Und es kam die dritte Generation, die weder Gott noch den Teufel fürchtete. Die allerhöchste Huldigung brachte sie dem eigenen Willen entgegen und erhob ihn zu einer Gottheit. Dieser Gottheit wurde Weihrauch gestreut. Ihr wurden Altäre errichtet; und ohne Scheu, ohne Rücksicht wurden ihr die heiligsten Opfer dargebracht. Es war die Tragik und das Verhängnis dieser Jugend, daß sie ohne Tradition aufgewachsen war. Unsere Kinder erhielten keine Eindrücke von den Erinnerungen des historischen, selbständigen Judentums. Fremd blieben ihnen die Klagelieder am Tischo b'Ab, fremd die in den dreimal täglich verrichteten Gebeten lebende Sehnsucht nach Zion, dem Lande der großen Vergangenheit, fremd der Rhythmus der jüdischen Feiertage, nach welchem stets einem traurigen ein freudiger folgt. Sie fand nirgends Anregungen — diese Generation. Sie wurden Atheisten.
Vielleicht mag mancher jugendliche Leser glauben, daß ich die Verhältnisse gar zu trübe sehe. Ist meine Erinnerung getrübt und decken dunkle Flore meine Augen?! O nein. Ich bin ein getreuer Chronist. Mein lichter Blick sieht nur die tiefen Schatten, weil sie wirklich die Wege der neuen Jugend über und über decken.
Die dritte Generation! Zeigt mir das Glück, zeigt mirden Adel eurer Moral — und ich will mich vor euch beugen!...
... Allmählich sahen die Väter, die jüdischen Brauch und jüdische Sitte aus der Erziehung der Kinder entfernt und sie ausschließlich im modernen aufklärerisch-europäischen Sinne hatten bilden lassen, ihren verhängnisvollen Fehler ein. Sie selbst, wenn sie sich auch von Religion und Tradition abgewandt hatten, blieben doch im Grunde ihres Herzens Juden. Gute Juden im nationalen Sinne dieses Wortes, stolz auf ihre Vergangenheit; denn in ihnen lebten noch die Erinnerungen ihrer Kindheit. Aber ihre Kinder hatten diese Erinnerungen nicht mehr; ihre eigenen Eltern, hauptsächlich die Väter, waren daran schuld. Und nicht selten kam es, daß feiner empfindende Jünglinge, die ihre innere Armut erkannten, die Eltern anklagten!
Es gab zwar eine Möglichkeit, die Mängel der häuslichen Erziehung einigermaßen zu ersetzen: durch einen geordneten Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen. Tüchtige Lehrer hätten so leicht das Interesse der Jugend der großen jüdischen Vergangenheit zuwenden, ihre Aufmerksamkeit auf die alte hebräische Poesie, die Geschichte der Juden lenken und auf diese Weise in ihnen die stolze Gewißheit erwecken können, daß sie einem Volke angehörten, dessen Kultur und Geschichte alt, inhaltsreich, erschütternd sind. Dann hätte die jüdische Jugend sich nicht gleich bei der ersten Berührung mit der Schuljugend anderen Stammes verloren. Sie hätte nicht das Gefühl der Erniedrigung gehabt, das ihnen jede Erinnerung an die jüdische Abstammung brachte. Sie hätte sich nicht mit solcher Wut von ihrem eigenen Volke abgewandt, ihre Pflichten vergessenund ihre Kräfte rücksichtslos in die Dienste der »anderen« gestellt, wie sie es getan. — Aber leider standen die jüdischen Religionslehrer nicht immer und nicht überall auf der Höhe ihrer Aufgabe. Nur die allerwenigsten verstanden ihre Mission.
In den sechziger Jahren beginnt die Russifizierung der Juden durch die Regierung. — In der ersten Epoche der Aufklärung, in der Zeit des Einflusses Mendelssohns, war die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen deutsch. Jetzt war die Stimmung eine andere geworden, die »Aufgeklärten« kamen den Russifizierungstendenzen der Regierung entgegen, weil sie von der Zukunft politische Freiheiten erwarteten und die Vereinigung mit dem großen russischen Volke anstrebten. Die Sprachenfrage war definitiv gelöst, als die Regierung nach dem polnischen Aufstand die russische Sprache in den jüdischen Schulen Litauens als obligatorisch eingeführt hatte.
Danach ging man zu den Unterrichtsgegenständen über und verfolgte dabei die gleiche Tendenz der Russifizierung. So wurde allmählich das Programm der jüdischen Unterrichtsgegenstände gekürzt zugunsten der »allgemeinen«, d. h. russischen Bildung. Es kam so weit, daß in den Mädchenschulen der hebräische Schreibunterrichtverbotenwurde. — Auch in dieser Hinsicht entsprach die Tendenz der Regierung dem stillen Wunsche der jungen Generation und vor allem auch dem der jüdischen Lehrer, daß der allgemeinen Bildung der Vorzug zu geben sei. Diese Lehrer haben das Judentum schließlich auch aus den jüdischen Schulen gedrängt.
So war es kein Wunder, als die finstere, kalte, stürmischePeriode der achtziger und neunziger Jahre für uns Juden hereinbrach und unsere Kinder in ihrem schwanken, gebrechlichen Schiffchen von der Hochflut ergriffen und von den brausenden Wellen des Lebens bald nach oben, bald nach unten geschleudert wurden, — daß sie ihr Schifflein in Sicherheit bringen wollten.
Dieser sichere Hafen war — die Taufe.
Das glaubten sie damals.
Da fiel es, das inhaltsreiche, schwere, schreckliche Wort, das wie eine Seuche in das Innere des Judentums hineingriff und die Nächsten auseinanderriß. Nur ganz selten kam dieses Wort über meine Lippen, weil es mir zu nahe ging, mir zu tief ins blutende Mutterherz schnitt...
Nachdem das Furchtbare geschehen war, sprach ich darüber auch mit den Nächsten nicht.
Nur meinen Blättern habe ich es anvertraut, mit Tränen benetzt und aufbewahrt tief, tief in der Erinnerung — bis heute.
Aber heute will ich mich überwinden, heute will ich von jener finsteren Nacht erzählen... Und wie alles, was ich erlebe, so fügt sich mir auch dieses Vorhaben, diese Aufgabe, in ein Bild: ich sehe mich selbst als das Großmütterchen am Kamine sitzen — und um mich herum die Jugend von heute. Sie hören mir so gerne zu, wenn ich von den alten vergangenen Zeiten des jüdischen Lebens erzähle. Die Augen werden größer, sie leuchten, die Kinder heben stolz die Köpfe und lauschen. O, Wunder des Blutes! Die Kinder, deren Eltern sich vom Judentum abgewendet, kehren zu ihm zurück. Sie sehnen sich nach ihm und nach der alten großen jüdischen Melodie,die sie nie gehört. Das alles lese ich in den klugen Augen der Kinder, und ihnen will ich das wunde Herz öffnen und von all dem Leid und den Schrecknissen jener Nacht erzählen ...
