Chapter 46

Taboriten, Partei der Hussiten (s. d.), welche sich nach der Hussitenfeste Tabor (Kotnow) benannte und in politischer wie religiöser Hinsicht radikale Tendenzen verfolgte, selbst aber wieder in zahlreiche Sekten zerfiel. Gemeinsame Forderungen derselben waren die Anerkennung der individuellen Überzeugung auf Grund der Heiligen Schrift und eine republikanische Verfassung ohne Unterschied der Stände u. des Eigentums. Ausartungen waren die Adamiten (s. d.) und Picarden (s. d.). Der niedere Adel, die Bürgerschaft der Städte und die Masse des Landvolkes schlossen sich meist den T. an. Ihre Führer waren Nikolaus von Pistna (Hus) und Ziska, dann die beiden Prokope. Im Kampf gegen die deutschen Kreuzheere zeigten sie sich tapfer und unüberwindlich; war die Gefahr vorbei, so wandte sich ihr Haß gegen die Gemäßigten (Kalixtiner), und sie verheerten Böhmen und die Nachbarländer durch Plünderungszüge, bis sie durch die gemäßigte Partei in der Schlacht bei Böhmisch-Brod 30. Mai 1434 vernichtet wurden. Vgl. Krummel, Utraquisten und T. (in der "Zeitschrift für historische Theologie" 1871); Preger, über das Verhältnis der T. zu den Waldesiern (Münch. 1887).

Täbris, Stadt, s. Tebriz.

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Tabu - Tachometer.

Tabu(Tapu), nach einem aus der Sprache der Südseeinsulaner herrührenden Wort s. v. w. unverletzlich. So gelten bei Naturvölkern die Person des Häuptlings, Begräbnisplätze, Kultstätten etc. an sich als t.; aber man wußte auch jede beliebige andre Örtlichkeit, einen Baum, verlassene Wohnungen, ja ein einzelnes Besitzstück, vor Annäherung, Berührung oder Wegnahme zu schützen, indem man sie mit einem einfachen Faden, in den unter bestimmten Zeremonien einige Knoten mit oder ohne Fetische eingeknüpft worden waren, umgrenzte oder umband (s. Knotenknüpfen). Die Rassenangehörigen waren überzeugt, daß bei Verletzung dieses Fadens alle Übel, die der Knotenschürzer hineingeknüpft hatte, unfehlbar auf sie fallen würden, und so ersetzte der Aberglaube die noch unausgebildete Sicherheitspolizei bei den verschiedensten Naturvölkern, denn unter verschiedenen Formen findet oder fand sich das T. in allen Erdteilen.

tabula Amalphitana. s. Amalfi.

tabula rasa(lat.), eigentlich abgekratzte, leere Schreibtafel, auf welcher das mit dem Griffel in den Wachsüberzug derselben Eingegrabene durch Umkehrung des Griffels wieder vertilgt worden; daher sprichwörtlich T. r. machen, s. v. w. alles aufzehren, aufarbeiten, vollständig beseitigen.

Tabularium(lat.), öffentliches Archiv.

Tabulat(lat.), gedielter Gang in Klöstern etc.

Tabulatur(v. lat. tabula, Tafel), eine seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts veraltete Tonschrift, welche sich der Liniensysteme und Notenköpfe nicht bediente, sondern die Töne nur durch Buchstaben oder Zahlen bezeichnete. Da unsre Notenschrift auf Linien nur eine abgekürzte Buchstabentonschrift ist (der Baßschlüssel ist ein unkenntlich gewordenes F, der Altschlüssel ein c, der Violinschlüssel ein g), so ist es nicht verwunderlich, daß die Buchstabentonschrift von A-G älter ist als unser Notensystem; ihr Ursprung reicht mindestens bis ins 10. Jahrh. zurück, wenn auch bestimmt nicht bis zu Gregor d. Gr., wie man früher annahm (vgl. Buchstabentonschrift). Speziell für die Orgel und für das Klavier war diese sogen. deutsche oder Orgeltabulatur besonders im 15. und 16. Jahrh. in Deutschland allgemein üblich; für andre Instrumente, besonders die Laute (s. d.), hatte man in verschiedenen Ländern verschiedene eigne Buchstaben- oder Zifferntabulaturen, welche sich aber auf die Griffe bezogen und je nach Stimmung des Instruments verschiedene Tonbedeutung hatten. Das Gemeinsame aller Tabulaturen ist eine eigentümliche Bezeichnung der rhythmischen Werte der Töne durch über die Buchstaben, resp. Zahlen gesetzte Marken, nämlich: einen Punkt [....] für die Brevis, einen Strich | für die Semibrevis, eine Fahne [...] (Häkchen) für die Minima, eine Doppelfahne [...] für die Semiminima, eine Tripelfahne für die Fusa und eine Quadrupelfahne für die Semifusa. Dieselben Zeichen über einem Strich, [...], [...] etc., galten als Pausen. Später (im 17. Jahrh.) entspricht aber der Strich | unserm Viertel, [...] dem Achtel, d. h. die moderne Schreibweise in den kurzen Notenwerten ist von den Tabulaturen her übernommen worden. Da die Tabulaturen schon im 16. Jahrh. statt der Fähnchen bei mehreren einander folgenden Minimen etc. die gemeinsame Querstrichelung anwandten, welche die Mensuralnotenschrift erst zu Anfang des 18. Jahrh. bekam, z. B. [...] und den Taktstrich durchweg gebrauchten, so sehen jene Tabulaturen unsrer heutigen Notierung in mancher Beziehung ähnlicher als die Mensuralnotationen, besonders wenn sie, was auch vorkam, den Melodiepart auf ein Fünfliniensystem mittels schwarzer Notenköpfe aufzeichneten, mit denen die rhythmischen Wertzeichen verbunden wurden. Zahlreiche Druckwerke in Orgeltabulatur sind auf uns gekommen (von Virdung, Agricola, Paix, Amerbach, Bernh. Schmid, Woltz u. a.). - Über die T. der Meistersänger s. Meistergesang.

Tabulett(lat.), Kasten aus dünnen Brettern, worin wandernde Krämer (Tabulettkrämer, Reffkrämer) ihre Waren herumtragen.

Tabun(russ.), die in den russischen Steppen und Feldern weidenden Pferdeherden.

Taburett(franz. Tabouret), Polstersessel, niedriger Stuhl ohne Arm- und Rücklehne.

Tacamahaca, s. Calophyllum.

Tacchini(spr. tackini), Pietro, Astronom, geb. 21. März 1838 zu Modena, studierte an verschiedenen Universitäten Italiens und ward 1859 Direktor der Sternwarte seiner Vaterstadt. Seit 1863 an der Sternwarte in Palermo thätig, hauptsächlich mit Beobachtung der Erscheinungen an der Sonne beschäftigt, gründete er behufs systematischer spektroskopischer Beobachtung der Sonne mit Secchi 1871 die Italienische Spektroskopische Gesellschaft, in deren Memoiren er seitdem den größten Teil seiner Arbeiten veröffentlicht hat. 1874 beobachtete er in Indien den Venusdurchgang. Gegenwärtig ist T. Direktor des Collegio Romano zu Rom. Vgl. "Il passaggio di Venere sul Sole dell' 8-9 dec. 1874, osservato a Muddapur" (Pal. 1875).

Tace!(lat.), schweige!

Tacet(lat., auch ital. tace oder taci, abgekürzt tac., "schweigt") bedeutet in Chor- oder Orchesterstimmen, daß das Instrument (die Stimme) während der betreffenden Nummer nicht mitzuwirken hat.

Tachau, Stadt im westlichen Böhmen, an der Mies, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, mit Dechanteikirche, Franziskanerkloster, Schloß des Fürsten Windischgrätz, einem Kaiser Joseph-Denkmal, einer Fachschule für Drechslerei, lebhafter Holzindustrie, Knopffabrikation, Bierbrauerei und (1880) 4177 Einw. In der Nähe mehrere Glashütten. Vgl. Stocklöw, Geschichte der Stadt T. (Tachau 1879).

Tacheometer(Tachymeter), s. Theodolit.

Tachina, Mordfliege; Tachinariae, s. v. w. Mordfliegen.

Tachira, Sektion des Staats Andes der venezuelan. Bundesrepublik, an der Grenze von Kolumbien, ist meist gebirgig (bis 3208 m hoch) und 12,545 qkm (227,8 QM.) groß mit (1873) 68,619 Einw. Landbau bildet die Haupterwerbsquelle, Petroleum ist gefunden worden. Hauptstadt ist San Christóbal.

Tachograph(griech., "Schnellschreiber"), ein dem Hektograph ähnlicher Apparat zur leichten Herstellung vieler Abzüge einer Schrift oder Zeichnung.

Tachometer(griech., Tachymeter, "Geschwindigkeitsmesser"), mechan. Vorrichtungen zum Messen der Geschwindigkeit von Maschinen in jedem Augenblick ihrer Bewegung. Bei allen bisher konstruierten Tachometern wird die Zentrifugalkraft der sich bewegenden Maschine als treibendes Element benutzt. Uhlhorn in Grevenbroich bei Düsseldorf hat um 1817 derartige T., namentlich für Baumwollspinnereien, zuerst konstruiert. Gegen 1844 trat Daniel mit einem T. zum Gebrauch bei Lokomotiven hervor, bei welchem ein Zentrifugalpendel auf Gewichte und Federn wirkt und ein Uhrwerk zur Registrierung des Ganges der Lokomotive mittels Zeichenstifts auf Pappscheiben in

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Tachopyrion - Tacitus.

Bewegung setzt. Vervollkommt wurde dieses T. durch Dato (s. Stathmograph). Donkin in England hat das Ausfließen von Quecksilber zum Messen der Geschwindigkeit benutzt. Dieses Konstruktionsprinzip ist durch Schäfer und Buddenberg in Magdeburg für die Praxis weiter entwickelt worden. Hydrotachometer (Hydrometer) sind Instrumente zur Bestimmung der Geschwindigkeit fließenden Wassers, also s. v. w. Strommesser (s. Fluß, S. 410). Vgl. Schell, Die Tachymetrie (Wien 1880).

Tachopyrion(griech.), s. Feuerzeuge.

Tachygraphie(griech.), s. Stenographie.

Tachyhydrit(fälschlich Tachhydrit), Mineral aus der Ordnung der Doppelchloride, kristallisiert rhomboedrisch, ist wachs- bis honiggelb, durchsichtig bis durchscheinend, zerfließt sehr schnell an der Luft (daher der Name) und besteht aus Chlorcalcium, Chlormagnesium und Wasser CaCl2+2MgCl2+12H2O. Es findet sich in rundlichen Massen im dichten Anhydrit der Abraumsalze von Staßfurt.

Tachylyt, Gestein, s. Basalte, S. 414.

Tachymeter, s. v. w. Tachometer; auch ein Distanzmesser und ein Theodolit besonderer Konstruktion.

Tachypetes, Fregattenvogel.

