VII

VII

Am Abend spielte eine Kapelle im Stadtgarten. Die riesige, hellbeleuchtete Muschel auf derBühne war mit Musikanten gefüllt, die sich wie sonderbare Insekten hin und her bewegten. Ganze Reihen schlanker, eleganter Bogen glitten wie die Beinchen von Heupferdchen auf und nieder, und der Kapellmeister, der ebenfalls wie ein Käfer auf den Hinterbeinen aussah, schien seine Schwingen bald ineinander zu schlagen und sie dann wieder breit zu entfalten. Süß pfiffen die Flöten, die Geigen schrien auf und stoben auseinander, schließlich rundete einsam eine ernste, traurige Trompete die letzten schönen, samtenen Töne ab.

Durch alle Alleen ergossen sich — scheinbar unerschöpflich — lärmende Menschenhaufen. In der Luft lagen ununterbrochen die Geräusche, die das Scharren unzähliger Füße hervorruft, die Gespräche schwollen bald wie eine Welle an und wurden stärker, bald aber ebbten sie unvermutet ab und verliefen sich irgendwo in der Tiefe der dunklen Alleen, um sofort wieder in einen breiten Wildbach von Lachen, Ausrufen und klingenden Schaumkronen weiblicher Stimmen zurückzuschlagen.

Lachende Gesichter glitten eigenartig, phantastisch in trübem Spiel des bläulichen elektrischen Lichtes, aneinander vorüber; plötzlich entstanden sie, verwickelten sich, schoben sich zusammen und trennten sich, wie in der komplizierten Figureines ungewöhnlichen Tanzes. Und von oben bedeckte der Samt des nächtlichen Himmels, schweigsam und feierlich, mit seinen hellen südlichen Sternen die Erde.

Das Fest schimmerte voller Leben, in sorgloser Fröhlichkeit; nur Mishujew kam es vor, als wäre er in dieser festlichen Menge einzig ein düsterer Fleck, ein Siegeldruck der Einsamkeit und Nutzlosigkeit.

An diesem Tage war Maria Sergejewna, die in einem neuen blauen Kleid besonders reizend aussah, wieder in Gesellschaft Parchomenkos ausgefahren. Den ganzen Tag hindurch fühlte Mishujew, wie trübe Unruhe gleich einem schwarzen Schatten über ihm hing. In der letzten Zeit wurde die junge Frau etwas zu interessant und lustig; Mishujew wußte, daß Parchomenko hinter seinem Rücken mit unablässiger Beharrlichkeit hinter ihr her war. Er konnte sich leicht vorstellen, wie geschickt, frech und selbstsicher Parchomenko sein schmutziges Spiel treiben und die Kreise immer enger ziehen würde. Die junge Frau aber war von den ununterbrochenen Freuden des neuen Lebens, in dem sie, nach so vielen Jahren der Dürftigkeit und Langweile, wie in einem plötzlich aufgewirbelten Strudel umhergeschleudert wurde, hingerissen und tanzte gar zu sorgenlos den gefährlichen Tanz über dem Abgrund.Selbst ihre Kostüme, in denen sie die Bescheidenheit einer anständigen Frau sehr geschickt mit pikanten Andeutungen auf die Entblößungen einer Kokotte vereinigte, sprachen deutlich für die taumelnde Erregung, die die allgemeine Jagd nach ihrem Körper, der in voller Pracht geschmückt und aufgeblüht war, hervorrief.

Sie selbst dachte wohl kaum darüber nach, aber Mishujew wußte, daß es in solchem Zustand nur irgend eines Zufalls bedurfte — einer Mondnacht, einer kecken Zudringlichkeit, eines nicht erwarteten, leichtsinnigen Kusses, — und die junge Frau würde erst wieder zur Besinnung kommen, wenn alles zu Ende war.

Mishujew schien die Vorstellung sinnlos und unsäglich schmerzlich, daß sich Maria Sergejewna einem Manne hingeben könnte, für den sie nichts als ein gelungenes Werkzeug zur Aufpeitschung seiner übermüdeten Sinne bedeutete. Das war zu ekelhaft und paßte durchaus nicht zu ihrem reizenden Bilde. Manchmal hielt er einen solchen platten Vorgang für ganz undenkbar. Sie war schön, klug, gebildet und hatte zwei Männer geliebt, die über dem Durchschnitt standen. Nach ihnen konnte ein Verhältnis mit diesem Halbtier, diesem Halbidioten, diesem Parchomenko, nur eine unbegreifliche Gemeinheit sein.