Zwischen dieser modernen Schule, deren Führer überzeugt und systematisch die Kinder dem Judentum entfremdeten, und der großen Masse der orthodoxen jüdischen Bevölkerung herrschte ein sehr feindliches Verhältnis. Man wird das begreifen. Die hebräische Sprache sollte nicht treulos verlassen werden. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel mußten herhalten, um den hebräischen Unterricht zu ermöglichen. Bestrafung und Strafgelder — ganz gleich, wenn nur das Ziel erreicht wurde. So leichten Kaufes wollten sich die Alten nicht ergeben. Die Chedarim bestanden fort, die arg verspotteten Melamdim »knellten« ihre Schüler weiter. Und mochte sich auch die Regierung einmischen; wie armselig war diese Bevormundung gegen den heiligen Eifer der Frommen! Standen auch die höheren Talmudschulen — die Jeschiwaus — unter der Kontrolle des Ministeriums für Volksbildung, so blieb die Aufsicht nur eine theoretische. Die Regierungsgewalt drang nicht in die Stille der Bethäuser. Mit Zwang war eben wenig zu erreichen. Schließlich gab die Regierung nach. Nicht zum mindesten, als sich 1863 die Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden gebildet hatte und nach Überwindung einer Sturm- und Drangperiode mit versöhnender Liebe und Verständnis für den Wert des Althergebrachtenihre stille, aber hartnäckig durchgeführte Arbeit betrieb. Freilich fand sie im Zeitgeist eine kraftvolle Unterstützung. Die wohlhabenden Klassen sandten ihre Kinder nur in die Kronsschule. Der Cheder blieb eigentlich nur den Kindern des Proletariats. Aber ganz wurde auch bei den Reichen in der Folge das Studium der hebräischen Sprache nicht vernachlässigt. Der Melamed kam für einige Stunden in der Woche ins Haus. Gymnasium und Universität: das waren jetzt die Ziele. Und es war schon eine auffällige Ausnahme, wenn ein Reicher seinen begabten Sohn in eine Jeschiwah gab.
In diesen Jahren der inneren Wandlung, in der Zeit der siebziger Jahre, tauchten in Rußland alle möglichen geflügelten Worte, wie Nihilismus, Materialismus, Assimilation, Antisemitismus, Dekadenz, auf. Sie beherrschten das letzte Viertel des XIX. Jahrhunderts und hielten sowohl die jüdische wie die nichtjüdische Jugend in Rußland in einer unaufhaltsamen Bewegung, ineinerAufregung. Es erschien der Roman: »Väter und Söhne« von Turgenjew, in dem das Wort Nihilismus zuerst geprägt wurde. Die begeisterte Jugend fand in dem Helden dieses Romans in der Folge das Echo ihrer Anschauungen und Bestrebungen, und sie ergänzte und formte das, was noch fehlte, nach dem Vorbild des Basarow. Der Kampf mit den Eltern wurde immer rücksichtsloser und erbitterter. Mehr und mehr entfernte sich die jüdische Jugend von den Eltern. Ja, es war nicht selten, daß die Kinder sich ihrer schämten. In ihren eigenen Eltern sahen sie oft nichts anderes als den Geldbeutel, der ihnen die Mittel zur Befriedigung ihrer Wünsche verschaffen mußte. Die Eltern achten? Weshalb? Achten kann man ja nurden, der an Bildung höher steht. Die Ergebenheit, Dankbarkeit, Pietät der früheren Zeiten waren aus dem jüdischen Leben spurlos verschwunden, als seien sie niemals der Stolz und der Glanz des jüdischen Hauses gewesen. Im Eifer, das Alte zu stürzen, alles Vorhandene skeptisch zu prüfen, zu kritisieren, die eigene Individualität zu behaupten, kannte die junge Generation keine Grenzen mehr, und nicht selten kam es vor, daß ein solcher Philosoph (Mädchen nicht ausgenommen), ausgestattet mit allen Sentenzen Franz Moors, seine Geburt den Eltern zum Vorwurf zu machen wagte, wenn es ihm einmal im Leben nicht nach Wunsch erging. Solch ein Wesen neuester Formation äußerte sich beispielsweise gnädig: »Wenn ich sehe, daß meine Mutter und ein Fremder sich gleichzeitig in Gefahr befinden, so rette ich zuerst meine Mutter!« — Als ob es anders sein könnte. — Das ist ein kleiner Beleg dafür, wieweit die Jugend der achtziger und neunziger Jahre vom natürlichen Empfinden entfernt war, daß sie erst beweisen zu müssen glaubte, was so selbstverständlich sein sollte, was im Blut liegt und zum Instinkt geworden ist.
Wenn ich die Szenen zwischen Eltern und Kindern der vierziger und fünfziger Jahre als tragikomisch bezeichnet hatte, so waren die Auftritte in vielen jüdischen Familien der achtziger und neunziger Jahre rein tragisch.
Die jüdische Jugend verlor sich in fremder Art. Assimilation bis in den Kern war ihr Losungswort. Im jüdischen Leben ging alles durcheinander, es herrschte ein wahres »Tohuwabohu«. Aber der Geist Gottes schwebte nicht über der Oberfläche.
Das war die allgemeine Stimmung und die Verfassungder jüdischen Jugend, als die finstere, kalte, stürmische Periode über ihr Leben und ihr Schicksal hereinbrach —
»Wajhi hajaum«! Und es war ein Tag am 1. März 1881, an dem die Sonne, die in den fünfziger Jahren über dem jüdischen Leben aufgegangen, plötzlich erlosch: Alexander II. wurde am Ufer des Kanals Mojka in St. Petersburg erschossen! Die Hand, die den Befreiungsakt für sechzig Millionen Leibeigene unterzeichnet hatte, wurde starr. Der Mund, der das große Wort der Befreiung ausgesprochen, verstummte auf ewig. Und das vom Volke erwartete Heil rückte in weite, weite Ferne.
In einer Sitzung hatte die Minsker Stadtduma beschlossen, zwei Männer aus ihrer Mitte als Delegierte nach Petersburg zu senden, um dort auf das frische Grab des humanen Kaisers einen Kranz niederzulegen.
Man wählte den Bürgermeister der Stadt, H. Golinewitsch, und meinen Mann; die Gemeinde fertigte eine Vollmacht mit den Unterschriften aller Mitglieder aus, und sie reisten ab.
Es geschah zum erstenmal, daß Juden an einer solchen Trauerkundgebung teilnahmen.
Und es kamen andere Zeiten — andere Lieder erklangen — Das Schlangengezücht, das sich bisher nicht ans Tageslicht gewagt hatte, kroch jetzt aus den Sümpfen hervor: der Antisemitismus brach los und drängte die Juden zurück in das Getto. Ohne viel Umstände verschloß man ihnen die Pforten der Bildung. Der Jubel derfünfziger und sechziger Jahre wurde zu »Kines«[38], die Hoffnungen auf die Zukunft zu den Klagen Jeremias —
Den Juden wurde der letzte Rest ihrer bisherigen Freiheiten genommen. Beschränkungen über Beschränkungen, die mit zeitweisen Verschärfungen und Milderungen noch bis heute fortdauern und deren Ende nicht abzusehen ist. Das Wohnrecht der Juden wurde mehr und mehr eingeengt. Der Aufenthalt in Petersburg und anderen Städten Rußlands wurde ganz verboten oder nur bestimmten Kategorien von Juden gestattet, z. B. den Kaufleuten erster Gilde, die dafür eine sehr hohe Gebühr an die Regierung bezahlen mußten und denen, die in Rußland ein akademisches Diplom erworben hatten.
