Toupet(franz., spr. tupa), Haarbüschel, Bezeichnung einer namentlich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts üblichen Mode, die unmittelbar über der Stirn befindlichen Haare, auch die der Perücke, rückwärts in die Höhe gekämmt und gekräuselt zu tragen.
Tour(franz., spr. tuhr), Umlauf, Umdrehung, z. B. einer Welle; Wendung (beim Tanz etc., auch in der Rede); Spaziergang, Rundfahrt, Reise (daher Tourist, Vergnügungsreisender); gewandt ausgeführter Streich; falsche Haarfrisur.
Tour(La T. du Pin, spr. tuhr du pang), Arrondissementshauptstadt im franz. Departement Isère, an der Bourbre und der Eisenbahn Lyon-Grenoble, mit Lein- und Seidenweberei, Fabrikation von Handschuhen und Posamentierwaren und (1886) 3197 Einw.
Tour, Abbé de la, Pseudonym, s. Charrière.
Touraine(spr. turähn), ehemalige franz. Landschaft, von Orléanais, Berry, Poitou und Anjou begrenzt, umfaßte das jetzige Departement Indre-et-Loire und einen Teil des Departements Vienne. Sie bildete seit 941 eine besondere Grafschaft, kam 1045 an die Grafen von Anjou, dann an die Plantagenets und 1204 unter Philipp II. August an die Krone, ward 1360 zum Herzogtum erhoben und mehrmals an nachgeborne französische Prinzen verliehen, aber 1584 nach dem Tode des Herzogs Franz von Alençon, des Bruders Heinrichs III., wieder mit der Krone vereinigt. Wegen ihrer Fruchtbarkeit ward die Landschaft der Garten Frankreichs genannt. Vgl. Bourassé, La T., son histoire et ses monuments (Tours 1855); Carré de Busserolle, Dictionnaire géographique, historique et biographique de l'Indre-et-Loire et de l'ancienne province de T. (das. 1878-84, 6 Bde.).
Tourcoing(spr. turkoang), Stadt im franz. Departement Nord, Arrondissement Lille, Knotenpunkt der Eisenbahnen Lille-Mouscron und Somain-Menin, nahe der belgischen Grenze, Schwesterstadt von Roubaix, mit dem es immer mehr verwächst, mit Collège, Gewerbekammer, Filiale der Bank von Frankreich, zahlreichen Spinnereietablissements für Schafwolle, Baumwolle, Flachs und Seide (zusammen 400,000 Spindeln), Wollkämmereien, Webereien, Färbereien, Fabriken für Möbelstoffe, Teppiche und Wirkwaren, Seife, Maschinen und Zucker, lebhaftem Handel und (1886) 41,183 (Gemeinde 58,008) Einw. An hervorragenden Bauwerken ist die Stadt arm. Hier 17. und 18. Mai 1794 Sieg der Franzosen unter Pichegru über die Österreicher und Engländer unter Clerfait.
Tourenzähler, Apparat zum Zählen der Umdrehungen von Wellen, Rädern etc.
Touristenvereine(Gebirgsvereine) sind solche, deren Arbeitsfeld vorwiegend sich auf Mittelgebirge oder Vorberge der Hochalpen erstreckt, während Alpenklubs (vgl. Alpenvereine) sich ausschließlich mit Hochgebirgen befassen; strenge Grenzen lassen sich jedoch nicht ziehen. Die meisten T. sind in Zweigvereine (Sektionen) gegliedert, die über ein Vereinsgebiet zerstreut sind, und die durch eine Zentralgewalt zusammengehalten werden. Jede Sektion arbeitet selbständig; alle aber erstreben gemeinsam für ihr Gebiet das gleiche Ziel. Verkehrserleichterungen, Erschließung und Verschönerung von Aussichtspunkten und neuen Partien, Hebung der Regsamkeit und Wohlfahrt der Gebirgsbewohner; ferner pflegen sie kleinere populärwissenschaftliche Forschungen und gemeinsame Touren etc. Fast jeder Touristenverein gibt eigne Jahresberichte heraus; mehrere lassen vierteljährlich, monatlich oder halbmonatlich Zeitschriften, außerdem Karten, Panoramen, Jahrbücher, Spezialführer u. dgl. erscheinen. Die Summe, welche durch die Kassen aller Touristen- und Alpenvereine zusammengenommen ins Land fließt, beläuft sich pro Jahr auf ca. 400,000 Mk., ungerechnet die großen Umsätze, welche sie indirekt hervorrufen. Im Deutschen Reich bestehen zur Zeit über 40 T. mit ca 27,000 Mitgliedern (ohne die Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins mit ca. 8000 Mitgliedern) und zwar: Schwarzwaldverein (Freiburg i. Br., seit 1864, reorganisiert 1882, 2000 Mitglieder), Taunusklub (Frankfurt a. M., seit 1868, reorganisiert 1882, 1000 Mitgl.), Vogesenklub (Straßburg i. E., 1876, 3000 Mitgl.), Rhönklub (Fulda, 1876, 2000 Mitgl.), Freigerichtenbund (Maisenhaus, 1876), Gebirgsverein für die Sächsisch-Böhmische Schweiz (Dresden, 1877, 1500 Mitgl.), Vaterländischer Gebirgsverein Saxonia (Dresden 1879), Spessarttouristenverein (Hanau, 1879), Gebirgsverein Rathewalde (1879), Gebirgsverein Lusatia (Zittau, 1880, 1200 Mitgl.), Thüringerwaldverein (Eisenach, 1880, 2600 Mitgl.), Verein der Spessartfreunde (Aschaffenburg, 1880, 500 Mitgl.), Gebirgsverein Oybin (1880), Schlesischer Gebirgsverein für das
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Tourn. - Tournai.
Riesengebirge (Hirschberg, 1880, 4000 Mitgl.), Heideklub (Dresden, 1880), Gebirgsverein für die Grafschaft Glatz (Glatz, 1881, 950 Mitgl.), Taunusklub Wetterau (Nauheim-Friedberg, 1881), Gebirgsverein für Öderan im Erzgebirge (1881), Verband vogtländischer Touristenvereine (Plauen, 1881, 1000 Mitgl.), Vogelsberger Höhenklub (Schotten, 1881, 1000 Mitgl.), Verschönerungsverein für das Siebengebirge (Bonn etc., 1881), Touristenverein Annaberg-Buchholz (1881), Rheinischer Touristenklub (Mainz, 1882), Odenwaldklub (Erbach, 1882, 1200 Mitgl.), Rhein- und Taunusklub (Wiesbaden, 1882), Im Spreegebiet (Bautzen, 1882), Oberes Spreethal (Neusalza, 1882), Verband der Gebirgsvereine des Eulen- und Waldenburger Gebirges (Reichenbach i. Schl., 1882/83, 500 Mitgl.), Gebirgsverein Charlottenbrunn in den Sudeten (1882), Bayrischer Waldverein (Bodenmais, 1883, 500 Mitgl.), Verschönerungsverein Naturfreund (Meißen, 1881, 400 Mitgl.), Verein Wendelsteinhaus (München, 1881), Schweidnitzer Gebirgsverein (1883), Württembergischer Schwarzwaldverein (Stuttgart, 1884), der Harzklub (Goslar, 1887, mit 2400 Mitgl. in 23 Zweigvereinen), Westerwaldklub (Selters), Eifelverein (Trier); ferner T. in Offenbach, Stettin, Köln, Kassel, Potsdam, Bingen, Hannover etc. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie zählt über 25 T. mit ca. 20,000 Mitgliedern ohne folgende 3 alpine Vereine: Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (ca. 7000 Mitgl.), Österreichischer Alpenklub (ca. 600 Mitgl.), Società degli Alpinisti Tridentini (ca. 500 Mitgl.) und zwar: Österreichischer Touristenklub (Wien, 1869, ca. 10,000 Mitgl.), Steirischer Gebirgsverein (Graz, 1869, 2000 Mitgl.), Ungarischer Karpathenverein (Käsmark, 1873, 3000 Mitgl.), Kroatischer Gebirgsverein (Agram, 1874, 450 Mitgl.), Lehrer-Touristenklub (Wien, 1874), Galizischer Tatraverein (Krakau, 1874, 2200 Mitgl.), Verein der Naturfreunde (Mödling, 1877, 400 Mitgl.), Nordböhmischer Exkursionsklub (Böhmisch-Leipa, 1878, 1350 Mitgl), Gebirgsverein für die Böhmische Schweiz (Tetschen, 1878, 350 Mitgl.), Böhmische Erzgebirgsvereine (Karlsbad, Görkau, Oberleutensdorf, Brüx, Komotau, Joachimsthal, Teplitz, Eger, Marienberg etc., seit 1879, ca. 2000 Mitgl.), Böhmischer Riesengebirgsverein (Hohenelbe, 1880, 600 Mitgl.), Siebenbürgischer Karpathenverein (Hermannstadt, 1880, 1500 Mitgl.), Sannthaler Alpenklub (Cilli, 1880), Gebirgsverein in Gmünd in Kärnten (1880), Gebirgsverein der mährisch-schlesischen Sudeten (Gräfenberg, 1881, 1600 Mitgl.), Alpenklub Salzburg (1881), Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs (Graz, 1881), Touristenverein Hermagor in Kärnten (1882), Plattenseeverein (1883), Società degli Alpinisti Triestini (Triest, 1883), Mittelgebirgsverein in Aussig in Böhmen (1883), Deutscher Böhmerwald-Bund (1884), Deutscher Gebirgsverein für das Jeschken- und Isergebirge (Reichenberg in Böhmen, 1884, 600 Mitgl.); ferner kleinere alpintouristische Privatkreise in Graz und Wien. In der Schweiz besteht außer dem Schweizer Alpenklub nur der Club jurassien (Neuchâtel, 1868). In Frankreich außer dem Club Alpin Français, der sich auch mit den Pyrenäen und dem Atlas Algeriens beschäftigt, und der Société Ramond in Bagnères de Bigorre (Oberpyrenäen, seit 1865): Société des Touristes du Dauphiné (Grenoble, 1875, 650 Mitgl.), Club Alpin International (Nizza, 1879, mehr ein Cercle für Kurgäste). In Italien außer dem Club Alpino Ita1iano und der Società Alpina Friulana (Udine, l874); Circulo Alpino dei Sette Comuni (Asiago), Club dei Monti Berici, Club Alpino di Garafagnana. In andern Ländern: Club Alpin Belge (Brüssel, 1883), Norske Turistforening (Christiania, 1868, 2000 Mitgl.), Associacio d'excursions Catalana (Barcelona, 1878, 500 Mitgl.), Himalaya-Club (Kalkutta, 1880), Appalachian Mountain-Club (Boston, 1876, 700 Mitgl.), Rocky Mountain-Club (Philadelphia, 1876), Alpine Club of Massachusetts (Williamstown, 1863), Krimscher Gebirgsklub (Odessa, 1889). Für das Deutsche Reich besteht seit 1883 ein Verband deutscher T. (Zentralsitz in Frankfurt a. M.), dem etwa 27 Vereine mit ca. 24,000 Mitgliedern angehören. Organ des Verbandet ist die Zeitschrift "Der Tourist" (Berl., seit 1887). Man kann auch in gewissem Sinn die lokalen Verschönerungsvereine unter die Gebirgsvereine, bez. T. rechnen, zumal sie, wie z. B. derzeit 1843 bestehende Verein zu Wiesbaden, neben dem Londoner Alpine Club (von 1857 bis 1861 unter dem Namen The Englishmen's Playground) zu den Vorläufern unsrer gesamten touristischen Vereinsbewegung zu zählen sind. Vgl. Köhler, Die touristischen Vereine der Gegenwart (Eisen. 1884); Nicol, Das touristische Vereinswesen (Wiesb. 1886).
