XIII.

Sie erzählte ihm von der neunjährigen Gefangenschaft im Kloster. Dann habe sie der Oberst zu sich genommen. „Seine Frau lebte damals noch, und er hat sie auf Händen getragen. Als sie starb, war der Mann ganz wahnsinnig. Er tobte und schrie: ‚Nehmt mich auch gleich mit, nehmt mich mit,‘ als man den Sarg forttrug. Aber acht Tage später gab er mir schon zu erkennen, daß er in mich verliebt sei. Er war ganz frivol und – kurz und gut, ich bin davongelaufen. Ich war dann ein halbes Jahr bei armen, armen Verwandten in Thüringen. Die niedrigsten Dienstleistungen mußte ich verrichten. Und obendrein zahlte ich noch Logis. Ich hatte gar kein Geld mehr, und es ging mir sehr schlecht.“

„Nun, und dann?“

„Ja, eines Tages kam er und holte mich. Ganz aus freien Stücken. Ja, denk dir, das hätt ich bald vergessen. Wie ich so in Not war, bat ich ihn brieflich um Geld. Da ließ er mir durch seinen Advokaten mitteilen, wenn ich mich nochmal unterstünde, ihn zu belästigen, würde er mich wegen Erpressung belangen. Denk dir!“

„Aber du hättest doch zu stolz sein müssen, um zu schreiben –“

„Ach –! Kurz, schließlich kam er und –“

„Du gingst mit ihm? Wirklich?“

„Ich war so froh. Das Elend hatte mich fast aufgerieben. Er reiste dann mit mir nach Italien und das war doch wieder sehr nett.“

„Und seitdem hat er nichts mehr gesagt?“

„Nein.“

„Nie wieder hat er das von dir verlangt?“

„Nie.“

„Aber warum bist du denn neulich –?“

„Ach, wir haben eben gestritten wie immer.“

„Und warum diese Angst vor ihm, diese mörderische Angst?“

„Er ist entsetzlich eifersüchtig. Wenn ich nicht thu, was er wünscht, läßt er mich im Stich. Und wenn er mich im Stich läßt, bin ich verloren.“

Leise, ganz leise regte sich das Mißtrauen aufs Neue in Falk. Aber dieses frische Mißtrauen war anderer Art. Es stützte sich auf Thatsachen, darauf, was sie selbst erzählte. Er hörte garnicht auf, zu fragen, immer wollte er Einzelheiten wissen, und wo er einen Widerspruch vermutete, war seine Art zu fragen, ganz die eines Untersuchungsrichters, und sein Wesen war verstört und nervös. Tag um Tag hätte er ihre Vergangenheit kennen lernen mögen. Hundertmal fragte er nach denselben Dingen, und sie ermüdete nicht in der Beantwortung. Offenbar fand sie es gut und vernünftig, daß er alles zu wissen begehrte. Wenn sie so erzählte, arglos und heiter, herrschte stets ein bitterer Zwiespalt in seiner Seele. Er glaubte ihr und glaubte ihr nicht. Er sagte sich, es sei undenkbar, daß ein Mensch, und sei er der raffinirteste Heuchler, sich derart verstellen könnte, und andererseits folterte ihn das Abenteuerliche, Sprunghafte ihres Lebens und jene Verschlossenheit, die sich bisweilen an ihr kundgab, der rasche Wechsel ihrer Stimmungen, das oft Herausfordernde ja sogar Bösartige und Versteckte ihres Wesens. Besonders wurde er die Empfindung nicht los, daß alles, was sie berichtete, bis zu einem gewissen Punkte wahr sei. Von da an begann jedoch die Dunkelheit. Je mehr er sie liebte (und von Stunde zu Stunde nahm seine Liebe zu), je mehr zweifelte er an ihr. „O,“ sagte er im Verlauf der Nacht zu ihr, „ich möchte nur ein einziges Mal zusehen, wenn du mit Jenem allein bist. Nur fünf Minuten lang.“

Er blickte sie forschend an, aber sie lächelte.Es gibt kein Wort für die Art dieses Lächelns. Es war ein keusches Lächeln.

„Noch etwas muß ich dir gestehn,“ flüsterte sie bang. „Aber ich fürchte mich.“

Wie ein kalter Hauch überlief es Falk. Er fühlte, wie unwahr seine Versicherung gewesen sei, daß er ihr vertraue. „Was ist es? Sag es, sag es!“ murmelte er schnell und ungeduldig.

„Aber du wirst böse sein.“

„Gewiß nicht, Schatz,“ beteuerte er, und küßte sie so heiß, als wisse er bestimmt, daß er sie nach ihrer Eröffnung nimmer küssen werde.

„Ich wag es nicht,“ flüsterte sie und schmiegte sich eng an ihn an. Ihr warmer Leib raubte ihm fast die Besinnung.

„Sei doch nicht kindisch,“ sagte er, mitergriffen von ihrer Furcht.

„Aber du versprichst mir, nicht bös zu sein?“

Er zögerte. „Ich verspreche es.“

„Auch nicht zu schimpfen?“

„Auch nicht zu schimpfen.“

„Also: – Ich habe eine Schwester, die ich verleugnen muß, und die ich dir gegenüber schon verleugnet habe.“

„Ah –“ machte Falk erleichtert und ein wenig enttäuscht. „Aber was soll das für einen Zweck haben. Sie selbst nennt dich ja ihre Schwester. Neulich fragte sie mich, ob du zu Hause seist.“

Mely schwieg erblassend. „Ja, sie beneidetmich, die Arme, und ich kann doch nicht mehr für sie thun, alsermir erlaubt.“

„Das ist peinlich,“ sagte Falk verstimmt.

„Was?“

„Ach, alles das.“

„Bist du bös?“

„Nein, Schatz.“

„Wirklich nicht?“

„Nein nein, wie sollt ich auch, du armer Schatz.“

„Wie gut bist du, wie gut,“ stammelte sie, ihr erglühendes Gesicht an seiner Brust verbergend.

„Wirst du morgen noch im Bett liegen müssen?“ fragte Falk. „Du hast mir noch immer nicht gestanden, was dir eigentlich fehlt.“

„Ja, – – ich bin eben krank.“

„Krank!Wiekrank, wo krank?“

„Verstehst du mich nicht? Ich habe so viel zu leiden durch – – ach verstehst du nicht? Jetzt wieder. Deshalb muß ich das Bett hüten.“

„Ich – begreife aber nicht,“ sagte Falk ratlos. Als er aber sah, wie sie voll Scham lächelte, verstand er plötzlich und schloß sie erregt in die Arme. Er war erschüttert, daß sie ihm dies offenbarte. Er schaute ihr lange in die Augen, die so kohlschwarz waren, und die so durchdringend leuchteten wie seltnes, kostbares Gestein. Er konnte sich nicht enthalten, sie zu küssen, sie immer undimmer wieder zu küssen, zwanzig Mal, hundert Mal. Und alles vergaß er dabei, wie auch sie alles vergaß: den vergangenen Tag und den nächsten Tag, und die kommenden Tage und alle Zukunft mit ihren Sorgen. Unbewegt und voll Glück waren die gegenwärtigen Stunden. Sie glichen einem tiefen, stillen See, in dem sich der lichte Himmel spiegelt und der dadurch hell erscheint, so dunkel und geheimnisvoll er auch in Wahrheit sein mag.

Und er erzählte ihr die Geschichte von Romeo und Julia, der sie atemlos lauschte. Und als er fertig war, stieß sie heftig hervor: „Und glaubst du, daß ich dich nicht so lieben könnte, wie Julia?“ Schluchzend drückte sie den Kopf in die Kissen, und auch Falks Augen standen voll Thränen. Er suchte sie empor zu ziehen, aber schließlich legte er seine Wange an die ihre und flüsterte leidenschaftlich: „So hingebend? Alles könntest du von dir werfen? Ganz mir gehören?“

Noch tiefer drückte sie den Kopf in die Kissen.

Es war spät, und lange küßte er sie zum Abschied.

Eine jener unbehaglichen Stimmungen herrschte in der Pension, die wie eine ansteckende Krankheit um sich greifen. Fräulein von Mahnke zog aus. Sie räumte und rumorte schon seit Tagen. Der Korridor glich einem Feldlager.

Falk saß im Wohnzimmer am Fenster – Melys Lieblingsplatz, und faßte den Vorsatz, an sie zu denken, oder von ihr zu träumen. Aber kein glückliches Bild erschien ihm. Alle Gewißheit des Besitzes und der Liebe verging, und wie eine Wunde empfand er frisch und deutlich den Zweifel an ihr.

Später setzte sich Frau Bender zu ihm. Sie frug nach Mely. Falk erwiderte, sie sei zum Oberst, um drüben zu diniren.

