V
Den Busen vorgestreckt, den Rock über den Knieen gerafft und wie zur Attacke geschwenkt, sprang ein Weib mit feschem und elastischem Changieren der Füße, die Schultern entblößt und den Hut frech aufs Ohr gerückt, in das Zimmer hinein.
Es wurde schon lange getrunken. Wein, Zigarrenrauch, die von elektrischem Licht, Ausdünstungenund Likörs durchsättigte Luft hatten die Männer so furchtbar erregt, daß das Weib zur Notwendigkeit wurde. Man brauchte eine Stelle, auf die man die übermäßige Spannung der schlaflosen tollen Nacht entladen konnte.
Beim Eintritt des Weibes brauste eine hinreißende, fast wahnsinnige Bewegung auf, Parchomenko stürzte ihr, rot, mit blutunterlaufenen Augen und feuchtem Schnurrbart, entgegen, warf einen Stuhl zur Seite, packte sie an der schlanken, dünnen Taille, die in ein durchbrochenes Mieder gespannt war, hob sie in die Luft und stellte sie im Fluge auf den Tisch. Eine Flasche fiel um, und ein Glas ging in Scherben.
„Au! Sie schmeißen mich um!“ schrie sie, und ihre unaufrichtige, gewohnheitsmäßig erregte Stimme peitschte die sinnlose Fröhlichkeit noch höher.
„Hurra!“ rief Parchomenko, „es lebe die Schönheit! Gebt ihr Wein ... Sie soll nachholen, was sie versäumt hat.“
Alle drängten sich in dichtem, engem Haufen auf das Weib. Die Augen verspritzten scharfe Funken, die Finger haschten gierig nach ihren ausgeprägten Schenkeln, den elastischen Beinen und den runden, entblößten Armen. Parchomenko führte ein Kelchglas mit gelbem Sekt an ihre lachenden scharlachroten Lippen; Opalow, dessenweiße Backen dunkelrote Flecken bekamen, küßte sie oberhalb des Handschuhs auf den bloßen Arm; ein dicker Börsianer, mit feuchtem Mund, der fast bis an das Kinn aufgerissen war, schmatzte und gluckste, wie ein feistes, sattes Tier im Augenblick der Begattung. Es schien, als ständen sie alle auf dem Punkt, sich auf dieses nackte, schmackhafte Fleisch, das hinter den schwarzen Spitzen hervorlugte, zu stürzen und es mit Winseln und Beißen zu zerfleischen.
Nur Podgurski trank gleichgültig seinen Likör, und Mishujew lastete, wie immer schwer und düster, auf dem Divan und schaute mit schläfrigen, großen Augen um sich.
Die anderen trugen das Weib auf den Divan und ließen es dort niederfallen, wobei sie ihm wahrscheinlich Schmerzen verursachten; aber die Frau lachte nur laut auf, schlug mit den Spitzen ihrer schamlosen Finger auf die Hände, die nach ihrem Körper griffen, und schrie herrisch und gleichzeitig unaufrichtig:
„Regen Sie sich nicht zu sehr auf! Nicht aufregen, meine Herren! ... Hände weg! Sekt her! ... Ich will heute betrunken sein! ... Ich bin vergnügt ... Wenn Sie nur dabei gewesen wären, wie mich heute das Publikum aufnahm! Ein Triumph!“
Und unvermittelt sang sie laut ein Stück aus einem feschen Chanson.
Opalow reichte ihr Wein und ließ dabei plötzlich eine elektrische Taschenlampe unter dem Kelch aufleuchten. Hellgoldene Funken durchzuckten den gelben Saft; der Sekt lachte wie lebendig. Es war sehr hübsch; die gelben Funken gaben den schwarzen, lachenden Frauenaugen, in denen sie sich widerspiegelten, ein wildes, phantastisches Gepräge.
„Ah, wie wunderbar! Noch einmal, noch mal, Schatz!“ schrie sie lachend.
