Chapter 53

Teigfarben, s. Pastellfarben.

Teignmouth(spr. tannmoth oder tinn-), Seestadt in Devonshire (England), an der Mündung des Teign in den Kanal, hat einen Kursaal für Badegäste, Marmorschleiferei, Ausfuhr von Granit (aus den Heytorbrüchen), Töpferthon und Apfelwein und (1881) 7120 Einw. Zum Hafen gehören (1888) 23 Seeschiffe von 2456 Ton. und 76 Fischerboote; Wert der Einfuhr 18,302, der Ausfuhr 7330 Pfd. Sterl. T. ist Sitz eines deutschen Konsulats.

Teigwaren, Nudeln, Maccaroni, Biskuits.

Teilaccept, s. Accept.

Teilbarkeit, allgemeine Eigenschaft der Körper, zufolge welcher sich dieselben in kleinere gleichartige Teile auf mechanischem Weg trennen lassen. Ob die physikalische T. der Körper bis ins Unendliche gehe, oder ob dieselbe bei gewissen kleinsten Teilchen (Atomen), die nicht mehr teilbar seien, ihre Grenze habe, darüber hat man vorzüglich auf dem Gebiet der Philosophie bis jetzt viel gestritten, weil man hierin einen wichtigen Schlüssel zur Erforschung des Wesens der Materie zu finden hoffte (s. Atom). Die Bemühungen um Auffindung der Grenze, bis zu welcher faktisch die Teilung der Körper getrieben werden kann, hat zwar noch nicht eine derartige Grenze ergeben, aber doch gezeigt, daß, wenn eine solche vorhanden ist, die kleinsten Teilchen nicht mehr meßbar sind. Man nimmt gegenwärtig an, die mechanische Teilung führe schließlich auf die Mole, während als die

562

Teilbau - Teiresias.

wirklich kleinsten Teile, in welchen ein Körper im freien Zustand existieren kann, die Moleküle gelten. Diese bestehen mit wenigen Ausnahmen aus mindestens zwei Atomen, welche nur durch chemische Mittel voneinander getrennt werden können.

Teilbau, s. Halbpacht.

Teilfrüchtchen, s. Frucht, S. 755.

Teilhaberschaft, s. Arbeitslohn, S. 759, und Handelsgesellschaft.

Teilmaschine, Vorrichtung zur Ausführung von Kreis- oder Längenteilungen, namentlich zur Herstellung der Grad- und Längenteilungen an Meßinstrumenten. Beide haben den zu teilenden Kreis oder Stab periodisch um eine genau bestimmte Strecke zu bewegen und dann durch ein feststehendes sogen. Reißerwerk einen Strich von bestimmter Länge auszuführen. Bei der Kreisteilmaschine wird nach Reichenbach die Originalteilung eines Mutterkreises unter Benutzung des Mikroskops kopiert oder nach Ramsden der zu teilende Kreis mit Schraube und Schraubenrad gleichmäßig gedreht und in passenden Momenten durch das Reißerwerk eingeritzt und endlich nach Örtling eine Kombination beider Prinzipien vorgenommen. Reichenbachs Prinzip ist genau, aber zeitraubend, das von Ramsden ziemlich ungenau; die Kombination nach Örtling gestattet verhältnismäßig schnelles und genaues Arbeiten. Vgl. "Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen", Bd. 29, 1850, S. 133. Bei den Längenteilmaschinen wird die Bewegung des auf einem Schlitten befestigten Maßstabs in der Regel durch Mikrometerschraube bewirkt, z. B. die T. von Gebrüder Ehrlich in Dresden und ähnlich die von Breithaupt in Kassel. Bei der T. ohne Führungsschraube von Meyerstein in Göttingen und ähnlich bei der von Nasmyth wird ein Normalmaßstab zu Hilfe gezogen, dessen Teilung gewissermaßen kopiert werden muß.

Teilnahme am Verbrechen(Mitschuld, Concursus ad delictum), die Beteiligung mehrerer Personen an einer strafbaren Handlung; und zwar spricht man von einer notwendigen T., wenn zu dem Begriff eines Verbrechens, z. B. zu dem Verbrechen des Aufruhrs, das Vorhandensein mehrerer Thäter (Mitschuldige, Komplicen) erforderlich ist, während eine freiwillige T. vorliegt, wenn ein Verbrechen, z. B. ein Diebstahl, von mehreren gemeinschaftlich begangen wird, welches aber auch von einer einzelnen Person verübt werden kann. Die der gemeinschaftlichen Ausführung vorangehende Verabredung eines oder mehrerer einzeln bestimmter Verbrechen wird Komplott genannt. Handelt es sich dagegen um eine Verbindung, welche auf die Wiederholung von einzeln noch nicht bestimmten Verbrechen gerichtet ist, so wird dieselbe als eine Bande bezeichnet. Keine T. ist die Begünstigung (s. o.), weil es sich dabei um einen nachträglichen Beistand handelt. Nur wenn die Begünstigung vor Begehung der That zugesagt war, soll sie als Beihilfe bestraft werden. Im übrigen werden in dem deutschen Strafgesetzbuch Mitthäter, Anstifter und Gehilfen unterschieden. Mitthäter sind diejenigen, welche ein Verbrechen gemeinschaftlich ausführen. Wird dagegen die verbrecherische That von einer Person (dem physischen Urheber) ausgeführt, welche hierzu von einer andern (dem intellektuellen Urheber) durch Geschenke oder Versprechen, durch Drohung, durch Mißbrauch des Ansehens oder der Gewalt, durch absichtliche Herbeiführung oder Beförderung eines Irrtums oder durch andre Mittel vorsätzlich bestimmt worden war, so erscheint die letztere als Anstifter (mittelbarer, intellektueller, moralischer, physischer Urheber). Hat dagegen der Teilnehmer dem Thäter nur wissentlich durch Rat oder That Beihilfe geleistet, so wird er als Gehilfe bestraft, und zwar kennt das deutsche Strafgesetzbuch eine strafbare Beihilfe nur bei eigentlichen Verbrechen und Vergehen, nicht auch bei bloßen Übertretungen. Von den Mitthätern wird jeder als Thäter bestraft (§ 47); ebenso wird der Anstifter gleich dem Thäter bestraft (§ 48). Die Strafe des Gehilfen dagegen ist geringer als diejenige des Thäters; sie soll sich nach den Grundsätzen des Versuchs richten und diesen entsprechend ermäßigt werden (§ 49). Übrigens ist auch der Versuch der Anstiftung für strafbar erklärt, wofern es sich um ein eigentliches (schweres) Verbrechen handelt, zu welchem der Anstifter einen andern, wenn auch ohne Erfolg, aufforderte. Die lediglich mündlich ausgedrückte Aufforderung zum Verbrechen wird nur dann bestraft, wenn diese Aufforderung an die Gewährung von Vorteilen irgend welcher Art geknüpft war. Auch die Annahme einer solchen Aufforderung ist strafbar. Das Komplott, bei welchem es noch nicht zum Beginn der Ausführung der verbrecherischen That gekommen, ist beim Hochverrat (§ 83) strafbar. Im deutschen Militärstrafgesetzbuch (§ 59) ist auch die Verabredung eines Kriegsverrats mit Strafe bedroht. Die Komplotthäupter (Rädelsführer) sind beim Hochverrat und beim Landfriedensbruch vom Gesetz als besonders strafbar bezeichnet. Die Bande ist nach dem Reichsstrafgesetzbuch an und für sich nicht strafbar. Dagegen macht die bandenmäßige Ausführung den Diebstahl und den Raub zum schweren Diebstahl, resp. Raub. Vgl. v. Bar, Zur Lehre vom Versuch und Teilnahme am Verbrechen (Hannov. 1859); Langenbeck, Die Lehre von der T. (Jena 1867); Schütze, Die notwendige T. (Leipz. 1869).

Teilscheibe, Vorrichtung an Räderschneidmaschinen, Drehbänken etc. zur Zerlegung von Kreisen in eine bestimmte Anzahl genau gleicher Teile.

Teilung, Bezeichnung für eine Art der ungeschlechtlichen Fortpflanzung (s. d.).

Teilung der Arbeit, s. Arbeitsteilung.

Teilungsgewebe, s. Meristem.

Teilungslager, s. Zollniederlagen.

Teilungszeichen, s. Divis.

Teilungszwang, s. Gemeinheitsteilung.

Teilurteil, s. Urteil.

Teilzahlung, s. Abschlagszahlung.

Teinach, Dorf und Badeort im württemberg. Schwarzwaldkreis in einem schönen, waldreichen Thal an der Teinach und der Linie Pforzheim-Horb der Württembergischen Staatsbahn, 398 m ü. M., hat eine evang. Kirche, kohlensäurehaltige Stahlquellen und alkalisch-erdige Säuerlinge, welche bei Katarrh der Luftwege, Tuberkulose, Gicht, Blasenkatarrh etc. getrunken werden, und 405 Einw. Von dem Wasser werden jährlich gegen 1 Mill. Krüge versandt. In der Nähe die Stadt Zavelstein (s. d.). Vgl. Wurm, Das Bad T. (5. Aufl., Stuttg. 1884).

Teint(franz., spr. täng), Gesichts- oder Hautfarbe.

Teiresias(Tiresias), griech., der Ödipussage angehöriger Seher, ward in seinen Jünglingsjahren von den Göttern mit Blindheit geschlagen, weil er den Menschen Geheimnisse der Götter mitteilte (oder weil er Athene im Bad gesehen hatte), dann von Zeus mit der Gabe der Weissagung und einem Leben von sieben Menschenaltern beschenkt. Bei dem Zug der Epigonen gegen Theben als Gefangener abgeführt, starb er unterwegs an der Quelle Tilphussa. Er weissagte auch noch in der Unterwelt.

563

Teirich - Telaw.

Teirich, Valentin, Zeichner und Kunstschriftsteller, geb. 23. Aug. 1844 zu Wien, besuchte unter Fr. Schmidt die Kunstakademie daselbst und bildete sich darauf im Atelier van der Nülls und auf Reisen zu einem gediegenen Kenner der deutschen und italienischen Renaissance. Er ward 1868 Dozent, später Professor an der Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums und zugleich Dozent am Polytechnikum. In dieser Stellung schuf er eine große Anzahl von trefflichen Entwürfen für die Möbel-, Bronze- und Thonwarenindustrie, begründete 1872 die "Blätter für Kunstgewerbe", die später von Storck fortgeführt wurden, starb aber schon 8. Febr. 1877. Er schrieb: "Die moderne Richtung in der Bronze- und Möbelindustrie" (Wien 1868) und gab heraus: "Die Ornamente aus der Blütezeit der italienischen Renaissance" (das. 1871); "Marmorornamente des Mittelalters und der Renaissance in Italien" (das. 1874; "Kabinett, im Auftrag Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph I. entworfen" (das. 1874). Nach seinem Tod erschienen. "Bronzen der italienischen Renaissance" (1878).