Aber manchmal kam ihm der qualvolle Gedanke:

Wodurch bin ich denn besser als er? ... Gut, zugegeben, ich sei intelligenter und feinfühliger. Aber gab ich ihr denn, als ich mich mit ihr vereinigte, meine Intelligenz und meine Qualen, und nicht nur die gleiche tierische Lüsternheit? Als wäre für mich nicht im letzten Grunde wirklich nur ihre Seele und nicht ihr schöner nackter Körper Bedürfnis gewesen. Und Parchomenko? ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß er fähig wäre oder es auch nur wagte, eine Frau zu besitzen, die unendlich höher steht als er. Aber ich selbst — dort war es, im Garten — quälte diese unglückliche Emma, tötete in ihr den letzten Rest menschlicher Würde, zerfleischte sie wie ein Tier, ohne mich im geringsten darum zu kümmern, was sie im Augenblick gerade denken und fühlen mochte. Wenn ich sogar gewußt hätte, daß sie ein viel feineres Gedanken- und Gefühlsleben besitzt als ich, würde ich es dann anders gemacht haben? ... So wird auch dieser ... Wenn sie, durch Zufall oder Gewalt die Seine wird, so wird er ihren Körper wie jeden anderen an sich pressen, und die Tatsache, daß sie höher steht als er, wird seinen Genuß höchstens noch steigern.

Einst hatte sie ihren Gatten lieb, der doch unendlich intelligenter und feiner veranlagt warals ich; dann gab sie sich mir hin, weil ich ihr Luxus und Vergnügen verschaffte. Ich habe sie durch die Aussicht auf ein neues Leben fortgerissen, Parchomenko erreicht dasselbe durch seine Frechheit, seinen Despotismus, ... durch irgend etwas sonst noch ... Zu mir war sie ohne Liebe gekommen, nur weil ich reich bin ... sie kam wie das gemeinste Frauenzimmer, ja, es war noch schlimmer, weil sie ihre Verkäuflichkeit hinter einer angeblichen Liebschaft versteckte ... Diese Gemeinheit!

Es war schmerzlich, daran zu denken; so schmerzlich, als ob er sich selbst durch ihre Erniedrigung in den Schmutz trat. Und doch lag in diesen zusammenhanglosen, erdrückenden Visionen ein bohrender Genuß, als träufelte er sich ätzendes Gift auf eine blutende Wunde.

Mishujew schlenderte durch die Menge, die sich von allen Seiten drängte und ihn mit dem Duft von Parfüms und weiblichen Körpern, mit dem Knistern seidener Röcke, umwehte. Er ging langsam vorwärts, blickte mit achtlosen Augen auf seine Füße, und seine kranke Seele stieß sich in dem erfolglosen Streben nach etwas wund, was er sich selbst nicht nennen konnte.

In einer Allee begegnete er dem alten General und seiner Tochter, der kleinen Njurotschka, die so silberhell lachte, den Kopf zurückwarf unddabei das niedliche Kinn zeigte. Sie sah Mishujew schon von weitem, wurde still und warf ihm einen komischen Seitenblick, in dem eine unbewußte, schüchterne Aufforderung lag, zu. Ein erfrischender Zug wehte Mishujew aus diesem blutjungen, reinen Gesichtchen entgegen; doch er zog sich in sich zusammen, lüftete schwer den Hut und ging weiter.

