II
In heller Sonne erglänzte der Strand wie vergoldet, und selbst das Meer am Ufer schäumig grün, in der Ferne blau, fast lilafarben, schien mit goldenem Glanz überstreut zu sein, Sonne und Himmel atmeten, ferne Berge verschwammenmit den Sommervillen, die außerhalb der Stadt wie verstreutes Spielzeug im Grase auf ihren Abhängen lagen, in weißem Glanz.
Das grellfarbige Publikum des Badeortes schob sich über die Strandpromenade, bog breit wie ein Strom an dem ovalen Kurgarten um und leuchtete so wandlungsreich bunt, daß es unmöglich war herauszufinden, woher alle diese hellen Kleider, Hüte, Beine, Schultern und Gesichter mit den lebhaften Augen kämen. Es sah aus, als vergrößere sich die Menge ganz von selbst, wie ein schnell wachsendes Blumenbeet. Wirbelndes Sprechen, Lachen und Klingen verflocht sich schrill über den Köpfen und verband sich mit den Wellenschlägen an den Quadersteinen, dem schnellen Gerassel der Equipagen und dem deutlichen Trommeln der Hufe zu einer liebenswürdigen Musik.
Maria Sergejewna und Mishujew fuhren in einem leichten Jaltaer Wagen über die Strandpromenade, und der weiße Schleier, der von Maria Sergejewnas Hut herabwehte, schwirrte schnell an Pferdeköpfen vorbei, zwischen würdevollen Kutschern und dem auseinanderfließenden Zuge von Schirmen und Hüten.
Vor einem Laden, in dessen Schaufenstern kapriziöse Damenhüte wie exotische Vögel undBlumen prangten, hielt der Wagen plötzlich an, als wenn er an eine unsichtbare elastische Barriere gestoßen hätte. Leicht und schnell, wie vom Wind getragen, sprang Maria Sergejewna vom Tritt der Equipage direkt in die dunkle Tür des Ladens hinein.
Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und trat hinter ihr ein.
Sofort stürzten einige höfliche Verkäufer und Verkäuferinnen mit dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den Stiefelsohlen und lächelten mit plötzlich belebten Mienen. Eine Minute lang machte es den Eindruck, als drängte sich dort eine Schar glücklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen öffneten sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bänder flogen über Haufen weißer Hüte wie Blumen auf Schnee.
Es waren einfache Stoffhüte „Babyfasson“ vorgelegt worden; Maria Sergejewna wünschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, daß sie in diesem Hut wie ein graziöses, mutwilliges Mädchen aussehen müßte.
Die Verkäuferinnen plapperten mit übertriebener Lebhaftigkeit, die Verkäufer spreizten die Stimmen, um für Franzosen gehalten zu werden,und durch die offene Ladentür drang das Getöse und die Farben der Sonne hinein, und Maria Sergejewna wählte und suchte, während sie sich wie ein Kind über das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glänzte mit den Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung. Sie musterte ihre Figur im großen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen Körper, um ihr Profil sehen zu können. Und in jedem neuen Hut — mit blauen, roten, bunten Bändern — auf dem schwarzen Haar schien ihr matt-rosiges Gesichtchen noch schöner undjünger.
Mishujew saß inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer Fleck inmitten der lärmenden Menge, die schweren Hände auf den aufrecht stehenden Spazierstock gestützt. Er sah schläfrig aus, wie ein nicht ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hört — nicht Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, — nichts, außer einer unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt für Schritt von innen heraus untergräbt, ohne daß er sich dagegen auflehnen könnte.
Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren Blick gegen den ersten besten Gegenstand, — gegen die Tischecke, den lackierten Stiefeleines Kommis oder die harten Schulterknochen einer Verkäuferin, die wie selbstverständlich unter der koketten Seidenbluse hervortraten.
„Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir? ...“ Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrücken.
Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit einer leidenschaftlichen Versöhnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lärm und dem Spiel des Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewöhnen konnte.
