Chapter 4

— Sie werden ja wohl froh sein um dich, da oben. Deine Arme sind doch ganz geblieben, und sie können Leute brauchen in der Fabrik.

Bogdán rümpfte die Nase.

— In der Ziegelei? — — frug er wegwerfend.

Der Bucklige lachte laut auf:

— Ziegelei? warum nicht gar. Wer braucht denn Ziegel im Krieg? Ziegelei gibt’s längst nicht mehr, mein Lieber. Da werden jetzt Granathülsen fabriziert. Siehst du die Waggons dort drüben? Das ist alles voll mit Granathülsen. Jeden Samstag geht ein ganzer Zug von hier ab.

Interessiert hörte Bogdán zu. Das war was Neues. Eine Änderung auf dem Gut, von der er noch nichts wußte.

— Siehst du, das ist alles so hübsch eingeteilt, — erzählte der andere weiter, und lächelte spöttisch, — der eine geht hinaus und läßt sich den Schädel kaput schlagen, der andere bleibt schön daheim, fabriziert Granathülsen, und tapeziert sein Schloß mit Tausendkronenscheinen. Mir kann’s ja recht sein. —

— Sollen wir vielleicht mit Erbsen schießen, he, oder mit der Luft? Ohne Granaten kannst keinen Krieg führen. Die sind genau so nötig wie die Soldaten. —

— Stimmt! Und weil die reichen Herren die Wahl haben, so lassen sie dich deinen Kopf hinaustragen. Was kriegst denn für dein Aug? Hundert Kronen im Jahr? Oder gar hundertfünfzig? Und die andern, die von den Raben gefressen werden, haben nicht einmal so viel vom Krieg. Der gnädige Herr da droben verdient aber jeden Tag seine paar Tausender, und riskiert nicht einmal seinen kleinen Finger dabei. So wär ich auch gern Patriot. Kannst es mir glauben! Anfangs hieß es ja natürlich, er ginge ins Feld. Ist auch großartig abgefahren. Aber drei Wochen später war er schon wieder da, mit Monteuren und Maschinen, und jetzt hält er schöne Reden, drinnen im Komitatshaus, schickt die andern sterben und ist auch noch der Hahn im Korb bei ihren Frauen. Stopft sich die Taschen voll, und tätschelt alle Mädel ab in der Fabrik. Ist ja der einzige richtige Mann weit und breit.

Unwillig, mit gerunzelter Stirne ließ Bogdán die Rede über sich ergehen. Nur der letzte Satz machte ihn stutzig. Er horchte auf, wurde unruhig, und kämpfte eine Weile heldenhaft gegen die Frage, die ihm auf den Lippen brannte. Dann konnte er endlich doch nicht mehr an sich halten und platzte heraus:

— Ist — — die Marcsa auch oben in der Fabrik?

In den Augen des Buckligen blitzte es auf:

— Die schöne Marcsa! Das glaub’ ich! Vorarbeiterin ist sie geworden. Man sagt zwar, daß sie noch nie eine Hülse in der Hand gehabt hat, — dafür haben aber die Hände des gnädigen Herrn — — —

Mit einem kurzen, heiseren Krächzen fuhr ihm Johann Bogdán an die Gurgel, preßte ihm den Adamsapfel in die Kehle hinein, hielt ihn fest in unbarmherziger Umklammerung, bis er, um sich schlagend, mit angstvoll hervorquellenden Augen, glucksend und blau im Gesicht hinschlug, und röchelnd liegen blieb. Dann kramte Bogdán eilig sein Zeug zusammen und marschierte los, weit ausgreifend, mit riesigen Schritten, als könnte er was versäumen oben im Schloß.

Keinen Blick warf er mehr auf den buckligen Mihály, wandte sich kein einzigesmal um, zog ruhig weiter, und fühlte noch lange die warme Kehle in seiner Hand.

