Chapter 9

Spanierfeige(indische Feige), s. Opuntia.

Spaniol, feiner span. Schnupftabak, wird aus Havanablättern bereitet und mit einer roten Erde gefärbt; auch die Raupe des Frostschmetterlings.

Spaniolgeschmack(Spagnialgeschmack), s. Firnewein.

Spanische Artischocke, s. Cynara.

Spanische Fliege, s. Kantharide.

Spanische Kreide, s. Speckstein.

Spanische Kresse, s. v. w. Tropaeolum.

Spanische Litteratur. Die spanische Nationallitteratur, hervorgegangen aus dem durch heldenhafte Anstrengung erstarkten eigentümlichen Selbstgefühl eines Volkes, dessen Phantasie in den Erinnerungen einer thatenreichen Vergangenheit schwelgte, und durch Reichtum und Originalität der Produktion auf allen Gebieten der Dichtkunst gleich ausgezeichnet, reicht in ihren Anfängen bis in die Zeit zurück, wo sich nach der Eroberung des Landes durch die Araber die ersten christlichen Staaten im Norden der Halbinsel gebildet hatten. Von der alten echten Volksdichtung haben sich jedoch nur wenige Denkmäler und auch diese nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten können, da sie Jahrhunderte hindurch nur im Munde des Volkes und in diesem stets sich verjüngend und verändernd fortlebte und erst aufgezeichnet wurde, als auch die Kunstpoesie diese Lieder ihrer Beachtung wert fand, d. h. zu Anfang des 16. Jahrh. Diese ältesten spanischen Volkslieder, bekannt unter dem Namen Romanzen, waren epischen oder episch-lyrischen Charakters und hatten hauptsächlich die Thaten der Helden in dem großen National- und Glaubenskampf gegen die Araber zum Inhalt. Unter diesen Romanzen sind diejenigen, welche die Thaten und Schicksale des Cid el Campeador (gest. 1099) feierten, vorzugsweise berühmt. Die frühsten auf uns gekommenen Schriftdenkmäler rühren aus dem 13. Jahrh. her, und mit dieser Zeit beginnt die erste Periode der spanischen Litteratur.

Erste Periode.

Die s. L. erscheint in dieser Periode, welche bis zu der Regierung Johanns II. von Kastilien (1406) reicht, als volkstümlich-nationale mit vorherrschend epischer und didaktischer Richtung. Das älteste auf uns

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Spanische Litteratur (bis zum 15. Jahrhundert).

gekommene Werk derselben ist das "Poema del Cid", ein größtenteils auf alten Volksdichtungen beruhendes Epos in Form und Geist der französischen Chansons de geste, welches in oft sehr malerischer Darstellung und kräftigen Zügen, wenn auch in noch ziemlich roher Form die Thaten und Abenteuer des Nationalhelden schildert. Verschieden von ihm ist die "Crónica rimada del Cid" (s. Cid Campeador). Außerdem gehören hierher als frühste Erzeugnisse spanischer Kunstpoesie unter dem Einfluß der kirchlich-ritterlichen Zeitideen: das "Poema de los Reyes Magos" und die Legende von der Maria Egipciaca aus dem 13. Jahrh.), die Heiligen- und Marienlegenden des Geistlichen Gonzalo de Berceo (gestorben um 1270), die Bearbeitung der ritterlichen Irrfahrten Alexanders d. Gr. ("Poema de Alexandro Magno") von Juan Lorenzo Segura, die spanische Bearbeitung des Romans "Apollonius von Tyrus" sowie die "Votos de pavon" (ebenfalls noch aus dem 13. Jahrh.) und ein chronikenartiges Gedicht, das die Thaten des Grafen Fernan Gonzalez, des Stifters von Kastiliens Größe, besingt (aus dem 14. Jahrh.). Diese Gedichte sind teils in einreimigen Alexandrinerstrophen, teils in den nationalen Grundrhythmen der Redondilien (s. d.) abgefaßt. Noch in das 14. Jahrh. ist wohl auch die Abfassung der längern, epenartigen Romanzen von Karl d. Gr. und seinen Paladinen zu setzen. Neben diesen vorwiegend epischen Dichtungen begann sich während der Regierung Alfons des Weisen von Kastilien (1252-84) eine didaktische Richtung der Litteratur zu entwickeln, deren Hauptrepräsentant König Alfons selber war. Er ließ die Landesgesetze aus der lateinischen Sprache in die Landessprache bertragen, und auf seine Veranlassung geschah die Abfassung einer Weltchronik und der Geschichte der Kreuzzüge ("La gran conquista de Ultramar"), abgedruckt in der "Biblioteca de autores españoles", Bd. 44) sowie einer spanischen Chronik, der berühmten "Crónica general" (Vallad. 1604), ebenfalls in kastilischer Sprache. So wurde Alfons der eigentliche Schöpfer der spanischen Prosa. Von poetischen Werken schreibt man ihm außer dem sogen. "Libro de las querellas", von dem sich nur einige Bruchstücke erhalten haben, ein didaktisches Gedicht alchimistischen Inhalts, das "Libro del tesoro o del candado", zu, das jedoch nach einigen spätern Ursprungs ist. Am wichtigsten sind seine in galicischer Sprache verfaßten und provençalischen Mustern nachgebildeten "Cantigas", Loblieder auf die Jungfrau Maria, welche zum großen Teil in sechs- bis zwölfzeiligen Versen bestehen und durch ihre Form die spätere Kunstlyrik der Spanier vorbereiten. Alfons' Beispiel wirkte ermunternd auf seine Nachfolger. Sein Sohn Sancho IV., genannt der Tapfere (gest. 1295), schrieb ein moralisierend-philosophisches Werk: "Los castigos e documentos", das Lebensregeln für seinen Sohn Ferdinand IV. enthielt, und des letztern Sohn Alfons XI., genannt der Gute (gest. 1350), gilt für den Verfasser einer Reimchronik in Redondilienstrophen, wie er auch mehrere Werke in kastilischer Prosa abfassen ließ, namentlich ein Adelsregister ("Becerro") und ein Jagdbuch ("Libro de monterias", hrsg. von Navarro 1878) sowie mehrere Chroniken (Ferdinands des Heiligen, Alfons' des Weisen, Sanchos des Tapfern etc., abgedruckt in dem Werk "Cronicas de los Reyes de Castilla etc.", Bd. 1, Madr.1876). Der hervorragendste unter den fürstlichen Autoren jener Zeit ist der Infant Don Juan Manuel (gest. 1347), am bekanntesten durch sein Werk "El conde Lucanor" oder "Libro de Patronio", eine zum Teil aus orientalischen Quellen geschöpfte Rahmenerzählung, in welcher dem Grafen Lucanor sein Ratgeber Patronio moralische und politische Ratschläge in Form von Novellen erteilt (s. Manuel 3). Bei weitem der genialste Dichter jener Periode war aber der Erzpriester von Hita, Juan Ruiz (gest. 1351), Verfasser eines merkwürdigen, allegorisch-satirischen Werkes in Alexandrinerversen ("Libro de cantares"), worin in der Weise Juan Manuels Fabeln, Schwänke und Geschichten, fromme und Liebeslieder etc. aneinander gereiht sind, denen eine gemeinsame Erzählung zu Grunde liegt, nur daß hier der Schwerpunkt weniger in der moralischen Tendenz als in der naiv anmutigen und kunstvollen Darstellung liegt. Ein didaktisches Gedicht mit eingewebten lyrischen Partien ist auch das wieder zumeist in Alexandrinern abgefaßte Buch über das Hofleben ("Rimado de palacio") des alten Chronisten und als Übersetzer des Livius berühmten Pedro Lopez de Ayala (gest. 1407). Ebenso macht sich in den Gedichten des Rabbi Don Santo, genannt "der Jude von Carrion", welcher für den König Peter den Grausamen von Kastilien Ratschläge und Lebensregeln in Versen abfaßte, in dem Gedicht vom Totentanz: "Danza general de la muerte", der ältesten Dichtung dieser Art, in der spanischen Nachahmung der lateinischen "Rixa animae et corporis" u. a. die didaktische Richtung geltend. Sämtliche bisher genannte Gedichte sind in Bd. 57 ("Poetas castellanos, anteriores al siglo XV") sowie die hauptsächlichsten Prosawerke in Bd. 51 ("Escritores en prosa, anteriores al siglo XV") der erwähnten "Biblioteca de autores españoles enthalten. Die Ausbildung der damaligen historischen Prosa bekunden die Chroniken Ayalas, Juan Nuñez de Villaizans, die Prosachronik vom Cid, die Reisebeschreibung Ruy Gonzalez de Clavijos u.a. Auch die Abfassung des "Amadis von Gallien" (s. Amadisromane), des Ahnherrn der zahllosen spanischen Ritterromane, gehört dem Schluß dieser Periode an.

Zweite Periode.

Mit der Regierung Johanns II. von Kastilien (1406-54) begann die zweite Periode der spanischen Nationallitteratur, welche bis zur Regierung Karls V., somit bis zum Schluß des Mittelalters, reicht. Der Sinn für die alten Volkspoesien war allmählich erloschen, und es kam eine reflektierte Dichtkunst, eine höfische Kunstlyrik nach dem Muster der Troubadourpoesie zur Entwickelung, welch letztere in limousinischer Mundart an den Höfen der Grafen von Barcelona und der Könige von Aragonien schon längst blühte. Zu der bereits vorherrschenden didaktischen Richtung gesellten sich gelehrte, mythologische und allegorische Elemente, die schlichten Reime der Vorzeit wurden mit verschlungenen Versmaßen vertauscht, und spitzfindige Geistesspiele und überflüssiger Schmuck traten an die Stelle der edlen Einfalt, welche die alten Poesien auszeichnete. Die Dichter dieser neuen Richtung gehörten fast alle den Hofkreisen an, und ihre Werke tragen einen gemeinsamen konventionellen Charakter. Der Horizont ihrer immer wiederkehrenden poetischen Ideen war ein enger, auf den Kreis höfischer Galanterie beschränkter und eine gewisse Monotonie daher die unausbleibliche Folge dieser Armut an Ideen und Anschauungen. Zu den hervorragendsten und einflußreichsten unter diesen Hofdichtern gehörten: Don Enrique de Aragon, Marques de Villena (gest. 1434), Verfasser didaktisch-allegorischer Dichtungen und einer Abhandlung über die Dichtkunst: "La gaya cienzia"

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Spanische Litteratur (15. und 16. Jahrhundert).