Ganz unvermittelt begann Frau Bender von dem Oberst zu sprechen. Sie pries ihn, hob ihn in den Himmel. Es gibt eine feine Art, einen Menschen zu verkleinern: man findet die tadellos, die er haßt. So verkleinerte Frau Bender Mely Mirbeth. Aber sie wollte nicht eigentlich Böses.Sie sah auch nicht die Übel voraus, die sie verursachte. Es war lediglich der unwiderstehliche Drang in ihr, derjenigen Person, mit der sie gerade sprach, Recht zu geben, oder ihr zu schmeicheln, indem sie einem Verdacht Nahrung gab.

„Ich leide sehr,“ sagte Falk. „Ich taumle herum wie in der Finsternis. Was ist sie und was will er, der Andere –? Es frißt mir das Herz ab.“ Er war erbittert über sich, daß er vor dieser Frau in Klagen ausbrach; er glaubte, daß er dies in der Hoffnung, beruhigt zu werden, thue. In Wahrheit jedoch wollte er nur seine Zweifel bestätigt hören. Gierig horchte er.

„Wenn ich offen sein soll,“ meinte Frau Bender, „so muß ich sagen, daß ich nicht glaube, alles dies sei harmlos. Bedenken Sie doch, wie die Männer sind. Der Herr Oberst ist ein Lebemann, und halten Sie es für möglich, daß er alles umsonst thut für ein Mädchen, gegen die er doch eigentlich keine Verpflichtung hat –? Ich nicht.“

Falk zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln, während durch seinen Hals eine scharfe Glut bis in den Magen ging. Bei den letzten Worten war Fräulein von Erdmann hereingekommen. „Ah! Sie sprachen von Fräulein Mirbeth –?“ rief sie mit blitzenden Augen. Falk empfand einen stechenden Schmerz, als rücke nun die Gewißheit näher und näher.

„Noch einmal rate ich Ihnen, Herr Falk,“ fuhr Frau Bender unbeirrt fort, „als Freundin, –als gute Freundin – lassen Sie ab. Es ist ein Unglück für Sie und für Fräulein Mirbeth.“

Falk schwieg. Die Erdmann betrachtete ihn zärtlich und lispelte kopfschüttelnd: „Wie kann guter Samen auf so schlechten Acker fallen!“ Der junge Mann blickte sie drohend an, und trommelte aufgeregt auf die Fensterscheibe.

Unbemerkt von allen war auch Helene ins Zimmer geschlüpft. Die Arme verschränkt, stand sie am Tisch und musterte Falk mit stolzen Blicken. Er begegnete ihren Augen und war gedemütigt. Sie ist klug, dachte er. Sie glaubt hoch über mir zu stehen. Sie verachtet mich, daran zweifle ich nicht. Auch die eigne Mutter verachtet sie und alle andern, die in diesem Hause sind.

Zerflattert war Melys Bild vor seinen Augen, und wenn er an sie dachte, sah er nur das schlaue, verschlagene Weib, die Überlisterin des Mannes, die Betrügerin.

„Die Hühner haben Ihnen wohl das Brot gestohlen, weil Sie so unglücklich aussehn?“ sagte Helene nach dem Mittagessen zu ihm, als sie allein waren.

„Ach ja –“ seufzte Falk.

Da wurde Helene plötzlich ernst. „Ich meine so, Herr Falk: Entweder man liebt; und dann vertraut man, oder man liebt nicht – nun dann nicht. Das thut ein Mann, denk ich mir. Und wenn er nicht vertraut, geht er seiner Wege.“

Falk lauschte erstaunt und beklommen. Helene fuhr etwas träumerischer fort: „Die Liebe ist doch wie ein Spiegel. Ein noch so kleiner Splitter, und die ganze Scheibe hat den Wert verloren. Sehen Sie, – und dann das: ich gehe nie vor den Spiegel, wenn ich schlecht und nachlässig gekleidet bin. Wer hineinschaut, schaut wieder heraus. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehn, – vielleicht ist es auch dumm –“ sie hielt errötend inne, und sagte dann, den Mund verziehend: „Ah bah! lirum, larum Löffelstiel!“

Falk sah sie verwundert an. „Sie sind wie ein Gedicht von Heine,“ brummte er. „Sie berauben sich selbst der schönsten Wirkungen.“ Er mußte sich gestehen, daß ihr jene Worte etwas Adelndes und Liebliches verliehen hatten. Seltsam erschien ihm, daß sie ihn getröstet hatte und aufgerichtet mit diesem ziemlich dunklen Gleichnis.

Doch als er ausging, war er wieder mißmutig und in gedrückter Stimmung. Er trank unter den Arkaden Kaffee und blieb Zeitung lesend sitzen, bis es dämmerte. Als er nach Hause kam, saß Mely allein im Wohnzimmer. Sie hatte ein Buch auf den Knieen, blickte aber, den einen Ellbogen auf das Knie gestützt, träumend zur Seite. „Was liest du denn da?“ fragte er ziemlich hart, nahm das Buch und las den Titel: Mantegazza, Physiologie des Weibes. „Pfui, ein so schmutziges Buch liestman doch nicht!“ rief er aus, und schleuderte den Band auf den Tisch.

Mely errötete und sah ihn ängstlich an. In diesem Augenblick wäre sie sicherlich bereit gewesen, mit ihm zu fliehen, wohin er wollte, ihm zu folgen bis an den fernsten Winkel der Welt, und sei es in Armut und Elend. Aber plötzlich wurde sie unfreundlich, runzelte die Stirn und gab ihm auf verschiedene Fragen keine Antwort. Dieser jähe Stimmungswechsel machte ihn ratlos. Sie selbst erschien dadurch um vieles älter und häßlicher. Alles Sanfte, Nachgiebige, Gute verschwand aus ihrem Gesicht und harte Linien entstanden. Umsonst forschte er nach dem Grund dieser Veränderung; statt Auskunft zu geben, erhob sie sich und ging hinaus.

Am Abend kam die Kartenlegerin. Frau Bender und das Fräulein von Erdmann hatten ihre Neugierde, Ereignisse der Zukunft zu erfahren, nicht bezähmen können, und Falks Zimmer wurde zum Quartier der Wahrsagerin gemacht.

Mely atmete auf, als Falk gegen acht Uhr von einem Besuch zurückkam. Er sah sie stumm an. Ich liebe dich, hätte er ihr zurufen mögen, alle Tage denk ich nur an dich, alle Stunden, und es gibt kein Licht als die Liebe.

Fräulein von Erdmann kam kichernd von der Kartenlegerin zurück. Sie stellte sich, als ob sie nicht im Entferntesten an die schönen Dingeglaube, die ihr geweissagt worden, aber schließlich konnte sie ihr Entzücken nicht mehr verbergen. „Eine geniale Person!“ rief sie enthusiastisch. „Meine ganze Vergangenheit hat sie aufgedeckt, – es war staunenswert.“ Falk beobachtete mit schwerem Herzen, wie jedes Wort, das sie sprach, eine feindselige Spitze gegen Mely enthielt, selbst wenn das Gesprochene sich in gar keiner Weise auf das junge Mädchen bezog. Aber der begleitende Blick und die begleitende Geste waren schon feindselig. Frauen verstehen es so gut, mit unsichtbaren Schwertern zu kämpfen. Alle sind ihr gram, dachte er. Und warum? warum? Und Mely sah ihn an mit einem Blick, der um Verzeihung bat, und der sagen wollte: Ich bin schuldig. Ich weiß, was du denkst, schien dann ein anderer Blick zu sagen, aber schon lange hassen sie mich, alle diese. Und wenn sie mich jetzt noch verachten werden, dann bist du die Ursache.

Bald kam auch Frau Bender zurück und Helene ging, um sich prophezeien zu lassen. Falk fand es interessant, zu beobachten, in welcher Stimmung ein jeder zurückkam. Frau Bender war hoffnungsselig und voll gutem Glauben. Sie erzählte kindlich froh, daß sie noch in diesem Jahr zu ihrem Mann nach Amerika reisen würde. „Aber noch bevor wir dies Haus verlassen,“ fügte sie hinzu, „wird eine weibliche Person darin sterben.“

„Uchh!“ machte Fräulein von Erdmann schaudernd.

Falk wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. Ein kühler Strom, flüchtig und frostig, ging über seine Augen. Helene trat ein. Sie allein erzählte nichts, und machte ein skeptisches Gesicht. Jetzt erhob sich Mely. Sie schleppte sich mehr hinaus, als sie ging, und wenn auch Falk ihr Gesicht nicht sah, war er überzeugt, daß sie die Augen geschlossen haben müsse. Unter den Zurückbleibenden herrschte fortwährend jene Spannung, etwa wie unter Leuten, die sich vor Gespenstern fürchten, trotzdem Alle, Frau Bender ausgenommen, ungläubig erscheinen wollten und sich Mühe gaben, ihr inneres Erstarrtsein zu verbergen.