Tacitus, Marcus Claudius, röm. Kaiser, geb. 200 n. Chr., leitete sein Geschlecht vom Historiker T. ab und befahl, dessen Werke in allen Bibliotheken aufzustellen und zehnmal jährlich auf Staatskosten abzuschreiben. Er ward nach Kaiser Aurelians Tod und nach einem sechsmonatlichen Interregnum 25. Sept. 275 gegen seinen Willen vom Senat, dem das Heer die Wahl freigestellt hatte, zum Kaiser erhoben. Er entsprach durch Milde und Weisheit vollkommen dem Vertrauen, welches ihn auf den Thron gehoben hatte, führte auch, als 75jähriger Greis, einen glücklichen Krieg gegen die Alanen, ward aber schon nach sechs Monaten (April 276) zu Tyana in Kleinasien von den zügellosen Soldaten erschlagen. Ihm folgte sein Bruder Florianus T., der nach drei Monaten dasselbe Schicksal hatte.

Tacitus, (Publius?) Cornelius, berühmter röm. Geschichtschreiber, geboren um 54 n. Chr., war zuerst mit Auszeichnung als Sachwalter und Redner in Rom thätig, wurde, wahrscheinlich 79, Quästor, dann, wahrscheinlich 81, Volkstribun oder Ädil, 88 Prätor, brachte hierauf vier Jahre, 90-94, vielleicht als Statthalter einer Provinz, außerhalb der Hauptstadt zu und bekleidete 97 das Konsulat. In öffentlicher Thätigkeit erscheint er uns zuletzt 100, wo er mit dem jüngern Plinius, seinem Freund, in einem bedeutenden Prozeß als Ankläger auftrat. Er starb nach 117. Seine frühste Schrift ist der "Dialogus de oratoribus", welcher von den Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit seit der Kaiserzeit handelt, eine geistvolle, leider lückenhaft auf uns gekommene Schrift, wahrscheinlich um 80 verfaßt, die man T. wegen mancher sprachlicher und stilistischer Verschiedenheiten von den spätern Schriften mit Unrecht abgesprochen hat. Hierauf folgten 98 zwei andre kleinere Schriften. "De vita et moribus Agricolae" und die sogen. "Germania" (eigentlicher Titel: "De origine, situ, moribus ac populis Germanorum"), ersteres die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters, letzteres die bekannte, für uns Deutsche ungemein wertvolle, mit bewunderungswürdigem Sinn für die Eigentümlichkeiten eines Naturvolkes abgefaßte Schilderung des damaligen Deutschland. Des T. beide Hauptwerke aber sind die "Historiae" und die sogen. "Annales" (eigentlicher Titel: "Ab excessu divi Augusti"), erstere in 14 Büchern die Geschichte seiner Zeit von 69 bis 96 n. Chr., letztere, welche später als die Historien verfaßt und zwischen 115 und 117 herausgegeben sind, in 16 Büchern die Geschichte des Julisch-Claudischen Hauses von Augustus' Tode (daher der Titel) von 14 bis 69 enthaltend, so daß beide zusammen ursprünglich die vollständige Kaisergeschichte von Tiberius bis zum Tode Domitians umfaßten; von beiden sind nur Teile erhalten, von den Historien die vier ersten Bücher und ein Teil des fünften, nicht volle zwei Jahre, 69-70, umfassend, von den Annalen die sechs ersten (mit einer Lücke zwischen dem fünften und sechsten Buch), Tiberius' Zeit (14-37), und die sechs letzten (zu Anfang und zu Ende unvollständigen) Bücher, Claudius' Regierung und Neros Geschichte 47-68. In beiden Werken herrscht die annalistische Anordnung des Stoffes durchaus vor. Sie beruhen auf eingehenden und umfänglichen Quellenstudien und sorgfältiger Kritik, wenn sie auch hinsichtlich selbständiger Forschung und genauer Kenntnis aller Verhältnisse, besonders des Militärischen und der Örtlichkeiten, nicht an einen Thukydides und Polybios heranreichen. Stets bemüht, das Thatsächliche zu ermitteln und vornehmlich die innern Gründe der Ereignisse aus den Verhältnissen und den handelnden Persönlichkeiten zu erklären, zeigt T. sich als Meister in der Charakterzeichnung und der psychologischen Analyse. Seinem Versprechen, ohne Parteilichkeit (sine ira et studio) zu schreiben, getreu, strebt er durchaus nach einer objektiven Darstellung, und wenn man auch vielfach seine subjektive Ansicht durchfühlt, so darf ihm doch nie absichtliche Färbung und Entstellung vorgeworfen werden, wie es in neuerer Zeit mehrfach, namentlich in Bezug auf die Schilderung des Tiberius, geschehen ist (so von Sievers, "Studien zur Geschichte der römischen Kaiser", Berl. 1870; Stahr, "Tiberius", 2. Aufl., das. 1873, u. in der Übersetzung der ersten sechs Bücher der "Annalen", das. 1871; Freytag, "Tiberius und T.", das. 1870). Voll von Bewunderung für die ehemalige Tugend u. Größe Roms, ist er im Herzen Republikaner, aber ebenso überzeugt, daß das gegenwärtige Rom wegen des Sittenverfalls, den er aufs schmerzlichste empfindet, die Republik nicht ertrage; daher der entsagungsvolle und schwermütige, hier und da sogar bittere Ton, der sich, auch ohne durch Worte ausgedrückt zu werden, überall in seinen Schriften kundgibt. Im Gegensatz zu der heitern Anmut und Fülle seiner Erstlingsschrift wird sein Stil im Fortschreiten seiner schriftstellerischen Thätigkeit immer ernster und pathetischer und zeigt eine sich steigernde Neigung zur rhetorischen Färbung und Annäherung an den poetischen Ausdruck; dazu kommt das Streben nach Kürze des Ausdrucks bis zur epigrammatischen Zuspitzung, das sich am eigentümlichsten und großartigsten in den "Annalen" zeigt. Die erste, aber noch unvollständige Ausgabe erschien Venedig 1470. Die erste, durch Hinzufügung der sechs ersten Bücher der "Annalen" vervollständigte Gesamtausgabe ist die von Beroaldus (Rom 1515). Unter den spätern sind hervorzuheben die von Bekker (Leipz. 1831, 2 Bde.), Ritter (Bonn 1834-1836, 2 Bde.; Cambridge 1848, 4 Bde.), Orelli (Zürich 1846-48, 2 Bde.; neubearbeitet, Berl. 1877 ff.); Textausgaben von Haase (Lpz. 1855), Halm (4. Aufl., das. 1883) und Nipperdey (Berl. 1871-76, 4 Bde.). Auch gibt es eine große Anzahl von guten Ausgaben einzelner Schriften des T., so der Annalen von Nipperdey und Andresen (8. u. 4. Aufl., Berl. 1884 u. 1880, 2 Bde.), der Historien von Heräus (4. Aufl., Leipz. 1885,2Bde.) und Wolff (Berl. 1886 ff.); des "Dialogus" von Michaelis (Leipz. 1868), von Andresen (das. 1872 und in

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Tacna - Tadschurrabai

der neuen Auflage der Orellischen Gesamtausgabe, Berl. 1877 ff.) und von Peter (Jena 1877) ; des "Agricola" von Walch (Berl. 1828), Wex (Braunschw. 1852), Kritz (3. Aufl., Berl. l874), Urlichs (Würzb. 1875) und Peter (Jena 1876); der "Germania" von Haupt (3. Aufl., Berl. 1869), Kritz (3. Aufl., das. 1869), Schweizer-Sidler (2. Aufl., Halle 1874), Holder (Leipz. 1878), Baumstark (das. 1875-80, 2 Bde.). Unter den deutschen Übersetzungen sind die von Gutmann (4. Aufl., Stuttg. 1869, 5 Bde.) und Roth (4. Aufl., Berl. 1888) hervorzuheben. Als Hilfsmittel für die Einsicht in den Sprachgebrauch des T. dient das "Lexicon Taciteum" von Bötticher (Berl. 1830); ein neues, weit vollständigeres ist begonnen von Gerber und Greef (Leipz. 1877 ff.). Vgl. Hoffmeister, Die Weltanschauung des T. (Essen 1831); Dräger, Über Syntax und Stil des T. (3. Aufl., Leipz. 1882); Dubois-Guchan, Tacite et son siècle (Par. 1862, 2 Bde.); Urlichs, De Taciti vita et honoribus (Würzb. 1879).

Tacna, ehemaliges Departement der südamerikan. Republik Peru, am Stillen Ozean, vom Rio Zama bis zum Rio Camarones und im Innern bis jenseit der westlichen Kordilleren reichend, wurde 1884 an Chile (s. d., S. 1022) abgetreten. Die Küste steigt steil an. Das Innere besteht aus stufenweise zu den Kordilleren ansteigenden, meist wüsten Hochebenen. Die wenigen Flüsse nehmen ihren Lauf durch tiefe Schluchten (Quebradas). Der Tacorapaß (4170 m, s. d.) verbindet T. mit Bolivia. Fruchtbare Stellen kommen fast nur im nördlichen Teil des Departements vor. T. hat ein Areal von 22,500 qkm (408,62 QM.) und (1885) 29,523 Einw. Die Ausfuhr besteht vorwiegend aus Kupfer, Zinn, Silber, Gold, Koka, Alpako- und Schafwolle. Hauptstadt ist San Pedro de T., 560 m ü. M., in hübscher Ebene, am gleichnamigen Fluß, mit (1876) 7738 Einw. T. ist Sitz eines deutschen Konsuls. Die Stadt wurde 1605 gegründet, hat ein Colegio, ein Hospital, ein kleines Theater und eine schöne Alameda. Eine Eisenbahn verbindet sie mit Arica (s. d.).

Tacoary, Fluß, s. Taquary.

Tacoma, Berg im nordamerikan. Staat Washington, 4400 m hoch, ein fast erloschener Vulkan mit Gletschern; hieß früher Mount Rainier.

Tacoma, Stadt im nordamerikan. Staat Washington, am Pugetsund, Endstation einer Pacificbahn, mit großem Hotel.

Tacorapaß(auch Gualillos), ein fahrbarer Paß der Kordilleren in 17°50' südl. Br., verbindet Tacna mit Bolivia und ist 4170 m hoch. Nördlich von ihm erhebt sich der Tacora Pik oder Chipicani (6017 m), ein ausgebrannter Vulkan mit einer Solfatare in seinem zusammengestürzten Krater; an demselben liegt das Dorf Tacora, eine der höchsten Wohnstätten der Erde (4000 m).

Tacnarembo, ein Departement des füdamerikan. Staats Uruguay, ein Hügelland, 21,022 qkm (381,8 QM.) groß mit (1885) 27,329 Einw., die fast nur Viehzucht treiben (1,034,000 Rinder, 65,000 Pferde, 476,000 Schafe). Gold ist 1859 im Cunapires entdeckt worden. Hauptstadt ist San Fructuoso mit 3000 Einw.

Tacubaya, Villa, 5 km südwestlich von Mexiko, bei Chapultepec, mit dem Sommerpalast des Erzbischofs von Mexiko, den Villen reicher Mexikaner, der Militärakademie (Colegio) und (1880) 7867 Einw.

Tacullies, f. Carrierindianer.