Teisendorf, Flecken im bayr. Regierungsbezirk Oberbayern, Bezirksamt Laufen, an der Sur und dem Fuß der Alpen sowie an der Linie München-Rosenheim-Salzburg der Bayrischen Staatsbahn, hat eine kath. Kirche, Öberförsterei, Bierbrauerei und 630 Einw. In der Nähe die Schloßruine Raschenberg und Spuren der Römerstraße von Augsburg nach Salzburg.

Teisserenc de Bort(spr. täß'rang d'bor), Pierre Edmond, franz. Staatsmann, geb. 1814 zu Chateauroux, ward auf der polytechnischen Schule gebildet, dann Ingenieur bei der Verwaltung des Tabaksmonopols, darauf Regierungskommissar bei verschiedenen Eisenbahngesellschaften, Mitgründer der Bahn Paris-Lyon-Mittelmeer, im Februar 1871 Mitglied der Nationalversammlung, wo er sich den konservativen Republikanern anschloß, war vom April 1872 bis 24. Mai 1873 Minister der öffentlichen Arbeiten, wurde 1876 Mitglied des Senats und war vom März 1876 bis 16. Mai 1877 und 13. Dez. 1877 bis Februar 1879 wieder Minister der öffentlichen Arbeiten. Er bekleidete darauf bis 1880 den Botschafterposten in Wien.

Teiste(Stechente), s. Lumme.

Teja, Stadt in Marokko, s. Thesa.

Tejada, Staatsmann, s. Lerdo de Tejada.

Tejas, letzter König der Ostgoten, war Feldherr des Totilas, nach dessen Fall bei Tagina 552 er in Pavia zum König erhoben wurde, sammelte in Oberitalien die Reste der Goten und zog darauf nach Unteritalien seinem in Cumä von den Römern belagerten Bruder Aligern zu Hilfe. Hier am Sarnus kämpfte er einen 60tägigen Verzweiflungskampf gegen die Römer, in dem er endlich nach heldenhaftem Widerstand mit dem größten Teil seines Volkes fiel.

Tejo(spr. teschu), Fluß, s. Tajo.

Teju(Tejus Gray), Eidechsengattung aus der Ordnung der Saurier (Sauria) und der Familie der Schienenechsen (Ameivae), amerikanische Reptilien mit gestrecktem Körper, meist 2-3 Querfalten an der Kehle, glatten, in quere Binden geordneten Rückenschuppen, glatten, vierseitigen, in der Fünfform stehenden Bauchschuppen, an der Basis einstülpbarer Zunge, mit zwei oder drei Einschnitten versehenen obern Schneidezähnen und in der Jugend dreispitzigen, im Alter höckerigen Backenzähnen. Der T. (Salompenter, T. teguixin Gray), bis 2 m lang, oberseits bräunlichschwarz mit weißgelben und weißen Flecken und Binden, unterseits rötlichgelb, schwarz gebändert, bewohnt Südamerika von Guayana bis Paraguay, lebt hauptsächlich in der Nähe der Küste, in Plantagen, Gebüschen, Wäldern, gräbt sich Erdhöhlen unter Baumwurzeln, nährt sich von Früchten und allerlei kleinen Tieren und wird auf Hühnerhöfen schädlich durch das Rauben von Eiern und jungem Geflügel. Er ist sehr schüchtern und flüchtig, leistet aber im Notfall tapfere Gegenwehr und beißt äußerst scharf. Man jagt ihn eifrig auch des wohlschmeckenden Fleisches halber und benutzt dies und besonders das Fett gegen Schlangenbiß.

Tejuco, Stadt, s. Diamantina.

Tekendorf(ungar. Teke), Stadt im ungar. Komitat Klausenburg (Siebenbürgen), mit 3 Kirchen, (1881) 2032 ungarischen, rumänischen und deutschen Einwohnern, Bezirksgericht und Weinbau.

Tekiëh, ein mohammedan. Mönchskloster.

Tekke-Turkmenen(Tekinzen), ein Stamm der Turkmenen, nördlich vom Kopet Dagh bis zur Sandwüste Karakum und südöstlich bis Merw in einem mit zahlreichen Festungen besetzten Gebiet wohnhaft; sie zerfallen in drei Stämme: die Achal-T., die Tetschen-T. und die Merw-T. Die erstern wurden nach zweijährigem hartnäckigen Widerstand von den Russen unterworfen, indem General Skobelew 24. Jan. 1881 ihre Hauptfestung Gök-Tepe erstürmte. Durch Ukas vom 18. Mai 1881 wurde das Gebiet der Achaltekinzen mit dem transkaspischen Gebiet vereinigt und 31. Jan. 1884 auch Merw von den Russen in Besitz genommen.

Tekrit, kleine, früher bedeutendere, von Arabern bewohnte Stadt im türk. Wilajet Bagdad, am rechten User des Tigris, etwa 160 km nordnordwestlich von Bagdad auf mehreren Hügeln, die zum Flusse steil abfallen, mit Ruinen einer alten Festung und angeblich 2000 Einw.

Tekrur, der einheimische Name für die Osthälfte des Sudân vom Niger bis Kordofan.

Tektonik(griech.), die Kunst, Räume herzustellen, in welchen man wohnt, die Baukunst im weitern Sinn; dann auch die Kunst, Geräte und Möbel unter Berücksichtigung des Verhältnisses der tragenden und getragenen Teile aus Holz und andern Materialien zu verfertigen (Möbeltischlerei, Zimmermannskunst, Gefäßbildnerei etc.).

Tektur(lat.), Decke, Umschlag eines Aktenstücks.

Tekutsch(rumän. Tecuciu), Kreishauptstadt in Rumänien (Moldau), am Berlad, Knotenpunkt der Eisenbahnen nach Galatz, Berlad und Marasesti (Linie Roman-Verciorova), Sitz der Präfektur und eines Tribunals, mit einem Gymnasium, Weinbau, Handel und 9081 Einw.

Tela(lat.), Gewebe, z. B. T. cartilaginea, Knorpelgewebe.

Telabun, s. Eleusine.

Telamon, griech. Heros, Sohn des Äakos und der Endeis, Bruder des Peleus, flüchtete wegen des an seinem Halbbruder Phokos verübten Mordes nach Salamis zum Kychreus, der ihn zum Schwiegersohn erkor und ihm bei seinem Tode die Herrschaft hinterließ. Seine spätere Gattin Periböa gebar ihm den Aias. T. begleitete Herakles nach Troja, wo er die Tochter des Luomedon, Hesione, zum Geschenk erhielt, die ihm den Teukros gebar, und nahm auch teil an der kalydonischen Jagd und der Argonautenfahrt.

Telamonen(griech.), in der Architektur, s. Karyatiden.

Telaw, Kreisstadt im russisch-kaukas. Gouvernement Tiflis, Hauptort der Landschaft Kachetien, in obst- und weinreicher Gegend, mit Palästen und den Ruinen alter Befestigungen, einem Bazar, lebhaftem Handel mit Wein und (1879) 7022 Einw.

564

Telchinen - Telegraph.

Telchinen, in der griech. Mythologie ein aus dem Meer entsprossenes Urgeschlecht auf der Insel Rhodos. Sie galten für die ältestem Metallarbeiter und Verfertiger von Götterbildern und mythischen Waffen und Geräten, namentlich der Sichel des Kronos und des Dreizacks des Poseidon (welch letzterer ihnen von Rhea zur Erziehung anvertraut sein sollte, wie Zeus den rhodischen Kureten), aber auch für neidische Zauberer und Göttern wie Menschen feindliche Dämonen. Sie wurden daher von Apollon getötet, nach andrer Sage von Zeus durch eine Überschwemmung der Insel vernichtet; nach noch andrer Tradition wanderten sie von Rhodos aus und zerstreuten sich nach Lykien, Cypern, Kreta und Griechenland.

Teleangiëktasie(griech.), s. Feuermal.

Telega, russ. Fuhrwerk, s. Kibitka.

Telegonos, im griech. Mythus Sohn des Odysseus und der Kirke, zog auf Geheiß seiner Mutter aus, den Vater zu suchen, und ward durch einen Sturm nach Ithaka verschlagen. Als er hier, von Hunger getrieben, auf den Feldern des Odysseus raubte und dieser ihm entgegentrat, tötete er seinen Vater, ohne ihn zu kennen. Auf Geheiß der Athene ging er darauf mit Telemachos und Penelope zur Kirke zurück und vermählte sich dort mit Penelope, die ihm den Italos gebar. Er soll Präneste und Tusculum gegründet haben.

Telegramm(griech.), aus Amerika (1852) stammende Bezeichnung einer telegraphischen Nachricht (sprachlich richtiger Telegraphem, wie im heutigen Griechenland üblich). Man unterscheidet: 1) T. in offener Sprache mit allgemein verständlichem Inhalt in einer gebräuchlichen Sprache; 2) T. in verabredeter Sprache in Wörtern, die nur für den Eingeweihten einen Sinn geben. Die Wörter werden für die internationale Korrespondenz zugelassenen Wörterbüchern entnommen und bezeichnen oft ganze Sätze, so daß das T. sehr kurz und billig wird; 3) T. in chiffrierter Sprache, d. h. aus Ziffern oder Buchstaben bestehend, zu deren Deutung ein Schlüssel nötig ist (s. Chifferschrift). Die Gebühren werden nach einem Einheitssatz für das Wort berechnet. Größte Länge eines Wortes für T. 1) im europäischen Verkehr 15, im außereuropäischen Verkehr 10 Buchstaben, für T. 2) höchstens 10 Buchstaben. Bei T. 3) sind je 5 Ziffern oder Buchstaben = ein Wort. Worttaxe (1889) im innern Verkehr Deutschlands 6, für Stadttelegramme 3 Pfennig und im Verkehr mit Algerien-Tunis 27, Belgien 10, Bosnien-Herzegowina 20, Bulgarien 25, Dänemark 10, Frankreich 15, Gibraltar 25, Griechenland mit Euböa und Poros 40, griechische Inseln 45, Großbritannien 20 (Grundtaxe 40), Helgoland 15, Italien 20, Luxemburg 6, Malta 40, Marokko 40, Montenegro 20, Niederlande 10, Norwegen 20, Österreich-Ungarn 10, Portugal 25, Rumänien 20, Rußland (europäisches und kaukasisches) 25, Schweden 20, Schweiz 10, Serbien 20, Spanien 25, Tripolis 105, Türkei 45 Pfennig. Dringende Telegramme (dringend, urgent, D.) werden gegen dreifache Gebühr vor andern befördert. Bezahlte Antwort (Antwort bezahlt, reponse payee, R. P.) wird für zehn Worte berechnet, man kann aber auch für mehr Worte und für dringende Antwort (R. P. D.) bezahlen. Verglichene Telegramme (Vergleichung, collation, T. C.) werden von der Ankunftsstelle zurücktelegraphiert, Gebühr für Vergleichung ein Viertel der Gebühr für das T. Empfangsanzeige (Empfangsanzeige bezahlt, accuser réception C. R.), Gebühr gleich T. von zehn Worten. Nachzusendendes T. (nachzusenden, faire suivre, F. S.) wird innerhalb Europas dem Empfänger nachgesandt und die Gebühr von letzterm erhoben. Zu vervielfältigendes T. an mehrere Empfänger in demselben oder an mehrere Wohnungen desselben Empfängers in demselben Ort. Gebühr für jede Abschrift 40 Pf. Offen zu bestellendes T. (remettre ouvert, R. O.) wird unverschlossen übergeben. P. P. = poste payée, Post bezahlt; X. P. = exprés payé, Eilbote bezahlt. Seetelegramm (sémaphorique) für Schiffe in See muß Empfänger, Namen des Schiffs und der zu benutzenden Seetelegraphenanstalt enthalten. Berichtigungs- oder Ergänzungstelegramm: 72 Stunden nach Empfang, resp. Absenduug eines Telegramms kann man Richtigstellung zweifelhaft erscheinender Wörter fordern, hat die Gebühr für die erforderlichen Telegramme zu hinterlegen, erhält dieselbe aber zurück, wenn Entstellung durch Schuld des Telegraphendienstes sich ergibt. Die für diese besondern Telegramme angegebenen Bezeichnungen sind vor das T. zu setzen, sie sind gleich dem Inhalt des Telegramms gebührenpflichtig, die Abkürzungen zählen aber nur als ein Wort.