Falk hatte Herzklopfen als er Mely kommen hörte. Sie schüttelte bloß den Kopf, als sie sich setzte und sagte zusammenfahrend, als ob es kalt sei im Zimmer: „Gar nichts hat sie mir mitteilen können. Das Eiweiß im Wasser ist ganz zu Boden gesunken, und hat gar keine Figuren gebildet. Und die Karten waren ganz wirr.“ Wieder fuhr sie zusammen und häkelte den Kragen ihres Hauskleids zu.

„Soll ich auch mitthun?“ fragte Falk, sich belustigt umsehend, als handle es sich um einen vortrefflichen Scherz. Alle bejahten lebhaft. „Sie werden sich köstlich amüsiren!“ rief Fräulein von Erdmann, indem sie bemüht war, Mely ihreGeringschätzung zu zeigen. „Gehen Sie nur, Sie Zigeuner! Marsch!“ Und mit frivol gespitzten Lippen blies die dicke Dame bedächtig den Rauch ihrer Zigarre von sich.

Als Falk sein Zimmer betrat, saß die Kartenlegerin am Tisch und schlürfte Thee. Er sah ein Gesicht, das einem Stück Felsen glich, wenn lange Zeit das Wasser darüber hinweggespült wurde, so daß es ganz gefurcht und grünspänig aussieht. Das Weib mischte die Karten und sagte mit fremdländischem Accent: „Aach ... Liebe, die vorübergeht.“ Sie sprach ihr fremdes Deutsch im Münchner Dialekt, und wandte oft übertriebene, phrasenhafte Worte an, so daß ein halb komisches, halb beängstigendes Gemisch von Gravität und prophetischer Würde entstand. „Sie haben es verstanden, arm zu bleiben,“ sagte sie dann kopfnickend. „Die Aß und der Bub, – Schellenkönig, – großes Herzeleid ist über Ihnen, wie eine schwangere Wolke. Grün Zehner und rot Sechser – durch ein großes Gebirge werden Sie fahren, und zwar im August dieses Jahres. Ein schwarzhaarigs Mädel steht bei Ihnen. Sie sehnt sich recht sehr nach Ihnen, von ganzem Herzen liebt sie Ihnen, – aber Lug und Trug ohne Ende ist dabei und Thränen und Kummer –“

„Hören Sie auf!“ unterbrach sie Falk, mühsam lachend. Mit blöden Augen schaute ihn die Alte an. –

Im Wohnzimmer angelangt, war er sehr heiter. Er berichtete die komischen Einzelheiten in dem Gebahren der Seherin, und seine Lustigkeit wurde zum Schluß förmlich betäubend. Er fühlte, wie Mely seinen Blick zu erhaschen suchte, wie sie ängstlich und vorwurfsvoll, ihn nicht aus den Augen ließ, aber um keinen Preis hätte er sie jetzt anschauen mögen. Seine Empfindungen waren verzerrt, sein Herz war wie zersprungen.

Da bemerkte er, daß sie das Zimmer verlassen hatte. Zuerst achtete er nicht darauf, aber auf einmal verlor er die Ruhe und die Besinnung und ging hinaus, um sich in seinem Zimmer einzuschließen. Doch wanderte er, seinen Vorsatz vergessend, im Korridor auf und nieder. Er hatte Sehnsucht nach ihr und wünschte heiß, sie küssen zu dürfen. Er klopfte leise an ihrer Thür. Als er keine Antwort erhielt, drückte er auf die Klinke, aber sie hatte den Riegel vorgeschoben. Er flüsterte ihren Namen, und immer erregter werdend, klopfte er schließlich heftig an die Thüre.

Ohne daß er sie nahen gehört, stand plötzlich Helene hinter ihm. „Was thun Sie!“ sagte sie streng.

„Gehen Sie hinein, Helene,“ antwortete er finster. „Ihnen wird sie öffnen. Ich weiß bestimmt, daß sie jetzt drinnen liegt und weint, aber es ist mir unverständlich, unfaßbar!“

Eindringlich rief Helene Melys Namen. Falk trat ein wenig zurück in die Dunkelheit. Mely öffnete und ließ Helene ein. Es war finster in ihrem Zimmer.

Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen lange Zeit bei einander. Er hörte, daß sie sich dutzten, und ein beklemmendes Gefühl hinderte ihn stundenlang am ruhigen Nachdenken. Gegen Mittag kam der Diener des Obersts, ein läppisch aussehender Soldat mit einem Brief für Mely. Falk saß am Klavier. Während er weiterspielte, sah er genau, wie das junge Mädchen erbleichend das Papier durchlas, es dann hastig zerknitterte und in die Tasche steckte. Er trommelte ein wildes, sinnloses Fortissimo und schlug krachend den Deckel zu.

„Herr Falk interessirt sich außerordentlich für Sie,“ sagte Frau Bender, die in der Küche am dampfenden Herd stand, zu Mely. „Er ist so unglücklich und klagt mir fortwährend sein Leid. Sie müssen ihn trösten und aufrichten, Fräulein Mirbeth.“ Die kleine Frau lächelte fröhlich und rührte emsig ihr Kartoffelgemüse. Finster sah Mely auf den Schnee hinaus, der schon allenthalben mit Ruß bedeckt war. Begierig hörte sie zu, als wünsche sie selbst, daß die Liebe in ihrer Brust ertötet würde. „Ich bin so elend,“ sagte sie mit unstätem Blick, als Frau Bender fertig war, „ich sollte mich eigentlich ins Bett legen.“

„Thun Sies doch.“

„Ich muß hinüber zu Herrn Oberst.“

Als sie fortging, stand Falk im Korridor. Ohne ihn anzusehn, schritt sie vorbei, matt lächelnd. Sie grüßte ihn, aber ganz leichthin, ganz in die Luft hinein rief sie das Adieu.

Zuerst stand Falk wie betäubt. Dann eilte er ihr nach und sich über die Treppenbrüstung beugend, rief er flehend hinunter: „Der Brief –?“

Sie blickte empor: erstaunt, fremd und kühl. Dann lachte sie kurz auf und ging weiter. Falk sah immer noch auf den Punkt, wo sie gestanden. Er sah noch ihr bleiches Gesicht hinter dem schwarzen Schleier und die funkelnden, von schwerem Feuer erfüllten Augen. Nie war sie ihm so schön, so unnahbar und so hassenswert erschienen.

Im Innern war er wie zerstört. Beständig spielte ein geringschätziges Lächeln um seine Lippen: eine Maske, die ihn tröstete. Er konnte die Geringschätzung gegen das, was ihm zugestoßen, durchaus nicht in sich finden. Nun ist sie dort drüben, dachte er, und sie genießt den Triumph, so vortrefflich gut mit mir gespielt zu haben. Dann stellte er Betrachtungen an, wie er sich als charakterfester Mensch zu benehmen habe. Er wollte ihr seine Verachtung zeigen und die Liebe tief verschließen. Vor allem machte ihn das Grundlose dieser Veränderung verwirrt. Hart und böse war sie ihm erschienen, obwohl er das vor sich selbst zu verbergen und sie zu entschuldigen trachtete.

An diesem Tag kam viel Besuch. Frau Kremer, eine alte Freundin Frau Benders kam mit ihrer Tochter Clodi von Köln, ferner eine Cousine Helenes, namens Rosine Malz. Die ersteren wollten vier bis fünf Tage, die letztere einige Wochen bleiben. Frau Kremer brachte Heiterkeit mit. Sie war dick und rund, lachte beständig, und nichts war ihr so heilig, als daß sie es nicht zu einem Witz mißbrauchte. Diese Witze waren meist so geartet, daß Rosine Malz purpurrot wurde, Frau Bender die Hände zusammenschlug, Clodi kicherte und „aber Mama“ rief und Helene niedergeschlagen den Kopf schüttelte.

Am Abend gingen alle ins Theater. Falk war in seinem Zimmer und lag mit dem Oberkörper auf dem Bett. Er hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und starrte in die Höhe, in den zitternden Lichtkreis, den die Flamme auf die Decke warf. Zum hundertsten Mal rief er sich all das zurück, was Mely schuldig der Lüge erscheinen ließ, und je mehr er nachdachte, um so mehr ward er überzeugt von ihrer Schuld.

Auf jedes Geräusch lauschte er, und er verfolgte es, wenn es sich langsam verlor. Aber es wurde acht Uhr, und sie kam nicht. Er erhob sich und ging schnell auf und ab. Da läutete die elektrische Glocke, und er wußte: sie war es. Er legte sich wieder, scheinbar gleichgültig sinnend, aufs Bett und mit klopfendem Herzen vernahmer ihre nahenden Schritte. Als sie anpochte, rief er mit wohlvorbereiteter Nachlässigkeit: herein!

