»Es ist zu drollig,« lachte die Hexe, »da sitzen sie wie ein Liebenspaar, diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fließt! Was haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Töchterchen? Etwa die nämliche Anlage zum kläglichen oder verlegenen Anstarren des Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir können, und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl, Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knüpfen eine Parabel daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhängen; — o, ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war die höchste Zeit, daß wenigstens für diesen Abend eine verständige Frau dem Trübsal ein Ende machte?«
Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt hätte, würde ich es nur zu gern hingegeben haben, — aber sie hatte recht, die Hexe — in diesem Moment gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lächeln, bot der Dame den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer.
Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewußt hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darüber verwundern, wieviel doch Tag für Tag auf Erden vorging, worüber sich reden ließ. Selbst diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur in der festen Überzeugung, daß sie sich nur deshalb still langweilten, weil sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die übrigen Herrschaften erlebt und tiefer darüber nachzudenken hätten.
Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie wußte es so ziemlich allen ihren Gästen behaglich zu machen, und mir machte sie es sogar gemütlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein übler Mensch, — wenigstens was die Hauptsachen, das Gemüt und das Herz anbetraf. Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz.
»Was wollen Sie?« sagte sie. »Kann er denn etwas dafür, daß er noch nichtGeheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?«
Dagegen ließ sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal mußte ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schöne, ebenfalls lachende Hexe meinte:
»Sehen Sie, ich habe es gewußt, daß es Ihnen endlich bei mir gefallen würde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, daß das eine griechische Beschwörung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie, Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute gekommen: =Duc ad me!=«
Wenn ich das nicht gewußt hatte, so mußte es mir jetzt ganz und gar klar werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter — die golddurchwebten Purpurfäden, die sich um die Seele legen, leise, unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=, =blandula= kein Glied mehr regen kann, die prächtige Blutsaugerin nach Muße und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hülse im Busch und Gewebe hängen zu lassen, daß eine neue Schmetterlingsgeneration in einem neuen Frühlinge sich über sie verwundere und lache.
Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Meßraritätenzelt in die Trompete gestoßen oder durch das Sprachrohr gebrüllt hatte, durch den Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das zuletzt soviel als möglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als die gnädige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr liebenswürdig zeigte, brachte er einen Präsentierteller mit irgendeinem angenehmen Getränke und flüsterte mir dabei zu:
»Nun? haben Sie es ihr gesagt?«
»Ich glaube wohl,« murmelte ich, eines der Gläser nehmend, um es ihm »symbolisch« an den schwarzweißen Wollkopf zu werfen.
»Haben Sie es beiden gesagt?«
»Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt!« murmelte ich weiter, »und —«
»Sehen Sie wohl! Was habeichIhnen gesagt?« flüsterte Signor Ceretto entzückt über seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung, während ich lächelnd mich immer heftiger über die Impertinenz des schwarzen Gesellen ärgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter Meßfratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden schönen weißen Herrinnen — uns alle zu übersehen.
Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken ließ, so mischte ich mich nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrüßte und unterhielt mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch etwas höchst Sonderbares.
Man unterhielt sich natürlich über mancherlei; außer den Tagesneuigkeiten wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an den Haaren. Vorzüglich hielt ein ältlicher, behäbiger Herr stets einen Kreis von Zuhörern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau Christine zugerufen hatte:
»Ich muß mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen ihr böse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht gründlich verdorben zu haben, mein Herr.«
Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte desRinges aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad vonWittum:
»Das ist in der Tat außerordentlich interessant!« —
Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad außerordentlich und außergewöhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer wohlbeleibten Dame über die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrückte mit Mühe einen hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens:
»Der Stein der Abnahme!«
Bei allen Göttern und Göttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich mehr für den augenblicklichen Inhaber.
»Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist kürzlich, das heißt vor einigenJahren beim Bau einer neuen Straße unserer Stadt in einem trockengelegtenWassertümpel gefunden worden,« erzählte der glückliche Besitzer undSachverständige, »und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig.Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin — an diesenseinen jetzigen Fundort?«
Die Damen wußten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die Mühe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich selbstverständlich ruhig und ließ die Gesellschaft raten.
»Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr unseres Gemeinwesens im Mittelalter,« sprach triumphierend bescheiden der archäologische Sachverständige. »Aus den Händen hanseatischer Schiffer ist es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines kunstsinnigen Patriziers der Stadt übergegangen, und —«
»Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen,« meinteHerr Vollrad von Wittum.
»Wahrscheinlich,« erwiderte der Besitzer etwas trocken, »lassen wir das doch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und für sich sehr merkwürdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte, stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder Tausches her, sondern —«
»Sondern?« rief ich im höchsten Grade auf die Erklärung gespannt.
»Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng hieratisch-domestikalen Amulet — arabisch =hamala= — zu tun.«
»Was Sie sagen?!« rief ich unwillkürlich über die Schulter der noch immer vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame.
»Gewiß, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber — ein glückbringender Zauber, den die Braut dem Bräutigam am Polterabend — auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen — in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im verstecktesten Winkel seines Hauses — seiner Bambushütte. Sie nennen das den Apfel des Glückes, und ich jedenfalls bin glücklich, ihn in meinen Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften.«
»Und bitte, Herr Professor,« fragte die vor mir stehende Dame lächelnd, »da Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentümlichen Zauber jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, — nicht wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen Abend vergeblich nach ihr umgesehen.«
»Abhaltung, meine Gnädige — eine sehr große Wäsche, und sonstiger mannigfaltiger häuslicher Verdruß,« stotterte der Gelehrte, und jetzt lächelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu lächeln.