Die akademische Bildung selbst aber wurde den Juden immer mehr erschwert, indem man zur Aufnahme in die Gymnasien nur eine geringe Anzahl zuließ und die wenigen, die dann trotz aller Hindernisse das Gymnasium absolviert hatten, bei der Einschreibung in die Hochschulen nochmals durchsiebte. Es ist begreiflich, daß diese Härten eine arge Korruption bei Juden und Russen zeitigen mußten. Alle nur denkbaren Mittel wurden von den Juden angewandt, um ihren Kindern den Eintritt in die Gymnasien und Universitäten zu ermöglichen und die brutalen Gesetze zu umgehen. Kam es doch später sogar so weit, daß jüdische Eltern für unbemittelte christliche Kinder das Schulgeld bezahlten, nur um so die Zahl der christlichen Schüler zu erhöhen und dann ihre eigenen Kinder noch in die Schulebringen zu können. Denn es durfte nur ein bestimmter Prozentsatz Juden aufgenommen werden.
Geld und Protektion spielten vereint die größte, ja oft einzig und allein eine Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme jüdischer Schüler. Welche Demoralisation sogar bei den kleinen Kindern diese Zustände im Gefolge hatten, läßt sich leicht denken. Oft fragten die kleinen Kandidaten einander schon bei Beginn der Prüfungen: »Wieviel gibt dein Vater...?« Und welche Erbitterung mußte das in die Kinderherzen tragen, daß die Reichen noch allenfalls manches für sich erlangen konnten, während die Armen ganz zurückstehen mußten. — Das Geld war das Recht!
Und wenn es nun schon nach unendlichen Mühen gelungen war, einen jüdischen Knaben bis zur Reifeprüfung zu bringen, und wenn er diese sogar mit der höchsten Auszeichnung bestanden hatte, dann war er doch noch keineswegs sicher, auch in die Hochschule aufgenommen zu werden. Abermals trat die »Prozentnorm« in Wirksamkeit. Da die Zahl der jüdischen Studenten ebenfalls wieder abhängig war von der der nichtjüdischen Studierenden, so mußten beim Eintritt in die Universität wieder viele, viele Juden zurückbleiben. Und die Wahl des Berufes war und ist für den jüdischen Jüngling in Rußland keine Frage der Neigung und Fähigkeit oder der Absichten der Eltern, sondern einzig und allein des blinden Zufalls, der einige wenige zuläßt und die meisten ohne Wahl und ohne Rücksicht ausscheidet. Aus keinem andern Grunde, als weil sie Juden sind.
Wie in der Schule, so im Leben.
Die Atmosphäre um die Juden wurde düster und gewitterschwer. Sie wurden auf Schritt und Tritt auch vonder niedrigsten Schicht der Bevölkerung verspottet und verfolgt. So erinnere ich mich einer für jene Zeiten charakteristischen Episode, die mein Mann in Minsk erlebte. Als er einmal auf der Straße ins Gedränge geriet, hörte er plötzlich neben sich einen kurzen Befehl: »Jud', fort vom Wege!« Er wandte sich um und erblickte einen Russen, aus dessen Zügen das Gift des Hasses quoll. Die Straße wimmelte von Juden. Da erhob mein Mann unzweideutig seinen Spazierstock und rief dem Antisemiten laut zu: »Was fällt Ihnen ein, so verächtlich zu reden; die Straße ist doch für jeden frei —!« In einem Augenblick war er von Juden umringt, die in ihrer Wut sofort Rache an diesem Menschen nehmen wollten. Der Antisemit machte sich aber schleunigst aus dem Staube.
Einige Tage nach diesem Vorfall ließ der Gouverneur Petrow meinen Mann zu sich bitten und begrüßte ihn mit folgenden Worten: »Wie ich höre, sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht wollen Sie überhaupt meinen Posten übernehmen?« Mein Mann bedankte sich höflich und versicherte dem Gouverneur stolz und mit vornehmer Ruhe, er sei mitseinerStellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden und verlange keine andere.
Nur die hohe Stellung meines Mannes und seine Verbindungen in der Beamtenschaft verhinderten einen schlimmen Ausgang dieses Vorfalles. Jeder andere würde ihn schwer gebüßt haben.
Solche und ähnliche Episoden wiederholten sich immer häufiger. Sie waren die Vorboten jener blutigen Ereignisse, die nicht mehr lange auf sich warten ließen.
Und »Pogrom« war das neue Wort, das die achtzigerJahre geprägt hatten... Die Juden von Kiew, Romny, Konotop und anderen Orten mußten zuerst das Furchtbare erleben; sie waren die ersten, die wehrlos von den wilden Massen des heimischen Pöbels überfallen und auf die roheste Weise niedergemacht wurden. Die Zeitungen, hauptsächlich aber Privatbriefe, brachten ausführliche Nachrichten über das Vorgefallene und verbreiteten eine unglaubliche Panik —
Das war der Anfang... Ein vielfaches Echo erscholl aus allen Enden Rußlands. Unter den Juden herrschte Niedergeschlagenheit und die Verzweiflung.
Doch verharrten sie nicht lange in dieser trostlosen Starrheit und rafften alle ihre Kräfte zusammen, um sich gegen den Feind zu wehren. Sie sahen ein, daß Gott ihnen nur dann helfen würde, wenn sie sich selbst helfen — und sie trafen Maßregeln und Vorbereitungen für die Zukunft, unerschrocken, mutig, an die Worte aus der »Megilath Ester« denkend: »Kaascher — owadeti, owodeti« — »Sowieso sind wir verloren, daher wollen wir uns doch wehren!«
In der Stadt Minsk herrschte eine düstere Stimmung. Der Handel stockte. Die Juden verließen ihre Geschäfte. Man sah sie durch die Straßen eilen, hastig, unruhig, mißtrauische Blicke um sich werfend. Sie waren auf ihrer Hut und hätten im Falle eines Pogroms verzweifelt gekämpft. Die Luft war geladen. Jeden Augenblick erwartete man die Explosion.
Die jüdischen Marktweiber, die zu mir ins Haus kamen, erzählten voll Schrecken und Entsetzen von den Roheiten und den Drohungen der Bauern, die zweimal wöchentlich ihre Ware zum Minsker Markt brachten. Die Bauern sprachenöffentlich von einem baldigen Überfall und von der Ermordung aller Juden.