und sein Schüler Marques de Santillana (gest. 1458), der die ersten spanischen Sonette dichtete. Neben diesen sind hervorzuheben: Juan de Mena (gest. 1456; "El laberinto"), Jorge Manrique (gest. 1479), Macias, genannt "der Verliebte", der in galicischer Sprache dichtete, und sein Freund Juan Rodriguez del Padron, der auch eine Novelle: "El siervo", hinterließ; ferner: Garci-Sanchez de Badajoz, Alonzo de Cartagena (eigentlich Alfonso de Santa Maria), Diego de San-Pedro (um 1500), besonders durch seinen halb metrischen, halb prosaischen Roman "El carcel de Amor" berühmt, Fernan Perez de Guzman (gest. 1470), Verfasser geistlicher Lieder, doch mehr noch als Geschichtschreiber hervorragend, Alvarez Alfonso de Villasandino, Francisco Imperial u. a. Die Werke dieser und vieler andrer Dichter sind gesammelt in den sogen. "Cancioneros" (Liederbüchern), namentlich im "Cancionero general" (zuerst Valenc. 1511), während die Werke eines andern Dichterkreises, der sich um König Alfons V. von Aragonien scharte, in dem "Cancionero de Lope de Stuniga" enthalten sind (s. Cancionero). Sehr bemerkenswert ist die Ausbildung der spanischen Prosa in diesem Zeitraum. Eine Anzahl wichtiger Chroniken behandelt die Geschichte nicht nur der verschiedenen Regenten, sondern auch bedeutender Privatpersonen. Unter diesen sind das Leben des Feldherrn Pero Niño, Grafen von Buelna, von Gutierre Diez de Game, die Geschichte des Connétable Alvaro de Luna, von unbekanntem Verfasser (1546), die spanische Chronik des Diego de Valera besonders bemerkenswert. Beachtung verdienen namentlich auch die biographischen Werke des genannten F. P. de Guzman ("Generaciones y semblanyas", Biographien berühmter Zeitgenossen) und des Hernando del Pulgar ("Los claros varones de Castilia", 1500), in denen sich bereits ein nennenswerter Fortschritt vom Chronikenstil zu pragmatischer Darstellung zeigt. Von Pulgar, dem hervorragendsten Prosaisten der Periode, hat sich auch eine Anzahl Briefe erhalten, die, wie der gleichfalls erhaltene und anziehende, aber wegen seiner Echtheit angefochtene Briefwechsel des Leibarztes Johanns II., F. Gomez de Cibdareal, einen nicht geringen Begriff vom Briefstil der damaligen Zeit geben. Einen schätzenswerten Beitrag zur Sittengeschichte gab Alfonso Martinez de Toledo, Erzpriester von Talavera, in seinem "Corbacko" (zuerst 1499), einem Werk über die Sitten der Weiber von schlechtem Lebenswandel. Endlich fallen in diese Periode auch die ersten Anfänge des spanischen Dramas, das sich aus ländlichen Festspielen und den in Kirchen aufgeführten Mysterien (s. Auto) entwickelte. Hierher gehören die zum Teil geistlichen Schäferspiele (Eklogen) des Juan del Encina (gest. 1534), die Komödien Gil Vicentes (gest. um 1540), eines Portugiesen, der aber zum Teil in kastilischer Sprache schrieb, ferner der so berühmt gewordene dramatische Roman "Celestina" (in 21 Akten) von Fernando de Rojas (1500), der vielfache Nachahmungen hervorrief, und die von der Inquisition nachher verbotenen Schauspiele von Bartolome de Torres Naharro (in "Propaladia", 1517), die sich durch phantasievolle Erfindung und gewandten Versbau auszeichnen und in der Entwickelung des spanischen Theaters einen merklichen Fortschritt bekunden.

Dritte Periode.

Die dritte Periode reicht von der Begründung der spanischen Universalmonarchie durch Karl V. im Anfang des 16. Jahrh. bis zum Schluß des 17. Jahrh. und begreift die allseitige Entwickelung und höchste Blüte der spanischen Litteratur sowie deren allmählichen Verfall, so gleichen Schritt haltend mit der Entwickelung der politischen und sozialen Zustände des Reichs. Alles, was in der vorigen Periode sich vorbereitet hatte, kam in dieser zur Entwickelung, besonders infolge der politischen Verbindung Spaniens mit Italien, das seit der Eroberung Neapels durch Ferdinand de Cordova (1504) fast ein Jahrhundert hindurch einen sehr bemerkbaren Einfluß äußerte. Altklassische und italienische Muster, die italienischen Versmaße, die Formen des Sonetts, der Stanze (ottave rime), Terzinen, Kanzonen etc. fanden in Spanien Nachahmung, ohne daß dabei die spanische Poesie, welche nach wie vor eine durchaus volkstümliche Grundlage hatte, ihres nationalen Charakters verlustig ging. Überdies stand der italienischen Schule eine streng an den Nationalformen haltende Partei gegenüber, bis sich die schroffen Einseitigkeiten beider Parteien allmählich abgeschliffen hatten und aus der Verschmelzung beider nun in ihrer Art vollendete Kunstwerke hervorgingen. Der erste Dichter, welcher sich nach italienischen und altklassischen Mustern bildete, war Juan Boscan Almogaver aus Barcelona (gest. 1543); ihm ebenbürtig zur Seite standen sein Freund Garcilaso de la Vega aus Toledo (gest. 1536), der Petrarca der kastilischen Poesie genannt, und Diego Hurtado de Mendoza (gest. 1575), Dichter vortrefflicher Episteln, auch Verfasser des Schelmenromans "Lazarillo de Tormes" und sonst als Gelehrter und Staatsmann gleich ausgezeichnet. Von großem Einfluß wurde der in kastilischer Mundart schreibende Portugiese Jorge de Montemayor (gest. 1561), der mit seiner "Diana" den (halb aus Prosa, halb aus Versen bestehenden) Schäferroman einführte, und mit dem sein Landsmann Sa de Miranda (gest. 1588) sowie Pedro de Padilla in der pastoralen Poesie wetteiferten. Als Dichter schwungvoller, rhythmisch vollendeter Oden glänzten daneben Hernando de Herrera (gest. 1597) und Luis Ponce de Leon (gest. 1591), dem die Verbindung altklassischer Korrektheit mit tief religiösem Gefühl am vorzüglichsten gelang. Außerdem sind Hernando de Acuña (gest. 1580), welcher zwischen dem italienischen und dem Nationalstil die rechte Mitte zu treffen wußte, und der Lieder- und Madrigalendichter Gutierre de Cetina (gest. 1560) als begabte Anhänger der neuen Schule zu erwähnen. An der Spitze der Gegner des italienischen Stils und der Verteidiger der altspanischen Naturpoesie stand Cristoval de Castillejo (gest. 1556), dessen Romanzen und erotische Volkslieder echte Heimatlichkeit atmen, während seine Satiren oft zu sehr übertreiben. Unter seinen Parteigängern sind Antonio de Villegas und Gregorio Silvestre namhaft zu machen, die sich durch zierlichen Versbau auszeichneten, aber Castillejo nicht entfernt gleichkamen. Endlich sei noch Francisco de Aldana (1578 in der Schlacht bei Alcazarquivir gefallen) erwähnt, dem die Zeitgenossen wegen der Hoheit seiner Gesinnung und seiner bilderreichen und glühenden Sprache den Beinamen des Göttlichen gaben. Nicht gleichen Schritt mit den lyrischen Produktionen hielt die epische Poesie der Spanier, deren Gestaltungskraft auf diesem Gebiet sich in dem Heldengedicht vom Cid erschöpft zu haben schien. Von den vielen neuern epischen Versuchen im 16. Jahrh., zu denen der Kriegsruhm Karls V. und die Entdeckung von Amerika Anlaß gaben, den "Caroleen" und "Mexikaneen", ist nur eine zu nennen, welche sich durch echt epischen Geist und epische Unmittelbarkeit auszeichnet: die "Arau-

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cana" des Alonso de Ercilla (gest. 1595), in welche der Verfasser einen Teil seiner eignen Lebensgeschichte verflochten hat. Mit dem neubelebten Nationalbewußtsein war dabei auch bei den Kunstdichtern ein historisches oder ästhetisches Interesse an den alten Volksromanzen erwacht, die neu aufgezeichnet und gesammelt wurden. Auf diese Weise entstanden von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrh. eine Reihe von Romanzensammlungen ("Romanceros"), die allerdings neben den echten alten epischen Volksromanzen eine Unzahl gemachter chronikenartiger oder rein lyrischer Produkte, Werke von Gelehrten und Kunstdichtern, enthalten. Die reichhaltigste dieser Sammlungen ist der 1604 erschienene Romancero general" (s. Romanze).

Befruchtend wirkten die epischen Elemente der alten Volksromanzen in Verbindung mit der kunstmäßig ausgebildeten Lyrik auf die Entwickelung der Comedia, des nationalen Dramas, des eigentlichen sprechenden Ausdrucks des poetischen Lebens der Nation. Dieses hatte gleich beim Beginn seiner Entwickelung in den bereits früher erwähnten Dichtern Naharro und Gil Vicente die Repräsentanten der Hauptrichtungen gefunden, die später eingeschlagen wurden, indem der erstgenannte mehr idealisierend zu den phantasiereichen Schöpfungen der heroischen Verwickelungs- und Intrigenstücke (comedias de ruido, comedias de capa y espada) anregte, der letztere aber der Vorläufer jener Dramatiker wurde, welche in der Darstellung des Volkslebens in seiner Wirklichkeit ihre Aufgabe suchten. Letztern schlossen sich zunächst Lope de Rueda (um 1560), Verfasser der Stücke: "Comedia de las engañas" und "Eufemia", und Alonso de la Vega sowie die zahlreichen Verfasser der sogen. Vor- und Zwischenstücke (loas, pasos, farsas, entremeses, sainetes und comedias de figuron) an. Neben diesen Gattungen bestanden die geistlichen Schauspiele, aus denen zunächst das spanische Drama hervorgegangen ist, fort und bildeten sich in der Folge nach verschiedenen Richtungen, als Autos sacramentales (Fronleichnamsspiele) und Autos al nacimiento (zur Feier der Geburt Christi), selbständig aus (s. Auto). Die gelehrten Klassizisten versuchten zwar um die Mitte des 16. Jahrh. durch Übersetzung und Nachbildung antiker Stücke auch das spanische Drama nach den Mustern des klassischen Altertums umzugestalten, und mehrere Dramatiker, z. B. Geronimo Bermudez, der unter dem Namen Antonio de Silva Tragödien mit Chören schrieb, schlossen sich dieser antikisierenden Richtung an; allein sie vermochten die volle originale Entwickelung des spanischen Dramas nicht zu hemmen, und die begabtesten Dichter folgten bald ausschließlich der nationalen Fahne. Zu diesen gehörten namentlich: Juan de la Cueva (um 1580), Verfasser der Komödie "El infamador", der in seinem Buch "Exemplar poetico" auch eine spanische Poetik aufstellte, Rey de Artieda, Dichter der "Amantes de Teruel", eines Stücks von hoher Schönheit, und Cristoval de Virues (gest. 1610), dessen Tragödien (besonders "Semiramis" und "Cassandra") wahres tragisches Pathos und ein kräftiger, ungezwungener Dialog nachzurühmen sind.