Einige Tage vorher hatte sich der General ein Herz gefaßt und ihn um seine Hilfe gebeten, damit er das Mädchen auf die Universität nach Moskau schicken könne. Fjodor Iwanowitsch hatte es versprochen. Anfangs freute es ihn sogar; ihm schien es ganz reizend, dem niedlichen Mädchen zu helfen; bald aber entstand wieder in dem Tumult seiner Seele ein krankhafter Verdacht: vielleicht bot der General ihm, dem Millionär, seine Tochter an, und gewiß war es undenkbar, daß sie davon nichts wissen sollte. Mishujew sah klar vor Augen, wie er dann dem Mädchen in Moskau begegnen würde, und wie sie beide vom ersten Moment an zwischen sich besondere Beziehungen fühlten: sie ist durch seine Wohltat gebunden und er der, welcher auf Dankbarkeit rechnet. Nach kurzem Kampf und Tränen wird sie gewiß das Erlebnis als unvermeidlich hinnehmen und die Geliebte des Millionärs werden. Eigenartig und beißend wird im Anfangder Genuß ihrer Schamhaftigkeit und des jungfräulichen Körpers sein; dann wird sie fesche Kleider anziehen und zur gewöhnlichen Maitresse werden.

So unvermeidlich, so einfach das war; es machte auf Mishujew einen furchtbaren Eindruck.

Aber weshalb? fragte er sich: vielleicht wird es gar nicht dazu kommen, vielleicht werden wir Freunde bleiben oder sie gewinnt mich wirklich lieb und an ihrem unberührten Leben wird auch das meine frisch und gesund? ... Warum erwarte ich nur Gemeinheit, — es gibt doch noch andere Lebensmöglichkeiten ... Menschen leben glücklich und ehrlich ... warum ich nur ... Oder trage ich einen besonderen Krankheitskeim in mir. Alles, was ich nur berühre, muß zu Schmutz und Moder werden? Wie ein Alpdruck! Ich bin krank und töte mich selbst durch solche widerwärtigen Halluzinationen ...

Das Gesicht Mishujews verzerrte sich, als würde sein Herz von einem Messer durchschnitten; mit einem Male wurde es ihm bange, noch weiter inmitten dieser aufregend dummen Menge zu bleiben. Er ging aus dem Garten, trat in ein kleines Restaurant über dem Meer und setzte sich allein an ein Tischchen auf der Veranda.

„Fjodor Iwanowitsch! Warum sitzen Sie so allein?“ rief jemand vom Kai herauf, undder dicke, freche, unsaubere Podgurski kam mit glänzenden, hungrigen Augen und der hervorstechenden Leinwandweste auf ihn zu.

„Guten Tag ... Sie langweilen sich wohl?“

Er setzte sich neben ihn und fragte:

„Na also, Fjodor Iwanowitsch, was wollen wir trinken?“

Mishujew lächelte. In der Gegenwart dieses unglücklichen, frechen Burschen fühlte er sich aus irgend einem Grunde freier. Zu einfach sah bei Podgurski der gefräßige Wunsch zum Buschkleppen hervor. Er lag ganz natürlich und offen in ihm. Aber trotzdem konnte man herausmerken, daß gerade seine Beziehungen zu Mishujew nicht davon abhingen, ob dieser Geld geben würde oder nicht.

Podgurski sah sofort, daß sich Mishujew langweile, und in seinem Gesicht spiegelte sich der treuherzige Wunsch wider, ihn aufzuheitern, damit es überhaupt um ihn fröhlicher würde.

„Wissen Sie das Neueste? Opalow hat gestern bei Parchomenko dreizehnhundert Rubel gewonnen!“

„Wirklich?“ Mishujew gab sich mit gutmütiger Liebenswürdigkeit den Anschein, als ob es ihn sehr interessierte.

„Ja, und wissen Sie, was er zuerst getan hat? ... Hat sofort die Emma beim Kragen genommenund sie irgendwohin geschleppt, und so eilig, daß er sogar seine Krawatte liegen ließ ... Das muß eine Wonne gewesen sein.“

„Nicht viel brauchte er wohl, um in Wonne zu leben!“ lächelte Mishujew.

„Für Sie mag das nicht viel sein, aber für Opalow, dessen Weib in einem Flanellschlafrock herumläuft und alle drei Monate schwanger wird, der eine Fünfundzwanzigrubel-Kokotte aus dem Elysium für den Gipfel weiblichen Reizes hält, für ihn ist es eine neue Welt — von Parfüms, Spitzen, Luxus, gepflegtem Körper, verfeinerter Wollust! Oh!“

Mit verächtlicher Gutmütigkeit dachte Mishujew, daß das für einen so armen Kerl wie Opalow wirklich ein Glück sei; in ihm regte sich fast etwas wie Neid.