Doch jetzt trübte das düstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flößte ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, daß Küsse und wollüstige Zärtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen war, ohne es aufzulösen und zu vernichten.
... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese widerwärtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der äußersten Fläche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorüber.
„Nun, welchen also? Sprich doch!“ fragtesie nochmals, und schon klang in ihrer Stimme die eigentümliche Nuance geheimer Bitten wieder, als flehe sie ihn um Schonung an.
„Nimm alle,“ antwortete Mishujew, der an etwas anderes dachte, gleichgültig.
Sie lachte; alle Verkäufer und Verkäuferinnen lächelten entzückt. Einer brüllte über den Einfall des Millionärs laut auf.
Mishujew sah ärgerlich die lachenden Gesichter an, er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort wurden alle ernst, und Mishujew, dem diese augenblickliche, gefällige Veränderung der Mienen nicht entgangen war, geriet in Empörung. Ein dringendes Verlangen, wie es ihn oft packte, stieg ihm auch jetzt zu Kopf: sie anzubrüllen, jemand mit dem Fuß zu treten, zu schlagen ...
— — So! Euch gefällt alles, wozu ich Lust habe? Schön! ... In seinem Gehirn loderten tolle Worte auf, doch er blieb still und senkte nur hilflos die Augen.
„Nein, warum bist du so ... Rate mir doch!“ drängte Maria Sergejewna kokett; Mishujew merkte, daß sie sich jetzt nur an ihn klammerte, damit kein anderer herausspüre, was sie in ihm mit heißem Schrecken erriet.
Jetzt fühlte er Mitleid mit ihr; es erwärmte ihn. Doch in seiner Seele wurde es noch trüber und hilfloser.
„Nimm den mit blauem Band ... Der steht dir am besten,“ sagte er klanglos.
„Wirklich!“ Erfreut lächelte ihm Maria Sergejewna zu.
Sie hob beide Hände zum Kopf, und unter der weißen Bluse sah er plötzlich ihren gekrümmten Rücken wie nackt; — weich und erhaben. Ein Verkäufer, der geknöpfte Lackschuhe trug, ließ einen schüchtern-lüsternen Blick über sie gleiten, begegnete aber plötzlich den Augen Mishujews. Im Augenblick klappte er zusammen, sein Gesichtchen wurde schlaff und bedeckte sich mit einer Maske von Gefälligkeit und Furcht.
— Ungeziefer! — dachte Mishujew mit jähem Anfall ekelnden Zornes und sah dem Verkäufer starr in die Augen. Der schrumpfte sichtlich zusammen, wurde dünner und kleiner. Fast eine Minute lang dauerte dieses eigentümliche grausame Spiel, das Mishujew krankhafte Befriedigung verschaffte. Er bemerkte, daß das Knie des Verkäufers, von einem zu engen Beinkleid umschlossen, zitterte.
... Übrigens, dachte Mishujew mit der früheren trüben Schwermut weiter, ... wenn ich selber der Kommis wäre, so würde die da und ähnliche andere ihm gehören, und ich müßte ihr wie ein Sklave verstohlene Blicke zuwerfen.
Er wendete sich ab. Alles wurde ihm zuwider:dieses Gesindel, das vor ihm auf dem Bauche rutschte, und diese Frau, die erst gestern von einem rohen Wort verletzt war und ins Wasser gehen wollte, und sich heute wieder von dem armseligen Vergnügen des Geldausgebens bis zur Selbstvergessenheit fortreißen ließ.
„Bist du bald fertig? ... Gehen wir doch!“ sagte er und erhob sich.
„Ja, ja, ich bin schon fertig. Ich habe mich schon entschlossen!“ beeilte sich Maria Sergejewna zu antworten. „Schicken Sie mir diesen ... nein, nein, den da, ... den mit dem hellblauen!“ warf sie hin, während sie sich nach Mishujew umsah, der wie eine schwarze Masse in der hellen Türöffnung stand.
„Gehen wir, bleiben wir ein wenig in den Anlagen,“ sagte sie, als sie in die Sonne heraustraten und auf allen Seiten von warmer, reiner Luft und fröhlichem Lärm empfangen wurden.