Telegraph(griech., "Fernschreiber", hierzu Tafeln "Telegraph I u. II"), jede Vorrichtung, welche den Austausch von Nachrichten zwischen entfernten Orten ohne Zuhilfenahme eines Transportmittels ermöglicht. Licht, Schall und Elektrizität sind die Mittel, deren man sich zur Erreichung dieses Zwecks bedienen kann; doch finden die optischen und akustischen Telegraphen nur noch zu Signalen, im Eisenbahnbetrieb, bei der Schiffahrt und im Kriegswesen Verwendung. Optische Telegraphen sind schon im Altertum angewandt worden; nach Äschylos erfuhr Klytämnestra die Eroberung von Troja durch Feuerzeichen auf den Bergen noch in derselben Nacht, obwohl eine Strecke von 70 Meilen dazwischenlag. Ähnliche Alarmfeuer waren bei den Feldzügen Hannibals, insbesondere bei den Schotten, aber auch bei den germanischen und andern Völkerschaften gewöhnliche Mittel der Telegraphie, worüber sich unter andern bei Polybios, I. Africanus und sonstigen Schriftstellern Nachrichten finden. Kleoxenos und Demokleitos (450 v. Chr.) sollen die Buchstaben des griechischen Alphabets auf fünf Tafeln verteilt und dann durch Erheben von Fackeln nach links oder rechts zuerst die Tafel, auf welcher der zu telegraphierende Buchstabe stand, darauf die Nummer des letztern selbst bezeichnet haben. Polybios (196) ließ diese Feuerzeichen durch Röhren beobachten, welche in gewissen Stellungen fixiert waren. Weitere Ausbildung erhielt der optische T. erst 1793 durch die Gebrüder Chappe, welche drei Balken an einem weithin sichtbaren Ort so an einem Gestell befestigten, daß sie in vielfachen Kombinationen eine große Zahl bestimmter Zeichen geben konnten. Zwischen Paris und Lille telegraphierte man mit diesem Apparat, unter Benutzung von 20 Stationen, in 2 Minuten, und seitdem verbreitete sich derselbe sehr schnell. In neuerer Zeit benutzt man nach dem Vorgang der Amerikaner während des Bürgerkriegs auch bei der optischen Telegraphie die Zeichen des Morsealphabets und stellt sie durch kurze und lange Lichtblitze, Stellung beweglicher Arme, Tafeln an Stangen oder Flaggen dar. Die Engländer haben im Kapland und Afghanistan den Heliographen (s. d.) angewendet. Mackenzie hat mit dem Heliographen den Taster des Morse-Apparats verbunden und fixierte auf der Empfangsstation die Lichtblitze photographisch. Spankowski hat die Lichtblitze durch Verbrennung zerstäubten Petroleums in einer Spiritusflamme, und auf

Telegraph I.

Fig. 3. Schaltung für Kabelstation.

Fig. 13. Korrektionsrad.

Fig. 5. Schriftprobe des Heberschreibapparats.

Fig. 18. Isolier-Doppelglocke.

Fig. 17. Gegensprechschaltung von Canter.

Fig. 16. Gegensprechschaltung von Fuchs.

Fig. 4. Thomsons Heberschreibapparat.

Fig. 19. Querschnitte der Kabel

Zum Artikel »Telegraph«.

Telegraph.

Fig. 1. Casellis Pantelegraph.

Fig. 12. Druckvorrichtung des Hughes-Apparats.

Fig. 10. Hughes-Apparat.

Telegraph II.

Fig. 11. Elektromagnetsystem und Verkuppelung des Hughes-Apparats.

Fig. 7 Morse-Taste.

Fig. 6. Normalfarbschreiber.

Fig. 2. Thomsons Spiegelgalvanometer.

Fig. 9. Plattenblitzableiter.

Fig. 8. Galvanoskop.

Fig. 14. Stiftbüchse des Hughes-Apparats.

Fig. 15. Schlitten des Hughes-Apparats mit seitlichem Kontakt.

565

Telegraph (elektrische Telegraphie).

kurze Entfernungen hat man sie durch Öffnen und Schließen einer hellleuchtenden Lampe hervorgebracht. In Deutschland, Rußland u. a. O. hat man in gefesselten Luftballons durch elektrisches Licht ähnliche Zeichen gegeben. Bruce benutzte einen aus dünnem Stoff gefertigten Luftballon von 4-5 m Durchmesser, in welchem eine oder mehrere Glühlampen aufgehängt sind, deren Erglühen durch eine Leitung im Haltetau hervorgerufen wird; der Luftballon erscheint dann als glühende Kugel. Die Franzosen haben zwischen Mauritius und Réunion auf 180 km Entfernung einen optischen Telegraphen eingerichtet, bei dem die Lichtblitze einer Petroleumflamme durch Prismen verstärkt werden. Zur Zeichengebung durch bewegliche Arme bedient man sich im Festungskrieg, auch auf den Schießplätzen der Artillerie, der vierarmigen Semaphoren. In gleicher Weise erfolgt die Zeichengebung durch zwei nebeneinander stehende Leute, die in jeder Hand eine Tafel mit kurzem Stiel halten; die senkrechte Stellung derselben bedeutet Punkte, die wagerechte die Striche des Alphabets. Nachts treten an Stelle der Tafeln farbige Laternen; je nach Vereinbarung bedeutet die eine Farbe Punkte, die andre Striche. Diese Art des Telegraphierens bildet den Übergang zum Signalisieren (s. Signale), wobei gewisse Zeichen oder Armstellungen gewisse Bedeutung erhalten, die durch ein Signalbuch festgestellt sind.

Die elektrische Telegraphie

beruht auf der schnellen Fortpflanzung der Elektrizität in metallischen Leitern. Die Versuche, die Reibungselektrizität zum Telegraphieren zu benutzen, führten zu keinem praktischen Ergebnis; nachdem aber in der galvanischen oder Berührungselektrizität eine viel geeignetere Kraftform entdeckt war, benutzte Sömmerring 1809 die durch die Voltasche Säule bewirkte Wasserzersetzung zum Telegraphieren, indem er 35 Drähte zu ebenso vielen mit Buchstaben und Ziffern bezeichneten Wassergefäßen der entfernten Station leitete. Die hohen Kosten einer solchen Leitung sowie die Schwierigkeit, einen Strom von erforderlicher Stärke auf größere Entfernungen zu entsenden, ließen auch diese Idee als im großen unausführbar erscheinen. In späterer Zeit hat man die chemische Wirkung des elektrischen Stroms zur Herstellung von Schreib- und Kopiertelegraphen zu verwenden gesucht, indem man Papierstreifen mit einer farblosen Flüssigkeit tränkte, welche durch den Strom in gefärbte Bestandteile zerlegt ward, z. B. mit einer Lösung von Jodkalium oder Blutlaugensalz. Derartige Telegraphen sind angegeben worden von Davy (1838), Bain (1847), Gintl und Stöhrer (1852), haben aber keine Verbreitung gefunden.

Der Pantelegraph von Caselli (Fig. 1, Tafel I) war 1865 zwischen Paris und Lyon im Gebrauch. Ein innerhalb eines eisernen Rahmens bei D befestigtes langes Pendel mit der Eisenlinse E schwingt unter Mitwirkung eines Chronometers F und der Batterie B zwischen den Elektromagneten M M1 und überträgt durch die Zugstange de seine Bewegung auf die an dem Schlitten f befestigten Schreibstifte. Letztere bewegen sich demnach hin und her über den auf den gekrümmten Blechpulten A A1 aufliegenden, chemisch zubereiteten Papierblättern und rücken zugleich bei jeder Schwingung um eine Linienbreite auf ihrer Achse vor. Der eine Stift arbeitet nur auf dem Hingang, der andre auf dem Rückgang; es können mithin zwei Telegramme zugleich abgegeben werden. Die Epoche der elektromagnetischen Telegraphie begann 1820 mit Örsteds Entdeckung, daß eine in der Nähe des Schließungsdrahts einer Voltaschen Säule aufgestellte Magnetnadel je nach der Richtung des Stroms nach der einen oder der andern Seite hin abgelenkt wird. Da hierzu, wenn die Nadel von zahlreichen Drahtwindungen (Multiplikator) umgeben ist, ein schwacher Strom ausreicht, so war die Möglichkeit, auf große Entfernungen zu telegraphieren, gegeben. Jedoch weder das Telegraphenmodell von Ampère und Ritchie (1820) mit 30 Nadeln und 60 Leitungsdrähten noch dasjenige von Fechner (1829) mit 24 Nadeln und 48 Drähten eignete sich zur Ausführung im großen. Erst 1832 versuchte Schilling von Canstadt, Eine Nadel mit nur zwei Leitungsdrähten anzuwenden und die verschiedenen Buchstaben durch Kombination mehrerer Ablenkungen nach rechts und links auszudrücken. Aber schon 1833 hatten Gauß und Weber zu Göttingen zwischen der Sternwarte und dem physikalischen Kabinett eine auf derselben von ihnen selbständig gefundenen Idee beruhende telegraphische Verbindung hergestellt. Von ihnen angeregt, legte Steinheil 1837 zwischen München und Bogenhausen eine ¾ Meile lange Telegraphenleitung an; er wandte, wie Gauß und Weber, statt der gewöhnlichen galvanischen Ströme die Magnetinduktionsströme an und fixierte die Zeichen in Form einer Schrift, indem seine zwei Magnetnadeln, wenn sie abgelenkt wurden, auf einen durch ein Uhrwerk vorübergeführten Papierstreifen Punkte zeichneten. In England wurde der Nadeltelegraph durch Cooke und Wheatstone eingeführt; ersterer hatte 1836 in Heidelberg ein Modell des Schillingschen Apparats gesehen und verband sich 1837 mit Wheatstone zur Verbesserung und praktischen Verwertung der Schillingschen Erfindung.