Tourn., bei botan. Namen Abkürzung für Tournefort (s. d.).
Tournachon(spr. -schóng), Schriftsteller, s. Nadar.
Tournai(spr. turnä, vläm. Doornick), Hauptstadt eines Arrondissement und ehemalige Festung in der belg. Provinz Hennegau, an beiden Ufern der Schelde, Knotenpunkt der Eisenbahnen nach Gent, Brüssel, Valenciennes, Lille und Douai, hat sieben Vorstädte, breite Kais, regelmäßige Straßen, eine Kathedrale romanischen Stils aus dem 12. Jahrh. mit fünf Türmen, Gemälden von Jordaens, Rubens, Gallait u. a. und dem reichen Reliquienschrein des heil. Eleutherius, ersten Bischofs von T., die Kirche St.-Brice mit dem Grabmal des Frankenkönigs Childerich und viele andre Kirchen und Kapellen, einen alten, neuhergestellten Belfried und ein Stadthaus mit öffentlichem Garten. Den Marktplatz schmückt das von Dutrieux modellierte Bronzestandbild der Prinzessin Maria von Epinoy (s. unten). Die Bevölkerung zählte 1888: 34,805 Seelen. Die wichtigsten Industriezweige sind: Fabrikation von Teppichen, Leinen-, Wollen- und Baumwollenstoffen, Porzellan, Fayence und Bronzewaren, Mützen- und Strumpfwirkerei, Gerberei und Brauerei. Der lebhafte Handel wird durch die schiffbare Schelde begünstigt. T. hat ein geistliches Seminar, Athenäum, Industrieschule, Lehrerinnenseminar, eine Kunstakademie, öffentliche Bibliothek, ein naturhistorisches Museum, eine Entbindungsanstalt, ein Theater. Es ist Sitz eines Bischofs und eines Tribunals. - T. hieß im Altertum Civitas Nerviorum, Turris Nerviorum oder Tornacum, ward im 5. Jahrh. den Römern von den Franken abgenommen und teilweise zerstört, aber bald wieder aufgebaut und bis Chlodwig Sitz der merowingischen Könige. Später gehörte es zu Flandern, seit Philipp dem Schönen zu Frankreich, bis es im Frieden von Madrid 1526 an die spanischen Niederlande kam. Während der niederländischen Unruhen ward es 1581 von dem Herzog von Parma belagert, aber von der Prinzessin Maria von Evinoy tapfer verteidigt. 1667 von Ludwig XIV. erobert, wurde es im Aachener Frieden von 1668 förmlich an Frankreich abgetreten. Ludwig XIV. ließ die Festungswerke durch Vauban ansehnlich verstärken; dessenungeachtet ward der Platz 1709 von den Kaiserlichen unter Prinz Eugen und Marlborough wieder erobert und im Frieden von
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Tournantöl - Tours.
Utrecht mit den österreichischen Niederlanden vereinigt, doch erhielten die Holländer kraft des Barrieretraktats das Besatzungsrecht. Als Joseph II. 1781 den Barrieretraktat aufhob, wurde auch T. geschleift. Hier wurden 19. Mai 1794 die Engländer unter dem Herzog von York von den Franzosen unter Pichegru geschlagen. T. fiel nun an Frankreich, wurde im ersten Pariser Frieden von 1814 an Holland abgetreten und kam 1830 an Belgien. Vgl. Bourla, T.-guide, histoire etc. (Tourn. 1884); Cloquet, T. et Tournaisis (Lille 1885).
Touruantöl, s. Olivenöl.
Tourné(franz.), umgedreht, umgeschlagen! substantivisch: das als Trumpf aufgeschlagene Kartenblatt.
Tournebroche(franz., spr. turn'brósch), Bratenwender.
Tournedos(franz., spr. turn'doh), Lendenbratenschnitzel, welche vor dem Braten in einer Marinade von Provenceröl, Zitronensaft, Pfeffer etc. mariniert worden sind und mit Béarner, Scharlotten- oder Tomatensauce serviert werden. T. à la Rossini, berühmtes Gericht, zwei Lendenschnitzel, zwischen welchen Trüffel- und Gänseleberschnitte liegen.
Tournée(franz.), Rundreise (besonders amtliche).
Tournefort(spr. turnfor), Joseph Pitton de, Botaniker, geb. 5. Juni 1656 zu Aix, studierte bei den Jesuiten daselbst, ward 1683 Professor der Botanik am königlichen Pflanzengarten in Paris, bereiste von 1700 bis 1702 auf Kosten der Regierung Griechenland und Kleinasien, worüber er in "Voyage au Levant" (Par. 1717, 3 Bde.; deutsch, Nürnb. 1776) berichtete, und von wo er über 1300 neue Pflanzenarten mitbrachte. Er starb als Professor der Medizin am Collège de France 28. Nov. 1708 in Paris. Das in seinen "Institutiones rei herbariae" (Par. 1700, 3 Bde.; neue Aufl. von A. de Jussieu, Lyon 1719, 3 Bde.) aufgestellte Pflanzensystem, welches 22 Klassen umfaßte und sich aus den Bau der Blumenkrone gründete, fand trotz der geringen Berücksichtigung der natürlichen Verwandtschaft wegen der Handlichkeit des Buches in der Zeit vor Linné allgemeine Anerkennung. Auch war T. der erste vor Linné, welcher den Schwerpunkt der beschreibenden Botanik in die Charakteristik der Gattungen verlegte, wobei er freilich die spezifischen Verschiedenheiten innerhalb der Gattungen als Nebensache behandelte. Von seinen übrigen Werken sind noch zu nennen: "Histoire des plantes qui naissent aux environs de Paris" (Par. 1698; 2. Aufl. von Jussieu, 17.25); "Éléments de botanique" (Lyon 1694, 3 Bde. mit 489 Tafeln); "Traité de la matière médicale" (Par. 1717, 2 Bde.).
Tournesollappen, s. v. w. Bezetten (s. d.).
Tournesolpflauze, s. Crozophora.
Tournieren(franz.), drehen, wenden, z. B. im Kartenspiel (s. Skat); in der Kochkunst die Manipulation, mittels welcher man eine Speise ohne Rühren mit der Sauce mischt oder eine Flüssigkeit erhitzt, ohne daß sie am Boden des Gefäßes gerinnt; eine tournierte Suppe oder Sauce ist mit Ei vermischt, welches durch Kochen geronnen ist. Auch s. v. w. Drechseln, Drehen, daher das Ausschneiden oder Abdrehen von Rüben, Kartoffeln u. dgl. in Form von Kugeln etc. beim Garnieren großer Fleischschüsseln.
Tourniquet(franz., spr. turnikeh. Aderpresse), chirurg. Instrument zum Zusammenpressen von Arterien, um Verblutung bei Amputationen und sonstigen Blutungen zu verhüten. Dasselbe besteht (s. Figur) in einem Polster, welches oberhalb der Blutung (beim Bein in der Schenkelbeuge, beim Arm nahe der Achselhöhle) auf den Hauptstamm der Arterie gesetzt und mit einem 1 m langen Band mittels Knebels oder Schnalle um das Glied befestigt wird. - T. heißt auch eine drehbare Barriere (Drehkreuz) vor Billetschaltern etc.
Tournois(franz., spr. turnoa), altfranzösische, nach der Stadt Tours benannte Münzwährung, nach welcher bis 1795 und 1796 ganz Frankreich mit Einschluß der Kolonien rechnete. Der Livre t. hatte 20 Sous à 12 Deniers und stand um 1¼ Proz. im Wert niedriger als der heutige Frank, indem 81 Livres t. 80 Frank galten.
Tournon(spr. turnóng), Arrondiffementshauptstadt im franz. Departement Ardeche, am Rhone, über welchen zwei Hängebrücken nach der Stadt Tain hinüberführen, an der Eisenbahn Givors-La Voulte, hat ein Lyzeum, eine Bibliothek, ein Schloß, Seidenfilanden, Weinhandel und (1886) 3793 Einw.
Tournüre(franz., spr. turn-), gewandtes Benehmen; auch s. v. w. Cul de Paris.
Tournus(spr. turnüh), Stadt im franz. Departement Saône-et-Loire, Arrondissement Mâcon, an der Saône und der Eisenbahn Dijon-Lyon, hat eine Abteikirche, St.-Philibert, aus dem 11. und 12. Jahrh., ein Denkmal des hier gebornen Malers Greuze (von Falguière), ein Handelsgericht, Collège, Fabrikation von Rübenzucker, Maschinenbau, Seiden- und Weinbau und (1886) 4201 Einw.
Tourons(franz., spr. turóng), feines Gebäck aus Eiweißschnee, Zitronensaft und Mehl, welches noch warm um ein fingerdickes rundes Holz gewunden wird.
Tours(spr. tuhr), Hauptstadt des franz. Departements Indre-et-Loire und ehemalige Hauptstadt der Provinz Touraine, in fruchtbarer Ebene am linken Ufer der Loire, über welche eine 434 m lange, steinerne Brücke nebst zwei Hängebrücken führt, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt (Linien über Vendôme nach Paris, nach Orléans, Vierzon, Châtellerault, Poitiers, Sables d'Olonne, Nantes, Le Mans), ist von Boulevards (an Stelle der alten Festungswerke) umgeben und hat sich im S. durch neue Stadtteile bis zum Ufer des Cher erweitert. Die schöne Rue Royale teilt die Stadt in zwei fast gleiche Teile. Die hervorragendsten Gebäude sind: die gotische Kathedrale (mit zwei 70 m hohen Türmen und prächtigem Portal), die Kirchen St.-Julien (mit schönen Fresken) und St.-Martin (mit zwei schönen Türmen), der erzbischöfliche Palast, die Präfektur, das Justizgebäude, das Rathaus und das Theater. Am Platz vor der Brücke
Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV.Bd
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Tourtia - Towarczy.
das Denkmal Descartes' (von Nieuwerkerke). Die Stadt zählt (1886) 59,585 Einw., welche Industrie in Woll- und Seidenstoffen, Teppichen, Chemikalien etc., eine große Buchdruckerei, Wein- und Gemüsebau und starken Handel treiben. T. hat ein Lyceum, eine Vorbereitungsschule für Medizin und Pharmazie, ein Seminar, eine Maler- und Zeichenschule, Gewerbeschule, öffentliche Bibliothek (40,000 Bände), ein Gemälde- und Skulpturenmuseum, Antiquitäten-, Naturalien- und mineralogisches Kabinett, einen botanischen Garten, eine Irrenanstalt und mehrere gelehrte Gesellschaften. Es ist der Sitz des Präfekten, eines Erzbischofs, eines Assisenhofs und eines Handelsgerichts. 1853 ward hier ein großes römisches Amphitheater aufgefunden. - T. hieß zur Römerzeit Cäsarodunum, später Turones und war die Hauptstadt der Turones, kam dann unter westgotische und nachher unter fränkische Herrschaft und stand bis in das 11. Jahrh. unter eignen Grafen. 732 siegte Karl Martell in der Nähe von T. über die Araber. 853 wurde die Stadt von den Normannen geplündert und verbrannt. Karl VII. und Ludwig XI. residierten oft und gern in der Umgegend, letzterer im Schloß Plessis lès T. König Heinrich III. verlegte 1583 das Parlament hierher, wodurch die Stadt außerordentlich wuchs. Auch wurden hier die französischen Generalstaaten mehrmals zusammenberufen sowie mehrere Konzile abgehalten. 1870 war T. vom 11. Sept. bis 10. Dez. Sitz der Delegation der Regierung der Nationalverteidigung. Am 19. Jan. 1871 ward es vom Generalleutnant v. Hartmann besetzt. Vgl. Giraudet, Histoire de la ville de T. (Tours 1874, 2 Bde.); Grandmaison, T. archéologique (das. 1879).
