Er machte es die folgenden Wochen richtig und hatte in Bälde die frühere Naturwärme und Frische.
Dieser eine Fall illustriert (bildet ab) alle Fälle, in denen das Wasser geschadet haben soll. Nicht das Wasser, nicht die Anwendung fällt aus der Rolle; die unvorsichtigen und ungenauen Menschen sind die Missetäter. Wie nun aber einmal die Gewohnheit besteht, muß ihre Schuld das unschuldige Wasser tragen.
Wer das kalte Vollbad nimmt, kleide sich rasch aus und lege sich eine Minute in die bereitstehende Badewanne.Wer es im Schweiße nimmt, setze sich in die Wanne, d. h. gehe nur bis an die Magengegend ins Wasser und wasche sich schnell und kräftig den Oberkörper ab. Dann tauche er einen Augenblick bis zum Halse unter, gehe ungesäumt aus dem Wasser und kleide sich, ohne abzutrocknen, in tunlichster Eile an. Der Hand- oder Feldarbeiter kann sofort wieder seine Arbeit aufnehmen; andere müssen (mindestens eine Viertelstunde) so lange Bewegung machen, bis der Körper trocken und normal erwärmt ist. Ob dieses im Zimmer oder im Freien geschieht, bleibt sich ganz gleich; ich für meine Person gebe selbst im Herbst und Winter stets der frischen Luft den Vorzug.
Was du tust, mein lieber Leser, das tue vernünftig und überschreite nie das rechte Maß! Auchdie Anwendung des Vollbades soll in der Woche die Zahl von drei in der Regel nicht übersteigen.
Wann soll ich am besten diese Bäder beginnen?
Die wichtige Arbeit, den Körper abzuhärten oder, was gleichbedeutend ist, ihn gegen Krankheit zu schützen, widerstandsfähig zu machen, kann nie früh genug begonnen werden. Fange gleich heute noch an, aber fange an mit leichteren (s.Abhärtungsmittel), nicht gleich mit schwereren Übungen! Du könntest sonst leicht den Mut verlieren! — Unsere kalten Vollbäder wirst du beginnen können, wenn du kräftig bist, vielleicht nach kurzer Vorbereitung, wenn du schwach bist, unter Umständen erst nach längerer Vorübung.
Es ist dieses ein sehr wichtiges Kapitel. Nur nicht unvermittelt, plötzlich, mit den strengsten Mitteln etwas forcieren, erzwingen wollen! Das ist zum mindesten Unverstand.
Ein Arzt riet einem am Nervenfieber Erkrankten, er soll eine Viertelstunde ins kalte Wasser gehen. Der Kranke tat es, bekam aber darnach solchen Frost, daß er in Zukunft von einem solchen Heilbade natürlich nichts mehr wissen wollte, es verwünschte und verfluchte. Die Erklärung des Sachverständigen ging einfach dahin: nach solchen Erfahrungen sei klar, man könne bei dem Kranken das Wasser nicht ferner in Anwendung bringen, der Kranke sei im übrigen verloren. Mit diesem Todesurteil kam man zu mir. Ich gab den Rat, der Aufgegebene solle doch nochmal das Wasser probieren, aber statt einer Viertelstunde nur zehn Sekunden (hinein und hinaus) im Wasser bleiben, der Erfolg müsse ein anderer sein. Gesagt, getan; in wenigen Tagen erholte sich der Kranke.
Bei derartigen Vorkommnissen drängte sich mir stets die Meinung auf, man wende das Wasserabsichtlichin solch’ schroffer, unbegreiflich gewalttätiger Weise an, um das Volk, anstatt mit Vertrauen, mit Schrecken vor diesem nassen Wauwau zu erfüllen. Ich bin ein sonderbarer Mensch, ich weiß es; drum wird man mir solche Einfälle nicht hoch anrechnen.
Solche, denen es ernst ist, mögen nach Anwendung der Abhärtungsmittel zuerst noch die Ganzwaschungen (s.Waschungen) beginnen und dieselben, wenn sie das Waschenvor Schlafengehen nicht aufregt und wach erhält, abends vor dem Bettgehen, sonst in der Frühe beim Aufstehen vornehmen. Abends verliert man gar keine Zeit auch früh ist in einer Minute alles fertig. Wer nichtgleich zu tüchtiger Handarbeit oder in kräftige Bewegung kommt, soll sich nochmals (bis zur Trocknung und Erwärmung) ein Viertelstündchen niederlegen.
Diese Übung, wöchentlich zwei- bis viermal vorgenommen, was genügt, oder täglich praktiziert, bildet die beste Vorbereitung zu unserem kalten Vollbade. Man versuche es nur einmal! Dem ersten Unbehagen wird bald ein bis ins Innerste hinein wohltuendes Behagen folgen, und was früher gescheut und gefürchtet war, wird bald fast Bedürfnis werden.
Ein mir bekannter Herr ging 18 Jahre hindurch allnächtlich in sein Vollbad. Ich hatte es ihm nicht vorgeschrieben; aber er wollte die Übung durchaus nicht lassen. In den 18 Jahren war er keine Stunde lang krank.
