Neuntes Kapitel.

[3]Diese Vorliebe für Papier scheint auf Neuseeland, denn um dieses handelt es sich oben, traditionell zu sein. Ein neuseeländischer Häuptling sagte einmal zu dem Forscher Earle, indem er den Geschmack von Menschenfleisch rühmte: »Menschenfleisch ist weich wie Papier!«[4]Hier folgen die Schilderung der Umschiffung des Nordkaps und die Daten der Fahrten bis zum 10. Januar. Die Beschreibung ist zu sehr nur technischer Natur, als daß sie allgemein interessieren könnte.[5]die nach ihrem Entdecker die Cookstraße genannt wird.

[3]Diese Vorliebe für Papier scheint auf Neuseeland, denn um dieses handelt es sich oben, traditionell zu sein. Ein neuseeländischer Häuptling sagte einmal zu dem Forscher Earle, indem er den Geschmack von Menschenfleisch rühmte: »Menschenfleisch ist weich wie Papier!«

[3]Diese Vorliebe für Papier scheint auf Neuseeland, denn um dieses handelt es sich oben, traditionell zu sein. Ein neuseeländischer Häuptling sagte einmal zu dem Forscher Earle, indem er den Geschmack von Menschenfleisch rühmte: »Menschenfleisch ist weich wie Papier!«

[4]Hier folgen die Schilderung der Umschiffung des Nordkaps und die Daten der Fahrten bis zum 10. Januar. Die Beschreibung ist zu sehr nur technischer Natur, als daß sie allgemein interessieren könnte.

[4]Hier folgen die Schilderung der Umschiffung des Nordkaps und die Daten der Fahrten bis zum 10. Januar. Die Beschreibung ist zu sehr nur technischer Natur, als daß sie allgemein interessieren könnte.

[5]die nach ihrem Entdecker die Cookstraße genannt wird.

[5]die nach ihrem Entdecker die Cookstraße genannt wird.

Neuseeländische Sitten. — Die Ursache des Kannibalismus. — Gastfreundliche Prostitution. — Zeitehen. — Abscheuliche Tänze. — Die Frauen. — Die Religion.

Am 14. befanden wir uns dem Schneegebirge gegenüber; am 16. entdeckten wir eine größere Insel, der ich Banks' Namen gab; am 25. segelten wir bei heftigem Nordnordostwind an einem Kap vorüber, dem Kap Saunders; am 4. März erblickten wir einige Walfische; am 10. März endlich befanden wir uns an der südlichsten Spitze von Neuseeland, die ich das Südkap taufte. Von hier steuerte ich nach Westen.

Das westliche Kap lag in einer Breite von 45 Gr. 54 Min. und in einer Länge von 193 Gr. 17 Min. Wir hatten hier die Nacht über beigelegt und gingen um 4 Uhr des Morgens mit einem gelinden Südsüdostwindnach Norden hin wieder unter Segel. Man kann sich unmöglich eine rauhere, schroffere und ödere Gegend vorstellen als das felsige Land, das sich während dieser ganzen Fahrt nordwärts unsern Blicken bot. Endlich erreichten wir die Insel, die ich bei der Einfahrt in den Königin-Charlotten-Sund erblickt hatte; wir hatten also das ganze Land umschifft. Nun war der große Tag des Abschieds gekommen. Wir beschlossen über Neuholland (Australien) und Ostindien nach England zurückzukehren. In dieser Absicht gingen wir am 31. März 1770 bei Tagesanbruch unter Segel.

Abel Jansen Tasman hat Neuseeland am 13. Dezember 1643 zuerst entdeckt. Weil er aber in der Bai, der er den Namen Mörderbai gab, von den Eingeborenen angegriffen wurde, so ging er nicht ans Land. Man weiß jetzt, daß dieses Land, das man vielfach für den Teil eines südlichen festen Landes gehalten hatte, aus zwei großen Inseln besteht, die durch eine 4–5 Seemeilen breite Straße voneinander getrennt sind. Die nördliche dieser Inseln wird von den Eingeborenen Eaheinomauwe, die südliche Tavai Poenammoo genannt. Die Neuseeländer sind ungewöhnlich groß, kräftig, muskulös, ungemein tätig und rührig, und nicht so fett und träge wie die üppigen Bewohner der Südsee-Inseln. Die Frauen haben fast männliche Gesichtszüge; allein um so sanfter und lieblicher ist ihre Stimme, an der man sie erkennt, denn die beiden Geschlechter tragen dieselbe Tracht. Männer und Frauen sind sanftmütig und höflich; sie verkehren miteinander auf das zärtlichste und liebreichste.Gegen ihre Feinde jedoch sind sie grausam und unversöhnlich.

Das Hauptnahrungsmittel der Neuseeländer sind Seefische. Der Hunger treibt die Stämme aus dem Innern des Landes an die Küste, deren Bewohner also gezwungen sind, fortwährend um ihre älteren Besitzrechte zu kämpfen. Daher die befestigten Dörfer an der Küste, daher der Kannibalismus. Der Hunger war es, der den Sieger zwang, den Leichnam des Erschlagenen zu verspeisen; und die Rachsucht ist es, die den Satten veranlaßt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auf diese Weise hat sich unter den Neuseeländern der Gebrauch eingebürgert Menschenfleisch zu essen. Der Hunger ist hier tatsächlich die Ursache aller Greuel, die Ursache, daß ein an sich sanftmütiges Volk nicht nur dem Kannibalismus huldigt, sondern auch dem Kriege ergeben und geneigt ist, jeden Fremden für seinen Feind anzusehen. So waren die Neuseeländer auch stets bereit uns anzugreifen, doch beugten sie sich fatalistisch unsrer Überlegenheit. Als sie aber erkannten, daß wir unsre Macht nicht mißbrauchten, da wurden sie unsre ergebenen Diener und Freunde.