Was war ihm denn ein Mensch, der röchelnd auf der Straße lag? Ein Mensch mehr oder weniger! — An Tausenden war er so vorbeigezogen, in der schaukelnden Gleichmäßigkeit der marschierenden Kolonne, stumpfsinnig vor Müdigkeit, ohne daran zu denken, daß die dichtgesäten, grauen Flecke in den Wiesen, die Klumpen, die, wie Dunghaufen im Frühjahr, auf Schritt und Tritt die Straße säumten, Menschen waren, die der Tod hingelegt. Gewatet waren sie in Toten, dort bei Kielce, als es über das Feld ging, wo aus jeder Furche erdgraue Hände in die Luft krallten, blutgetränkte Hosenbeine und verzerrte Gesichter aus dem Boden wuchsen, als krabbelten alle Toten aus den Gräbern zum jüngsten Gericht. Gestolpert waren sie damals über Leichen; dem dicken, kleinen Reserveleutnant war es sogar totenübel geworden, zur großen Belustigung seines Zuges, weil ein schon halbverfaulter Russe, dem er versehentlich auf die Brust getreten, unter ihm einbrach, so daß er den Fuß kaum wieder frei bekam aus dem verpesteten Loch. Lächelnd erinnerte sich Johann Bogdán an die boshaften Scherze der Kompagnie über den leichenblassen Offizier, der, an einen Baum gelehnt, den heiligen Ulrich anrief, wie einer, der tüchtig über den Durst getrunken hat.

Glühend leuchtete die Landstraße in der Mittagsonne. Im Dorf schlug die Turmuhr zwölf; drüben vom Hügel ertönte, wie als Antwort, das tiefe Summen der Fabrikspfeife, und ein weißes Wölkchen stieg über die Baumwipfel. Bogdán beschleunigte seine Schritte, lief mehr, als er ging, ohne sich um die Schweißtropfen zu scheren, die ihm kitzelnd über den Nacken perlten. Fast ein volles Jahr lang hatte er Spitalsluft geatmet, nur Dächer und Mauern gesehen und Lysol und Jodoform gerochen. Wollüstig zog seine Lunge den Duft der blühenden Wiesen ein, und seine Sohlen klatschten kräftig auf die Straße, als marschierte er wieder in Reih und Glied. Seit dem Tage seiner Verwundung war dies sein erster Gang; die erste Landstraße seit den wilden Gefechtsmärschen im Russischen. Zuweilen schien es ihm, als hörte er die Kanonen rollen. Der kurze Kampf mit dem buckligen Lumpen hatte sein Blut in Wallung gebracht; und seine Kriegserinnerungen, von der öden Eintönigkeit des Lazarettlebens, wie von einer dichten Staubschichte überdeckt, wirbelten jäh wieder auf.

Fast reute es ihn, den verdammten Hallunken zu früh freigegeben zu haben! Eine Minute länger, — und er hätte sein Lästermaul nie wieder aufgetan. Hätte den Kopf erschöpft zur Seite gelegt, mit auseinandergespreizten Fingern noch einmal sehnsüchtig die Luft umarmt, und wäre dann blitzschnell zusammengeschrumpft, genau wie der struppige, dicke Russe, mit den großen, blauen Augen, der als erster, mit einem schönen Gruß vom Johann Bogdán, beim heiligen Petrus vorsprach. Dem hatte er die Kehle nicht mehr locker gegeben, ehe er das Gezappel nicht ganz sein ließ! Mausetot hatte er den gewürgt. Und war doch ein ganz possierlicher Kerl gewesen, lange nicht so widerlich, wie dieser bucklige Schuft. Aber freilich, er war der erste Feind, den er zu packen bekommen; sein allererster Ruß! Eine stattliche Reihe war gefolgt, aber erwürgt hatte er nur diesen einen. Mit dem Kolben niedergeschmettert, mit dem Bajonett erstochen, mit den Stiefeln zertrampelt sogar, den Hallunken, der ihm seinen liebsten Kameraden vor den Augen niederschlug. Aber erwürgt hatte er keinen mehr. Darum war ihm der kleine Dicke so in der Erinnerung geblieben! Von den andern wußte er nichts mehr. Sah nur einen Knäuel von graugrünen Uniformen, und das Knirschen, Stampfen, Röcheln und Fluchen des Handgemenges klang ihm wirr ins Ohr, wenn er an seine Heldentaten dachte. Wie viele er wohl so ins Jenseits geschickt? Der liebe Gott mochte sie gezählt haben. Er selbst hatte genug damit zu schaffen, sich die Kerle vom Leibe zu halten. Wer sich da erst lange umschauen wollte, wäre die längste Zeit neugierig gewesen.