Andere, die in einer Nacht zwei- bis dreimal in die Badewanne stiegen, mußte ich zurückhalten, es ihnen verbieten. Wäre die Übung sie hart oder unausstehlich angekommen, wie man so oft ausschreit und ausheult, sie hätten es sicherlich bleiben lassen. —
Wer es mit der Abhärtung, mit der Erhaltung seiner Gesundheit, mit seiner Kräftigung ernst meint, fasse das kalte Vollbad recht ins Auge,[8]lasse es aber bei dem guten Vorsatze allein nicht bewenden.
Kräftige Völker, Geschlechter, Familien sind stets treue Freunde des kalten Wassers, gerade unseres Vollbades gewesen. Je mehr unser Zeitalter den Charakter und Namen des verweichlichten bekommt, um so höhere Zeit ist’s, zurückzukehren zu den gesunden, natürlichen (nicht verkünstelten und unnatürlichen) Anschauungen und Grundsätzen der Alten.
Noch gibt es manche, besonders hochadelige Familien, angesehene Männer, welche gerade unsere Wasseranwendung gleichsam als Haustradition und als ein zur Gesundheitspflege überaus wichtiges Erziehungsmittel ansehen und ihrem Stamme, ihren Nachfolgern gesichert wissen wollen.
Wir brauchen uns also unserer Sache nicht zu schämen.
Bei Beschreibung der einzelnen Krankheiten (im dritten Teile) wird genau angegeben werden, wann und wie oft es zur Verwendung kommen soll. Nur einige Bemerkungen von mehr allgemeiner Natur mögen hier ihre Stelle finden.
Eine kräftige Natur, ein gesunder Organismus ist imstande, die Krankheitsstoffe, welche sich ansetzen wollen, selbst auszuscheiden.Dem kranken und durch Krankheit geschwächten Körper muß man beispringen, ihn unterstützen, daß er anfange, diese Arbeit selbst wieder zu tun. Vielfach geschieht diese Unterstützung durch das kalte Vollbad, das in solchem Falle als vortreffliche Krücke oder Stab, alsKräftigungsmitteldient.
DieHauptanwendungfindet es indessen bei den sogenannten „hitzigen Krankheiten“, d. h. bei all’ jenen Krankheiten, welche als Vorboten und Begleiter heftige Fieber haben. Die Fieber von 39–40° und darüber sind am meisten zu fürchten; sie rauben alle Kraft, brennen die Hütte des menschlichen Körpers gleichsam elendiglich nieder. Mancher, den die Krankheit verschont, wird ein Opfer der Schwäche. Zusehen und Zuwarten, was sich aus einem so schrecklichen Feuerbrande wohl entwickeln möge, scheint mir bedenklich und folgenschwer zu sein. Was soll da „alle Stunden einen Eßlöffel voll“, was das teuere Chinin, was das wohlfeile Antipyrin, was die giftige Digitalismixtur, deren Folgen für den Magen wir alle kennen? Medikamente sind und bleiben bei solchen Bränden doch recht schwache Hilfs- oder Fieberstillungsmittel. Was sollen endlich jene künstlichen Berauschungsmittel, die man dem Kranken eingibt oder einspritzt, die ihn in der Tat berauschen, daß er nichts mehr weiß, nichts mehr fühlt, nichts mehr empfindet? Ganz abgesehen vom moralischen und religiösen Standpunkte ist es wahrlich erbärmlich, so einen halb eingeschlummerten, vielmehr berauschten Kranken zu sehen, wie er daliegt mit entstellten Zügen, mit verdrehten Augen. Wird das helfen? Bei solchem Fieberfeuer hilft gar nichts als das Löschen. Feuer und Brände löscht man mit Wasser, den allgemeinen Körperbrand, wo gleichsam alles in hellen Flammen steht, am gründlichsten durch das Vollbad. Bei jedem neuen Aufflackern, d. h. so oft die Hitze, die Bangigkeit groß wird, vielleicht im Anfange des Fiebers jede halbe Stunde erneuert, wird es, früh genug angewendet, bald Herr des Feuers sein (s.Entzuendungen,Scharlach,Typhusu. a.).
Früher schon hörte ich, daß man in großen allgemeinen Krankenhäusern für arme Kranke, welche das teuere Chinin nicht auftreiben konnten, häufig die Badewanne gebrauchte, in den letzten Zeiten durchlief manche Zeitungen die mir freudige Kunde, daß man besonders in großen Militärspitälern Österreichs wieder angefangen habe, gewisse Krankheiten wie den Typhus mit Wasser zu behandeln. Warum, so möchte ich fragen, nur den Typhus? Warum nicht mit logischer Notwendigkeit all’ jene Krankheiten, die als giftige Früchte aus den Fieberpilzen hervorwachsen? Wer A sagt,muß B sagen. Mit Spannung warten viele auf das B, darunter auch manche Leute vom Fach.