Tacunga(Llactacunga), Hauptstadt der Provinz Leon in der südamerikan. Republik Ecuador, am Fuß des Cotopaxi 2780 m ü. M. gelegen, hat ein Colegio, eine Pulverfabrik und 17,000 Einw.

Taeda Koch. Gruppe der Gattung Pinus. s. Kiefer, S. 714.

Tadcaster, alte Stadt in Yorkshire (England), am schiffbaren Wharfe, zwischen Leeds und York, mit (1881) 2965 Einw. Es ist das römische Calcaria. Dabei das Schlachtfeld von Towton (1461), wo Eduard von York das Lancastrische Heer besiegte.

Tadel, als Äußerung des ästhetischen oder sittlichen Mißfallens (wie Lob des Gefallens) durch Rede oder Handlung, unterscheidet sich von diesem selbst dadurch, daß er unterdrückt werden kann und unter Umständen soll, während das Mißfallen (und Gefallen) als unwillkürliches Geschmacks- oder Gewissensurteil sich nicht hemmen läßt.

Tadema, Maler, s. Alma-Tadema.

Taedium vitae(lat.), Lebensüberdruß.

Tadjainseln, s. Togianinseln.

Tadmor, Stadt, s. Palmyra.

Tadolini, 1) Adamo, ital. Bildhauer, geb. 1789 zu Bologna, bildete sich auf der Kunstschule daselbst, dann in Ferrara und Rom und erhielt 1811 eine Professur in Bologna. Von seinen Werken sind zu nennen: Venus und Amor; Ganymed, der den Adler tränkt; die Bacchantin, für das Museum Borghese, der Raub Ganymeds; das Grabmal des Kardinals Lante, für die Stadt Bologna, und eine große Anzahl Büsten. Zu seinen kirchlichen Hauptwerken gehört die Statue des heil. Franz von Sales in der Peterskirche zu Rom. Er arbeitete in der Richtung Canovas. T. starb 23. Febr. 1868 in Rom.

2) Eugenia, ital. Bühnensängerin, Gattin des Komponisten Giovanni T. (geb. 1793 zu Bologna, gest. 1872 daselbst), geb. 1810 zu Florenz, trat zuerst daselbst, dann in Venedig und endlich an der Italienischen Oper in Paris auf. Nach der Scheidung von ihrem Gatten (1834) kehrte sie nach Italien zurück, wo sie sich auf allen ersten Bühnen bis 1850 der größten Beliebtheit zu erfreuen hatte, namentlich in den von Mercadante ("Schwur") und Donizetti ("Lucia", "Don Pasquale", "Regimentstochter", "Linda") für sie geschriebenen Opern. Auch in Wien feierte sie die größten Triumphe.

Tadorna, s. Enten, S. 671.

Tadousac(spr. tadusak), Dorf in der brit.-amerikan. Provinz Quebec, an der Mündung des Saguenay in den St. Lorenzstrom, der erste Ort, an welchem die Franzosen in Amerika ein steinernes Haus bauten, jetzt als Badeort vielbesucht.

Tadsch(Tadschmahal), ein Mausoleum, s. Agra.

Tadschik(auch Dihkan, "Landleute", und Dihvar, "Dorfbewohner", od. Parsevan, "Perser", genannt), die ansässige, Ackerbau treibende Bevölkerung Irans, welche zur iranischen Völkerfamilie gehört und durchgehends die persische Sprache spricht. Sie finden sich in Ostiran (Afghanistan), in Kabul und Herat, in Balch, Chiwa, Bochara sowie in Badachschan bis gegen die Hochebene Pamir und in Kaschgarien unter dem angeführten Namen, während sie im westlichen Iran (Persien) unter dem speziellen Namen der Perser (Farsi) bekannt sind. Als Handel treibendes Volk trifft man sie auch vielfach außer Landes, östlich bis nach China und westlich bis Orenburg und Kasan. Die östlichen T. unterscheiden sich von den Persern durch manche körperliche Eigenschaften und bewahren auch verschiedene altertümliche Sitten und Gebräuche. Vgl. Afghanistan, S. 143, Persien, S. 866, etc.

Tadschurrabai, tief eindringende Meeresbucht in Nordostafrika, an der Danakilküste, westlich von Bab

Ta-dse - Taft. 4^9 el Mandeb, deren Einfahrt im N. Ras Bir, im S. Ras Dschebuti markiert. In derselben liegen die früher England, jetzt Frankreich gehörigen Muscha-inseln; an der Nordseite die Ortschaften Obok (s. d.), Tadschurra, Ambado, Sagallo. Ta-dse, Volk, s. Orotschen. Tael (spr. tehl, chines. Liang), Gewicht und Rech-nungsgeld, in China a 10 Mace a 10 Candarin a 10 Käsch; in Schanghai 1 T. = 34,246 g fein Silber, =6,164 Mk., etwa 2,75 Proz. mehr alsderRegierungs-(Haikuan-) T. für Zölle und Tonnengelder. Im aus-wärtigen Handel rechnet man 72 T. = 100 mexikan. Dollar; mithin ist 1 T. = 33,^87 g fein Silber = 6 Mk. 1 Kanton- T. als Gold- und Silbergewicht = 37,573 g; 16 Taels = 1 Kin oder Kätty; als Han-delsgewicht = 37,79.^ g. Tafalla, Bezirksstadt in der span. Provinz Navarra, an der Eisenbahn Alsasua-Saragossa, mit altem Schloß und (1878) 6040 Einw. Tafelauffa.^, ein zum Schmuck der Tafel dienendes Schaustück, zumeist aus Edelmetall (Silber und ver- goldetem Silber), in neuerer Zeit auch aus Bronze. Der T. hat gewöhnlich die Gestalt einer flachen, von einem hohen Fuß getragenen Schale, aus welcher ein kelchförmiger Aufsatz zur Aufnahme von Blumen emporsteigt. Dieser Grundform ^entspricht der be-rühmte T. von Iamnitzer (s. Tafel "Goldschmiede-kunst", Fig. 3). Doch wurden in der gotischen und Renaissan^zeit auch Tafelaufsätze in der Gestalt von phantastischen oder tropischen Tieren (Elefanten, Straußen etc.), von Schiffen (das "glückhafte Schiff"), Brunnen, Festungen etc. angefertigt. Die neuere Gold-schmiedekunst hat die Tafelaufsätze durch Anordnung von Schalen neben- und übereinander, durch Verbin-dung von Kristall mit Edelmetall noch reicher gestaltet. Tafelbai, große Bai an der Südwestküste des Kap- landes, offen und daher trotz vielfacher Verbefserun- gen nicht sicher. An derselben liegt die Kapstadt und hinter dieser der Tafelberg (1072 m), welcher oben eine 2 km breite vollständige Ebene hat. Tafelbauaue, s. Heliconia. Tafelberg, s. Tafelbai. Tafelbild, ein auf einer Holztafel gemaltes Bild; dann im Gegensatz zur Wandmalerei jedes beweg-liche, also auch auf Leinwand gemalte Bild; danach Tafelmalerei, die Malerei auf Holzplatten. Tafelbouillou, s. Bouillontafeln. Tafeldru.k, Zeugdruck mit Applikations- (Tafel-) Farben, s. Zeugdruckerei. Tafelfichte, die höchste Spi.tze des Isergebirges (s. d.), 1123 m hoch. Tafelgefchäft (auch Handverkauf genannt), im Bankgeschäft der Verkauf von Effekten an die Stamm-kunden der Bank. Tafelgüter (Bona mensalia), zum Unterhalt des landesherrlichen Hofs, besonders in den ehemaligen geistlichen Staaten, bestimmte Güter. Sie hießen, wenn in Lehngütern bestehend, Tafellehen. Vgl. Domäne. Tafella^, s. Schellack. Tafelland, Hochebene größerer Ausdehnung; be- sonders eine Hochebene, welche sich nur einseitig an ein Gebirge anschließt und, aus ungefähr horizonta-len Schichtsystemen zusammengesetzt, gewöhnlich in mehreren Stufen gegen das Tiefland abfällt. P la-teau würde in dieser Ausscheidung des engern Be-griffs als Synonym von T. aufzufaffen sein. Die Plateaus der Kalkalpen, des Karstes, die von Süd-afrika u. a. sind Beispiele solcher Tafelländer. Tafelruude, in der Sage der Kreis von Helden, die zu des britischen Königs Artus Hofhaltung gehör- ten und von ihm um eine runde Tafel, um die Gleich-heit der an ihr Sitzenden zu bezeichnen, an seinen Hoffesten versammelt wurden. Weiteres s. Artus. Tafelfchiefer, s. Thonschiefer. Tafelspat, s. v. w. Wollastonit. Tafelstein, s. Edelsteine, S. 314. Täfelwerk^ (Täfelung, Intabulation), Beklei- dung der Wände und Decken in Zimmern und Sä-len mit gefalzten oder genuteten Brettern, befser mit Rahmhölzern und Füllungen, welche beim Schwin- den des Holzes keine Spalten zeigen. Hartes, z. B. Eichenholz, ist, weil es weniger leicht stockt oder fault, weichem, z. B. Tannen- oder Kiefernholz, vorzu^ie-hen und bei Anwendung des letztern das T. in einem Abstand von 15-25 mm von der Wandfläche anzu- bringen. Bei einfachern Gebäuden wird das T. mit gekehlten Rahmhölzern, bei Prachtbauten mit Schnitz-werk versehen. Die Firnisse oder Ölanstriche, welche man demselben zur Verbesserung seines äußern An-sehens meist in Naturfarbe gibt, tragen zugleich zum Schutz des Holzes gegen Feuchtigkeit bei. Die Holz- bekleidung ganzer Wände, welche un Mittelalter nicht selten und oft sehr kunstvoll ausgeführt war, wovon unter anderm Nürnberg und die^ Feste Koburg treff-liche Beispiele geben, wird in der Gegenwart meist auf die untern Teile derselben (Brüstungen, Lam- bris) beschränkt und das T. hierbei mit Fuß- und Deckleiste versehen. Vgl. Fink, Der Bautischler (Leipz. 1867-69, 2 Bde.). Tasseh, türk. Gewicht für Seide, = 1,954 kg. Taffia, f. v. w. Rum. Tafilet (Tafilelt), große Oase in Marokko, im S. des Atlas, unter 31° nördl. Br. und 3° 30^ westl. L. v. Gr., die südlichste einer vom Wadi Sis durchzogen nen Reihe von Oasen, wird von diesem wie von meh-reren andern Wadis bewässert, welche aber nur im Frühjahr Wasser führen und dann im südlichsten Teil der Oase dieSebchaDaya elDura bilden. Berg- züge, darunter der Dschebel Belgrüll im NW., um- schließen fast ringsum den 1000 qkm messenden Raum, welcher wegen der mangelhaften Bewässerung nur für Dattelpalmen geeignet ist; die Datteln von T. sind aber auch als die vorzüglichsten der Wüste bekannt, nur selten ist der Anbau von Weizen, Gerste, Klee möglich. Datteln sind der bedeutendste Aus-fuhrartikel, daneben gegerbte Felle, Straußfedern, Sklaven und Goldstaub. Fast alle europäischen Wa-ren werden in den Bazaren verkauft. Die ca. 100,000 Einw., teils Araber, teils Berber, wohnen in 150 Dörfern oder Ksurs, unter welchen Er Rissani, Sitz des Gouverneurs, das größere, Abuam aber durch Industrie und Handel viel bedeutenderist. DieBewoh-ner der einzelnen Ksurs leben in beständigem Kampf miteinander. Nahe bei Abuam die Ruinen des im Mittelalter berühmten Sedjelmafsa. Vgl. Rohlfs, Reise durch Marokko (Brem. l 869). Tafna, Küstenfluß in der alger. Provinz Oran, bekannt durch die Kämpfe zwischen Franzosen und Kabylen 26. -28. Ian. 1836. An der T. schlossen di^ Franzosen 30. Mai 1837 Frieden mit Abd el Kader. Taft, großes Dorf in der persischen Provinz Ira.^ Adschmi, südwestlich unweit Iezd, mit 5000 Einw , einer der Hauptwohnsitze von Feueranbetern, besitzt einen hübschen Bazar, ein kleines Fort und viele schöne Gärten und ist berühmt wegen der Fabrikation einer vorzüglichen Filzsorte. Taft (Taffet), lein1vandartig gewebter Stoff aus entschälter Seide mit Organsinkette und Einschlag von Tramseide, meist schwarz, aber von verschiedener

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Taftpapier - Taganrog.