Der Nadeltelegraph von Wheatstone und Cooke, welcher auf englischen Eisenbahnlinien noch gegenwärtig vereinzelt in Gebrauch ist, enthält zwei auf gemeinschaftlicher horizontaler Achse befestigte, im Ruhestand vertikal stehende Magnetnadeln, deren eine sich innerhalb einer Multiplikatorrolle, die andre als Zeiger auf der Vorderseite des Apparatgehäuses befindet; sie bilden ein sogen. astatisches Nadelsystem, indem ihre gleichnamigen Pole nach entgegengesetzten Seiten gekehrt sind. Zum Zeichengeben dient der im untern Teil des Apparats angebrachte sogen. Schlüssel, durch dessen Drehung die Nadeln sämtlicher in die Leitung eingeschalteter Apparate so abgelenkt werden, daß sie mit der Stellung, die man dem Handgriff jeweilig gegeben hat, parallel stehen. Durch Kombinationen von Ablenkungen nach rechts und links werden die Buchstaben ausgedrückt. Der Doppelnadeltelegraph derselben beiden Erfinder, eine Zusammensetzung zweier Nadelapparate der eben beschriebenen Art, erfordert eine doppelte Drahtleitung, gestattet aber eine raschere Korrespondenz. Die Nadeltelegraphen haben den Vorteil, daß zu ihrem Betrieb schon sehr schwache Ströme ausreichen; sie eignen sich deshalb vorzugsweise zur Verwendung auf Kabellinien, wo sie in der Form empfindlicher Galvanometer auch heute noch benutzt werden.

Das Spiegelgalvanometer von Thomson (Fig. 2 auf Tafel II), welches auf den meisten längern Unterseekabeln als Empfänger dient, besteht aus einer Multiplikatorrolle mit vielen Umwindungen, innerhalb deren eine ungemein leichte, kleine Magnetnadel an einem Kokonfaden freischwebend aufgehängt ist. An der Magnetnadel ist ein kleiner Spiegel befestigt, welcher das in der Richtung von D einfallende Bild einer dem Instrument gegenübergestellten Lichtquelle C (gewöhnlich einer Petroleumflamme) nach E auf einen dunkel gehaltenen Schirm AB reflektiert. Die

566

Telegraph (Wheatstones Zeigertelegraph, Morses Schreibapparat).

Schraube s dient dazu, das Lichtbild im Ruhezustand auf den Nullpunkt einzustellen, der gekrümmte Magnet NS, den Einfluß des Erdmagnetismus zu neutralisieren, indem man denselben längs des Stäbchens t verschiebt. Jeder noch so schwache Strom, welcher die Umwindungen des Galvanometers durchläuft, lenkt die Nadel ab; mit dieser dreht sich auch der Spiegel, und das Lichtbild auf der Wand bewegt sich dem entsprechend von seinem Ruhepunkt nach rechts oder links. Ein bei x eintretender und bei y zur Erde geführter positiver Strom bewegt die Nadel und den Lichtschein nach der einen, ein negativer nach der andern Seite; durch passende Gruppierung der Ablenkungen wird das Alphabet gebildet. Das Abtelegraphieren erfolgt mit einer Doppeltaste, welche nach Belieben positive oder negative Ströme in die Leitung zu schicken gestattet. Fig. 3 (Tafel I) zeigt die gebräuchlichste Schaltung für zwei durch ein Unterseekabel K verbundene Stationen A und B. T1 T2 sind die Doppeltasten, G1G2 die Spiegelinstrumente, B1B2 die Batterien; C1C2 stellen Kondensatoren von beträchtlichem Ladungsvermögen dar, die behufs Unschädlichmachung der Erdströme zwischen Kabel und Apparaten eingeschaltet werden; U1U2 endlich sind Kurbelumschalter, welche beim Geben die Doppeltaste, beim Empfangen das Galvanometer mit dem Kondensator in Verbindung bringen. Die Doppeltaste besteht aus zwei Hebeln mit Knöpfen, welche im Ruhezustand gegen eine obere Querschiene federn, beim Tastendruck aber diese verlassen und mit der untern Querschiene in leitende Verbindung treten. Da zwischen beiden Querschienen die Batterie eingeschaltet ist, während der eine Tastenhebel mit der Erde E, der andre mit der Leitung in Verbindung steht, so wird beim Niederdrücken der einen oder der andern Taste entweder ein + oder ein - Strom in die Leitung fließen.

An die Stelle des Spiegelgalvanometers ist jetzt vielfach der Heberschreibapparat (Syphon recorder) von Thomson (Fig. 4, Tafel I) getreten. Eine Multiplikatorolle S aus feinem Drahte, die um einen Rahmen gewickelt ist, hängt freischwebend und leichtbeweglich zwischen den Polen eines kräftigen Elektromagnets MM; sie verhält sich genau wie die Nadel des Spiegelinstruments. Der ankommende Strom durchläuft die Spule und lenkt sie nach rechts oder links ab; diese nimmt dabei einen feinen Glasheber t mit, der durch Kokonfäden mit ihr verbunden ist, und dessen Spitze einem bewegten Papierstreifen unmittelbar gegenübersteht, ohne ihn jedoch zu berühren. Der Glasheber taucht mit feinem kürzern Ende in ein Tintenfaß aus Metall K, welchem durch eine eigenartig konstruierte, im Apparat selbst angebrachte Elektrisiermaschine B stets eine elektrische Ladung erteilt wird, die genügt, um aus der Heberöffnung nach dem Papierstreifen hin beständig kleine Tintentröpfchen abzuspritzen. In der Ruhelage des Multiplikators steht die Heberöffnung über der Mitte des Streifens; die übergeriffenen Tintentröpfchen zeichnen mithin eine punktierte gerade Linie mitten auf den Streifen. Lenkt ein ankommender Stromimpuls die Multiplikatorrolle und mit ihr den Heber ab, so verwandelt sich die Gerade in eine Schlangenlinie, und zwar weicht die Punktreihe je nach der Stromrichtung oberhalb und unterhalb ab (Fig. 5, Tafel I).

Die wichtigste Förderung hat die Telegraphie erfahren durch die Anwendung von Elektromagneten. Wheatstone bediente sich derselben zuerst zur Herstellung eines Läutwerkes, welches seinem Nadeltelegraphen als Alarmvorrichtung beigegeben war, bald aber auch zur Konstruktion seines Zeigertelegraphen (1839), bei welchem ein durch ein Uhrwerk getriebener Zeiger durch eine am Anker eines Elektromagnets angebrachte Hemmungsvorrichtung von der entfernten Abgangsstation aus nach Belieben vor jedem der am Rande des Zifferblattes verzeichneten Buchstaben angehalten werden kann. Auch Kramer, Siemens u. Halske, Froment, Breguet u. a. haben Zeigertelegraphen konstruiert, die indessen nur selten noch benutzt werden.

Die größte Verbreitung erlangte der 1836 von Morse erfundene Schreibapparat. Derselbe besteht aus einem Elektromagnet mit beweglichem Anker, dessen Hebel auf einem durch Uhrwerk vorübergeführten Papierstreifen Punkte und Striche erzeugt. In den Reliefschreibern geschah dies durch einen an dem freien Ende des Ankerhebels befestigten stählernen Stift, welcher, sobald der Anker von dem Elektromagnet angezogen wurde, sich gegen den zwischen zwei Walzen des Laufwerkes durchgezogenen Papierstreifen anlegte und in demselben kürzere oder längere Eindrücke hinterließ, je nachdem die zum Schließen der Batterie dienende Taste nur einen Augenblick oder längere Zeit niedergedrückt wurde. In neuerer Zeit finden die Morseapparate vorzugsweise als Farbschreiber Verwendung, in welchen die Hebelbewegung des Ankers benutzt wird, um den Papierstreifen gegen ein Farbrädchen oder umgekehrt ein Farbrädchen gegenden Papierstreifen anzudrücken. Der Siemenssche Normalfarbschreiber der deutschen Reichstelegraphenanstalten mit Morsebetrieb ist in Fig. 6 auf Tafel II abgebildet. E ist der hufeisenförmige Elektromagnet, dessen Kerne mit Polschuhen U versehen sind. Den Polen gegenüber befindet sich der hohle, oben aufgeschlitzte Eisenanker K, der durch eine Preßschraube in dem Messinghebel H1 befestigt ist; letzterer hat seine Achse im Innern des Apparatgehäuses W. Die Auf- und Abwärtsbewegung des Ankerhebels wird begrenzt durch die Kontaktschrauben C1C2 des Messingständers T. In dem Rohr B befindet sich eine regulierbare Abreißfeder, während durch Drehung der Mutter M1 das ganze Elektromagnetsystem gehoben oder gesenkt werden kann. Der federnde Ansatz F2 des Ankerhebels läßt sich durch die Stahlschraube s höher oder tiefer stellen; er trägt den Stift t1 und die Achse q1, um welche sich ein zweiarmiger Hebel H4 gelenkartig bewegen läßt. Unterhalb H4 befindet sich ein in die vordere Apparatwange eingeschraubter Stahlstift t2, auf welchen der längere Arm von H4 sich auflegt, wenn die Schraube s angezogen wird; der kürzere Arm verläßt dann den Stift t1, und die beiden Teile F2H4 bilden einen Knickhebel, so daß H4 sich hebt, wenn F2 sich senkt, und umgekehrt. Wird dagegen die Schraube s nachgelassen, so legt sich der kürzere Arm von H4 gegen t1, und die Bewegungen von F2 und H4 erfolgen im gleichen Sinn. Im letztern Fall ist der Apparat für Arbeitsstrom verwendbar, wobei die telegraphischen Zeichen durch das Entsenden eines Batteriestroms in die vorher stromfreie Leitung gebildet werden, während die erstere Stellung der Schraube s dem Arbeiten mit Ruhestrom entspricht, bei welchem die Zeichen durch Unterbrechungen der für gewöhnlich vom Strom durchflossenen Leitung entstehen. Der Hebel H4 trägt in seinem hakenförmig gestalteten Ende die Achse des vom Laufwerk in drehender Bewegung erhaltenen Farbrädchens O3, welches mit seinem untern Rand in die Öffnung des Farbgefäßes F taucht. Durch die Führungswalzen O1O2 wird der Papierstreifen über r3x1 t oberhalb des Farbrädchens vorübergeführt,

567

Telegraph (Relais, Morse- und Estienneschrift).

um über die Platte P nach links abzulaufen. T1 ist die Federtrommel des Laufwerkes mit der Handhabe G zum Aufziehen und dem Kontrollstern C zur Begrenzung der Federspannung.