Opalow wollte das Licht noch einmal andrücken, aber Parchomenko riß ihm die Lampe aus der Hand und richtete ihr den grellen, weißen Strahl direkt in die Augen. Sie wurden gelb und durchleuchtend wie bei einer Katze. Das Frauenzimmer kniff zuerst vor Schmerz die Augen zusammen, dann lachte sie. Und doch bemerkten alle die armselige, naive Schminke über den Wimpern und versteckte bemitleidenswerte Fältchen in den Augenwinkeln dieses jungen Weibes, das doch schon am Verwelken war. Sogar Podgurski und Opalow empfanden etwas wie Scham und Mitleid. Parchomenko verwickelte sich mit dem Fuß, scheinbar zufällig, in ihren Spitzenüberwurf, der auf dem Boden lag, zog den Fuß an und riß ihn entzwei.
„Um Gottes willen, was machen Sie!“ rief das Weib; Mishujew hörte den demütigen Schreck in ihrer Stimme.
Parchomenko tat, als wäre er beinahe gefallen und zerriß die Spitzen, jetzt schon offenbar absichtlich, noch weiter, sodaß ihr rundes Bein im engen, schwarzen Strumpf sichtbar wurde. Sein Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart zog sich in einer grausamen Bewegung zusammen; seine Mienen bekamen einen katzenartigen Ausdruck.
„Aber halten Sie doch!“ rief das Weib wieder; in ihren untermalten Augen zuckte erschrockene Wut.
Opalow hatte ein peinliches Gefühl und trat neben beiden mit unnatürlichem, unsicherem Lächeln auf seinem eigenartigen, japanischen Puppengesicht von einem Fuß auf den andern. Podgurski schien dem Vorgang ganz gleichgültig zuzusehen, aber gerade in dem Augenblick, als sich Mishujew mit Widerwillen einmischen wollte, sagte er plötzlich:
„Pawel Alexejewitsch ... lassen Sie das gefälligst!“ Parchomenko zitterte förmlich vor Entzücken. Er tat, als wollte er das Kleid ordnen und knetete in Wirklichkeit mit verschwitzten Händen ihre runden Knie, wobei er das Spitzenwerk so hoch raffte, daß ein Streifen ihres nackten, rosigen Körpers zum Vorschein kam ... Das Weibriß sich los und lachte hysterisch. Aber durch das Lachen klangen einfache, naive Tränen. Ihr schönes, teures Kleid tat ihr leid.
„Lassen Sie das, was tun Sie denn!“ wiederholte Podgurski.
„Lassen Sie sie in Ruhe, Pawel Alexejewitsch,“ unterstützte ihn Mishujew.
Aber Parchomenko hörte nichts oder wollte nichts hören. Sein rotes, schwarzbärtiges Gesicht sah in der wütenden, wollüstigen Grausamkeit fürchterlich aus.
„Haben Sie denn nicht gehört? Nehmen Sie die Hände weg, sage ich Ihnen!“ rief plötzlich Podgurski, nicht laut, aber drohend, und seine Stimme war so eigentümlich, daß Mishujew sich verwundert umsah. Er erwartete, daß Parchomenko antwortete. Aber der ließ augenblicklich von dem Frauenzimmer ab; durch seinen Blick, der noch in grausamer Erregung leuchtete, zuckte hastige Furcht.
„Wir bringen es gleich wieder in Ordnung,“ sagte versöhnlich Opalow. „Geben Sie mir ein paar Stecknadeln ...“ Er wandte sich freundlich an die Sängerin, die ihre Spitzenfetzen zusammenraffte.
„Sieh mal einer an, welch Edelmut!“ murmelte Parchomenko frech und gleichzeitig feige, während er wie ein Hund zur Seite wich undscheele Blicke herüber warf. „Man darf sich nicht mehr ein bißchen amüsieren ... wir haben noch ganz andere gehabt! ...“
„Alles hat seine Grenzen ...“ bemerkte Mishujew kühl.
Parchomenko verstummte für einen Augenblick; er schien allen Halt verloren zu haben. Bald wurde er aber wieder unnatürlich lebhaft und wandte sich an die Sängerin. Er hatte verstanden, daß der Auftritt niemandem gefallen hatte und war kleinlaut geworden.
