II. Teil.

Der erste Schultag!....

Der »Unterbehelfer« erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen, dünnen, blonden Locken vor den großen Eselsohren und einem ungeheuer breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug nämlich seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der größten Hitze in die Stirn gedrückt hatte, als wäre sie für alle Ewigkeit auf seinem Kopfefestgewachsen. Seine übrige Kleidung konnte man auch nicht gerade luxuriös nennen. Von der Fußbekleidung war der eine Schuh so groß, daß er ihn bei jedem Schritt verlor, während der andere so knapp saß, daß er das zweite Bein hinkend nachschleppen mußte; offenbar gehörten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Krähwinkel) und hieß Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Küche trat, zu deren halb offener Tür ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade sein Frühstück bekommen; er aß nämlich bei uns »Täge«, wie man es damals hieß, d. i. an jedem Tag in der Woche aß er bei den Eltern eines anderen Schülers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mußte lachen über ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just auf die äußerste Kante der Küchenbank plump hinsetzte, so daß sich das andere Ende in die Höhe hob und er, der Bocher, in seiner ganzen Länge ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mürrische Köchin mußte da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: »Nun mit dem rechten Fuß!« Unterwegs bildete er meist die Arrièregarde, wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte er sich als unser tapferer Beschützer bewähren.

Die Gelegenheit dazu bot ein wütender Hund, der uns anfiel und verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschützer um — aber der erste, der jämmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen, aber erwar der bessere Renner — wir erreichten ihn nicht. Meine Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das Sprüchlein, wie ein Gebet:

»Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),Werden dich zerreißen.Hintale, Hintale, willst mich beißen?Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreißen.Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,Ich bin Jankow, du bist Esau!«

»Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),Werden dich zerreißen.Hintale, Hintale, willst mich beißen?Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreißen.Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,Ich bin Jankow, du bist Esau!«

»Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),Werden dich zerreißen.Hintale, Hintale, willst mich beißen?Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreißen.Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,Ich bin Jankow, du bist Esau!«

Der Spruch mußte rasch, in einem Atem und ohne daß man sich von der Stelle rührte, hergesagt werden. Wir waren fest überzeugt, daß der Hund still werden und uns passieren lassen würde....

Unser »bewährter« Führer wartete auf seinem Platze, wo er sich in Sicherheit fühlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklärte mir auf dem Wege alles, was mir neu und merkwürdig schien. Wir sahen viele Buden, Krämergestelle und mußten uns durch die Menschenmassen hindurchdrängen, bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.

Das Häuschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen. Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die nur spärlich das Tageslicht einließen. Das Häuschen war von einer Prisbe (Erdbank) umgeben, auf der ich meine künftigen Mitschülerinnen, die ungefähr in meinem und meiner älteren Schwester Alter standen, bei verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit großen Augen an. Wir blieben vor der Eingangstür stehen. So leicht konnte der Uneingeweihtehier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie öffnete die Tür, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich erfaßte sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen bildete ein halb verfaultes Stück Holz, das ganz tief eingesunken in dem Lehmboden lag. Ich mußte das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu fühlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen Schritt vorwärts. Meine Schwester ermahnte mich, daß ich nicht über die zum Boden führende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein Wasserfaß, an dessen Rand der große hölzerne Wasserschöpfer lag, der uns Kinder später immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tür, die statt der Klinke einen hölzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie eine Glasur war. Meine Schwester öffnete die Tür, sie trat in den Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade stehen. Beim ersten Schritt stießen wir auf eine Bank, die mit einem langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und Gebetbücher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine ähnliche Bank, die bis an die Wand reichte. Ich überlasse es der Phantasie des Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed, thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit Herrscherblicken das ganze Gebiet übersehen.

Reb Leser war kräftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er saß, in seiner ganzen Breite und Höhe. Seine wasserblauen, großen, hervorstehenden Augen, vor denen sich fortwährend ein paar kleine graue Pees (Ohrlöckchen) bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten Selbstbewußtseinund Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgemäß: kurze, an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strümpfe, gigantische Schuhe; seine Hemdärmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer bunter, dunkler Arbakanfos[M]aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine Sammetkäppchen auf dem großen Kopf vervollständigte die damalige Tracht seines Standes.

Am anderen Ende des Tisches saß, stets in gebückter Haltung, der Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Händen (das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben für Buchstaben, Zeile für Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben Vorgetragene mit den Schülerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst, hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung waren.

Wir blieben also stehen, wirmußtenauf demselben Fleck stehen bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf: »Ah!« Dann faßte er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und setzte mich neben sich hin. Die Schülerinnen kamen inzwischen hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war, suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schützend zu mir hin. Angst, Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwährend ängstlich hinaufsah, das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch den wütenden Hund, schnürten mir die Kehle zu, und ich wußte nichts Besseres anzufangen, als plötzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich schämte mich und machte mir im stillen Vorwürfe, allein ich konnte mich nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir versprach, daß heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich könne mit den Schülerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir zusprach, desto reichlicher flossen meine Tränen. Der Rebbe erriet endlich, daß es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten, und er stampfte mit seinen großen Füßen auf, daß alles erbebte und er schrie: »Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N]Was gafft Ihr, habt Ihr so etwas noch nicht gesehen?« Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen Richtungen und nahmen schließlich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren. Meine Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich mitnehmen. Ich aber ließ mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hörte ich, daß unser ritterlicher Begleiter Welwel vermißt und mit Ungeduld erwartet wurde, da er für fast alle Schülerinnen das Mittagessen holte. Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphäre beschäftigt und hatte gar nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen würden. Der sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir: Welwel trug Krüge, Töpfe, Schüsselchen, Gläser, Löffel verschiedener Gattungen und Größen, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Töpfe und Krüge waren an seinem langen breiten Gürtel, fest um den Leib gebunden und reichten bis weit über die Hüfte. Das Brot plazierte der erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die gefüllten Schüsselchen hatte er übereinander gestellt, drückte sie auf dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien Hand. Das Dessert, das aus Nüssen, Äpfeln, gekochten Bohnen und Erbsen bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerüstet, bewegte sich »das Schiff der Stadt« langsam seinem Ziele, dem Cheder, entgegen. Es war ihm tatsächlich nicht möglich, sich irgendwo hinzusetzen.

Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit, worauf er klagend erzählte, wo und wie lange er auf das Essen hatte warten müssen. »Gib geschwind die zinnernen Schüsseln und die Blechlöffel her«, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl ausgeführt. Der Rebbe schüttete unser Mittagsessen in eine Schüssel, und ich bekam einen Blechlöffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch hatte, was bedeuten sollte, daß er »milchig« war, d. h. nur für Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Löffel mehrere Male in den Händen hin und her und konnte mich nicht entschließen, damit aus der Schüssel zu schöpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem weißen Porzellanteller und mit diesem blechernen Löffel soll ich essen? Wieder kamen mir die Tränen in die Augen, und der Hals war mir wie zugeschnürt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal den Grund meiner Tränen nicht erklären! Meine Schwester aber war praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenüber behielt sie durch das ganze Leben). Sie griff tüchtigzu, führte einen Löffel nach dem andern zum Mund und ließ sichs gut schmecken. Als sie einigermaßen satt war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die Antwort schuldig, denn ich fühlte, daß mir bei den ersten Worten die Tränen noch wilder aus den Augen stürzen mußten. Ich bezwang mich aber und schöpfte einen Löffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen Tränen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekränkt hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzüge des Essens im Cheder, im Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir während der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf den großen Holzschöpfer auf dem Wasserfaß aufmerksam, den ich benutzen sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schülerin an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach, dann ging es rasch nach Hause.

Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, daß ich meiner Njanja nur wenig erzählen konnte. Ich trank meinen Tee und schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nächsten Morgen mit einer gewissen Ungeduldund voll des lebhaften Verlangens, daß der Cheder-Behelfer möglichst rasch kommen möge, damit ich nur die Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen könnte. Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pünktlich, und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.

Und nun benahm ich mich auch schon anders.

Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, später spielte ich mit den anderen Schülerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fühlte ich mich schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule.

Außer der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes, finsteres Durchgangsloch, — jede andere Bezeichnung dafür wäre unrichtig — in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die über einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges Töchterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte, stieß unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenwäsche waren keineswegs sauber zu nennen. Aber man muß mit allem zufrieden sein, heißt es, und die Bewohner dieser verfallenen Hütte waren es im vollsten Sinne des Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, daß ihre »Altinke« (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb. Man behütete und pflegte sie und schützte sie wie den Augapfel. Am Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O]und ein Heele (auch eineArt von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer mystischen Aufschrift versehen war). Das Bändchen, an dem diese Dinge und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der beständigen Nässe vom Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes. Dieses kleine, unglückliche Geschöpf lag meist in der Wiege, da Feige, so hieß die Rebbezin, allerlei Geschäfte auf eigene Faust führen mußte, wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen, Leckerbissen, die ihr die Schülerinnen täglich abkauften. Besonders waren es die Gluckhenne mit ihren Küchlein, die ihr viel zu schaffen machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem Arm herumzutragen. Täglich wählte sie eine andere der Schülerinnen, die ihr in allen häuslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich ihr Kind (was ich übrigens mit großem Vergnügen tat), bald half ich ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen schieben mußte; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern (mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern über die Augen strich).

Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte ungewöhnlich lange Arme, einen langen, dünnen Hals, der einen Pferdekopf trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dünne Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem Lächeln verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur Hälfte den Mund und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen Pferdezähne und vor allem die Zahnlücken bewirkten, daß die Worte aus ihrem Munde nicht sehr schön klangen. Aber das hinderte sie weiter nicht, ihre ganze Umgebung vom frühen Morgenbis zum späten Abend von dem Vorhandensein ihres ungeschwächten Sprechorgans zu überzeugen. Auch ich sollte bald erfahren, daß mit der Rebbezin nicht zu spaßen war, und ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schließen ließ. Mein Kätzchen hatte ich zu Hause lassen müssen, ich verschmerzte es zu Beginn, weil ich an den Hühnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brütenden Henne und sah zu, wie sie mit ausgebreiteten Flügeln behutsam auf den Eiern saß. Ihr Auge drückte während dieser Zeit fast eine menschliche Zärtlichkeit aus. Das Tier saß geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und sie fütterte. So geschah es einmal, daß ich mich zur Gluckhenne beugte, um sie wegzutragen und zu füttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von ihrem Sitz aus und erschrak über die Möglichkeit, daß ich die Henne aufscheuchen und daß sie am Ende wegfliegen könnte. Die Eier würden kalt und nicht mehr ausgebrütet werden können. Behende sprang Feige zu mir, erfaßte mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskräften: »Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg!« (fort von hier). Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entriß sich tatsächlich meinen Händen und wandte ihren raschen Flug nach der Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein dreieckiges Fächerchen, darauf ließ sich die Henne nieder, sah mit lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und ließ ein Andenken an ihren kurzen Aufenthalt zurück; dann flog sie, mit den Flügeln schlagend, auf das Fach, wo die Zinnteller und Schüsseln standen, warf alles um, was natürlich viel Lärm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf, wo sie sichendlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schüler mit lautem Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung faßte, und da er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mußte, schalt und fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Ehehälfte schwur er hoch und teuer, er werde alle ihre Hühner schlachten. Das sollte sogar schon morgen geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darüber und verteidigte bei offener Tür ihre Schützlinge. Sie brachte Argumente vor, die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen ließen. Schließlich meinte sie, ihr Mann hätte überhaupt kein Recht, die Hühner zum Tode zu verurteilen. Ihre glänzende Verteidigungsrede war wohl hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den kürzeren zog und zum Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gesprächen im Cheder und im sogenannten »Schmolen Gässel« (schmalen Gäßchen). Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner Njanja viel zu erzählen....