Die Entwickelung der spanischen Prosa blieb im 16. Jahrh. hinter den poetischen Fortschritten nicht zurück; durch das immer allgemeiner werdende Studium des Altertums gewann dieselbe an Klarheit, Kraft und Eleganz. Der erste, welcher sie auch für didaktische Werke, für die Darstellung philosophischer Gedanken und Betrachtungen mit Erfolg anwandte, war Fernan Perez de Oliva (gest. 1534), der Verfasser des gediegenen Werkes "Dialogo de la dignidad del hombre", zu welchem Francisco Cervantes de Salazar eine nicht minder treffliche Fortsetzung lieferte, und seinem Beispiel folgte eine große Anzahl von Schriftstellern, von denen nur Antonio de Guevara (gest. 1545) mit seinem Hauptwerk: "Relox de principes, o Marco Aurelio". einer Art didaktischen Romans, und seinen (zum größern Teil erdichteten) "Epistolas familiares" erwähnt sei. Auf dem Gebiet der Geschichtschreibung gab man den alten Chronikenstil jetzt gänzlich auf und suchte die historische Kunst in pragmatischer Darstellung und schöner Form den Griechen und Römern abzulernen. Dieses Bestreben zeigt sich bereits bei den Historiographen Karls V., Pero Mexia und Juan Ginez de Sepulveda (gest. 1574), entschiedener aber noch bei den eigentlichen Vätern der spanischen Geschichtschreibung: Geronimo Zurita aus Saragossa (gest. 1580), Verfasser der wichtigen "Anales de la corona de Aragon", welche später in dem Dichter Bartol. Leonardo Argensola einen Fortsetzer fanden, und Ambrosio de Morales (gest. 1591), der die von Florian de Ocampo begonnene Geschichte Kastiliens mit Umsicht und Kritik weiterführte. Als das erste spanische Geschichtswerk aber von klassischem Wert muß die Geschichte des Rebellionskriegs von Granada ("Historia de la guerra de Granada") des oben als Dichter erwähnten Diego de Mendoza (gest. 1575) genannt werden. Weiter sind zu erwähnen die Berichterstatter über die Neue Welt: Fernandez de Oviedo, der eine "Historia general y natural de las Indias" (1535) schrieb, und der edle Las Casas (gest. 1566), dessen "Historia de las Indias" 1876 zum erstenmal veröffentlicht wurde, namentlich aber der Jesuit Juan de Mariana (gest. 1623), Verfasser einer "Historia de España", die bis zur Thronbesteigung Karls V. (1516) reicht und rhetorische Kraft mit Anschaulichkeit der Charakteristik und freimütiger Gesinnung verbindet. Eine Stelle in der spanischen Literaturgeschichte beanspruchen auch die nach seiner Flucht aus Spanien geschriebenen, in klassischem Stil abgefaßten Briefe des berühmten Geheimschreibers Philipps II., Antonio Perez (gest. 1611), denen man die der heil. Teresa de Jesus (gest. 1582), obschon ihrer Art nach ganz verschieden von jenen, an die Seite stellen kann; ebenso die asketischen und religiösen Erbauungsbücher von Fray Luis de Leon (Klostername des Dichters Ponce de Leon) und dem Kanzelredner Fray Luis de Granada (gest. 1588), die Schriften ähnlicher Art von San Juan de la Cruz und Malonde Chaide ("La conversion de Madalena") u. a. Auch der erste spanische Versuch eines historischen Romans, die vortreffliche "Historia de las guerras civiles de Granada" von G. Perez de Hita (um 1600), fällt in diese Zeit. In ihrer höchsten Vollendung zeigte sich aber die kastilische Sprache erst in dem größten und tiefsinnigsten Schriftsteller Spaniens, Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616), der alle Richtungen der Zeit in sich vereinigte, aber über denselben stand und nicht nur in seinem unübertroffenen satirisch - komischen Roman "Don Quijote", der dem herrschenden Unwesen der Ritterromane den Todesstoß versetzte, und in seinen "Novelas" Meisterleistungen aufstellte, sondern auch den Schäfer- und den Liebesroman kultivierte und sogar auf dramatischem Gebiet mit seiner "Numancia" und den "Entremeses" Werke von nationaler Bedeutung schuf.

Mit dem 17. Jahrh., in das Cervantes' "Don Qui-

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Spanische Litteratur (17. Jahrhundert).

jote" (1604) überleitet, tritt das spanische Drama in die Periode seiner höchsten und glänzendsten Entwickelung, die bis fast zum Ausgang des Jahrhunderts dauert, und die übergroße Zahl von Bühnendichtern, welche diese Zeit aufzuweisen hat, teilt sich in zwei große Gruppen, als deren Mittelpunkt zwei der größten und fruchtbarsten dramatischen Genien aller Zeiten: Lope de Vega Carpio (1562-1635) und Calderon de la Barca (1600-1681) glänzen. Von den Anhängern des ältern Lope nennen wir als die bedeutendsten: Perez de Montalvan (gest. 1638), Verfasser des lange Zeit beliebten Schauspiels "Los amantes de Teruel" (ein Stoff, den früher bereits Artieda behandelt hatte) sowie geschichtlicher Dramen, mit trefflicher Charakterschilderung (z. B. "Juan d'Austria") und höchst eigentümlicher Autos ("Polifema"); Tarrega ("La enemiga favorable"); Guillen de Castro (gest. 1638), dessen Hauptwerk: "Las mocedades del Cid", das Vorbild von Corneilles "Cid" war; Gabriel Tellez, als Dichter den Namen Tirso de Molina führend (gest. 1648), nach Lope, der fruchtbarste spanische Schriftsteller, Verfasser von "El burlador de Sevilla", der ersten Dramatisierung der Don Juan Sage; Juan Ruiz de Alarcon (gest. 1639), ein origineller Dichter voll glühender Phantasie und plastischer Kraft, dessen "Tejedor de Segovia" und "Ganar amigos" unter die Meisterstücke der heroisch-romantischen Gattung gehören (sein Lustspiel "La verdad sospechosa" wurde das Vorbild von Corneilles "Menteur"); ferner: Luis Velez de Guevara (gest. 1646), der die Erscheinungen des äußern Lebens in wirkungsvoller Weise darzustellen weiß und besonders durch sein Drama "Mas pesa el rey que la sangre", eine Verherrlichung der Lehnstreue, berühmt ist; Antonio Mira de Mescua (um 1630), dessen "Esclavo del demonio" Calderon in seiner "Andacht zum Kreuz" benutzt hat, u. a. Viele vortreffliche Stücke stammen auch aus der Zeit des Lope, deren Verfasser unbekannt geblieben sind, und die gewöhnlich unter dem Titel: "Comedias famosas par un ingenio de esta corte" angezeigt wurden; am meisten Aufsehen unter denselben erregte "El diablo prediador". Die genannten Dichter, ausgezeichnet durch reiche Erfindungsgabe und geniale Konzeption, sind denn die eigentlichen Schöpfer des spanischen Dramas, und sie schufen dasselbe aus rein nationalen Elementen, aus volkstümlicher Begeisterung und frischer, glühender Phantasie. Da bei Calderon zu dieser Originalität und sprudelnden Fülle noch die künstlerische Reflexion und die sorgsamere Ausführung im einzelnen hinzukamen, so erreichte in ihm das spanische Drama den Gipfel der Vollendung. Die namhaftesten unter seinen Zeitgenossen und Nachfolgern sind: Agostin Moreto (gest. 1668), der weniger durch die Originalität und Kühnheit der Erfindung als durch sorgfältige Entwickelung fein ausgearbeiteter Entwürfe glänzt (Hauptwerk: "El valiente justiciero"); Francisco de Rojas (um 1650), der sowohl im Intrigenstück als in der Tragödie Ausgezeichnetes leistete (am populärsten: "Del rey abajo niguno", eine Schilderung des Konflikts zwischen Königstreue, Ehre und Liebe); Matos Fragoso, durch liebenswürdige Wärme der Darstellung und Eleganz des Stils ausgezeichnet (bestes Drama: "El villana en su rincon", eine gelungene Bearbeitung des gleichnamigen Stückes von Lope), und Juan Bautista Diamant e (blühte um 1674), dessen geschichtliche Dramen (z. B. "El hijo, honrador de su padre", das die Geschichte des Cid zum Vorwurf hat, und "Judia de Toledo") historischer Geist und feines Verständnis beleben; Juan de la Hoz Mota, dessen Lustspiel "El castigo de la miseria" allezeit ein Stolz der Spanier war; der oben genannte, auch als Dramendichter ausgezeichnete Historiker Antonio de Solis (gest. 1686), von dessen heroischen Schauspielen besonders "El alcasar del secreto" und die "Gitanella de Madrid" zu den Lieblingsstücken damaliger Zeit gehörten; Antonio Enriquez Gomez (um 1650), Verfasser zahlreicher Komödien sowie lyrischer Gedichte und satirischer Charakterbilder in Prosa (s. unten); Agustin de Salazar (gest. 1675), der sich wenigstens in einigen seiner Dramen, wie "Elegir al enemigo", und in dem feinen Sittengemälde "Segunda Celestina" als echter Dichter bewährte; Antonio de Leyba, Fernando de Zarate, Cristoval de Monroy, Geronimo de Cuellar u. v. a. Der Reichtum der spanischen Bühne jener Zeit ist in der That unübersehbar, und die ungeheure Wirkung, welche dieselbe dauernd ausübte, lag darin, daß es der Geist und die Seele des ganzen Volkes waren, welche in ihren Schöpfungen pulsierten und sie zum Gemeingut dieses Volkes machten. Gegen den Ausgang des Jahrhunderts beginnt die dramatische Poesie endlich zu ermatten, aber selbst die bereits der Verfallzeit angehörenden Schauspiele von Franc. Bances Cándamo (gest. 1709; "Por su rey y por su dama", "Esclavo en grillos de oro "), Cañizares (gest. 1750), der mit sogen. Comedias de figuron (worin irgend eine lächerliche Figur den Mittelpunkt bildet) seine Haupterfolge erzielte, und Antonio Zamora (gest. 1730) atmen immer noch echt spanischen Geist. Mit dem durchaus volkstümlichen Drama konnte sich die gelehrte Kunstpoesie im 17. Jahrh. weder an vielseitiger Ausbildung noch an Beliebtheit messen.

Die phantasievolle Weise Lope de Vegas hatte in der Lyrik Eingang gefunden, wurde jedoch bald von einzelnen Dichtern durch gezierte und schwülstige Wendungen und Ausdrücke bis zur Karikatur verzerrt, und an die Stelle der Gedanken und Empfindungen traten leeres Gepränge hochtönender Worte, abenteuerliche und gesuchte Bilder und Gleichnisse und geschraubte, in erhabene Dunkelheit gehüllte Phrasen. Der Hauptträger dieser geschmacklosen Richtung war Don Luis de Gongora (gest. 1627), der Erfinder des sogen. Estilo culto und Begründer einer besondern Dichterschule, der Gongoristen oder Kulturisten, die mit der Zeit einen verderblichen Einfluß auf den Geschmack der Zeit ausübte, und als deren ausgezeichnetstes Mitglied der durch sein tragisches Geschick bekannte Graf von Villamediana (ermordet 1621) zu nennen ist. Von den Gongoristen unterschieden sich die sogen. Konzeptisten insofern, als sie das Hauptgewicht auf den gedanklichen Inhalt der Dichtung legten, der sich nicht selten ins Mystische verlor; an ihrer Spitze standen Felix de Arteaga (gest. 1633) und Alonso de Ledesma (gest. 1623; "El monstruo imaginado"). Die talentvollern Dichter gehörten gleichwohl zu den Gegnern Gongoras, obschon auch sie der herrschenden Mode Zugeständnisse machen mußten, so die beiden Brüder Lupercio Leonardo und Bartolome de Argensola (gest. 1613 und 1631), zwei Lyriker, die, Horaz und den Italienern nacheifernd, klassische Korrektheit des Stils mit poetischem Gefühl und glücklichem Darstellungstalent verbinden; Estevan Manuel de Villegas (gest. 1669), als der erste unter den erotischen Dichtern anerkannt; Francisco de Rioja (gest. 1659), Verfasser vortrefflicher Lieder und Oden; Juan de Arguijo (um 1620), ein zartsinniger Sonettensän-