„Ach was, Stecknadeln! ... Lassen Sie mich, Opalow ... Ich weiß ein besseres Mittel.“
Zwei Hundertrubelscheine erschienen in seiner Hand, und er steckte sie dem Weibe feierlich in den Ausschnitt, wobei er seine ganze Hand zwischen ihren flaumweichen, üppigen Brüsten versenkte.
„Hier, Emmachen! Sei nicht böse!“
Emma wurde sofort still; dann begann in ihren Äuglein ein gieriges Feuerlein zu funkeln; plötzlich küßte sie Parchomenko direkt auf den schwarzen, feuchten Schnurrbart.
„Ach, wie bist du gut!“ sagte sie, und es war schwer herauszuhören, ob sie es aufrichtig meinte oder nicht.
„Ja, gut!“ warf Podgurski dazwischen; „warumauch nicht, — zuerst das Kleid zerrissen, dann Geld gegeben! Ein Prachtkerl! ...“
Es sah gerade so aus, als wäre er auf dem Sprunge, sich auf Parchomenko zu stürzen und ihm eine in die runde, selbstgefällige Fratze hineinzuhauen.
„Eine schöne Art,“ fuhr er wütend, angeekelt fort; „reißen, zerschlagen und dann Geld herauswerfen! ... Jahrmarktswitze!“
Er sprach mit einem Nachdruck, als wünschte er nicht nur mit den Worten, sondern auch mit jedem Laut seiner Stimme zu verletzen.
„Sie sollten es doch mal versuchen, den Kellnern die Schnauzen mit Mostrich beschmieren ... Warum nicht, das wäre doch ebenso witzig ... Oder mit der Stirn einen Spiegel einzurennen!“
Parchomenko lachte winselnd, und Mishujew sah zu seinem Erstaunen in seinem Gesicht feige, ohnmächtige Wut, wie bei kleinen Kötern, die beißen möchten, es aber nicht wagen.
Podgurski ließ nicht mehr von ihm ab. Bald riet er ihm, allein in vier Galawagen spazieren zu fahren, dann schlug er ihm vor, ein Sektbad zu nehmen oder sich zu feierlichen Ausfahrten auf der Straße eine Mauer durchbrechen zu lassen, wie es ein Moskauer Kaufmann getan hatte.
Parchomenko lachte immer unnatürlicher;man sah ihm an, wie die Furcht in ihm gegen ohnmächtigen Haß ankämpfte.
Opalow fragte Podgurski leise: „Mit welchem Zauber packen Sie ihn?“
„Ich habe keinen,“ erwiderte Podgurski verächtlich und ernst. „Nur glauben diese Herren, daß ihnen mit ihrem Geld alles erlaubt ist. Stoßen sie dann einmal auf einen Menschen, der sich auf ihren Geldsack in ausgesprochenstem Maße zu spucken erlaubt, so werden sie gleich zahm ... Etwas anderes haben sie nicht anzubringen!“
Der dicke Börsianer bemühte sich mit lauter, jüdischer Delikatesse das unangenehme Vorkommnis zu vertuschen. Er lenkte das Gespräch auf andere Streiche von Millionären und erzählte ein paar passende Witze. Das schlug ein. Das Gespräch wurde allgemein, und Parchomenko sagte ganz fortgerissen, mit glänzenden Augen:
„Nein, das ist nichts ... Keiner hat das feine Gefühl ... Das ist alles roh, platt! ... Ich habe eine neue Idee: wie wäre es, mal so ein halbes Dutzend Ballettänzerinnen vor einen Landauer zu spannen ... So wie sie sind, im Trikot und Gazeröckchen ... und dann durch die Morskaja zu fahren. Das wäre doch elegant, das wäre schick!“
„Wie albern!“ Emma tat ärgerlich. „Wer würde sich so blamieren lassen!“
„Ach was! Werft ein paar Tausend hin, und jeder Makler von der Börse geht als Deichselpferd.“
Der Börsianer lachte laut; auf seinen feisten Lippen entstand ein kleiner Speichelstrudel.