Und doch! Da war noch ein zweites Gesicht, das er sich auch genau gemerkt hatte. So ein großer, hagerer Kerl, lang wie eine Hopfenstange, mit großen, gelben Hauern im Mund, die er wie ein Eber fletschte. Ja, an den erinnerte er sich noch, als wär’s erst gestern gewesen. Er sah ihn stehen, halb schon an die Wand gepreßt, das Gewehr über dem Kopfe schwingend. Noch ein Augenblick, und der Kolben wäre niedergesaust! Aber um dem Bogdán zuvorzukommen, dazu war so ein schläfriger Ruß noch lange nicht der rechte. Ehe er noch zuschlagen konnte, hatte er das Bajonett schon zwischen den Rippen, fiel hintenüber auf sein Gewehr. Durch und durch war ihm das Bajonett gegangen, hinter ihm noch in die Wand gefahren, auf ein Haar wäre es abgebrochen. Das passierte aber kein zweitesmal! Das war nur geschehen, weil er zu stark zugestoßen hatte, mit zusammengebissenen Zähnen, die Finger krampfig um den Schaft gekrallt, aus voller Kraft, als gälte es Eisen zu zerschneiden. Er hatte eben noch nicht gewußt, daß es gar nicht so schwer war, einen Menschen niederzumachen; war auf weiß Gott was für einen Widerstand gefaßt gewesen, und entsann sich ganz genau, daß ihm der Mund offen stehen geblieben war vor Erstaunen, wie das Bajonett so glatt hineinfuhr in den langen Kerl, als hätte er in Butter gestochen. Wer das noch nie probiert hat, denkt, der Mensch wäre ganz aus Knochen, holt weit aus, und kann nachher schauen, wie er sein Gewehr wieder frei kriegt, ehe einer von den struppigen Teufeln seine Wehrlosigkeit ausnützt. Ganz leicht mußte man ansetzen, mit einem kurzen, ruckartigen Stoß, dann lief das Ding ganz von selbst hinein, wie ein gutes Pferd, — man hatte ordentlich Mühe, es zurückzuhalten. Das wichtigste war: den Feind nicht aus dem Auge zu lassen! Nicht aufs Bajonett durfte man starren, nicht dorthin, wohin man stechen wollte. Immer dem Gegner ins Aug, um seine Parade rechtzeitig erraten zu können. Aus den Gesichtszügen mußte man den richtigen Augenblick zum Zurückweichen abpassen. Sie machten es ja alle ganz gleich: alle aufs Haar so wie der Erste, der lange, wilde Kerl mit den gefletschten Zähnen. Mit einemmal wurde ihr Gesicht ganz glatt, als hätte das kalte Eisen im Leib ihre ganze Wut abgekühlt, rissen erstaunt die Augen auf und blickten zum Feind hinüber, als wollten sie vorwurfsvoll die Frage an ihn richten: „Was machst du denn?“ Dann griffen sie gewöhnlich ins Bajonett hinein, zerschnitten sich überflüssigerweise noch die Hände, ehe sie hinfielen. Wer da nicht genau Bescheid wußte, die Waffe nicht rechtzeitig anhielt und schnell aus der Wunde herauszog, in dem Moment, da er die Augen groß werden sah, wurde mit umgerissen, oder bekam von irgendwoher einen Kolbenschlag über den Kopf, lange ehe es ihm gelang loszukommen. Alles das hatte Johann Bogdán gar oft besprochen mit den Kameraden, wenn nach harten Gefechten Kritik geübt wurde an den Gefallenen, die sich dumm gestellt, und ihre Ungeschicklichkeit mit dem Leben bezahlt hatten.