Die Schamlosigkeit unserer Freunde auf Otahiti in ihrer ganzen naiven Verderbtheit ist den Neuseeländern fremd. Diese beobachten in ihren Gesprächen und Handlungen ebensoviel Wohlanstand, als man unter den gesitteten Völkern antreffen kann. Die ziemlich üppigen, buhlerischen und sehr koketten Neuseeländerinnen waren weder spröde noch unerbittlich, allein sie knüpften an ihre Gunst die Bedingungder Abschließung einer sogenannten Zeitehe. Dieser Vertrag war unerläßlich. Wenn irgendeiner von unsern Leuten einem jungen Mädchen einen Antrag machte, so machte sie ihn darauf aufmerksam, daß er die Einwilligung ihrer Eltern einholen müsse und ihnen das übliche Geschenk zu bringen habe. Diese Ehe auf ein paar Stunden oder Tage wurde von den jungen Frauen für so ernst und heilig genommen wie jede wirkliche Ehe. Einer von unsern Reisenden wandte sich an einen Häuptling wegen einer seiner Töchter und erhielt folgenden Bescheid: »Ein jedes von unsern jungen Mädchen wird es sich zur Ehre anrechnen, daß Sie sich die Mühe geben um sie anzuhalten. Sie müssen mir aber zuvor ein anständiges Geschenk machen und alsdann kommen und bei uns am Lande übernachten, denn das Sonnenlicht darf ja nicht Zeuge von dem sein, was zwischen Ihnen beiden vorgeht.«

Die Neuseeländer baden des viel kälteren Klimas wegen nicht so häufig wie die Tahitiindianer. Das Ekelhafteste an ihnen ist jedoch das ranzige Fischöl, mit dem sie ihr Haar einfetten. Dadurch riechen sie so übel wie die Hottentotten. Auch sind ihre Köpfe, obschon sie sich Kämme zu machen verstehen, nicht rein von Ungeziefer. Die Männer tragen den Bart kurz; das Haupthaar binden sie auf dem Kopfwirbel zusammen und verzieren es mit Federn. Die Frauen tragen meist das Haar lang und lassen es frei über die Schulter hängen. Auch verunstalten sich Männer und Frauen mit Tätowierungen und einer greulichenSchminke, dem Bergrot, womit sie Gesicht und Körper reichlich bemalen.

Die Frauen sind weniger eitel auf ihre Kleider als die Männer; aber im Gegensatz zu den Frauen auf Otahiti legen sie ihre Kleider nur dann ab, wenn sie baden oder ins Wasser gehen, um Krebse zu fangen, wobei sie Sorge tragen, von keinem Manne überrascht zu werden. Einige von uns landeten eines Tages auf einer kleinen Insel in der Toloyabai und überraschten zufälligerweise verschiedene Frauen und Mädchen beim Krebsfang. Aber die keusche Diana war gewiß nicht verschämter, als sie den neugierigen Aktäon erblickte, als die braunen Nymphen bei unsrer Annäherung. Ein Teil der Gesellschaft versteckte sich zwischen den Klippen, die übrigen duckten sich so lange ins Wasser, bis sie sich aus Seetang eine Art Schürze gemacht hatten. Als sie mit dieser Hülle dem Walde zu flüchteten, geschah es mit allen Zeichen holder Verwirrung und Schamhaftigkeit.

Der Kriegstanz der Neuseeländer besteht aus vielen heftigen Bewegungen und aus abscheulichen Verdrehungen des Körpers und der Glieder. Auch das Gesicht, das scheußlich verzerrt wird, spielt eine abschreckende Rolle. Die Zunge wird oft unglaublich lang herausgestreckt; die Augenlider werden so verzogen, daß das Weiße im Auge sichtbar wird. Kurzum, sie machen alles, um schrecklich, wild und furchtbar auszusehen. Dabei schwenken sie die Lanze, schütteln die Wurfspieße und hauen mit dem Pätuh-Pätuh wie besessen in der Luft herum. Der Kriegsgesang, den sie bei diesem gräßlichen Tanz anstimmen, ist zwarwild, aber doch nicht unangenehm. Jeder Vers wird mit einem lauten, seufzerähnlichen Gestöhne beendet, dessen Wirkung auf die Nerven dem Zweck des Angstmachens entsprechend ist. So abscheulich aber auch bei diesem Tanze die Gliederverrenkungen und die scheußlichen Drehungen des Körpers sein mochten, so sehr begeisterte uns der Umstand, daß alles dabei klappte und daß keiner unter den Tänzern aus dem Takte fiel. Wenn sie den Kriegstanz mit dem Ruder begleiteten, d. h. wenn oft hundert Ruderer mit ihrem Ruder gegen die Bootswand schlugen, so klang es wieeinSchlag. Ich habe nie gehört, daß irgendeiner vor- oder nachschlug. Genau so abgemessen waren auch die groteskesten Episoden des Tanzes selbst.

Die Lieder der Frauen, deren weiche, biegsame, melodische Stimmen uns auffielen, sind rührend sentimental und voll rhythmischer Schönheiten, aber unsagbar wehmütig und ergreifend innig. Wir waren in der Tat überrascht, unter den armen Wilden dieses öden Landes einen solchen Reichtum an Tönen, an Melodien zu finden, deren Gemütstiefe und Ausdrucksschönheit an die schönsten Volkslieder unsrer Heimat erinnert; sie atmen Schmerz und Trauer!...

Ich will noch erwähnen, daß die Neuseeländer die Schädel ihrer erschlagenen und aufgespeisten Gegner zu schauderhaften Schmuckgegenständen verzieren; sie setzen ihnen falsche Augen ein, präparieren den Haarboden derart, daß die Haare nicht ausfallen, und schmücken sie mit Ohrgehäng.

Es scheint, daß die Frauen auf Neuseeland wenigergeachtet sind als die Frauen auf Otahiti. Wenigstens sagte es Tupia, und er äußerte sich darüber sehr mißbilligend. Näheres konnten wir nicht ermitteln. Wir sahen Männer und Frauen zusammen speisen, sahen die Frauen fischen, weben und kochen. Das war alles. Wie also Tupia zu seinem Urteil kam, wurde uns nicht recht verständlich. Auch über die Religion der Neuseeländer erfuhren wir nicht viel. Sie glauben an einen höchsten Gott und an Untergötter; von der Entstehung der Welt und der Schöpfung des ersten Menschen haben sie dieselbe Meinung wie die Eingeborenen von Otahiti. Doch schien Tupia in seiner Religion aufgeklärter und entwickelter zu sein. Er predigte den Neuseeländern wiederholt, und es fehlte ihm nie an Zuhörern, die ihm so ehrerbietig und aufmerksam zuhörten, daß wir ihnen herzlich gern einen bessern Lehrer gewünscht hätten. Sonst erfuhren wir nichts davon, wie sie ihre Götter ehrten; auch entdeckten wir keine Morais. Ebensowenig erfuhren wir Näheres über die Art der Bestattung ihrer Toten. Im Norden sagte man uns, manbegrabedie Toten; im Süden, man werfe sie ins Meer. So viel aber ist gewiß, daß wir nirgends ein Grab entdecken konnten, und daß die Neuseeländer alles, was ihre Toten betraf, mit dem größten Geheimnis umgaben. Nur die Körper der Überlebenden zeugten von einem Totenkult. Denn wir entdeckten fast an allen Männern und Frauen jene tiefen Narben, die von den Wunden herrührten, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer Verwandten beigebracht hatten. Wir fanden diese Trauerwunden noch frisch, waren sogar Zeugen davon,wie sich eine Trauernde Arme, Beine und Busen verwundete; ein Leichenbegängnis indessen bekamen wir merkwürdigerweise nicht zu sehen.

Gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Sprache von Neuseeland und der von Otahiti lassen darauf schließen, daß beide Völker von ein und demselben Urvolk abstammen. Beide Völker haben auch eine gemeinsame Sage, nach der ihre Ahnen vor langen Jahren aus einem Lande, das beide Hiwije nennen, eingewandert sind. Auch konnte sich Tupia überall verständlich machen. Die Verwandtschaft wird noch größer, wenn wir die Ähnlichkeit der Sprache berücksichtigen; so haben die Neuseeländer und die Otahiti-Insulaner dasselbe Wort für die meisten Begriffe. Bei beiden heißt z. B. Taata: Mann; Eupo: der Kopf; Erai: die Stirn; Mata: die Augen, usw. usw. Uns schien jedoch aus verschiedenen Ursachen die Annahme, daß die gemeinsamen Stammeltern der beiden Inselvölker etwa aus Amerika gekommen wären, nicht berechtigt zu sein.

Unsre Entdeckungsfahrt hat den Beweis dafür erbracht, daß sich im Süden von Ozeanien kein festes Land befindet. Es kann keinen großen südlichen Weltteil geben. Hingegen gibt es noch eine Menge unbekannter Inseln, die bisher von keinem europäischen Schiffe besucht worden sind...

Entdeckung der australischen Ostküste. — Die Macht der Feuerwaffen. — In der Botanybai. — Gefährliche Havarie. — Wir retten das Schiff.

Am 28. März erblickten wir Land[6]. In der Nacht segelten wir der Küste entlang nach Norden. Sobald der Tag anbrach, sahen wir eine Bai. Da sie gegen Winde geschützt zu sein schien, so nahm ich mir vor, mit dem Schiff einzulaufen. Wir kamen denn auch etwa zwei Seemeilen von der Einfahrt in sechs Klaftern Wasser vor Anker. An dieser Stelle hatten wir die südliche Landspitze der Bai im Südosten und die nördliche im Osten. Während der Einfahrt hatten wir daselbst einige Hütten und eine Anzahl Eingeborene gesehen; unter der südlichen Landspitze bemerkten wir vier kleine Kähne mit je einem Mann an Bord. Die vier waren mit der Fischjagd beschäftigt und so eifrig bei der Arbeit, daß sie uns nicht bemerkten, obwohl wir in einer Entfernung von kaum einer englischen Viertelmeile an ihnen vorübersegelten.

Der Ankerplatz des Schiffes lag einem kleinen, ungefähr aus acht Hütten bestehenden Dorfe gegenüber. Als wir das Boot freimachten, sahen wir eine alte Frau in Begleitung von drei Kindern aus dem Gehölze kommen. Sie trug eine Ladung Brennholz. Am Dorfe kamen ihr noch drei Kinder entgegen. Während sie im Freien Feuer anmachte und mit denVorbereitungen zur Herrichtung eines Mahles beschäftigt war, blickte sie zwar oft nach dem Schiffe aus, schien aber völlig unbesorgt zu sein. Unterdessen kamen auch die Fischer mit ihren Kähnen zurück, landeten, zogen ihre Kähne an das Land und kochten sich ihr Essen. Von uns nahmen sie kaum Notiz. Die vier Männer gingen wie die Kinder völlig nackt; selbst die Frau trug nicht einmal ein — Feigenblatt. Um die Mittagszeit ließ ich die Boote bemannen, und wir ruderten direkt nach dem Dorfe hin, überzeugt, daß uns die Wilden, die unsre Anwesenheit so gleichgültig ließ, die Landung nicht streitig machen würden. In dieser Erwartung sahen wir uns getäuscht; denn kaum waren wir in der Nähe der Felsen, als zwei von den Männern, die mit langen Lanzen und Keulen bewaffnet waren, herankamen, uns in ihrer rauhen, übeltönenden Sprache die Landung verboten und entschlossen Vorbereitungen zur Verteidigung ihrer Küste trafen. Ich bewunderte ihren Mut und versuchte sie durch Zeichen und kleine Geschenke freundlicher zu stimmen.

Die Wilden hoben zwar die Nägel und Glaskorallen, die ich ihnen zuwarf, mit Vergnügen auf, widersetzten sich aber ebenso energisch unsrer Landung. Ich feuerte einen Schreckschuß gegen sie ab. Allein sie begannen daraufhin Steine gegen uns zu schleudern. Wir feuerten sodann einen Schrotschuß ab, der den einen von ihnen in die Beine traf; er rannte sofort nach einer der Hütten. Wir stiegen unterdessen ans Land. Kaum waren wir aus dem Boote, als der Verwundete mit seinem Schilde zurückkam und mitseinem jüngern Gefährten ein paar Lanzen gegen uns schleuderte, die zum Glück niemand verwundeten. Ich ließ einen zweiten Schrotschuß gegen die tapfern Burschen abfeuern, worauf sie dann flüchteten. Da Herr Banks von vergifteten Waffen sprach, so hielt ich es nicht für ratsam, die beiden in den Wald verfolgen zu lassen. Wir gingen aber nach den Hütten hin und fanden in einer von ihnen die Kinder hinter Schilden und Baumrinden versteckt. Wir begnügten uns jedoch damit, einige verstohlene Blicke auf sie zu werfen und die Knirpse in dem Wahn zu lassen, als hätten wir sie nicht bemerkt. Beim Weggehen legten wir Bänder, Glaskorallen, kleine Stücke Tuch und andre Geschenke hin, nahmen aber sämtliche Lanzen, etwa fünfzig an der Zahl, als Siegesbeute mit. Die Lanzen waren sechs bis fünfzehn Fuß lang und hatten gleich einer Fischgabel vier Zinken. Als wir die Kähne untersuchten, fanden wir, daß sie von allen, die wir bisher untersucht hatten, die primitivsten waren und aus Baumrinde bestanden, die in der Mitte durch hineingeklemmte Knüppel auseinandergehalten wurde, an den beiden Enden aber zusammengezogen und gebunden war. Wir suchten hierauf nach frischem Wasser, fanden aber nichts. Nachdem wir die eroberten Lanzen an Bord verbracht hatten, ruderten wir zur nördlichen Landspitze der Bai hinüber, wo wir bei unsrer Einfahrt eine Horde Wilder erblickt hatten, fanden sie aber verlassen. Am andern Morgen entdeckten wir einen kleinen Bach und ergänzten hier unsern Wasservorrat.