Tourtia, s. Kreideformation, S. 183.
Tourville(spr. turwil), Anne Hilarion de Contentin, Graf von, franz. Seeheld, geb. 24. Nov. 1642 auf dem Schloß Tourville bei Coutances (La Manche), trat 1656 in den Malteserorden, kämpfte ruhmvoll gegen die Barbaresken, nahm 1660 Dienste in der französischen Marine, ward 1667 Schiffskapitän und befehligte von 1672 bis 1674 ein Linienschiff im Kriege gegen die Holländer und Spanier im Mittelländischen Meer. 1675 diente er erst unter dem Chevalier de Valbette, dann unter Duquesne; auf der Rückkehr von Agosta, wo er mit Auszeichnung gefochten, nach Frankreich vernichtete er 1677 bei Palermo zwölf Schiffe der holländisch-spanischen Flotte. 1680 zum Generalleutnant der Seetruppen ernannt, bombardierte er 1682, 1683 und 1688 Algier und nahm 1684 an der Beschießung Genuas teil. 1689 zum Vizeadmiral des Levantischen Meers erhoben, befehligte er 1690 mit d'Estrées die Flotte, welche die Unternehmung Jakobs II. in Irland unterstützte. Als Oberbefehlshaber der im Kanal aufgestellten französischen Flotte errang er in der Seeschlacht bei Beachy Head in der Nähe der Insel Wight im Juli 1690 den Sieg über die aus 112 Segeln bestehende britisch-holländische Flotte. Um die beabsichtigte Landung der Jakobiten an der britischen Küste zu ermöglichen, mußte er 29. Mai 1692 auf der Höhe des Kaps La Hougue die 88 Segel starke britisch-holländische Flotte unter dem Admiral Russell mit 44 Schiffen angreifen, geriet aber zwischen zwei Feuer und ward geschlagen. 1693 zum Marschall von Frankreich erhoben, nahm er im Juni beim Kap St.-Vincent von einer britisch-holländischen Handelsflotte 27 Handels- und Kriegsfahrzeuge weg und zerstörte 45 bei der Verfolgung. Er starb 28. Mai 1701. Die "Mémoires de T." (Amsterd. 1758, 3 Bde.) sind unecht. Vgl. Delarbre, T. et la marine de son temps (Par. 1889).
Toury(spr. turi), Dorf im franz. Departement Eure-et-Loir, Arrondissement Chartres, an der Eisenbahn Paris-Orléans, ward gelegentlich der Operationen des Generals v. d. Tann und des Großherzogs von Mecklenburg gegen die französische Loirearmee genannt. Nach T. ging 10. Nov. 1870 der Rückzng v. d. Tanns, und hier vereinigte der Großherzog einige Tage später seine Armeeabteilung.
Toussaint, Gertruide, s. Bosboom.
Toussaint-Langenscheidtsche Unterrichtsmethode, s. Langenscheidt u. Sprachunterricht, S. 185.
Toussaint l'Ouverture(spr. tussäng luwärtühr), Obergeneral der Neger auf Haïti, geb. 1743 als Sklavenkind auf einer Pflanzung des Grafen Noé unweit des Kaps François, erwarb sich als Kutscher eines Plantagenaufsehers durch Benutzung von dessen Bibliothek eine gewisse Bildung. Als im August 1791 die erste Negerempörung auf Haïti ausbrach, brachte T. seinen Herrn auf das Festland von Amerika in Sicherheit und nahm dann bei dem Negerheer Dienste. Als dasselbe in spanische Dienste gegen die franzöfsische Republik trat, wurde er zum spanischen Obersten ernannt; doch ging er 1794 mit einem Teil der Armee zu den Franzosen über und ward vom Konvent für seine Verdienste bei der Vertreibung der Spanier und der Unterdrückung eines Mulattenaufstandes (1795) zum französischen Brigadegeneral, 1797 zum Divisions- und endlich zum Obergeneral aller Truppen auf Haïti ernannt. Er stellte Ordnung und Disziplin wieder her, machte sich aber 1800 unabhängig und ließ sich zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen. Leclerc, der 1801 mit einem französischen Heer landete, zwang ihn zur Kapitulation. Nachdem er hierauf einige Zeit auf seinem Gut gelebt, ward er 1802 plötzlich verhaftet und nach Frankreich in das Fort Joux bei Besançon gebracht, wo er 27. Juli 1803 starb. Vgl. Gragnon-Lacoste, T. L. (Par. 1877); Schölcher, Vie de T. L. (das. 1889).
Tout(franz., spr. tu), das Ganze, Alles.
Tout comme chez nous(franz.), ganz wie bei uns.
Tovar, serb. Gewicht, = 100 Oken.
Tovar, deutsche Kolonie in der südamerikan. Republik Venezuela, eine Tagereise westlich von Caracas, am südlichen Abhang des Küstengebirges gelegen, ward 1843 auf einem von der Familie Tovar unentgeltlich abgetretenen Terrain gegründet, zählt aber jetzt nur noch 20-30 Familien.
Tow(spr. toh), engl. Name für Werg. Die in allen deutschen Handelsnotizen vorkommenden Towgarne sind aus Flachswerg gesponnen.
Towarczy(slaw., "Kamerad"), früher in Rußland und Polen aus dem kleinen Adel hervorgegangene Soldaten, die weder zu den Offizieren noch Unteroffizieren gehörten u. zu verschiedenen Malen als Truppe im brandenburgisch-preußischen Heer, zuerst 1675 als zwei Kompanien Reiter, vorkommen. Um in Preußen die große Zahl kleiner adliger Grundbesitzer in den ehemals polnischen Provinzen, welche mangelnder Bildung und Mittel wegen nicht als Offiziere, ihrer Standesvorurteile wegen aber auch nicht als Gemeine zu verwerten waren, unterzubringen, versuchte man Ende vorigen Jahrhunderts eine mit Lanzen bewaffnete Reitertruppe aus ihnen zu bilden und wandelte 1800 das Regiment Bosniaken in T. um. Den Plan, sie den Husaren zuzuteilen, vereitelte das Jahr 1806; nachdem die T. 1807 tapfer mitgefochten, wurden sie nach dem Friedensschluß wegen Abtretung ihrer Kantone in Ulanen umgewandelt.
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Tower - Trabea
Tower(engl., spr. tauer), die Gesamtbezeichnung für einen ausgedehnten Komplex von Türmen, Festungswerken, kirchlichen und profanen Gebäuden in der Altstadt von London, dessen Geschichte mit derjenigen der englischen Krone selbst für lange Jahrhunderte eng verbunden ist. Der älteste Teil dieser merkwürdigen Festung ist der sogen. weiße Turm (White T.), den Wilhelm der Eroberer durch den Bischof Gundulf von Rochester errichten ließ; daß dies auf Grundlage älterer römischer oder angelsächsischer Anlagen geschehen sei, ist nicht zu erweisen. Weitere Werke wurden unter Wilhelm II. Rufus und Stephan hinzugefügt, unter denen die innere Reihe der Befestigungsanlagen im wesentlichen vollendet wurde. Später hat sich besonders Heinrich III., der den T. 1217 in seine Hände bekam, des Ausbaues derselben angenommen und durch seinen Architekten Adam von Lamburn die äußere Reihe der Werke entwerfen und zum größten Teil ausführen lassen; einzelne Gebäude, so die jetzige St. Peterskirche, sind noch später unter Eduard I. hinzugefügt worden. Seit den ersten normännischen Königen war der T. Residenz der englischen Könige, die sich oft genug hierher vor drohenden Gefahren zurückzogen und die Festung durch eine ständige Besatzung unter einem Constable (das Amt war zuerst der Familie de Mandeville anvertraut) schützten, zugleich aber auch Schatzkammer, Sitz der obersten Behörden und ein sicheres Staatsgefängnis, das die Gefangenen oft genug nur verließen, um auf einem offenen Platz innerhalb der Festung, dem Tower-hill, ihr Leben unter dem Beil des Henkers zu beschließen. Hier wurde Johann ohne Land von seinen Baronen belagert, hier Richard II. zum Verzicht auf die Krone gezwungen, hier Heinrich VI. ermordet und der Herzog von Clarence im Wein ertränkt, hier starben Eduard V. und sein Bruder Richard von York eines geheimnisvollen Todes. Zu den Gefangenen des Towers gehören die erlauchtesten Namen der englischen Geschichte, und unter den Enthaupteten von Tower-hill sind Graf Warwick, der letzte Plantagenet, Bischof Fisher von Rochester und Sir Thomas More, Anna Boleyn, Katharina Howard und Jane Grey, der Protektor Somerset und Elisabeths Günstling, Graf Essex, Sir Walter Raleigh und Graf Strafford, Algernon Sidney und der Herzog von Monmouth, der natürliche Sohn Karls II. Als königliche Residenz für längere Zeit hat der T. zuletzt unter Heinrich VII. gedient; von da ab begaben sich die Herrscher nur noch im Beginn ihrer Regierung hierher, um von hier aus den feierlichen Krönungszug durch die City nach Westminster anzutreten. Erst Jakob II. hat diesen Brauch aufgegeben, und unter ihm sind die königlichen Wohngemächer abgerissen worden. Seit der Mitte des 18. Jahrh. sind keine Hinrichtungen auf Tower-hill mehr vorgenommen, seit 1820 dient er nicht mehr als Staatsgefängnis und wird gegenwärtig nur als Arsenal und Kaserne benutzt, obwohl noch 1792 einmal, aus Furcht vor revolutionären Bewegungen in London, seine Werke verstärkt und in Verteidigungszustand gesetzt worden waren. Vgl. Bayley, History and antiquities of the T. of London (2. Aufl., Lond. 1830); de Ros, Memorials of the T. of London (das. 1866); W. H. Dixon, Her Majesty's T. (7. Aufl., das. 1884; deutsch, Berl. 1870, 2 Bde.).