„Gut,“ Mishujew willigte vollkommen gleichgültig ein.
Sie hatten, den Equipagen ausweichend, schon die Straße überschritten, als er laut angerufen wurde.
„Fjodor Iwanowitsch! warten Sie einen Augenblick!“
Am Trottoir hielt ein glänzendes Automobil, und hinter drei Damen, die einem Strauß vonSpitzen und Blumen glichen, streckte ein strahlender, schneeweißer Herr einen hellgelben Handschuh hervor und winkte.
„Theodor, man ruft dich ... Parchomenko!“ Maria Sergejewna berührte Mishujew am Ärmel und nickte an seiner Stelle lächelnd dem schneeweißen Herrn zu.
Parchomenko sprang von seinem Sitz herab, schwenkte jetzt seinen Hut durch die Luft und eilte rasch auf Maria Sergejewna zu:
„Maria Sergejewna, Sie Zauberin! Und ich suche Sie in der ganzen Stadt.“
„Wirklich!“
Maria Sergejewnas kleines Händchen preßte sich kokett an seine Lippen. Sie lachte.
Die Damen im Automobil nickten ihr mit den Hüten zu, der strahlende Parchomenko lachte und verlegte allen den Weg, das Automobil spiegelte, das Publikum sah sich nach ihnen um. Es schien, als hätte die ganze Stadt, die Berge und Blumen begonnen, nur für sie zu leuchten, zu glänzen und zu lachen. Ein schwindsüchtiger Pope, der mühsam seine trübselig grün gewordene Sutane vorbeischleppte, blickte mit großen glänzenden Augen auf sie hin und verschwand traurig; er löste sich gleichsam in Glanz und Fröhlichkeit der Menge auf.
Ein junger Mann und zwei Damen gingenan der Gesellschaft vorbei. Sofort fing der Herr eilig, als fürchtete er etwas Hochwichtiges zu versäumen, an, seinen Damen zuzuflüstern, wobei er mit den Augen winkte:
„Das sind Mishujew und Parchomenko — die Moskauer Millionäre! ...“
„Wo ist Mishujew? Welcher ist es?“ Die Damen wandten sich voll Neugierde um.
„Der dort mit der Dame steht ... der große Kerl ...,“ der junge Mann wies hastig hin, und zwei Paar aufgeregt neugierige Frauenaugen richteten sich auf Mishujew.
Mishujew drehte sich herum, aber Parchomenko sah strahlend die Damen an.
„Sehen Sie, uns kennen hier schon alle Menschen, Fjodor Iwanowitsch!“
„Erlauben Sie bitte,“ sagte jemand im Vorbeigehen; aus der gebrochenen Stimme hörte Mishujew scharfen Haß hervor. Er sah sich um und erblickte einen weißblonden jungen Mann, der unter einem schäbigen Jackett ein blaues Hemd trug. Seine hellen und offenbar guten Augen schauten auf Parchomenko mit einem im Grunde sanftmütigen Haß.
„Lassen Sie einen doch vorbeigehn,“ wiederholte er noch leidender.
Parchomenko maß ihn mit einem raschen wegwerfenden Blick und trat achtlos auf die Seite.
„Maria Sergejewna, wollen wir heute nach Suuk-Su fahren ... Gestern haben wir es hin und zurück in zwei Stunden gemacht. Ehrenwort! Wunderbar angenehm, mein Ehrenwort ... wie Vögel! ... Wir werden dort Abendbrot essen und dann zurück! ... Bei Mondenschein hat es etwas Bezauberndes, auf Ehrenwort!“ schrie er ganz strahlend; offenbar bis in die Zehenspitzen von der Freude über die eigene Existenz erfüllt.
Maria Sergejewna weigerte sich, mutwillig und kokett den neuen Hut schüttelnd, der ihr in der Tat das Aussehen eines graziösen Mädchens gab.