„Wissen Sie was? ...“ Podgurski wurde plötzlich lebhaft: „fahren wir ins Kasino?“

„Was sollen wir dort anfangen?“

„Wie, was? spielen!“ rief Podgurski mit einer Stimme, als hätte er Mishujew etwas äußerst Erfreuliches mitgeteilt.

„Aber, wozu ...“ gab Mishujew matt zur Antwort. „Zu langweilig.“

„Na, dann fahren wir zu Emma herunter — wollen sehen, wie Opalow in Wonne schwelgt!“

Mishujew antwortete nichts, und Podgurski,der sofort die Ablehnung erriet, machte einen neuen Ansatz:

„Wie kann ich es Ihnen recht machen!“ er rieb sich mit besorgter Miene die Stirn. „Wissen Sie was? Wenn Sie wollen, führe ich Sie in so ein Haus ... Sie verstehen — nur Mädchen unter dreizehn Jahren ... Und es gibt welche, die noch nach dem Kinderzimmer riechen ...“

Podgurski küßte seine aneinander gelegten Fingerspitzen.

„Es wurde schon an die drei Mal aufgehoben. Jetzt sind sie da wohl etwas eingeschüchtert, aber wenn man es auf ein paar Hundert nicht ankommen läßt, kann man da Dinger sehen, wie man sie selbst in Paris nicht immer trifft! Fahren wir doch! ... Warum denn nicht?“

„N—ein, wirklich ...“ Mishujew machte eine Grimasse des Widerwillens.

„Warum?“

„So.“

Podgurski sah ihm prüfend in die Augen.

„Ach, das sind Grundsätze!“ lächelte er unverfroren. „Und ich habe bisher immer geglaubt, Millionäre leiden nicht an so was!“

„Können Sie denn Millionären nicht einmal das primitivste Reinlichkeitsgefühl zubilligen?“ fragte Mishujew ernster als er wollte und lächeltemit verzerrten Mienen, als wäre eine seiner Backen in einem Krampf zusammengezogen.

Podgurski blickte ihn aufmerksam an und wechselte plötzlich das Thema. Er begann Witze zu erzählen, sich über Parchomenko und das Jaltaer Publikum lustig zu machen; unvermittelt bat er dann um hundert Rubel.

Mishujew griff mechanisch in die Tasche und gab ihm das Geld, während er an etwas anderes dachte. Als er die Geldtasche öffnete, durchbohrte Podgurski mit scharfen Blicken die buntfarbigen Ränder der Geldscheine, die daraus hervorlugten, und als Mishujew die Tasche auf den Tisch legte, konnte er seine Augen nicht gleich von ihr abwenden.

„Eins kann ich nicht verstehen! ...“ sagte Mishujew langsam, wie zur Antwort auf seine eigenen Gedanken.

„Was?“

Mishujew antwortete nicht gleich und blickte mit einem betrübten Ausdruck zur Seite, als wagte er es nicht, etwas Wichtiges und Schwieriges auszusprechen.

„Sehen Sie,“ er stotterte und blickte noch immer nicht auf, „worauf ich auch zu sprechen komme, was ich auch tun mag, niemand sieht es mit denselben Augen an wie bei einem anderen ... Niemand sagt es mir, daß meine Gedanken, meineGefühle falsch sind, sondern alle meinen: der Millionär ... die Millionen ... Wenn Sie wüßten, wie das ... langweilig ist!“

Mishujew verzog sein Gesicht zu einem ungeschickten Lächeln; an ihm zeigte sich, daß er statt „langweilig“ eigentlich ein stärkeres und ernsteres Wort brauchen wollte.

Podgurski sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Er hatte das Gespräch von neulich längst vergessen und konnte nicht verstehen, was Mishujew damit sagen wollte.

Schließlich wird Tschetyrjow wohl recht behalten! dachte er gespannt: es reißt ihn offenbar ordentlich zusammen! ... Ein Dummkopf ist er trotzdem ... wird am eigenen Fett ersticken!