Tower Hamlets(spr. tauer hämmlets), ein Parlamentswahlbezirk der Stadt London, die östlich vom Tower liegenden Stadtteile (ehemalige "Weiler") umfassend, mit (1881) 439,137 Einw.
Towianski, Andreas, poln. Mystiker, geb. 1. Jan. 1799 zu Antoszwiniec in Litauen, war 1818-26 Advokat zu Wilna und begab sich, nachdem er mittlerweile auf seinem väterlichen Gut gelebt hatte, 1835 nach Paris, wo er den Saint-Simonismus kennen lernte. Ebendahin kehrte er 1840 zurück und eröffnete 27. Sept. 1841 seine mystischen Vorträge, deren Tendenz auf eine totale Umgestaltung des gesamten sozialen Zustandes der Menschheit durch beständige Begeisterung hinauslief. Für diese Ideen gewann er den Dichter Mickiewicz und andre Vertreter der polnischen Romantik. Vgl. Mickiewicz, L'Église of officielle et le Messianisme (Par. 1842-43, 2 Bde.). Der Meister selbst hat dem System keinen authentischen Ausdruck verliehen; 1842 und dann wieder 1848 aus Frankreich verwiesen, ging er über Rom nach der Schweiz, wo er 13. Mai 1878 in Zürich starb. Vgl. Semenko, T. et sa doctrine (Par. 1850).
Tow Law(spr. tau lah), Stadt in der engl. Grafschaft Durham, 16 km westlich von Durham, hat Kohlengruben, Eisenhütten, Kalksteinbrüche und (1881) 5005 Einw.
Town(engl., spr. taun), Stadt.
Township(engl., spr. taunschip), in England Kirchspiel oder Teil eines solchen, mit eigner Armenverwaltung; in den Vereinigten Staaten von Nordamerika Name der Unterabteilung der Counties, auch Hauptsektion der vermessenen Ländereien, = 23,040 Acres.
Towyn(spr. tohwin), Stadt in Merionethshire (Nordwales), an der Cardiganbai, hat Schieferbrüche, eine Mineralquelle, Seebäder und (1881) 3365 Einw.
Toxichämie (griech.), Blutvergiftung, bei welcher das Blut nicht nur als Transportmittel für aufgenommene Gifte dient, sondern durch letztere selbst (namentlich der Inhalt der roten Blutkörperchen) verändert wird.
Toxikologie(griech.), die Lehre von den Giften (s. d.).
Toxoceras, s. Tintenschnecken.
Toxonose(griech.), durch Einwirkung von Giften hervorgerufene Krankheit.
Toxteth Park, Wohnstadt im S. von Liverpool in Lancashire (England), mit (1881) 10,368 Einw.
Tr., bei Alkoholometerangaben die Skala nach Tralles; bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung für Friedr. Treitschke, geb. 1776 zu Leipzig, gest. als Hoftheaterökonom in Wien (Schmetterlinge).
Trab, Traben, s. Gangarten des Pferdes und Laufen; über das Trabrennen s. d.
Trabakel, zweimastiges Fahrzeug mit luggerartiger Takelung, an den österreichischen Küsten des Adriatischen Meers im Gebrauch.
Trabanten(ital. trabanti, v. deutsch. traben, lat. Satellites), dienende Begleiter, Leibwächter zu Fuß, waren schon im Altertum, besonders aber im Mittelalter üblich und dienten teils als Schutzwache fürstlicher Personen und hoher Beamten, der Landsknechtobersten, teils als Vollstrecker ihrer Befehle. Die Trabantengarden bildeten häufig den Stamm der Haustruppen (s. d.) oder auch der Feldtruppen, wie in Brandenburg. Aus den zwei Kompanien T. des Großen Kurfürsten, welche 1675 bei Fehrbellin mitfochten, gingen 1692 die heutigen Gardes du Corps (s. d.) hervor. - In der Astronomie ist Trabant s. v. w. Nebenplanet (s. d.).
Trabea(lat.), ein mit Purpurstreifen gesäumtes, mantelartiges Obergewand aus altrömischer Zeit, welches auch später noch das Amtskleid der Ritter und Augurn blieb. Die T. ist mit der Toga praetexta (s. Tafel "Kostüme I", Fig. 6) in Form und Bedeutung verwandt.
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Traben - Tracheen.
Traben, Marktflecken im preuß. Regierungsbezirk Koblenz, Kreis Zell, an der Mosel, am Trabenberg und an der Linie Reil-T. der Preußischen Staatsbahn, 97 m ü. M., hat Obst- und vortrefflichen Weinbau, große Weinhandlungen und (1885) 1704 meist evang. Einwohner. Gegenüber am rechten Moseluser die Stadt Trarbach (s. d.).
Traber, Pferderassen, bei denen der Trab bis zur größten Vollkommenheit ausgebildet ist. Die berühmten russischen Orlowtraber werden auf den Gestüten Chränowoi und Tschesmenka gezüchtet, doch liefert in neuester Zeit auch Nordamerika ausgezeichnete T. Vgl. Trabrennen.
Träber, s. Treber.
Traberkrankheit(Gnubberkrankheit, Wetzkrankheit, Schruckigsein), langwierige, fieberlose Krankheit der Schafe, die vorzugsweise zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr mit gesteigerter Empfindlichkeit und Schwäche, endlich Lähmung des Hinterteils ausfritt und meist unter fortschreitender Abzehrung zum Tod führt. Die noch vielfach rätselhafte Krankheit entwickelt sich unter wenig auffälligen Erscheinungen: die Schafe zeigen dummen, stieren Blick, scheues, furchtsames Wesen, Schüchternheit, Schreckhaftigkeit beim Ergreifen und Festhalten (Schruckigsein) und beginnende Muskelschwäche. Nach 4-8 Wochen tritt Schwäche im Hinterteil hervor, die Tiere gehen schwankend, mit kurzen, trippelnden, trabartigen Schritten (Traber), und allmählich breitet sich die Schwäche auch auf die vordere Körperhälfte aus. Meistens besteht dabei juckende Emfindung der Haut, namentlich in der Kreuzbein- und Lendengegend, welche die Tiere zu fast fortwährendem Scheuern und Nagen an diesen Stellen veranlaßt (daher Gnubber- oder Wetzkrankheit). Unter zunehmender Schwäche und Hinfälligkeit, die sich bis zur völligen Lähmung des Hinterteils steigern (Kreuzdrehen, Kreuzschlagen), tritt allgemeine Abmagerung ein, und nach monatelanger Krankheitsdauer gehen die Tiere an Erschöpfung zu Grunde. Genesungsfälle von der ausgebildeten Krankheit kommen nicht vor. In den Kadavern findet man nur am Rückenmark und an dessen Häuten höhere Rötung, Erweichung, Schwund, Wassererguß, in manchen Fällen jedoch gar nichts, woraus die Erscheinungen im Leben zu erklären wären. Nachweislich ist in Deutschland die Krankheit bereits vor Einführung der spanischen Schafe beobachtet worden; aber erst seit Einführung der Zucht feiner Schafe hat sie jene Verbreitung erlangt, in der sie gegenwärtig den größern Schäfereien oft ganz erhebliche Verluste bereitet. Die Krankheitsanlage wird unzweifelhaft ererbt, kann aber auch durch organische Schwäche des Nervensystems wie des gesamten Körperbaues bedingt sein, daher die Krankheit in überfeinerten, verzärtelten Herden häufig ist. Ebenso werden zu früher und zu starker Gebrauch der Zuchttiere, namentlich der männlichen, angeklagt. Ansteckend ist die T. nicht. Heilmittel sind bisher ohne Erfolg angewendet worden, frühzeitiges Schlachten der Erkrankten ist daher anzuraten. Die viel wichtigere Vorbauung gegen die aus einer Herde nur schwer wieder zu beseitigende Krankheit beruht auf Herstellung eines kräftigen und von erblicher Anlage freien Stammes, daher auf Ausschließung der Tiere von der Zucht, die aus traberkranken Familien abstammen oder bereits traberkranke Nachkommen erzeugt haben, nicht zu früher Benutzung der Tiere zur Zucht, Schonung der Böcke und rationeller Ernährung.
Trabrennen, früher besonders in Holland gebräuchliche Rennen, wo ein guter Stamm von Traberpferden (s. Traber) existierte: mit diesen und mit dem Entstehen der Orlowrasse übernahm Rußland die Pflege der T.; in neuerer Zeit ist auch in Frankreich und Deutschland die Neigung für diesen Sport rege geworden, indessen behauptet Amerika zur Zeit den ersten Platz mit seinen Pferden (Hardtrabers) im T. Die bisher erreichte größte Geschwindigkeit amerikanischer Traber, welche entweder unter dem Sattel oder in zweiräderigen, ganz leichten Wagen gehen, ist 2 Minuten 12 Sekunden für die englische Meile. Als Regel gilt bei den T., daß Pferde, welche in Galopp fallen, eine Volte (eine Kreiswendung) machen müssen. Zu beachten bei den Zeitangaben für die Rennen ist, daß die Amerikaner einen sogen. fliegenden Ablauf (Start) haben, d. h. daß sie die Pferde schon im Trab befindlich ablaufen lassen, während in andern Ländern die Pferde aus dem ruhigen Stehen ablaufen; man rechnet 4 Sekunden als Differenz für diesen verschiedenartigen Ablauf.
Trace(franz., spr. traß), eigentlich die Spur, dann Absteckungslinie einer Verkehrslinie, z. B. einer Straße, einer Eisenbahn oder eines Kanals. Man versteht unter T. die Achse eines Verkehrswegs mit Einschluß aller seiner Krümmungen, Steigungen und Gefälle, welche sich durch einen Grundplan (Situationsplan) und einen Höhenplan (Längenprofil) darstellen läßt. Beim Abstecken läßt sich die T. zunächst nur auf der Terrainoberfläche fixieren, hiernach aber auf Grund eines Nivellements erst durch Auftrag und Abtrag des Bodens wirklich herstellen. Die Operation des Aufsuchens und Absteckens nennt man tracieren und unterscheidet die technische Tracierung von der kommerziellen, je nachdem man nur die rein technische oder die rein kommerzielle Seite der Aufgabe ins Auge faßt. Bei der erstern handelt es sich um die bei übrigens gleicher Solidität geringsten Baukosten, bei der letztern um die bei gleicher Transportmenge geringsten Betriebskosten: Gesichtspunkte, welche bei dem Aufsuchen der vorteilhaftesten T. stets gleichzeitig in Betracht zu ziehen sind. Näheres hierüber s. unter Eisenbahnbau. Tracieren, entwerfen, abstecken.
Tracee(franz. tracé, spr. traßé), Abriß, Grundrißform (besonders einer Festung).