Wiederum fiel ihm zuerst das gänzlich Verstörte ihres Wesens auf. Wohl empfand er eine flüchtige Freude darüber, daß sie kam, aber zugleich gewann eine so große Trauer Macht über ihn, daß er völlig abgewandt von Mely auf das schauerliche Geheul des Windes horchte und sich nicht einmal erhob, um sie zu begrüßen.

„Guten Abend,“ sagte sie leise und furchtsam.

„Wo warst du so lange?“ entgegnete Falk, ohne sich zu bewegen. Er starrte immer noch auf die Decke.

Mely seufzte tief und schlug ihren Schleier zurück. „Du weißt es doch,“ sagte sie mit jenem schwermütigen Tonfall, der ihn unfähig machte, ihr länger zu zürnen. Er sträubte sich gegen den Einfluß ihres Wesens, ihres Wortes, aber umsonst. Alles ist berechnet bei ihr, dachte er, alles ist Verstellung, – aber dennoch, eher hätte er ihre Verzeihung erbetteln, als ihr Vorwürfe machen mögen. Er gehörte zu jenen Menschen, die wenn sie lieben, jede Züchtigung, jede Demütigung zu vergessen wünschen.

Plötzlich aber, als er aufgestanden war und ihr entgegentrat, fiel sie ihm um den Hals und stammelte fassungslos: „O, ich mag dich so gern!“

„Mely!“ rief er aus und drückte sie an sich. Quälend und überaus besorgniserregend war ihmdie Verstörtheit ihres Wesens. Beglückt zugleich und bestürzt durch das Ungewisse, Finstere, vor dem er stand, küßte er sie brennend heiß. „Bist du denn wirklich mein Schatz?“ fragte er, zitternd am ganzen Körper.

„Ja ja,“ antwortete Mely hastig und gleichsam angstvoll und drückte ihn mit bebenden Armen an sich. „Warum liebst du mich?“ fragte sie, indem sie schmerzlich und kummervoll zu ihm aufsah. „Das möcht ich wissen. Es ist doch nichts an mir. Es gibt doch so Viele!“

„Was ist vorgegangen mit dir!“ rief Falk erschrocken.

„Nichts, nichts,“ erwiderte sie kaum hörbar. „Horch nur, wie der Wind rast.“

„Lieber, süßer Schatz, was ist mit dir? Was hast du für einen Kummer? Schau, ich weiß, du verbirgst mir etwas, du hast ein Geheimnis. Komm, vertraue mir, sei gut, sag es mir.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nichts, gewiß nicht. Warum bist du so mißtrauisch?“

„Du hast Wein getrunken?“ forschte er nervös.

„Ja, – weshalb?“

Er verfiel in langes Grübeln. Mely beobachtete ihn unruhig. Dann nahm er ihre Hand. „Mely – hättest du den Mut, mit mir zu sterben?“

Sie entzog ihm ihre Hand. „Ach geh, den Unsinn!“ erwiderte sie stirnrunzelnd.

Förmlich gepeitscht von Argwohn und Zweifel,folgte er ihr ins Wohnzimmer. „Was war das für ein Brief, den du heute bekommen hast?“ begann er, und setzte sich zu ihr auf den Divan.

Sie lächelte versteckt. Er drängte, aber sie weigerte sich. Sie zog die Sache zuerst ins Scherzhafte, aber schließlich wurde sie finster und ungehalten. Falk hätte in den Boden sinken mögen vor Scham und Bitterkeit. Er versuchte, zärtlich zu sein, sie zu versöhnen. „Was hattest du heute Mittag?“ fragte er sie schüchtern, doch mit verhaltenem Zorn.

„Da fragst du noch?“ gab sie gehässig zurück.

„Nun?“

„Ich liebe nur einen Mann, den ich bewundern kann,“ sagte sie entschieden. „Aber wie kann ich das, wenn du so weibische Sachen machst. Du spionirst, du horchst, du bringst mich ins Gerede, du beschwörst den niedrigsten Klatsch herauf, – du hast gar keine Achtung vor mir.“

Falk stand am Fenster und sah hinaus. „Sie macht mich wahnsinnig,“ flüsterte er vor sich hin. „Überhaupt, was ist das für ein Sturm heute? Was soll das bedeuten? Die Welt ist in Aufruhr, das ist klar, klar. Finster ist die Nacht. Ich wollte, ich wäre da draußen. Vielleicht irgendwo auf der Landstraße, wo es stürmt und regnet, oder im tiefen Wald, nur nicht in diesem Zimmer. Ich hasse sie bitter.“ Diese wirren Worte entfielen ihm ganz unbewußt. Alles Gegenwärtigewar ihm traumhaft und verschleiert, und er suchte seine Gedanken von dem Wirrsal, das in seiner Seele herrschte, abzulenken. Gift ist die Liebe, dachte er. Und doch, den Staub hätte er von den Dielen geküßt, wenn sie jetzt ein gutes Wort gesprochen hätte. All seinen Argwohn vergaß er im Nu, wenn sie zürnte.

Als um elf Uhr Frau Bender mit ihren Gästen heimkehrte, entstand eine geräuschvolle Lustigkeit. Frau Kremer hörte nicht auf, Falk und Mely mit Anzüglichkeiten zu verfolgen. Mely wurde immer verlegener; bang und traurig flehte sie Frau Bender mit Blicken um Hilfe. Clodi schalt ihre Mutter und ging zu Mely. Sie ergriff die Hand des jungen Weibes und legte den rechten Arm ihr um den Hals. Clodi hatte ein gutes Gesicht, in welchem zwei kindlich schalkhafte, treuherzige Augen saßen. Mit einem Lächeln, voll von Verwunderung, Freude und Dankbarkeit sah Mely zu ihr auf.

Frau Bender spielte mit Falk Halma. Sie verlor stets und geriet darüber in große Aufregung.

Den folgenden Tag über sprachen Mely und Falk fast nichts zu einander. Mely war von übertriebener Lustigkeit und spielte mit Dele und Clodi. Pitt mußte über den Stock springen und die Katze suchen, und das jüngste Kätzchen wurde, angethan mit Puppenkleidern und einer Pierrot-Mütze,auf dem Tisch spaziren geführt. Das unglückliche Tier machte die größten Anstrengungen, sich seines Kostüms zu entledigen, und darüber herrschte nun großer Jubel. Die Katzenmutter sah mit funkelnden Augen, leise brummend zu und war beständig gegen Pitt in Angriffszustand. Die Erfinderin aller tollen Streiche war Clodi, in der viel von der Laune ihrer Mutter steckte. Fräulein von Erdmann kam öfters mit feierlichen Schritten ins Wohnzimmer, um durch ihr Erscheinen dem Lärm zu steuern. Aber es war nutzlos. Unbeirrt durch das Geschrei und Gelächter, spielte Falk ein schwermütiges Adagio, ein Chopinsches Lamento und den Trauermarsch aus der Asdur-Sonate. Bald wurde er von Clodi vertrieben, die sich den „Leichenchor“ verbat, am Klavier Platz nahm und einen Walzer spielte. Und sie spielte ihn so, daß man lächeln mußte in innerer Sorglosigkeit. Groß und durchdringend ist der Zauber der Jugend.

Auf alle war Falk eifersüchtig: auf Clodi, auf Dele, auf den Hund und auf die Katze. Ihm schien es, als ob sich Mely nur deshalb so sehr dem Spiel hingebe, um ihm ihre Gleichgültigkeit zu zeigen. Und es war auch so. Sie that es aus Trotz.

Es dämmerte und der olivenfarbne Abenddunst lag auf der Straße. Da kam sie zu ihm ins Zimmer. Er konnte nicht sprechen vor Trauerund Beklommenheit. Aber als er ihr etwas spöttisches Lächeln sah, sagte er: „Siehst du, du wirst mich krank machen.“

Sie lachte hart. Dann aber veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts, und sie sah ihn an, als ob er in viel größerer Ferne stünde und sie sich im Ungewissen befände, ob er es denn wirklich sei. „Ach,“ sagte sie, „sie machen dich schlecht. Sie wenden alles an, mich von dir abzuziehen.“

Sie schwieg, denn er hatte ihr den Rücken zugedreht und sie mußte sein Gesicht sehen können, wenn sie ihm so etwas sagte.

„Ich muß jetzt fort,“ erwiderte Falk mit gleichgültiger Stimme. „Kannst du mitgehn? Wir gehen in den Theesalon ...“

Mely brauste unwillig auf. „Was fällt dir ein? Du weißt doch, daß ich nie mehr mit dir auf der Straße gesehen werden darf. Er ahnt schon ohnehin etwas –“

„So! – Na, das ist ja gleich. Ich lechze nicht so sehr nach deiner Gesellschaft. Empfiehl mich deinem Hund und den Katzen. Adieu, Fräulein.“

Sie machte eine verächtliche Bewegung mit den Lippen und ging. Aber Falk blieb zu Hause. Zuerst faßte er den Entschluß, den Abend über in seinem Zimmer zu bleiben, doch das konnte er nicht ertragen. Er mußte sie sehen, er mußte sie reden hören, wenn gleich sein Herz von Bitterkeitgegen sie erfüllt war. Er unterhielt sich mit Rosine Malz, die ihm viel dümmer vorkam als andere Mädchen dieses Schlags, und später mit Fräulein von Erdmann. Er spielte den Liebenswürdigen und versuchte nicht ohne Glück, witzig zu sein. Er hoffte dadurch Mely zu reizen.