Mein Mann brachte ebenfalls Schreckensnachrichten aus seiner Bank, die Kinder aus der Schule. Die judenfeindliche Stimmung wuchs mit jedem Tage. Und es kam dahin, daß sogar kleine Straßenbengel sich erdreisteten, die Fensterscheiben bei den angesehensten Familien von Minsk mit Steinen einzuwerfen und den Juden verächtliche Worte und Schimpfreden nachzurufen.
Einmal wurde an der Entreetüre unserer Wohnung, die zu ebener Erde lag, stark geklopft. Das Mädchen öffnete die Tür und sah erstaunt einen kleinen Gassenjungen vor sich. Dreist, mit einem frechen, herausfordernden Gesichtsausdruck, ohne die Mütze zu ziehen, fragte er nach dem Namen der Herrschaft. Als das Mädchen ihm unseren russisch klingenden Namen und unseren russischen Vornamen nannte, wiederholte er noch einmal ungeduldig seine Frage: »Ich will wissen, ob hier Juden oder Christen wohnen!« Nachdem er die gewünschte Antwort erhalten, schrie er wütend in die Wohnung hinein: »Judenpack, na, warum protzt ihr denn mit russischen Namen —« und lief davon.
In allen Schichten der Bevölkerung glimmte der Haß gegen die Juden, die sich unter den feindlichen, gehässigen Blicken wie unter geschliffenen Messern bewegten.
Die Juden in Minsk rüsteten sich zum Kampf und ihre Häuser wurden Kriegszelte. Jeder nach seiner Art, wie es ihm am leichtesten war: einer besorgte sich starke Stöcke — »Drongi« genannt —, der andere mischte Sand und Tabak, um dieses Zeug dem Pogromgesindel indie Augen zu werfen. Jungen von acht Jahren, Mädchen von zehn nahmen Teil an den schrecklichen Vorbereitungen, »waren mutig, unerschrocken auf den Straßen«. Es kam, daß ein solcher Held seiner besorgten Mutter zurief: »Sei ruhig, wenn die Kazappes kommen, uns zu töten, so hab ich auch ein Messer!« Bei diesen Worten griff er in seine Tasche und holte sein kleines Messer, das er für zehn Kopeken gekauft hatte, hervor.
Im eigenen Hause fühlte man sich nicht mehr sicher. Die christliche Dienerschaft, die seit längerer Zeit bei uns im Dienst war, wurde plötzlich unhöflich und herausfordernd, so daß wir uns vor diesen Hausfeinden zu sichern gezwungen waren. Jeden Abend, nachdem die Dienerschaft zur Ruhe gegangen, nahm ich alle Messer und Hämmer aus der Küche und verschloß sie in einem Schrank in meinem Schlafzimmer, und ohne daß es die Dienerschaft merkte, richtete ich jede Nacht vor der Eingangstür eine Barrikade aus Küchenbänken, Stühlen, einer Leiter und anderen Möbelstücken auf. Dabei lächelte ich wehmütig, denn ich glaubte nicht, daß wir uns im Falle eines Pogroms auf diese Weise wehren und retten könnten. Doch ich baute diese Barrikade immer von neuem, und frühmorgens stand ich als die erste auf, um alles wieder in Ordnung zu bringen, damit die Dienerschaft unsere Angst nicht merke.
Doch zu einem Pogrom kam es in Minsk nicht. Diese Stadt wurde zufälligerweise, oder vielleicht nicht zufälligerweise, verschont.
So gab es in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz Rußland wütete, für einen Juden nur zwei Wege: entweder auf alles, was ihm jetzt schonunentbehrlich geworden war, im Namen des Judentums zu verzichten — oder die Freiheit und alle Möglichkeiten, wie Bildung, Karriere, d. h. die Taufe. — Und Hunderte von den aufgeklärten Juden gingen den letzten Weg. Aber die Meschumodim dieser Zeit waren nicht Täuflinge aus Trotz (l'hachis), sie waren auch nicht, wie die Marannen in früherer Zeit, die in Kellern ihren Gottesdienst abhielten, diese Meschumodim waren Verneiner alles Religiösen — sie waren Nihilisten —.
— Es komme der größte Zadik und sage, daß er den Mut und das Recht hätte, von einem jungen Menschen, der ohne jede Tradition, fern vom Judentum aufgewachsen, zu fordern, er solle im Namen dieses ihm unbekannten und leeren Begriffes auf alles verzichten, was die Zukunft ihm bieten könnte, auf Glück, Ehre, Namen. Zu fordern, daß er diesen Versuchungen widerstehe und sich in die Finsternis und Enge eines Provinzstädtchens zurückziehe und ein armseliges Dasein friste. Er sage, ob er das Recht und den Mut dazu hätte, dennich hatte ihn nicht!
Und so gingen auch meine Kinder den Weg, den so viele andere gingen. Der erste, der uns verließ, war Simon.
Als wir es erfuhren, schrieb mein Mann unserem Kinde nur folgende Worte: »Es ist nicht schön, das Lager der Besiegten zu verlassen.«
Seinem Beispiele folgte mein Herzenskind Wolodia, der sich nicht mehr unter den Lebenden befindet. Nachdem er die Maturitätsprüfung in Minsk glänzend bestanden hatte, reiste er nach St. Petersburg, um dort an der Universität sein Studium zu beginnen. Er erschien in der Universitätskanzlei und wies seine Papiere dem Beamten vor, der über die Aufnahme zu entscheiden hatte.
Für die Juden herrschten große Beschränkungen. Es wurden nur diejenigen aufgenommen, die eine goldene Medaille bei der Abgangsprüfung erhalten hatten, und auch von diesen nicht alle, sondern nur bis zu zehn Prozent der Gesamtzahl der Studenten. Der Beamte gab die Papiere meinem Sohne mit den barschen Worten zurück: »Das sind nicht Ihre Papiere!« Als mein Sohn ihn erstaunt ansah, fügte er noch bestätigend hinzu: »Sie haben sie irgendwo entwendet; Sie sind ja Jude und in Ihren Zeugnissen steht kein jüdischer, sondern ein russischer Name >Wladimir< verzeichnet.« Noch an demselben Tage mußte der tiefgekränkte, in seiner Würde verletzte Jüngling St. Petersburg verlassen, denn als Jude durfte er, ohne Student zu sein, dort keine vierundzwanzig Stunden verbleiben. Noch einige Male mußte der Junge in dieser Angelegenheit nach Petersburg reisen, stets mit dem gleichen Erfolg, bis er den verhängnisvollen Schritt tat — und sogleich in die Liste der Studenten eingetragen wurde. Und ähnlich erging es auch manchen anderen Kindern.
Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel ertragen — ich verzieh und schob die Schuld auf uns Eltern.
Allmählich verlor dieses Leid für mich die Bedeutung eines persönlichen Erlebnisses, immer mehr wurde es zu einem Nationalunglück. Ich betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jüdin das ganze jüdische Volk, das so viele edle Kräfte verlor.
Aber es haben sich in jener finsteren Periode nicht alle aufgeklärten Juden zu den Fremden verirrt — es waren unter ihnen viele, die den Weg zum Judentum zurückfanden und die unter dem Einfluß der letzten Ereignisse sich zusammenschlossen.Ja, es entstand als Reaktion auf den Antisemitismus die Gesellschaft der »Chowewe Zion« (Palästinafreunde), gegründet von Dr. Pinsker, Dr. Lilienblum und anderen.
Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange niedergeschlagen, verkümmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot, seine Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen, kam von neuem ein Geist freudigen Schaffens über ihn.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Rußland die Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmählich an Bedeutung und Interesse.
Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die größtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein Wunder, daß sie von einem Volke, das die Bildung am höchsten ehrt, bei dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschätzt wurde. Redensarten, wie: »Er versteht >Chumisch< (die 5 Bücher Moses) wie ein Schuster, wie ein Schneider« usw. haben sich eingebürgert und wurden sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jüdischen Familien nicht selten vor, daß der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfährt, daß in der Familie Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute bei der großen Mehrheit auch der aufgeklärten Juden der »Jiches«[39]sehr viel.
Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese Zurückgebliebenen zum neuen, schöneren Leben. Auch unter ihnen begann eine geistige Gärung.
Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermögende, vornehme Judentum entgegen und schonte keine Mühe und kein Geld, seine Bestrebungen zu unterstützen.
Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und mein Mann faßte den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben in Minsk zu begründen. Gedacht, getan! »Ojmer w'ojße,« wie der Hebräer sagt.
Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die jüdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das übrige notwendige Geld sollten Mitglieder durch monatliche Beiträge zusammenbringen.
Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde widmete er jetzt der »heiligen Sache«. In dieser Schule sollten anfangs die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei, Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfächern Unterricht erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.
Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem Mann gelang es zu seiner großen Freude, das Inventar sehr billig und oft umsonst zu erhalten.
Die jüdische Bevölkerung von Minsk war sehr zufrieden. Von den wohlhabenden Juden erklärte sich jeder bereit, mit einer Geldgabe das gute Werk zu fördern. Nicht ohne Grund sagten unsere Weisen schon: »Jisroel rachmonim bne rachmonim« — »Die Kinder Israel sind barmherzig und Kinder der Barmherzigen«.
Es wurde ein Vorstand aus den fortschrittlichen vornehmenJuden der Stadt gewählt, die meinen Mann zum Vorsitzenden ernannten.
Alles war bereit, und man begann mit der Aufnahme der Kinder. Den Vorzug hatten Waisenkinder und Kinder sehr armer Eltern. Es wurden über sechzig Knaben angenommen.
Man richtete Internate für die ganz Armen und Obdachlosen ein; zuerst aßen die Kinder bei den Bürgern der Stadt — jeden Tag wurden sie bei anderen Leuten untergebracht. Doch mit der Zeit fanden sich Mittel, um eine Köchin zu mieten, und die armen Kinder bekamen dreimal täglich in der Schule zu essen. An Wochentagen waren die Mahlzeiten sehr einfach, doch frisch und gesund — Suppe, ein Stück Suppenfleisch, Grütze. Aber am Freitag abend und am Sabbat wurde der Tisch festlich gedeckt und die Kinder bekamen ein echt jüdisches traditionelles Mahl. Am Sabbat wurde nicht gearbeitet. Es war ein Festtag, an dem die Knaben auch in ihrer Synagoge beteten.
Diese Schüler, meistens Kellerbewohner waren magere, blasse Kinder, mit großen, klugen, schwarzen Augen. Sie waren natürlich nur schlecht gekleidet. Aber sie arbeiteten und lernten mit Lust. Ich kam öfters in die Schule, um mich an dem Anblick der arbeitenden Kinder zu erfreuen.
Es verging kein Tag, ohne daß mein Mann die Schule besucht und mindestens eine Stunde dort verweilt hätte. Rabbiner Chaneles beschäftigte sich sehr viel mit dieser Anstalt und unterrichtete selbst die Kinder unentgeltlich in der Bibel und in anderen Fächern.
So verging ein Jahr. Die Schule hatte gute Erfolge. Mein Mann und Rabbiner Chaneles veranstalteten einenoffiziellen Akt, um den Jahresbericht über ihre Tätigkeit abzustatten.
Man lud zu dieser Feierlichkeit den Gouverneur Petrow ein und mehrere Regierungsbeamte, die Direktrice des Mädchengymnasiums, Madame Buturlina, und die Lehrer der oberen Klassen, wie auch die vornehmsten Damen und Herren der jüdischen Gesellschaft.
Mein Mann las den Bericht vor, und die ganze Gesellschaft folgte mit wahrem Interesse seinen Ausführungen. Es geschah zum erstenmal, daß in den Räumen einerjüdischenSchule Juden und Christen einträchtig und in feierlicher Weise die Angelegenheiten des heranwachsenden jüdischen Proletariats besprachen.
In der großen Tischlerwerkstatt waren die Schüler — Knaben im Alter von 11-13 Jahren — versammelt; sie erweckten durch ihr elendes Äußere in den Gästen das wärmste Mitleid.
Als der offizielle Teil des Aktes vorbei war, wandte ich mich an die reichen Damen und sagte ihnen, daß es unsere heilige Pflicht sei, für das tägliche Brot und eine angemessene Bekleidung dieser armen Knaben zu sorgen. Meine Aufforderung hatte den gewünschten Erfolg.
Am nächsten Tage lud ich einige Damen zu mir, und wir berieten unser Vorhaben. Wir bildeten vor allem einen Damenverein; ferner sandten wir einige hundert Briefe an die jüdischen Damen mit der Bitte, unserem Verein beizutreten. Wir baten sie gleichfalls um neue oder abgetragene Wäsche und Kleidungsstücke, wie auch um kleine Geldspenden für unsern Zweck.
Schon in den nächsten Tagen kamen ganze SendungenKleidungsstücke. Für das Geld, das wir zu diesem Zweck erhielten, kaufte ich den Kindern wollene Handschuhe und sogenannte »Baschliki« — Kapuzen. Alles, was an Stoffen in meinem Hause war, wurde zusammengesucht, und die Bonne meiner Kinder saß mehrere Tage an der Nähmaschine und verfertigte die Baschliki. Ich empfand eine wahre Freude, wenn ich während meines Spazierganges den Kindern in warmen Mützen und Handschuhen begegnete. An diesen Kapuzen erkannte das Volk die Angehörigen dieser Schule, die man in der ersten Zeit »Wengeroffs Werkstatt« nannte.
Die Beiträge der Mitglieder liefen pünktlich in die Schulkasse ein, und wir hatten nun die Möglichkeit, den Kindern außer den Mahlzeiten in der Schule auch neue, gediegene Kleidung aus grauem, starkem Baumwollstoff zu verschaffen.
Es war eine große Genugtuung für meinen Mann, als einige Generationen von Lehrlingen, die die Schule mit einem Diplom verlassen hatten, überall, wo sie angestellt wurden, als gute Handwerker gelobt und anerkannt wurden. Diese ersten Handwerker zerstreuten sich im ganzen Lande; viele gingen aus Litauen nach Großrußland, wo sie als Handwerker das Wohnrecht erhielten. Es waren die ersten jüdischen Handwerker im nordwestlichen Ansiedelungsrayon, die eine systematische Ausbildung sowohl in ihrem Fach, als auch in der Bibel und in den Elementarfächern wie Lesen, Schreiben, Rechnen genossen hatten.