Trachea(lat.), Luftröhre.
Trachea, s. Eulen, S. 908.
Trachealrasseln, helles rasselndes Atemgeräusch bei Ansammlung von viel Schleim in der Luftröhre und ihren ersten Verzweigungen; kommt meist nur bei Sterbenden vor.
Tracheen(griech.), Luftröhren, die Atmungsorgane der Tracheentiere, d. h. der Insekten, Spinnen etc. (s. unten). Die T. (Fig. 1 u. 2) sind dünne Röhren, deren Wandungen aus Zellen und einer von diesen abgeschiedenen Schicht eines hornartigen Stoffes (Chitin, s. d.) bestehen. Letztere ist in den feinsten Zweigen der T. glatt, in den gröbern aber mit spiralig angeordneten Verdickungen versehen und hält so die T. stets offen. Die T. beginnen in der Haut mit einer Öffnung, dem Stigma oder Luftloch, hinter dem sich gewöhnlich ein besonderer Verschlußapparat befindet, und verzweigen sich dann in einer bei den einzelnen Tieren verschiedenen Art im Innern des Körpers. Die allerfeinsten, auch bei starken Vergrößerungen nur schwierig sichtbaren Zweige umspinnen alle Organe und dringen in sie hinein, so daß die Atemluft überall hingeleitet wird. Die Luftlöcher wechsele sehr an Zahl, Größe und Form, doch befindet sich bei den Insekten wenigstens in der Regel an fast jedem Lei-
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Tracheentiere - Trachyte.
besring ein Paar. Manche Arten Insekten pumpen sich, bevor sie fliegen, den Körper voll Luft (das "Zählen" des Maikäfers) und haben darum an ihren T. noch bis zu mehreren Hundert kleiner Ballons (Tracheenblasen). Übrigens fehlen in einzelnen Fällen, namentlich an Larven von Wasserjungfern etc.,
Fig. 1. Larve einer Eintagsfliege mit 7 Paar Tracheenkiemen (Tk). - Fig. 2. Tracheensystem der Larve von Agrion (Wasserjungfer). Tst Seitliche Tracheenlängsstämme, D Darm, Tk. Tracheenkiemen.
die Stigmen vollständig, so daß das Tracheensystem zu einem geschlossenen im Gegensatz zum offenen, d. h. mit Stigmen versehenen, wird. Die Atmung geschieht in diesem Fall gewöhnlich so, daß ein Teil der T. in besonders dünnen Hautstellen, die über die Körperoberfläche oder am Darm blattartig hervorragen, angebracht ist; diese wirken, da die betreffenden Tiere in Wasser oder feuchter Luft leben, wie Kiemen (sogen. Tracheenkiemen). Bei den Spinnen sind die T. in eigentümlicher Weise angeordnet, indem die dicht nebeneinander entspringenden zahlreichen Zweige eines Astes wie die Blätter eines Buches abgeplattet zusammenliegen (sogen. Tracheenlungen oder Fächertracheen). Als Tracheentiere (Tracheata) bezeichnet man die mit T. versehenen Arthropoden oder Gliederfüßler (s. d.). Es sind dies die Insekten, Tausendfüße, Spinnen und Urtracheaten (Protracheata). Letztere wurden früher wegen ihrer Gestalt zu den Würmern gerechnet, bis man in neuester Zeit an ihnen die T. auffand. Augenscheinlich vermitteln sie den Übergang zwischen den schon lange als Tracheaten bekannten Insekten etc. und den Ringelwürmern und sind daher für den Zoologen sehr interessante Tiere. Zu ihnen gehört nur die Gattung Peripatus, deren Arten in den Tropen an feuchten Orten leben. Wegen der übrigen Tracheentiere s. die einzelnen Artikel über die genannten Gruppen.- In der Pflanzenanatomie bezeichnet man mit dem Namen T. die Gefäße (s. d., S. 1005).
Tracheentiere, s. Tracheen.
Tracheiden, in der Pflanzenanatomie gefäßartige Zellen, welche sich von den Tracheen oder echten Gefäßen nur durch ihr völliges Geschlossensein unterscheiden; sie bilden den Hauptbestandteil des Holzes bei Koniferen und Cykadeen sowie der Gefäßbündel vieler Monokotylen und Farne.
Tracheitis(griech.), Luftröhrenkatarrh.
Trachenberg, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Breslau, Kreis Militsch, an der Bartsch, Knotenpunkt der Linien Berlin-Posen und T.-Herrnstadt der Preußischen Staatsbahn, 94 m ü. M., hat eine evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein Amtsgericht, 2 Zuckerfabriken, eine Dampfmahlmühle, Leinweberei und (1885) 3570 meist evang. Einwohner. T. erhielt 1253 deutsches Stadtrecht. Dabei das gleichnamige Schloß des Fürsten von Hatzfeld-T., in welchem 12. Juli 1813 der von Knesebeck entworfene Kriegsplan von König Friedrich Wilhelm III., Kaiser Alexander und dem Kronprinzen von Schweden unterzeichnet ward.
Tracheobronchitis(griech.), Katarrh der Luftröhre und der Bronchien.
Tracheoskopie(griech.), Untersuchung der Luftröhre vermittelst des Kehlkopfspiegels.
Tracheostenose(griech.), Luftröhrenverengerung.
Tracheotomie(griech.), s. Luftröhrenschnitt.
Trachom(griech.), s. Ägyptische Augenentzündung.
Tracht, s. Kostüm.
Tracht, in der Jägersprache die Gebärmutter des Mutterwildes.
Trächtigkeit, s. Schwangerschaft, S. 685.
Trachydolerit, s. Andesite.
Trachyte(Trachytgesteine), gemengte kristallinische Gesteine, gewöhnlich aus mehreren Feldspaten (vorwiegend Sanidin), Hornblende, Augit, Glimmer zusammengesetzt, bald quarzführend, bald quarzfrei. Es sind jungvulkanische Gesteine mit hohem Gehalt an Silicium (60-80 Proz. SiO2), teils Laven jetzt noch thätiger Vulkane, teils Eruptionsmaterial, welches während der Diluvial- und Tertiärperiode geflossen ist. Zu ihnen gehören neben den Trachyten im engern Sinn Quarztrachyt, Domit und als glasartige Modifikationen Trachytpechstein (s. d.), Obsidian(s. d.), Perlstein (s. d.) und Bimsstein (s. d.). Die typischen Varietäten des Quarztrachyts (Liparit, felsitischer Rhyolith, Trachytporphyr) besitzen phorphyrische Struktur: in einer felsitischen Grundmasse, die sich unter dem Mikroskop als aus Quarz, Sanidin, wenig Oligoklas und Hornblende neben nicht individualisierter Glasmasse zusammengesetzt zeigt, liegen Quarz-, Glimmer- und Hornblendekristalle. Die Grundmasse ist weißlich, gelblich, hellgrau oder rötlich gefärbt, mitunter rauh, zellig oder porös, die Wandung der Hohlräume mit Quarzvarietäten überkleidet. Das Gestein kommt an einigen Stellen des Siebengebirges, häufiger in den Euganeen, auf Island, in Siebenbürgen vor, ist aber als Lava jetzt thätiger Vulkane nicht bekannt. Domit ist eine durch matte, sehr feinkörnige und wenig glasige Grundmasse ausgezeichnete Varietät des Quarzporphyrs (Auvergne, namentlich Puy de Dôme). Quarzfreier Trachyt besitzt ebenfalls gewöhnlich porphyrische Struktur, und zwar sind es meist die Sanidinkristalle (bis 8 cm groß), welche die Porphyrstruktur
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Trachytpechstein - Traduzianismus.
hervorrufen. Es gibt Trachyt, welcher fast nur aus Sanidin (Sanidintrachyt, Sanidinit) mit wenig Hornblende, Glimmer und Oligoklas besteht. Tritt der letztere Bestandteil, namentlich als Einsprengling, mehr hervor, so unterscheidet man die Varietät als Oligoklas-Sanidintrachyt. Andre Varietäten (Augittrachyte) führen Augit. Die Grundmasse der T. besteht nach der mikroskopischen Untersuchung aus denselben Mineralien, welche auch mikroskopisch beobachtbar sind, dazu Glassubstanz, Magneteisen, wohl auch Tridymit, der aber besonders häufig als Auskleidung der Hohlräume auftritt. Quarzfreie T. kommen sowohl als Laven, in historischen Zeiten geflossen, wie auch als solche älterer Vulkane (Siebengebirge, Westerwald, Rhön, Monte Olibano bei Neapel u. a. O.) vor. Hierher gehören auch die Auswürflinge (Lesesteine) des Laacher Sees, die sich durch ihren Reichtum an accessorischen Bestandteilen (Nephelin, Hauyn, Nosean, Titanit, Olivin, Zirkon, Saphir, Spinell etc.) auszeichnen. Als Trümmergesteine der T. treten Trachytkonglomerate, Trachytbreccien und Trachyttuffe auf. Zu letztern zählen unter andern die opalführenden Gesteine von Kaschau in Ungarn, die Bimssteintuffe Ungarns und der Auvergne, der Traß (Duckstein) vom Niederrhein, die Puzzolane und der Pausilipptuff von Neapel, die Tosca von Teneriffa, sämtlich zur Herstellung von hydraulischen Mörteln geeignet. Auch der Alaunstein (Alunit, s. d.) ist ein Zersetzungsprodukt trachytischer Gesteine. Der Verwitterung gegenüber verhalten sich die T. je nach physikalischer Beschaffenheit und je nach der Natur der Bestandteile äußerst verschiedenartig. Während die glasigen Modifikationen den Atmosphärilien einen hartnäckigen Widerstand entgegenstellen, sind die weniger geschlossenen hinfälliger und zerfallen schließlich zu einer vom Kaolin oft wenig verschiedenen Masse, gewöhnlich noch mit Sanidinsplittern untermengt. T. dienen oft als Baumaterialien, die quarzführenden und porösen als Mühlsteine (Mühlsteinporphyr); die Tuffe werden zur Herstellung hydraulischer Mörtel und zu feuerfesten Mauerungen (Backofenstein) benutzt.
Trachytpechstein, Gestein, in mineralogischer und chemischer Hinsicht mit Pechstetn (s. d.), der glasartigen Modifikation des Porphyrs, identisch, genetisch aber nicht mit Porphyr, sondern mit den jüngern (tertiären) Trachyten zu vereinen. Die Pechsteine Ungarns, der Euganeen, der vulkanischen Gebiete Frankreichs und Islands gehören hierher.
Tracieren(franz., spr. traßieren), s. Trace.
Tractus(lat.), Kanal, Gang, z. B. T. alimentarius, Verdauungskanal.
Tractus cantus(lat., "gezogener", d. h. langsamer, Gesang), der Gesang der römischen Kirche, welcher in der Fastenzeit und bei andern Trauerfesten der Kirche im Choralgesang an Stelle des (ursprünglich jubelnd vorgetragenen) Halleluja tritt.