„Wissen Sie, das wäre wirklich originell!“
„Aber sicher!“ rief Parchomenko voller Entzücken und Begeisterung. „Denken Sie mal an: rosige Beinchen, die blauen Gazeröckchen gehen in die Höhe, und die nackten Rücken! Man könnte ein wenig mit der Peitsche antreiben! ... Nein, wissen Sie, mit ein bißchen Phantasie kann man ein ganz anständiges Ding zustande bringen!“
Mishujew saß schwer auf dem Divan und trank fast nichts. Seine ungesunden Augen bewahrten die ganze Zeit über denselben düsteren, angewiderten Ausdruck. Je weiter, um so langweiliger und widerwärtiger wurde ihm zumute. Seine Schwermut begann in ein scharfes, schneidendes Gefühl überzugehen. Aber er saß und saß, ohne aufzustehen. Er hatte Angst, allein zu bleiben, um nichts zu denken, nicht nach Unbegreiflichem zu verlangen.
Das Schreien und Lachen betäubten ihn, jedes Wort und jede Bewegung jedoch riefen in ihm neuen Ekel hervor. Da, dieses Kaufmannssöhnchen, das bald einem Schaf, bald einem dicken Kater, der mit einer Maus spielt, ähnlich sieht,das ein Glück darin findet, nackte Ballettänzerinnen mit der Peitsche zu schlagen und eine elende Kurortkokotte zu mißhandeln ... ein feister Börsianer, der fortwährend schmatzte, als hätte er Rubel im Munde, die er wollüstig wiederkäut und saugt ... Der wirklich talentvolle Opalow, der auf seiner feinen, künstlerischen Seele mit Füßen herumtritt, um sich die Gunst des Geldmagnaten zu verschaffen ... Und Mishujew dachte mit Entsetzen, daß so die Menschen in Wirklichkeit sind und daß er unter ihnen noch viele Jahre leben soll. Ihm kamen Marussin und Tschetyrjow in Erinnerung, und er stellte sich mit kühler Trauer ihre fernen, unversöhnlichen Seelen, die ein Eigenes in sich tragen, das er nicht verstehen kann, vor. Schmerzlicher Zorn begann wieder in ihm aufzusteigen. Nur Podgurski allein, der jetzt mit Likören und Zigarren beschäftigt war, erweckte in ihm noch eine gewisse, vorüberfliegende Zuneigung.
... Wie dem auch sei, er fürchtete sich wenigstens nicht, diese arme Emma in Schutz zu nehmen ...
Es war spät geworden. Man hatte schon über die Maßen getrunken, zur Genüge geschrien und gelacht. Die Müdigkeit zeigte sich in der unruhigen Aufregung. Emma wurde sehr rot und war stark verschwitzt. Ein erregender Geruchergoß sich von ihr, Parfüms und Puder. Die glatte, weiche Haut auf den Schultern und der Brust schien feuchtglänzend und lockte an. Sie selbst begann ebenfalls das Sehnen der Erwartung zu empfinden. Ihre Augen, gelb wie die einer Katze, wurden feucht und schamlos. Sie setzte sich den Männern auf den Schoß, tanzte Matshiche, kniff in die Arme, schmiegte sich mit den nackten Schultern an die Lippen. Die Männer wurden allmählich toll. Nur Mishujew und Podgurski, der unbeirrt seinen Likör trank, blieben auf ihren Plätzen. Die anderen drängten sich an sie heran, man konnte sehen, daß sie sehr bald einem von ihnen als Beute für die zügelloseste, unverhüllteste Leidenschaft zufallen würde.
Alle empfanden klar die Nähe des Augenblicks, in dem das jetzt noch verhüllte Weib durch einen von ihnen entkleidet würde; das Bewußtsein, daß dieses Weib dazu bereit war, und die Begierde, der erste zu sein, erregte die Männer so stark, daß ihre Beine zu zittern begannen.
Opalow konnte kaum sitzen bleiben. Er bückte sich tief zu ihr hinab, so daß er den erregenden Geruch ihrer Achseln aufsaugen konnte; er war blaß wie ein Kranker. Er wußte, daß sie einem andern und nicht ihm zufallen würde, aber eine kleine, lüsterne Hoffnung verließ ihn nicht.