»Mein verehrter Herr,« wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des Apfels des Glückes. »Sie legen einen großen Wert auf dieses geheimnisvolle Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen könnten, welchen Wert ich unter Umständen darauf legen könnte, so würden Sie gewiß nicht anstehen, mir es abzulassen oder auszutauschen. Sie wissen, daß ich als Erbe eines verrückten, gleichfalls archäologischen Onkels in den Besitz einer Kollektion von Intaglien gekom —«
»Ich weiß das freilich, aber ich muß in diesem Falle doch herzlich und freundlich danken,« erwiderte der würdige Inhaber des Apfels des Glücks ein wenig sehr verdrießlich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmütige, behagliche Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten, mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in einiger Aufregung an mich heran und flüsterte mit hastig-energischer Betonung:
»Es ist eigentümlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mühe ich mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe ihr ein Billett gebracht, worüber sie heftig erschrocken sei, und dann habe sie in großer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt, und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fühlen Sie sich für diese Vorgänge mir verantwortlich, mein Herr?«
Einundzwanzigstes Kapitel.
Ich gab rasch den Apfel des Glückes zurück in die Hand des Professors, der ihn schnell, zärtlich und vorsichtig wieder in seine Hülle von Seidenpapier einwickelte und in der Brusttasche seines Frackes barg. Der würdige gelehrte Herr hatte uns seinen Vortrag gehalten, wußte ganz genau, was das Ding bedeute, und mochte also die Folgen seines Besitzes tragen.
»Sie haben die Hand in alledem! leugnen Sie es nicht!« flüsterte mir die schöne Hexe scharf zwischen den Zähnen durch ins Ohr, und ich hatte mich zu sammeln, ehe ich imstande war, es unter nachdrücklichstem Kopfschütteln in der Tat zu leugnen.
»Dann begreife ich nichts davon!« rief die Frau Christine. »Aber wenn ich nicht dieses dumme Volk, das ich mir jetzt zu meinem Verdruß auf den Hals geladen habe, anzulächeln und zu unterhalten hätte, so wüßte ich wohl, was ich tun würde.«
»Und was würden Sie tun, Gnädigste?«
»Ich würde einen Mondscheinspaziergang wie die alberne Dirne, das Trudchen, die Gertrud machen, und — Sie zur Begleitung mit mir nehmen.«
»Ach! würden Sie?… Ja, aber beste Frau, dann bitte ich doch meinerseits um Aufschluß über das Verschwinden unserer kleinen Freundin. Gnädigste, Sie wissen es, wohin das Kind gegangen ist, seinerseits meinen Freund, Ihren Mohren Ceretto, als Begleiter mit sich führend.«
»Wohin Sie es doch geschickt haben!« zischelte die Hexe böse, wendete sich, trat zum Professor und bat lieblichst lächelnd:
»Teurer Freund, was habe ich versäumen müssen? Ist es gar nicht möglich, daß ich es noch nachhole? O bitte, bitte, jetzt lassen Sie mich doch auch betrachten, was Sie vorhin den Herrschaften zeigten. Wahrhaftig, Doktorchen, ein Kreis, der Sie nicht in sich schließt, entbehrt seiner besten Zierde, wie ein Kranz, in dem die Rose fehlt.«
Es war ein Glück, daß »unsere gute Charlotte«, durch ihre große Wäsche im Hause festgehalten, das wonnige Lächeln nicht sah, mit welchem der Gelehrte sich vor seiner schönen Wirtin neigte, das selige Behagen, mit welchem er seinen hieratischen Glücksapfel von neuem aus der Fracktasche und dem Seidenpapier hervorholte. Ich aber verlor mich aus dem zierlichen Getümmel, nachdem ich mich möglichst in demselben verloren hatte. Ich machte den Mondscheingang, den die wundervolle Hexe leider oder auch vielleicht glücklicherweise anzutreten nicht imstande war — weil — sie ihre Gäste anzulächeln hatte. —
Er war den Gaskronen und den aus Glaslilienkelchen leuchtenden Flammen zum Trotz aufgegangen, der Mond, der deutsche Mond, und schien voll und rund auf die Dächer und in die Gassen der alten Stadt, sowie auf ihre neuen, modernen Teile. Daß das Haus der Hexe in der allermodernsten Vorstadt lag, verstand sich von selber, und jetzo lag es auch hell im hellsten Mondenschein, oder wenn man will, romantisierten Sonnenschein: es mußte ein ausgezeichnet verständiger, klarer Tag auf dem Monde herrschen und das Wetter dort himmlisch vernünftig sein. Die andere Seite der »Promenadenstraße« lag natürlich tief im Schatten, und ich trat schnell in diesen Schatten hinein, sah auf die roten Fenstervorhänge in der Höhe, schüttelte den Kopf und seufzte:
»Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernünftigen Menschen in den besten Jahren gründlich um seine Kaltblütigkeit und alle ruhige Überlegung gebracht hat!« Ich hätte beinahe hinzugesetzt »unglücklich gemacht hat«, erfaßte jedoch glücklicherweise im letzten Augenblick noch einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der Lächerlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von seinem Rande.
Ich lief durch das Gebüsch und um die Blumenbeete der städtischen Anlagen bis dahin, wo sich die begleitenden Häuserreihen dem Bahnhofe zu erstrecken.
Es war noch ein später Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepäck, ohne solches, oder in Begleitung von Packträgern in die Stadt hinein. Die Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straßen biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde zuwanderte, nämlich auf den Meister Autor Kunemund.