Trade(engl., spr. trehd), Handel, Gewerbe; Tradedollar, Silberdollar (Handelsmünze); Trademark, Fabrikzeichen; Tradesales, im englischen Buchhandel Versteigerung von Auflageresten.
Traders(engl., spr. trehders, "Händler"), im brit. Nordamerika Pelzhändler im Dienste der Hudsonbaikompanie, zugleich untere Verwaltungsbeamte.
Tradescantia L., Gattung aus der Familie der Kommelinaceen, krautartige Pflanzen, von denen T. guianensis Miq., aus Mittelamerika, mit langen, hängenden Zweigen, eiförmigen, zugespitzten, stengelumfassenden Blättern und selten erscheinenden, weißen Blüten als Ampelpflanze, zur Bildung eines grünen Grundes in Terrarien, Gewächshäusern und im Zimmer kultiviert wird und auch als Vogelfutter benutzt werden kann. T. zebrina hort., der vorigen ähnlich, aber mit braunen, weiß gestreiften Blättern, ist etwas empfindlicher. T. discolor Sm., aus Brasilien, mit dickem, aufrechtem Stengel, lanzettförmigen, oben grünen, unten violetten Blättern und weißen Blüten, gedeiht auch im Zimmer. T. virginica L., 60-80 cm hoch, mit linienlanzettförmigen Blättern und violettblauen Blüten in dichten Dolden, wird in Gärten als Zierpflanze kultiviert.
Trades' Unions(engl., spr. trehds juhnjons), s. Gewerkvereine.
Tradition(lat.), Überlieferung, Übergabe. In der Rechtswissenschaft versteht man unter T. die Übertragung des Besitzes an einer Sache seitens des bisherigen Besitzers (Tradent) an einen andern. Soll durch die T. das Eigentum an der zu übergebenden Sache auf den Empfänger übergehen, so ist es nötig, daß dem Tradenten selbst das Eigentum daran zusteht, da niemand mehr Recht auf einen andern übertragen kann, als er selbst hat. Erfolgt die Übertragung des Eigentumsbesitzes an den dermaligen Inhaber (natürlichen Besitzer) der Sache, so spricht man von einer Traditio brevimanu (s. Besitz). Bei Grundstücken sind an die Stelle der T., welche nach älterm deutschen Rechte durch symbolische Handlungen erfolgte (s. Effestukation), die gerichtliche Auflassung (s. d.) und der Grundbuchseintrag getreten.
T. bezeichnet ferner die der geschriebenen Geschichte entgegengesetzte, nur durch die mündliche Überlieferung auf die Nachwelt gelangende Kunde, insbesondere die jüdischen und christlichen Satzungen und Lehren, die nicht in der Bibel schriftlich fixiert sind, sich aber durch mündliche Überlieferung in Synagoge und Synedrion (s. d.) oder in der Kirche erhalten und fortgepflanzt haben. Die Sicherheit dieser T., deren sich die römisch-katholische Kirche nicht nur zur Begründung von Lehren, geschichtlichen Thatsachen und Gebräuchen, sondern auch zur Rechtfertigung der hergebrachten Schriftauslegung bedient, weshalb eine dogmatische, rituelle, historische und hermeneutische T. unterschieden wird, wurde von den Reformatoren angefochten, welche höchstens die T. der ersten christlichen Jahrhunderte beachtet, aber auch diese der Heiligen Schrift untergeordnet wissen wollten. Dagegen setzte die römisch-katholische Kirche auf dem Konzil von Trient die T. ausdrücklich der Schrift als ebenbürtig an die Seite, und Gleiches ist auch die Voraussetzung der griechischen Dogmatik, während die protestantische Dogmatik der T. nur insofern eine prinzipielle Bedeutung beilegen kann, als sie für ihre Aussagen sich nicht bloß auf die in der Heiligen Schrift unmittelbar bezeugte Glaubenserfahrung der ersten Generationen der werdenden Christenheit zurückzubeziehen, sondern auch die ganze Glaubenserfahrung der geschichtlich gewordenen Christenheit kritisch in sich aufzunehmen und dabei besonders die grundlegende, symbolbildende Epoche des Protestantismus selbst zu berücksichtigen hat. Vgl. Weiß, Zur Geschichte der jüdischen T. (Wien 1871-76); Holtzmann, Kanon und T. (Ludwigsb. 1859).
Traditionell(franz.), durch Tradition (s. d.) überkommen.
Traditor(lat.), Überlieferer, Auslieferer (besonders der Heiligtümer bei den Christenverfolgungen unter Diokletian); im Festungswesen der in den Kehlgraben vorspringende Teil von Kehlreduits in Forts, zur Kehlbestreichung dienend.
Traduzianismus(lat.), die in der Dogmatik im
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Traduzieren - Träger.
Gegensatz zum Kreatianismus (s. d.) auftretende Lehre, nach welcher bei der Entstehung des menschlichen Lebens auch die Seele nur als mittelbare göttliche Schöpfung in Betracht kommt. So lehren nach dem Vorgang Tertullians und im Interesse an der Erbsünde die Lutheraner, doch nicht in dem Sinn einer Entstehung der Seelen aus physischer Zeugung (ex traduce), sondern nur mittels derselben als Fortleitung des in Adam eingesenkten Keims (per traducem).
Traduzieren(lat.), hinüberführen, übersetzen.
Traëtto(jetzt Minturno), Stadt in der ital. Provinz Caserta, Kreis Gaeta, nahe dem Garigliano, hat Reste eines Aquädukts und eines Theaters (der antiken Stadt Minturnä, s. d.) und (1881) 4394 Einw.
Trafalgar(sonst Junonis promontorium), Vorgebirge an der Küste der span. Provinz Sevilla, am Atlantischen Meer, nahe der Straße von Gibraltar, berühmt durch die Seeschlacht 21. Okt. 1805 zwischen der englischen Flotte unter Nelson und der vereinigten französisch-spanischen unter Villeneuve und Gravina. Letztere, mit 33 Linienschiffen vor Cadiz ankernd, ließ sich von Nelson, der 27 Linienschiffe hatte, durch scheinbaren Rückzug in das offene Meer locken und wurde dann 21. Okt. beim Kap T. angegriffen. Die drei Stunden lange Linie der spanisch-französischen Flotte ordnete sich bei Annäherung der in zwei Kolonnen geteilten englischen Schiffe in einen Halbkreis, ward aber bald auf zwei Punkten durchbrochen. Es entspann sich nun ein furchtbarer Kampf zwischen den hart aneinander liegenden Schiffen, der nach drei Stunden zu gunsten der Engländer entschieden war. Die spanisch-französische Flotte verlor 19 Schiffe; Admiral Villeneuve ward gefangen, Gravina starb an seinen Wunden. Es war dies Nelsons glorreichster und letzter Sieg; er fiel durch die Kugel eines feindlichen Scharfschützen, der ihn an seinen Orden erkannt hatte.
Trafik(v. ital. traffico), Handlung, Verschleiß, insbesondere Detailhandel, in Österreich namentlich auf die Tabaksverkaufsstellen angewendet.
Trafoi, kleine Alpenansiedelung (85 Einw.) in Tirol, Bezirkshauptmannschaft Meran, in großartiger Landschaft am Fuß der Ortlergruppe an der Straße über das Stilfser Joch gelegen.
Tragaltar, s. Altar, S. 413.
Tragánt(Gummi Tragacanthae), aus dem Stamme mehrerer vorderasiatischer Arten von Astragalus (s. d.) freiwillig oder nach zufälligen oder absichtlichen Verletzungen ausschwitzendes Gummi, bildet flache, gedrehte oder gekrümmte, von verdickten, konzentrischen, halbkreisförmigen Striemen durchzogene, farblose oder gefärbte Stücke. Er ist hornartig, fast durchscheinend, zäh, geruchlos, schwillt im Wasser stark auf, gibt gepulvert mit 20 Teilen Wasser einen derben Schleim und besteht aus Bassorin, löslichem Gummi, Stärkemehl und mineralischen Stoffen. Im Handel unterscheidet man: Blätter- oder Smyrnaer T., aus großen, flachen, platten oder bandförmigen Stücken mit dachziegelförmig übereinander geschobenen Schichten bestehend, als beste Sorte; Morea-T. (Vermicelli), in unförmlichen, wulstigen oder nudelförmigen, gewundenen oder gedrehten Stücken; syrischen oder persischen T., in stalaktitenförmigen oder flachen, gewundenen oder gedrehten, mitunter sehr großen Stücken. Man benutzt T. in der Zeugdruckerei und Appretur, zu Wasserfarben, zu plastischen Massen, als Bindemittel zu Konditorwaren und in der Medizin. Über das dem T. sich anschließende Kuteragummi s. Cochlospermum. - T. war bereits den Alten bekannt, ebenso den spätern Griechen und den Arabern des frühen Mittelalters. In Deutschland wurde er im 12. Jahrh. zu Arzneiformen benutzt, auch fand er bald technische Verwendung.
Tragelaphos(Tragelaph, griech., "Bockshirsch"), phantastisch gebildetes Tier, das den Griechen nur aus Abbildungen auf Teppichen und andern Kunsterzeugnissen des Orients bekannt war (Persien und Babylon) und nur auf hochaltertümlichen Vasen nachgeahmt ist. Es war eine Hirschgestalt mit Bart und Zotteln am Bug.
Traeger, Albert, Dichter, geb. 12. Juni 1830 zu Augsburg, von wo sein Vater nach einigen Jahren nach Naumburg übersiedelte, studierte 1848-51 in Halle und Leipzig Rechts- und Staatswissenschaften und wurde 1862 Rechtsanwalt und Notar zu Kölleda in Thüringen, von wo er 1875 in gleicher Eigenschaft nach Nordhausen übersiedelte. T. ist seit 1871 zugleich Reichstagsabgeordneter und gehört als solcher der deutschen freisinnigen Partei an. Als talentvoller Lyriker bewies er sich in seinen "Gedichten" (Leipz. 1858, 16. vermehrte Auflage 1884). Außerdem veröffentliche er "1870", sechs Zeitgedichte (Berl. 1870); die Novelle "Übergänge" (Leipz. 1860); "Tannenreiser", Weihnachtsarabesken (Tropp. 1864); "Die letzte Puppe" (Soloszene, Wien 1864); "Morgenstündchen einer Soubrette", dramatisches Genrebild (mit Em. Pohl, Berl. 1879); ferner die illustrierten Sammelwerke: "Stimmen der Liebe" (Leipz. 1861) und "Deutsche Lieder in Volkes Mund und Herz^ (das. 1864). Auch gab er 1865-83 das Jahrbuch "Deutsche Kunst in Bild und Lied, Originalbeiträge deutscher Dichter, Maler und Tonkünstler", heraus.