Dichtigkeit. Hiernach unterscheidet man ganz leichten Futtertaft (Avignon, Florence), etwas schwerern Kleidertaft, Doppeltaft (Marcelline) und Gros (mit vielen Beinamen, wie de Naples, de Tours, d'Orleans etc.), welcher auf der Oberfläche eine Art regelmäßiger Körnung zeigt oder, wenn starke mit schwachen Fäden wechseln, gerippt erscheint.

Taftpapier, einseitig gefärbtes und mit Glanz versehenes Papier.

Tag(lat. Diës), entweder die Dauer eines scheinbaren Umlaufs des Fixsternhimmels oder der Sonne um die Erde, oder im gewöhnlichen Sinn: die Zeit des Verweilens der Sonne über dem Horizont, im Gegensatz zur Nacht, während welcher sie sich unter dem Horizont befindet. Bestimmter nennt man Sterntag die Dauer eines scheinbaren Umlaufs des Fixsternhimmels oder einer Rotation der Erde um ihre Achse. Die Dauer des Sterntags ist so gut wie unveränderlich, wenn auch gewisse Unregelmäßigkeiten der Mondbewegung eine geringe Veränderung andeuten, während zugleich in der Wirkung der Flutwelle (wie schon Kant bemerkt hat) und in den durch allmähliche Erkaltung der Erde, durch Einstürze u. dgl. in ihrem Innern bedingten Massenumsetzungen Ursachen für eine Veränderung gegeben sind. Der Sterntag beginnt im Augenblick der obern Kulmination des Frühlingspunktes. Er wird in 24 gleich lange Stunden zu 60 Minuten zu 60 Sekunden geteilt; Zeitangaben in diesem Maß nennt man Sternzeit. Obwohl uns nun die Natur in der Rotation der Erde um ihre Achfe das gleichförmigste Zeitmaß darbietet, so ist doch der Auf- und Untergang der Sonne von so überwiegender Wichtigkeit für das bürgerliche Leben, daß man in diesem nicht nach Sterntagen, sondern nach Sonnentagen rechnet. Wahrer Sonnentag ist die Zeit zwischen zwei aufeinander folgenden mittägigen Kulminationen der Sonne. Da aber dieser Zeitraum infolge der Ungleichförmigkeit der Bewegung der Sonne am Fixsternhimmel im Lauf des Jahrs nicht unbeträchtlichen Veränderungen seiner Dauer unterliegt (vgl. Sonnenzeit), so benutzt man den jährlichen Mittelwert desselben unter dem Namen mittler T. (bürgerlicher T.). Derselbe beträgt 24 Stunden 3 Min. 56,6 Sek. Sternzeit und wird ebenfalls in 24 gleiche Stunden zu 60 Minuten zu 60 Sekunden eingeteilt. Die in diesem Maß ausge-drückte Zeit heißt mittlere Zeit; sie wird von unsern mechanischen Uhren angegeben und sowohl im bürgerlichen Leben als auch in der Wissenschaft angewandt. Die christlichen Völker beginnen den T. mit Mitternacht und zählen während desselben ziemlich allgemein zweimal 12 Stunden. Die Astronomen aber fangen den T. erst mit dem Mittag an und zählen die Stunden bis 24. Es bedeutet also die astronomische Angabe "Juli 23, 19h 12m" so viel wie "7 Uhr 12 Min. vormittags am 24. Juli" (h=hora, Uhr; m=Minuten). Man bezeichnet den Zeitraum von 24 Stunden auch als künstlichen T., im Gegensatz zum natürlichen T., worunter man die Zeit des Verweilens der Sonne über dem Horizont versteht. Am Äquator beträgt der letztere jahraus jahrein 12 Stunden; an andern Punkten der Erde ist dies nur im Frühlings- und im Herbstanfang, wenn die Sonne im Äquator steht, der Fall. Sobald die Sonne sich nördlich über den Äquator erhebt, werden auf der nördlichen Hemisphäre der Erde die Tage immer länger, und für die Orte zwischen Äquator und Polarkreis (66 1/2° Br.) erreicht der T. seine größte Dauer, wenn die Sonne im Wendekreis des Krebses steht (Sommersolstitium). Von da nimmt die Tageslänge wieder ab, erreicht den Wert von 12 Stunden im Herbstanfang und den kleinsten Wert (24 Stunden weniger des längsten Tags), wenn die Sonne im Wendekreis des Steinbocks steht (Wintersolstitium). worauf er wieder wächst. Für die südliche Erdhalbkugel dagegen tritt der längste T. ein, wenn die Sonne im Wendekreis des Steinbocks, der kürzeste, wenn sie im Wendekreis des Krebses steht. Die Größe t des halben Tagbogens für den längsten T. in der Breite f erhält man aus der Formel cos t=-tan f.tan 23 1/2; je 15 Bogengrade entsprechen einer Stunde. Es ergeben sich auf diese Weise folgende Werte:

Breite f Tagbogen 2t Längster Tag

0° 180° 0,0' 12 Stunden 0 Minuten

5° 184° 21,0' 12 Stunden 18 Minuten

10° 188° 50,5' 12 Stunden 35 Minuten

15° 193° 21,2' 12 Stunden 53 Minuten

20° 198° 10,3' 13 Stunden 13 Minuten

23 1/2° 201° 42,1' 13 Stunden 27 Minuten

25° 203° 20,8' 13 Stunden 33 Minuten

30° 209° 0,7' 13 Stunden 56 Minuten

35° 2l5° 22,5' 14 Stunden 21 Minuten

40° 222° 42,0' 14 Stunden 51 Minuten

45° 231° 25,7' 15 Stunden 26 Minuten

50° 242° 16,3' 16 Stunden 9 Minuten

55° 256° 34,8' 17 Stunden 6 Minuten

60° 277° 26,7' 18 Stunden 30 Minuten

65° 317° 0,8' 21 Stunden 8 Minuten

66 1/2° 360° 0,0' 24 Stunden 0 Minuten

Für den Polarkreis beträgt der längste T. 24 Stunden; für die dem Pol noch näher liegenden Orte aber geht schon vor der Sommersonnenwende die Sonne nicht mehr unter, es ist dann immerwährender T., dessen Dauer mit der Annäherung an den Pol zunimmt und für diesen selbst ein halbes Iahr beträgt. Dem immerwährenden T. entspricht ein halbes Jahr später die gleich lange immerwährende Nacht. Der immerwährende T. währt so lange, als die Poldistanz (90° weniger der Deklination) der Sonne kleiner ist als die geographische Breite; seine Dauer ist

1 Monat in 67° 23' Breite 4 Monate in 78° 11' Breite

2 Monate in 69° 51' Breite 5 Monate in 84° 5' Breite

3 Monate in 73° 40' Breite 6 Monate in 90° 0' Breite

Bei verschiedenen orientalischen Völkern, auch den Israeliten, ferner bei Griechen und Römern wurde im Altertum der natürliche T. und ebenso die Nacht in 12 gleich lange Stunden geteilt, deren Dauer in den verschiedenen Jahreszeiten verschieden war (horae temporales bei den Römern, während die immer gleich langen horae aequinoctiales hießen). Vgl. Bilfinger, Der bürgerliche T. (Stuttg. 1888). - T. heißt auch eine im voraus bestimmte Versammlung, z. B. Landtag, Reichstag, Fürstentag etc.

Tag, der bergmännische Ausdruck für Erdoberfläche, im Gegensatz zu den unterirdischen Grubenräumen, daher die Ausdrücke "über" und "unterTage".

Tagal, Stadt, s. Tegal.

Tagala(Tekela), Berglandschaft im südlichen Kordofan, vom Sirga durchflossen.

Tagálen, Volk, s. Philippinen, S. 1004.

Taganai, ein Berg des südlichen Urals, im russ. Gouvernement Ufa, Kreis Slatoust, 1203 m hoch, berühmt durch seine Aventurine.

Taganrog, Hafenstadt im russ. Gouvernement Jekaterinoslaw, am nordöstlichen Ufer des Asowschen Meers, auf einer Landzunge, 30 km westlich von der Mündung des Don, an der Eisenbahn Charkow-Rostow gelegen, hat 11 Kirchen (darunter 10 griechisch-russische), eine Synagoge, ein griechisches Kloster (Jerusalemkloster), ein kleines kaiserliches Palais, in welchem Alexander I. 1825 starb, ein Denkmal des

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Tagblindheit - Tagewählerei.

genannten Kaisers (1831 errichtet), 2 Gymnasien (eins für Knaben und eins für Mädchen), ein Theater, eine Börse und (1885) 56,047 Einw. (sehr viele Griechen und Juden, aber auch Armenier, Italiener und Deutsche). T. ist einer der wichtigsten Handelsplatze Südrußlands. Die weite Reede ist flach und durch Sandbänke gefährlich. Die Ausfuhr betrug 1887: 14 Mill., die Einfuhr 2 Mill. Rubel. Ausfuhrartikel sind hauptsächlich: Weizen, Butter, Leinsaat und Talg; Gegenstände der Einfuhr: Früchte, Wein, Öl und Metallfabrikate. Die Gewerbthätigkeit ist gering. Im Hafen liefen 1887: 868 Schiffe mit 483,152 Ton. ein, außerdem im Küstenverkehr 1465 Fahrzeuge mit 282,800 Ton. Die Militär- und Zivilverwaltung liegt in den Händen eines Stadtpräfekten. T. war ursprünglich eine Festung, die 1698 von Peter I. angelegt und nach ihrer Schleifung infolge des Friedens am Pruth (1711) von Katharina II. 1769 wiederhergestellt ward. Es wurde 22. Mai 1855 von einer englisch-französischen Flotte bombardiert und teilweise zerstört.