Er sah mich natürlich nicht. Er wollte hastig an mir vorüber. Er schien es jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte warten lassen, und selbstverständlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm und hielt ihn auf.
»Alle Hagel! was soll — was ist — ja, Herr, sind Sie denn das?« rief er anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. »Sind Sie es wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, was für ein Segen das für mich ist, daß ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das nenne ich wahrhaftig eine Schickung.«
Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hände gefaßt und schüttelte sie kräftig.
»Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch kläglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hülfeschrei in meinem Briefe?«
»Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt — wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher liegen — das macht sich öfters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen müssen, und das ist wieder eine Geschichte für sich! Sie sollen sie beiläufig auch ins einzelne hören — ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komödien an meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie saß richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Gerümpel um sie her; und eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich sie denn endlich glücklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so — doch, Herr, von alledem später, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, daß es gar nicht zu sagen ist. — Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen hat, daß ich hätte kommen müssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze seiner ganzen Armee gewesen wäre und nicht gewollt hätte?! Herr, wer rief hier um Hülfe? wer ist tot, oder wer will sterben?«
Mich überlief es weder heiß noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte über die Schulter und dann empor und fühlte den leisen, schönen Nachtwind mehr auf der Stirn und im Haar.
»Sinddiegeheimnisvollen Hände immer noch an ihrem Werke? Nun, dann mögen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es bleibt doch beim alten und die Welt ein großes Wunder!… Mein alter, teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege zusammentrafen, kämpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen schweren Kampf, und es geht ihm sehr — sehr schlecht.«
»Wer? wer?«
»Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Stürme nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglück sind ihm die Füße zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake, und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben.«
»Also das war es!« sagte der Meister Autor leise. »Ihren Brief habe ich, wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; — o ich habe eine unbeschreibliche Angst gehabt, daß unserm Trudchen etwas Schlimmes passiert sei.«
Wir gingen jetzt rasch vorwärts durch die Straßen der Stadt.
»Wer — was hat Sie nach dem Essen gerufen?« fragte ich, den Alten im Gehen stützend.
»Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das würde mich nicht verhindern, Ihnen das Ding zu erzählen,« sagte Herr Kunemund. »Lächerlich genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran hängt! Sehen Sie, die Alte spielte natürlich ihre Rolle dabei; denn die werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerückt, und sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich merkte gleich, daß nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen, sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste Bemerkung wieder darüber. Da ging die Unruhe an!«
»Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges über das Feld zurEisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher?«
»Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in großen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In der Stube hielt ich es nicht aus, — suchte also meinen Mittagsschlaf im Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich war grimmig über mich, über die Alte, über meine Bauern in meinem Dorfe und über ihre in ihrem; ich hielt es nämlich zuerst für Ingrimm, bis ich herauskriegte, daß es Angst war — ich sage Ihnen — Angst, Herr Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch länger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele ertragen! Sehen Sie da — da — da war es, am hellen Tage, in der hellen Sonne, daß ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde — und natürlich sagte ich mir mit dem kalten Schweiß auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser Trudchen! auf das Kind ist ein Unglück gefallen. Herr, lieber Herr, und einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich nicht wieder durchmachen zu müssen.«
»Fassen Sie Mut, Meister. Wer weiß, was Ihr Kommen wenden soll? Wer weiß, wozu Sie — gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das schon allein kann Ihnen eine Bürgschaft sein, daß alles im richtigen Geleise sich befindet.«