Und als es Nacht war und alles schon stille, kam sie zu ihm. „Ich habe Jemand im Korridor gesehn,“ flüsterte sie unruhig und gequält.

Er ging hinaus und that, als suche er etwas. Er öffnete die Wohnzimmerthür, die nur angelehnt war – er erschrak darüber – und spähte hinein. Im Finstern sah er Helene am Fenster stehen. Sie setzte die Kerze in Brand und blickte ihn kalt an. Offenbar weiß sie jetzt alles, dachte er. Sie erschien ihm hinterlistig und katzenhaft.

Er redete Mely die Furcht aus. Sie hörte nur halb auf ihn, denn sie lauschte beständig auch auf die leisesten Geräusche vom Flur und von der Straße. Als er wiederum bat, ihm den Brief zu geben, stieß sie ihn gereizt zurück. Er sprang auf und ballte drohend die Faust. Dann wanderte er erregt auf und ab und schleuderte eine Untertasse zu Boden, daß sie klirrend zerbrach. Mely lachte boshaft und geringschätzig. Das brachte ihn außer sich. Er stellte sich vor sie hin und sagte gehässig, mit funkelnden Augen: „Ich weiß, daß du etwas verbirgst und ich schwöre dir, daß ich es erfahren werde. Hüte dich!“

„Die lächerlichen Drohungen!“ erwiderte Mely gleichgültig und ruhig. Sie erhob sich, um zu gehen.

„Du wirst bleiben!“ rief er mit unterdrückter Stimme und mühsam an sich haltend. Er packte sie bei den Schultern und warf sie mit voller Kraft in den Fauteuil zurück. Wie gelähmt blieb sie sitzen. Ihre Augen leuchteten in grünlichem Glanz. Und Falk redete zu ihr: erst in verzweifeltem Trotz, dann mit einer Sanftmut, die mit Selbstverachtung zu kämpfen schien (weil er sich nachgiebig zeigte, da er doch ein Recht zu zürnen hatte), und immer leiser sprach er, ungereimte Dinge, Versicherungen seiner Liebe, seiner Ehrlichkeit, das Eingeständnis seiner Heftigkeit und seines Mangels an Vorsicht. Die Leidenschaft verzehrte ihn, und der Wunsch, sie weich zu stimmen, machte ihn selbst weich. Wäre sie ihm jetzt um den Hals gefallen und hätte Verzeihung erfleht, so hätte er sie geküßt und hätte großmütig verziehen, aber die ungestüme Liebe wäre zusammengesunken wie ausgekühlte Asche.

Sie aber erwiderte gar nichts. Sie saß da, schaute stets auf denselben Punkt, und als er fertig war, sagte sie, als hätte sie von seiner langen Rede nichts gehört: „Ich will jetzt hinaus.“

„Bitte,“ erwiderte er höflich. Ersagtedas nur, denn er hatte nicht den Willen, sie gehen zu lassen. Er glaubte nur, daß sie milder gestimmt,oder vielleicht stutzig gemacht durch seine Einwilligung, doch bleiben werde. Aber sie wollte in der That fort und da vertrat er ihr den Weg. „Wenn du mich nicht gehen läßt, ruf ich um Hülfe,“ flüsterte sie, schwer atmend. Da lachte er höhnisch, und schaute sie mit einem Blick voll Wut, Hohn und Haß an. Aber sie wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Das also ist die Liebe, dachte er, innerlich frierend. „Geh! geh! ich will dich nimmer sehn!“ rief er ihr zu und wandte sich ab.

„Helene weiß alles,“ sagte sie, als er am andern Morgen in ihr Zimmer kam. Er schämte sich, daß er zu ihr gegangen. Er wußte, daß es feig, schwach und unmännlich war, aber wie eine nimmersatte Feuersbrunst wütete die Liebe in ihm. Sie hatte ihn beleidigt, er aber wollte nichts, als ihre Verzeihung.

Er achtete ihrer Worte nicht. „Ich muß mit dir reden,“ sagte er streng, um sie über den Grund seines Kommens zu täuschen.

„Nun?“

„Ich will, daß du dich vom Oberst lossagst.“

„So? Du bist sehr freundlich.“

„Ich kann die Zweifel und diese Angst nicht mehr ertragen. Es ist schimpflich für uns beide. Mach ein Ende, Mely. Nur dann kann ich bei dir ausharren.“

„Ach, dieses Geschwätz!“ rief Mely heiter. „Ichhabe dir schon gesagt: ich kann nicht, und das muß dir genügen.“

„Du kannst nicht? Wie viel Tausende müssen ihr Brot verdienen und thun es willig.“

„Ich bin krank, du weißt es.“

„Ach –!“

„Also: ich kann nicht und damit fertig.“

Ihre brüske Art machte ihm heiß. Spöttisch erwiderte er: „Das Fräulein sind einfach zu bequem. Das ist zu plebejisch: sich sein Brot verdienen. Wie angenehm ist es, sich an die Tafel des reichen Mannes zu setzen und sich füttern zu lassen. Wenn man auch hin und wieder ein bißchen beschimpft wird, was schadet das.“ Er wußte, daß sie alles gelassen hinnahm, nur seinen Spott nicht. Darum suchte er mit Innigkeit nach spitzen Wendungen und giftigen Anspielungen, bis Mely wie außer sich aufsprang und ihn mit den Blicken maß. „Genug! genug!“ rief sie mit bebender Stimme.

Falk ging den ganzen Tag wie gebrochen umher. Den Nachmittag hindurch spielte er Billard im Kaffeehaus, dann Schach, endlich Karten. Erst tief in der Nacht kam er nach Hause. Sicherlich wacht sie noch, sagte er sich beim Zubettgehen. Sie hat gewartet, bis ich kam. Und mit Sehnsucht gedachte er ihrer Küsse. Hundert und hundert Mal hatte er diese Lippen berührt, mit Andacht oder mit heißem Verlangen, die sich jetzt nimmerfür ihn öffnen sollten. Bei Tag hatte er sich in ein künstliches Gefühl des Befreitseins hineingeredet, aber jetzt, in der Stille der Nacht überfiel ihn der unerbittliche Schmerz des Verlustes.

Am Morgen kam der Bursche vom Oberst und brachte ein großes Paket. Falk war im Wohnzimmer, als sie es öffnete. Clodi, Dele, Rosine Malz und Frau Bender standen erwartungsvoll dabei. Er sah, wie ihr Gesicht strahlte, als sie die Geschenke, eins ums andere herausnahm und auf den Tisch legte. Sie konnte sich nicht finden vor Glück. Rasch kleidete sie sich um und eilte hinüber, um zu danken.

„Wie unzart von Fräulein Mirbeth, in Ihrer Gegenwart so über die Geschenke zu jauchzen,“ sagte Frau Bender zu Falk, der stumm am Fenster lehnte.

Wieder verbummelte er den Nachmittag und den Abend. Er verschleuderte sein Geld, hielt Selbstgespräche auf den Gassen, wobei er weite, ausdrucksvolle Gesten und ein bekümmertes Gesicht machte.

Es war kalt und der Mond schien so hell wie in den Herbstnächten, als er heimging. Sein Inneres war wie ausgebrannt. „Ich bin zertrümmert,“ sagte er oftmals für sich und schüttelte verwundert den Kopf.

In seinem Zimmer angelangt, kühlte er die Stirn mit kaltem Wasser. Viel tausend Stimmenschrieen in seiner Seele nach ihr. Sie betrügt mich, dachte er. Aber er entbehrte sie, wie ein Hungriger die Speise.

Aus seinem Zimmer schleichend, nahte er ihrer Schlafzimmerthüre. Er horchte lange, dann drückte er die Klinke. Es war nicht verriegelt und unhörbar trat er ein. Ohne sich zu rühren, blieb er lange Zeit an ihrem Bett stehen und lauschte ihren Atemzügen. Schwach fiel der Schimmer des Mondes auf ihre weiße Gestalt. Ruhig und ausgestreckt lag sie da und traumlos schien sie zu schlafen. Die Nase ist viel zu breit, dachte Falk, sogar jetzt läßt sich das erkennen. Dann beugte er sich nieder und küßte sie. Ohne sie geweckt zu haben, ging er wieder hinaus.