Tagblindheit(Nachtsehen, Nyktalopie, Coecitas diurna), Mangel des Gesichts, der darin besteht, daß die Kranken bei Tag und besonders gegen Mittag schwachsichtig oder blind sind, mag sie nun Licht oder Dämmerung umgeben, während sie des Nachts, vorzüglich gegen Mitternacht, bei Kerzen- oder bei Mondlicht am besten sehen. Die Krankheit befällt fast immer beide Augen zu gleicher Zeit. Die wahre T. ist eine rein periodische Krankheit und hängt nicht von dem Grade des Lichts ab wie die symptomatische T. Beide beruhen auf einem Reizungszustand der Retina, in welchem dieselbe helles Licht nicht verträgt. Als Ursachen der T. werden genannt verschiedene Krankheiten des Auges und des Körpers überhaupt, ferner Entwöhnung vom Licht, erbliche Anlage und endemische Einflüsse. Die Prognose hängt von den Ursachen ab. Die als reines Lokalleiden der Netzhaut auftretende T. pflegt in 2-3 Monaten zu verschwinden, macht aber bisweilen, selbst zu bestimmten Jahreszeiten, Rückfälle. Die durch Entwöhnung vom Licht entstandene T. geht bei falscher Behandlung des Auges leicht in vollkommene Blindheit über. Außer der Beseitigung der Ursachen hat die ärztliche Behandlung namentlich darauf zu sehen, daß der Kranke seine Augen längere Zeit hindurch vollkommen ruhen lasse und sie erst ganz allmählich dem Lichtreiz wieder aussetze. In nordischen Ländern ist der Gebrauch einer Schneebrille als schützendes Mittel zu empfehlen.

Tagbogen, der Teil des Tagkreises, den ein Gestirn im täglichen Umschwung um die Erde oberhalb des Horizonts beschreibt, im Gegensatz zu dem unterhalb des Horizonts gelegenen Teil, dem Nachtbogen.

Tagebau, im Gegensatz zum Grubenbau Abbauanlagen über Tag; vgl. Bergbau, S. 723.

Tagebruch, Einsenkung der Erdoberfläche, entstanden durch Einsturz alter bergmännischer Anlagen.

Tagebuch, s. v. w. Journal (s. Buchhaltung, S. 565). Bei der doppelten Buchführung paßt die Bezeichnung T. nur dann, wenn die Übertragungen aus den Vorbüchern täglich erfolgen, wie dies bei der französischen Buchhaltung geschieht. Über die Tagebücher der Makler s. Makler, S. 135.

Tagegelder, s. Diäten.

Tagekranz, s. Hängebank.

Tagelied(Tageweise, Wächterlied), eine Gattung des mittelalterlichen Minnegesangs, welche balladenartig das Scheiden zweier Liebenden schildert, woran der Turmwächter, den anbrechenden Tag verkündend, mahnt. Diese Dichtungsform war in der Provence erfunden, wurde aber in Deutschland schon früh nachgeahmt und hier, teils mit der Figur des Wächters, teils ohne dieselbe als bloßes Scheideduett, bald sehr populär; als größter Meister derselben erscheint Wolfram von Eschenbach. Später übernahm das Volkslied die Pflege der Tageweisen, die in der Reformationszeit auch eine geistliche Umdeutung erfuhren, wodurch die sogen. geistlichen Wächterlieder entstanden, als deren letztes das noch heute gesungene Lied "Wachet auf, ruft uns die Stimme" von Ph. Nicolai zu nennen ist. Vgl. Bartsch, Gesammelte Vorträge und Aufsätze (Freiburg 1883); Gruyter, Das deutsche T. (Leipz. 1887).

Tagelöhner, derjenige, welcher gegen Tagelohn arbeitet. Vgl. Arbeitslohn, S.759.

Tages, nach röm. Mythus der Sohn eines Genius und Enkel des Jupiter, tauchte bei Tarquinii in Etrurien aus der Furche eines frisch gepflügten Feldes plötzlich empor und lehrte, ein Knabe von Ansehen, ein Greis an Weisheit, den Etruskern die Haruspizien (s. Haruspices), die dann von ihnen in den Libri tagetici aufgezeichnet wurden.

Tagesbefehl, s. v. w. Parolebefehl, s. Parole.

Tagesgeschäft, Tageskauf, im Gegensatz zum Lieferungsgeschäft (s. d.) und zum Lieferungskauf (s. d.) dasjenige Geschäst, bei welchem die Ware unmittelbar (oder auch je nach den Börsenusancen mit gewisser Frist) nach Abschluß des Geschäfts übergeben wird.

Tageshelle, s. Diffusion des Lichts.

Tagesordnung, bei beratenden und beschließenden Versammlungen das Verzeichnis und die Reihenfolge der zur Beratung kommenden Gegenstände, welche für die jeweiligen Sitzungen im voraus auf- und festzustellen sind; daher heißt zur T. übergehen s. v. w. auf einen Antrag etc. nicht weiter eingehen. Geschieht dies unter der Angabe von Gründen, so spricht man von einer motivierten T., welche als eine mildere Form der Ablehnung eines Antrags gilt.

Tagesregent, in der Astrologie derjenige der sieben Planeten: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond, der auf die erste Stunde eines jeden Wochentags kommt, wenn man die erste Stunde des Sonnabends dem Saturn, die zweite dem Jupiter etc., die achte wieder dem Saturn u. s. f. in obiger Weise zuteilt. Sonach sind Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter und Venus die Regenten der Wochentage, vom Sonnabend angefangen, weshalb letztere auch die Namen dies Saturni (engl. saturday). d. Solis (engl. sunday), d. Lunae (Montag, ital. lunedi) , d. Martis (ital. martedI) , d. Mercurii (ital. mercord1), d. Jovis (ital. gioved1) und d. Veneris (ital. venerdi) führen.

Tagewählerei, in Luthers Bibelübersetzung (5. Mos. 18, 10) der Glaube an Glücks- oder Unglückstage bei den Juden, der sich aber fast bei allen Kulturvölkern findet und bis heute nicht geschwunden ist. Über die T. der Griechen belehrt uns das Hesiodsche Gedicht "Werke und Tage"; bei den Römern galten alle auf die Iden folgenden Tage als unglücklich, und dazu kamen die drei großen Unglückstage: 7. Mai, 8. Juli und 8. Nov., die den Toten gewidmet waren. An solchen Unglückstagen, deren Zahl sich durch die Daten verlorner Entscheidungsschlachten oder sonstiger nationaler Unglücksfälle vermehrte, durften keine neuen Unternehmungen, Feldzüge, Bauten, Reisen, Ehen etc. begonnen werden; für die Eheschließung galt auch der ganze Monat Mai für unglücklich. Bei den alten Germanen galten die den Hauptgöttern Wuotan und Donar heiligen Wochentage (Montag und Donnerstag) für Glückstage,

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Tagewasser - Tahiti.

Dienstag und Freitag für unglücklich, und der Freitag gilt noch heute unzähligen Menschen als ein Tag, an dem man nichts beginnen darf. Im Mittelalter dehnte sich die T. bis auf die im Kalender verzeichneten Tage aus, an denen es gut sei, Haare zu schneiden, zu purgieren etc. Besonders lebendig ist die T. heute noch bei den Russen und Finnen, Indern, Chinesen und Japanern. Vgl. Andree, Ethnographische Parallelen und Vergleiche (Stuttg. 1878).

Tagewasser, im Bergbau das von der Erdoberfläche in die Grube gelangende Wasser.

Tagewerk, früher ein in manchen Gegenden Deutschlands gebräuchliches Feldmaß, eigentlich so viel Land, wie ein Ackersmann in einem Tag bestellen kann, also etwa s. v. w. Morgen.

Tagfahrt, s. v. w. Termin.

Tagfalter(Diurna, Rhopalocera), Familie aus der Ordnung der Schmetterlinge (s. d., S. 556).

Taggia(spr. taddscha), Stadt in der ital. Provinz Porto Maurizio, Kreis San Remo, am Fluß T. und an der Eisenbahn Genua-Nizza, unweit der ligurischen Küste, an welcher sich ein kleiner Hafen (Arma di T.) befindet, hat ein Gymnasium, mehrere Kirchen, Weinbau und (1881) 4046 Einw.

Tagil, Fluß im russ. Gouvernement Perm, kommt aus dem Ural im Kreis Jekaterinenburg, fließt an den Hüttenorten Werchne-Tagilsk und Nishne-Tagilsk (s. d.) vorüber und ergießt sich nach einem Laufe von 270 km in den Fluß Tura.

Tagkreis, dem Himmelsäquator paralleler Kreis, welchen ein Gestirn bei der täglichen scheinbaren Rotation des Himmelsgewölbes beschreibt.

Tagliacozzo(spr. talja-), Stadt in der ital. Provinz Aquila, Kreis Avezzano, mit hoch gelegenem Schloß und (1881) 3142 Einw. Hier 23. Aug. 1268 Schlacht zwischen Karl von Anjou und Konradin (s. d.) von Schwaben, in der letzterer besiegt wurde. Vgl. Köhler, Zur Schlacht von T. (Bresl. 1884).

Tagliamento(spr. talja-), Fluß in Venezien, entspringt in den Friauler Alpen, fließt anfangs östlich, wendet sich dann südlich, ist von Latisana an für Barken schiffbar und mündet nach einem Laufe von 170 km ins Adriatische Meer. An der Mündung liegt der kleine Hafen Porto del T. Der T. gehört zu den gefährlichsten Flüssen von Friaul und fließt meist in erhöhtem, aus Gerölle aufgebautem Bett in dünnen Wasserfäden; bei Hochwasser überschüttet er aber die Fruchtebene mit Steinen. Bei Codroipo liegt sein Bett 9 m über der Ebene. - Nach dem T. war unter Napoleon I. ein Departement Italiens mit der Hauptstadt Treviso benannt.

Tägliche Lieferung, im Lieferungsgeschäft (s. d.) derjenige Kauf, bei welchem der Käufer berechtigt ist, bis zu einem bestimmten Termin an jedem Tag die Lieferung zu fordern.

Taglioni(spr.taljoni), berühmte Tänzerfamilie, aus der zuerst Philipp T., geb. 1777 zu Mailand, einen Namen gewann; er wirkte nacheinander als Ballettmeister beim Theater in Stockholm, Kassel, Wien, seit 1840 in Warschau, ließ sich 1853 am Comersee nieder und starb daselbst 11. Febr. 1871. Er verfaßte viele Ballette. Von seinen fünf Kindern, die sich sämtlich der Tanzkunst widmeten, und von denen die Töchter in altadlige Geschlechter heirateten, sind Maria und Paul zu Berühmtheit gelangt. Seine Tochter Maria, geb. 23. April 1804 zu Stockholm, wirkte seit 1827 an der Großen Oper in Paris, seit 1832 zu Berlin und zog sich 1847 nach ihrer Verheiratung mit dem Grafen Gilbert de Voisins nach Italien zurück. Sie war eine der vollendetsten Tänzerinnen und ausgezeichnet als Sylphide; starb 23. April 1884 in Marseille. Ihr Bruder Paul, geb. 12. Jan. 1808 zu Wien, debütierte 1825 in Stuttgart, wurde 1829 in Berlin engagiert und 1869 zum Ballettdirektor ernannt. Er verheiratete sich mit der Tänzerin Amalie Galster, die, seit 1815 am Hoftheater zu Berlin engagiert, sowohl hier als auf Kunstreisen die Triumphe des Gatten teilte; sie starb 23. Dez. 1881 in Berlin. Bedeutender als Choreograph denn als Tänzer hat Paul T. eine große Fruchtbarkeit in der Schöpfung von Balletten entwickelt, deren bekannteste "Flick und Flock" und "Fantaska" sind. Er starb 7. Jan. 1884 in Berlin. Seine Tochter Maria, geb. 1833 zu Berlin, debütierte 1847 in London mit Glück, war längere Zeit beim königlichen Ballett zu Berlin, dann am San Carlotheater in Neapel engagiert und vermählte sich 1866 mit dem Fürsten Joseph Windischgrätz. Eine jüngere Tochter, Auguste, war eine Reihe von Jahren als Schauspielerin zu Berlin thätig.