»Da haben Sie vielleicht recht,« sagte der Meister Autor. »Seit ich den Fuß aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie gewöhnlich geworden. Seitdem die Alte über meinen ganz unschuldigen Spaß sofort wieder die Schürze an die Augen brachte und losheulte, als ob der Bock sie gestoßen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, dränge mich gegen die Wand und wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoßen. Dieser Karl, der arme gute Junge tut mir mit seinen blutigen Füßen, weiß es Gott, herzinnig leid, aber die Hand spüre ich nicht mehr im Genick; — wissen Sie, mit der See und dem Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu mir — wir passen zueinander — haben aneinander einen Trost und eine Stütze gegen die Alte, und führen doch noch ein Leben, das sich tragen läßt!«
»Möge es so sein,« sprach ich in der Seele, doch nicht laut. Wir hatten jetzt die Altstadt wiederum erreicht und suchten unsern Weg durch die dunkelsten Gassen derselben, über ein Pflaster, welches noch nie der Mond mit seinen Strahlen hatte beleuchten können. Beizu erzählte ich dem Meister, daß ich mit seinem Kinde, der Gertrud Tofote am heutigen Abend auch bereits zusammengetroffen sei, und er erkundigte sich dringend und hastig nach dem Wie, Wo und unter welchen Umständen. Ich gab ihm alle nur mögliche und rätliche Auskunft, und dann rief er:
»Sie werden es unter den jetzigen traurigen Umständen für ein Unrecht halten, daß mir immer stiller zumute wird, lieber Herr; aber ich kann wahrhaftig nichts dafür. Zuletzt ist es doch immer nur einzig und allein das Kind, welches mir im Sinne liegt. Wenn ich das Kind in Sicherheit und Behaglichkeit weiß, ist mir alles übrige nur wie ein Unwetter, das man unter einem Busch am Wege abwartet.«
Nun hätte ich dem alten Herrn um keinen Preis jetzt andeuten mögen, daß das »Kind« sich recht unbehaglich gefühlt habe, als ich vor einigen Stunden mit ihm zusammengekommen war. Ich sagte ihm auch nicht, wie man dann nach ihr gesucht habe: vielleicht hatte er selber noch in dieser Nacht Gelegenheit, sie zu sehen, und mußte sie selber ihm mitteilen, wie es ihr ums Herz war. Hier war wahrlich Magie! ich sah das Erdenleben, wie ein Taucher das Sonnenlicht in der Tiefe des Meeres schwebend sieht, und wie paßte der greise Zaubermeister aus dem Elmwalde in die Beleuchtung und in die sonderbare Nacht überhaupt! Nachdem er seine innerste Herzensmeinung kundgemacht hatte, hatte er auch für den kranken Steuermann das höchste Interesse übrig; — er jammerte heftig um ihn und fragte bis auf die kleinsten Einzelheiten nach allen ihn betreffenden Vorgängen der letzten Tage. Auch die Base erhielt ihr Teil Teilnahme aus seinem guten Gemüte:
»Hätt' ich ihr das dadurch ersparen können, daß ich's auf mich genommen hätte, so würde ich mich nicht besonnen haben. Aber so ist es, sie wird expreß dazu hingesetzt sein, um dies Elend abzuwarten und den Jungen auf ihrem Bette zu pflegen. Unsereiner meint immer, daß er um seinetwillen da sei, doch das ist nicht so — es ist wahrhaftig nicht an dem, man muß aber alt werden, um es auszukundschaften. Zum Exempel, was sollte jetzt aus der Alten (und da meine ich natürlich nicht den Hafenmeister) werden, wenn ich nicht länger als siebenzig Jahre meinen Charakter darauf hingezogen hätte, mir die Suppe versalzen und die gute Laune — nicht verderben zu lassen?«
Da ich auf diesen Humor augenblicklich doch nicht recht eingehen konnte und nur durch ein etwas dämpfig-trübsinniges: Ja, ja! darauf zustimmte, meinte er kläglich:
»Der Arend hat das auch immer gesagt.«
»Was denn, Meister?«
»Sehen Sie, daß ich mich überall, wie man das nennt, unmöglich mache. — >Herrgott, ich sage ja nie etwas!< antworte ich dem Arend, aber er weiß mir Bescheid zu geben und sagt: Aber du lachst und grinsest und zwar niemals an der richtigen Stelle, und das sollen dann die Leute nicht verquer aufnehmen! — Und wenn der Tofote das von sich gegeben hatte, ging er jedesmal hinter die Stalltür oder die nächsten Bäume, zog den Kopf zwischen die Schultern und grinste toller als ich. Ja es war ein gutes Leben mit ihm und unserm Trudchen; selbst die Alte gehörte dazu.«
Er hatte keine Ahnung davon, wie tief ich in diesem Augenblicke in dieses »gute Leben« hineinsah. In der Welt, in der ich hausete, pflegte der gute beratende Freund nach erteiltem Rate zwar die Achseln auch zu zucken und sich hinter den Busch zu schlagen; aber er tat's gewöhnlich wie jemand, der seines eigenen Besten wegen seinen besten Freund aufgeben muß — aufgeben will — aufgibt, und zwar auf der Stelle. Von dem, was vor langen, langen Jahren, so ungefähr in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Eugenius zu Yorick sagte, wußte der Meister Autor Kunemund nichts. Er erfuhr in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nur an seinem eigenen Leibe wieder, was damals einige Leute auch schon an sich in Erfahrung gebracht hatten. —
»Daß Sie, lieber Herr, sich hier am Orte so ohne weiteres und noch dazu in der Mitte der Nacht, wenn auch bei Mondschein zurechtzufinden wissen, ist mir auch eine Merkwürdigkeit. So oft ich auch am hellen lichten Tage hierher kam, alle zehn Schritte lang hab' ich vor einer Mauer gestanden und mich zurecht- und meistens auch zurückfragen müssen; aber hier — hier sind wir ja wohl? Herr, Herr, jetzt geht es mir erst recht auf, wie über alles wunderlich es ist, daß ich wieder einmal hier bin und mit Ihnen und in dieser Stunde!«
Wir waren beide mit gesenkten Köpfen gegangen, und jetzt erhoben wir dieselben zu gleicher Zeit vor dem schon einmal beschriebenen Torbogen, der in den Cyriacushof führte; und ein dritter, der mit untergeschlagenen Armen dort lehnte und den Rauch einer Zigarre in das blaue Mondlicht hineinblies, erhob ebenfalls das Gesicht.