Den folgenden Tag über sahen sie sich kaum. Frau Bender und Helene benahmen sich etwas seltsam gegen ihn, und Rosine Malz zeigte ihm offen, daß sie ihn hasse. Überdies war sie fast den ganzen Tag hindurch im Begriff, über die Scherze der Frau Kremer züchtig zu erröten. Clodi allein sprach öfter mit ihm, ja, sie machte ihm ein wenig den Hof. Sie war unschuldig wie ein Vogel, wenn sie auch all die groben Anzüglichkeiten ihrer Mutter belachte. Sie verstand es, mit ihrem Lächeln jemand das Herz leicht zu machen. „Ein Gesicht machen Sie, als ob Sie Einen erschlagen hätten,“ sagte sie zu Falk. „Lachen Sie doch! Marsch!“ Und sie versuchte,ihn am Halse zu kitzeln. „Wissen Sie nicht, was mit Fräulein Mirbeth ist?“ fragte sie ihn flüsternd. „Die sitzt jetzt oft stundenlang da und spricht und lacht nicht ...“

Einige Tage darauf ging Falk in Melys Zimmer. „Ich bitte dich, was hast du gegen mich?“ begann er sogleich. „Sag mir alles, ich bin auf alles gefaßt.“

Sie lag in ihrem hyacinthenfarbnen Schlafrock auf der Ottomane und schaute unbeweglich zur Decke. „Ach, das ist doch sehr einfach,“ sagte sie langsam, als er nicht aufhörte, sie zu bedrängen.

„Nun?“

Sie schwieg, sie schien sich zu besinnen. Dann erwiderte sie so weich, daß er den Inhalt ihrer Worte kaum begriff: „Ach, ich mag dich halt nimmer.“

Falk trat zurück und schlug erschüttert die Hände zusammen. „Das also!“ – „Warum?“ fragte er nach schier endlosem Schweigen.

„Mein Gott, da kommt so vieles zusammen,“ sagte sie immer noch weich, gleichsam flehend. „Deinetwegen und meinetwegen.“

„Du hast also dein Herz von mir abkommandirt? – Ja, du hast mit mir gespielt,“ murmelte Falk, ohne Hoffnung, dies ertragen zu können. „Wie dumm war ich doch! Wie ein Hündchen hing ich an dir. Ich habe dir meine Liebe stets auf dem Servirbrett zugetragen.“

„Das war das Unglück, ja. Übrigens, was hat es für einen Zweck? Es ist doch hoffnungslos. Bis es einmal soweit käme, bin ich eine alte Schachtel.“

„O ich könnte treu sein. Ich habe das Zeug dazu. Selbst die alte Schachtel könnte mich nicht hindern, treu zu sein. Aber du hast nur gespielt, das ist klar ... Alles hab ich auf dich gesetzt, die Zukunft, das ganze Leben. Und nun hast du mich zerstört. Du betrachtest mich nie mit deinen eigenen Augen, sondern immer mit denen anderer Leute, mit Helenes Augen oder so. Du hast mich nie geliebt, nie geliebt.“ Der Schmerz verschloß ihm die Kehle. Immer noch ausgestreckt lag Mely da und rührte sich nicht.

„Wirklich? Ist es denn wirklich wahr?“ begann Falk wieder und näherte sich ihr. „Sag doch! Ich will ja gehn, wenn du es jetzt wiederholst. Ist es denn wirklich wahr?“ Er redete mit heiserer, trauriger Stimme, aber keine Silbe war mehr aus ihr herauszubringen. „Sag, soll ich gehn?“ fragte Falk. „Sprich nur ein Wort und ich bleibe. Sag ja, und ich bleibe. Willst du? Willst du?“ Aber sie blieb stumm und nagte bloß an ihrer Unterlippe. Da ging er.

Als er draußen war, erhob sich Mely und wanderte mehr als zwei Stunden lang auf und ab. Oft standen ihre Augen voll Thränen. Sie blieb an diesem Abend in ihrem Zimmer.

Falk besuchte das Fräulein von Erdmann und führte mit ihr tiefsinnige Gespräche über den Wert des Lebens, wobei er zur absoluten Verneinung gelangte, wie Viele vor ihm. Aber die Dame, die jetzt in ihrem Äußern wie in ihrer Umgebung die Spuren eines immer größeren Verfalls zeigte, wollte davon nichts hören. Sie stritt für die Lebensfreude und für die Liebe und ließ den jungen Mann merken, daß er alle Gluten jungfräulicher Leidenschaft bei ihr finden könne, wenn er nur zu begehren verstehe. Sie versperrte sogar die Thüre, um ihn zum Dableiben zu zwingen. Ihr Feuer berührte Falk sehr peinlich. Aber er und alle, die in diesem Hause wohnten, sahen sie versinken in Armut und Erbärmlichkeit und es hatte Scenen gegeben, wo sie von Fremden gar sehr gedemütigt worden war. Deshalb bemitleidete er sie und benahm sich rücksichtsvoll. Zum Schluß allerdings tischte sie ihm ein paar Anekdoten auf, die Zeugnis ablegen sollten von dem lockern Leben, das im Hause des Obersts Thewalt geführt wurde.

Frau Bender traf er an diesem Tag in großer Niedergeschlagenheit. Ihr Sohn hatte aus Chicago geschrieben, daß der Vater mit einer fremden Frau lebe. Das hätte sie an sich nicht zu Boden gedrückt, aber er schickte auch kein Geld mehr. Sie war in Not. Fräulein von Erdmann konnte nicht zahlen, auch Falk war imRückstand. Das ganze Hauswesen war zerrüttet. Frau Kremer war abgereist und mit ihr war der letzte Rest von Heiterkeit fortgezogen.

„Lottelotts kommen auch nicht mehr,“ sagte Frau Bender beim Thee. „Sie haben mich durch Helene wissen lassen, sie könnten nicht mit einer Person wie Fräulein Mirbeth an einem Tisch sitzen.“

Falk brauste auf.

„Ja sehen Sie, man erzählt sich eben sehr viel,“ fuhr die Hausfrau bedauernd fort. „Auch Fräulein von Erdmann hat verzichtet, beim Mittagstisch zu erscheinen. Und warum ist Fräulein von Mahnke ausgezogen? Nur deswegen. Ich muß ihr kündigen, ich bin es meinen Kindern schuldig.“

Falk erbleichte bis in die Lippen. „Das werden Sie aber unterlassen, Frau Bender –! So viel Zartheit, – um Gottes willen!“

Frau Bender versuchte einzulenken. „Ich glaube ja alles Gute von ihr, obwohl – – Persönlich ist sie mir ja lieb und Helene hat sie sehr gern, – aber urteilen Sie doch selbst. Früher, – was für Zwistigkeiten waren das stets zwischen ihr und dem Oberst. Er hat ihr Dinge gesagt und geschrieben, daß sie zu stolz sein müßte, ihn anzureden, – und nun, mit welcher Andacht spricht sie von ihm. Welche Fülle von Geschenken –“

„Lassen Sie uns eine Partie Halma spielen, Frau Bender,“ unterbrach sie Falk, bis in die tiefste Seele erzitternd. Helene summte jenen bekannten Gassenhauer aus Rigoletto vor sich hin, der von der Unverläßlichkeit des Frauenherzens handelt.

Heute gewann Frau Bender.

Ich muß handeln, dachte Falk, ich muß mir Beweise verschaffen und dann, – Gott sei mir gnädig. Er wollte sich nicht eingestehn, daß er sich fürchtete vor Beweisen. Alles zitterte an ihm, beständig tastete er mit der Hand an die Schläfe und schloß die Augen, wie um nicht sehen zu müssen, was er so sehr zu sehen wünschte. Was hilft es auch, grübelte er; ich bin ihr gleichgültig, sie hat es selbst gesagt. Und dieser Gedanke überwog alle andern.

„Sie haben sich wohl verfeindet mit Fräulein Mirbeth?“ fragte Frau Bender und als Falk bejahte, setzte sie hinzu: „Seien Sie doch stark und lassen Sie sich nicht so sehr niederdrücken.“

„O sie ist falsch,“ flüsterte er. Es drängte ihn nach Mitteilung seiner Leiden. Aber plötzlich stand er auf, wie von Ekel erfaßt und verabschiedete sich.

Mely schloß sich von allen ab, auch von Helene. Dies Mädchen war ihr in letzter Zeit verhaßt geworden, obwohl sie sich zwang, freundlich zu sein, wenn sie mit ihr sprach. Ein ganzharmloser Vorfall war die Ursache und der Anfang dieses Hasses gewesen. Eines Abends, als Mely noch im Wohnzimmer war, hörte man draußen an der Treppe ein Geflüster. Frau Bender vermutete, daß die Magd von ihrem Kammerfenster aus sich mit einem Mann unterhielte. Helene entledigte sich blitzschnell der Schuhe, öffnete geräuschlos die Thüre, huschte ebenso lautlos hinaus und horchte draußen. Alle ihre Bewegungen dabei waren schlangenhaft.