„Sie sind wahrhaft schön ... Einen solchenBogen der Augenbrauen, solche Nackenlinie, wie die Ihre, habe ich immer im Traum gesehen. Oh, wenn der Traum zur Wirklichkeit würde!“ sprach er leise, und durch das gemacht ritterliche Bestreben, ihr zu zeigen, daß er sie „trotz allem“ achtete, klang armselig und elend der Wunsch heraus: gib dich mir hin! so tue es doch! ... Für dich hat es ja nichts zu sagen, dich einmal so — einfach — hinzugeben ... mir allein! ... Gib dich mir hin!
Durch den Lärm und das Geschrei hörte Mishujew sein bebendes Flüstern. Offensichtlich gefiel Opalow dem Weib, aber obgleich sie lachte und ihn durch augenblickliche Berührung ihrer nackten Arme und glühenden Beine in Erregung brachte, verfolgten ihre Katzenaugen unablässig Parchomenko und den Börsianer. Mishujew blickte sie traurig an; sie war ihm ebenso zuwider wie die Männer: ihren kräftigen weiblichen Körper zog es ganz deutlich zu Opalow hin, und ihr Zusammensein wäre, trotzdem sie schon lange Kokotte war, sicher licht und kraftvoll gewesen. Und doch hatte sie nicht den Mut, ihrem Verlangen nachzugeben; sie wartete wie eine Sklavin, bis jemandem beliebte, sieen passantzu sich zu nehmen und durch seine gleichgültige Gier zu besudeln.
Die elenden, elenden Menschen! dachte Mishujew, aus irgend einem Grunde fühlte er indiesem Augenblick sich selbst als Elendesten und Einsamsten.
„Sie wissen, in meiner Novelle ‚Feuer‘ habe ich eine Frau geschildert, die Ihnen ähnlich ist ...“ flüsterte Opalow, während sich sein Gesicht mit roten Flecken bedeckte.
„Spucken Sie nur gleich darauf, mein Lieber,“ fiel ihm plötzlich Podgurski ins Wort, „nichts, aber gar nichts werden sie davon haben. Dies Gericht ist nicht für uns beide!“
Opalow zitterte und wurde verwirrt, als wäre er ertappt worden. Seine Aufregung war augenblicklich verschwunden, aber um das peinliche Gefühl zu verbergen, versuchte er, einen unverfrorenen Ton anzuschlagen:
„Aber vielleicht doch! Was, Emmchen? Man kann doch nie wissen, nicht wahr?“
Er fragte zum Scherz, aber gegen seinen Willen blieben seine Blicke eine Weile mit geheimer Frage an ihren Augen hängen. Sie lachte und warf sich zurück, ihre Augen verschleierten sich, während sich ihr offener, flaumweicher Busen und die kräftigen, gewölbten Schenkel in geheimer Lust ausreckten. Doch gleich sorgte sie sich, daß es Parchomenko nicht merke und blickte zu ihm hinüber.
Der aber schien wirklich alle ihre verborgenen Gefühle und Wünsche abzulesen. Die frühereGrausamkeit huschte über sein schwarzbärtiges Gesicht. Einige Augenblicke sah er sie scharf an, wobei sein einer Augenwinkel zitterte; plötzlich leuchtete er in brutalem Entzücken auf.
„Hören Sie, meine Herren!“ rief er, auf den Stuhl springend, „wir sind unserer drei ...“
„Fünf!“ korrigierte ihn spöttisch Podgurski.
„Und nur ein Weib! Alle auf die eine — das wäre eine Barbarei! Ich schlage vor, Emma zu verlosen!“
„Pfui!“ Emma tat entsetzt.
„Oder nein ... nicht verlosen! ... Lieber, wissen Sie was: eine amerikanische Auktion machen! Das wird amüsant! Wer höher bietet! ... Hier — für eine ‚Liebes- und Freudennacht‘!“
„Eine herrliche Idee!“ stimmte ihm der Börsianer voller Achtung bei.