»Ich wußte es ziemlich sicher, daß ich Euch hier treffen würde, Ceretto,« sagte ich. »Ihr habt das Fräulein hierher begleitet; und seht — der Herr Autor ist ganz von selber gekommen, ich bin nur durch einen Zufall unterwegs mit ihm zusammengetroffen. Wißt Ihr, wie es da oben geht?«
Der Mohr aus dem Schüsselkorbe beantwortete vorerst diese Frage nicht. Er hatte vor dem Meister Kunemund den Hut gezogen, und nun warf er auch die Zigarre fort und rief:
»So gerät man auseinander und wieder aneinander und zueinander; aber solange ich denken kann, soll es stets der Zufall sein, der's zuwege bringt; und wenn wir mit den Nasen zusammenrennen, geschieht's natürlich ganz von selber. Wenn ichdieWeisheit in Spiritus, für jede Abart ein besonderes Glas, der Menschheit in einer Bude zeigen könnte, so hinge ich in dieser Nacht noch die gnädige Frau hinter die Tür und ginge wieder einmal ohne Abschied durch.«
»Schwatze Er keinen Unsinn, Wichselmeyer,« sprach der Meister Autor, dem Schwarzen die Hand reichend. »Und wenn Er sich wirklich bei Seinem Senf etwas denkt, so gebe Er uns auch das Fleisch dazu oder behalte ihn nur ruhig bei sich; — was mein Junge macht, will ich jetzt wissen, und weiter nichts!«
»Mir gefiel es eben nicht da in der Stube,« sagte der Mohr mürrisch. »Das gnädige Fräulein winselt, die Alte sagt gar nichts; ich hab' mich leise wieder heraus gemacht; denn da wir doch alle einmal dran müssen, so muß es wenigstens von Zeit zu Zeit einen vernünftigen Kerl geben, der es sich bei solcher Vorstellung lieber draußen in der frischen Luft und bei einer Zigarre überlegt, wie er sich auf dem Seil ausnehmen wird, wann die Reihe an ihn kommt. O meine Herren, dieser Herr Wichselmeyer hier ist klug und alt genug geworden, um zu wissen, was das Beste für den Menschen ist.«
»Der Teufel soll dich braten, wie er dich schwarz geräuchert hat, du Kaffer, du Hottentott, du hinterafrikanischer deutschgekochter Jahrmarktslump!« schrie der Meister Autor wütend. »Was geht es hier mich an, was für den Menschen das Beste ist? Ich bin doch auch ein alter Kerl geworden und habe das Meinige in der Welt gesehen; aber solch ein sackermentsches, in jeder Brühe umgewendetes Stück Vieh, wie dich, noch nicht! Das Kind sitzt da oben in Tränen bei meinem armen Jungen, und dieser Flegel stellt mir hier mit seiner Jahrmarktsweisheit ein Bein! Aus dem Wege, sage ich!«
Der Meister stürzte in das Tor, ich wollte ihm rasch folgen; als SignorCeretto mir über die Schulter hastig zuflüsterte:
»Halten Sie ihn doch auf! Der Herr Steuermann befanden sich vor zehn Minuten eben im Sterben. Lassen Sie den Alten doch nicht grade in den letzten Jammer hineinbrechen. Zum Trost für die Damen kommt er am richtigsten, wenn der junge Herr Abschied genommen hat.«
Das mochte wohlgemeint sein, und wurde jedenfalls gesagt, wie es gedacht wurde, aber ich machte dessenungeachtet meinen Arm ziemlich grimmig von dem Griff des dunkelfarbigen Weltweisen frei und hätte beinahe etwas sehr laut gerufen, was ich keineswegs hier niederzuschreiben gewagt haben würde. Ich eilte dem Meister Autor nach und irrte mich wahrscheinlich nicht, wenn ich später beim Wiederüberdenken dieser Erlebnisse für gewiß angenommen hatte, daß der schwarze Philosoph vor allen Dingen die bei unserer Annäherung weggeworfene Zigarre vom Boden aufgelesen und von neuem in Brand gesetzt habe.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Was die Sonne aus den gegebenen Verhältnissen im Cyriacihofe machen konnte, das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverständige Herr den Hof, in welchem ich ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er würde sich sonst eher an einer der wundervollen Dachtraufen aufgehängt, als so fröhlich beide Hände zu der projektierten Zerstörung dargeboten haben. Selbst die erquickliche Vorstellung, daß man ja bereits beginne, Nürnberg abzutragen, würde ihn nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein Zerstörungsobjekt so betrachtet hätte. —
Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon früher zu schildern gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestürmt und war verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentür, von welcher aus die Treppe zu der Wohnung der Base Schaake aufwärts führte. Ich erwischte ihn auch in dem gewölbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tür der Base hinter sich zugezogen; ich würde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen Augenblick lang das Ohr an diese Tür gelegt haben, doch nun blieb mir nichts übrig als ihm, so leise als möglich, auf den Fußspitzen zu folgen.
Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite Bogenfenster auf das weiße Haar der Base Schaake strömte; jetzt flutete auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Blätter der Ulme draußen vor dem Fenster glänzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand offen, der Gartenduft drang mit der schönen Helle herein. Das silberne Licht lag auch auf dem Fußende des Bettes des guten Seefahrers Karl Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen auf die weiße Decke gedrückt, und ihre alten Arme umklammerten fest den stillen Mann unter der weißen Decke; zu Häupten im Schatten saß Gertrude Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schönen Hexe gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit einem Zettel, auf welchem ungefüge und unorthographisch die Worten standen:
»Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe — der liebe Gott wird's dir vergelten, Gertrud!«
Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; später hat sie ihn mir gezeigt. —
Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tür. Die hübscheWaldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun dasGesicht aus den Kissen und sagte rührend ergeben:
»Ihr kommt zu spät, Vetter.«
Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt — gemacht, so würde ich mich wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es ist damals so gewesen! — bei der heißen Geisterhand, die mir heute noch in der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten Barfüßlerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick wegen einer außergewöhnlich heftigen Bedrängnis in der Kirche eine nächtliche Betstunde abhielt und sang. — Sie sangen in der einstigen Choraley der Mönche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war, Viehstall im Dreißigjährigen Kriege, Speicher im Siebenjährigen, Lazarett in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annähernd wieder zurückgegeben war. Die Töne klangen in der stillen Nacht, gedämpft, um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stören, geisterhaft zu uns her aus der Ferne und dem Grundstock des Gebäudes, und wir horchten alle, undunsstörten sie wahrhaftig nicht.
Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und drückte sie fest zusammen:
»Herr,daswar es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehört! Ach Base, Base, ist er gestorben? bin ich zu spät gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake, was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge, das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest! Jetzt laßt mich ihn aber doch sehen!«
Der Meister hatte sich über den Toten geneigt; ich, der ich immer eine große Vorliebe für das Leben, das heißt für die Lebendigen gehabt habe, faßte mein kleines, närrisches, hübsches Fräulein zu Häupten des Bettes ins Auge.
Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, tränenüberströmt; der Tod schien einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schöne Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft künstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden.
»Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen,« sagte die Base. »Er hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr, daß sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte, sondern in ihrem schönen Ballkleide hierherkam. Er war in einer schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schön und glänzend hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an — sah sie immer an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch hier weiß, wie viel größer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's sehen draußen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen!«
»Ich habe mich schrecklich gefürchtet,« schluchzte Gertrude Tofote. »O ich wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er — er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See!«
»Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen,« sagte die Greisin, »aber mich hat er Tage und Nächte lang fort und fort, immerzu und immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm nichts mehr.«
»Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine gebrochenen Füße und das Fieber, die ihn so reden ließen?« fragte der Meister Autor.
»Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch wenigstens noch über das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud, es war gut, daß du kamst?«
Gertrud nickte und wendete sich hastig ab.
»Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, — ja, zuEnde, zu Ende,« schloß die Base Schaake.
Über ein Sterbebett läßt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich manches darüber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; — Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktüchern nachzuwinken? Ich führte das Fräulein nach Hause; — vom Uferdamm nach Hause.
Der Meister hatte den trüben Bericht der Greisin angehört und das weiße Tuch wieder über das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte er sein »Kind« in die Arme genommen und es herzlich geküßt und manch ein Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schöne Elfe hatte herzzerbrechend dabei geschluchzt und einmal übers andere dazu gerufen:
»Das ist so fürchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu mir kommen? nicht wahr, morgen früh kommst du gewiß zu mir?«
Und der Meister hatte eben so oft gesagt:
»Ja freilich! freilich!« und dann hatte er sich zu mir gewendet: »Wollen Sie so gütig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein möchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehört Geschick dazu, mit Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt nach Hause!«
Ich war natürlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben würde. Wir gingen, fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann fürchtete sie sich heftig. —
Die Straßen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte Stadt so ziemlich für uns allein. Die wenigen Nachtschwärmer, die uns dann und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen wußte. Indem ich nach besten Kräften das Fräulein unterhielt, horchte ich doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. —
»O was ist das für eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht wieder zufrieden geben können!« schluchzte die Elfe.
»Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir müssen uns doch zu beruhigen suchen, mein Fräulein,« tröstete ich. »Der arme junge Mann hat recht gelitten — für seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es doch das Beste —«
»Natürlich war es das!« brummte hinter uns der schwarze Signor. »Es konnte ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; — nicht wahr?!«
Die letzte Frage war, von einem außergewöhnlich gräßlichen Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Männer gerichtet, die uns an einer außergewöhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten, und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen aufmerksam gemacht hatte mit den Worten:
»Ein reizendes Geschöpfchen!«
In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurückprallend, hatten die Herren ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls.
»Der Onkel Kunemund war sehr betrübt. Er hatte unseren Karl recht lieb gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern,« seufzte Fräulein Tofote. »Wir sind so häufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie unter solchen schrecklichen Umständen.«
»Jawohl,« brummte Ceretto hinter uns, »wenn das keine kuriose Geschichte ist, laß ich mich hängen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns!«
Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar und leer da — nichts war zu sehen und zu hören, und das Trudchen klammerte sich fester an meinen Arm.
»Sie haben den Herrn Autor bereits wütend gemacht; ärgern Sie mich nun nicht auch noch, alter Freund,« rief ich; doch der Mohr sagte:
»Ich muß doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinenGeschäftswegen; — horch, — hören Sie?«
Wir hörten natürlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief ärgerlich:
»Sie sind, — nun ich werde es Ihnen an einem der nächsten Tage sagen, wasSie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gnädigeFrau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Fräulein warten.«
Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch einmal guten Mut zu.
»Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, daß Sie dem Rufe der alten Frau im Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut, und er wird Ihnen gewiß noch häufig seinen Dank dafür sagen. Ich, der ich die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.«
»Oh!« flüsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tür der Hexe, und nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander.
»Da sind wir zu Hause,« sagte ich, »und nun bitte ich Sie herzlich, liebes Fräulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als nötig ist. Es ist noch nie etwas Außergewöhnliches auf Erden vorgefallen. Sie sind es sich und uns — allen Ihren Freunden schuldig, daß Sie auf Ihre Gesundheit Rücksicht nehmen. Jedenfalls müssen Sie fest überzeugt sein, daß wir alles tun werden, um Ihnen fernere persönliche Aufregungen zu ersparen.«
»Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte Gertrud Tofote, und ich wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt:
»Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnächst miteinander zu reden.«
»Ich wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen,« sprach der Alte. Mit welcher Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich längst getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den Vorhängen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher Schein, das zierliche Flämmchen in dem weißen Lilienkelche.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter. Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen. Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt um ihn her, sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste, innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; — wer es leugnet, möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert. —
Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe. Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit.
Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem Sarge, und —
»Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen,« sagte der Meister Autor.
Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, berichtete mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann verlange sein Stück Kuchen.
Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schöne Blumen und Kränze mit weißen Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr betrübt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges Viertelstündchen zu ihr zu kommen.