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Spanische Litteratur (17. und 18. Jahrhundert).

ger, besonders bekannt durch sein Gedicht auf seine Leier; ferner Juan de Jauregui (gest. 1641), der Übersetzer von Tassos "Aminta" und Verfasser einer Dichtung: "Orfeo", in fünf Gesängen; Francisco de Borja, Principe de Esquilache (gest. 1658), mehr durch seine Romanzen und kleinern lyrischen Gedichte als durch seine größern Werke ("Napoles recuperada") hervorragend; Vicente Espinel (gest. 1634), der teils in italienischen Silbenmaßen, teils im altspanischen Stil dichtete, auch eine neue Art eigentümlich gereimter Dezimen (die sogen. Espinelen) einführte. Vorzugsweise in der pastoralen und der epischen Dichtung glänzte Bernardo de Balbuena (gest. 1627), Verfasser des romantischen Heldengedichts "Bernardo" und des Schäferromans "El seglo de oro", während die "Selvas danicas" des Grafen Bernardino de Rebolledo (gest. 1676), eine Art Epos, worin die ganze Geschichte und Geographie Dänemarks versifiziert vorgetragen wird, und andre ähnliche Werke desselben Verfassers das Herabsinken der spanischen Poesie zu nüchternem Formenwesen kennzeichnen. Als trefflicher Lyriker, namentlich durch burleske Lieder und Romanzen ("Jacaras") glänzte ferner Francisco Gomez de Quevedo (gest. 1645), der auch auf andern Gebieten zu den ersten und geistvollsten Autoren gehört (s. unten). Von den übrigen Dichtern seien noch flüchtig erwähnt: der humoristische und schalkhafte Balthasar de Alcazar (gest. 1606), Martin de la Plaza, der heldenhafte Gonzalo de Argote y Molina, Sänger patriotischer Lieder, auch Geschichtschreiber; Francisco de Figueroa, genannt der "spanische Pindar"; Luis Barahona de Soto, Verfasser der "Lagrimas de Angelica", einer eleganten und langweiligen Fortsetzung des "Rasenden Roland", die ungewöhnlichen Beifall fand; Francisco de Medrano, Luis de Ulloa, der schon als Dramatiker erwähnte Agustin de Salazar (gest. 1675), der sich durch seine "Cythara de Apolo" als blinder Anhänger des "Estilo culto" bewies; Agustin de Tejada, Pedro Soto de Rojas, Lopez de Zarate (gest. 1658), Verfasser des Epos "La invencion de la cruz"), die Nonne Ines de la Cruz aus Mexiko u. a. Eine Sammlung lyrischer Gedichte des 16. und 17. Jahrh., deren wesentliche Vorzüge in der hohen metrischen Ausbildung der Formen und der durchdachten, fein zugespitzten Konzeption bestehen, enthält Bd. 42 der "Biblioteca de autores españoles".

Auf dem Gebiete der Prosa traten nach den glänzenden Werken des Cervantes nur Leistungen von geringerm Belang hervor. Der Ritterroman war, besonders in den zahllosen Nachahmungen des "Amadis", zur Karikatur herabgesunken; auch der Schäferroman, obwohl noch von zahlreichen Schriftstellern, darunter von Lope de Vega ("Arcadia"), Luis Galvez de Montalvo ("Filida") u. a., kultiviert, verlor mehr und mehr in der Meinung des Publikums. Bei weitem größern Beifall fanden die Schilderungen der Sitten und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart, denen sich die vorzüglichsten Autoren jetzt mit Vorliebe zuwandten und zwar teils in Form kleinerer Novellen, in welcher Gattung Cervantes den Ton angegeben hatte, dem Geronimo Salas Barbadillo (gest. 1630), die Dramatiker Tirso de Molina ("Cigarrales de Toledo") und Perez de Montalvan ("Para todos") nebst einer ganzen Reihe anderer, wie Francisco Santos Vargas, Ribera, Prado etc., darunter auch zwei Frauen: Mariana de Carbajal (um 1633) und Maria de Zayas (um 1650), mit mehr oder minder Glück nacheiferten; teils in jenen berühmten Schelmenromanen nach dem Muster des "Lazarillo de Tormes" von Mendoza (s. oben), so in der witzigen "Historia del gran Tacaño" von Quevedo, in "Marcos de Obregon" von Vicente Espinel, in "Vida y hechos del picaro Gusman del Alfarache" von Mateo Aleman, in der "Picara Justina" von Franc. Lopez de Ubeda (Andres Perez), in der "Vida de Don Gregorio Guadaña" von Ant. Enriquez Gomez; in der berüchtigten Selbstbiographie von Estevanillo Gonzalez (1646) u. a. Eine dritte Reihe von Darstellungen des spanischen Lebens bilden die Erzählungen in jenem burlesk-phantastischen Stil, der zuerst von Quevedo in seinen fein, aber bitter satirischen "Sueños" und den witzigen "Cartas del caballero de la tentenaza" aufgebracht, dann von Velez de Guevaraz in seinem "Diablo cojuelo" u. a. weiter ausgebildet wurde. Mit der Zeit litt indessen auch die Prosa durch den Einfluß der Gongoristen und sank zu den Bizarrerien des Estilo culto herab; unter den Schriftstellern dieser Schule ist der bekannteste der Jesuit Baltazar Gracian (gest. 1658), von dessen Schriften besonders der "Criticon", eine Allegorie auf das menschliche Leben in Novellenform, und der einst vielbewunderte "Oraculo manual", eine Zusammenstellung von Regeln der Weltklugheit, zu erwähnen sind. Die Geschichtschreibung, deren Ausbildung durch religiösen und politischen Druck in jeder Weise behindert war, hat nach Mariana nur noch zwei Schriftsteller von Bedeutung aufzuweisen: Francisco Manuel de Melo (gest. 1665), der die Geschichte des Kriegs in Katalonien schrieb, und den schon als Dramatiker erwähnten Antonio de Solis, Verfasser einer Geschichte der Eroberung von Mexiko, die wie ein Heldengedicht in Prosa gemahnt, aber an Befangenheit des Urteils und Mangel an Objektivität leidet.

Vierte Periode.

Die vierte Periode, welche von der Thronbesteigung der Bourbonen (1701) bis auf unsre Zeit reicht, ist charakterisiert durch die Herrschaft des französischen Kunstgeschmacks und die schließliche Wiedergeburt der spanischen Litteratur, die sich durch Verschmelzung der nationalen Elemente mit der modern-europäischen Bildung allmählich vollzog. Nachdem die Litteratur lange Zeit in derselben Art von Marasmus gelegen, in welchen die ganze Nation seit dem Tode des letzten und unfähigsten Habsburgers, Karls II., unter dessen Regierung der letzte Schimmer von Spaniens ehemaliger Größe verschwand, versunken war, kam gegen die Mitte des 18. Jahrh. durch die bourbonische Dynastie ein neuer Geist, der französische, über die Pyrenäen, der bei der Verwilderung und Erschöpfung des alten Nationalgeschmacks als ein Regenerationsmittel bald Einfluß gewinnen mußte. Eingang verschaffte ihm namentlich Ignacio de Luzan (gest. 1754), der in seiner Schrift "La Poetica" (1737) die französisch-klassische Kunstlehre erörterte und damit sofort begeisterte Anhänger fand. Unter ihnen haben namentlich die Gelehrten L. J. Velasquez (gest. 1772) in seinen "Origenes de la poesia castellana" (1754) und Gregorio de Mayans (gest. 1782) in "Retorica" (1757) die Theorie Luzans weiter entwickelt. Gleichzeitig wirkte der Benediktinermönch Benito Geronimo Feyjoo (gest. 1764) durch seine "Cartas eruditas y curiosas" für Aufklärung des verdummten Volkes und Reform der Wissenschaften, während etwas später unter der aufgeklärten Regierung Karls III. José Franc. de Isla (gest. 1781) in dem satirischen Roman "Fra Gerundio de Campazas" sogar gegen die Mißbräuche der Kirche zu Felde zog. Inzwischen war auch eine Reaktion des alten Nationalgeistes gegen

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Spanische Litteratur (18. und 19. Jahrhundert).

die Bestrebungen der Neuerer, der Gallizisten, eingetreten, und als Hauptverfechter desselben trat jetzt, wenn auch mehr theoretisch als durch eigne Schöpfungen, der patriotische, aber blind eifernde Garcia de la Huerta (gest. 1787) auf. Gleichzeitig wußten Lopez de Sedano durch seinen "Parnas español", eine Sammlung der bemerkenswertesten Dichtungen des 16. und 17. Jahrh., und Tomas Antonio Sanchez durch eine Auswahl der ältesten spanischen Dichtungen sowie Sarmiento durch seine "Historia de la poesia español" die absolute Herrschaft der Gallizisten zu verhindern und das Interesse für heimische Poesie wieder anzuregen. Als der erste bedeutendere Schriftsteller der französischen Richtung ist Nicolas Fernando Moratin (gest. 1780) zu nennen, der als Epiker wie namentlich als dramatischer Dichter thätig war; aus der großen Menge von Dramatikern der nationalen Richtung ragt indessen nur der fruchtbare Ramon de la Cruz (gest. 1795), besonders durch seine von genialem Humor erfüllten Sainetes (Zwischenspiele), glänzend hervor. Bald bildete sich wieder eine Dichterschule, nach ihrem Hauptsitz die "Schule von Salamanca" genannt, die eine vermittelnde Stellung einnahm, insofern ihre Mitglieder gegen die Anforderungen des Zeitgeistes nicht blind, aber doch patriotisch genug waren, um neben den modernen fremden auch die einheimischen Muster der guten Zeit zu berücksichtigen. Das eigentliche Haupt dieser Schule war Juan Melendez Valdes (gest. 1817), der die Nation wieder zu enthusiasmieren wußte und auch das philosophische Element in die spanische Dichtung aufnahm; zu ihren Anhängern gehörten: Nicasio Alvarez Cienfuegos (gest. 1809), ein Dichter zarter und anmutiger Liebeslieder; José Iglesias de la Casa (gest. 1791), besonders im Epigramm und in kleinen satirischen Gedichten ausgezeichnet; Tomas de Iriarte (gest. 1791), der die Fabel in die spanische Dichtkunst einführte und darin in Felix Maria de Samaniego (gest. 1801) einen glücklichen Nachfolger fand; ferner die schon ältern José de Cadalso (gest. 1782), Verfasser der Satire "Los eruditos á la violeta" und der "Cartas Marruecas", und der Staatsmann und Patriot Gaspar Melchior de Jodellanos (gest. 1811), ein hochbegabter Schriftsteller und reiner Charakter, der auf die Wiedergeburt der spanischen Litteratur von großem Einfluß war. Auch Pablo Forner (gest. 1797), der Pater Diego de Gonzales (gest. 1794), Leon de Arroyal, Graf Noroña u. a., die zum Teil auch die Italiener nachahmten, dürfen der Dichterschule von Salamanca beigezählt werden. Strenger am französischen System hielt der talentvolle Leandro Fernandez de Moratin (der jüngere, 1760-1828), besonders in seinen Lustspielen ("El si de las niñas"), die sich, wie auch seine übrigen Werke (Oden, Sonette, Epigramme, das Idyll "La ausencia" etc.) durch Anmut der Schreibart und Feinheit des Geschmacks auszeichen und mit verdientem Beifall aufgenommen wurden.