Das Dorf war verlassen. Unsre Geschenke lagenunberührt da. Als jedoch die Holzfäller und unsre Wasserleute eine Pause machten und an Bord zurückkehrten, erschien ein Dutzend Wilder, die unsre Fässer anstaunten und dann ihre Kähne in Sicherheit brachten. Am Nachmittag erschien ein Trupp bewaffneter Eingeborener in der Nähe der Wasserstelle, war aber nicht zum Näherkommen zu bewegen. Am Abend fing ich mit den Herren Banks undDr.Solander mit dem großen Netz in wenigen Zügen drei Zentner Fische, die unter das Schiffsvolk verteilt wurden. Am folgenden Morgen erschienen die Wilden wieder in ihrem Dorf. Wir hörten sie laut rufen und sahen sie auch am Strande. Kurz darauf zogen sie sich in ihre Wälder zurück, wo sie an verschiedenen Stellen Feuer anzündeten.

An diesem Abend verschied der Matrose Forby Sutherland. Am nächsten Morgen beerdigten wir ihn an der Wasserstelle. Zu seinem Andenken taufte ich die südliche Spitze der Bai Sutherland-Point. Kurz darauf trat ich mit den Herren Banks undDr.Solander und sieben Leuten der Besatzung eine Forschungsreise an. Wir fanden viele Hütten und Lagerplätze der Wilden, begegneten aber niemand. Die Kühnheit, womit uns die Wilden bei unsrer Landung begegneten, und die namenlose Furcht, mit der sie jetzt bei unserm Herannahen zu flüchten und sich zu verkriechen pflegten, standen in gewaltigem Gegensatz. Wir erklärten diese Wandlung mit der Wirkung unsrer Schußwaffen, die sie von ihren Verstecken aus aufmerksam beobachteten.

Die große Menge verschiedenartiger Pflanzen,die die Herren Banks undDr.Solander hier sammelten, gab mir Veranlassung, die Bai die Botanybai zu nennen; sie liegt in der südlichen Breite von 34 Grad und in der westlichen Länge von 208 Grad 37 Minuten. Sie ist geräumig, sicher und bequem. Die Anwohner der Bai, die uns zu Gesicht kamen, gingen splitternackt; sie schienen nicht zahlreich zu sein und lebten in vereinzelten Familien. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Muscheln, Krebse und Fische. Von ihrer Lebensweise konnten wir nichts erfahren, da sie sich uns fernhielten.

Am 6. Mai 1770 segelten wir aus der Botany-Bai hinaus und steuerten bei leichtem Nordwestwind, der sich bald nach Süden drehte, nach Nordnordost längs der Küste hin. Am Mittag befanden wir uns einem Hafen gegenüber, den ich Port Jackson taufte. Je weiter wir uns von der Botanybai entfernten, desto gebirgiger wurde das Land; die Aussicht zeigte abwechselnd Berg und Tal, Hügel und Ebenen, die ziemlich waldreich waren. Wir hatten bereits 1300 englische Seemeilen ohne Unfall an einer gefährlichen, klippenreichen Gegend zurückgelegt. An einem Kap, das in der südlichen Breite von 16 Grad 6 Minuten und in der westlichen Länge von 214 Grad 39 Minuten liegt, sollte uns das Verhängnis erreichen. Es war am späten Abend, als wir fast plötzlich in 12, 10 und 8 Klafter Wasser gerieten. Um 10 Uhr fanden wir 20 Klafter; alle Gefahr schien beseitigt und wir begaben uns zur Ruhe. Um 11 Uhr nahm die Tiefe plötzlich wieder bis auf 7 Klafter ab; das Schiff saß kurz danach fest und senkte und hob sich knirschendmit den Wellen. Dadurch aber schlug es nur um so heftiger auf die schroffen Spitzen der Klippe, worauf es gestrandet war. In ein paar Sekunden befand sich alles auf Deck, und jeder las aus den Mienen der andern die Größe der Gefahr ab, in der wir schwebten. Jeder wußte, daß wir fern von der Küste auf eine Korallenklippe aufgelaufen waren und nur durch ein Wunder gerettet werden konnten. Ich ließ sogleich die Segel reffen, die Boote aussetzen und das Wasser sondieren. Unsre Lage war verzweifelt genug: die Wellen hatten das Schiff über den Rand der Klippe gehoben und in eine Vertiefung eingeklemmt. Wir warfen die Anker am Hinterteil aus, wo tiefes Wasser war, und versuchten das Schiff mit der Schiffshaspel loszuwinden, aber es war nicht von der Stelle zu bringen. Dabei schlug es unaufhörlich auf, und beim Mondschein sahen wir Bretter von der Schiffswand und zuletzt auch den Afterkiel abschwimmen. Ein jämmerlicher Anblick, der uns so erschütterte, daß wir die See bereits als unser Grab betrachteten.

Indes war es nicht an der Zeit solchen Gedanken nachzuhängen. Wir ließen das Wasser aus den Fässern laufen und heraufpumpen. Sechs Kanonen, die auf dem Verdeck standen, unsern Ballast an Eisen und Steinen, Fässer, Krüge usw. warfen wir über Bord. Jedermann arbeitete unermüdlich und mit aller Energie, und keinem, selbst dem Rohesten nicht, entfuhr dabei ein Fluch. Mit einem Dankgebet begrüßten wir den jungen Tag. Wir sahen jetzt, daß wir etwa 8 Seemeilen vom Land entfernt waren. Zum Glück trat nun eine Windstille ein; bei starkem Winde wäredas Schiff in Stücke zerschellt. Als die Flut wieder eintrat, führten wir die Anker wieder aus, um den Versuch zu erneuern, das Schiff, falls es durch die Flut flott würde, über die Klippe zu heben. Allein zu unserm Entsetzen war die Flut am Tage niedriger als in der Nacht; wir mußten also die Mitternachtsflut abwarten und den Tag über mit zwei Pumpen das eingedrungene Wasser aus dem Schiff pumpen.

Um 5 Uhr des Abends bemerkten wir, daß die Flut sich einstellte, wir machten aber auch gleichzeitig die fürchterliche Entdeckung, daß das Leck sich immer mehr vergrößerte. Wir mußten unsre letzte Pumpe in Aktion treten lassen. Um 9 Uhr richtete sich das Schiff wieder auf. Das Leck hatte sich aber so vergrößert, daß wir befürchten mußten, nach dem Flottbringen des Schiffes dem sofortigen Untergang geweiht zu sein. Wir wußten wohl, daß weder die Anzahl noch die Größe unsrer Boote ausreichte, uns alle ans Land zu führen. Wir wußten, daß, wenn jener fürchterliche Augenblick da war, ein entsetzlicher Kampf um die Boote entstehen würde. Wir wußten aber auch, daß das Los der Unglücklichen, die mit dem Schiffe ihren Untergang finden mußten, im Vergleich mit dem Schicksal, das die Schiffbrüchigen in diesem wilden Lande erwartete, beneidenswert war. Wer das vor Augen hatte, der kann von sich sagen, daß er den Tod in seiner fürchterlichsten Gestalt kennengelernt hat. Als der Augenblick sich näherte, der über unser Schicksal entscheiden sollte, konnte jeder das, was er selber fühlte, auf dem Gesichte seiner Leidensgefährten ausgedrückt finden.