Die Zeiten waren noch so nahe, in denen der Handwerkerlehrling vor allem bei seinem Meister als Hausknecht dienen mußte und jahrelang hungerte und darbte, bis er etwas vom Handwerk lernte. Jetzt konnte er in gesundenVerhältnissen sich ruhig und systematisch zum guten Arbeiter heranbilden.
Unter solchen günstigen Bedingungen blühten die Kinder auf. Sie lernten eifrig und machten große Fortschritte.
Doch das Budget reichte leider nicht aus. Unser Damenverein beschloß, die Bürger von Minsk auf angenehme Weise zu Beiträgen heranzuziehen und veranstaltete ein Herbstfest, an dem auch viele Nichtjuden, sogar der Gouverneur, teilnahmen. Das Fest brachte uns an zweitausend bis dreitausend Rubel, und wir veranstalteten seitdem jeden Herbst von neuem diese Feste, stets mit großem Erfolge. Wir brauchten aber für unsere Zwecke immer mehr Geld, und nicht selten beglich mein Mann das Defizit aus seiner eigenen Tasche.
So existierte die Schule schon etwa acht Jahre unter der Leitung meines Mannes. Ein gelungener Tanzabend brachte in die Kasse des Damenvereins über dreitausend Rubel. Bei der nächsten Sitzung machte mein Mann den Vorschlag, bei dieser Kasse eine Anleihe zu machen, da die große Kasse leer sei — dieser Antrag stieß auf Widerspruch. Mein Mann legte, dadurch gekränkt, das Präsidium nieder. Es war ein Schlag sowohl für meinen Mann wie für mich — uns wurde ein wichtiger Lebensinhalt geraubt.
Aber gottlob prosperierte die Schule auch ohne uns; sie entwickelte sich mit jedem Jahre und existiert bis auf den heutigen Tag.
In dieser Zeit kam ein großes Unglück über die Stadt. Es brach ein Brand aus, der mehr als zwei Millionen Rubel Schaden anrichtete. Unsere Wohnung samt allen Möbeln und neuen Schränken, voll mit kostbaren Kleidern undPelzen, wurde vernichtet. Wir waren froh, mit dem Leben davonzukommen. Durch Flammen und Rauch bahnten wir uns mit den Kindern den Weg nach einem entlegenen Teil der Stadt, wo unsere Freunde wohnten, die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Der Schrecken jener Nacht erschütterte mich sehr. Ich wurde sehr krank und mußte zur Kur ins Ausland reisen. Ich nahm die Kinder nach Wien mit.
Die Gewerbeschule hatte nur wenig durch diesen Brand gelitten.
Ich kehrte erst nach drei Jahren nach Minsk zurück. Wir bezogen unser eigenes Heim, das mein Mann in unserer Abwesenheit hatte bauen lassen. Ich brachte aus Wien eine ganz neue Einrichtung mit; und unser Haus sah vornehm und gemütlich aus. Unser Leben gestaltete sich sehr angenehm.
Nicht lange nach meiner Rückkehr erschien bei mir eine Frau Kaplan, eine sehr gescheite Dame, eine »Gabbete«, die für die Not des jüdischen Volkes großes Verständnis hatte und auch einen starken Drang, dieser Not abzuhelfen. Sie schlug mir die Gründung einer Gewerbeschule für Mädchen vor, einen Plan den ich mit Begeisterung aufnahm. Ich drückte dankbar ihre Hand, und damit war unser Bund geschlossen.
Und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie mein Leben wieder einen Inhalt, eine intensivere, ich möchte sagen religiöse Färbung erhielt.
Wir gingen sofort an die Arbeit. In den nächsten Tagenmietete Frau Kaplan eine Wohnung für die Schule. Wir wählten dann ein Damenkomitee aus jungen Frauen und wandten uns ebenso, wie bei der Begründung der Knabenschule, an die jüdischen Bürger von Minsk mit der Bitte, sich mit Beiträgen an dieser Sache zu beteiligen. Für die ersten Ausgaben jedoch veranstaltete ich ein Liebhabertheater. Die Einnahme brachte etwa die Hälfte der nötigen Summe.
Und nun führten uns jeden Tag die Bewohner der Mansarden, der Keller der entlegensten Teile der Stadt ihre acht- bis zehnjährigen Töchterchen zu und baten, sie in die Schule aufzunehmen. Wir kauften auf Abzahlung drei Nähmaschinen, engagierten eine Schneiderin mit einem Gehalt von zwanzig Rubeln monatlich, eine Wäschenäherin mit zehn Rubeln monatlich und eine Korsett- und Miedernäherin mit dem gleichen Gehalt. Wir kauften mehrere hundert Meter vom einfachsten Kattun, alles nötige Nähzeug, einige Plätteisen, Scheren usw.
Der Tag, an dem wir diese bescheidene Anstalt eröffnen sollten, rückte heran. Wir fanden uns alle zur bestimmten Stunde in den Schulräumen ein. Frau Kaplan, die selbst die Schneiderkunst mehrere Jahre in Königsberg gelernt hatte, schnitt von einem großen Stück Stoff mehrere einzelne Teile ab und verteilte sie unter die versammelten Mädchen, und der Unterricht in den drei Klassen nahm seinen Anfang.
Es währte nicht lange, so meldeten sich mehrere Damen und junge Mädchen bei uns und boten ihre Dienste an. Die jungen Mädchen erteilten den Kindern unentgeltlichen Unterricht in der russischen Sprache und im Rechnen; auch ein Melamed für den Unterricht im Hebräischen wurde von unsengagiert, der täglich unterrichtete, während die Lektionen in der russischen Sprache nur zweimal wöchentlich stattfanden.
Aber das vernachlässigte wilde Äußere unserer Schützlinge gab uns keine Ruhe, und unser nächster Wunsch, sie anständig gekleidet zu sehen, ging bald in Erfüllung.
Schon nach kurzer Zeit hatten wir die Genugtuung und Freude, unsere sechzig Mädchen sauber gewaschen, mit kurzgeschnittenen Haaren in einfachen, reinen Kleidchen und Schürzen bei ihrer Arbeit fleißig beschäftigt zu sehen.
Auf meinen Vorschlag hin wurden diesen Kindern des Volkes die kernigen, praktischen Lebensregeln unserer Weisen: »Pirke Abot« (Sprüche der Väter) beigebracht.
Ich war oft bei diesen Vorlesungen zugegen, und es bereitete mir viel Freude zu sehen, mit welchem Interesse und Verständnis die Kinder diesen Ausführungen folgten.
Dank der warmen Teilnahme der Bürger der Stadt Minsk, die mit Spenden und Beiträgen unsere Schulkasse unterstützten, waren wir bald imstande, nicht nur für den Unterricht der Mädchen, sondern auch für die Ernährung dieser armen, ausgehungerten Wesen zu sorgen.