Eine Bemerkung, die vielleicht besser bei den Waschungen stünde, möge gleichwohl hier sich anreihen. Nicht alle Kranken sind imstande, die Vollbäder zu benützen; manche sind vielleicht schon derart geschwächt, daß sie weder selbst sich heben und wenden, noch aus dem Bette gehoben werden können. Müssen solche Kranke der Kaltwasseranwendung verlustig gehen? Durchaus nicht. Unsere Wasser-Anwendungen sind so mannigfaltig, und jede einzelne Anwendung hat wieder so viele Grade und Stufen, daß der Gesündeste wie der Schwerkranke das für ihn und seinen Zustand Passende finden kann. Nur darum handelt es sich, die Anwendung gut auszuwählen.
Für einenSchwerkranken, der wegen zu großer Schwäche unfähig ist, die kalten Vollbäder zu gebrauchen, dienen als Ersatz die Voll- oder Ganzwaschungen, die bei jedem, auch dem schwächsten Kranken leicht im Bette vorgenommen werden können. Wie sie zu geschehen haben, sehe man bei den Waschungen. Sie werden wie die Vollbäder so oft wiederholt, als der Hitze- oder Bangigkeitszeiger einen hohen Grad, eine hohe Ziffer aufweist.
Gerade bei solchen ans Bett gefesselten Schwerkranken hüte man sich doppelt vor dem großen Fehler einer zu schroffen Anwendung. Man würde stets das Übel ärger machen.
Ich könnte jemanden nennen, der elf Jahre bettlägerig und ebensolange Zeit in ärztlicher Behandlung war. Auch Wasser-Anwendungen waren versucht worden; alles scheiterte. Nach der Heilung dieser Person, die in sechs Wochen erfolgte, erklärte der Arzt selbst, die Sache komme ihm wie ein Wunder vor. Er besuchte mich persönlich und wollte wissen, was denn geschehen. Der ganze Hergang sei ihm um so unbegreiflicher, als nach seinem Dafürhalten nicht mehr die geringste Tätigkeit in dem Körper vorhanden war und seine sämtlichen Anwendungen mit Wasser ohne Erfolg blieben. Ich nannte dem Herrn den einfachen Hergang und die noch einfacheren Wasserübungen. Wir beide sahen ein, einen glimmenden Kienspan löscht man nicht mit der Feuerspritze aus; sein Wasser war zu schroff, das meinige sachte, langsam, den Fassungskräften des elenden Körpers entsprechend zur Anwendung gekommen.
Mich hat es oft erbarmt, daß man hören und lesen muß, wie in manchen Anstalten und Häusern Leute zehn, zwanzig und mehr Jahre das Bett nie mehr verlassen können. Das sind bedauernswürdige Geschöpfe. So etwas begreife ich übrigens nicht und habe es nie begriffen, ganz wenige Ausnahmefälle abgerechnet; es hat ja auch die heilige Schrift ihren 38jährigen Kranken. Ich bin der festen Überzeugung, daß gar vielen dieser Betthüter und Betthüterinnen durch die einfachsten, mit Ausdauer und Pünktlichkeit fortgesetzten Wasseranwendungen wieder auf die Beine zu helfen wäre.
dient wie das kalte für Gesunde und Kranke.
Die Art und Weise, wie esgenommenwird, ist einezweifache.
Man steigteinmalin die mit Warmwasser so hoch angefüllte Badewanne (a), daß das Wasser den ganzen Körper überspült, kein Teil bloß, d. i. über Wasser, liegt. In dem Bade verweilt man 25–30 Minuten, dann geht man rasch in eine danebenstehende Wanne (b), die kaltes Wasser enthält, und taucht bis an den Kopf, nicht mit dem Kopfe, unter, oder in Ermangelung dieser zweiten Badewanne wäscht man den ganzen Körper möglichst rasch kalt ab. In einer Minute muß das kalte Bad, die kalte Waschung fertig sein. Schnell, ohne abzutrocknen, wirft man sich in die Kleider und macht bis zur völligen Trocknung und Erwärmung Bewegung (mindestens eine halbe Stunde) im Zimmer oder im Freien. Landleute können ruhig und sofort wieder zur Arbeit zurückkehren. Das Badewasser hat bei diesem ersten Bade eine Temperatur von 26–28°, bei älteren Personen von 28–30°R.Ichrate, mit einem Thermometer, das man leicht bekommt, mit Vorsicht und genau zu messen. Es genügt nicht, das Quecksilberröhrchen hineinzustecken ins Warme und sofort wieder herauszuziehen, dasselbe muß einige Zeit im Wasser belassen werden. Erst das Ruhigstehen des flüssigen Silbers gibt an, daß gut und lange genug gemessen sei. Wer immerdas Bad bereiten mag, nehme es mit der Bereitung und der damit verbundenen Verantwortungernst. Gleichgültigkeit und Schlendrian sind nirgends weniger am Platze als bei derart wichtigen Diensten der Nächstenliebe.