Inzwischen wurden so viele Leute, als beim Pumpen entbehrlich waren, an die Winde und den Haspel gestellt. Ungefähr 20 Minuten nach 10 Uhr wurde das Schiff flott. In demselben Augenblick wurden Winde und Haspel mit der äußersten Kraft angezogen. Dadurch wurde das Schiff von der Klippe glücklich in tiefes Wasser hinabgehoben. Zu unsrer Freude fanden wir, daß das Schiff hier nicht mehr Wasser einließ als auf der Klippe. Und mit neuem Mut kämpfte die Mannschaft an den Pumpen die ganze Nacht hindurch mit dem eindringenden Wasser. Nach vierundzwanzigstündigem Ringen aber ermatteten auch die Tapfersten unter uns, und selbst die Mutigsten verzweifelten an der Rettung.

Die Leute waren so übermüdet, daß sie es kaum länger als fünf Minuten an den Pumpen aushalten konnten; sie fielen auf dem nassen Verdeck sofort in tiefen Schlaf, aus dem man sie zur Ablösung rütteln mußte. Als sich am Morgen herausstellte, daß das Wasser im Schiffsraum nachgelassen hatte, schöpfte jeder wieder neuen Mut und arbeitete mit frischen Kräften. Um 8 Uhr des Morgens lichteten wir die Anker, wobei wir den kleinen Buganker und das Kabeltau des Stromankers einbüßten. Doch waren das in unsrer jetzigen verzweifelten Lage Kleinigkeiten, um die sich niemand bekümmerte.

Um 11 Uhr bekamen wir Wind von der See her, gingen glücklich wieder unter Segel und steuerten dem Lande zu.

Durch beständiges, eifriges Pumpen hielten wir das Schiff zwar über Wasser, aber auf die Dauer wardiese schwere Arbeit unmöglich. Einer meiner Unteroffiziere schlug mir vor, das Schiff zu »füttern«, ein Mittel, durch das es einem Kauffahrteischiff möglich war, von Virginien nach London zu fahren. Gleichzeitig erbot er sich, das Schiff auf diese Weise zu füttern. Ich gab ihm dazu die nötigen Mittel und Gehilfen, und er ging nun in der Weise vor, daß er einen Brei aus Wolle und den Fasern von aufgedrehten Seilen mischte, diesen Brei an einem leeren Segel befestigte, alles mit Schafsmist und Dünger bedeckte und dann das Segel unter dem Schiffsboden bis zum Leck hinzog, den es so bedeckte und füllte, daß eine Pumpe genügte, um das Wasser zu bewältigen. Wir faßten jetzt neuen Mut.

Als wir in der Nacht vor Anker gingen, fanden wir, daß das Schiff in einer Stunde ungefähr 15 Zoll Wasser einließ. Das bedeutete keine unmittelbare Gefahr. Um 6 Uhr morgens hoben wir den Anker und steuerten langsam auf das Land zu. Die Pinasse brachte am Abend die Nachricht, daß ungefähr zwei Seemeilen weit unter dem Wind hin ein Hafen liege, der so beschaffen sei, daß dort das Schiff zur Reparatur ans Land oder auf die Seite gelegt werden könne.

Auf diese Nachricht hin hob ich morgens in der Frühe den Anker. Zwei Boote mußten vorausrudern und hatten Befehl, sich zur Sicherheit des Schiffes auf die Untiefen zu legen, die wir auf unserm Wege sahen. Als dies geschehen war, segelten wir dem Hafen zu, wobei wir trotz unsrer Vorsicht in Untiefen gerieten. Um diese Zeit fing der Wind an immer stärker zu wehen.

Es war ein Glück für uns, daß der Hafen so nahe war, denn das Schiff parierte dem Steuer nicht mehr. Auch hatten wir die Gefahr noch nicht ganz überwunden, denn wir waren von Untiefen umgeben. Ich ließ daher Anker auswerfen und steckte im Kanal Ankerwächter aus, um mich beim Einlaufen danach richten zu können. Ich fand die Einfahrt sehr schmal und auch den Hafen bedeutend enger als ich geglaubt hatte, sonst aber wie geschaffen für unsre Zwecke. Den ganzen Tag und die Nacht über stürmte es so heftig, daß wir nicht wagen durften in den Hafen einzulaufen; bei all unsrer Freude über unsre Errettung durften wir doch nicht vergessen, daß eine Handvoll Wolle die Scheidewand zwischen uns und dem Tode bildete. Der Sturmwind hielt am 15. den ganzen Tag über an, auch am 16. setzte er wieder ein, als wir im Begriff waren den Anker zu lichten.

Wir hatten am Abend nicht weit vom Strand ein Feuer erblickt; ein Zeichen, daß die Gegend bewohnt war. Wir hofften daher mit den Eingeborenen in Verbindung zu treten. Auch heute erblickten wir mehrere Feuer und sahen durch unsre Ferngläser vier Indianer, die diese Feuer anzündeten. Der Zweck der Feuer war uns natürlich ein Rätsel. Der Skorbut begann sich unter uns auszubreiten. Tupia klagte über Schmerzen im Gaumen und bekam gelbblaue Flecken an den Beinen. Auch Herr Green war sehr krank. Am 17. lichteten wir die Anker und eilten dem Hafen zu. Das Schiff geriet dabei zweimal auf Grund. Das erste Mal wurde es ohne Mühe wieder flott, das zweite Mal nur mit Hilfe der Flut, worauf wir esan Seilen in den Hafen zogen und an der Südseite an einer Stelle, wo der Strand sehr steil war, festlegten. Am Morgen des 18. wurde eine Brücke vom Schiff bis zum Strande gebaut und wurden am Strande zwei Zelte aufgeschlagen. Das eine war für die Kranken, das andre war für die Schiffsvorräte bestimmt, die sofort ausgeladen wurden. Kaum war das Krankenzelt aufgeschlagen, so schickte ich unsre Kranken, acht an der Zahl, ans Land. Auch fertigte ich ein Boot zum Fischfang ab; leider kam es leer zurück. Tupia angelte seine Fische selbst und lebte davon. Der Erfolg blieb nicht aus, denn er genas sehr schnell, während Herr Green andauernd gefährlich krank blieb. Die bergige Gegend war trostlos unfruchtbar und öde, die Ebene sumpfig und mit Mangrovebäumen bedeckt.