Seitdem haßte sie Mely. Sie war ihr genau wie eine junge Katze erschienen. Auch fürchtete sie, die kleine, listige Person möchte das Geheimnis ihrer Liebe ausplaudern, obwohl sie wußte, daß Helene die Gabe des Verschweigens in hohem Grade besaß. Sie fühlte wohl, daß Alle gegen sie waren, wie gegen den bösen Feind, aber sie lächelte dazu. Innerlich verwundet, vereinsamt und die Einsamkeit suchend, schloß sie sich ab von den Leuten, die so viel redeten, als sie reden hörten, ohne das Gewicht der Worte zu bemessen. Ein finsterer Menschenhaß beherrschte sie einige Tage lang durchaus. Nur die kleine Dele kam täglich zu ihr und bei diesem Kind konnte sie sich selbst vergessen. Sie liebte das Mädchen mit jener Leidenschaft, die oft an ihr hervorbrach, wie das Wasser einer unterirdischen Leitung, das einen falschen Ausweg gefunden hat. Und doch witterte sie schon beidem Kind Eigennutz: weil sie es beschenkte, darum war es lieb und heiter, und nur in der Erwartung der Geschenke schien es zutraulich zu sein. Und als Frau Bender in einer boshaften Aufwallung über Melys Abschluß von ihrer Familie dem Kinde verbot, das junge Mädchen ferner zu besuchen, glaubte Mely, daß sie „eigentlich“ froh darüber sei.

– Frau Bender lag krank im Bett. Kummer und Sorgen hatten sie niedergedrückt. Der Termin nahte heran, ohne daß sie wußte, wie sie die Miete bezahlen sollte. Die Magd erzählte es Mely und dann kam auch Helene und weinte. Da ging Mely zum Oberst und schon am Abend brachte sie Frau Bender vierhundert Mark und entfloh ängstlich den stürmischen Danksagungen der gedemütigten Frau.

Falk vernahm das mit den Empfindungen, die Einer im fernen Land den Nachrichten aus der Heimat entgegenbringt. Als er eines Nachts spät heimkam, schlich er wieder in Melys Zimmer. Er sah sie schlafend, beim matten Schein des nächtlichen Lichts. Und er küßte sie mit der ganzen Trauer des Verlustes. Dann ging er wieder. Und so die nächste Nacht und die folgenden Nächte. Am Tag sehnte er die Nacht herbei, den Genuß jener schnellen Minuten. Ihm war, als spüre sie seine Nähe im Traum und lächle ihm zu im Traum und erkläre sich einigmit ihm. Und einmal geschah es, daß sie erwachte. Sie schlug die Augen auf und lächelte sanft. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und zog sein Haupt seufzend herab und drückte es an ihre Brust. Stumm und beglückt ließ er es geschehn. Es war ein Traum für sie und für mich, dachte er beim Hinausgehen. Aber von da an erwachte sie in jeder Nacht und liebkoste ihn schüchtern, wie es ihre Art war. Bei Tag sprachen sie nicht miteinander und gingen gleichgültig eines am andern vorüber.

Eines Sonntags im Februar beschloß die Familie Bender einen Ausflug zu machen. Doktor Brosam hatte sich sehr genähert und dieser Ausflug war sein Plan. Da es aber nur drei Personen waren und Frau Bender den beiden jungen Leuten Gelegenheit geben wollte, allein zu sein, – der Doktor war reich – so suchte sie nach einem vierten Teilnehmer. Rosine Malz hatte ein verschwollenes Gesicht und Falk gab einen Korb. Er stand im Korridor, als er Frau Bender sagen hörte: „Nun bleibt Fräulein Mirbeth unsre letzte Hoffnung.“ Der Doktor erwiderte: „Ja, wenn wir sie nur als stumme Person mitnehmen könnten!“ Helene lachte hölzern und auch Frau Bender lachte aus Artigkeit mit.

Eine wilde Angst erwachte in Falk, daß Mely zusagen könnte. Er wußte, daß sie schwach genugwar, die Beleidigung zu vergessen, die ihr Doktor Brosam zugefügt hatte und von der sie ihm selbst mit Entrüstung erzählt hatte. Schon aus Gefälligkeit gegen Frau Bender würde sie mitgehen. Es gab nichts, womit sie sich nicht das Wohlwollen der Leute erkaufte, die um ihre Liebe zu ihm wußten oder sie nur ahnten. So groß war ihre Furcht. Aber Falk wollte auch allein sein mit ihr. Er hoffte nichts von diesem Alleinsein, aber er wünschte es heiß. In brennender Erregung wanderte er im Korridor umher, durch die Küche auf den Balkon, dann wieder horchend an der Thür, dann wieder durch das Entree gegen die Treppe hinaus. Er war völlig besinnungslos und murmelte beständig abgerissene Sätze vor sich hin. „Ich werde sie verlieren,“ sagte er, „und alles ist aus. O jetzt macht man doch keine Ausflüge, im Februar, – lächerlich. Wie hab ich mich gefreut – – – das Wetter wird ja doch schlecht werden – Mely – Mely – bleib!“

„Nun Herr Falk?“ hörte er die Stimme Helenes, deren Gesicht in Heiterkeit glänzte.

Falk streckte ihr bittend die Hände entgegen. „Helene, wenn ich Ihnen irgend etwas bin, etwas mehr als ein Hund, dann verhindern Sie, daß Mely mitgeht.“

Helene machte ein mürrisches Gesicht. „Ach gehn Sie doch! Sie sollten vernünftiger sein. Haben Sie denn gar keine Augen im Kopf?“

Falk stierte wie geistesabwesend in das frische Gesicht Helenes. Eine schwere Dumpfheit lag in seiner Brust. Er hatte die Empfindung, als schmiede man im Wohnzimmer ein Komplott gegen seine Liebe und als könne er dies durch seine Anwesenheit verhindern. Darum ging er hinein ohne zu grüßen und lachte dem erstaunten Doktor gerade ins Gesicht. Frau Bender kam freudestrahlend von Mely zurück und verkündete, daß die Vierzahl nun voll sei.

Falk lachte wieder, und die glückliche Frau Bender stimmte unbefangen mit ein. Dann stürzte er hinaus und betrat Melys Zimmer. Sie kämmte vor dem Spiegel das Haar und sah sich scheu nach ihm um. „Mely!“ brachte Falk mühsam heraus, „wenn du gehst, ist alles vorbei zwischen uns.“

Sie blickte erschreckt zu Boden und der Kamm fiel auf die Erde. Falk wandte sich zum Gehen, überzeugt, daß sie bleiben werde.

Aber eine halbe Stunde später hörte er die Vier in scherzenden Gesprächen die Treppe hinabsteigen, und als er sich zum Fenster hinausbeugte, saßen sie schon in der Droschke. Mely unterhielt sich mit Doktor Brosam und sie war fröhlich. Die Sonne schien hell, und der Schnee war geschmolzen.

Falk warf sich aufs Bett und schluchzte wie ein Kind.

23. Februar.

Nun habe ich auch die Liebe überstanden. Es ist eine entsetzliche, giftige, furchteinflößende Krankheit. Dies Fräulein Mirbeth ist in meinen Weg getreten, hat ihre falschen Augen aufgeschlagen und mit Inbrunst, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen bin ich hineingestürzt in diese Augen. Ach, man wird da gedreht und gerädert, und was noch heil davonkommt, trieft von Erfahrungen und Weisheit. Ich bin noch zu voll von diesem Weib, um ein freies, gutes, erlösendes Wort niederschreiben zu können. Die Liebe ist eine Folter, grausam und nachhaltig. „Dies Fräulein Mirbeth“ ist ein Wunder an Charakterlosigkeit, Treulosigkeit und jener echt weiblichen Verschlagenheit, die den Mann nie zur Ruhe kommen läßt. – Ich bin erlöst!

Aber wer weiß, vielleicht liebe ich sie noch. Wie schön war es auch in diesen stillen, stürmischen Liebesnächten!

25. Februar.

Es gelingt mir nichts Rechtes mehr. Was ich angreife, bleibt auf halbem Weg liegen. Ich bin wie betäubt; ich bin verdummt. Stets brennt mich etwas im Innern, stets scheucht mich etwas auf. Stets muß ich nachdenken ins Bodenlose hinein. Ich kann nicht schlafen, und ich liege des Nachts stundenlang am Fenster. Dem Wandel der Sterne schau ich zu, und dem Rauschen des Windes lausch ich. Es geht eine leise Frühlingsahnung durch die finstern Straßen. Die Natur, das ganze Universum erscheint mir wie eine Brust voll Leiden und Leidenschaften und voll Sehnsucht und sie will den Tod nicht kennen, der ihr zur Seite steht.