Tagsatzung(Tagleistung), in der Schweiz früher Bezeichnung des Bundestags, welcher zumeist in Baden, später in Frauenfeld abgehalten wurde. In der T. führte Zürich als sogen. Vorort den Vorsitz. Mit der Umwandlung des eidgenössischen Staatenbundes in einen Bundesstaat kam die T. in Hinwegfall (s. Schweiz, S. 762).

Tagschmetterlinge, s. v. w. Tagfalter.

Taguan, s. Eichhörnchen, S. 362.

Taguanüsse(Elfenbeinnüsse), die Früchte von Phytelephas macrocarpa; vgl. Elfenbein.

Tagulandang(Tagulanda), Insel an der Nordostspitze der Insel Celebes, 140 qkm groß mit 2000 Einw., steht unter einem Radscha und gehört zur niederländischen Residentschaft Menado.

Tag- und Nachtgleiche, s. Äquinoktium.

Tagwechsel(Präzisewechsel), s. Wechsel.

Tahaa(Otaha), eine der noch unabhängigen Gesellschaftsinseln im südöstlichen Polynesien, zur Leewardgruppe gehörig, 82 qkm groß, gebirgig, doch fruchtbar, mit mehreren guten Häfen und (1885) 634 Einw., welche durch englische Missionäre zum Christentum bekehrt wurden.

Tahiti(Otaheiti), die unter franz. Protektorat stehende größte und wichtigste der Gesellschaftsinseln, besteht aus zwei durch eine schmale Landenge zusammenhängenden Halbinseln, Taiarapu und Porionuu, und hat einen Flächeninhalt von 1042 qkm (19 QM.). Die Insel ist von einem Korallenriff umgeben, welches mehrere Öffnungen zum Einlaufen der Schiffe sowie mehrere Baien und Buchten mit guten Ankerplätzen hat. Das Land ist vulkanisch und steigt von der Küste gegen die Mitte hin im Orohea oder Tobreonu bis 2104 m an. Zahlreiche Bäche ergießen sich von den Bergen, in ihrem obern Lauf schöne Kaskaden bildend und in der Regenzeit oft zu reißenden Flüssen anschwellend. Vom Fuß der Berge bis zum Strand ist die ganze Insel von einer schmalen Niederung umgeben, auf welcher die Wohnungen zerstreut liegen. Das Klima ist sehr gesund ; von einheimischen Produkten sind namentlich Zuckerrohr (eine der Insel eigne Spezies), Bananen, Pisangs, Brotfrucht- und Kokosbäume, Yams, Bataten, Arum zu nennen. Die Bevölkerung wurde zu Cooks Zeiten (wohl zu hoch) auf 120,000 Seelen geschätzt, ist sehr gesunken und betrug 1885 nur 9562, mit dem benachbarten Morea 11,007 Seelen (davon nur 4673 weiblichen Geschlechts). Von der Gesamtzahl waren 8577 Eingeborne, 288 Franzosen (davon 132 Mann Garnison), außerdem Engländer, Amerikaner, Deutsche, eine Anzahl Chinesen und als Arbeiter eingeführte

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Tahk - Tahkali.

Polynesier andrer Inseln.

Das Christentum(meist methodistisches) ist durchweg angenommen; es bestehen bereits 34 Schulen, 1n welchen 1800 Kinder unterrichtet werden. Als Zeitung besteht der amtliche "Messager de T." Unter Kultur sind 3093 Hektar, davon 2328 mit Kokospalmen bepflanzt, der Rest mit Baumwolle, Zuckerrohr, Kaffee, Vanille, Mais u. a.; die Orangenbäume, von Cook eingeführt, wachsen wild und liefern reiche Erträge zur Ausfuhr nach Amerika. Der Großhandel ist in den Händen englischer, deutscher und nordamerikanischer Häuser. Eingeführt werden: Spirituosen, Konserven, Hausgerät, Bauholz, Kleider; ausgeführt: Baumwolle, Apfelsinen, Perlschalen, Kopra, Trepang. 1887 betrug die Ausfuhr 1,644,308 Mk.: es liefen 172 Schiffe ein und 156 aus. Die Post beförderte durch fünf Ämter 176,483 Sendungen. Die Ausgaben des Mutterlandes für die Kolonie betrugen 805,000, das Kolonialbudget 1,27 Mill. Frank. Die wichtigsten Häfen sind Papeete (s. d.), Papeuriri und Antimaono auf der Südküste, Papaoa ostnordöstlich von Papeete. Ein monatlicher, von der französischen Regierung subventionierter Schiffsverkehr besteht mit San Francisco. Auch eine Eisenbahn von 33 km Länge besitzt T. Hauptstadt ist Papeete; im Innern in Fatuahua befindet sich ein Fort, das die ganze Insel beherrscht. Die Flagge s. Tafel "Flaggen I". Die Insel T. wurde von Quiros 1606 entdeckt und Sagittaria genannt; genauere Kunde verdanken wir aber erst dem Engländer Wallis, welcher die Insel 1767 besuchte und Georgs III.-Insel nannte. Im April 1768 wurde sie von Bougainville besucht, der sie wegen der Sinnlosigkeit der Weiber Nouvelle Cythère (Neukythera) taufte. Cook, der sie 1769 mit Forster genauer untersuchte, gab dem Archipel den Namen Gesellschaftsinseln. Seitdem ist der Archipel von Wilson, Turnbull, Bellinghausen, Duperrey, Kotzebue, Beechey, Dumont d'Urville u. a. besucht und beschrieben worden. Der gesellschaftliche Zustand Tahitis wurde besonders durch die 1797 erfolgte Ankunft der englischen Missionäre umgewandelt. Der König Pomare I. nahm die Missionäre günstig auf, aber erst sein Nachfolger Pomare II. trat 1812 zum Christentum über. Vielweiberei und Kindermord, früher an der Tagesordnung, hörten auf; 1822 zählte man auf T. schon 66 Kirchen und Kapellen. Da Pomare II. 1821 einen erst 18 Monate alten Sohn, Pomare III., hinterließ, nahmen die Missionäre, damit die Fortschritte der Bildung nicht gefährdet würden, selbst das Staatsruder in die Hand. 1824 erhielt T. eine Art von Konstitution. Der junge König starb aber schon 11. Jan. 1827, worauf seine 16jährige Schwester als Pomare Wahine I. auf den Thron erhoben ward. Die Wirksamkeit der englischen Missionäre ward gestört, als, durch einen belgischen Kaufmann, Moerenhout, der sich 1829 auf T. niederlassen, veranlaßt, französische katholische Missionäre auf T. Fuß zu gewinnen suchten. Die Königin ließ die letztern gewaltsam vertreiben, worauf die französische Regierung den Kapitän Dupetit-Thouars beauftragte, Genugthuung und zugleich Entschädigung für die vertriebenen Missionäre zu verlangen. Die Königin mußte nachgeben und die Ansiedelung katholischer Priester auf der Insel dulden. Auf Moerenhouts Veranlassung baten 1841 einige Häuptlinge die französische Regierung um Übernahme des Protektorats über die Insel. Am 1. Sept. 1842 erschien Dupetit-Thouars wieder vor Papiti und erzwang durch Drohungen die Anerkennung von Frankreichs Protektorat. Als er aber 1843 die Absetzung der Königin proklamierte, entstanden daraus Verwickelungen mit England. Das französische Gouvernement mußte nachgeben und behielt bloß das Protektorat, welches aber allmählich in völlige Herrschaft verwandelt wurde. Der Code Napoléon gilt als Gesetzbuch, die Richter werden aus den französischen Zivil- und Militärbeamten genommen. Die Königin starb 17. Sept. 1877; ihr Nachfolger war ihr Sohn Arijane, der als Pomare V. eine Scheinregierung führte, die er 1880 in aller Formen Frankreich abtrat. Vgl. Le Chartier, T. et les colonies françaises de la Polynésie (Par. 1887).

Tahk, Längenmaß, s. Thuok.

Tahkali, s. Carrierindianer.

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Tahoe - Taine.

Tahoe(spr. tahu), See an der Grenze der nordameri-kan. Staaten Kalifornien und Nevada, 906 qkm groß, liegt 1902 m ü. M. und fließt durch den 150 km langen Truckeefluß in den Pyramid Lake ab.

Tahfil-dar, türk. Steuerbeamter, welcher den Steuerpachtern beigegeben wird.

Taifun, Wirbelsturm, s. Teifun.

Taikun, f. Shogun.

Taillandier(spr. tajangdjeh), Saint-René (eigentlich René Gaspard Ernest), franz. Schriftsteller, geb. 16. Dez. 1817 zu Paris, studierte daselbst und in Heidelberg die Rechte, daneben Philosophie und schöne Litteratur, ward 1841 Professor der Litteratur zu Straßburg , 1843 zu Montpellier und erhielt 1863 an Saint-Marc Girardins Stelle den Lehrstuhlder französischen Poesie an der Sorbonne. 1870-72 fungierte er als Generalsekretär des Erziehungsministers; 1873 wurde er zum Mitglied der Akademie ernannt. Er starb 24. Febr. 1879. T. hat sich mit besonderm Erfolg der Aufgabe gewidmet, seine Landsleute mit der Geschichte und den litterarischen Arbeiten der Deutschen bekannt zu machen. Wir nennen von seinen Werken: "Scot Érigène et la philosophie scholastique" (1843, 2. Aufl. 1877); "Histoire de la jeune Allemagne" (1849) und "Études sur la révolution en Allemagne" (1853, 2 Bde.); ferner: "Allemagne et Russie" (1856); "Histoire et philosophie religieuse" (1860); "Écrivains et poètes modernes" (1861); "La comtesse d'Albany" (1862); "Maurice de Saxe"(1865)^ "Tchèques et Magyars" (1869); "Drames et romans de la vie littéraire" (1870); "Le général Phil. de Ségur" (1875); "Dix ans de l'histoire d'Allemagne" (nach der Korrespondenz Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen, 1875); "Le roi Léopold et la reine Victoria, récits d'histoire contemporaine" (1878, 2 Bde.); "Études littéraires: Boursault, etc." (1881). Auch gab er die Übersetzung des Goethe-Schillerschen Briefwechsels von der Baronin Carlowitz (1863, 2 Bde.) heraus.