Wenn Reb Leser schließlich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, dessen Würde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im schmolen Gässel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits des Teiches, sehr populär! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein »Ajin hora« (böses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zudiesem Zwecke ein Kleidungsstück des »Befallenen«, etwa ein Strümpfchen oder ein Leibchen, flüsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das genügte, um das Kind genesen zu machen, ohne daß er es persönlich gesehen hätte. Dem Überbringer wurden die Gegenstände mit den Worten zurückgegeben: »Es wird schon gesund werden.« Hatte jemand Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zwölf Uhr nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann sicher, daß der Schmerz aufhören würde — eventuell freilich erst nach langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen Rückenschmerzen litt, mußte sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser, der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fuß auf den Rücken des Kranken für einen Augenblick und der Kranke war genesen!

Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest überzeugt, daß sie viel Milch geben würde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach längerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen vermochte vieles zu bewirken.

Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das Schadchengeschäft viel mehr Geld ein. Diese Tätigkeit warf ihm beinahe so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, daß sie gewöhnlich bei einem Gläschen Schnaps vor sich ging. Je nach dem Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und — Feinde. Von den letzteren gab es mehr!.. Reb Leser ließ sich darob keine grauen Haare wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Geschäft in seinen Mußestunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da der Jude von damals, nachdem ervierundzwanzig Stunden geruht hatte, in der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war vielleicht gut, daß Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden konnte....

Der denkwürdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere des Cheders zu verleiden und mich stärker für die Spiele draußen zu interessieren. Ich erreichte in manchem eine große Fertigkeit — so im Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter Würfel bediente; im Nüsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar. Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen.

Es wurde so viel gespielt, daß wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck unseres Schulbesuches vergaßen.

Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fuß. Mein besonderer Liebling war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes Männchen mit einem grüngelben Ziegengesicht und blöden Ziegenaugen, die den Zug des Gequälten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden. Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und schrieen übermütig: »In schaul! In schaul!« und begleiteten ihn eine Strecke. Er erschien nämlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch übrig gebliebenen Lungenkraft schreiend: »In schaul! In schaul!«, die Gemeinde zusammen. Dann stemmte er die Hände in die Seiten und konnte lange vor Husten nicht zu Atem kommen. Übrigens hatte er noch eine andereBeschäftigung; an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den jüdischen Krämern und ermahnte sie, die Läden rasch zu schließen. Und vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches (Frühgebet während der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest).

Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schülerinnen nicht fassen und draußen vor der Tür verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so mußten wir uns mit unseren Würfel- und Nüssespielen in eines der vielen Vorhäuschen in der gegenüber dem Cheder befindlichen großen Synagoge flüchten, wo es immer kühl und geräumig war. Ich entsinne mich, daß ich nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die Abteilung zu betreten, in der die Männer zu beten pflegten. Der große Raum mit den vielen Bänken und Tischen war imposant. In der Mitte der Synagoge befand sich ein viereckiger erhöhter Platz, der von einem niederen, geschnitzten Geländer umgeben war; auf dieser Erhöhung stand ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim »Leienen« lagen. Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Türen zum Oren-hakodesch führten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verhängt, in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten dieses jüdischen Paniers standen in Lebensgröße zwei Löwen aus Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der östlichen Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenplätze für die ältesten und angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die »Matan b'sseisser Puschke«, d.h. die Büchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein Lieblingswunsch in Erfüllung gegangen oder ein besonderes Glückwiderfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz im geheimen etwas in diese Büchse. Außen war nur ein kleiner Spalt in einer Nische der Mauer zu sehen. In diese Öffnung warfen die Spender ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ängstlich zu vergewissern, daß auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab. All diese seltsame Pracht erfüllte das Kindergemüt mit Ehrfurcht und Scheu.

Meine Begleiterinnen erzählten mir, geheimnisvoll flüsternd, daß sich hinter den hohen Türen des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer thaures (heilige Rollen) befinde und daß von da ein unterirdischer Gang nach Jerusalem führe. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom (Hölle) befreiten R'schoim (Sünder), um allerlei Schabernack zu treiben. Noch andere, ähnliche Märchen erhöhten meine angstvolle Scheu. Ganz besonders wirkte auf mich das Märchen vom »lehmenen Goilem« (Ton-Figur) ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine große Figur aus Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen versahen und flüsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, daß sie anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mußte man ihr bis ins einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: »Geh zur Tür, ergreife die Klinke, drücke sie nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, geh in das Haus in jener Straße, drücke die Klinke nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein Freund sitzt,sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen.« Auch der Rückweg mußte der Figur Schritt für Schritt genau beschrieben werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein Trottel; und noch heute ist im jüdischen Volke die Bezeichnung: »Du bist ein lehmener Goilem« ein Schimpfwort.

Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den großen Raum zu betreten, aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfaßt, weinend und schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder hinzugehen.

Ich sehe noch jetzt im Geiste den schönen, majestätischen Bau im altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte.

Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt wurde, mußte auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein, den man fand, wies auf frühere Jahrhunderte zurück, auf die Tage Saul Wahls, der für eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum König gewählt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine verstorbene Frau Deborah erbaut.

Dem Rosch-Chodesch (Neumond) Sivan (etwa Mai) folgte sechs Tage später das Schewuaus-Fest (Pfingsten), das schöne und angenehme Fest, von dem die Juden sagen, daß manallesundüberallessen darf, während man am Osterfest nicht alles und am Laubhüttenfest nicht überall, d. h. nur in der Laube essen soll. Daher dauert Sch'wuaus nur zwei Tage....