Die verhängnisvollen Ereignisse des 19. Jahrh., der Unabhängigkeitskrieg gegen die Besitzergreifung Spaniens durch Napoleon und die diesem folgenden Aufstände, übten einerseits einen nachteiligen Einfluß auf die Litteratur, da sie die Muße zu litterarischen Arbeiten nahmen und die politischen Kämpfe und Debatten einen großen Teil der vorhandenen Talente verzehrten; anderseits wirkte aber der durch den Unabhängigkeitskrieg errungene Sieg über die französische Usurpation wie in politischer, so auch in litterarischer Hinsicht belebend, und der politische Anteil an der Regierung, den die Nation durch die innern Umwälzungen errang, trug zu ihrer allseitigern Geistesentwickelung bei und gab der Litteratur wieder eine mehr patriotische und selbständige Haltung. Von den Schriftstellern und Gelehrten, welche sich an den politischen Kämpfen beteiligten, sei hier nur an Antonio de Capmany (gest. 1813), der staatsrechtliche Schriften sowie eine "Filosofia de elocuencia" und den "Tesoro de prosadores españoles" herausgab, den Nationalökonomen Florez Estrada und die Publizisten Donoso Cortes, Conde de Toreno und José de Lara (gest. 1837), erinnert, welch letzterer, einer der vorzüglichsten Schriftsteller Spaniens (auch unter dem Namen Figaro bekannt), seine Zeit mit all ihren Erscheinungen auf dem Gebiet des politischen wie des sozialen Lebens einer strengen Kritik im Gewand originellen Humors und treffender Satire unterzog, aber auch als Dichter sich auf dem Felde des Romans und des Dramas ("Macias", "No mas mostrador") berühmt machte. In der poetischen Litteratur traten jetzt hauptsächlich zwei Parteien einander gegenüber: die Klassiker, d. h. diejenigen, welche sich noch immer der französisch-klassischen Regel unterwarfen, andernteils aber auch solche, welche von dem Zurückgehen zur alten spanischen Nationalpoesie das Heil der Dichtkunst erwarteten, und die Romantiker, welche entweder fessellos den Antrieben ihres Genius folgten, oder sich der neu französischen Richtung anschlossen. Als Dichter der klassischen Richtung sind zu nennen: Manuel José Quintana (gest. 1857), Verfasser des Trauerspiels "Pelayo" (1805) und trefflicher Oden (aber auch als Historiker geschätzt); die Lyriker Juan Bautista de Arriaza (gest. 1837) und José Somoza; Juan Maria Maury, Verfasser anmutig-einfacher Romanzen wie auch größerer epischer Gedichte; Felix José Reinoso (gest. 1842), der sich durch das Epos "La inocencia perdida" und kleinere Poesien einen Namen erwarb; José Joaquin Mora, durch seine satirischen Fabeln und Romanzen ausgezeichnet; Serafin Calderon (gest. 1867), ein leidenschaftlicher Anhänger der alten Nationalpoesie ("Poesias di un solitario"); Lopez Pelegrin; Tom. José Gonzalez Carvajal (gest. 1834; "Libros poeticos de Santa Biblia") u. a. Viele der neuern Dichter schwankten auch zwischen der klassischen und romantischen Richtung, so: Alberto Lista (gest. 1848), gleich ausgezeichnet als Dichter und Mathematiker ("Poesias sagradas", "Poesias filosoficas", Romanzen etc.); der gefeierte Staatsmann Angelo de Saavedra, Herzog von Rivas (gest. 1865), der von der klassischen Schule zu den Romantikern überging, Verfasser der Ode "El desterrado", der Dichtung "Florinda" sowie des Romanzencyklus "El moro exposito", und Francisco Martinez de la Rosa (gest. 1862), in der lyrischen und didaktischen Dichtung wie im beschreibenden Epos ("Saragosa") und gleich Saavedra auch im Drama (s. unten) hervorragend; ferner Nicasio Gallego (gest. 1853), berühmt durch seine ergreifenden Oden und Elegien; der Fabeldichter Pablo de Jerica, der Lyriker José Maria Roldan (gest. 1828), Manuel de Arjona, Verfasser trefflicher Fabeln, Epigramme und scherzhafter Erzählungen, Francisco de Castro u. a. An der Spitze der Romantiker steht José Zorrilla (geb. 1818), der populärste Dichter des modernen Spanien, der sich von der Poesie der Zerrissenheit und des Schmerzes zu einer heitern Auffassung des Lebens durchgearbeitet und auf fast allen Gebieten der Dichtkunst (wir erinnern nur an seine "Cantos del trovador" und sein Drama "Don Juan Tenorio") Vortreffliches geleistet

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Spanische Litteratur (19. Jahrhundert).

hat. Neben ihm sind zu nennen: der exzentrische José de Espronceda (gest. 1842), ein Dichter der Verzweiflung ("El condenado á la muerte", "El mendiande", "El estudiante" u. a.); der schwermütige Nicomedes Pastor Diaz, dem die süßesten und erhebensten Töne zu Gebote stehen; José Bermudez de Castro, in dessen Dichtungen ("El dia de difuntos") sich wieder alle Schauer der Romantik finden; der phantastisch-fromme Jacinto Salas y Quiroja; der Staatsmann Patricio de la Escosura (gest. 1878), ein schwungvoller Lyriker des Weltschmerzes ("El bulto vestido de negro capuz"), dessen Talent sich aber noch glänzender in seinen historischen Romanen zeigt (s. unten); der sinnige Lieder- und Romanzendichter Francisco Pacheco u. a. Von den Dichtern der neuesten Zeit errangen vor andern Ramon de Campoamor (geb. 1817), der Verfasser der tief poetischen Gedichtsammlung "Doloras". aber auch dramatischer Arbeiten, eines Epos: "Colon", und reizender "Novellen in Versen", und der "Poeta del pueblo", Antonio de Trueba (gest. 1889), mit seinem "Libro de los cantares" verdienten Beifall. Neben ihnen teilen sich Villergas, Campo-Arano, Enrique Gil, Gaspar Bueno Serrano und besonders Ventura Ruiz Aguilera (gest. 1881), Dichter berühmter "Elegias" und der "Legenda de Noche-Buena", sowie Gaspar Nuñez de Arce (geb. 1834), Verfasser des Gedichts "El vertigo" und der "Vision de Fray Martin", in die Gunst des Publikums. Auch José Selgas, Manuel del Palacio, Adolfo Becquer und Curros Enriquez ("Aires da minha terra") müssen als Lyriker genannt werden. Als Satiriker fand José Gonzalez de Tejada, als Fabeldichter Miguel Augustin Principe und F. Baëza Anerkennung. Auch ein moderner "Romancero español" von verschiedenen Verfassern ist erschienen (1873). Eine gediegene Blütenlese aus den Werken der Dichter des 19. Jahrh. bietet der "Tesoro de la poesia castellana", Bd. 3 (Madr. 1876).

Was das Drama betrifft, so war seit den 30er Jahren die Herrschaft des klassischen Geschmacks, der durch Moratin den jüngern für einige Zeit zur allgemeinen Geltung gelangt war, im Sinken begriffen, und das spanische Theater trat in ein Stadium, welches ein Gemisch der extremsten Gegensätze bot. Namentlich ließ man sich von dem Taumel der sogen. romantischen Schule in Frankreich mit fortreißen, deren Mißgebilde man in Übersetzungen oder in noch krassern Nachbildungen mit Vorliebe auf die heimische Bühne brachte. Erst allmählich klärte sich das Chaos, die Besonnenern kehrten zu den altklassischen Formen zurück, die sie mit den Anforderungen der modernen Zeit zu vereinen suchten, und wenn sich auch die spanische Bühne bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig zur Selbständigkeit in einer bestimmten Richtung hervorgearbeitet hat, so gewinnen doch würdige, aus edlem Streben hervorgegangene Originalproduktionen immer mehr die Oberhand. Unter den Klassikern ragt vor allen Manuel Breton de los Herreros (1800-1873) hervor, der fruchtbarste Bühnendichter des modernen Spanien, unter dessen den verschiedensten dramatischen Gattungen angehörenden Arbeiten die Charakterkomödien, in welchen er das Leben der Mittelklassen Spaniens schildert, den obersten Rang einnehmen. Unter seinen zahlreichen Nachahmern ist Tomas Rodriguez Rubi (geb. 1817) der begabteste. Zu den Anhängern der klassischen Schule gehörten auch die Lustspieldichter Francisco de Burgos (gest. 1845) und Manuel Eduardo Gorostiza (geb. 1790); ferner Juan Eugenio Hartzenbusch (1806-80), einer der bedeutendsten Tragiker der Neuzeit, Verfasser des Dramas "Los amantes de Teruel", dem sich seine spätern Arbeiten würdig anreihen. Von großer Bühnengewandtheit zeugen die Stücke von Antonio Garcia Gutierrez (gest. 1884), den besonders die Tragödie "El Trovador" berühmt machte. Eine zwischen der klassischen und romantischen Richtung hin- und herschwankende Stellung nimmt der oben als Lyriker genannte Martinez de la Rosa ein, der Verfasser reizender und belieber Lustspiele ("La niña en casa y la madre en la máscara" und "Los zelos infundados"), dessen dramatische Begabung sich aber noch glänzender in seinen historischen Tragödien ("La conjurazion de Venecia") zeigt. Unter den vorzugsweise tragischen Dichtern ist der bedeutendste Antonio Gil y Zarate (1793-1861), der, seinen Prinzipien nach Anhänger des Klassizismus, in der Praxis später zu den Romantikern überging, und unter dessen Stücken besonders "Carlos II el hechizado", "Rosmunda" und "Guzman el bueno" hervorzuheben sind. Entschieden romantische Richtung verfolgen in ihren dramatischen Arbeiten der schon genannte A. de Saavedra, Herzog von Rivas, Verfasser des Lustspiels "Solaces de un prisionero" und des Dramas "Don Alvaro", und José Zorrilla, der Lieblingsdramatiker der Nation, von welchem wir hier nur "El zapatero y el rey" und die Bearbeitung der Don Juan-Sage: "Don Juan Tenorio", erwähnen wollen. Von den übrigen Dramatikern, besonders der neuesten Zeit, seien hier noch angeführt: Ventura de la Vega (gest. 1865), Gertrudis de Avellaneda (gest. 1873; "Leoncia", "El principe de Viana"), der schon als Lyriker erwähnte Campoamor ("Dies irae", "Cuerdos y locos", "El honor"), Adelardo Lopez de Ayala (gest. 1879; "El hombre de estado", "El tanto por ciento", "Consuelo"), Luis Martinez de Eguilaz (geb. 1833; "La cruz del matrimonio"), José Echegaray (geb. 1832; "La esposa del vengador", "En el seno de la muerte", "El gran galeoto"), Nuñez de Arce ("Dendras de honra", "El haz de leña"), Francisco Camprodon (gest. 1870; "Flor de un dia") und Tamayo y Baus ("La rica hembra"), vorzugsweise Dichter, welche das moderne Leben bald in realistischer, bald in idealistischer Auffassung zur Darstellung brachten. Sehr beliebt sind in der Neuzeit die echt spanischen, dem Volksleben abgesehenen Possen (Sainetes), wie "La banda del rey" von Emilio Alvarez u. a. Eine gediegene Auswahl moderner Dramen erschien unter dem Titel: Joyas del teatro español del siglo XIX" (Madr. 1880-82).