Taille(franz., spr. tallje), der Schnitt eines Kleides; Wuchs, Körpergestalt, insbesondere der Teil zwischen Hüften und Brust und das entsprechende Stück der Frauenkleidung, Leibchen; in der Musik s. v. w. Tenor; basse-t., der zweite (tiefere) Tenor (auch s. v. w. Bariton). In Frankreich bedeutete T. ursprünglich eine Steuer, welche der Lehnsherr von seinen Vasallen erhob; später überhaupt Staatssteuer, nachdem sie unter Karl VIL zu einer bleibenden geworden war, um die ersten stehenden Truppen zu erhalten; beim Pharospiel s. v. w. Abzug, d. h. eine Tour des Spiels und die Karten dazu in der durch das Mischen bewirkten Reihenfolge.

Taille-douce(franz., spr. taj-duhß), s. v. w. Kupferstich (im Gegensatz zu Eau forte, Radierung); Taille-dure, Stahlstich.

Tailleur(franz., spr. tajör), Schneider.

Taillon(franz., spr. tajong), Nachsteuer.

Taimyr, nördlichste Halbinsel des asiatischen Festlandes zwischen der Jenisseimündung und dem Chatangabusen, nach neuern Bestimmungen der schwedischen Polarexpeditionen zwischen 81 und 114° östl. L. v. Gr. gelegen. Ihre nördlichste Spitze ist das Kap Tscheljuskin unter 77° 36' 48'' nördl. Br. und 103° 17' 12'' östl. L. Die Halbinsel wird vom Taimyrfluß, welcher den großen, über 100 km breiten Taimyrsee durchfließt und sich in die Taimyrbucht ergießt, in zwei Halbinseln, eine größere östliche und eine kleinere westliche, geteilt und von dem in nordöstlicher Richtung streichenden Byrrangagebirge durchzogen, dessen östliche Teile Nordenskjöld auf 600-900 m Höhe schätzt. Die T. liegt jenseit der Baumgrenze, so daß auf ihr die verschiedenen Formen der Tundra (s. d.) in besonders charakteristischer Weise zur Entwickelung gelangen. Durchforscht wurde die T. zur Zeit der großen nordischen Expedition (1735-43) von Minin, Sterlegow, Prontschischew, Chariton, Laptew, Tschekin und Tscheljuskin; im J. 1843 drang v. Middendorff bis zur Taimyrbai vor, und 1878 ist dieser nördlichste Teil der Ostfeste von der Expedition der Vega umfahren worden.

Tain, 1) (spr. täng) Stadt im franz. Departement Drôme, Arrondissement Valence, am Rhône und an der Bahnlinie Lyon-Avignon, mit dem gegenüberliegenden Tournon durch zwei Hängebrücken verbunden, hat einen römischen Opferaltar, eine Kaltwasserheilanstalt, Seidenspinnerei, trefflichen Weinbau (auf dem Eremitagehügel) und (1881) 2150 Einw. - 2) (spr. tähn) Hafenstadt in der schott. Grafschaft Roß, am Dornoch Firth, mit Lateinschule und (1881) 1742 Einw.

Taine(spr. tähn), Hippolyte, angesehener franz. Schriftsteller, Philosoph und Kritiker, geb. 21. April 1828 zu Vouziers (Ardennen), erhielt seine Bildung am College Bourbon und an der École normale in Paris, studierte hierauf Philologie, um sich dem Lehrfach zu widmen, entsagte aber diesem Plan, nachdem er bereits durch seine beiden Abhandlungen: "De personis Platonicis" und "Essai sur les fables de Lafontaine" (1853, 11. Aufl. 1888) sich den Doktortitel erworben hatte, um sich ganz seinen wissenschaftlichen Forschungen hingeben zu können. Zwei seiner ersten Schriften, der von der Akademie gekrönte "Essai sur Tite-Live" (1854, 5. Aufl. 1888) und "Les philosophes francais du XIX. siècle" (1856, 6. Aufl. 1888), erregten bereits durch die Unabhängigkeit der darin ausgesprochenen Ansichten großes Aufsehen; noch mehr war dies der Fall mit seiner "Histoire de la littérature anglaise" (1864; 5. Aufl. 1886, 5 Bde.; deutsch, Leipz. 1877-78), die von seiten der orthodoxen und päpstlichen Partei einen wahren Sturm gegen den Verfasser erregte, weil man darin anti-spiritualistifche Grundsätze wahrzunehmen glaubte. Die Arbeit erhielt darum trotz ihres wissenschaftlichen Werts den akademischen Preis nicht. Als Entschädigung erhielt der Verfasser durch Vermittelung des Kaisers eine Professur der Geschichte und Kunstgeschichte an der Ecole des beaux-arts; auch wurde er 1878 an Lomenies Stelle zum Mitglied der Akademie erwählt. Von seinen sonstigen, übrigens von Paradoxien nicht immer freizusprechenden Schriften sind hervorzuheben : "Voyage aux eaux des Pyrénées" (1855, 11. Aufl. 1887); "Essais de critique et d'histoire" (1857, 3. Aufl. 1874) und "Nouveaux essais" (1865, 4. Aufl. 1886); "Notes sur Paris, ou Vie et opinions de Fred. - Thomas Graindorge", satirische Sittenbilder (6. Aufl. 1880); "Le positivisme anglais", Studien über St. Mill (1864) ; "Voyage en Italie" (1866, 6. Aufl. 1889); "Philosophie de l'art en Italie" (1866, 3. Aufl. 1877); "L'ideal dans l'art", Vorträge (1867); "Philosophie de l'art dans les Pays-Bas" (1868); "Philosophie de l'art en Grece" (1869); "De l'intelligence" (5. Aufl. 1888, 2 Bde.); "Notes sur l'Angleterre" (8. Aufl. 1886) u. sein Hauptwerk: "Les origines de la France contemporaine", das in 2 Teile: "L'ancien regime" (15. Aufl. 1887) und "La Revolution" (1878-84, Bd. 1-3; 16. Aufl. 1888), zerfallt. In demselben nimmt T. einen sehr selbständigen und vielleicht etwas paradoxen, aber auf ein ungeheures tatsächliches Material gestützten Standpunkt ein, der bei der demokratischen Schule großen Anstoß er

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Taiping - Takelung.

regt hat; er führt nämlich alle vorgeblichen Großthaten, Entdeckungen und Neuerungen der Revolution auf ältere Institutionen und Ideen zurück und bringt sie so in einen organischen Zusammenhang mit dem alten Königtum, wie ihn die Jünger Michelets und Louis Blancs nimmermehr zugeben wollen. Als Kunstschriftsteller ist T. in der Analyse der Kunstwerke unübertroffen.

Taiping, Name der Aufständischen in China 1849 bis 1866 (vgl. China, S. 19).

Taitsing, s. Tsing.

Taiwan, chines. Traktatshafen auf der Insel Formosa und Hauptstadt derselben, Sitz eines englischen Konsuls, welcher mit Vertretung der deutschen Interessen betraut ist, mit katholischer und evangelischer Mission, zählt einschließlich des nördlicher gelegenen Takao 235,000 Einw. Da Anping, der Hafen von T., nur eine offene, schlechte Reede ist, bewegt sich der Verkehr mit dem Ausland über Takao (s. d.).

Tajo(spr. tachho), einer der Hauptflüsse der Pyrenäischen Halbinsel, entspringt an der Grenze der span. Provinzen Guadalajara und Teruel, am Westabhang der Muela de San Juan, fließt in westlicher Hauptrichtung an Aranjuez, Toledo und Alcantara vorüber und erhält beim Übertritt nach Portugal, wo er reißend wird und den Namen Tejo annimmt, den Charakter eines Stroms. Unterhalb Salvaterra teilt er sich in zwei Arme, den westlichen Tejo novo und den östlichen Mar de Pedro, welche eine Art Delta, die Lezirias do Tejo, bilden. Alle Arme münden in die herrliche Bai von Lissabon, welche im W. durch die breite Entrada do Tejo mit dem Meer in Verbindung steht. Die regelmäßige Schiffahrt beginnt bei Abrantes, Barken gehen noch 50 km weiter hinauf; bei Santarem beginnt die Dampfschiffahrt, und von hier ab befahren ihn auch Seeschiffe. Die Länge des T. beträgt 912 km, der Quellabstand 675 km, das Stromgebiet 82,525 qkm (1498,8 QM.). Zuflüsse von rechts sind: Gallo, Jarama (mit Lozoya, Henares, Tajuna und Manzanares), Guadarrama, Alberche, Tiétar, Alagon, Ponsul, Zezere; von links: Guadiela, Almonte, Salor, Zatas uno Canha.

Taka, Längenmaß in Sansibar, à 2 Tobe à 2 Schucka à 2 War (s. d.).

Takao(Takeu), chines. Traktatshafen an der Südwestküste der Insel Formosa, südlich von Taiwan (s. d.), mit dem es nahezu ein zusammenhängendes Ganze bildet. In dem Hafen von T. verkehrten 1886: 190 Schiffe von 103,076 Ton., darunter 58 deutsche von 19,732 T. Die Einfuhr betrug 1887: 1,228,238, die Ausfuhr 585,789 Haikuan Tael.

Takazze(Setit), rechter Nebenfluß des Atbara (s. d.) in Abessinien.

Takel, in der Seemannssprache s. v. w. Flaschenzug.