Auch für dieses Fest wurden natürlich in unserem Hause mancherlei Vorbereitungen getroffen. Uns Kindern wurde im Cheder die Bedeutung des Festes erklärt als Gedenkfeier an den Tag, an dem Moses auf dem Berge Sinai die heiligen Gesetzestafeln empfangen hatte. Drei Tage vor Pfingsten (Schlauscho jemei hagbole wird diese Periode genannt), endet die Trauer der Sfirezeit und die Freude lebt wieder auf. Man sucht sich für die sechswöchentlichen Entsagungen schadlos zu halten. Die Kinder blieben nur einen halben Tag im Cheder und tummelten sich ungebunden im Freien und im Hause herum. Und in den Häusern wurde wieder gebraten und gebacken, namentlich viel Butterkuchen! An diesen Festtagen ißt man hauptsächlich Milch- und Buttergerichte. Die traditionellen Käse-Blintschki mit saurer Sahne, eine Art Flinsen, dürfen nicht fehlen. Am Erew-Jomtow, am Vorabend des Festes, gab es wieder viel eilige Arbeit im Hause. Alle Zimmer wurden mit Grün geschmückt und festlich beleuchtet: Wir Kinder wurden festlich gekleidet und der Tisch zum Abendessen gedeckt; die Fenster der mit Kerzen erleuchteten Räume standen weit offen, und die warme, frische Frühlingsluft strömte herein, ohne die Flammen dervielen Kerzen auch nur leise zu bewegen. Sie brannten ruhig und feierlich.

Die Männer kamen vom Bethaus zurück und man begab sich zu Tische. Schon nach dem ersten Gang wurde ein Abschnitt aus dem Tiken-Schwuaus-Gesetze von den Männern vorgelesen und nach dem zweiten Gericht wieder ein Abschnitt. Nach dem Essen zogen sich meine Schwäger mit ihrem Melamed in ihr Studierzimmer zurück, um dort bis zum frühen Morgen den Tiken-Schwuaus zu Ende zu lesen. Mein älterer Schwager unterzog sich ohne Murren diesem Gebot. Aber der jüngere hätte wahrscheinlich eine andere Beschäftigung vorgezogen. Aber es half nichts, die Disziplin und die religiöse Tendenz unseres Hauses galten mehr als persönliche Wünsche und Neigungen. Auch dann noch, als der Geist Lilienthals in den Köpfen der jungen Leute schon schwirrte.

Am frühen Morgen ging es in die Synagoge, wo ein Festgottesdienst abgehalten, die Akdamess (Anfänge) gesagt, die M'gile (Ruth) vorgelesen wurde, was oft bis 12 Uhr Mittags währte. Im Hause herrschte frohe Laune: man trank vortrefflich duftenden Kaffee und aß Butterkuchen und Blintschikes und ging hierauf im Freien spazieren.

Bald kam auch der Sommer mit seinen Herrlichkeiten, die wir Kinder nach Herzenslust genossen. Die Zeit von Pfingsten bis zum siebzehnten Tag im Tamus (Monat Juli) war für den Juden der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die genußreichste und schönste des ganzen Sommers. Aber zu lang darf die Reihe von schönen Tagen für ihn nicht sein, sonst könnte er in seinem Übermut Gott vergessen und darum, glaube ich, ist ihm nach einer kurzen Erholungszeit immer wieder ein Fasttag auferlegt. Und so ist schon der Schiwo osser betamus(siebzehnte Tag im Tamus) ein Fasttag, dem die sogenannten drei Wochen folgen, die mit einem Trauertag, dem neunten Tag des Monats Ab (Tischeb'aw) endigen. Und wieder ist es untersagt, Vergnügungen nachzugehen, Hochzeit zu halten, im Flusse zu baden, Schmuck zu tragen und in den letzten neun Tagen darf man auch kein Fleisch genießen; am neunten Tage, am Erew-Tischeb'aw, wird in der Synagoge und im Hause eine Trauergedenkfeier an die Zerstörung Jerusalems abgehalten. Am Freitag vor Schabbes-chason (Sonnabend vor Tischeb'aw) erschien einmal unsere Mutter, während wir am Frühstückstisch saßen, erregt und ernst, in der einen Hand ein mit einer schwarzen Masse gefülltes Holzgefäß, in der andern Hand einen Pinsel haltend. Wir waren gespannt, was die Mutter damit beginnen wollte. Sie stieg auf das Sopha und machte mit dem Pinsel auf die schöne rote Tapete einen viereckigen, schwarzen Fleck. Auf unsere Frage, was dies zu bedeuten habe, erhielten wir zur Antwort, dieser Fleck, den sie seicher l'churben nannte, soll uns erinnern, daß wir Juden im Golus, d. h. unterjocht sind. Ich entsinne mich noch, wie mein Vater und die jungen Männer am Erew-Tischeb'aw, d. h. am Vorabend des neunten Tages im Monat Ab die Schuhe ablegten und auf niederen Schemeln Platz nahmen. Der Bediente stellte eine niedrige Holzbank vor sie hin und setzte darauf das Fasten-Abendbrot, das aus hartgesottenen Eiern bestand, die in Asche gewälzt und dann mit harten Kringeln gegessen wurden. Bewegt, mit dem Ausdruck aufrichtiger Trauer in den Zügen, saßen sie da, als hätten sie die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem selbst miterlebt, mit eigenen Augen seinen Glanz, seine Größe untergehen sehen. So gegenwärtig war ihnen die Vergangenheit, so tief empfindet der fromme Jude noch heuteden Schmerz um den Verlust der alten Heimat. Dann gingen die Männer in Strümpfen ohne Stiefel in die Synagoge. Meine Mutter blieb mit den älteren Schwestern zu Hause. Es wurden mehrere Fußbänke in ein Zimmer gebracht und Kerzen auf niedrige Tische und Stühle gestellt. Wir alle setzten uns um die Mutter herum auf die Fußbänke und nun begann man mit der Verlesung der »Zerstörung von Jerusalem«. Die Mutter weinte und wir Kinder weinten leise mit. Dann wurde noch die M'gile Echo — die Klagelieder — vorgelesen und unsere Tränen flossen reichlich. Die Buben freilich hatten ihr eigenes Treiben.

Runde, grüne Kletten, wie kleine Kartoffeln, mit Stacheln wie Stecknadeln bewachsen, die an jeden Gegenstand sich anheften, pflegten die »kundesim« (Gassenjungen) am »erew tischeb'aw« den ernst trauernden, alten Männern in die Haare und an die Strümpfe zu werfen, um diese zu ärgern.