Zum Schließen und Öffnen des Stroms dient die in Fig. 7 auf Tafel II abgebildete Taste, ein um die Achse q in dem Ständer L drehbarer Messinghebel B mit zwei Kontakten R und T, von denen R im Zustand der Ruhe durch die Wirkung der Spiralfeder F gegen die Schiene s3 gepreßt wird, während beim Drucken auf den Knopf O die leitende Verbindung zwischen R und s3 aufgehoben, dagegen zwischen T und s1 hergestellt wird. Ob Strom vorhanden ist, erkennt man an dem Galvanoskop (Fig. 8, Tafel II), dessen Zeiger n an einem zwischen Drahtumwindungen in senkrechter Ebene drehbar aufgehängten Winkelmagnet befestigt ist und je nach der Richtung des Stroms nach rechts oder links ausschlägt. Als Schutzmittel gegen Beschädigungen der Apparate durch den Blitz (s. Blitzableiter) dient der Plattenblitzableiter (Fig. 9, Tafel II). Die mit den Leitungen und den Apparaten verbundenen Messingplatten P1P2 haben Querreifeln und sind innerhalb des Rahmens R mit dem abnehmbaren, auf der Unterseite mit Längsreifeln versehenen Deckel d so angeordnet, daß sie für gewöhnlich sowohl untereinander als von Rahmen und Deckel isoliert bleiben, aber im Bedarfsfall mittels des Stöpsels s gegenseitig und mit dem Deckel leitend verbunden werden können. Letzterer steht über den Rahmen und die Klemmschraube k mit der Erde in Verbindung; etwanige aus der Leitung kommende Blitzschläge vermögende geringe Entfernung zwischen Leitungs- und Deckplatte leicht zu überspringen und werden von dort unschädlich zur Erde abgeleitet.

Die Verbindung der beschriebenen Apparate untereinander und mit der Batterie ergibt sich aus den Stromläufen (Textfig. I für Arbeitsstrom und Textfigur II für Ruhestrom), in welchen T die Taste, A den Schreibapparat, G das Galvanoskop, B den Blitzableiter, L B die Linienbatterie, E den zur Erde und L den zur Leitung führenden Draht bezeichnen.

Wo die Stärke des ankommenden Stroms zur Ingangsetzung der Schreibapparate nicht ausreicht, schaltet man in die Leitung ein Relais. Dasselbe besteht aus einem Elektromagnet mit leicht beweglichem Ankerhebel, welcher durch die anziehende Kraft des Stroms an eine Kontaktschraube gelegt wird und dadurch eine Ortsbatterie schließt, deren Strom dann den Schreibapparat in Bewegung setzt. Relais mit besonders lautem Anschlag dienen unter dem Namen Klopfer auch zum Aufnehmen von Telegrammen nach dem Gehör. In den sehr empfindlichen polarisierten Relais sind die Eisenkerne der Elektromagnetrollen auf Stahlmagneten befestigt und dadurch dauernd magnetisiert.

Das durch internationale Vereinbarungen festgesetzte Morsealphabet besteht aus Punkten und Strichen in nachstehender Gruppierung: [siehe Grafik]

Die wagerechten Elementarzeichen erscheinen auf dem Papierstreifen sehr gestreckt, was die Leichtigkeit des Ablesens beeinträchtigt; auch nimmt die Darstellung der Striche durch längern Tastendruck eine größere Zeit in Anspruch und vermindert die Leistungsfähigkeit der Apparate. Der Apparat von Estienne, welcher in neuerer Zeit von der deutschen Reichstelegraphenverwaltung vielfach verwendet wird, stellt die Striche und Halbstriche senkrecht zur Längsrichtung des Papierstreifens und benutzt zur Erzeugung derselben je einen Strom von gleicher Dauer, aber entgegengesetzter Richtung. An nachstehendem Wort (Berlin) in Morse- und in Estienneschrift kann der Unterschied erkannt werden: [siehe Grafik]

Der Estienne-Apparat besitzt an Stelle des Schreibrädchens zwei Schreibfedern, welche die Farbe durch Kapillarwirkung aus dem Farbebehälter entnehmen

568

Telegraph (Wheatstones automatischer Apparat, Hughes' Typendrucktelegraph).

und auf den Streifen übertragen. Sie werden durch die beiden Zinken eines gabelförmigen Hebels in Bewegung gesetzt, der sich unter dem Einfluß der Stromwirkungen nach rechts oder links anlegt. Die Schreibfläche der einen Feder ist doppelt so breit als diejenige der andern; erstere dient zur Darstellung der Striche, letztere zur Erzeugung der Punkte. Die Gabelwelle trägt auf der Rückseite des Apparats eine Zunge aus weichem Eisen, deren oberes Ende zwischen die Polschuhe eines Elektromagnets ragt, während das untere Ende durch den beweglichen Polschuh eines unterhalb des Apparatgehäuses gelagerten Stahlmagnets eine magnetische Polarisation erhält, so daß Ströme verschiedener Richtung die Zunge in entgegengesetztem Sinn ablenken. Zum Betrieb des Apparats dienen Wechselströme, deren Entsendung mittels einer Doppeltaste erfolgt.

Eine ausgiebigere Benutzung der Telegraphenleitungen wird auch durch die automatische Telegraphie erreicht. Sie überträgt die Abtelegraphierung der Zeichen einer mechanischen Vorrichtung, die bei vollkommner Regelmäßigkeit der Schrift eine beträchtlich größere Geschwindigkeit zu erreichen gestattet, als dies der menschlichen Hand möglich ist. Wheatstone, dessen automatischer Apparat in England mit großem Erfolg verwendet wird, benutzt zum Geben einen gelochten Papierstreifen und zum Empfangen einen schnell laufenden polarisierten Farbschreiben. Das Lochen des Streifens geschieht unabhängig von der eigentlichen Abtelegraphierung an besondern Stanzapparater. Der vorbereitete Streifen durchläuft sodann den Geber, dessen Thätigkeit er mittels zweier vertikal stehender Nadeln reguliert, die auf Kontakthebel wirken und jedesmal in Thätigkeit treten, sobald ein ausgestanztes Loch dem Nadelende den Durchgang gestattet. Der Apparat arbeitet mit Wechselströmen, wobei jedem Elementarzeichen zwei entgegengesetzt gerichtete Ströme von gleicher Dauer entsprechen, von denen der eine den Schreibhebel des Empfängers wider den Papierstreifen legt, der andre die Zurückführung bewirkt. Außer Wheatstone haben noch Bain, Siemens, Little u. a. automatische Telegraphen konstruiert.

Nächst dem Morse-Apparat findet im Betrieb der europäischen Telegraphenverwaltungen der Typendrucktelegraph von Hughes (Fig. 10, Tafel I) die ausgedehnteste Verwendung. Sein Mechanismus ist weniger einfach, aber seine Leistungsfähigkeit bedeutend größer als diejenige des Morse-Apparats, vor welchem er außerdem den Vorzug besitzt, daß die Telegramme in gewöhnlicher Druckschrift ankommen, mithin für jedermann ohne Übersetzung lesbar sind. An der Vorderseite des Tisches befindet sich die Klaviatur, bestehend aus 28 Tasten, welche mit den Buchstaben, Ziffern und Interpunktionszeichen beschrieben sind und beim Niederdrücken die Verbindung zwischen Batterie und Leitung herstellen; dahinter, zwischen den aufrecht stehenden Apparatwangen, ist das mit einem Gewicht von 60kg bewegte Laufwerk, verbunden mit einer Bremsvorrichtung und der in einem gußeisernen Ansatzstück des Apparattisches gelagerten Regulierlamelle, angeordnet; links neben dem Laufwerk das Elektromagnetsystem, und an der Vorderwand des Apparats sieht man die Druckvorrichtung mit dem Typenrad, wozu noch die auf der rechten Seite befestigte Papierrolle gehört. Die Vorrichtung auf der linken hintern Ecke der Tischplatte ist ein Umschalter, welcher die Richtung des Telegraphierstroms beliebig zu wechseln gestattet. Vgl. Sack, Der Drucktelegraph Hughes (2. Aufl., Wien 1884).

Das Elektromagnetsystem des Hughes-Apparats (Fig. 11 der Tafel II) besteht aus einem kräftigen Stahlmagnet in Hufeisenform, auf dessen Pole zwei von Elektromagnetrollen E umgebene hohle Kerne von weichem Eisen so aufgesetzt sind, daß dieselben die Verlängerung der Pole bilden und an ihren obern, mit Polschuhen versehenen Enden selber entgegengesetzte Magnetpole besitzen. Den Polschuhen gegenüber und im Ruhezustand auf diesen aufliegend, befindet sich der flache Eisenanker E1E2, welcher zwischen zwei Messingständern T um die Zapfenschrauben s leicht drehbar eingelagert und mit zwei nach unten reichenden Stahlfedern ee versehen ist, die sich gegen die Stellschrauben b1 b2 anlegen. Unter Mitwirkung dieser Federn erfolgt das Abschnellen des Ankers, sobald ein Strom von solcher Richtung den Elektromagnet durchfließt, daß dessen Polarität dadurch geschwächt wird. Der Anker stößt bei seinem Abfallen gegen den Hebel einer Sperrvorrichtung, löst diese aus und bewirkt dadurch die Verkuppelung der Druckvorrichtung mit dem Laufwerk und den Abdruck desjenigen Zeichens, welches sich in diesem Moment an der untersten Stelle des Typenrades befindet. Weil nun die anziehende Kraft des Magnets nicht ausreicht, um den abgeschnellten Anker unter Überwindung der durch die Spannfedern ausgeübten Gegenkraft wieder auf die Polschuhe zurückzuführen, so überträgt Hughes diese Arbeit der Mechanik des Apparats, indem er durch ein auf der Druckachse befestigtes Exzenter F1 den rechtsseitigen Arm des Auslösehebels G wieder emporheben und dadurch den Anker auf die Polschuhe niederdrücken läßt, die ihn dann bis zum nächsten Stromimpuls festhalten. Gleichzeitig wird während dieses Vorganges die Kuppelung selbstthätig wieder aufgehoben, die Druckachse bleibt stillstehen, und der Auslösehebel nimmt, nachdem er den Anker zurückgeführt hat, seine alte Stellung wieder ein.