Träger, im Bauwesen wagerechter, zum Tragen von Lasten bestimmter Bauteil aus Stein, Holz, Eisen oder Holz und Eisen, welcher auf zwei (abgesetzter T.) oder mehreren (fortgesetzter, kontinuierlicher T.) Stützen ruht oder an einem Ende befestigt ist (Krag- oder Konsolträger). T. aus Stein sind vierkantige, prismatische Balken, T. aus Holz entweder einteilige und mehrteilige (verzahnte, Fig. 1 [S. 792], verdübelte, Fig. 2) Balken mit rechteckigem Querschnitt, oder aufgeschlitzte und gespreizte (Fig. 3, Lavessche, Fig. 4) Balken, oder gegliederte, aus Fachwerk (Fachwerkträger, Fig. 5) oder Netzwerk oder Gitterwerk (Netzwerkträger, Gitterträger) bestehende Balken, während T. aus Eisen die mannigfaltigste Ausbildung zeigen. Nach der Form derselben unterscheidet man Dreieckträger (Fig. 8), Rechteck- (Parallel-) T. (Fig. 10 u. 11), Trapezträger (Fig. 9), Vieleck- (Polygonal-) T. und unter den letztern Parabel- (Fig. 12), Halbparabel- (Fig. 13), Hyperbel- und Ellipsenträger (Fischbauch- und Fischträger, Fig. 14 u. 15). Nach ihrer Zusammensetzung unterscheidet man wieder massive (gewalzte und Blechträger) und gegliederte T. (Fachwerk- und Netzwerkträger, Fig. 10 u. 11). Im Hochbau werden die T. zur Unterstützung, vorzugsweise der Decken, und zwar als hölzerne oder eiserne Unter- oder Oberzüge, ferner zur Unterstützung von Balkonen, Galerien und Erkern als Konsolträger, im Brückenbau zur Herstellung des Überbaues als Hauptträger, Querträger, Schwellenträger, Konsolträger verwandt, wo sie aus Eisen und nur für vorübergehende Zwecke aus Holz oder aus Holz und Eisen konstruiert werden. T., welche man gekuppelt, d. h. dicht nebeneinander liegend, verwendet, nennt man, besonders wenn sie aus Walzeisen bestehen, Zwillingsträger, während man die Walzeisenträger selbst, je nachdem sie einen T- oder I-förmigen Querschnitt besitzen, kurzerhand mit T-T. und I-T. be-
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Trägerrecht - Tragisch.
[Abbildungen mit Unterschriften]
zeichnet. Armierte T. sind hölzerne oder eiserne Balken, welche zur Erhöhung ihrer Tragfähigkeit künstlich, z. B. durch einfache Häng- oder Sprengwerke (Fig. 6 u. 7), verstärkt werden. Vgl. die Artikel "Balken", "Brücke", "Decke" und "Eisenbau".
Trägerrecht, s. Baurecht, S. 526.
Trägheit, im physikalischen Sinn s. v. w. Beharrungsvermögen (s. d.); im psychologischen Sinn das aus dem Unlustgefühl, welches durch die Vorstellung der Bewegung hervorgerufen wird, entspringende Bestreben, in dem gegebenen Ruhezustand zu beharren.
Trägheitsmoment, in der Mechanik diejenige ideale Masse, welche, in der Entfernungseinheit von der Drehungsachse eines rotierenden Körpers konzentriert gedacht, bei gleicher Winkelgeschwindigkeit dieselbe lebendige Kraft (s. Kraft, S 132) besitzt wie der rotierende Körper. Bezeichnet man die Winkelgeschwindigkeit, d. h. die Geschwindigkeit in der Entfernung 1 von der Drehungsachse, mit w, so würde demnach das T. (T) diejenige Größe sein, welche, mit ½ w² multipliziert, die gesamte lebendige Kraft des rotierenden Körpers ergibt. Diese letztere aber ist gleich der Summe der lebendigen Kräfte aller seiner Massenteilchen. Sind m, m', m''... solche einzelne Massenteilchen, welche bez. um r, r', r''... von der Drehungsachse abstehen, so bewegen sich dieselben bez. mit den Geschwindigkeiten rw, r'w, r''w... und besitzen die lebendigen Kräfte ½ mr²w², ½ m'r'²w², ½ m''r''²w²...; die gesamte lebendige Kraft des rotierenden Körpers ist demnach = ½w²(mr²+m'r'²^+m''r''²+...), wenn die eingeklammerte Summe über sämtliche Massenteilchen des Körpers erstreckt gedacht wird. Mit dieser Summe, welche kurz durch sum(mr²) ausgedrückt wird, muß also, wie man sieht, ½w² multipliziert werden, um die lebendige Kraft des rotierenden Körpers zu erhalten, d. h. diese Summe ist dem T. gleich oder T = ^sum(mr²). Man findet demnach das T. eines Körpers, indem man die Summe bildet aus den Produkten aller Massenteilchen mit den Quadraten ihrer Abstände von der Drehungsachse.
Tragikomisch(griech.), Verschmelzung des Tragischen mit dem Komischen, gewöhnlich von Ereignissen gebraucht, die in ihrer ganzen Entwickelung einen tragischen Ausgang erwarten ließen, allein plötzlich eine Wendung zu einem komischen Ende nehmen.
Tragikomödie(griech.), die dramatische Darstellung einer tragikomischen Handlung; im weitern Sinn eine Tragödie, welche, wie z. B. die alten spanischen und englischen Tragödien, neben den tragischen auch komische Bestandteile enthält.
Tragisch(griech.) heißt nach Aristoteles ein Ereignis, welches zugleich Mitleid (mit dem von demselben Betroffenen) und Furcht (für uns selbst) erweckt. Dasselbe muß einerseits ein Leiden sein, weil dessen Anblick sonst nicht selbst ein Leid wecken könnte; aber es darf kein verdientes (nicht die gerechte Strafe eines wirklichen Verbrechens) sein, denn ein solches bedauern wir zwar, aber bemitleiden es nicht. Dasselbe muß anderseits furchtbar sein, weil wir es sonst nicht (weder für andre, noch für uns) fürchten, und es muß willkürlich (ohne Rücksicht auf Schuld oder Unschuld) verhängt sein, weil wir es sonst nicht für uns ebensogut wie für den Schuldigen fürchten würden. Nur das mehr oder minder unverdiente Leiden, sei es nun, daß das vermeintliche Verbrechen eine Helden- oder Wohlthat, der rächende Gott oder das launenhafte Fatum der eigentliche Verbrecher sei (der Feuerraub des Prometheus, der dafür von dem neidischen und fürchtenden Zeus an den Felsen geschmiedet wird), sei es, daß der vermeintlich Schuldige nur halb schul-
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Tragkraft - Tragopogon.
dig, die "himmlischen Mächte", welche "den Armen haben schuldig werden lassen", die eigentlich Schuldigen seien (Ödipus, den die tyrannischen Götter schon im Mutterleib zum künftigen Vatermörder und Muttergemahl ausersehen haben; Wallenstein, von dessen Schuld "unglückselige Gestirne" die "größere Hälfte" tragen), ist wirklich t., das gänzlich unverdiente (das Martyrium der Unschuld, die Passion Christi) nicht t., sondern gräßlich. Das Tragische ruht daher ebenso wie das Komische (s. d.) auf einem Kontrast desjenigen, was wirklich geschieht (des Ungerechten im Tragischen, des Ungereimten im Komischen), mit dem, was (nach der Forderung der sittlichen Vernunft [der Gerechtigkeit] im Tragischen, des Verstandes [der Klugheit] im Komischen) eigentlich geschehen sollte, nur mit dem Unterschied, daß dasjenige, was wirklich geschieht, im Tragischen ein Leiden, also schädlich, im Komischen dagegen nur eine Thorheit, also unschädlich, ist. Da nun der Eindruck des Tragischen, wie jener des Komischen, wesentlich durch die Einsicht in obigen Kontrast entsteht, so muß er, wie bei diesem, als gemischter ausfallen. Das wirklich Geschehende, das unverdiente Leiden und der Untergang der tragischen Person, der Sieg des Fatums oder der "neidischen" Götter, ist ein Triumph der Ungerechtigkeit und bringt als solcher das "zermalmende" Gefühl menschlicher Schwäche und Ohnmacht dem "großen, gigantischen Schicksal" gegenüber hervor. Die Verurteilung dessen, was wirklich geschieht, durch den Richterspruch der Vernunft (in uns oder im Helden), welche sich selbst durch den nahen und sichern Untergang wie durch die Übermacht des feindlichen Schicksals in ihrer Festigkeit nicht erschüttern und nicht dazu zwingen läßt, das Unverdiente für verdient, den ungerechten Gott als gerechten anzusehen, ist der Triumph der Gerechtigkeit und erzeugt als solcher das "erhebende" Gefühl menschlicher Hoheit und Überlegenheit gegenüber dem grausamen Schicksal, welches "den Leib töten, aber die Seele nicht töten kann". In ersterer Hinsicht ist der Eindruck des Tragischen (der tragische Affekt) jenem des Grausamen (der blinden Naturnotwendigkeit), welches Verzweiflung, in dieser jenem des (nach Kant: moralisch) Erhabenen (der sittlichen Freiheit) verwandt, welches Bewunderung erzeugt. Werden beide Seiten des (tragischen) Kontrastes an verschiedene Personen verteilt, so daß das (zermalmende) Gefühl des Unterliegens unter das Schicksal in die tragische Person, das (erhebende) der (moralischen) Erhabenheit des Menschen über dasselbe in den Zuschauer verlegt wird, so entsteht das Naiv- oder Objektiv-Tragische; werden beide dagegen in der (tragischen) Person vereinigt, welche sodann, während sie (physisch) dem Schicksal unterliegt, (moralisch) als tragischer "Held" dasselbe besiegt, so entsteht das Bewußt- oder Subjektiv-Tragische. Jenes, bei welchem die tragische Person sich leidend (passiv) verhält, wirkt vorzugsweise ergreifend, dieses, bei welchem dieselbe, wenigstens moralisch, thätig (aktiv) auftritt, vorzugsweise erhebend. Die Eigentümlichkeit des erstern besteht darin, daß der tragische Held dem Beschauer, die des letztern darin, daß er sich selbst t. erscheint, Mitleid und Furcht nicht bloß andern, sondern sich selbst (für sich) einflößt. Iphigenia, Antigone, Thekla (im "Wallenstein") beklagen ihr Geschick. Das Subjektiv-Tragische ist durch die Gemütsstimmung des Helden, welche aus Mitleid mit sich, der dem Schicksal unterliegt, und Hohn über den Gegner, der (nur scheinbar) triumphiert, zusammengesetzt ist, dem Humor (s. d.) und zwar, weil der (physische) Untergang unvermeidlich ist, dem bösen Humor (Weltschmerz) verwandt und heißt um dieser Verwandtschaft willen Humoristisch-Tragisches. Je nachdem in dem Eindruck des Tragischen das "zermalmende" oder das "erhebende" Element als das stärkere erscheint, wird das Rührend-Tragische vom Pathetisch-Tragischen unterschieden. Durch Kombination beider Einteilungen entstehen als Unterarten des Rührend-Tragischen das Rührende, bei welchem das mitleiderregende, und das Schreckliche, bei welchem das furchterweckende Element des Ergreifenden überwiegt; als Unterarten des Pathetisch-Tragischen das humoristische Pathos, bei welchem die Klage über sein Schicksal, und der tragische Humor, bei welchem der Hohn über dasselbe im Helden die Oberhand gewinnt; jene machen uns weinen, diese "unter Thränen lächeln". Die Auflösung des Tragischen erfolgt, wie die des Komischen, durch die Aufhebung des Kontrastes, indem entweder das (anscheinend) Ungerechte als gerecht (der anscheinend Schuldlose oder nur halb Schuldige als wirklich Schuldiger) erkannt, oder das vermeintlich durch blinden Willen oder feindselige Absicht herbeigeführte Leiden als das Werk des Zufalls oder eines mechanischen Naturprozesses (natürlicher Tod) anerkannt wird, welche als völlig heterogen, mit der Vernunft nicht vergleichbar, also auch nicht als Kontrast zu derselben betrachtet werden können. Vgl. Bohtz, Die Idee des Tragischen (Götting. 1836); R. Zimmermann, Über das Tragische und die Tragödie (Wien 1856); Baumgart, Aristoteles, Lessing und Goethe. Über das ethische und ästhetische Prinzip der Tragödie (Leipz. 1877); Duboc, Die Tragik vom Standpunkt des Optimismus (Hamb. 1885); Günther, Grundzüge der tragischen Kunst, aus dem Drama der Griechen entwickelt (Leipz. 1885).