Am folgenden Tage herrschte noch tiefe Trauer und die schwere Stimmung lag noch auf allen. Des Morgens durften wir uns nicht einmal waschen; auch wir Kinder fasteten manchmal etliche Stunden und die Eltern lobten unsere Standhaftigkeit. Mit desto größerem Appetit fielen wir über das Essen her, als der halbe Tag vergangen war. Im Hause begann es auch wieder lebhafter zu werden, man räumte die Zimmer auf und in der Küche regte sich's wieder. Wir Kinder nahmen Spiel und Vergnügen auf. Eines dieser Spiele an einem Tischeb'aw blieb mir besonders in Erinnerung: Mein Bruder hatte schon einige Tage vorher mit einem Freunde gleichen Alters, dem jetzigen Doktor H. S. Neumark, verabredet, daß er an diesem Tage einige hundert Knaben aus der Stadt Chedunim zu meinem Bruder nach der Vorstadt Zamuchawicz bringen solle, mit denen die beiden diesen Tag entsprechend und würdig verbringen wollten.Sie beabsichtigten nämlich, zur Erinnerung an jene Schlacht, die vor ungefähr 2000 Jahren bei der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem stattgefunden, einen Kampf zu veranstalten. Die Jungen mußten ihre rotgefärbten Holzschwerter, wie sie an diesem Tage jeder jüdische Knabe besaß, mitbringen. Als Waffen dienten auch Pfeil und Bogen, ein Knüttel, selbst eine Bauernpeitsche. Doch galt hier hauptsächlich die persönliche Tapferkeit mit der Faust. Mein Bruder und sein Freund wählten einen freien Platz, neben unserem Hause, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Die »Soldaten« kamen einzeln und in Scharen. Die Kampflustigen waren verschieden an Größe, Alter und Stand; doch wurden in diesem Heer derartige Kleinigkeiten nicht beachtet! Es wurden Generäle, Oberste und Offiziere eingesetzt, und die anderen bildeten sodann die Mannschaft — das Fußvolk; mein Bruder und sein Freund wurden zu Königen ernannt. Die Generäle erhielten Sternchen aus Papier und Eichenlaubblättern; über die Schulter quer fielen Schärpen aus blauem, rotem oder weißem Glanzpapier. Die Dreispitzhüte wurden aus dunkelblauem Zuckerhutpapier hergestellt, die von den Knaben Krepchen (Kreplach) genannt und mit Büschen aus Hahnenfedern geschmückt wurden. Der Oberste trug als Abzeichen Schnüre aus roten Beeren um die Schulter, und den Offizieren steckte man als Kokarde eine große, gelbe Kamille an den Schirm der Mütze. Die ganze Armee wurde in zwei gleiche Abteilungen geteilt und jeder König übernahm sein Heer und stellte die Soldaten in Reih' und Glied auf. Die Kleidung der Könige unterschied sich in auffälliger Weise von der der anderen Krieger; der eine König hatte ein grosses Handtuch, der zweite ein Laken quer über der Brust und beide trugen zahllose Orden, die auf dem Felde und auf den Wiesen gepflückt waren: Sonnenblumen,weiße, gelbe und rote Blüten in allen Größen. Und um die königlichen Häupter waren große Kränze aus Hanfzweigen gewunden. Zwischen beiden Armeen wurde ein Kordon gezogen, und nun sollte das Zeichen zum Angriff gegeben werden. Doch wer sollte mit dem Angriff beginnen? So schrie man denn von der einen Seite herüber: »Scheli, scheli, scheloch!« (Schick' Dein Volk heraus!) Darauf erwiderte man: »Mein Volk ist krank.« Nun näherte sich aus diesem Heere ein Krieger dem König des ersten Heeres, ergriff dessen Hand und sagte, den Zeigefinger erhebend: »Der Malach (Engel) hat dir drei Plätze geschickt — siehst du Feuer? Siehst du Wasser? Siehst du den Himmel?« Der König mußte bei der letzten Frage zum Himmel hinaufsehen, indeß der Bote entfliehen und den Kordon überschreiten mußte, wenn er nicht gefangen genommen werden sollte. War es ihm aber geglückt, den Kordon rechtzeitig zu überschreiten, so hatte sein Volk den Vorzug, den Kampf zuerst beginnen zu dürfen. Nun fing man mit Schwert und Pfeil und Bogen an; da diese Waffen aber bei dem ersten Zusammenprall zerbrachen, waren die Soldaten auf ihre Fäuste angewiesen.