„Wir waren erst vorgestern dort!“
„Ja, aber im Auto ist es etwas ganz anderes. Über die Berge weg! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leicht man von einem Berg auf den anderen fliegt ... Ja, geradezu die Empfindung, als fliege man im Traum ... auf Ehrenwort!“
„Nun gut ... später. Jetzt will ich spazieren gehen. Gehen wir! Das Meer ist heute wunderschön.“
Die drei Damen Parchomenkos, alles üppig blonde, phlegmatische Schönheiten, stiegen lachend und wie im Spiele aus dem Automobil.
„Fjodor Iwanowitsch, warum sind Sie dennheute so mürrisch?“ Parchomenko strotzte vor Freude.
„Er ist jetzt immer mißgestimmt,“ antwortete Maria Sergejewna für ihn, als wäre sie selbst daran schuld, und berührte Mishujews Gesicht mit einem schüchternen Blick.
„Sie sollten ihn doch dazu verleiten, ein Auto zu kaufen, — das bringt ihn augenblicklich in andre Stimmung. Aufblühen wird er,“ lachte laut Parchomenko. „Mit dem Auto kuriere ich mich jetzt in allen Nöten. Ehrenwort, — kein Scherz!“
Die Damen gingen zu viert voran, allgemeines Aufsehen erregend. Parchomenko rannte neben ihnen her, steckte sie mit seiner lärmenden Freude und Sicherheit an, wobei er ihnen fortgesetzt vor die Füße lief; nur Mishujew schritt schwer hinterdrein. Während sie mitten durch die festlich gekleidete Menge, die wie ein sonnendurchwärmter Bienenschwarm summte, gingen, blickte Mishujew aufmerksam und lange in die Gesichter, die ihnen entgegenkamen, als suchte er aus ihnen etwas herauszulesen.
Sie begegneten wieder dem schwindsüchtigen Popen und dem weißblonden Menschen im blauen Hemd. Diesmal ging ein hochgewachsener, hagerer, ernster Mann neben ihm. Mishujew kannte ihn; nun erinnerte er sich auch an den blonden.Der Ernste war ein bekannter Schriftsteller, der andere ein junger, schwindsüchtiger Dichter.
Der Schriftsteller warf einen flüchtigen, unfreundlichen Blick über die Gesellschaft und wandte sich ab. Der Dichter sagte ein paar Worte zu ihm, und in dieser Stimme wie in dem zornigen Blick des anderen lag ein spöttisch-feindseliger Zug gegen Mishujew, Parchomenko und ihre gutgepflegten, schönen Damen.
Bald von der Sonne überstrahlt, bald im Schatten der Schirme, zogen in bunter Reihenfolge männliche und weibliche, hübsche und häßliche Gesichter vorüber. Ein lebendiger Kaleidoskop, der sich in jedem Augenblick veränderte, rollte vor ihren Augen ab, und Mishujew verfolgte mit gewohnheitsmäßiger, krankhafter Unruhe dieses einförmige, eigentümliche Spiel: er sah, wie alle die gleichgültigen menschlichen Augen, die flüchtig über die herankommenden Gesichter glitten, plötzlich auf ihm haften blieben und den Ausdruck stumpfer Neugierde annahmen. Das war alles so gewohnt und eintönig, daß es Mishujew mitunter vorkam, als habe die ganze festliche Menge nur ein einziges — ein flaches Gesicht, das ihm über alle Maßen widerwärtig war.
Die Damen und Parchomenko lachten laut auf, Mishujew ging hinter ihnen, und das Gefühl der Einsamkeit, die ihm längst zur Gewohnheitgeworden war, lief unablässig neben ihm her. Er wünschte, fortzugehen, wo nichts und niemand um ihn wäre — weder Sonne, noch Menschen, noch Lärm. Dort stehen bleiben und lange, sehr lange ganz still für sich stehen. — —
Der freudestrahlende Parchomenko wandte sich um und rief ihm etwas zu. Irgend eine Abgeschmacktheit, ohne Sinn und Witz, aber sonderbar aufdringlich durch das zur Schau getragene Selbstbewußtsein, daß alles, was er sprach, schön und äußerst interessant sein müßte.