Die Kinder lernten sehr schnell und verfertigten bald nützliche Kleidungsstücke. Im Verlauf eines Jahres brachten sie es so weit, daß vornehme jüdische und christliche Damen ihre Toiletten in unserer Werkstatt anfertigen ließen.
Im Herbst des ersten Jahres veranstalteten wir zugunsten unserer Schule ein Fest, das uns zweitausend Rubel brachte. Die Feste wurden zu einer ständigen Einrichtung bis auf den heutigen Tag.
Beide Gewerbeschulen, die für Knaben und die fürMädchen, existierten lange Zeit ohne alle Privilegien und Rechte. Doch gelang es uns mit der Zeit, für beide Schulen gewisse Rechte vom Ministerium für Volksaufklärung zu erlangen, so das Wohnrecht in Großrußland. Das Zeugnis, das der Handwerker nach Absolvierung der Schule erhielt, gab ihm das Recht, in ganz Rußland sein Gewerbe auszuüben. Ich selbst habe eine Weißnäherinnenprüfung bestanden, als ich nach Jahren das Wohnrecht in Kiew erlangen wollte.
Von jetzt ab standen unsere Minsker Schulen unter dem Schutz und der Aufsicht der Direktion der Volksbildung. Die Regierung protegierte diese Schulen von Anfang an, weil sie durch die Einführung der russischen Unterrichtssprache auch hier ihre russifizierenden Tendenzen fördern konnte.
Zehn Jahre nach der Begründung der Mädchenschule veranstalteten wir eine Ausstellung der von unseren Schülerinnen verfertigten Gegenstände. Das vornehmste Publikum der Stadt, Juden und Christen, fanden sich ein, und sogar der Gouverneur, Fürst Trubetzkoi, beehrte uns mit seiner Gegenwart. — Es war wieder ein schöner Tag in meinem Leben!
Die Mädchen, vor kurzem noch verarmte, elende, verwilderte Kinder, standen jetzt in dem festlich geschmückten Ausstellungsraum da, schmuck, rein, gesund und umgeben von den Höchsten und Vornehmsten der Stadt, die ihre Arbeiten bewunderten und lobten.
Den Armen und Zurückgesetzten gab unsere Schule die Möglichkeit, redlich und anständig ihr Brot zu verdienen, sie gab ihnen Gesundheit, Frische, Jugend und vor allem die menschlichen Rechte. Vielleicht kommt bald der großeTag wieder, wo die jüdischen »Bal meloches«, Arbeitsleute, auf gleicher Stufe mit den Gelehrten des Volkes stehen werden. Wie in den Zeiten unserer Tanaïm und Amoraïm, wo Rabbi Jochanan Schuhmacher, Rabbi Jizchok und R. Jehuda Schmiede, R. Joseph Zimmermann, R. Schimon Weber, R. Hillel Holzhauer, R. Hunna Wasserschöpfer, R. Jichah Köhler, R. Jose und R. Chanina Schuhflicker auf öffentlichem Markt, R. Nehunja Brunnengräber waren. Ihr Handwerk hinderte sie nicht, talmudische Vorträge zu halten...
Mit Tränen im Auge sah ich unsere jüdischen Kinder, und eine stille Freude war in mir, denn ich wußte in diesem Augenblick, daß Gott unsere Mühe und Arbeit gesegnet hat.
Trotz der großen Geldgaben, der monatlichen Beiträge unserer Mitglieder und der Erträgnisse der Feste reichten unsere Mittel nicht aus, und wir arbeiteten mit einem Defizit. Da kam zu uns die Nachricht, daß Baron Hirsch in seinem Testament mehrere Millionen Rubel für die Gewerbeschulen der russischen Juden hinterlassen hätte. — Es klang wie ein Märchen. Doch bald wurde es Tatsache. Aus Petersburg kam zu uns ein Bevollmächtigter des Hauptkollegiums der Vertrauensmänner, und nach Erledigung gewisser Formalitäten erhielten beide Schulen eine ständige Unterstützung — jede einige tausend Rubel jährlich —, die bis auf den heutigen Tag bezahlt wird.
Nach Jahren begegnete ich manchmal fremden jungen Mädchen in der Straße, die mich mit besonderer Freundlichkeit begrüßten und mit meinem Namen ansprachen. Als ich sie dann etwas erstaunt nach ihrem Namen fragte, erhielt ich zur Antwort: »Madame Wengeroff, ich bin doch Riwke oder Malke usw., aus der Werkstatt —,« undich brauchte eine gute Weile, um in dem fast wohlhabend aussehenden Mädchen die kleine zerlumpte, elende Riwkele zu erkennen!
Der Prozeß der Europäisierung der jüdisch-russischen Massen ist, so sehr er auch das alte Gefüge des Gettos zerstörte und bei den Schwachen und Widerstandslosen eine vollkommene Zerrüttung herbeiführte, im wesentlichen doch nur als ein Umwandlungsprozeß zu betrachten. Wie konnte es auch anders sein! Ein Geist, der seit Jahrhunderten in die straffe Zucht des Talmuds genommen war, der über den Alltag hinaus nach dem höheren Gesetz strebte, der in höchster Anspannung zwischen Recht und Unrecht zu scheiden sich geübt hatte; ein Gefühlsleben, das sich in milden, verklärten und sinnigen Gebräuchen ausgelebt und in den stillen Gärten der Haggadah von der Herbheit des Alltags seine Erholung gefunden hatte —: der Reichtum dieser psychischen Werte konnte unmöglich durch die neue Bildung einfach verschüttet werden. Im Blute liegende Kultur, verfeinert und höher gezüchtet durch die Jahrhunderte, suchte und fand ein neues Gebiet ihrer Betätigung, eine neue Heimat in der Kunst. Freilich waren es nur wenige, die Bildner von starker Qualität wurden. Aber die Tausende und Abertausende junger Schriftsteller, die um die sechziger Jahre zum Lichte drängten, die vielen Empfinder, Nachempfinder und Genießer all der künstlerischen Schöpfungen Europas bewiesen immer nur das eine: daß wohl das Gebiet des persönlichsten, leidenschaftlichen Interesses ein anderes geworden war; daß aber die seelischen Antriebe die gleichen waren wie seit Jahrhunderten. Werdie Dinge in dieser Auffassung sieht, dem werden sich Erscheinungen wie Antokolski nicht mehr als Wunder darstellen. Künstler gab es eben immer im Getto. Es mußte aber eine geistige Freiheit kommen, um den Schöpferwillen zu entbinden, die Knebel von den Händen zu lösen. Antokolski war der Sohn eines armen Schankwirtes aus dem Vororte Antokol bei Wilna. Schon früh war seine ungewöhnliche Begabung aufgefallen. Er schnitzte Holzfiguren, machte Siegel, deren Griffe allerlei Gestalten wiedergaben. Noch als kleiner Junge schnitzte er in eine Brosche aus Bernstein die Ganzfigur des Generalgouverneurs Nasimow, die sprechend ähnlich war, obwohl der Knabe den Gouverneur nur mehrmals flüchtig von der Ferne gesehen hatte. Aufsehen erregte eine Holzschnitzerei, die die Überraschung einer Marannenfamilie in einem Keller beim Szederabend darstellte. Die ganze Tragik dieser Situation war festgehalten. Der Tisch war umgestürzt, die Haggadahs, das Geschirr, die Leuchter, die Kerzen, Weinflaschen alles wirr durcheinandergeworfen. In einem Winkel standen die Männer aneinandergepreßt. An eine Wand war eine Frau gelehnt, einen Säugling auf dem Arm haltend. Man fühlte, daß sie nicht zu atmen wagte.