Die Druckachse bildet die vordere Verlängerung der Schwungradwelle. Letztere trägt auf ihrem freien Ende ein mit feinen, schief geschnittenen Zähnen versehenes Sperrrad z und einen Zapfen, auf welchen die Druckachse mit ihrem hintern, entsprechend ausgehöhlten Ende aufgeschoben ist. Auf dem hintern Ende der Druckachse ist das zweiarmige Querstück FF befestigt, welches einerseits die drehbare Sperrklinke n, anderseits die gegen die Sperrklinke drückende Feder f trägt. Ein Ansatzstück F2 legt sich im Ruhestand gegen den Anschlag G2 des Auslösehebels G, während ein an der Sperrklinke angebrachter kegelförmiger Ansatz auf einem an dem Winkel p befestigten prismatischen Stahlstück m, der sogen. schiefen Ebene, ruht. Senkt sich der rechte Arm des Auslösehebels G, so gleitet der kegelförmige Ansatz der Sperrklinke von der schiefen Ebene herunter, die Sperrklinke gelangt dadurch zum Eingriff in die Zähne des Sperrrades, und die Verkuppelung der Druckachse mit der an der Bewegung des Laufwerkes beständig teilnehmenden Schwungradachse tritt ein. Nach Vollendung einer Umdrehung trifft indessen der Sperrkegel von rechts her wieder auf den prismatischen Ansatz m, steigt an demselben in die Höhe u. hebt dadurch den Sperrkamm aus den Zähnen des Sperrrades; die Verkuppelung wird mithin jedesmal selbstthätig wieder aufgehoben. Die Druckachse c (Fig. 12, Tafel I) ist an ihrem vordern, außerhalb des Äpparatgehäuses L1 befindlichen, in dem Messingwinkel J gelagerten Teil mit mehreren verschiedenartig geformten Nasen versehen, welche die Druckvorrichtung in Thätigkeit setzen. Das Typenrad A trägt auf seiner Peripherie die Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen in erhabener Gravierung;

569

Telegraph (Hughes' Typendrucktelegraph).

es sitzt mit noch zwei andern Rädern, dem in der Figur sichtbaren Korrektionsrad B und dem sogen. Friktionsrad, auf derselben Achse, jedoch so, daß nur das Friktionsrad an der Bewegung des Laufwerkes teilnimmt, während die auf einer Buchse befestigten vordern Räder sich vollständig frei um die Achse bewegen und an deren Umdrehungen nur dann sich beteiligen, wenn sie mit dem Friktionsrad durch eine ähnliche Einrückvorrichtung, wie sie zur Verkuppelung der Schwungradwelle mit der Druckachse dient, verbunden werden.

An dem mit 28 scharfen Zähnen versehenen Korrektionsrad B (Fig. 13, Tafel I) befindet sich der mit dem Typenrad durch eine besondere Buchse verbundene Figurenwechsel. Letzterer besteht aus dem zweiarmigen Hebel hh1, dessen Arm h innerhalb eines runden Ausschnitts der Stahlscheibe w spielt. Je nachdem der eine oder der andre Vorsprung dieser Scheibe eine Zahnlücke bedeckt, nimmt der Hebel und damit das Typenrad eine um ein Feld der Zeichenfolge verschobene Stellung ein. Da nun auf dem Umfang des Typenrades Buchstaben und Ziffern, bez. Satzzeichen miteinander abwechseln, erfolgt in dem einen Fall der Abdruck vom Buchstaben, im andern von Ziffern und Satzzeichen. Das Umlegen des Wechselhebels bewirkt ein Daumen der Druckachse c, welcher bei jeder Umdrehung in eine Zahnlücke des Korrektionsrades trifft und dessen Stellung in der Weise berichtigt, daß er durch den auf die abgerundeten Zähne desselben ausgeübten Druck das Korrektionsrad und mit ihm das Typenrad etwas vorschiebt, wenn es zurückgeblieben, und zurückdrückt, wenn es vorangeeilt war. Die Lücken unter den Vorsprüngen des Wechselhebels entsprechen zwei freien Feldern des Typenrades, welche zur Herstellung der Zwischenräume dienen. Im Ruhezustand liegt der Korrektionsdaumen auf der an dem Ebonitwinkel T1 (Fig. 12) befestigten isolierten Feder und stellt dadurch eine leitende Verbindung zwischen dem Körper des Apparats und dem Elektromagnet her.

Der Abdruck der Zeichen geht in der Weise vor sich, daß das Papierband wider die in voller Drehung begriffene Typenscheibe geschleudert wird und von den mit Druckerschwärze befeuchteten Typen diejenige abdrückt, welche in dem betreffenden Augenblick an der tiefsten Stelle des Rades sich befindet. Dieses Emporschnellen des über die Druckrolle D2 (Fig. 12) geführten Papierbandes bewirkt ein Daumen der Druckachse, welcher gegen die obere Nase des um S drehbaren Druckhebels D1 trifft; gleichzeitig findet ein Fortrücken des Papierstreifens um eine Typenbreite statt, indem durch einen andern Ansatz der Druckachse der Hebel K1K2 und mit ihm der Arm K4 niedergedrückt wird, wobei dessen hakenförmiger Ansatz in die Zähne eines mit der Druckrolle verbundenen Sperrrades eingreift und hierdurch die Druckrolle dreht.

Der dreiarmige Einstellhebel U1U2U3 dient dazu, das Korrektionsrad und das Typenrad außer Verbindung mit dem Laufwerk zu bringen und in der Ruhelage festzuhalten. Ein auf den Knopf o des horizontalen Hebelarms U1 ausgeübter Druck bringt zunächst den als Träger von o dienenden Stift in Berührung mit der darunter befindlichen, an dem Ebonitstück e befestigten Blattfeder, welche über t2T2 unmittelbar mit der Leitung in Verbindung steht; erst wenn hierdurch der Elektromagnet ausgeschaltet ist, folgt der Hebel dem Druck nach unten und bewirkt durch einen Ansatz des Arms U2, welcher die Blattfeder a mit ihrem Stahlansatz v in den Bereich eines an der Sperrklinke des Korrektionsrades angebrachten Stiftes bringt, die Aufhebung der Verbindung zwischen dem Korrektions- und Typenrad und dem Laufwerk. Die Auslösung des Einstellhebels und Einlösung der Verkuppelung mit dem Sperrrad erfolgt durch Anschlagen eines Ansatzstiftes der Druckachse wider das verlängerte Ende von U2.

Die Stromgebung beim Hughes-Apparat erfolgt mittels einer Klaviatur von 28 Tasten, die in zwei Reihen übereinander angeordnet sind (Fig. 10); die obere Reihe ist schwarz, die untere weiß. Alle Tasten, mit Ausnahme der ersten und fünften weißen, von links anfangend, sind mit je einem Buchstaben und einem Ziffer-, bez. Satzzeichen versehen. Die weißen Tasten dienen zur Herstellung der Zwischenräume; sie entsprechen den Nasen des Wechselhebels und werden deshalb auch angeschlagen, wenn von Buchstaben auf Ziffern oder umgekehrt übergegangen werden soll. Die Tastenhebel T (Fig. 14 der Tafel II) haben ihren Drehpunkt in Achsen, welche an der untern Fläche einer starken Gußeisenplatte P1 befestigt sind; auf dieser Platte ruht mittels des flantschartigen Ansatzes R die Stiftbüchse P, welche an ihrem untern Rand J mit senkrechten Einschnitten versehen ist. Beim Niederdrücken einer Taste hebt das durch einen Einschnitt in die Stiftbüchse eingreifende freie Ende des Tastenhebels T einen darüber ruhenden Kontaktstift S mit seinem obern hakenförmigen Ende längs der schrägen Fläche des konischen Ringes k aus der Stiftscheibe N und bringt ihn in den Weg des um eine senkrechte, innerhalb der Stahlhülse b gelagerte Achse w über der Stiftscheibe kreisenden Schlittens, welchem durch konische Verzahnung mit der Typenradachse gleiche Winkelbewegung mit dem Typenrad erteilt wird. Beim Loslassen der Taste wird der Stift durch die Feder f in seine Ruhelage zurückgezogen.

Auf die Schlittenachse w (Fig. 15 der Tafel II) ist eine Stahlbuchse B mit vorspringenden Rändern aufgeschoben. An der Achse unwandelbar befestigt, befindet sich das gabelförmig ausgeschnittene Messingstück G, dessen mittlerer vorragender Teil an seinem untern Ende ein geschweiftes Stahlstück R1, die sogen. Streichschiene, trägt. Die beiden äußern Arme dienen als Achslager für den beweglichen Teil g1, dessennach außen liegendes Mittelstück den abwärts gekehrten, abgeschrägten Stahlstreifen e, die Lippe, enthält. Das andre Ende des beweglichen Teils bildet einen Winkelhebel, welcher mit einem seitlich angebrachten Stahlstift a auf dem weitern Rande der Buchse B ruht und diese bei aufsteigender Bewegung der Lippe e abwärts drückt. An der linken Seite der vordern Apparatwange unterhalb der Achse des Auslösehebels ist der Messingwinkel P1 angeschraubt; er bildet das Lager für den zweiarmigen Kontakthebel HH1. Rechts trägt dieser Hebel einen seitlich angebrachten Stahlstift, welcher unter den obern vorspringenden Rand der Hülse greift, so daß beim Auf- und Niedergang derselben die an dem linken Hebelarm angebrachte Blattfeder F1 abwechselnd die Kontaktschrauben c1 und c2 berührt, von denen jene mit der Batterie, diese mit der Erde verbunden ist, während der Hebel selber über den Körper des Apparats und die Elektromagnetrollen mit der Leitung in Verbindung steht. Jedesmal, wenn der Schlitten einen gehobenen Kontaktstift passiert, wird mithin durch das Niedergehen der Buchse B und des Hebelarms H1 ein Strom in die Leitung gesandt, der sowohl auf dem gebenden als auf dem empfangenden Amte die Apparate zum Ansprechen bringt und den Abdruck des betreffenden Buchstabens bewirkt. Die Umlaufgeschwindigkeit des Schlittens beträgt 100-120 Umdrehungen in der Minute.

570

Telegraph (Multiplexapparate, Doppel- u. Gegensprechen; Land- u. Seeleitungen).

Bei allen bis jetzt beschriebenen Telegraphenapparaten bleibt zurTrennung der einzelnen Buchstaben oder Schriftzeichen die Leitung eine Zeitlang unbenutzt. In der Multiplex- oder Vielfachtelegraphie werden diese notwendigen Pausen ausgefüllt mit der Schriftbildung auf einem zweiten, dritten etc. Apparat, wobei die Leitung nacheinander mit sämtlichen Apparaten in Verbindung tritt. Allen Vielfachapparaten gemeinsam ist die Einrichtung einer kreisförmigen Verteilerscheibe aus isolierendem Material, auf welcher je nach Anzahl der Apparate eine größere oder geringere Menge metallischer Sektoren befestigt sind, die mit den einzelnen Apparatsätzen in Verbindung stehen. Über diesen Sektoren schleift eine metallische Feder, an welcher die Leitung liegt; letztere nimmt bei jeder Umdrehung einmal aus jedem Apparatsatz die entsprechend vorbereiteten Telegraphierströme auf und führt sie auf dem andern Amt über eine gleichlaufende Verteilereinrichtung dem betreffenden Empfangsapparat zu.

Der vierfache T. von Meyer ist auf die Übermittelung von Morsezeichen berechnet, die an vier Klaviaturen mit je acht Tasten vorbereitet werden. Der Verteiler enthält 50 voneinander isolierte Lamellen verschiedener Breite, von denen 32 mit den Tasten der Klaviaturen verbunden sind, während die übrigen teils mit der Erde in Verbindung stehen und die nötigen Zwischenräume bewirken, teils für die Herstellung des Synchronismus benutzt werden. Die Schriftbildung erfolgt senkrecht zur Längsrichtung des Papierstreifens in polarisierten Empfangsapparaten.