— — — Dieser glückliche Trottel — dachte Mishujew, während er auf seine Füße hinunterschaute; plötzlich regte sich stumpfer Neid in ihm. Wollte man diese Empfindung in Worte übersetzen, so wäre der Unsinn herausgekommen: — ach, wenn ich doch solch ein Idiot wäre! Dann könnte ich ebenfalls glücklich sein wie er, mit meinen Automobilen, Millionen, Maitressen, mit all den Menschen, die mich selbst gar nicht bemerken, sondern nur das, was nicht meine Person ausmacht, die mich fürchten, hassen, an mir kleben bleiben.
„Hier kommt auch unser General!“ rief Parchomenko. „General, kommen Sie doch her! Ohne Sie ist es langweilig!“
Ein alter General mit breiten roten Streifen und einem verschrumpften, rosigen Gesichtchenauf einem Hals, dünn wie bei einem Küchlein, den der schmale, graue Backenbart nicht zu verdecken vermochte, lief, die Füße nachschleppend, auf sie zu. Er begann, den Damen mit freudestrahlendem Gesicht und kraftloser, greisenhafter Koketterie die Hände zu küssen. Man sah ihm an, daß er im voraus fürchtete, fortgejagt zu werden.
Parchomenko zeigte eine Freude, als wäre ihm ein amüsantes Spielzeug gebracht worden.
„Nun, wie ist’s, General, hat der Dampfer von gestern viel hübsche Frauen gebracht? Hat Ihr Herz oft gezuckt?“ er lachte laut und drehte sich vor den Damen, die auf der Bank Platz genommen hatten, auf den Stiefelabsätzen herum.
„Wußten Sie schon, Maria Sergejewna,“ wandte sich Parchomenko zu ihr, und man sah seinem rosigen Gesicht an, daß er im Begriff war, etwas ungemein Geistreiches zum Besten zu geben, „der General geht jeden Abend zur Landungsbrücke; er will der Unvorsichtigen nachstellen, die sich ihm anvertrauen würde ... Er ist ein Don-Juan, wie er im Buche steht. Auf Ehrenwort, — ohne Spaß!“
„So, General — und ich wußte gar nicht, daß Sie so gefährlich sind!“
Eine der blonden Damen Parchomenkos redeteihn gedehnt mit voller, schmachtender Stimme an.
„Oh, Sie kennen ihn eben nicht!“ Parchomenko verschluckte sich vor Entzücken; „jeden Abend läuft er hin. Nur wird er von diesen hartherzigen Damen leider so unhöflich wie möglich behandelt: er sucht an jedem Abend für sie Wohnungen, er schleppt ihre Sachen, er zahlt die Droschkenkutscher, und am nächsten Tag laufen sie, — Gott sei’s geklagt! — mit irgend einem Fähnrich über die Boulevards, und der General wandelt wieder zum Dampfer hin! Auf Ehrenwort, — — — ohne Spaß!“
„Was Sie sagen!“ Die üppige Blonde tat äußerst erstaunt.
„Sie müssen stets etwas ausdenken, Pawel Alexejewitsch!“ verteidigte sich der General und errötete.
„Ja, reden Sie nur! Ich etwas ausdenken! Und wer hat Sie vor drei Tagen in Dschalita mit einer Gymnasiastin erwischt? wie, — was?“
„Aber, bei Gott ist es wahr, Pawel Alexejewitsch ... das war meine Tochter Njurotschka! was wollen Sie, bei Gott! ...“ sein Gesicht wurde noch röter.
„Eine Tochter? Wir kennen sie schon — — diese Töchter!“
„Nein, wirklich, meine Tochter ... Njurotschka!“
„Daß sie Njurotschka heißt, glaube ich schon! Und daß ...“ Parchomenko hielt sofort wieder ein und kniff die Augen zusammen; offenbar bereitete er einen recht pikanten Witz vor. „Übrigens ist es schon glaublich, daß Sie nur noch väterliche Gefühle hegen können. Sehr möglich!“
Die Damen lachten, ihre Blicke etwas gesenkt, mit jenem eigentümlichen über die Lippen gleitenden halben Lächeln, in dem noch ein besonderes weibliches Geheimnis zu lauern scheint.
