II
„Ich werde nach Ihnen einen Akt malen!“ sagte Molotschajew, während er sich nahe an das Gesicht Marja Nikolajewnas, das hell vom Mond bestrahlt wurde, neigte.
„Warum nicht gleich zwei!“ lachte sie, und ihre Augen funkelten vor fröhlichem Vergnügen.
Lande hob den Kopf, sah sie an und sagte:
„Das ist gut ...“
Er wollte ihnen sagen:
... Das ist gut, daß ihr beide so jung, so schön und daß ihr so ineinander verliebt seid! Er sprach aber nicht weiter und lächelte nur.
„Was wollen Sie also für die Arbeiter tun?“ Marja Nikolajewna erinnerte sich an Landes Worte und machte ein ernstes Gesicht.
Lande schlug leise die Hände auseinander.
„Auch nichts besonderes ... nur so, für die allererste Zeit ... ich habe Geld ...“
Molotschajew blickte ihn an. — Von diesem mondbeleuchteten, mageren, gar nicht schönen Gesicht mit den großen, herrlichen Augen wehte eine schlichte und unentwegte Entschlossenheit auf den Maler hinüber. Ein Gefühl unangenehmen, unbestimmten Neides regte sich in Molotschajew, als ob sich in der Tiefe seiner Seele irgend einversteckter, trüber Geist unter einem Lichtstrahl zusammenzöge.
„Wollen Sie es hingeben?“ fragte er, mit einem mißtrauischen Zug um die Lippen.
„Ja,“ antwortete Lande.
„Das ganze Geld?“ fragte Molotschajew wieder, als hörte er einen schlechten Scherz.
„Ich weiß wirklich nicht, mein Täubchen ...“ antwortete Lande gutmütig, dabei selbst überlegend, als ob er sich mit ihnen beratschlagte. „Vielleicht auch das ganze ... je nachdem es notwendig ist.“
„Und Sie ... haben Sie viel Geld?“ sagte Molotschajew mit verstellter Ironie ... Er macht sich originell! dachte er, wurde aber sofort ärgerlich, weil er fühlte, daß er nur aus Neid die Unwahrheit dachte.
Marja Nikolajewna sah Lande aufmerksam an.
„Ich habe ...“
Lande strich die Mütze zurecht und fuhr ruhig fort: „Nicht sehr viel ... ich habe vier Tausend.“
Und wieder mußte Molotschajew denken:
... Hat doch eine wirkungsvolle Pause gemacht!
Dann blickte er zufällig auf Marja Nikolajewna und vergaß an Lande.
„Sie haben ein Gesicht wie aus einem StuckschenGemälde wenn Sie lachen oder wenn Sie nachdenklich werden!“ sagte er mit begeisterter, aufrichtiger Stimme, und seine Augen glänzten freudig.
Marja Nikolajewna lachte; ihre weißen Zähne schimmerten unter dem Mondlicht für einen Augenblick hell und geheimnisvoll zwischen den scharfumrissenen, halbgeöffneten Lippen. Lande blickte sie an und sah, daß ihr Gesicht in der Tat weiß und kräftig, zart und brutal war, wie auf einem Gemälde von Stuck. Und sie war auch sonst so hochgewachsen, schlank und kräftig; ein frischer und erregender Duft strömte von ihr aus.
„Wollen Sie ihnen wirklich gleich alles geben?“ fragte Marja Nikolajewna Lande und versuchte ihr Gesicht vor Molotschajew zu verbergen.
„Gleich alles geben!“ lächelte Lande freudig und zärtlich ihrer Schönheit und ihren klaren Augen zu.
Auch seine Stimme war so ruhig und innig, daß Marja Nikolajewna für einen Augenblick nachdenklich wurde. Irgend eine warme und sanfte Saite hallte feinfühlig im Innern ihrer Seele wider.
... Reizend ist er und ganz eigenartig ... Ein Seliger. Sie erinnerte sich wie Ssemjonoweinmal Lande genannt hatte ... Nein, er ist kein Seliger.[4]
Sie wünschte, daß er es nicht wäre. Nicht weil er vor ihr stand. Aber in dieser Nacht stieg das Verlangen in ihr auf, daß jenes Machtvolle und Schöne, das im Mondenschein, im gestirnten Himmel, in der feierlich-ruhig schlafenden Erde um ihr war — jetzt auch, im Lebendigen und Bewußtsein schlicht und einfach aufleuchte.
„Ich muß hier ...“ Lande war unschlüssig. Er wäre am liebsten mit ihnen zusammengeblieben.
„Adieu!“ Molotschajew reichte ihm kühl und hastig die Hand.
Lande überlegte; dann ging er still lächelnd fort.
... Laß sie schon ...! sagte er sich; seine Seele wurde weit und gerührt, als umarmte er die ganze Welt.
Marja Nikolajewna ging lange schweigend neben Molotschajew; feierliche Stille schien auch ihre Seele zu überwältigen.
„Dieser Lande ist wohl übergeschnappt!“ meinte Molotschajew. „Ein Narr ... Vielleicht nicht mal ein Narr, ganz im Gegenteil!“fügte er mit einer Grimasse hinzu; doch plötzlich fuhr er nachdenklich fort:
„Sein Gesicht ist nicht schön, aber sehr interessant.“
„Sie wissen nur von Ihrer Kunst etwas; — nichts mehr!“ sagte Marja Nikolajewna, lachte halblaut und wandte ihr Gesicht dem Mond zu.
„Nein, ich sehe alles Schöne!“ erwiderte Molotschajew, wobei er in diese unbedeutenden Worte einen besonderen Sinn legte, der aber ihr nahe und verständlich war.
„Und außer dem Schönen?“
„Weiß es der Teufel! Wohl nichts!“ Molotschajew zuckte die eine Achsel.
Marja Nikolajewna lachte. Unter der weißen Bluse hob sich durch das Lachen ihre Brust; sie sah bei dem Mondenschein, scharf umrissen von tiefen, feuchten Schatten, fast nackt aus.
Mit weitgeöffneten Augen schaute Molotschajew sie an; es trieb ihn gebieterisch zu ihr. Er beugte sich nieder und sah von der Seite ihre dunklen, glänzenden Augen, die nicht auf ihn blickten, die wortlos zu warten und etwas geheimnisvoll zu verheißen schienen.
Es war still. Nur irgendwo fern hinter den düsteren und kalten Häusern schlug einmal ein kleines Hündchen an.
Eine seltsam gespannte Erregung steckte in allem.
„Leben möchte ich!“ sprach Marja Nikolajewna erst leise, aber ihre Stimme wurde wie von selbst lauter und stärker. „Etwas tun möchte ich, lieben möchte ich ...“
Plötzlich brach sie in unerwartetes klingendes Lachen aus. „Auf den Mond springen möchte ich, wie es Schischmarjow nennt!“
„Schlafen, schlafen gehn!“ fügte sie mit singender Stimme hinzu. „Das ist es! Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen ...“ antwortete Molotschajew immer noch zitternd und seufzte tief auf.
Sie standen schon an der Pforte zu ihrem Haus.
„Auf Wiedersehen!“
Leichte Schritte klangen hinter dem Zaun. Irgendwo schnappte einmal und ein zweites Mal ein Schloß; man hörte, wie die Tür schwer nach innen nachgab, jemand schläfrig irgend etwas fragte, und wieder alles still und leer wurde.
Molotschajew ging lange durch die leeren, vom Mondlicht überschwemmten Straßen, sah auf die ferne Mondesscheibe und dachte an nichts, obwohl er voller Freude war.