Ich kann nicht schlafen. Es ist vier Uhr nachts. Soeben ist Mely heimgekommen; beim Oberst war Gesellschaft, wie mir Frau Bender sagte. Es friert mich vor der Zukunft. O könnt ich einen hundertjährigen Schlaf thun. Aufwachend erblickt ich die Welt verschönt und die Nationen versöhnt, und ich brauchte nimmer auf den Präparirboden, um übelriechende Leichen zu zergliedern und zu zerlegen. Wie erfinderisch ist die Natur in den Krankheiten, mit denen sie uns heimsucht. Jeder Kuß, den wir erhalten, muß bezahlt werden mit einem Übel an Leib oder Seele, und über unser Glück eilt die Zeit hinweg und hinterläßt uns blasse Bilder, blasse Schemen.

26. Februar.

Ich träume seltsam. Ich träume z. B. vor mir stünde eine große Blume. Und ich bilde mir ein, das müsse eine Lotosblume sein, obwohl ich noch nie eine solche gesehen habe. Dann fließt Blut aus dem Kelch und ich kniee davor und trinke es. Oder ich träumte, Mely sei bei mir und sie ruft mich zu kommen. Aber ich kann mich nicht bewegen, ich bin nicht Herr meines Körpers, wie erstarrt stehe ich da und kann weder vorwärts noch rückwärts.

27. Februar.

Sie geht an mir vorbei, – fremd und ohne Gruß. Wenn sie im Wohnzimmer ist, so thue ich gegen die Damen sehr heiter und sorglos, und bin so galant als möglich. Warum das aber? Würde ich es thun, wenn sie mir gleichgültig wäre? Ich liebe sie noch, das ist alles. Oder nein, ich liebe sie mit verzehnfachter Liebe, mit brennender, schmerzhafter, zitternder Liebe. Aber ich darf nicht nachgeben. Wenn ich mich wieder schwach zeige, ist alles verloren. Es giebt nichts Dümmeres, als einen Mann, der konsequent sein will.

1. März.

Einmal sagte sie zu mir: Wenn wir beide glücklich sein wollen, müssen wir allein sein. Aber wie sollt ich sie gewinnen? Wie kann sie jemein eigen werden? Sie macht Ansprüche an das Leben, und sie will es hübsch bequem haben. Wie könnte sie den Kampf des Mannes gegen das Schicksal mitkämpfen!

Trauer erfüllt mich ganz. Meine Kraft ist aufgelöst und meine Freudigkeit ist dahin. Wenn ich mir ein Bild ihres Wesens zu machen suche, so zerfließt alles vor meinen Augen. Ist sie gut oder böse? weichmütig oder boshaft? störrisch oder hingebend? Ach, am Morgen ist sie willig und des Abends trotzig; am Mittag herausfordernd und spöttisch und des Nachts dem Weinen nahe in grundloser Verstimmung.

Ich sehne mich nach ihr und mir schmeckt weder Arbeit noch Essen.

4. März.

Da liegt sie neben mir und schläft. Die zwei Fauteuils sind zusammengerückt, so daß sie eine Art Divan bilden und darauf schlummert sie. Das Wasser zum Kaffee wird bald zu kochen beginnen. Sie hat meinen Mantel um den Körper und über ihren Füßen liegt das weiße Deckbett. Die Haare hängen aufgelöst bis auf den Boden. Um uns ist die stille, tiefe Nacht. Bisweilen wird die Ruhe von fernem Wagengerassel gestört.

Ich finde, dies ist so sehr charakteristisch. Wenn ich frage: Mely friert dich? Willst du meinen Mantel? so schüttelt sie den Kopf. Aber bald darauf erhebt sie sich und holt sich den Mantel selbst.

5. März:fünf Uhr morgens.

Soeben ist sie schlafen gegangen. Wie wild, wie toll war diese Nacht wieder! In solchen Stunden, wo sie erfüllt ist von einer fast ingrimmigen, verhaltenen Leidenschaft, ist sie nicht mehr sie selbst. Sie hat sich vergessen, sich ihres Selbst beraubt, sie schmilzt hin in weicher Ergebung, in seufzender, matt abwehrender Begierde. So ist sie schön und auch überaus begehrenswert. Ich möchte die Feder, mit der ich schreibe, ganz in den wunder-wundervollen Duft tauchen, womit in solcher Nacht ihr Wesen umschleiert ist. Unvergeßlich ist es und herrlich. Stumm ist die Nacht und die Zeit hat kein Maß mehr den Sinnen. Alle Organe sind ins Krankhafte verfeinert, und wenn sie seufzt, so vermute ich einen tiefen Schmerz in ihr, und höre nicht auf zu fragen. Aber unbewußt frage ich, nur um sie zu liebkosen mit der Stimme, um sie zu trösten, um ihr zu versichern, daß sie beschützt sei. Alles was sie denkt, errate ich, und sie nimmt es mit einem halb verwunderten, halb dankbaren Lächeln auf. Nichts Verborgenes ist mehr in ihrer Seele und ich bin beruhigt.

Ich weiß gewiß, daß ich nicht schlafen werde. Ich werde noch lange dasitzen und über jede ihrer Gebärden, jedes ihrer Worte sinniren. Wie ein schweres Gewicht liegt die Liebe auf meinemHerzen, aber ich trage es willig. Gleich der Blume eines kostbaren Weins, so berauschend ist dies Gefühl. Aber der Vergleich ist von geringer Güte. Schwach sind die Worte und hinfällig jedes Bild. „O du,“ flüsterte sie beim Hinausgehen, „du hast mich leergetrunken mit Küssen.“

7. März.

Wer vermöchte das zu glauben: Ein junges Weib besucht allnächtlich den Geliebten, der sie bestürmt, sich ihm hinzugeben, – völlig und unwiderruflich. Er taucht sie unter in eine schwüle Flut von Liebe, – und sie widersteht! Sie ist voll Furcht gegenüber diesem Letzten, und sie trauert, wenn ich sie bestürme. „Schau, warum willst du das? Du willst mich erniedrigen, du willst mich unglücklich machen. Muß es denn sein? Du sagst, das sei der Inhalt des Lebens? Das ist nicht wahr. Denn was wird nachher sein?“ – So spricht sie. Und dies ist das Mädchen, das bis zu seinem zwanzigsten Jahre glaubte, vom bloßen Küssen bekäme man ein Kind. Ich kann mir nicht helfen, diese Beweisführung macht mich krank vor Mißtrauen. Es klingt so elegisch, so unjugendlich. – Aber ich prüfte mich genau: Ich selbst fürchte jenen Schritt. Weshalb? Der Himmel mag es wissen.

10. März.

Sie fragte mich, ob sie meine erste Liebe sei. Ich erwiderte ihr, daß ein Mann heutzutage allzuvielGelegenheit habe, sein Herz zu verschenken, wie man poetisch sagt. Sie verstand mich. Aber ich sagte ihr auch, daß eine Liebe, wie die, welche ich jetzt empfinde, nicht zum zweiten Mal wiederkommen könne im Leben. Man kann nur ein Mal lieben, aber verliebt sein kann man in jedem Frühling aufs neue. Sie sah mich ungläubig und zärtlich an. Sie schmiegte sich an mich und verbarg ihr Gesicht.

Wie sehr quälen wir uns beide, indem wir uns die letzte, reife Frucht der Liebe vorenthalten! Bisweilen legt sich eine geheimnisvolle Verbitterung zwischen uns, dann wieder ein absichtliches Mißverstehenwollen. Ich lese dann in ihren Augen einen heißen Wunsch, aber auch die Starrheit eines festen Entschlusses. Und ich kann ihr nicht grollen. Ich möchte sie oft um Verzeihung bitten, wenn meine stürmische Leidenschaftlichkeit sie zu überwältigen droht. Wie viel sagen mir ihre Augen! Du bist mir alles, reden sie; Ziel und Ende des Lebens, und in dir kann ich vergehen. Ich bete täglich – scheinen sie oft zu sagen – daß du mich erwerben mögest, aber ich verdiene deine große Liebe gar nicht. Ich habe Sehnsucht nach dir, wenngleich du bei mir bist. Ich liebe dich mit aller Kraft meiner Seele ... So wortarm ihre Zunge ist, so reich an Ausdruck sind diese schwarzen, herrlichen Augen. Und wenn ich hineinsehe in diesen leuchtenden Abgrund, so muß ichmir sagen: Unmöglich ist es, daß dieses stolze, zarte Weib sich jemals einem ungeliebten Mann hingebe. Ich bitte ihr im Herzen all meine Zweifel ab.

13. März.

Ich erhielt Nachricht, daß der einzige Oheim, den ich noch mütterlicherseits besitze, in Biarritz schwer erkrankt sei. Wenn er stirbt, so erbe ich etwa achtzigtausend Mark, falls nicht auch er mich mit dem Anathem belegt hat.


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