Am folgenden Morgen ließ ich die vier Kanonen, die uns übriggeblieben waren, aus dem Schiffsraum heraufbringen und auf den Überlauf pflanzen. Hierauf transportierten wir allen Ballast und die Schiffsschmiede ans Land; am Nachmittag wurden die Vorräte der Offiziere und die unterste Reihe der Wasserfässer ausgeschifft, so daß im untersten Schiffsboden nichts als die Kohlen zurückblieben.

Herr Banks war inzwischen über das Revier hinaus auf die andre Seite des Hafens hinübergegangen; er traf hier große Flüge Tauben an, von denen er etliche schoß, die ungemein schön waren.

Am 20. wurden der Pulvervorrat und der Steinballast ans Land geschafft. Dadurch wurde das Schiff so erleichtert, daß es vorne nur noch 8 Fuß 10 Zoll und hinten 13 Fuß tief im Wasser lag. Ich ließdann die Kohlen vom Vorderteil des Schiffes, um diesen zu heben, nach dem Hinterteil verbringen. Dabei zeigte sich, daß das Leck unter dem Kohlenraum war; wir konnten hören, daß das Wasser ein wenig hinter dem Fockmast, ungefähr drei Fuß vom Kiel entfernt, hereinschoß.

Ich mußte mich also dazu bequemen, den ganzen Schiffsraum leeren zu lassen. Am 21. nachmittags um 4 Uhr war diese Arbeit geschehen, worauf wir das Schiff an Seilen an eine Stelle hinzogen, wo es meines Erachtens am bequemsten ans Land gelegt und das Leck verstopft werden konnte. Vorne lag es nunmehr 7 Fuß 9 Zoll, hinten 13 Fuß 6 Zoll tief im Wasser. Um 8 Uhr während der Flut ließ ich das Vorderteil herumwenden und fest aufs Ufer ziehen. An verschiedenen Stellen des Schiffsbodens entdeckten wir glatte Löcher; das Hauptleck aber war merkwürdigerweise durch den Felsen, der es verursacht hatte, wieder verstopft worden, indem das betreffende Stück vom Felsen abgebrochen und zum Glück für uns in dem Loche steckengeblieben war.

Wir fanden bei dieser Untersuchung aber auch, daß die Fütterung diejenigen Ritzen des Lecks, die das Felsenstück offengelassen hatte, größtenteils verstopft hatte. Wir waren also wie durch ein Wunder gerettet worden, denn das Leck war so groß, daß uns ohne diese glücklichen Umstände alle Schiffspumpen der Welt nicht vor dem Untergang gerettet hätten. Bei der ferneren Besichtigung entdeckten wir noch, daß das Schiff auch sonst an seinem Boden beträchtlich Schaden genommen hatte; vom Afterkiel fehlte einTeil, auch waren Vordersteven und Hauptkiel stark beschädigt. Das Hinterteil des Schiffes schien nicht viel gelitten zu haben.

Um 9 Uhr gingen die Zimmerleute und Schmiede an ihre Arbeit, während die Seesoldaten zur Taubenjagd abkommandiert wurden. Bei dieser Gelegenheit entdeckten sie das Känguruh und, was für uns momentan wichtiger war, einen Quellbach mit frischem Wasser. Mit dem großen Netze fingen wir, obschon die See im Hafen von Fischen wimmelte, nur drei Fische. Der Zimmermann war mit den Ausbesserungen an der Steuerbordseite fertig; wir neigten also das Schiff auf die andre Seite und zogen es aus Furcht, es möchte auf dem Grunde sitzen bleiben, 2 Fuß tiefer ins Wasser. Am Abend erzählte ein Matrose, er hätte den Teufel gesehen, und er beschrieb uns eine — Riesenfledermaus.

Am 24. besserten die Schiffszimmerleute die Haut (d. i. die äußeren Bretter) unter dem Backbordbug aus, und da fand sich denn, daß auch zwei von den innern Planken durchgerieben waren. An diesem Tage sah ich zum ersten Mal ein Känguruh. Ich ließ während der Ebbe das Hinterteil des Schiffes untersuchen. Dabei stellte es sich heraus, daß die Haut durchgescheuert und der innere Boden gefährdet war. Dem konnte aber nur durch eine gründliche Ausbesserung im Dock, wozu wir leider nicht in der Lage waren, abgeholfen werden; ich veranlaßte daher die möglichen Notausbesserungen. Der 25. wurde zum Wassereinnehmen, zur Besichtigung der Taue usw. bestimmt.Auch wurden die Schiffszimmerleute an diesem Tage mit ihren Arbeiten fertig.

Die Herren Banks undDr.Solander benützten diesen Tag zu botanischen Exkursionen im Walde; sie entdeckten dort Kohlbäume, Kokos und einen Wildrenettenapfel, der nach Lagerung von einigen Tagen eßbar wurde und wie eine mittelmäßig gute Pflaume mundete. Am folgenden Morgen fingen wir an, das Hinterteil des Schiffes zu entlasten. Der Schmied fuhr unverdrossen in seiner Arbeit fort, während der Zimmermann das Schiff kalfaterte. Am Vormittag ruderte ich in der Pinasse den Hafen hinauf, um zu fischen; ich fing aber nur 20–30 Fische, die ich an die Kranken und Rekonvaleszenten austeilte. Die nächsten Tage war der Fischfang so ergiebig, daß auf jeden Mann etwa 5 Pfund Fische kamen. Die eingesammelten Gemüse ließ ich mit Erbsen kochen; dieses Gericht in Verbindung mit delikat zubereiteten Fischen war uns allen ein kulinarischer Genuß ersten Ranges.

Am 1. Juni gab ich dem ganzen Schiffsvolk Landurlaub. Die Ausflügler sahen wohl viele Tiere, konnten aber keines erlegen. Da ich bei einem Ausflug auf den an der südlichen Landspitze gelegenen Berg die Küste mit Bänken und Untiefen wie besät fand, so erteilte ich dem Steuermann den Auftrag, die Untiefen zu untersuchen und zu sondieren, ob es gegen Norden nicht einen Kanal gebe, in dem wir sicher auslaufen könnten. Auch an diesem Tage bekamen wir das Schiff trotz angestrengtester Versuche nicht flott. Der Steuermann dagegen brachte gute Nachricht zurück; er hatte tatsächlich einen Kanal zwischen denUntiefen entdeckt, der nach der hohen See führte. Die Bänke bestanden aus Korallenfelsen; viele davon waren, wie er mir erzählte, während der Ebbe außer Wasser. Er selbst war auf eine solche Klippe gestiegen und hatte dort eine Anzahl großer Muschel- und Schalentiere gesammelt, die so groß waren, daß von einem solchen Tiere zwei Mann mehr als satt wurden. Er erzählte, daß er in einer Bai im Norden, drei Seemeilen von uns entfernt, einige Eingeborene bei der Abendmahlzeit überrascht hätte, die bei seinem Erscheinen sofort geflohen wären.