Eine Viertelstunde mochte der Kampf bereits gedauert haben, aber noch war der Sieg nicht entschieden. Das Heulen und Schreien jedoch wuchs entsetzlich an. Da schwenkte einer der Könige ein weißes Taschentuch auf einem weißen Stock und schrie laut: »Genug! Stillstehen! Nicht mehr schlagen!« Die zügellosen Jungen hörten aber nicht darauf und fuhren fort, die Schädel und Rücken der Schwächeren zu bearbeiten, bis sie durch Hiebe ermahnt werden mußten, das fast zum Ernst gewordene Spiel abzubrechen. Die meisten zogen mit Ehrenzeichen, wie blaugeschlagene Augen, blutende Nasen, verwundeteBeine, vom Kriegsschauplatz ab. Die Könige trösteten die braven Helden, und wir Mädchen, die der Schlacht zusahen, brachten von Hause frisches Wasser, Handtücher, Tischtücher und erfüllten das Amt der barmherzigen Schwestern, indem wir den Verwundeten die blutenden Stellen wuschen und trockneten. Nachdem die Ruhe einigermaßen hergestellt war, fingen die Heerführer an, den Triumphzug vorzubereiten. Wir wurden aufs Neue ins Haus geschickt, um die nötigen Requisiten zu holen, wie ein großes Messingbecken, das Messingtablett des Samowars und einige Kupferkasserollen. Die Soldaten hatten mit Papier überzogene Kämme, die als Blasinstrumente verwendet werden sollten und hölzerne kleine Pfeifen. Die ganze Armee wurde wieder auf dem Platz gesammelt und geordnet. Zwar konnte sich mancher Soldat nur mit Mühe auf den Beinen halten, allein an dem feierlichen Akt, der nun folgen sollte, wollte jeder teilnehmen. Nun wählte man unter den Soldaten einige aus, welche die von uns zusammengetragenen Geräte als Musikinstrumente zu behandeln verstanden. Die Könige nahmen eine würdevolle Haltung an, als sie mit überlautem Hurrah! begrüßt wurden und mit ihren bekränzten Häuptern den Dank nickten. Der Zug setzte sich in Bewegung. Das Messingbecken, von einer mächtigen Faust geschlagen, machte betäubenden Lärm. Die beiden kräftig aneinandergeschlagenen Kasserollen dröhnten. Die schrillen Töne der Pfeifen klangen wie ein schwacher Protest gegen diesen Lärm und das Getute auf den mit Papier überzogenen Kämmen ergänzte diese seltsame Musik. Auch die Stimmen der Soldaten taten ihr Möglichstes: Sie sangen einen Zapfenstreichmarsch mit wilder Kraft. Unter diesen Musikklängen bewegte sich der Triumphzug langsam vorwärts. In der Haltung derKönige lag etwas Imposantes, das sie mit Recht zu Herrschern unter diesen Knaben machte. Wir Mädchen begleiteten den Zug mit Händeklatschen und waren von dem ganzen Schauspiel entzückt. Man marschierte an dem Garten entlang, bei unserem Hause vorbei. Dann lösten sich die Truppen auf, und ein jeder Krieger ging mit Stolz von dannen. Auch die Könige verabschiedeten sich mit huldreichen Worten, zufrieden mit dem Gelingen des Unternehmens, das lange das Gespräch in der ganzen Stadt bildete. Trotz der blutigen Köpfe freuten sich unsere Eltern über die Sitte der kriegerischen Spiele sehr.

Die jüdische Sitte hat, wie es scheint, das Bestreben, jeden Trauer- oder Fasttag durch einen darauffolgenden Freudentag auszugleichen. So folgt auf Tischeb'aw bald Schabbes-Nachmu, d. i. der trostreiche Sabbath: Gott tröstet sein Volk und verspricht ihm durch den Mund des Propheten die Wiederaufrichtung des Tempels, der sich noch herrlicher als zuvor erheben soll und verjüngt wird die Mutterstadt Jerusalem aus ihren Trümmern erstehen. An diese Verheißung glaubten meine Eltern unerschütterlich fest. Sie hatten noch ihre Illusionen und Hoffnungen, die sie vor Verzweiflung schützten und ihnen die Kraft verliehen, die Leiden der Gegenwart zu tragen. Gehörte doch zu jener Zeit ein Selbstmord unter den Juden zu den größten Seltenheiten, weil sie in dem Glauben an Gottes Wort und an das Jenseits Trost für alles irdische Leiden fanden. Dieser starke Glaube lebt auch in einem kleinen Liede, das uns unsere fromme, kluge, gütige Mutter lehrte.

Es lautete ungefähr:

Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!Dem winzigsten Volke gehört er ja an,Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!Eins aber sagt ihm immer sein Herz:Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!

Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!Dem winzigsten Volke gehört er ja an,Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!Eins aber sagt ihm immer sein Herz:Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!

Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!

Dem winzigsten Volke gehört er ja an,Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.

Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!

Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!

Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!

Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!

Eins aber sagt ihm immer sein Herz:Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!

Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch in polnischer und althebräischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der jüdischen Forscher in Rußland haben die Juden in Rußland nur Russisch mit Hebräisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung stützt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von Saul Günzburg in Petersburg herausgegeben wurden.

Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische Anspielung klar, daß die Juden für die Sünden ihrer Vorfahren leiden, aber von Gott die Verheißung erhalten haben, daß er sie wieder aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, daß sich diese Verheißung auch gewiß einst erfüllen müsse. Erst im reiferen Alter begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiosität und die aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhängendenArmen versonnen dastand, und wie sie, entrückt, allen kleinen, irdischen Dingen, das leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber in ihren Zügen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewußtsein der Sündhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade des Herrn.

Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jüdische Leben, und man beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschließungen und sonstige Vergnügungen verboten waren, wettzumachen, und die Töchter oder die Söhne so rasch wie möglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte man nicht zögern, denn dem Monat der Fröhlichkeit folgte schon Rosch Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch täglich nach dem Frühmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr begangenen Sünden. Fasten, Kasteiungen und die heißen Gebete zum Schöpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke wurden geübt. In den meisten jüdischen Häusern waren damals an irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nähe der M'susaus im Eßzimmer, Sammelbüchsen aus Blech mit Deckelverschluß angebracht. Die eine dieser Büchsen hieß die »Erez Jisroel Puschke«. Die darin gesammelten Münzen waren für die talmudischen Schulen in Palästina und für alte Leute in Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem heiligen Boden zu sterben und in palästinensischer Erde begraben zu werden. Schrieb man doch dieser die Kraftzu, die in ihr ruhenden Toten vor der Verwesung zu bewahren, so daß sie sich bei der Ankunft des Messias in voller Frische aus ihren Gräbern erheben würden. Im Vertrauen auf die der palästinensischen Erde innewohnende Kraft ließen sich in Europa lebende fromme Juden Säckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre Gräber streuen zu lassen. — Pflicht der jüdischen Gemeinden war es jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Büchse, der alljährlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rüstiger Mann mit dunklem, sonnengebräuntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel von Palästina zu erzählen, und wir lauschten diesen fremdartigen Erzählungen wie einem Märchen.

Die zweite Büchse war die »Reb Meier Balhaness-(Wundertäter) Puschke«. Wenn jemand ein Unglück drohte, bei Krankheitsfällen oder sonstigen Gefahren, spendete man in diese Büchse eine Summe in Höhe von 18 Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermögen und Anlaß; jedenfalls mußte die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in hebräischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet.