Während Meyer und Baudot bei ihrem sechsfachen Typendruckapparat die Leitung jedesmal für eine Zeit an ein Apparatpaar legen, welche zur Erzeugung eines telegraphischen Zeichens ausreicht, läßt Delany die Wechsel so rasch aufeinander folgen, daß die Nachwirkung in den Elektromagneten sozusagen die stromlosen Pausen überbrückt und jeder Apparat ohne Rücksicht auf die andern arbeitet. Eine schwingende Stimmgabel vermittelt die Stromsendung durch den Elektromagnet eines phonischen Rades, dessen Achse eine über der Verteilerscheibe schleifende Kontaktfeder trägt. Je nach der Anzahl der einzuschaltenden Apparate sind die Kontaktplatten der Verteilerscheibe untereinander zu Gruppen vereinigt, so daß jeder Apparat in der Sekunde gleich oft mit der Leitung in Verbindung tritt. Erfolgt diese Verbindung häufig genug, z. B. 30 mal in der Sekunde, so wirkt dies bezüglich des Telegraphierens ebenso, als ob die Leitung beständig am Apparat läge. Die Delanysche Einrichtung kann teils mit Morse, teils mit Typendruckapparaten betrieben werden und vermag angeblich bis zu 72 Telegrammen gleichzeitig zu befördern.

Den gleichen Zweck einer bessern Ausnutzung der Telegraphenleitungen hat man auch zu erreichen gesucht durch das Doppelsprechen (gleichzeitige Beförderung zweier Telegramme auf demselben Draht in gleicher Richtung) und das Gegensprechen (gleichzeitige Beförderung in entgegengesetzter Richtung). Bis jetzt hat sich nur das Gegensprechen bleibenden Eingang erringen können. Die erste diesem Zweck entsprechende Schaltung wurde 1853 von Gintl vorgeschlagen; ihm folgten Frischen, Siemens u. Halske, Edlund, Maron u. a. In neuerer Zeit sind einfache Methoden von Gattino, Fuchs und Canter angegeben worden. Fuchs, dessen Schaltung in Fig. 16 (Tafel I) schematisch dargestellt ist, schaltet eine mit einem Hilfshebel a versehene Taste zwischen die beiden Elektromagnetrollen mm des Schreibapparats, so daß der abgehende Strom nur die eine, der ankommende aber beide Rollen durchläuft: bei entsprechender Regulierrung bleibt daher der Apparat des gebenden Amtes in Ruhe, während der Empfangsapparat anspricht. Drücken beide Ämter gleichzeitig Taste, so geben die mit entgegengesetzten Polen an Leitung liegenden Batterien einen doppelt so starken Strom, der die magnetisierende Wirkung der einen Rolle entsprechend verstärkt und auf beiden Ämtern das Ansprechen der Apparate herbeiführt, wobei jeder Apparat dem Batteriestrom des andern Amtes gehorcht.

In der Schaltung von Canter (Fig. 17, Tafel I) sind die beiden Elektromagnetrollen mm des Farbschreibers ebenfalls getrennt, und die Taste, hier eine gewöhnliche, liegt zwischen ihnen; außerdem ist zwischen Mittelschiene und Ruheschiene der Taste ein Rheostat R angebracht, in welchen so viel Widerstand eingeschaltet wird, daß beim Niederdrücken der Taste der eigne Apparat nicht anspricht und die magnetisierende Kraft im Empfangsapparat die gleiche bleibt, ob nur auf einer oder auf beiden Seiten gearbeitet wird. Die Batterien liegen mit gleichen Polen an der Leitung. In oberirdischen Leitungen bis zu 350 km Länge sind mit diesen Schaltungen befriedigende Resultate erzielt worden; auf größere Entfernungen und in Kabelleitungen wird ihre Verwendung durch das Auftreten der Ladungserscheinungen erschwert.

Als Elektrizitätsquellen werden in der Telegraphie vorzugsweise galvanische Elemente (s. Galvanische Batterie) benutzt; doch beginnt man neuerdings auch die Dynamomaschinen als Stromerzeuger für telegraphische Zwecke nutzbar zu machen.

Zum Bau der oberirdischen Telegraphenlinien bedient man sich imprägnierter Stangen von 7-10 m Länge und 12-15 cm Zopfstärke, an welche Isolationsvorrichtungen von Porzellan auf eisernen Stützen festgeschraubt werden. Die deutsche Reichstelegraphenverwaltung verwendet die von Chauvin angegebene Doppelglocke (Fig. 18, Tafel I) auf hakenförmiger Schraubenstütze. Zur Herstellung der Leitungen wird in der Regel verzinkter Eisendraht von 2,5-5 mm Durchmesser benutzt; in neuerer Zeit kommt auch Bronze zur Verwendung. Die unterirdischen Linien bestehen aus Kupferdrähten oder Kupferlitzen, die mit Guttapercha isoliert sind; gewöhnlich werden 4 oder 7 solcher Adern zu einem Kabel verseilt und mit einer Schutzhülle von verzinkten Eisendrähten umgeben. Die in der Reichstelegraphenverwaltung gebräuchlichen Querschnitte sind aus Fig. 19 (Tafel I), zu ersehen. Für die Überschreitung von Gewässern gibt man den Kabeln eine zweite Schutzhülle von stärkern Drähten und schließt sie außerdem in verzinkte gußeiserne Gelenkmuffen ein. Unterirdische Leitungen sind weniger Beschädigungen ausgesetzt, erfordern aber vorzügliche Isolation und bedeutende Anlagekosten, während ihre Benutzbarkeit auf längern Strecken durch die den Kabeln anhaftenden Ladungserscheinungen eine gewisse Einschränkung erfährt. Schon bei Entstehung der elektrischen Telegraphie angewendet, haben dieselben erst seit 1876 eine größere Verbreitung erlangt, nachdem die deutsche Reichstelegraphenverwaltung mit der Anlage ihres ausgedehnten unterirdischen Liniennetzes bahnbrechend vorangegangen war. 1886 besaß Deutschland 5648 km, Frankreich 1661 km, Großbritannien 1146 km und Rußland 289 km unterirdische Linien.

Ungleich rascher und kräftiger haben sich die unterseeischen Verbindungen entwickelt. Die großen Seekabel sind ähnlich konstruiert wie die Landkabel, enthalten aber wegen der unvermeidlichen Induktion nur Einen Leiter. 1851 wurde das erste brauchbare

571

Telegraph (Haustelegraphie, pneumatischer T.; Volkswirtschaftliches, Gesetzgebung).

Seekabel zwischen Dover und Calais ausgelegt, 1866 die erste Kabelverbindung zwischen Europa u. Amerika hergestellt. 1886 dienten bereits 12 Kabel dem telegraphischen Verkehr beider Weltteile: 8 davon gehen aus von Großbritannien und Irland, 2 von Frankreich nach Nordamerika; 2 Kabel endlich verbinden Portugal mit Südamerika. 1887 betrug die Gesamtlänge der bestehenden unterseeischen Kabel 113,565 Seemeilen, darunter 103,396 Seemeilen im Besitz von Privatgesellschaften und nur 10,169 unter staatlicher Verwaltung.

Besondere Gestaltung erfährt die Telegraphie für bestimmte Zwecke, namentlich im Eisenbahnwesen, in der Feuerwehr und im Haus. Die Benutzung im Haus beschränkt sich meist auf die Anlage von Läutwerken (s. d.), welche mit Tableauanzeiger verbunden werden, um dort, wo das Läutwerk ertönt, den Aufgabeort des Signals zu erkennen. Diese Vorrichtungen gestalten sich zu Diebssicherungen, wenn das Läutwerk bei unbefugter Öffnung eines Fensters oder einer Thür in Thätigkeit tritt. Man bringt hier Kontakte an, die am Tag bei offener Thür, aufgezogenem Rollladen etc. geschlossen sind, dann aber nicht auf das Läutwerk wirken, weil noch an einer andern Stelle durch eine Einstellvorrichtung der Strom unterbrochen ist. Werden nun abends Thüren und Fenster geschlossen (die Kontakte geöffnet), so schließt man bei der Einstellvorrichtung den Strom, und das Läutwerk schlägt an, sobald nun eine Thür oder ein Fenster geöffnet wird; das Tableau zeigt den Angriffspunkt. Derartige Vorrichtungen können auch zu andern Zwecken benutzt werden: sie melden an einer entfernten Stelle, wenn im Dampfkessel der Wasserstand zu niedrig steht, wenn im Gewächshaus oder in der Trockenkammer eine bestimmte Temperatur erreicht ist etc. Für manche dieser Zwecke wird die elektrische durch pneumatische Telegraphie ersetzt. Diese benutzt dünne, starkwandige Bleiröhren, welche von einem Ort zum andern eine vollkommen luftdichte Leitung herstellen. Am Aufgabeort ist in diese ein hohler Gummiball eingeschaltet, der beim Zusammendrücken die in ihm enthaltene Luft durch das Bleirohr in eine aus ebenen Wänden gebildete Gummikapsel am andern Ende der Leitung treibt und dieselbe aufbläst. Diese Volumveränderung der Kapsel kann leicht benutzt werden, um ein sichtbares oder, wie bei der pneumatischen Klingel, ein hörbares Zeichen zu geben. Vorteilhafte Anwendung findet die pneumatische Verbindung zur Verbindung von Uhren mit einer Normaluhr (vgl. Uhr).

Volkswirtschaftliches. Gesetzgebung und Verwaltung.

Für die finanzielle Behandlung des Telegraphen kommt wesentlich in Betracht, daß der T. nur von einzelnen Klassen, nicht, wie Post und Eisenbahn, von der Gesamtheit aller benutzt wird. Zur Zeit haben an dem Telegrammverkehr etwa teil: die Regierungs- und Staatstelegramme mit 12 Proz., die Handelstelegramme mit 52, die Börsentelegramme mit 13, die Zeitungstelegramme mit 8 und die Familientelegramme mit 15 Proz. In Europa entfällt gegenwärtig nur auf 3 Einw. ein jährlich abgesandtes Telegramm; mindestens drei Viertel der Bevölkerung stehen dem Telegrammverkehr ganz fern, und es ist daher zu fordern, daß die Kosten der Telegraphie durch den Tarif vollständig gedeckt und Zuschüsse aus Staatsmitteln ausgeschlossen sind.

Die Telegraphie wurde von vornherein durch die meisten Staaten in öffentliche Verwaltungen genommen; außer Nordamerika befinden sich nur noch in wenigen andern überseeischen Ländern die dem öffentlichen Verkehr dienenden Telegraphen in Privathänden. Großbritannien, der einzige europäische Staat, wo der Telegraphenbetrieb in Privathänden länger das Feld behauptete, sah sich 1868 veranlaßt, ungeachtet der Abneigung gegen jede Art staatlicher Einmischung, welcher in dem englischen Volkscharakter liegt, die Telegraphen in Staatsverwaltung zu übernehmen. Die Entschädigung, welche England damals für die noch dazu unzulänglichen Anlagen der vormaligen Privatgesellschaften zahlen mußte, betrug erheblich mehr als der Aufwand, welchen das ganze übrige Europa bis dahin für den Telegraphenbau verwendet hatte. Die großen überseeischen Kabelverbindungen sind mit wenigen Ausnahmen im Betrieb von Privatgesellschaften. Hier begünstigt den Privatbetrieb der Umstand, daß ein einzelner Staat völkerrechtlich nicht befugt ist, Telegraphenverbindungen zwischen zwei durch das Meer getrennten Ländern für sich allein zu monopolisieren, ferner, daß das mit den Kabelverbindungen verknüpfte ungewöhnlich hohe Risiko die Bedeutung des spekulativen Moments erhöht und die Privatthätigkeit besser an die Stelle der Thätigkeit der öffentlichen Gewalten treten läßt.