Takelung(Takelage, hierzu Tafel "Takelung"), die gesamte Vorrichtung zum Anbringen und Handhaben der Segel auf einem Schiff: die Masten, Raaen, Segel und das Tauwerk mit seinen zugehörigen Blöcken (Rollen, Kloben). Von den Masten heißt der vordere der Fock-, der mittlere der Groß- und der hintere der Besahnmast, und alle Rundhölzer, Spieren, Segel und Taue, die an einem Mast geführt werden, werden mit den entsprechenden Beiwörtern gekennzeichnet. Bei den Takelungen mit zwei Masten fehlt bei der Brigg der Besahnmast, beim Schoner der Fockmast. Der Mast besteht nur bei kleinen Fahrzeugen seiner Länge nach aus einem Stück, auf Schiffen gewöhnlich aus drei Stücken. Von diesen ist das wichtigste der Untermast (Fig 1 I), welcher, mit seinem Fuß auf dem Kielschwein (s. Schiff, S. 455) stehend, durch alle Decke geht und mit 1/2-2/3 seiner Länge über das Oberdeck emporragt. Der hölzerne Untermast besteht aus dem innern Teil (Herz), welcher, wenn in der erforderlichen Länge vorhanden, aus Einem Stück gemacht wird, und den um dieses gruppierten Schalen, die zum Schutz und zur Verstärkung dienen und durch viele eiserne Ringe unter sich und mit dem Herzen zu einem Ganzen verbunden sind. Die Masten stehen nicht senkrecht zur Wasserlinie, sondern nach hinten geneigt, die vordern weniger, die hintern mehr. Durch Änderung der Neigung der Masten ist man im stande, die Lage des Segelschwerpunktes, d. h. des Druckmittelpunktes des Windes auf die Segel, zu modifizieren und dadurch die Segeleigenschaften des Schiffs zu verbessern. Unter dem obern Ende des Untermastes (Topp, II) ist derselbe durch zwei Kniee (III) verstärkt, auf denen die Längs- und Quersalingen (IV und V) ruhen. Auf letztern endlich ist der Mars (s. d., VI) verbolzt. Gestützt wird der Untermast nach vorn durch ein Stag (a) und nach hinten und den Seiten durch die Wanten (b b), starke Taue, welche mit einem Auge über den Topp des Mastes gestreift, mit dem andern Ende am Deck, resp in den Rüsten an der Schiffseite befestigt werden. Die Wanten werden nebenbei benutzt, um aufzuentern, d. h. in die T. zu klettern; sie sind dazu mit Querleinen, den sogen. Webeleinen, ausgewebt. Wanten sind allerdings, heißen darum aber keineswegs "Strickleitern". Die nächste und Hauptverlängerung des Mastes ist die Marsstenge (VII), welche mit ihrem Fuß mittels eines Schloßholzes (Riegels) auf den Längssalingen steht und weiter oben durch das Eselshaupt (VIII) an dem Untermast festgehalten wird; sie hat ebenfalls einen Topp (IX), Stagen (a' a') und Wanten (b' b'), außerdem Stütztaue nach hinten (Pardunen, c' c'). An ihrem Topp ist in derselben Weise (nur ein Mars fehlt) die zweite Verlängerung, die Bramstenge (X), durch ein Eselshaupt (XI) befestigt und durch Stagen (a'' a'''), Wanten (b'' b'') und Pardunen (c'' c'') gestützt. Ähnlich wie ein Mast, besteht auch das vorn am Bug befindliche, schräg liegende Bugspriet aus dem eigentlichen Bugspriet und seinen Verlängerungen, dem Klüver- und Außenklüverbaum, welche durch Bug-, Back- und Wasserstagen nach den Seiten und unten gestützt werden. Das bisher erwähnte Tauwerk heißt stehendes Gut zum Unterschied vom laufenden (s. d. und unten), welches seinen Namen daher hat, daß es über allerlei Rollen und durch Blöcke läuft, ehe es zur bequemen Handhabung auf dem Oberdeck bereit ist. Zum stehenden Gut benutzt man häufig Drahttauwerk, welches dauerhafter und widerstandsfähiger ist. An den Befestigungsstellen des stehenden Gutes auf dem Oberdeck und anderwärts sind stets Vorrichtungen vorhanden, um die Spannung in dem betreffenden Tau zu regulieren, resp. dasselbe nachzuspannen. Es sind dies meist sogen. Taljereeps, d. h. flaschenzugartige Apparate ohne Rollen, in neuerer Zeit auch Spannschrauben. Gegen Witterungseinflüsse wird das stehende Gut bekleidet und stark geteert, daher es schon äußerlich an seiner schwarzen Farbe zu erkennen ist. Das laufende Gut ist braun, wenn aus europäischem Hanf, oder fast weiß, wenn aus Manilahanf gefertigt. An dem Untermast, dicht unter dem Topp, hängt die Unterraa (1). Sie wird, wie jede andre Raa, nach oben durch Toppnanten (d) an ihren Nocken gestützt und mit Brassen (e) versehen, welch letztere sie in einer Horizontalebene drehen (anbrassen) können. An den Unterraaen sind die Untersegel (A A) befestigt, welche nach unten, also bis zum Oberdeck, gesetzt (ausge-

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Takelung der Seeschiffe.

I Untermast.

II Topp.

III Kniee.

IV Längssalingen.

V Quersalingen.

VI Mars.

VII Marsstenge.

VIII Eselshaupt.

IX Topp der Marsstenge.

X Bramstenge.

XI Eselshaupt der Bramstenge.

XII Leesegelspieren.

XIII Gaffel.

A Untersegel.

B Marssegel.

C Bramsegel.

D Oberbramsegel.

E Stagsegel.

F Gaffelsegel.

G Leesegel.

J Jungfern.

P Püttinj

a Stag.

a' Stenge

a'' Bramstengestag.

a'" Oberbramstengestag.

b Wanten,

b'b" Stengewanten.

c' Pardunen.

c"c,"' Bramstenge- }

Oberbramstenge- } Parduncn.

f ^Pferde^,

g Reefleinen.

1 Unterraa.

2 Marsraa.

3 Bramraa

4 Oberbramraa.

Fig. 9. Yawl.

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Takeu - Takowo-Orden.

spannt) werden. An der Marsstenge, dicht über dem Eselshaupt (VIII), befindet sich die Marsraa (2), aber zum Heißen (Aufziehen) mittels des Marsdrehreeps eingerichtet; an ihr ist das Marssegel (B B) befestigt, dessen Schoothörner (untere Zipfel) durch Taue, welche Schooten heißen, nach den Enden oder Nocken der Unterraa hin ausgeholt werden; es wird zuletzt die ganze Marsraa geheißt und dadurch das Segel gespannt. Wie die Marssegel, sind die Bram- und Oberbramsegel (C und D) an den Bram- und Oberbramraaen (3 und 4) eingerichtet. Die Taljen, resp. Taue, mit denen die Raaen geheißt werden, heißen Fallen. Sollen die Segel geborgen (eingezogen) werden, so werden sie mittels der Geitaue und Gordings zusammengeschnürt, dann gehen Matrosen auf die Raaen, um, in den Paarden (Pferden, f) stehend, das Segel aufzurollen und vollends festzubinden. Mars und Untersegel können auch verkleinert oder gerefft werden und sind dazu mit Reffleinen (g g) versehen, welche, im Segel befestigt, von demselben mehrere, gewöhnlich vier, Streifen (jeder = ein Reff) abteilen. Beim Reffen läßt man die Raa etwas herunter, dann ziehen Matrosen, welche auf der Raa verteilt sind, das Segel in die Höhe und befestigen die Reffleine auf der Raa. Etwas abweichend sind die Schratsegel eingerichtet. Die Normalstellung der bisher besprochenen Raasegel ist senkrecht zur Längsrichtung des Schiffs. die der Schratsegel liegt in derselben. Sie sind entweder Stagsegel (E E) oder Gaffelsegel (F F). Erstere sind dreieckig: an der obern Ecke, der Piek oder dem Fallhorn, ist das Fall (s. oben) befestigt; die untere, der Hals, sitzt fest an irgend einem Mastteil; die hintere, das Schoothorn, wird durch die Schoot gespannt. Zu den Stagsegeln gehört der Klüver. Gaffelsegel s. unten. Bei leichtem und günstigem Wind wird die Segelfläche durch die Leesegel (G G) vergrößert, dazu die Raaen durch Leesegelspieren (XII) verlängert, zwischen denen erstere ausgespannt werden. Man unterscheidet Unter-, Ober- und Bramleesegel, welche resp. die Unter-, Mars- und Bramsegel seitlich vergrößern.

Auf kleinern Schiffen ist die Schoner- oder Gaffeltakelung zweckmäßiger als die bisher besprochene Raatakelung, weil sie leichter zu bedienen ist, und weil mit derselben besser bei dem Wind (s. Segelmanöver) gesegelt werden kann. Jeder Mast hat hier nur ein trapezförmiges Hauptsegel, das an einer Gaffel (XIII) und am Mast selbst befestigt ist und, wie die Stagsegel, mit einer Schoot gesetzt wird. Über diesem kann ein zweites, das Gaffeltoppsegel, zwischen den Enden der Gaffel und des Mastes, der nur eine Stenge hat, angebracht werden (Fig. 7). Am Bugspriet kommt auch bei dieser T. noch eine Anzahl Stagsegel hinzu. Neuere und große Schiffe haben nicht selten eiserne Masten, welche von demselben Durchmesser wie hölzerne, aber hohl, nur inwendig stark verstrebt, gefertigt werden; zuweilen bestehen Untermast und Stenge aus einem Stück. Sie sind dauerhafter und, wo Hölzer von der erforderlichen Größe schwer zu beschaffen sind, auch billiger; Raaen stellt man aus demselben Grund zuweilen aus Stahlröhren her. Auf Kauffahrteischiffen sind doppelte Marsraaen und Patentmarsraaen vielfach in Gebrauch. Bei letztern kann man schnell, und ohne daß einer in die T. zu gehen braucht, reffen. Indem nämlich die Raa gefiehrt (herabgelassen) wird, dreht sie sich, mittels eines Zahnrades an der mit einer Zahnleiste versehenen Stenge herunterrollend, und wickelt dabei den obern Teil des Marssegels um sich selbst auf. Nach den verschiedenen Takelungen unterscheidet man bei den Seeschiffen: Voll- oder Fregattschiffe (drei Masten, alle mit Raatakelung, Fig. 2); Barken (drei Masten, Fock- und Großmast mit Raatakelung, Besahnmast Gaffeltakelung, Fig. 5); Schonerbarken (nur der Fockmast Raatakelung, Groß- und Besahnmast Gaffeltakelung, Fig.4); dreimastige Schoner (alle drei Masten Gaffeltakelung); Briggs (zwei Masten, beide mit Raaen, Fig. 3); Schonerbriggs (auch Voll- oder Raaschoner; Fockmast mit Raaen, Großmast mit Gaffeltakelung, Fig. 6); Schoner (beide Masten mit Gaffeltakelung, Fig. 7). Einmastige Schiffe mit Raaen gibt es nicht. Die kleinern (Küsten-) Fahrzeuge unterscheiden sich mehr nach ihrer Bauart, wie z. B. Kuff, Galjaß, Galjot, und führen dabei eine der vorerwähnten Takelungen mit geringen Abweichungen. Die Gesamtsegelfläche wird durch eine Zahl angegeben, deren Einheit der Flächeninhalt des größten Querschnitts des Schiffs unterhalb der Wasserlinie ist. Sie beträgt bei den großen modernen Kreuzern mit Dampfkraft 25-30, bei kleinern 30-40; bei den großen Segelschiffen einer vergangenen Periode 40-50, bei den kleinern 60. Hat man die Gesamtsegelfläche eines zu erbauenden Schiffs bestimmt, dann muß die T. so angeordnet werden, daß der Segelschwerpunkt, d. h. der Angriffspunkt der gesamten zur Wirkung kommenden Windkraft, eine auf dem Erfahrungsweg bestimmte Lage hat, nämlich etwas vor dem Schwerpunkt und hinter der Drehachse des Schiffs und in einer Höhe über der Wasserlinie, welche mit der Stabilität in Einklang steht. Liegt der Schwerpunkt der Segelfläche zu weit nach hinten, so wird das Schiff luvgierig, d. h. von der Seite kommender Wind wird bestrebt sein, den Bug des Schiffs dem Wind entgegenzudrehen. Liegt der Segelschwerpunkt zu weit nach vorn, so wird das Schiff leegierig. Etwas luvgierig müssen gute Seeschiffe sein. Über die T. der Boote s. Boot. Vgl. Sterneck, T. und Ankerkunde (Wien 1873); Bréart, Manuel de gréement (4. Aufl., Par. 1875), und die Litteratur bei Art. Seemannschaft.


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