Im Vergleich mit der dramatischen Litteratur blieb das Gebiet des Romans lange Zeit vernachlässigt; erst in der letzten Zeit begann man dasselbe wieder eifriger anzubauen. Zunächst folgten Übersetzungen und Nachahmungen französischer und englischer Werke, dann aber auch spanische Originalromane und zwar in solcher Fülle, daß gegenwärtig auch bei den Spaniern der Roman, als das "Epos unsrer Zeit", nebst der Novelle zur Lieblingsform litterarischer Produktion geworden und in verschiedenen Formen ausgebildet ist. Besondere Pflege erfuhr der historische und Sittenroman, als deren Hauptrepräsentanten unter den bereits angeführten Autoren genannt werden müssen: Larra ("El doncel de Don Enrique el Doliente"), Escosura ("El conde de Candespina" und "Ni rey, ni roque"), José de Espronceda ("Don Sancho Salaña"), Serafin Calderon ("Christianos y Moriscos"), Martinez de la Rosa ("Isa-

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Spanische Litteratur (Philosophie, Theologie, Rechts- u. Staatswissenschaft).

bel de Solis") und Gertrudis de Avellaneda ("Dos mugeres"). Ungemeinen Erfolg hatten auf diesem Gebiet außerdem Fernan Caballero (Cäcilia de Arrom, gest. 1877), die Begründerin des realistischen Romans in Spanien, und Antonio de Trueba (gest. 1889) mit seinen zahlreichen Erzählungen ("Cuentos campesinos", "Cuentos populares" etc.); ebenso Vicente Perez Escrich ("Cura de la Aldea", "La muger adultera", "Los angeles de la tierra" etc.), Manuel Fernandez y Gonzales (gest. 1888; "Los Mondes de las Alpujarras", "La virgen de la Palma" etc.) und Pedro Antonio de Alarcon (geb. 1833; "Sombrero de tres picos" und "El escandalo"), denen wir aus neuester Zeit noch als die namhastesten Erzähler anreihen: Juan Valera ("Pepita Jimenez", "Doña Luz"), José Selgas ("La manzana de oro", "Dos rivales"), Cespedes, Perez Galdos, der den historischen Roman kultiviert, Castro y Serrano, Escamilla, die Schriftstellerinnen: Maria del Pilar Sinués, Angela Grassi und Faustina Saez de Melgar ("Inés"). Als interessanter Sittenschilderer bewährte sich Ramon de Mesonero (gest. 1882) in den Werken: "Manual de Madrid", "Escenas matritenses" u. a. Im übrigen wurde die spanische Prosa durch eine Reihe ausgezeichneter Historiker (s. unten) und berühmter Redner und Publizisten (wie Jovellanos, Augustin Arguelles, Alcalá-Galiano, Donoso Cortes, Martinez de la Rosa, Emilio Castelar u. a.) wie durch die kritischen Arbeiten eines Gallardo, Salva, Lista, Hermosilla, Marchena etc. in ihrer Ausbildung wesentlich gefördert. Groß ist auch die Zahl der Zeitschriften und Revuen, die, teils politisch-belletristischen, teils wissenschaftlichen Inhalts, in den letzten Jahrzehnten in Spanien aufgetaucht sind, und von denen hier als die reichhaltigsten und gediegensten nur die "Revista de España", "Revista Contemporanea" und "Revista Europea" genannt seien.

Wissenschaftliche Litteratur.

Die wissenschaftlichen Leistungen vermochten sich in Spanien nicht so glänzend zu gestalten wie die Nationallitteratur. Insbesondere konnte sich in den philosophischen Wissenschaften ein freier, selbständiger Geist nie entwickeln, weil geistiger und weltlicher Despotismus höchstens ein scholastisches Wissen im Dienste der positiven Theologie und Jurisprudenz duldete. Die Philosophie ist fast bis auf die neuesten Zeiten auf der niedrigsten Stufe, der scholastisch-empirischen, stehen geblieben; nur Dialektik, Logik und mittelalterlicher Aristotelismus wurden etwas kultiviert, da diese Disziplinen den Theologen als Waffe zur Verteidigung ihrer dogmatischen Subtilitäten dienen mußten. Erst im 19. Jahrh. hat auch Spanien einen wirklichen Philosophen hervorgebracht, Jayme Balmes (gest. 1848), der schöne Darstellungsgabe mit metaphysischem Tiefsinn verband, im wesentlichen aber ebenfalls noch auf scholastischem Boden stand. Eine rege Thätigkeit entfaltete Spanien in den letzten Jahrzehnten in der Aneignung philosophischer Meisterwerke des Auslandes durch Übertragung und Bearbeitung; so übersetzte M. de la Ravilla den Cartesius und Kant, Patricio de Azcarate den Leibniz, und Sans del Rio verpflanzte die Krausesche Philosophie nach Spanien, die daselbst zahlreiche Anhänger fand. Auch Hegel ist viel bearbeitet worden, seitdem Castelar für ihn in Spanien Boden geschaffen. Von philosophischen Schriftstellern der Neuzeit sind sonst zu nennen: Lopez Muños, der Lehrbücher über Psychologie, Moralphilosophie und Logik schrieb; Mariano Perez Olmedo, Eduardo A. de Bessón ("La lógica en cuadros sinopticos"), Giner de los Rios u. a. - Die wissenschaftliche Theologie blieb infolge der Unbekanntschaft mit philosophischer Spekulation starrer Dogmatismus im theoretischen, Kasuistik und Askese im praktischen Teil. Das ganze Mittelalter hindurch galt in der Theologie die scholastische Weisheit des Isidorus Hispalensis als erste einheimische Autorität. Im 15. und 16. Jahrh. machten zwar die Kardinäle Torquemada, der Großinquisitor, und Jimenez, der Regent, Miene, das Bibelstudium zu fördern, und sogar Philipp II. unterstützte die von einem Spanier, Arias Montanus, in Angriff genommene Antwerpener Polyglotte. Aber im grellen Kontrast zu dieser wenn auch vornehmlich des litterarischen Ruhms wegen entwickelten, doch immerhin verdienstlichen Thätigkeit steht es, wenn der Versuch, die Bibel dem Volk selbst zugänglich zu machen, sogar an einem so strenggläubigen Priester wie Luis de Leon durch die Inquisition mit Kerker bestraft ward. Nur in der mystischen Askese und in der Homiletik hat die gläubige Begeisterung der Spanier Ausgezeichnetes geleistet. Hierher gehören unter andern die homiletischen Schriften des Antonio Guevara (gest. 1545) und Luis de Granada (gest. 1588) sowie die mystisch-asketischen des Karmelitermönchs Juan de la Cruz (gest. 1591) und der heil. Teresa de Jesus (gest. 1582). Erst in den neuern Zeiten durften die trefflichen Bibelübersetzungen von Torres Amat, von Felipe Scio de San Miguel und Gonzalez Carvajal an die Öffentlichkeit treten und in einzelnen kirchenhistorischen und kirchenrechtlichen Abhandlungen tolerantere Ansichten verbreitet werden, wie in den Schriften von I. L. Villenueva, Blanco White (Leucado Doblado), I. Romo u. a. Sogar eine "Historia de los protestantes etc." (Cad. 1851; deutsch, Frankf. 1866), von Adolfo de Castro verfaßt, wagte sich ans Licht, der sich neuerdings eine "Historia de los heterodoxos españoles" von Menendez Pelayo (1880 ff.) anschloß. Dagegen veröffentlichte Orti y Lara eine Verherrlichung der Inquisition ("La inquisicion"). Auf theologisch-philosophischem Gebiet erlangten neuerdings der Bischof von Cordova, Ceferino Gonzalez, und der Erzbischof von Valencia, A. Monescillo, bedeutenden Ruf.

Auch im Fach der Rechts- und Staatswissenschaften ermangelte es an einer philosophischen Grundlage und an Freiheit der Diskussion. An Gesetzsammlungen und gesetzgeberischer Thätigkeit war in Spanien nie Mangel. Die ältesten Rechtsbücher, wie das "Fuero Juzgo" (Madr. 1815), reichen bis in die Zeit der Gotenherrschaft zurück; dann sind besonders des Königs Alfons X., des Weisen, legislatorische Arbeiten zu nennen: die "Leyes de las siete partidas" und das "Fuero real" (hrsg. Von der Akademie der Geschichte, das. 1847; neuerdings kommentiert von Jimenez Torres, das. 1877). Eine Sammlung aller spanischen Gesetzbücher mit den Kommentaren der berühmtesten Rechtsgelehrten erschien unter dem Titel: "Los codigos españoles concordados y anotados" (Madr. 1847, 12 Bde.); die "Fueros" (Munizipalgesetze) begann Munoz zu sammeln (das. 1847). Wertvolle Arbeiten über die spanische Rechtsgeschichte lieferten Montesa und Manrique, auch Benvenido Oliver, der speziell das katalonische Recht behandelte, während Soler und Rico y Amat ihre Aufmerksamkeit der Geschichte des öffentlichen Lebens zuwendeten. Selbst die Rechtsphilosophie fand Bearbeiter in Donoso Cortes und Alcalá-Galiano sowie neuerdings in Clemente Fernandez

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Spanische Litteratur (Geschichte, Geographie).

Elias und F. Giner, die freiern Ansichten Bahn brachen. Eine Philosophie des Familienrechts und Geschichte der Familie schrieb Manuel Alonso Martinez. In ironischem Gegensatz zu dem von jeher in Spanien herrschenden schlechten Staatshaushalt steht die seit der Mitte des 18. Jahrh. mit Vorliebe betriebene theoretische Bearbeitung der Nationalökonomie; bereits zu Anfang des 19. Jahrh. konnte Semper die Herausgabe einer "Biblioteca española economico-politica" unternehmen. Außer den im 18. und zu Anfang des 19. Jahrh. berühmt gewordenen Schriftstellern Campomanes, Jovellanos, Cabarrus, wovon die beiden letztern klassisches Ansehen erhalten haben, haben sich später aus diesem Gebiet besonders Canga-Arguelles (gest. 1843) und Florez Estrada (gest. 1853; "Curso de economia politica") ausgezeichnet. Als hervorragende Arbeiten über Fragen des öffentlichen Wohls werden die einer Frau, Arenal de Garcia Carrasco (in den "Publicaciones" der königlichen Akademie), gerühmt.