Die Gesetzgebung hat die Regalität der Telegraphen in Frankreich, Österreich, Großbritannien, Italien, der Schweiz, Niederlande, Portugal, Serbien, Rumänien, Griechenland, Britisch- und Niederländisch-Indien festgestellt, wobei Eingriffe in das staatliche Alleinbetriebsrecht meist mit Strafe gegen diejenigen, welche einen Telegraphen ohne Konzession anlegen, bedroht sind. In Deutschland gründet sich das Telegraphenregal auf Art. 48 der Reichsverfassung, wonach das Telegraphenwesen für das gesamte Gebiet des Deutschen Reichs als einheitliche Staatsverkehrsanstalt einzurichten ist. Eine kodifizierte Gesetzgebung wie die der Post besteht für die deutsche Telegraphie nicht; vielmehr ist die Regelung des Verhältnisses zum Publikum verfassungsmäßig der reglementären Anordnung vorbehalten. Diese Anordnungen sind durch die Telegraphenordnung vom 13. Aug. 1880 erlassen.

Die Fernsprechanlagen werden in Deutschland ebenfalls als unter das Telegraphenregal fallend betrachtet, und es werden nach § 28 der Telegraphenordnung die Bedingungen für derartige Anlagen vom Reichspostamt festgesetzt. Die Berechtigung von Behörden und Privatpersonen zum Betrieb von Telegraphen ist neuerdings in Deutschland im Verordnungsweg dahin festgestellt worden, daß ohne Kontrolle der Telegraphenverwaltung zugelassen werden können: a) den Landesbehörden die Anlage von Telegraphen zu Zwecken, welche nicht unter das Ressort der Telegraphenverwaltung fallen, solange die Anlagen nicht als Verkehrsanstalten gebraucht werden; b) Privatpersonen die Anlage von Telegraphen innerhalb der eignen Gebäude und Grundstücke, vorausgesetzt, daß der Besitzer innerhalb seiner Grenzen bleibt und mit der Anlage fremde Grundstücke sowie öffentliche Wege und Straßen nicht überschreitet.

Das Telegraphenfreiheitswesen (Gebührenbefreiung für Reichsdiensttelegramme etc.) ist durch kaiserliche Verordnung vom 2. Juni 1877 geregelt. Durch Gesetz sind in Bezug auf das Telegraphenwesen nur hinsichtlich der Sicherung der öffentlichen Telegraphenanlagen Bestimmungen in den § 317 bis 320 des Reichsstrafgesetzbuchs getroffen, wonach die vorsätzliche Beschädigung der Telegraphenanstalten mit Gefängnis von 1 Monat bis 3 Jahren und die fahrlässige Störung des Betriebes mit Ge-

572

Telegraph (Verwaltung und Betrieb).

fängnis bis zu 1 Jahr oder mit Geldbuße bis 900 Mk. bedroht ist.

Die Haftpflicht der Telegraphenverwaltung für die Beförderung von Telegrammen richtet sich nach den internationalen Verträgen und nach der Gesetzgebung der einzelnen Staaten. In Art. 2 und 3 des internationalen Telegraphenvertrags von St. Petersburg vom 10. (22.) Juni 1875 haben die Telegraphenverwaltungen erklärt, in Bezug auf den internationalen Telegraphendienst keine Verantwortung zu übernehmen. In gleicher Weise haben auch die einzelnen Staaten die Garantie für Telegramme teils durch Gesetz, wie in Frankreich, Niederlande, Belgien und der Schweiz, teils durch Verordnung abgelehnt. Die deutsche Telegraphenordnung vom 13. Aug. 1880 bestimmt in § 24 über die Gewährleistung, daß die Telegraphenverwaltung für die richtige Überkunft der Telegramme oder deren Zustellung innerhalb bestimmter Frist nicht garantiert und Nachteile, welche durch Verlust, Verstümmelung oder Verspätung der Telegramme entstehen, nicht vertritt. Die entrichtete Gebühr wird jedoch erstattet: a) für Telegramme, welche durch Schuld des Telegraphenbetriebs gar nicht oder mit bedeutender Verzögerung in die Hände des Empfängers gelangt sind, b) für verglichene Telegramme, welche infolge Verstummelung nachweislich ihren Zweck nicht haben erfüllen können. Die zivilrechtliche Haftbarkeit, welche den Telegraphenbeamten nach den allgemein rechtlichen Grundsätzen für dolus und culpa obliegt, wird durch die vorstehenden Bestimmungen nicht berührt. Die Verwaltung und der Betrieb der Telegraphie ist gegenwärtig in allen größern Staaten, in Deutschland seit 1876, mit der Postverwaltung vereinigt (s. Post, S. 275), und besonders in Deutschland wurden erhebliche Erfolge durch diese Vereinigung erzielt. Nicht nur wurde der Geschäftsbetrieb der Telegraphenanstalten durchgehend reorganisiert, sondern es trat auch eine durchgreifende Vervollkommnung der technischen Telegraphenbetriebseinrichtungen ein, für deren Ausbildung bei der Finanznot der frühern selbständigen Telegraphenverwaltungen nicht immer die erforderlichen Mittel zu Gebote gestanden hatten. In dieser Beziehung ist namentlich hervorzuheben: die Anlage unterirdischer Telegraphenlinien; die frühzeitige Einführung des Fernsprechwesens; die Steigerung des Schnellverkehrs innerhalb der Reichshauptstadt durch Anlage einer Rohrposteinrichtung, seiner Zeit der ersten Anlage dieser Art, welche zugleich den telegrafischen und den brieflichen Verkehr vermittelt; endlich die Förderung der Anlage neuer internationaler Telegraphenverbindungen und die Vermehrung der unterseeischen Kabelverbindungen etc. Weiteres über die Telegraphengebühren, die internationalen Abkürzungen im Telegraphenverkehr etc. s. Telegramm. Die gegenwärtige Entwickelung des Telegraphenwesens in Europa zeigt die nachfolgende Tabelle:

Übersicht des Telegraphenverkehrs der Länder Europas im Jahr 1887.

Länder | Staatstelegraphen | Eisenbahn- und Privattelegraphen | Staatstelegraphenanstalten | Eisenbahn- und Privattelegraphenanstalten | Eine Telegraphenanstalt entfällt auf | Beförderte Telegramme (in- und ausländische) | Auf 100 Einw. entfallen aufgelief. Telegramme

| Linien Kilom. _ Leitungen Kilom. | Linien Kilom. _ Leitungen Kilom. | | |QKilo- _ Einwohner | |

Belgien ........ 6596 2649 4206 89197 31854 3902 11226 317143 2006 24328 1153 5132 70224 822 65 165 11071 109 267 3919 31,6 91,7 36,0 6418 4585 3126 4631470 525071 1346315 21750348 54,8 22,5 37,3 38,0

Bulgarien (1885) ....

Dänemark .......

Deutschland ......

Frankreich (1887/88) . . . 101654 324919 16390 115984 5945 3430 56,4 4151 37435585 80,3

Griechenland (1886) .... 5520 6618 1378 1378 166 7 367,7 12068 845707 34,5

Großbritannien und Irland. 48659 260679 ...- 27149 5208 1602 46,5 5447 55 182 775 140,2

Italien ........ 30932 401 338 86757 718 338 2334 81 26787 690 2192 30 15 1637 ^ 77,4 35,4 628.9 7561 2922 19067 8796264 85843 26,7 27,0

Luxemburg. ......

Montenegro (1885) ....

Niederlande ...... 4903 7494 25706 2790 17234 13987 69510 5568 2797 1583 14142 483 7589 2531 35241 585 358 149 1635 79 299 179 1724 25 50.2 970,1 89,3 491,3 6775 6049 6593 12847 3734065 968833 7 195 146 314234 58,2 37,8 22,9 14,9

Norwegen .......

Österreich (1886) .....

Bosnien, Herzegowina (1886)

Portugal ....... 5137 11948 ^ - 274 1 335,4 16548 919560 14,2

Rumänien (1886) .... 5245 9880 2402 5518 122 195 521,0 15899 1225857 26,4

Rußland (1886) ..... 107571 8345 7060 2843 17853 204033 21304 17102 4035 43446 30645 3844 991 431 8252 62891 12484 5723 86l 20629 1694 179 1115 68 542 1836 765 178 46 340 6293,5 458,7 32,0 427,0 574,9 28765 5016 2190 16936 18970 10290791 1242374 3331155 485398 2481420 9,^ 17,0 85,3 22,5 14,8

Schweden .......

Schweiz ........

Serbien (1886) .....

Spanien (1886) .....

Türkei, europäische (1882) . 23388 41688 ..^... ...... 443 21 565,5 14294 1133286 17,^

Ungarn ........ 17633 45381 1479 23794 702 930 197,5 9644 6196830 17,5

[Litteratur.] Rother, Der Telegraphenbau (4. Aufl., Berl. 1876); Ludewig, Der Bau von Telegraphenlinien (2. Aufl., Leipz. 1870); Derselbe, Der Reichstelegraphist (4. Aufl., Dresd. 1877); Zetzsche (Galle), Katechismus der elektrischen Telegraphie (6. Aufl., das. 1883); Derselbe, Handbuch der elektrischen Telegraphie (Berl. 1877-87, Bd. 1-4); Derselbe, Die Kopiertelegraphen, Typendrucktelegraphen und Doppeltelegraphie (Leipz. 1865); Derselbe, Die Entwickelung der automatischen Telegraphie (Berl. 1875); Weidenbach, Kompendium der elektrischen Telegraphie (2. Ausg., Wiesb. 1881); Grawinkel, Die Telegraphentechnik (Berl. 1876); Merling, Die Telegraphentechnik (Hannov. 1879); Canter, Der technische Telegraphendienst (3. Aufl., Bresl. 1886); Schellen, Der elektromagnetische T. (6. Aufl. von Kareis, Braunschw. 1882-88); Derselbe, Das atlantische Kabel (das. 1867); Calgary u. Teufelhart, Der elektromagnetische T. (Wien 1886); "Beschreibung der in der Reichstelegraphenverwaltung gebräuchlichen Apparate" (Berl. 1888); Wünschendorff, Traité de télégraphie sous-marine (Par. 1888; Sack, Verkehrstelegraphie (Wien 1883; v. Weber, Das Telegraphen- und Signalwesen der


Back to IndexNext