Mit Riesenschritten vorwärts eilend auf dem wohlbekannten Wege hügelan zum Schloß, war er jetzt gleichsam untergetaucht in seinen Erinnerungen. Seine Beine liefen von selbst, wie Pferde auf dem Heimweg. Er passierte das offene Gittertor, und ging schon auf gekiesten Wegen, den Kopf auf der Brust, ohne zu ahnen, daß er angekommen war.

Pferdewiehern riß ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr auf und blieb stehen, von tiefer Rührung gepackt, als er, wenige Schritte weit, das Stallgebäude erblickte, und drinnen, im Dämmerlicht, schimmernd hell die Krupp seines geliebten Schimmels. Schon wollte er abschwenken, auf die Stalltüre zu; da tauchte, weit unten, am anderen Ende des großen Platzes, ein Frauenzimmer auf. Es kam von der Ziegelei her, ein rotgetupftes, seidenes Tuch auf dem Kopfe, die pralle Büste hochaufgerichtet, mit einem herausfordernden Wiegen in den Hüften, daß die weiten Röcke wie reife Halme wogten.

Johann Bogdán stand starr, als hätte ihn jemand vor die Brust gestoßen. Das war die Marcsa! So ging kein zweites Mädel im ganzen Komitat. Er warf sein Gepäck auf die Erde und stürmte los.

— Marcsa! Marcsa! — klang es schmetternd hell über den weiten Hof.

Das Mädel wandte sich um und ließ ihn herankommen, neugierig, mit zusammengekniffenen Augen. Drei Schritt weit blieb Bogdán stehen.

— Marcsa! — wiederholte er flüsternd, den Blick angstvoll auf ihr Gesicht geheftet. Er sah sie blaß werden, kreideweiß; sah ihre Augen unruhig hin und her hüpfen, von seiner linken Wange zur rechten hinüber und wieder zurück. Dann kam ein Grauen in ihre Augen, sie schlug die Hände vor’s Gesicht und lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen.

Tief traurig starrte ihr Bogdán nach. Genau so hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt; so, und nicht anders, seit die Bahnwärtersfrau, das Nachbarskind, ihn nicht erkannt. Nur daß sie davonlief, wurmte ihn! Das hatte sie nicht nötig. Johann Bogdán war nicht der Mann, der einem Frauenzimmer Gewalt antat. Gefiel er ihr nicht mehr, so wie er geworden war, nun dann konnte sie sich einen Anderen suchen, und er würde schon auch noch Eine finden, darum war ihm nicht bange. Das wollte er ihr auch sagen.

In großen Sätzen sprang er ihr nach, erwischte sie bei der Hand, als sie nur mehr wenige Schritte vom Maschinenhaus trennten.

— Warum laufst du davon? — knurrte er sie an, atemlos. — Brauchst nur zu sagen, wenn du mich nicht mehr willst. Meinst ich freß’ dich auf? . . .

Sie starrte ihn an, forschend, — unsicher. Fast tat sie ihm leid, so arg zitterte ihr ganzer Körper.

— Wie siehst du aus? — hörte er sie stammeln, und wurde rot vor Zorn.

— Hab’s dir ja schreiben lassen, daß mich eine Granate erwischt hat, hast gemeint ich bin schöner geworden? Sag’s nur grad raus, wenn du mich nicht mehr willst. Reinen Wein will ich haben! Ja, oder nein? Ich werde dich nicht zwingen zum heiraten. Sag’s nur gleich: ja oder nein!