Besonders fleißig ist von den Spaniern das Gebiet der Geschichte bearbeitet worden. Von den alten Chroniken, zu denen man sich seit Alfons X. der Landessprache bediente, und den übrigen Geschichtswerken der frühern Zeit, in welchen sich mit der stilistischen Vervollkommnung allmählich auch der Sinn für pragmatische Auffassung entwickelte, wurden die wichtigsten schon oben bei der Nationallitteratur erwähnt. Im 18. Jahrh. zeichneten sich der Marques de San Felipe (gest. 1726), der eine Geschichte des spanischen Erbfolgekriegs schrieb, Henrique Florez (gest. 1773; "España sagrada"), Juan Bautista Muñoz (gest. 1799) durch seine Geschichte der Entdeckung und Eroberung Amerikas ("Historia de nuovo mundo") und Juan Franc. Masdeu (gest. 1817; "Historia critica de España") aus. Im 19. Jahrh. glänzten zunächst Juan Antonio Conde (gest. 1820), Verfasser der berühmten "Historia de la dominacion de los Arabes en España", und Manuel José Quintana (gest. 1857) durch seine "Vidas de Españoles celebres", während der vielverfolgte Verfasser der Geschichte der spanischen Inquisition, Llorente (gest. 1823), sein Werk im Ausland und in französischer Sprache schreiben mußte. Besonderes Lob verdient die Thätigkeit der königlichen Akademie der Geschichte, die außer ihren "Memorias" zahlreiche Quellenschriften herausgab, an die sich dann andre Urkundensammlungen, namentlich die von Navarrete, Salva und Barranda begonnene, von Fuensanta del Valle, J. Sancho Rayon und Fr. de Zabalburu fortgeführte "Coleccion de documentos ineditos para la historia de España" (bis 1888: 91 Bde.), reihten. Am meisten wurde auch später die vaterländische Geschichte bearbeitet, so namentlich von Modesto Lafuente (gest. 1866), dessen "Historia general de España" alle frühern derartigen Werke übertrifft, von Zamorro y Caballero, Alf. Espinosa, Alfaro, Rico y Amat, Antonio Cavanilles (gest. 1864), dessen vortreffliche "Historia de España" leider unvollendet blieb, u.a. An diese Werke schließen sich die Arbeiten über die spanische Kulturgeschichte von Tapia ("Historia de la civilisacion de España"), Fernan Gonzalo Moron, Ramon de Mesonero Romanos, Ad. de Castro (über die Kultur Spaniens im 17. Jahrh.) u. a. sowie zahlreiche, zum Teil vorzügliche Provinzial- und Lokalgeschichten, z. B. die "Historia de Cataluña" von Balaguer, die "Historia de la villa de Madrid" von Sanguineti etc. Auch die Geschichte der ehemals spanischen Kolonien hat neuerdings Bearbeiter gefunden, z. B. an Torrente ("La revolucion moderna hispano-americana"), Mora ("Mexico y sus revoluciones"), Pedro de Angelis u. a., wie denn auch eine Urkundensammlung über die Entdeckung und Eroberung derselben veröffentlicht wird. Von den zahlreichen sonstigen Spezialwerken seien nur erwähnt: Maldonados klassische "Historia de la guerra de independencia de España" (1833), des Grafen von Toreno "Historia del levantamiento etc. de España" (1835), Carvajals "La España de los Borbones" (1843), San Miguels "Historia de Felipe II" (1844), Gomez Arteches "Historia de la guerra civil" (1868 ff.), Barrantes "Guerras piraticas de Filipinas", Amador de los Rios' "Historia de los Judios de España", Castelars "La civilisacion en los cinco primeros siglos del cristianismo" und "Historia del movimiento republicano en Europa" u. a. Auf dem Gebiet der Literaturgeschichte behauptet Amador de los Rios (gest. 1878) mit seiner (unvollendeten) "Historia critica de la literatura española" (1860 ff.) die erste Stelle, wenn sie auch den wissenschaftlichen Anforderungen der Neuzeit nicht voll gerecht wird. Andre Übersichtswerke sowie Einzelstudien, zum Teil sehr verdienstlicher Art, liegen aus neuerer Zeit vor von J. Moratin ("Origenes de teatro español"), Lista y Aragon ("Ensayos literarios criticos"), Gil y Zarate ("Manual de literatura"), Martinez de la Rosa ("La poesia didactica, la tragedia y la comedia española"), Fernandez Guerra y Orbe ("Juan Ruiz de Alarcon"); von Abelino de Orihuela ("Poetas españoles y americanos del siglo XIX"), Mila y Fontanals ("De la poesia heroico popular castellana"), Balaguer ("Historia de los trovadores"), Valera ("Historia de la literatura española"), Canalejas, Revilla ("Principios de la literatura española"), Perojo, Espino ("Ensayo critico-historico del teatro español"), Villaamil y Castro, Valdes y Alas, Menendez Pelayo ("Historia de las ideas esteticas en España") u. a. In Bezug auf Kunstgeschichte und Archäologie sind in erster Linie die Arbeiten von Cean-Bermudez und P. Madrazo hervorzuheben; daneben verdienen Contreras, Manjarres, Hurtado Villaamil etc., nicht minder die Veröffentlichungen der königlichen Akademie der schönen Künste, das von Rada y Delgado herausgegebene "Museo español de antiguedades", welches die interessantesten Kunst- und archäologischen Gegenstände der Halbinsel reproduziert, und die "Monumentos arquitectonicos de España" ehrende Erwähnung. - Neben der Geschichte fand auch die Geographie bei den Spaniern sorgfältige Pflege, wozu sie beizeiten durch ihre Eroberungen in fremden Weltteilen und ihre Entdeckungsreisen veranlaßt wurden. Aus früherer Zeit ist vor allem die vortrefflich geschriebene "Historia de los descubrimientos y viajes de los Españoles" von Navarrete anzuführen; aus der neuern seien die Schriften von Miñano, Fuster und die lexikalischen Arbeiten von Pascal Madoz und Mariana y Sanz sowie die "Geografia de España" von Mingote y Tarazona erwähnt. Anthropologische Schriften gab neuerdings Fr. Maria Tubino heraus.

Eine umfassende Sammlung spanischer Schriftsteller von den ältesten Zeiten bis auf unsre Tage ist die von Rivadeneyra herausgegebene "Biblioteca de autores españoles" (Madr. 1846-80, 70 Bde.); eine Sammlung meist neuerer belletristischer Werke enthält die "Coleccion de autores españoles" (bis jetzt 48 Bde., Leipz. 1860-86). Für die Herausgabe alter und seltener Werke sorgten vorzugsweise die "Coleccion de bibliofilos españoles" (bis 1879: 19 Bde.) und die "Coleccion de libros españoles

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

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Spanische Mark - Spanischer Erbfolgekrieg.

raros y curiosos" (bis jetzt 16 Bde., Madr. 1871-1884). Auf dem Gebiet der Bibliographie sind, von ältern Werken abgesehen, besonders Ferrer del Rios' "Galeria de la literatura española" (Madr. 1845), Ovilo y Oteros' "Manual de biografia y de bibliografia de los escritores del siglo XIX" (Par. 1859, 2 Bde.) und Gallardos (von Zarco del Valle und Rayon vermehrter) "Ensavo de una biblioteca española de lihros raros" (Madr. 1863-66, 2 Bde.) sowie das "Diccionario bibliografico historico" von Muñoz y Romero (das. 1865), das "Diccionario general de bibliografia española" von D. Hidalgo (1864-79, 6 Bde.) und das "Boletin de la libreria" (Madr., seit 1874) namhaft zu machen.

Vgl. Bouterwek, Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit (Götting. 1804; span. Ausgabe, Madr. 1828, 3 Bde.), fortgesetzt von Brinckmeier: "Die Nationallitteratur der Spanier seit Anfang des 19. Jahrhunderts" (Götting. 1850); Brinckmeier, Abriß einer dokumentierten Geschichte der spanischen Nationallitteratur bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts (Leipz. 1844); Clarus, Darstellung der spanischen Litteratur im Mittelalter (Mainz 1846, 2 Bde ); Ticknor, Geschichte der schönen Litteratur in Spanien (3. Aufl., New York 1872, 3 Bde.; deutsch von Julius, Leipz. 1852, 2 Bde.; Supplementband von Wolf, das. 1867); v. Schack, Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien (2. Ausg., Frankf. 1854, 3 Bde.; Nachträge, das. 1855); Lemcke, Handbuch der spanischen Litteratur (das. 1855-56, 3 Bde.); Wolf, Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Nationallitteratur (Berl. 1859); Dohm, Die spanische Nationallitteratur (das. 1867); Hubbard, Histoire de la littérature contemporaine en Espagne (Par. 1875).

Spanische Mark, Land zwischen Frankreich und Spanien, das jetzige Katalonien, Navarra und einen Teil von Aragonien, etwa bis zum Ebro, umfassend, ward 778 von Karl d. Gr. erobert, 781 von den Arabern wieder besetzt, 801-811 von Ludwig dem Frommen von neuem erobert und dann durch Grafen verwaltet. Die Hauptstadt war Barcelona.

Spanische Ohren, s. Hörmaschinen.

Spanische Leiter(friesische Reiter), etwa 4 m lange, 25 cm starke Balken (Leib), durch welche kreuzweise an beiden Seiten zugespitzte Latten (Federn) gesteckt sind, die so nahe aneinander stehen, daß niemand zwischen ihnen durchkriechen kann. Sie wurden früher zum Sperren von Eingängen und Brücken in Festungen verwendet.