„Was? Nicht wahr! Podgurski, Sie werden den Auktionator machen! ... Emma, her auf den Stuhl ... Bluse runter! Die Ware soll offen vor uns liegen!“
„Muß das sein!“ rief das Frauenzimmer und lachte abgerissen, als wäre sie mit kaltem Wasser bespritzt worden. Aber trotz ihres geheuchelten Lachens sah Mishujew, wie früher, eine scharfe Röte auf ihr Gesicht treten.
„O nein, nein! Da hilft nichts! Eineamerikanische Auktion! ... Sträube dich nicht lange!“ schrie Parchomenko, der durch seine Erfindung selber mehr und mehr in Aufregung geriet.
Mishujew sah sie regungslos an.
Und dann spielte sich vor seinen Augen in einem wilden Taumel von Geilheit und Leidenschaft eine aufregende, blödsinnige Szene ab.
Emma wollte sich nicht selbst auskleiden und sträubte sich lange. In ihren Augen leuchteten Funken armseliger abgehetzter Scham, und ihre Backen bedeckten sich mit rosigen Flecken. Parchomenko, der schon schwer zu atmen begann, zerrte ihr fast mit Gewalt die Bluse von den runden, strahlenden Schultern, und plötzlich bebten und schwankten vor den gierigen Augen der Männer zwei elastische, junge Brüste, die nun, nachdem sie von dem engen Korsett und den Spitzen des Seidenhemdes befreit waren, ein wenig voller wurden.
Von diesem Moment an fiel Mishujew das sinnlose Gesicht Opalows auf: der stand da in keuchender Gier, gespannt wie eine Saite, damit ihm auch nicht eine Regung des entblößten, weiblichen Körpers verloren ginge. Als das Weib mit dem nackten Oberkörper auf den Stuhl gehoben wurde und sich instinktiv mit den Armen zu decken suchte, taumelte er. Mishujew schien es, daß er nur den einen Gedanken hatte, auf siezuzustürzen und diese verhüllenden Arme loszureißen.
„Ah ... ah ... die Hände, die Hände!“ rief Parchomenko wie betrunken. „Hände weg! ... Alles muß zum Vorschein kommen! Was für eine Auktion wäre das ... So geht es nicht!“
Eine Minute lang sträubte sich Emma innerlich; es war sonderbar, diesen Kampf bei einem Weibe mitanzusehen, das sich all und jedem für Geld hingibt. In dieser Szene lag etwas, das über ihre Kräfte ging, und gerade das peitschte in den Männern die Gier nach Wollust und Grausamkeit höher auf. Selbst Mishujew fühlte, wie ihm eine trübe, heiße Welle zu Kopfe stieg.
Plötzlich funkelte in ihren Augen ein fast stolzer, doch gleichzeitig hilfloser, haßerfüllter Strahl auf ... langsam hob sie die Hände empor.
Jetzt stand sie offen vor ihren Augen, unwiderstehlich durch ihre Unterwürfigkeit an sich lockend. Der Körper bog sich schamlos nach hinten aus, nur ihre dunkelgewordenen Augen auf dem wie ausgestorben lächelnden Gesicht blickten kühl und bange. Es war schön und furchtbar: man konnte kaum glauben, daß es sich da nur um eine Kokotte, eine Sängerin aus dem Varieté handelte.
Was geht jetzt in ihr vor? schwirrte es undeutlich durch Mishujews Kopf.
„Also!“ rief Podgurski, während er mit dem Messer an den Rand des Kelchglases klirrte, und mit seiner Stimme übertönte er das scharfe, leiderfüllte Klirren. „Ein Weib, namens Emma, wird in öffentlicher Auktion meistbietend versteigert. Besichtigung, ja sogar Berührung mit den Händen ist Kauflustigen gestattet! ... Nach eingehender Schätzung ...“ er wurde für eine Weile verlegen und endete mit entschlossener Stimme auf gut Glück, „na, dreihundert Rubel. Wer bietet mehr?“
„Vierhundert!“ rief Parchomenko und hob seinen Kelch.