Es war klar, daß dieses ungewöhnliche Talent im Getto verkümmern mußte, wie so viele dort verkümmert waren. Da nahm sich ein Herr Gerstein in Wilna des jungen Mannes an und verschaffte ihm, als er heranwuchs, die Möglichkeit, nach Petersburg zu gehen. Das war eine lange Reise auf einem Leiterwagen. Brot und Hering waren des Jünglings einzige Nahrung. In Petersburg wurde der berühmte Schriftsteller Turgenjew auf ihn aufmerksam, der ihn zu sichheraufzog, ihm die Bildung seiner Zeit vermittelte und ihm den Weg zu den einflußreichen Männern der Stadt ebnete. Ich hatte das große Glück, den jungen Meister kennen zu lernen, als er an seinem gewaltigen Werke, Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche, arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den akademischen Rat um Gewährung eines größeren Ateliers gewandt. Aber ihm wurde nur eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mußte sich mit dem schlecht erhellten niedrigen Raume bescheiden. Aber das Werk wuchs und wuchs. Und alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich denke noch heute jener fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war, hatte mir den Zutritt zu seinem Atelier ermöglicht. Das Werk war noch im Tonmodell. Aber mir war, als stand ich nicht vor einem toten Gebilde, sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die großen Gedanken werden, die rücksichtslos auf ein Ziel lossteuern. Beide Arme waren auf die Sessellehnen gestützt, so daß man glaubte, daß Iwan jetzt aufspringen müßte; die Bibel, die auf seinen Knien liegt, würde herabgleiten, und bald würde seine machtvolle Hand die Paliza, den adlergeschmückten Stab erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnick (Gardist) durch Stiefel und Fuß jagen.
Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Rußland gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis schließlich das Gerücht von diesem Werke bis zu Kaiser Alexander II. kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stümpern derSchrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Künstler, das Modell in einen größeren Raum bringen zu lassen. Denn sie fürchteten, der Kaiser könnte ahnen, wie engherzig sie den jungen Künstler behandelt hatten. Antokolski lehnte ab. Angeblich, weil er sein Modell nicht gefährden wollte. Auf der schmalen Treppe könnte es beschädigt werden. Aber auch sein Künstlerstolz bäumte sich auf. Sollte doch der Kaiser sehen, daß Großes auch im Niedrigen wachsen könnte. So wurde denn die Treppe hastig mit echten Teppichen belegt und mit exotischen Pflanzen geschmückt. Der Kaiser fühlte sich zwar auf diesen labyrinthischen Wegen, deren Ausgang man nicht recht sah, unbehaglich. Aber als er in die Mansarde des Künstlers trat, riß ihn das Werk in den Bann. Er reichte dem Künstler die Hand, lobte ihn und dankte ihm. Bald darauf erhielt Antokolski den Titel Professor.
Ungleich größer war die Zahl der reproduzierenden Künstler. Die Musik war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Kleßmorim nicht nach Noten spielen, aber in ihr ungefüges, wildes Spiel legten sie ihre ganze Seele. Und sie wußten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und — Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer Chason — und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe wanderten — war ein Ereignis. Er stillte auchjene Bedürfnisse, denen heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen »Grammen« die Zuhörer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch auch ein Künstler. Verfolgt man die große Schar der ausübenden Musiker, die jetzt die ganze Welt überschwemmen, und weiß man die verdrehten Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Kleßmorim, Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier erzählen. Die Geschichte ist eben typisch.
Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei Jungen, von denen der ältere sieben, der jüngere sechs Jahre zählte, zu mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: »Das sind die Kinder von Badchen Fidelmann« vorstellte. Es waren blasse, magere Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen anblinzelten. »Ich möchte, daß sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch spielen hören, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse für sie zu gewinnen.« »Gut,« sagte ich, »ich werde mein Möglichstes tun.« Unterdessen lief der ältere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine, polnische Lieder und Tänze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der ältere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende war. Nun begann der Jüngere mit Eifer zu spielen — seine Äuglein funkelten, seine Gesichtszügebelebten sich, und ich folgte ergriffen den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prüfung war beendet. Ich sagte Herrn F., daß ich und meine Freunde für das Unterrichtshonorar — monatlich acht Rubel — gutsagen würden. Somit wurden die Kinder in Frieden entlassen, um schon am nächsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den sie hatten abbrechen müssen, da der Lehrer ein größeres Honorar verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte bei dem Jüngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Außer der Musik ließ ich sie bei dem jüdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prüfungen zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich für das Spiel des Kleinen zu interessieren.
Es pflegte oft zu geschehen, daß der Kleine den Korb mit Lebensmitteln zu mir in die Küche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte, ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. »Ich hoffe zu Gott,« sagte ich, »daß du ein großer, berühmter Mann werden und in Kutschen fahren wirst und will nicht, daß jemand dich mit dein Korbe sieht.« Er antwortete: »Für Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.« Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab, beschloß ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich schrieb an meine Schwester,Exzellenz Sack, sie möge sich des Knaben, von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzählt hatte, annehmen.
Es mußte Geld für die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch mein Schützling Ruwinke, später »Roman Alexandrowitsch« auftrat. Das Konzert hatte den gewünschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner Abreise.
An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten Protektor, über die er sich ganz närrisch freute.
Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glück seiner alten Mutter und all seiner Gönner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn auch, bald über seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten, worauf er naiv sagte: »Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen?« Ich gab ihm einen Rubel für Briefmarken. — Er hat ihn für diesen Zweck nicht verwendet.
Durch Vermittlung meiner Schwester und die Fürsprache Anton Rubinsteins erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange, bis er seiner Militärpflicht zu genügen hatte. Vorher mußte er noch eine Gymnasialprüfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; für seine übrigen Lebensbedürfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk, inderen Häusern er oft mit großer Anerkennung spielte. Er trat in das vornehmste Gardekürassierregiment ein und trug die malerische Uniform, den reich mit Tressen besetzten Hut. Man räumte ihm zwei Zimmer in der Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel die Herzen der Obrigkeit. Um seinen täglichen Übungen zuzuhören, kamen die höchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.
Zur selben Zeit besuchte ein französisches Orchester Petersburg und gab seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militärdienste, in der glänzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Präsidenten Carnot mit großem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er beendigte sein Studium im Konservatorium. Während der Militärzeit konzertierte er in Petersburg, Düsseldorf und Berlin.