Am nächsten Tag endlich gelang es uns, das Schiff flottzubekommen. Da jedoch gleichzeitig eine Planke zwischen den Verdecken losriß und dieser Schaden sofort ausgebessert werden mußte, so mußten wir das Schiff wieder ans Land legen. Am nächsten Morgen ließ ich den Ballast im Schiff wieder segelrecht verteilen, und am Nachmittag ließ ich das Schiff selbst mit Hilfe der Flut auf eine Sandbank legen und während der Ebbe ausbessern, worauf es zur Flutzeit wieder flottgemacht wurde. Wir machten es dann segelfertig. In dieser Zeit fand Herr Banks am Strand eine Menge angeschwemmter Früchte. Am 6. unternahm er mit Herrn Gore und drei Matrosen einen größern Ausflug, von dem er erst am 8. nachmittags zurückkehrte. Während der Nacht waren die Ausflügler derart von Moskitos geplagt worden, daß sie nicht schlafen konnten. Kurz nach Anbruch des Tages erblickten sie einige Känguruhs. Zu Mittag kehrten sie nach dem Boote zurück und ruderten darin weiter in das Revier hinauf. Als sie am Abend nacheinem Lagerplatz Umschau hielten, sahen sie in der Nähe Rauch aufsteigen. Sie eilten sofort darauf zu, fanden aber niemand mehr an dem Feuer. Ärgerlich darüber, daß die Wilden, mit denen sie gerne zusammengetroffen wären, entflohen waren, kehrten sie zu der Sandbank zurück, auf der sie sich sorglos niederlegten, ohne im geringsten an die Möglichkeit zu denken, daß die Wilden sie beschleichen und im Schlafe ermorden könnten. Im Gegenteil, sie schliefen, todmüde wie sie waren, fest bis tief in den Morgen und kehrten dann, weil das Land dem Ansehen nach nicht viel versprach, nach dem Schiffe zurück. Kurz nach ihnen traf auch der Steuermann ein und brachte drei große Schildkröten mit, die zusammen fast acht Zentner wogen.

[6]Die Ostküste von Australien.

[6]Die Ostküste von Australien.

[6]Die Ostküste von Australien.

Verkehr mit den Australiern. — Ihre Lebensweise. — Ein Streit und seine Folgen. — Ausfahrt. — Die Besitzergreifung von dem neuentdeckten Lande. — Die Eingeborenen und ihre Lebensgewohnheiten.

Am Nachmittag des folgenden Tages ließen sich sieben Wilde an der Südseite unsres Reviers blicken; bei meiner Annäherung entflohen sie. Am nächsten Morgen tauchten vier Wilde in einem Kahne bei der nördlichen Landspitze auf, um dort mit der Fischgabel zu fischen. Gewitzigt, wie ich durch meine Erfahrung mit diesen scheuen Gesellen geworden war, ließ ich siegewähren und nahm von ihrer Anwesenheit scheinbar keine Notiz.

Meine Kriegslist hatte den gewünschten Erfolg, denn es dauerte nicht lange, so kamen zwei von ihnen in ihrem Kahn auf Schußnähe an uns heran und riefen uns in ihrer Sprache laut einige Worte zu, die wir natürlich nicht verstanden. Ich machte ihnen beruhigende Zeichen und lud sie zu uns an Bord. Sie kamen auch wirklich näher und deuteten uns an, daß sie Waffen hätten, sich zu rächen, wenn wir ihnen ein Leid antun würden. Als sie dicht am Schiffe waren, warfen wir ihnen Nägel, Glaskorallen, kleine Stückchen Tuch zu, woraus sie sich anscheinend wenig machten. Als ihnen jedoch einer unsrer Leute einen Fisch zuwarf, äußerten sie ihre Freude und gaben uns gleichzeitig zu verstehen, daß sie auch ihre Kameraden herbeiholen würden. Mittlerweile war Tupia mit einigen Matrosen ans Land gegangen. Die Wilden kamen jetzt ganz dicht an uns heran. Wir teilten an die Neuangekommenen einige Geschenke aus. Die Gesellschaft ruderte dann ans Land, wo sie Tupia so weit brachte, daß sie ihre Lanzen niederlegten und sich ihm ohne diese näherten. Er lud sie durch Zeichen ein, neben ihm Platz zu nehmen, was sie auch taten. Ich ging mit einigen Begleitern ebenfalls ans Land und beschenkte die Wilden wiederum, um ihnen jedes Mißtrauen zu nehmen. Hierauf unterhielten wir uns mit ihnen bis zur Essenszeit durch Zeichen; wir luden sie dann ein, an Bord mit uns zu speisen, was sie ablehnten. Kaum waren wir im Boote, so stiegen sie in ihren Kahn und ruderten davon. Der eine derWilden war ein älterer Mann, die drei andern hingegen waren junge Leute; alle waren von Durchschnittsgröße, fielen mir aber durch ihren zarten Gliederbau auf. Die Farbe ihrer Haut war schwarzbraun, das Haar pechschwarz, kurz geschnitten und straff. Der Leib war an verschiedenen Stellen mit einer roten Farbe angestrichen; einer von ihnen hatte sich die Oberlippe und die Brust mit weißen Streifen bemalt, die er »Carbanda« nannte. Die Gesichtsbildung der Wilden war sehr angenehm, ihre Augen waren lebhaft, ihre Zähne weiß und ihre Stimme wohlklingend und biegsam, so daß sie mühelos allerlei Worte nachsprechen konnten.

Am folgenden Morgen erschienen drei von ihnen wieder bei uns; sie hatten einen Vierten mitgebracht, den sie uns als Herrn Näpärico förmlich vorstellten. Dieser Herr zeichnete sich durch einen sehr in die Augen fallenden Schmuck aus; er hatte sich nämlich den Nasenknorpel durchbohrt und trug in dem Loch einen fingerdicken Vogelknochen als Zierat. Wir überzeugten uns, daß auch die Nasen seiner Genossen durchbohrt waren. Auch die Ohrläppchen unsrer Gäste waren durchlöchert; am Arme trugen sie als Schmuck ein Armband aus geflochtenen Haaren, und obwohl sie sonst völlig nackt gingen, waren sie auf ihr Armband besonders eitel. Ich schenkte einem von ihnen ein Stück von einem alten Hemd; er band es sich als Turban um den Kopf. Unsre Gäste hatten uns einen Fisch zum Gegengeschenk gebracht und schienen sich häuslich bei uns niederlassen zu wollen. Als aber einer der Forschungsreisenden ihren Kahn genauer untersuchenwollte, erschraken sie dermaßen, daß sie augenblicklich in den Kahn hinabsprangen und eilig als ginge es auf Leben und Tod davonruderten.