Tragkraft, s. v. w. rückwirkende Festigkeit, s. Festigkeit, S. 176.
Tragödie(griech., Trauerspiel), die dramatische Darstellung einer tragischen, d. h. (nach Aristoteles) einer ernsten, Mitleid für den Helden und Furcht für uns selbst erweckenden Handlung (s. Tragisch). Dieselbe steht als Darstellung eines tragischen Vorganges der Komödie (s. d.), als Drama mit (für den Helden) unglücklichem Ausgang dem (gleichfalls ernsten) Schauspiel gegenüber. Als Untergattung des Dramas (s. d.) gilt von der T. alles, was von diesem als solchem gilt. Als tragisches Drama entlehnt die T. ihre Gesetze und Einteilung vom Tragischen. Da die "erhebende" Wirkung des Tragischen desto stärker ausfällt, je mächtiger vorher dessen "zermalmende" Wirkung gewesen ist, so geht das Streben der T. vor allem dahin, das Leiden der Helden und die Gewalt des Schicksals so schrecklich zu schildern, daß der Sieg über dasselbe desto erhabener erscheint. Die Einteilung der T. erfolgt nach den Gattungen des Tragischen in die rührende T., in welcher das ergreifende, und in die pathetische T., in welcher das erhebende Element des Tragischen vorherrscht, welche mit der in antike T., in welcher das Schicksal die (physische) Übermacht über den Helden, und moderne T., in welcher der Held die (moralische) Übermacht über das Schicksal behauptet, zusammenfällt. Über die Bedeutung des Wortes und die Geschichte der T. s. Drama.
Tragopogon L.(Bocksbart, Haferwurzel), Gattung aus der Familie der Kompositen, zwei- oder mehrjährige, kahle oder flockig-wollige Kräuter mit abwechselnden, lineallanzettlichen, ganzrandigen, zugespitzten, am Grund scheidigen Blättern, einzeln endständigen Blütenköpfen, gelben oder blauen Blüten und längsrippigen, lang geschnäbelten Früchten mit
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Tragus - Trajanswall.
mehrreihigem Pappus. Etwa 40 Arten in Europa, Nordafrika und Asien. Die sechs deutschen Arten haben genießbare Wurzeln und Blätter. T. porrifolius L., mit violetten Blüten, in Südeuropa, schon den Griechen bekannt, wird als Wurzelgemüse kultiviert.
Tragus(lat.), die vordere Ohrecke, welche mit der gegenüberliegenden hintern (antitragus) vor der Öffnung des äußern Gehörganges steht.
Tragzapfen, Zapfen, bei welchen der Druck größtenteils in der Richtung rechtwinkelig gegen die Achse derselben wirkt (vgl. Zapfen).
Traiguen(spr. traighen), Hauptstadt der Provinz Cautin der südamerikan. Republik Chile, am gleichnamigen Nebenfluß des Rio Cauto, mit 3000 Einw. Die Gründung deutscher Kolonien in der Nähe ist beabsichtigt. Das gleichnamige Departement hat (1885) 24,408 Einw.
Traille(franz., spr. traj), Fähre, fliegende Brücke. Bisweilen fälschlich für Tralje (s. d.).
Train(franz., spr. träng), das Fuhrwesen der Heere, welches diesen Bedürfnisse jeder Art nachzuführen hat, u. zwar nennt man T. sowohl die einem Heer oder einer einzelnen Truppe folgenden Fahrzeuge (T. eines Bataillons etc.) mit den zugehörigen Leuten (Trainsoldaten) und Pferden als auch die besondere Truppengattung. Hiernach unterscheidet man Verpflegungs-, Sanitäts-, Administrations-, Feldbrücken- und Belagerungstrains. Die beiden erstern, mit der Truppe in engster Verbindung stehend, sind zur Erhaltung der Schlagfertigkeit derselben von höchster Bedeutung, müssen daher eine größere Bewegungsfähigkeit zur Anpassung an die Operationen der kämpfenden Truppen besitzen und werden deshalb auch von den Trainbataillonen als Truppenteile formiert. In Deutschland hat jedes Trainbataillon (also pro Armeekorps) 5 Proviantkolonnen, 1 Feldbäckereikolonne, ein Pferdedepot, 3 Sanitätsdetachements und 5 Fuhrparkskolonnen bei der Mobilmachung zu formieren, für welche das Material im Frieden bei den Traindepots bereit gehalten und verwaltet wird. Die Administrations-, Feldbrücken- und Belagerungstrains sind im allgemeinen nur Transporttrains, erstere gehören zu den von den Armeekorps beider Mobilmachung aufzustellenden Branchen und zwar zu den Intendanturen, der Korpskriegskasse, dem Haupt-, 4 Feldproviantämtern, 12 Feldlazaretten, dem Feldpostamt, 4 Feldpostexpeditionen. Jedes mobile Pionierbataillon formiert ein Korps- und 2 Divisionsbrückentrains. Außerdem werden von den Pionieren die Pionier-, von der Fußartillerie die Artilleriebelagerungstrains aufgestellt, letztern sind die Munitions- Fuhrparkskolonnen beigegeben. Während der T. bei den Römern, namentlich seit Cäsar, auf das beste ausgerüstet und geschult wurde, blieb er in Deutschland, dessen Heeresverfassung entsprechend, ein ungeheurer Troß von Fahrzeugen (bei einem Heer von 20,000 Mann oft 8000-10,000), geführt von nicht militärischen Troßknechten und begleitet von zahllosen Dirnen, Troßbuben und Gesindel aller Art. Der Große Kurfürst verbesserte zwar das Armeefuhrwesen, doch blieb die militärische Organisation desselben Friedrich d. Gr. vorbehalten, welcher auch die Bezeichnung T. einführte. 1778 gehörten zu einer Armee von 30,000 Mann 6 Proviantkolonnen, eine Feldbäckerei, ein Feldlazarett, eine Feldapotheke und der T. für die Beamten. Der T. als Friedensformation (ein Stamm) trat erst 1853 ins Leben, welcher 1856 vergrößert und 1859 die Organisation erhielt, welche die Grundlage der jetzigen bildet. Vgl. Schäffer, Das deutsche Heerfuhrwesen (Berl. 1881); Derselbe, Der Kriegstrain des deutschen Heers (das. 1883); Kiesling, Geschichte der Organisation des Trains der königlich preußischen Armee (das. 1889).
Trainieren(engl., spr. treh-), in die Länge ziehen, abrichten, einüben; die Vorbereitung zu einer hervorragend körperlichen Leistung, besonders bei Pferden Vorbereitung zum Wettrennen (training), welche in besondern Anstalten (Trainieranstalten) und von speziell für diese Kunst ausgebildeten Leuten (Trainer) geleitet wird, beruht auf einer methodischen Ausbildung der Muskelkraft bei sehr intensiver, aber nicht fett machender Ernährung. Die Füllen werden schon im Alter von 18-20 Monaten angeritten oder eingebrochen (break); sie erhalten anfangs Belegung im Schritt und Trab, später im langsamen und raschen Galopp, am besten unter Leitung eines ältern Pferdes, des Führpferdes. Überflüssiges Fett der Pferde sucht man, soweit dieses nicht durch die Arbeit möglich ist, durch das Verabreichen von Abführpillen (Physic) und durch Schwitzen unter Decken zu entfernen. Das Gewicht des Reiters darf für junge Pferde nicht zu groß sein, deshalb werden nur Knaben oder sehr leichte Männer zu Reitern in den Trainierställen verwendet. Als Futter benutzt man Hafer von möglichst schwerer Qualität mit Zusatz von Bohnenschrot für Rennpferde und vermeidet möglichst alles, was Volumen oder Fett erzeugt. Vgl. die Schriften von Digby Collins (Lond. 1865), Hochwächter (3. Aufl., Neuw. 1867), v. Heydebrand (2. Aufl., Leipz. 1882), Silberer und Ernst (Wien 1883) und Graf Wrangel (Stuttg. 1889).
Traisen, rechter Nebenfluß der Donau in Niederösterreich, berührt St. Pölten und mündet unterhalb des Fleckens Traismauer; 80 km lang.
Trait(franz., spr. trä), Gesichts-, Charakterzug.
Traité(franz., spr. träté), s. v. w. Traktat (s. d.).
Traiteur(franz., spr. trätör), Speisewirt.
Trajanspforte, s. Roterturmpaß.
Trajanssäule(Columna Trajana), die dorische Ehrensäule Trajans auf dessen Prachtforum in Rom, einer Schöpfung des Architekten Apollodoros von Damaskus. Sie befindet sich noch an ihrer ursprünglichen Stelle, zur Seite der Reste der Basilica Ulpia, kolossaler, jetzt wieder aufgerichteter Granitsäulen. Ihre Erbauung fällt in das Jahr 113 n. Chr. Sie mißt mit dem 5 m hohen Postament 39 m; der untere Durchmesser beträgt 4 m, der obere 3,3 m. Zusammengesetzt ist sie aus 34 Blöcken weißen Marmors, wovon 23 auf den Schaft kommen; dieser ist mit spiralförmig um die Säule sich windenden Reliefs bedeckt, welche die Feldzüge des Kaisers gegen die Dacier darstellen und 2500 menschliche Figuren von 60-75 cm Höhe enthalten. Das vierseitige Piedestal, zugleich das Grabmal für die Aschenurne des Kaisers, ist mit Trophäen geschmückt und trägt die Weihinschrift. Die Stelle der kolossalen Statue des Kaisers nimmt seit 1587 die des Apostels Petrus ein. Eine Schneckentreppe von 184 in die Marmorblöcke eingehauenen Stufen führt im Innern bis auf die Plattform. Vgl. Fröhner, La colonne Trajane (Par. 1871-74, 220 Tafeln).