Marcsa schwieg. Es war irgend etwas in seinem Gesicht, in seinem einzigen Auge, das ihr den Atem nahm, wie mit kalten Fingern in ihren Eingeweiden wühlte. Sie schlug die Augen nieder und stotterte:

— Du hast ja noch gar keine Stellung. Wie können wir heiraten? . . . . Mußt erst den gnädigen Herrn fragen ob er . . . .

Johann Bogdán war’s, als fiele ein roter Vorhang, aus Feuer gewoben, vor seine Augen. Der Herr? . . . . Was sprach sie vom Herrn? . . . . Er dachte an den Buckligen, und fühlte mit einem Schlag, daß der Hallunke nicht gelogen hatte. Wie eine glühende Zange umklammerten seine Finger ihr Handgelenk, daß sie aufschrie vor Schmerz.

— Der Herr? — . . . . brüllte Bogdán, — was hat der gnädige Herr zwischen dir und mir zu suchen? Ja oder nein? Antwort will ich! Der Herr hat da nichts zu schaffen, zwischen uns.

Marcsa richtete sich auf. Mit einemmal kam eine merkwürdige Sicherheit über sie. Ihre Wangen bekamen wieder Farbe, ihre Augen funkelten stolz. Hochmütig, wie er sie immer gekannt, stand sie da, den Kopf herausfordernd in den Nacken geworfen.

Bogdán sah die Änderung, sah, daß ihr Blick über seine Schultern hinwegging, ließ sie fahren, und wandte sich blitzschnell um. Es war so, wie er sich’s gedacht hatte: aus dem Maschinenhause trat soeben der gnädige Herr, gefolgt vom alten Tóth, seinem Waldhüter. Wie eine Katze war die Marcsa vorbeigehuscht, stürzte zum Herrn hin, beugte sich nieder und küßte ihm die Hand.

Bogdán sah sie herankommen, zu dritt, senkte den Kopf, wie ein Widder zum Angriff. Eine entschlossene, kalte Ruhe stieg langsam in ihm hoch, wie im Schützengraben, wenn der Hornist zum Angriff blies. Er fühlte die Hand des gnädigen Herrn seine Schulter berühren, und wich einen Schritt zurück. Was sollte das alles? Der Herr sprach von Tapferkeit und Vaterland, lauter überflüssiges Zeug, das nichts mit der Marcsa zu schaffen hatte! Er ließ ihn sprechen, ließ die Worte auf sich niederprasseln, wie Regen, ohne sich um ihren Sinn zu kümmern. Sein Blick irrte unruhig hin und her, vom Herrn zur Marcsa und zum Waldhüter, bis er an etwas Glänzendem neugierig haften blieb.

Es war der vernickelte Knauf am Hirschfänger, den der alte Waldhüter an seiner Seite trug, der funkelnd die Sonne spiegelte.

— Wie ein Bajonett, — — dachte Bogdán; und der Einfall durchzuckte ihn, das Ding aus der Scheide zu reißen, und dem Luder, der Marcsa in den Leib zu rennen, bis zum Heft. Aber ihre runden Hüften, die bauschigen, bunten Röcke machten ihn irre. Mit Weibern hatte er im Krieg nie zu schaffen gehabt. Er konnte sich’s nicht recht vorstellen, wie das wäre, wenn man da hineinstieße. Sein Blick glitt auf den Herrn zurück, und nun bemerkte er, daß er ihn in Harnisch gebracht hatte, mit seinem verstockten, trotzigen Schweigen.

— Er fletscht die Zähne, — fiel ihm ein, — genau wie der lange Ruß! — Und er lächelte fast bei der Vorstellung, wie auch der gnädige Herr gleich ein glattes Gesicht bekäme, und erstaunt, fragende Augen. Sprach er da nicht gerade von der Marcsa? Was ging ihn die an?

Trotzig richtete sich Bogdán auf.