Am folgenden Morgen um 2 Uhr brachte Herr Gore in der Jolle drei gewaltige Schildkröten und eine große Sole mit. Nach dem Frühstück ruderte er wieder hinaus, um die Jagd auf Schildkröten fortzusetzen. Drei Wilde wagten sich jetzt an Tupias Zelt heran; einer von ihnen ruderte davon, um noch zwei andre zu holen, die er uns dann unter Nennung ihres Namens vorstellte. Die Gesellschaft blieb den ganzen Vormittag über bei uns; wir überzeugten uns bei dieser Gelegenheit, daß die natürliche Hautfarbe der Herrschaften durch eine Schicht von Ruß und Schmutz bedeckt war. Auf der gegenüberliegenden Landspitze ließ sich eine nackte Frau mit einem Knaben blicken; wir bemerkten durch unsre Ferngläser, daß ihre Arme und Beine ungemein zart und zierlich geformt waren. Als sie ihre Neugierde befriedigt hatte, eilte sie schnellfüßig davon. Einer von den Fremden trug ein Muschelhalsband, ein Armband aus Schnüren und vor der Stirn als Schmuck ein Stück Baumrinde. Die Sprache dieser Wilden klingt rauher als die der Südseeinsulaner; sie wiederholten sehr oft das Wort »Tscherkau«, auch pflegten sie, wenn ihnen etwas Neues in die Augen fiel, auszurufen: »Tscher tut, tut, tut!«, wohl beides Ausdrücke der Überraschung und Verwunderung. Der Kahn war nicht über 10 Fuß lang, aber mit einer Seitenrahme versehen und ähnelte dadurch den Südseekähnen, war jedoch viel primitiver gebaut. Ihre Lanzen glichen den Lanzen, die wir an der Botanybaierobert hatten, doch hatten sie nur eine einzige, mit Widerhaken versehene Spitze. In der Tat, eine fürchterliche Waffe!

Herr Gore erlegte am folgenden Tag ein »Känguruh«, wie es die Eingeborenen nannten. Wir fanden das Fleisch dieses merkwürdigen Wildes ungemein zart und wohlschmeckend. Damals lebten wir ziemlich lukullisch: Tag für Tag Schildkrötensuppe, Schildkrötenfleisch, ausgezeichnet mundende Fische, Känguruhfleisch in Hülle und Fülle. Meist fingen wir die köstliche grüne Schildkröte in Exemplaren von 2–3 Zentnern Lebendgewicht; sie waren ungleich besser von Geschmack als die, die wir in England zu essen bekommen hatten. Vermutlich rührt dies daher, daß wir sie hier frisch erhielten.

Am 17. schickte ich den Steuermann wieder aus, um eine bequemere als die bisher entdeckte Durchfahrt zu suchen. Ich selbst begab mich mit den Herren Banks undDr.Solander in den Wald. Tupia war daselbst drei Indianern begegnet, die ihm dort einige wohlschmeckende Wurzeln gezeigt hätten. Wir erhofften ein ähnliches Abenteuer, das uns mit den Eingeborenen in nähere Beziehung bringen würde, dergestalt, daß sie uns mit ihrem Hauswesen und ihren Frauen bekannt machen würden. Es dauerte auch wirklich nicht lange, so bemerkten wir vier Wilde in einem Kahn. Als sie uns erblickten, kamen sie ans Land und ohne Furcht auch so dicht an uns heran, daß wir mit ihnen verhandeln konnten. Nachdem sie eine Weile bei uns geblieben waren, entfernten sie sich. Wir folgten ihnen in der Erwartung, daß sie uns in ihr Dorf führen undmit ihren Frauen bekanntmachen würden, allein sie gaben uns durch Zeichen zu verstehen, daß ihnen unsre Begleitung wenig zusage.

Am nächsten Tage kamen wieder einige der uns bereits bekannten Wilden zu uns. Wir baten einen von ihnen, er möge uns zeigen, auf welche Art sie ihre Lanzen zu schleudern pflegten; er war auch gleich dazu bereit und schleuderte seine etwa acht Fuß lange Lanze, die mit bewundernswerter Kraft und Schnelligkeit vier Fuß hoch über dem Boden hinsauste und in einen fünfzig Schritte von uns entfernten Baum fuhr. Hierauf lud ich die Gesellschaft an Bord, wo ich sie unter der Obhut meiner Leute ließ, weil ich von innerer Unruhe getrieben mich durch einen Blick auf die See davon überzeugen wollte, ob wir wirklich in einem Klippenlabyrinth gefangensäßen. Ich bestieg daher mit Herrn Banks einen hohen Berg, von wo wir uns davon überzeugen konnten, daß unsre Lage weit gefährlicher war, als wir bisher geglaubt hatten. Denn wohin der Blick auch fiel, überall zeigten sich drohende Klippen und Bänke. Wir überzeugten uns durch den Augenschein davon, daß es keine andre Ausfahrt nach der hohen See als die gab, die durch die krummen Kanäle zwischen den Klippen hindurch führte. In diese Kanäle konnte man sich aber ohne die größte Gefahr nicht wagen.

Wir kehrten in trüber Stimmung nach dem Schiffe zurück. Hier fanden wir noch einen Teil der Eingeborenen vor, die höchst begehrliche Blicke nach unsern Schildkröten warfen. Tags darauf kamen zehn Wilde von jener Seite des Reviers her, wo diesmal siebenWeiber, alte und junge, in ihrer paradiesischen Nacktheit so lange verweilten, als ihre Männer bei uns an Bord blieben. Unsre Gäste hatten eine größere Anzahl Lanzen als gewöhnlich mitgebracht; sie lehnten die Lanzen an einen Baum und stellten eine Wache dabei auf, ehe sie an Bord kamen. Hier zeigte es sich bald, daß sie es auf unsre Schildkröten abgesehen hatten, die sie genau so wie wir zu würdigen wußten. Anfänglich baten sie uns durch Zeichen, ihnen eine zu geben. Als man sich weigerte, gerieten sie in Wut. Einer von ihnen wandte sich an Herrn Banks; als aber auch dieser abwinkte, wurde der Wilde so zornig, daß er mit dem Fuße aufstampfend ihm einen kräftigen Stoß versetzte. So versuchten sie vergebens der Reihe nach bei jedem ihr Glück, der nach ihrer Meinung auf dem Schiffe von Bedeutung war. Als sie endlich einsahen, daß ihre Bitten vergeblich waren, versuchten sie mit Gewalt zwei Schildkröten über Bord in ihren Kahn zu werfen, was ihnen jedoch gleichfalls verwehrt wurde. Daraufhin verließen sie wütend das Schiff und ruderten dem Strande zu, wohin ich ihnen mit Herrn Banks und sechs Matrosen zum Schutz unsrer daselbst arbeitenden Leute folgte.


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