»Vielleicht so gegen Abend werde ich es möglich machen,« sagte mir derMeister: »jetzo sitze ich hier Wache und — Herr, ich sage Ihnen, ich habetrotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutscheVolk zum Tanze hätte aufziehen mögen!«
Er saß mit seiner Pfeife in der kühlen steinernen Halle vor der Tür derBase Schaake; die Tür stand halb offen, und ich sah darin grade auf densonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der MeisterAutor hatte eben wieder seine Pfeife anzuzünden und sagte:
»Ja, ja, sehen Sie diese Zündholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man sich arg mit Stahl und Stein zu quälen, doch das beizu; — Herr, die Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezündet und, Herr, ich habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken müssen — den letzten im Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O lieber Herr, wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt.« …
Das war das Wort! — Es fallen Schlösser — Luftschlösser ein; aber das hat nichts zu bedeuten: die Gärten allein, die den Menschen, den armen Menschen versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte eines solchen, der euch verloren ging; — im erstern Falle ist wenigstens die Aussicht vorhanden, daß es euch gelingen werde, euch selber zu belügen. —
Der folgende Tag war einer der heißesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien die Erde wie mit einer glühenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub waren unerträglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte sich über alle Vegetation; und unsere Aufgabe ließ sich unter keinen Umständen auf eine kühlere Stunde verschieben.
Wir führten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn. So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und einem Glase nicht teuern Moselweins.
Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. — gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der — Erde und der Sonne zum Trotz.
»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt, daß man vorhanden — daß man da ist.«
»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.«
»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und gemacht werden mußten.
»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber was denken Sie über die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las — und was las sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei, und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann? Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!«
»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich, indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die Schulter legte:
»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.«
Der abendländische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte:
»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.«
Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat, oder das, was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.
»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten. Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Maße finden — Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem ausspürtet. Überlegt es Euch!«
»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister. »Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern Haushalt dann mal anzusehen.«
An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. —
An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres Zögerns verdrossenen Kutscher. An heißen, mit Teer getünchten Planken, Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück. Auf diesem Weg sprachen wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu lassen.
Da sagte der Meister, den Kopf schüttelnd:
»Das ist doch wunderlich!«
»Was ist wunderlich, alter Freund?«
»Daß andere Leute immer bei dem nämlichen Geschäfte, in derselben Lage, in ganz demselben Pläsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur — eben sind wir fertig —«
»Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor! Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe kommen, um sich darüber zu verwundern, und nicht bloß hierüber!«
»Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang haben,« brummte Herr Autor Kunemund. »Hat das auch schon einer herausgefunden und schriftlich attestiert?«
Nun mußte ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen.
»Ach Meister, Meister,« sagte ich meinerseits den Kopf schüttelnd, »dieses hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber über das, was es bedeutet, darüber ist man noch nicht einig und im klaren.«
»Dann hilft mir auch das übrige nichts, und meinesteils lasse ich es einfach geschehen,« sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was er nicht ändern konnte.
Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der Schattenseite; man kann eben von der größten Tragödie nach Hause gehen und doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen.
Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der engen Steintreppe und im steingewölbten Vorsaale durchschauerte es mich fröstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die Greisin zu begrüßen, und habe mich späterhin selber darob beglückwünscht, wenn ich daran dachte, daß ich eigentlich den alten Freund nur bis an das Tor hatte geleiten wollen.
Trudchen Tofote saß bei der Base Schaake!
Das sah ich angenehm überrascht von der Stubentür aus, drückte auf ihrer Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen kühlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwölfte Stunde des Tages nach meiner eigenen Wohnung zurück und um zwei Uhr nach dem =Hotel de l'Allemagne= zur Wirtstafel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Der wäre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht überrumpeln, den der Schein nicht rühren oder ärgern könnte! Wie wenig Schlaf würde er bedürfen, wie wach und lebendig würde er jederzeit um sich her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht möglich wach zu bleiben, und ich schlief — schlief totenähnlich, totengleich; es kümmerte mich gar nicht, ob die andern das laute, lärmende Spiel weiter trieben, ob es sich fortdrängte an den Straßenecken und auf den Heerstraßen. Einen älteren Herrn als mich würde wahrscheinlich der Schlag gerührt haben; im Falle er mich gerührt hätte, würde ich nicht das geringste davon gemerkt haben. Signor Ceretto Wichselmeyer würde mich steif und still auf dem Diwan gefunden und das Weitere veranlaßt haben; es war nämlich natürlich der Mohr aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an meiner Tür nach fünf Uhr erweckte.
Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Körper einesErtrunkenen aus der Tiefe des Wassers — langsam und geschwollen.
»Ich bitte nach Menschenmöglichkeit um Entschuldigung,« sagte der Schwarze, »aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und gesprochen zu haben.«
»Um Ihr Leben, Ceretto?«
»Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrießlich gewesen sein würde.«
»Und wer —«
»Pst!« sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend über die Schulter nach der Tür zurück, als ob er erwarte, daß sofort jemand hervorstürzen würde, um die fernere Ausführung seiner Sendung zu übernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als möglich an mich heran und stöhnte kläglich:
»Oh!«
»Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf, Ceretto!« rief ich kläglich und geärgert. »Ihr wißt, daß ich zu allen Zeiten mit Vergnügen höre, was Ihr mir zu sagen habt — selbst wenn es der Auftrag eines andern ist — aber augenblicklich — bin ich — ein wenig sehr beschäftigt — in Anspruch genommen — kurz — ich bitte Sie, Ceretto, fassen Sie sich so kurz als möglich.«
»Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz — unsere Freundschaft ist zu Ende.«
»Unsere Freundschaft?«
»Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenüber jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umständen ist mir auf Michaelis gekündigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann gebrauchen können, stelle ich mich schon heute zur Verfügung. Sonst ist alles in der schönsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wäre nicht imstande, eine größere Ordnung hineinzubringen.«
»Aber meine fünf gesunden Sinne nebst allem übrigen bringt Ihr in die größte Unordnung, Ihr schwarzes Untier!« rief ich. »Wer hat sich in den Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt?«
»Mein hübsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten im Cyriacushofe sitzt, und meine schöne Herrin, die seit gestern nacht durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar gedroht hat und fortwährend Tische und Stühle über den Haufen stößt. Wer denn anders?«
Meine Phantasie war plötzlich in einem merkwürdig hohen Grade tätig. Ich sah und hörte die Frau Christine — sie mußte entzückend in ihrer Aufregung sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als müsse ich eine neue Welt aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste — grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens das Übrige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschüttelte.
»Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin! Liebe Christine — liebe Gertrude! Fräulein Tofote — gnädige Frau!… Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O Herr, Sie — und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe — hätten hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt ich mich so still als möglich hinter ihm und horchte wie ein Mäuschen, bis die gnädige Frau das gnädige Fräulein auch wieder >mein Mäuschen< nannte, und man sich für diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Können Sie es sich wohl vorstellen, daß sie sich wirklich beiderseits dabei auf die Stirnen küßten? Mir hinter der Tür traten die Tränen in die Augen.«
Ich setzte mich, unfähig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch derFreigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch länger seinVergnügen an meiner Furcht vor ihm.
»Ja, ja,« sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, »es ist lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; — es ist so schön, die Greisin im Cyriacushofe zu trösten, und es ist so sehr erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern.« —
Waren das wirklich die Gründe, denen der Meister Autor und ich es zu danken hatten, daß wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe tröstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und unfähig darüber nachzudenken, fragte ich:
»Und was nun? was nun weiter, lieber Mann?«
»Natürlich wünscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu überlegen.«
»Wer wünscht das, Herr Wichselmeyer?«
Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und ließ eine verhältnismäßig lange, aber glücklicherweise wenig kostbare Zeit vorüberstreichen, ehe er mich einer Antwort würdigte.
»Das Kind doch nicht?!« rief er endlich. »Sie würden der letzte sein, an den das gnädige Fräulein sich um Rat und Trost wenden würde; aber die gnädige Frau bittet um einen Besuch, wünscht sich Ihnen an das Herz zu legen und Ihre Wut an Ihnen auszulassen.«
»An mir?! Gütiger Himmel, weshalb denn gerade an mir?«
»An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch nicht mit sich scherzen, und einen muß man doch haben, dem man sagen darf, was man über die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr; Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser lästerlichen, hinterlistigen, heimtückischen Welt keine Sehnsucht empfindet nach der einzigen Kreatur, von der man gewiß weiß, daß sie uns versteht und uns nachfühlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin das Seinige gelernt, ungefähr wie ein gewisser Nigger, der sich aus Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit auf der Polizei eingesehen werden kann.«
Ich hielt mir die Stirn mit beiden Händen. Dieses an diesem glühendenTage?!…
»Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung machen.«
»Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, überflüssig ist; — man kannte die Antwort schon ohne das.«
Nun hätte ich den Schwarzen doch noch aus der Tür werfen müssen; er schien es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er sein letztes Wort gesprochen hatte.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Ein Gewitter mußte kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten desselben an allen Ecken und Enden, das heißt über alle Dächer her, die mir rings um meine Fenster den unermeßlichen Äther verengerten. Während die giftig-weißen Wolkenballen emporstiegen und, sich umwälzend, ihre Farbe ins Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die möglich-sorgsamste Toilette, meine äußere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz verändernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einfluß der elektrischen Schwüle einen Seelenprozeß durch, dessen häufigere Wiederholung mir für den Körper nicht wünschenswert sein konnte.
Ich überdachte mein Leben und zählte die Jahre desselben. Die Summe der letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes, wohlgehäufeltes, unübersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob das, was der Meister Autor »versunkene Gärten« nannte, unter der nahrhaften Vegetation begraben lag, will ich unaufgerührt lassen; sicher aber war, daß mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr menschenbedürftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt.
»Diese Hexe!« stöhnte ich leise, die Hemdärmel zuknöpfend. O, sie wußte es ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn der Herr da? — Hätte sie statt dessen, beide Hände mir entgegenstreckend, die Bekanntschaft erneuert, so wäre alles verlaufen wie es sich eigentlich gehört — erfreulich, höflich, in den besten gesellschaftlichen Formen; aber bei
der Macht ProserpinasUnd bei Dianas unverrückter Allgewalt,Auch bei den Büchern, kräftiger Bannsprüche voll,Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn —
dies Weib wußte, was für ein Zauberwort es gebrauchte!
Wer ist denn der Herr eigentlich? — —
Ich nähere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu meinen, derartige psychologische Raritäten novellistisch aus der Tiefe ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gänschen, das Trudchen Tofote gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! — fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten, wehmütigsten Gemütsbewegungen der letzten Tage und Nächte. Wir mögen noch so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes Schicksal behalten wir darum doch für uns allein, und es ist uns stets — manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das wichtigere.
Das Wort der Hexe ärgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbendenSteuermanns, setzte mir seine scharfen Nägel mitten im Verkehr mit demMeister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heißenSonne unter den hohnlachenden Lebensbäumen am Grabe des Seefahrers KarlSchaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, michumzusehen,wer»eigentlich« da hinter mir stehe und mich anblase.