„Nu, was, — so soll es fünfhundert heißen!“ der Börsianer verschluckte sich fast vor Entzücken; sein Gesicht erhielt mit einem Mal einen gierigen und zügellos geilen Ausdruck.
Podgurski blickte ihn an und lächelte.
„Fünfhundert,“ sagte er, „wer mehr? Eins ...“
Opalow, tiefrot und schweißbedeckt, lächelte verwirrt und sinnlos. In seinem Hirn schwankte der wahnsinnige Gedanke: sich von irgend woher das Geld zu leihen. Und wie ein Blitz durchliefen sein Denken gleichzeitig verflechtende Vorstellungen, die sich wie ein Alpdruck auf ihn legten: die Rechnung am nächsten Tage für das Hotelzimmer, das er noch zu bezahlen hatte, die Rückreise nach Moskau und das blasse, vergrämteGesicht seiner Frau. Aber der nackte, herrliche weibliche Körper stand abgerundet und strahlend vor seinen Augen.
Irgendwie ... später bekomme ich es ... dachte er, nahe daran, jeden Halt zu verlieren; aber doch war er sich noch ganz klar, daß er an keiner Stelle Geld bekommen könnte, daß er nach Hause fahren müsse, daß er es doch nicht wagen wird. Und ein erbärmliches, erniedrigendes Lächeln verzerrte sein hübsches, feines Gesicht.
Die Auktion dauerte fort. Die ungewöhnliche Umgebung, das halbnackte Weib, offen zum Verkauf ausgestellt, wie auf einem orientalischen Markt, all dies erregte die Männer bis zur äußersten, fast gefährlichen Spannung. Man konnte glauben, daß sie, abgesehen von diesem Weib, überhaupt noch kein nacktes Weib jemals früher gesehen hätten. Mishujew merkte, daß selbst er sich dem Einfluß nicht entziehen konnte. Seine breiten Nüstern blähten sich allmählich auf. Er sah die glühenden Gesichter an, ließ den Blick drohend über den nackten weiblichen Körper gleiten, und ein kurzer Gedanke schwirrte durch seinen Kopf.
Wie wäre es, sie ihnen vor der Nase wegzuschnappen ...?
In seinen Augen leuchteten stechende Funkenauf. Das machtvolle Bewußtsein seiner Kraft berauschte ihn.
„Schneller doch, meine Herren ... Es ist kalt ...“ sagte Emma. Sie schauerte und zuckte die nackten Achseln. Die vollen Brüste schwankten und standen wieder still; die erhitzten Männerkörper traf es wie ein Peitschenhieb.
„Sechshundert!“ winselte Parchomenko voller Entzücken.
Der Börsianer stammelte mit jüdischem Akzent etwas wie eine Entschuldigung.
„Was?“
„Aber das geht doch schon zu weit, meine Herren ... Scherz mag Scherz bleiben, aber Emmachen ...“
„Nicht auf die Emma kommt es mehr an,“ erwiderte Parchomenko, ganz hingerissen, mit den Augen glänzend.
„N—nein ... Auktion ist Auktion!“ sagte Podgurski, „wer bietet mehr? Sechshundert ... wer mehr?“
Etwas eigentümlich Quälendes ging in Mishujew vor: ein dunkles, brutales Verlangen stieg aus der Tiefe empor und trat mit dem Widerwillen und der bewußten Verachtung gegen alles um ihn und auch gegen sich selbst in einen kurzen Kampf. Aber etwas war stärker als die Verachtung.
„Eins! zwei ...!“
Parchomenko sprang auf Emma zu, und sie machte schon eine instinktive, demütige Bewegung zu ihm hin.
„Siebenhundert!“ sagte Mishujew leise, und sein düsteres Gesicht wurde durch den finsteren Ausdruck brutaler Gewalt, die sich zur Freiheit losgerissen hatte, verzerrt.
Parchomenko wurde stutzig.
„Eins ... zwei ... drei! verkauft!“ rief Podgurski.
Und plötzlich begann Emma krampfhaft zu lachen. Aber in ihren untermalten Augen zeigten sich Tränen der Verletzung und Scham, die ihr vielleicht selbst unbegreiflich waren.