Uns Kindern gingen die schweren Tage der Buße nicht sehr nah, im Gegenteil, wir freuten uns der schönen Herbstzeit mit dem reifen Obst, das wir in großen Mengen vertilgten. Eine Schürze voller Früchte bekamen wir für einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte, und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei uns im Garten waren die Früchte gereift und harrtenhier der pflückenden Hand, der naschenden Mäuler. Die Baumzweige hingen zum Brechen voll und das Gemüse stand hoch in prächtigen Farben. Der Kohl wurde reif. Meine älteste Schwester verstand es trefflich, aus dem Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ruß geschwärzten Holzsplitter an die Spitze, so daß es wie ein Licht aussah. Spät vor Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anzünden bald der Köchin, bald dem Diener. Der Holzsplitter fing für einen Moment zwar Feuer, verlosch jedoch bald, worüber die besagte Person sich ärgerte. Wir Kinder sahen von der Ferne zu, kicherten und freuten uns über den gelungenen Spaß. Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich kühl. Die Tage wurden kürzer und trübe. Wir gingen nicht mehr so frühzeitig in den Cheder. Wir mußten oft im Chederraum spielen, weil uns häufig der Herbstregen von der Straße scheuchte.

Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen Geschwister wurden immer ernster, je näher der Monat Elul seinem Ende kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute, wurden die Bußgebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, daß man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um Mitternacht beginnen muß, um überhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet nennt sich Sechor bris.

Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen gebacken, Konfitüren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weißbrot wurde in Form von Kringelngebacken, was symbolisch das runde Jahr darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weiße Kleider, die nur am Neujahrsfest und am Versöhnungstage angelegt wurden. Am Vorabend wurden viele Kerzen angezündet, über die die Frauen den Segen sprachen; die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas Trauriges, ein gewisser Ernst über den Gemütern. Beim Abendgebet in der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, daß unser guter Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher Stimmung. Wir alle schütteten uns zuerst reichlich Wasser über die Hände, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und beteten still mit, während der Vater über die beiden großen Brote, die vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen. Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am nächsten Tage in aller Frühe ins Bethaus gehen zu können. Ich erinnere mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so früh aufstand. Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei Uhr mittags heim, erschöpft, aber in gehobener Stimmung — das war die Wirkung der für diesen Tag bestimmten Gebete — die erhabene Piutim-Poesie, die philosophischenBetrachtungen über das irdische, vergängliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht unseres einzigen Gottes, »der auf seinem Richterstuhl sitzt«, wie es in den Sprüchen heißt, »und Gerechtigkeit übt«.

»Er öffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im Gericht seinen Zorn unterdrückt, mit Huld und Milde sich als Richter schmückt. Er, der Sühnung aller Schuld gewährt, der seine Huld lässet walten. Er zürnt nur kurze Zeit und ist groß an Langmut. Er ist gütig dem Bösen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm bekehrt.«

Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ...

Das Nachmittagsschläfchen am ersten Neujahrstag unterließ man, denn an diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden. Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Fluß, wo man ein kurzes Gebet verrichtete und die Sünden gleichsam von sich abschüttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zündeten die Frauen wieder die Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen und machte über den Becher Wein Kidusch und Schechejone über eine Frucht (Segenspruch über eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewöhnlich hierzu eine Wasser- oder Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Früchte waren in unserer Gegend sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr frühgenommen wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nächsten Morgen frühzeitig in der Synagoge mit dem Beten beginnen zu können, das wieder bis nach ein Uhr währte. Der nächste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heißt. Alle fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so quälte man sich auch den dritten Tag. Darauf folgten die zehn Bußtage (Asseres jemei Tschuwe), die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Versöhnungstag) fallen, und mit dem heiligen Versöhnungstag ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichen.

Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur (des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird geschlachtet und gegessen.

Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit einem ganzen Packet Tchines — kleine Gebetbücher nur für Frauen in jüdisch-deutsch geschrieben — und einem ungeheuer großen Knäuel Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen,und sein Gemüt ist weicher. Meine Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze, stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom Dochtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum Jom-Kippur zu gebrauchen.

Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher Stimmung; man aß nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten. Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust schlagen, wobei die Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen. Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druckvon etwas Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Tränen, deren sich keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die Männer zogen ihre langen weißen Kittel über die Kleider. (Dieser weiße Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein Silberstoffgürtel und ein Silberstoffkäppchen vervollständigten die Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge; das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern, denen er die Hände aufs Haupt legte, flossen die Tränen reichlich die Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der Schwelle stehen — alle weinten und baten einander »Mauchel sein«, d. h. um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht, wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekränkt haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefühle adelte die Seelen und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewußtsein, daß Gott die Sünden vergeben werde, stärkte den Willen, nun ein neues, geläutertes Leben zu beginnen.

Alle Seelen der Großen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben, und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwärts gerichtet. Der eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die große Abrechnung mit den sündigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmütig reuevollen Stimmung der betenden Gemeinde jedeBeleidigung, die man einander während des ganzen Jahres angetan, zurückgenommen, jede Kränkung verziehen; auch den Andersgläubigen vergab man jede Beleidigung und Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Sünde befreien und erkannte an diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des Menschen in dem großen Weltall und dem Schöpfer gegenüber mit den Worten: »Wir Menschen sind in Gottes Händen wie Ton in des Töpfers Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles.«

Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns um die älteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andächtig neben ihr und wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten, und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden bereuten.

Um neun Uhr hieß sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums Herz, daß wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß solange, bis wir einschliefen.

Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster, den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am großen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen Ernst. Gott der Herrsitzt selbst zu Gericht über die Sünden der Menschen, die in einem Buch mit des Täters Hand verzeichnet sind. Hier aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Tränen der so bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel zittern und rufen: »Das ist der Tag des Gerichts!« Die große Posaune wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue, Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch? »Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras, das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der entschwindet.....«

Im Hause sah es bei uns trübe aus; die Fensterläden waren geschlossen, die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen noch da, in denen die Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten.

Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück, das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weißbrot bestand und zugleich unser Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und die schwere Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerung regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung gebracht, man deckte den Teetisch, zündete viele Kerzen an und bereitete einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je dunkler es draußen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar (Teemaschine)brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte unser Vater Awdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da erst setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich besetzt war. Ohne Rücksicht darauf, daß der Magen während 24 Stunden nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, füllte man ihn jetzt mit süßen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag für ein ganzes Jahr hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar übermütig und liebte die Einsamkeit, aber die drückende Stimmung des Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.

Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter, und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt, begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur Ruhe zu begeben, wiewohl man sich amnächsten Morgen schon mit dem ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt, die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der Satan könnte sonst zu Gott, dem Schöpfer sagen: »Sieh, Herr, du hast deinem Volk gestern die Sünden vergeben, und heute hat sich kein einziger eingefunden, dein Haus ist leer!«

Aber der Satan soll über das auserwählte Volk nicht triumphieren. Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur für kurze Zeit, da bloß ein Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um einen Essrog (Citronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen völlig fehlerfreien Essrog — einen sogenannten »Mibuder« zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je einen Essrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten, irdenen Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte, plauderte nach Herzenslust. Ich hörte oft sagen, daß in den vier Tagen vom Jom-Kippur bis Sukkothdie Sünden des Juden nicht unter Kontrolle stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.

Viele der Scherze galten den »Sogerkes«. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte es noch zu den Seltenheiten, daß im einfachen Volke eine jede Frau hebräisch zu beten verstand. Das Bedürfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen zu beten, war groß. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre Kenntnisse industrialisierten. Für eine kleine Belohnung beteten sie an den erwähnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In Ermangelung einer solchen Frau mußte jedoch in den kleineren, jüdischen Städtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in ein Faß kriechen und von diesem Schutzwall aus — von den Weibern umgeben — die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei oft komische Szenen, und für die Anekdotenbildung war das Faß ein unerschöpflicher Born....

Die Vorleserin nannte man »sogerke« und den Mann »soger«. Diese beiden mußten mitweinerlicherStimme die Gebete vorsprechen, um das umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhörerinnen befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die schwerhörig war. Sie bat die Vorleserin, sie möchte etwas lauter sprechen, dafür würde sie von ihr eine große Leber bekommen. Jene aber gab ihr mit tränender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.« Das umstehende, unwissende Weibervolk aber glaubte, daß diese Worte zum Gebet gehörten und alle riefen mit weinerlicher Stimme: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.«

Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieserWeiber nach Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge zurückkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. »Nu ... das Gebet von derLeber.« Die eine: »Im vorigen Jahre hat man doch so etwas nicht gesagt.« Die andere: »heint efscher, weil ein Schaltjahr ist!« ...

Uns Kindern bot sich in den nächsten Tagen eine Reihe schöner Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge.

Gleich nach dem Frühstück wurde die Laubhütte besichtigt, eine geräumige, längliche, hohe Laube mit großen Fenstern, die das ganze Jahr unbenützt blieb. Sie mußte daher erst gewaschen, geschmückt und wohnlich gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk.

Während der nächsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte, studierte nicht, und selbst das tägliche Beten wurde, wie mir scheint, zum großen Teil von den jungen Herren etwas vernachlässigt. Unseren Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da die Ferien für die jüdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von September bis Oktober) dauerten.

Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in die Laubhütte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des Vaters Leitung die Wände behängten. Man holte Spiegel, brachte die Möbel aus dem Eßzimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewänder an. Die Kerzen der großen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den jungen Frauen angezündet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes Gebet, worauf wir uns alle mit großem Behagen auf die Stühle um den Tischsetzten und die geschmückte Sukke (Laubhütte) bewunderten. Ihre bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grüne Tannendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen, funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte, verliehen dem Raum eine märchenhafte Pracht.

Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten unter ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, die alle reich geschmückt waren. Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim und es gab das köstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasröcken (Kaftans), den breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten, gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück Barches, die in Honig getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen eröffnet und mit Gemüse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche Abendluft zu kühl wurde, verließen die Sukke; einige blieben noch plaudernd sitzen.

Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen stehend, mit dem grünen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den LobgesangHallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der Synagoge machten.

Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurück, und nun kamen zum Festtag viele Gäste, denen man Wein und Süßigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen gingen spazieren. Aber keiner vergaß, daß man sich schon um fünf Uhr in der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mußte. Der zweite Tag unterschied sich fast gar nicht von dem ersten.

Die folgenden vier Tage sind die sogenannten Chaulhamauedtage (Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet ist. Doch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werkstätte geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin. Am fünften Tage, Hauschano rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer Volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen, dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich der Himmel teilen und öffnen, und der fromme, gottesfürchtige Jude kann seine Pracht sehen! Nur muß man schnell »Koll tow!« (Alles Gute!) ausrufen und jeder Wunsch geht dann in Erfüllung. — In dieser Nacht bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bündel vereinigt), die ein jeder während des Gebetes ergreift, und sie während der ganzen Betzeit in der Hand behält. Das hierfür bestimmte Hauschanegebet wird mit großer Andacht und unter Tränen verrichtet. Am Schlusse werden die Blätter der Weidenzweige abgeschlagen.

Das Weißbrot wird für diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die Volkssage erzählt, daß an diesem Tage im Himmel endgültig beschlossen wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und daß dieser Vogel zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurückbringt. Den siebenten Feiertag des Laubhüttenfestes nennt man Sch'mini hoazeres. Am Vorabend sind alle wieder festlich geschmückt. Am nächsten Morgen beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr früh. Man fleht den Himmel um Regen an in dem sogenannten Regengebet (geschem), einer gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlängert den Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die Synagogenbesucher.

Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag. Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränderlich, oft schon empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mußte Pelze anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder, hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es unsere Eltern, ihre Wünsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Möbel, Stück für Stück, in die Wohnung zurückgebracht, und die vor kurzem noch so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. —


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