— Mit der Marcsa ordne ich mir meine Angelegenheit schon selbst, gnädiger Herr. Das ist eine Sache zwischen ihr und mir, — sagte er heiser, und sah dem Herrn fest ins Gesicht. Der hatte noch seinen Schnurrbart! Rechts und links ganz gleich, und fein hochgezwirbelt. Wie hatte der Bucklige gesagt? „Der Eine geht hinaus und laßt sich den Kopf kaputschlagen.“ — Er war eigentlich gar nicht so dumm, der Bucklige.

Nun wurde der Herr ganz zornig. Bogdán ließ ihn schreien, und starrte, wie hypnotisiert, auf den glänzenden Knauf hinüber. Erst als immer wieder der Name „Marcsa“ an sein Ohr schlug, wurde er wieder aufmerksam.

— Die Marcsa steht jetzt in meinem Dienst — hörte er den Herrn sagen, — Du weißt, ich kann dich gut leiden, Bogdán; ich will dich auch wieder bei den Pferden beschäftigen, wenn dir darum zu tun ist. Aber die Marcsa läßt du mir in Ruhe. Rauferein dulde ich nicht! Will sie dich noch heiraten, so ist’s mir sehr recht. Will sie aber nicht, dann läßt du sie zufrieden! Hör’ ich noch einmal, daß du ihr weh getan hast, dann jag’ ich dich zum Teufel, verstehst du mich?

Schäumend vor Wut legte Bogdán los:

— Zum Teufel? — schrie er biemend. — Der gnädige Herr will mich zum Teufel jagen? Gehen der gnädige Herr doch erst selber hinaus! Ich war schon beim Teufel! Ich bin acht Monate draußen gelegen in der Hölle. Da ist mein Gesicht, da können der gnädige Herr sehen, daß ich aus der Hölle komme. Hier den Beschützer spielen, sich die Taschen vollpfropfen, und die anderen sterben schicken, das ist bequem. Wer sich zu Hause herumdrückt, der sollte nicht andere zum Teufel schicken, die schon für ihn in der Hölle gewesen sind!

So maßlos war seine Wut, daß er wie der bucklige Sozi sprach, ohne sich zu schämen. Sprungbereit stand er da, mit straff gespannten Muskeln, wie ein wildes Tier. Er sah den Herrn mit verzerrtem Gesicht auf sich losstürzen, den Reitstock durch die Lust flitzen, — sah ihn auch niedersausen, aber den Schlag, der hart und scharf seinen Rücken traf, fühlte er nicht mehr.

Mit einem Satz riß er den Hirschfänger aus der Scheide, und stieß ihn dem Herrn zwischen die Rippen. Nicht etwa weit ausholend, daß ihm jemand noch hätte in den Arm fallen können. Oh nein! Ganz leicht, von unten her, mit einem kurzen Ruck, genau wie er es im Felde erlernt hatte. Der Hirschfänger war nicht schlechter als sein Bajonett; er lief nur so ins Fleisch hinein.

Dann kam alles genau wie immer. Johann Bogdán stand mit vorgepralltem Kinn, sah das zornentstellte Gesicht des gnädigen Herrn jäh sich glätten, ganz weich und ruhig werden, wie ausgebügelt. Er sah seine Augen sich weiten, — sah ihn erstaunt herüberschauen, genau wie ein getroffener Ruß, — mit der vorwurfsvollen Frage im Blick: „Was machst du denn?“ Nur das Niedersinken konnte er nicht mehr sehen, denn ein mächtiger Schlag traf ihn von irgendwoher auf den Hinterkopf, krachend, als stürzte aus unendlicher Höhe ein Wasserfall zermalmend auf ihn herab. Eine Sekunde lang sah er noch das Gesicht der Marcsa, umrahmt von einem flammenden Rad, dann fiel er mit gespaltenem Schädel auf seinen Herrn, der schon zuckend auf der Erde lag.


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