Der General kicherte ebenfalls, doch in seinem freundlichen Gesichtchen zeigte sich ein schmerzlicher Zug, als könnte seine Njurotschka dadurch verletzt sein. Einen Augenblick wollte er sich einfach umdrehen und fortgehen, wagte es aber nicht und kicherte nur krampfhaft weiter.
„Dats ist wunderbar, dats ist wunderbar,“ murmelte er, während seine Äuglein ratlos umherliefen.
„General,“ plötzlich leuchtete Parchomenko noch intensiver auf, „warum sagen Sie immer ‚dats‘ und nicht ‚das‘? Damit es sich komischer ausmacht oder haben Sie einen hohlen Zahn?“
„Sage ich denn dats?“ Der General errötete.
„Aber natürlich, dats! Sagen Sie doch: das! So — — — deutlich: das!“
„Ist es denn nicht ganz gleich?“
„In keiner Weise gleich ... Das ist ja furchtbar komisch! Auf Ehrenwort! Nun, sagen Sie mal: das!“
Der Alte lachte, und seine greisen Wangen wurden immer rosiger.
„Nein, Sie müssen es rausbekommen!“ Parchomenko ließ nicht von ihm ab.
„Dat—s!“ sagte der General mit heldenmütiger Anstrengung.
Parchomenko drehte sich vor Entzücken auf den Absätzen herum. Die Damen lachten. Auch Maria Sergejewna lachte und hob ihr feines Profil empor.
„Das, das, General!“ schrie Parchomenko. Sein strahlendes Gesicht war von Wonne übergossen. Er sah aus, als wollte er zurufen: Immer lustiger noch, alter Spaßvogel! ... Du siehst ja, ich bin in guter Laune ... Nur los!
„General, Sie sind der geborene Komiker ... Auf Ehrenwort!“ schrie er unter Lachausbrüchen.
Der alte General lächelte verwirrt, und seine Wangen glänzten hilflos.
Maria Sergejewna hatte mit dem Alten, nach dem sich schon die Spaziergänger umsahen, Mitleid. Sie sprach mit ihm weich und zärtlich,erkundigte sich nach seiner Gesundheit und nach der Tochter, der Gymnasiastin, die sie einige Minuten vorher in einem Haufen anderer, ebenso junger und fröhlicher Mädchen gesehen hatte. Der Alte schmolz sofort unter ihrer Zärtlichkeit und lächelte jetzt ganz anders, während er ihr nach Greisenmanier, wie ein gestreichelter, altersschwacher Kater, den Hof machte.
Aber Parchomenko begann wieder geistreich zu werden und ihn zu necken. Mishujew blickte auf sie; es widerte ihn an; der Alte tat ihm leid. Er wollte ihn in Schutz nehmen, bekam aber kein Wort heraus.
Der junge Dichter und der ältere Schriftsteller kamen wieder an ihnen vorbei. Mishujew hörte, wie aus einer Gruppe junger Menschen, die auf einer benachbarten Bank saßen, einer rief:
„Seht mal dort, seht ... da kommt Tschetyrjow und Marussin!“
„Wo, wo denn?“
Gespannte Mädchenblicke begleiteten die gebeugten Gestalten der beiden Poeten, die sich langsam in der bunten, festlichen Menge entfernten, von ihr wie ein trauriger Fleck geschieden. Mishujew hörte, wie in der jungen Gesellschaft eine heftige Diskussion über Tschetyrjows Talent losbrach.
Als wäre diese Begegnung schuld, wurde ihmmit einem Mal traurig zumute; wieder zog es ihn von hier fort irgendwohin, wo er allein bleiben und lange — lange stehen könnte, ohne etwas zu sehen, etwas zu hören.