Spanischer Erbfolgekrieg 1701-1714. Da mit dem Tode des kinderlosen KönigsKarl II. von Spanien das Erlöschen des habsburgischen Stammes in diesem Land in Aussicht stand, so war die spanische Thronfolge ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit für die europäische Diplomatie bereits seit der Mitte des 17. Jahrh. Von drei Seiten wurden Ansprüche auf die Nachfolge erhoben. Ludwig XIV. von Frankreich, welcher bereits 1667 die spanischen Niederlande als Erbe seiner Gemahlin in seinen Besitz zu bringen versucht hatte, verlangte den Thron für seinen Enkel Philipp von Anjou, den zweiten Sohn des Dauphin, weil er (Ludwig XIV.) ein Sohn der spanischen Infantin Anna von Österreich, Tochter Philipps III. von Spanien, und seine Gemahlin die älteste Tochter des spanischen Königs Philipp IV. war; Kaiser Leopold I., ebenfalls Enkel Philipps III. und Gemahl der jüngern Tochter Philipps IV. Margareta-Theresia stützte seine Ansprüche für seinen zweiten Sohn, Karl, teils auf diese verwandtschaftlichen Beziehungen, welche denen Ludwigs XIV. vorangingen, weil dessen Gemahlin ihren Erbansprüchen bei ihrer Vermählung entsagt hatte, teils auf die Erbansprüche des Hauses Habsburg auf die spanische Monarchie. Außerdem wurden auch für den Kurprinzen Joseph Ferdinand von Bayern, dessen Mutter Maria Antonia eine Tochter Leopolds I. und seiner spanischen Gemahlin war, Ansprüche auf den spanischen Thron erhoben, welche namentlich von den Seemächten, an deren Spitze Wilhelm III. von Oranien stand, begünstigt wurden, da diese die spanische Monarchie weder an Frankreich noch an Österreich fallen, höchstens die italienischen Nebenlande an sie verteilen wollten, wie auch ein Teilungsvertrag vom 11. Okt. 1698 festsetzte. König Karl II. ernannte den bayrischen Prinzen testamentarisch zu seinem Nachfolger in allen damals spanischen Landen. Als letzterer 6. Febr. 1699 plötzlich starb, schlossen Wilhelm III. und Ludwig XIV. (2. März 1700) einen neuen Teilungsvertrag, wonach der Erzherzog Karl die spanische Krone, Philipp von Anjou Neapel, Sizilien, Guipuzcoa und Mailand erhalten sollte. Da aber Leopold I. diesem Vertrag seine Zustimmung verweigerte, so hielt sich auch Ludwig XIV. nicht an ihn gebunden. Am Hof zu Madrid wirkte der kaiserliche Gesandte Graf Harrach für den Erzherzog Karl, der französische Gesandte Marquis v. Harcourt für Philipp von Anjou. Letzterer trug endlich den Sieg davon, denn Karl II. setzte durch Testament vom 2. Okt. 1700 Philipp von Anjou zum Erben der gesamten spanischen Monarchie ein. Nach Karls II. Tod (1. Nov. 1700) ergriff Philipp V. sofort Besitz von dem spanischen Thron und zog schon 18. Febr. 1701 in Madrid ein. Anfangs erhob nur Kaiser Leopold Protest hiergegen und traf Anstalt zum Beginn des Kriegs in Italien. Erst als Ludwig XIV. deutlich seine Absicht kundgab, die Erwerbung der spanischen Monarchie zur Erhöhung von Frankreichs Machtstellung zu verwerten und den Schiffen der Seemächte die Häfen Südamerikas und Westindiens zu verschließen, als französische Truppen die holländischen Besatzungstruppen aus den Festungen der spanischen Niederlande vertrieben und der französische König nach Jakobs II. Tode dessen Sohn als König Jakob III. von Großbritannien anerkannte, kam 7. Sept. 1701 zwischen dem Kaiser und den Seemächten eine Tripelallianz zu stande, welcher dann auch das Deutsche Reich und Portugal beitraten. Zwar starb König Wilhelm III. 19. März 1702, indes blieben sowohl England unter Königin Anna, welche von Marlborough und seiner Gemahlin beeinflußt wurde, als die von dem Ratspensionär Heinsius geleiteten Niederlande seiner Politik getreu. Frankreich hatte nur die Kurfürsten von Bayern und Köln sowie den Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen zu Verbündeten.

Der Krieg wurde 1701 durch den kaiserlichen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen in Italien eröffnet. Eugen schlug Catinat 9. Juli bei Carpi, den an Catinats Stelle getretenen unfähigen Villeroi 1. Sept. bei Chiari und nahm 1. Febr. 1702 den letztern durch einen Überfall in Cremona gefangen. Dem neuen französischen Feldherrn Vendôme gelang es indes, die Fortschritte der Kaiserlichen in Italien zu hemmen, auch nachdem 1703 der Herzog von Savoyen auf die Seite des Kaisers übergetreten war. Am Niederrhein behauptete inzwischen der große englische Feldherr Marlborough die Oberhand gegen die Franzosen: er eroberte die Festungen an der Maas und das ganze Kurfürstentum Köln. Am obern Rhein hatte der Prinz Ludwig von Baden, dem der Marschall Villars gegenüberstand, 9. Sept. 1702 Landau er-

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Spanischer Erbfolgekrieg.

obert und Villars, der bei Hüningen über den Rhein ging, zum Rückzug genötigt; aber 1703 eroberten die Franzosen Breisach (7. Sept.) und Landau (17.Nov.); ferner vereinigte sich 12. Mai 1703 der Kurfürst von Bayern bei Tuttlingen mit Villars, und beide drangen in Tirol ein. Zwar wurden sie durch die Erhebung der Tiroler unter großem Verlust wieder zurückgetrieben; aber da der ungeschickte österreichische General Styrum sich 20. Sept. bei Höchstädt schlagen ließ und 13. Dez. Augsburg sich ergeben mußte, so endete der Feldzug für die Verbündeten im ganzen nicht günstig. Landau und Breisach gingen wieder an die Franzosen verloren. Auch fiel Anfang 1704 Nassau in die Hände des Kurfürsten, und der Kaiser, der gleichzeitig einen Aufstand in Ungarn zu bekämpfen hatte, sah sich schon in seinen Erblanden bedroht.

Da trat 1704 die entscheidende Wendung ein. Prinz Eugen, den der Kaiser an die Spitze des Hofkriegsrats gestellt hatte, faßte den Plan, durch einen kombinierten Angriff der beiden verbündeten Heere die bayrisch-französische Macht zu vernichten. Marlborough ging bereitwilligst auf diesen Plan ein und zog in Eilmärschen vom Niederrhein nach Schwaben. Markgraf Ludwig und er vereinigten ihre Truppen bei Ulm, nötigten durch Wegnahme der Verschanzungen auf dem Schellenberg bei Donauwörth (2. Juli) den Kurfürsten und den französischen General Marsin zum Rückzug nach Augsburg, und nachdem einerseits Tallard sich mit letzterm, anderseits Eugen sich mit Marlborough vereinigt hatte (während der Markgraf von Baden Ingolstadt belagerte), erlitt 13. Aug. 1704 das französisch-bayrische Heer bei Höchstädt (Blenheim) eine entscheidende Niederlage und verlor gegen 30,000 Mann an Toten und Verwundeten; Tallard selbst und 15,000 Mann wurden gefangen. Der Kurfürst mußte flüchten. Als Leopold I. 5. Mai 1705 starb, setzte sein Sohn Joseph I. den Kampf mit Energie fort. Er beschwichtigte den ungarischen Aufstand, erwirkte die Achtserklärung gegen die beiden wittelsbachischen Kurfürsten und bemächtigte sich nach blutiger Unterdrückung einer Volkserhebung der bayrischen Lande. Am 23. Mai 1706 erfocht Marlborough bei Ramillies einen glänzenden Sieg über die Franzosen unter Villeroi, besetzte Löwen, Mecheln, Brüssel, Gent und Brügge und ließ überall Karl III. als König ausrufen. Als infolge dieser Niederlage Vendôme aus Italien nach den Niederlanden berufen wurde, erhielt dadurch Eugen die Möglichkeit, von Verona aus dem von den Franzosen belagerten Turin zu Hilfe zu eilen und nach seiner Vereinigung mit dem Herzog von Savoyen den vereinigten französischen Generalen Marsin, Herzog von Orléans und La Feuillade 7. Sept. vor Turin eine gänzliche Niederlage beizubringen, infolge deren die Franzosen gemäß der sogen. Generalkapitulation vom 13. März 1707 ganz Italien räumen mußten. Nur am Oberrhein gelang es Villars, nach dem Tode des Markgrafen Ludwig (Januar 1707) die von den Reichstruppen besetzten Stollhofener Linien zu durchbrechen und das südwestliche Deutschland brandschatzend zu durchziehen. Selbst in Spanien, wo die überwiegende Mehrheit der Nation dem bourbonischen König Philipp V. anhing, gelang es dem habsburgischen Prätendenten, vorübergehende Erfolge zu erringen. Gleich im Anfang des Kriegs wurde von den Engländern und Holländern eine im Hafen von Vigo liegende spanische Flotte zerstört; 1703 trat König Dom Pedro II. von Portugal dem großen Bündnis bei, und 1704 erschien Erzherzog Karl in Spanien, während die Engländer (3. Aug. 1704) Gibraltar eroberten. Wirklich gelang es Karl, 1705 sich zum Herrn von Valencia, Katalonien und Aragonien zu machen; 2. Juli 1706 wurde sogar Madrid von einem vereinigten englisch-portugiesischen Heer unter Galloway und Las Minas besetzt; allein da den Operationen der Verbündeten der Zusammenhang fehlte, so waren diese Erfolge nicht von Dauer, Madrid ging bald wieder verloren, und nach dem Sieg des Marschalls Berwick über das englisch-portugiesische Heer bei Almanza (25. April 1707) fielen auch die südlichen Provinzen in die Hände Philipps V.

Obwohl die Verbündeten auch auf den übrigen Kriegsschauplätzen 1707 keine großen Erfolge errangen, machte sich in Frankreich die Erschöpfung der Hilssmittel schon so sehr geltend, daß Ludwig XIV. den Seemächten den Verzicht auf Spanien anbot und nur die italienischen Lande für seinen Enkel beanspruchte. Indes noch war Marlboroughs Einfluß in England maßgebend, überdies hofften die Engländer, Spanien unter Karl III. zu ihrem ausschließlichen Nutzen merkantil ausbeuten zu können. Die Seemächte waren mit Österreich darüber einverstanden, daß man nicht bloß aus dem Erwerb der ganzen spanischen Monarchie für Österreich bestehen, sondern auch die Lage benutzen müsse, um Frankreichs Vorherrschaft für immer zu brechen. Der Erfolg schien dies Vorhaben zu begünstigen. Ein Versuch, den ein starkes französisches Heer unter dem Herzog von Burgund und Vendôme 1708 unternahm, um die spanischen Niederlande wiederzuerobern, wurde durch den Sieg Eugens und Marlboroughs bei Oudenaarde (11. Juli) vereitelt und ganz Flandern und Brabant von neuem unterworfen. Ludwig XIV. war jetzt sogar bereit, aus Grundlage des völligen Verzichts auf Spanien über einen Frieden zu verhandeln. Auch als die Verbündeten die Rückgabe des Elsaß mit Straßburg, der Freigrafschaft, der lothringischen Bistümer forderten, war der französische Gesandte im Haag, Torcy, noch zu Unterhandlungen bereit. Erst die Zumutung, seinen Enkel selbst durch französische Truppen aus Spanien vertreiben zu helfen, wies Ludwig XIV. mit Entschiedenheit zurück. Der Krieg in den Niederlanden wurde wieder aufgenommen; die blutige Schlacht bei Malplaquet (11. Sept. 1709) blieb zwar unentschieden, die furchtbaren Verluste der Franzosen in derselben erschöpften aber ihre Kräfte. Gleichzeitig siegte in Spanien der österreichische General Starhemberg bei Almenara 27. Juli und Saragossa 20. Aug., und Karl zog 28. Sept. in Madrid ein.

Da, als Frankreichs Niederlage unabwendbar schien, als der Übermut der Verbündeten keine Grenzen mehr kannte, traten unerwartete Ereignisse ein, welche einen Umschwung zu gunsten Ludwigs XIV. zur Folge hatten. Am 10. Dez. 1710 errang Vendôme einen glänzenden Sieg über Starhemberg bei Villa Viciosa. Wichtiger war noch, daß in England das Whigministerium durch ein Toryministerium verdrängt wurde, welches den Frieden möglichst rasch herzustellen wünschte, und daß 17. April 1711 Kaiser Joseph I. starb. Da nun dessen Bruder, der Prätendent für Spanien, als Karl VI. Kaiser wurde, so fürchteten die andern Mächte, das Haus Habsburg möchte durch die Vereinigung Österreichs mit Spanien zu mächtig werden. Zunächst knüpften die Engländer mit Ludwig XIV. geheime Unterhandlungen an. Am 8. Okt. 1711 wurden die Präliminarien zu London unterzeichnet und trotz aller Gegenbemühungen des Kaisers 29. Jan. 1712 der Friedenskongreß zu Utrecht eröffnet. Marlborough wurde durch den Grafen Ormond, einen eifrigen Jakobiten, ersetzt, und dieser gewährte dem Prinzen


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