„Etwas Anormales ist doch bei all dem,“ fuhr Mishujew mit trauriger, krankhafter Miene fort. „Warum betrachten Sie einen Tschetyrjow z. B., der hundertmal so viel verdient wie Sie, ganz gleichgültig, während ...“

„Hm, Tschetyrjow ...“ erwiderte Podgurski, „wieviel der auch verdient, er verdient alles durch seinen eigenen Buckel. Solange die Kräfte reichen, arbeitet er, wird er krank, kommt er aus der Mode, wird aus ihm dasselbe, was mit mir geworden ist ... Und was für einen Verdienst hat er schon ... Sein Leben unterscheidet sich nur sehr wenig von meinem. Aber ein Millionär —das ist etwas ganz anderes. Eine andere Lebenshaltung, andere Möglichkeiten ... Seine Stellung ist schon ganz Besonderes und auch alle Beziehungen zu ihm — einfach Ausnahmebeziehungen. Im Grunde begreife ich nicht, was Sie so quält?“

„Nicht gerade quält, nur ... aufregt,“ erwiderte Mishujew. Mit einem Mal empfand er unangenehm, daß seine Herzensergießung einen zu ernsten Charakter angenommen hatte; er schämte sich, Podgurski gegenüber so offen zu sein.

Podgurski schwieg still und wartete interessiert.

„Mich regt diese Sonderstellung meiner Person in der Gesellschaft auf,“ fuhr Mishujew gegen seinen Willen fort; er konnte dem erwartungsvollen Schweigen Podgurskis nicht widerstehen. „Kann man denn wirklich nicht zugeben, daß ich ganz ebensolch ein Mensch bin, wie alle anderen, daß ich ebenso denke, ebenso fühle ...“

„Ich meine es anders,“ lächelte Podgurski, „wie Sie wollen, aber Geld ist eine große Macht. Und Sie können es auch gar nicht unausgenützt lassen; jeder lebt eben davon, was er hat. In Fällen, wo wir anderen nur mit unseremIchrechnen, mit seinen guten oder schlechten Eigenschaften, führen Sie unwillkürlich Ihr Geld insFeld ... das weiß jeder Mensch. Was uns betrifft z. B. ... Ich spucke darauf, aber dennoch fühle ich, daß Sie nicht ich, nicht Opalow, nicht Tschetyrjow sind ... Vielleicht tun Sie mir nichts, nicht Böses noch Gutes, aber doch Sie können es tun. Und ... weiß es der Teufel! Das stört ganz entschieden. Ich habe es soeben erst gesagt, ich möchte auf Ihre Millionen am liebsten spucken, und doch aufrichtig, ich habe mich gleich dabei im Ton vergriffen ...“ Podgurski lächelte treuherzig und machte eine schicksalsergebene Bewegung mit den Händen.

Mishujew nickte ihm zu. Er blickte ihn jetzt gerade an und schien mit Spannung auf etwas zu warten.

„Was Sie auch wollen,“ sprach Podgurski fast verdrießlich weiter. „Ich kann doch nicht vergessen, daß Sie Millionär sind, daß Sie von Genüssen und Möglichkeiten leben und lebten, die ich nicht im Traum gesehen habe; daß Sie mir auf den Tisch tausend Rubel legen könnten. Sie können es aber auch nicht tun und können mir im Gegenteil irgend etwas einbrocken. Nehmen wir bloß Parchomenko ...“

„Ich spreche doch nicht von Parchomenko!“ versetzte Mishujew mit einer Betonung, die ihn von diesem Namen scharf trennen sollte.

„Aber für uns sind Sie beide ganz egal!“ riefPodgurski mit treuherzigem, überzeugendem Eifer. „Wir wissen doch nicht, wie Sie denken, wie Sie fühlen!“

Er verstummte für eine Sekunde und schien etwas gefunden zu haben.

„Hier, es regt Sie auf, daß alle Sie anders ansehen ... Aber Sie selbst, Fjodor Iwanowitsch, tun Sie doch einmal was, um uns ihre wahre Seele zu zeigen — nicht die des Millionärs, nein, einfach die Mishujews? Es ist Ihnen doch selbst unmöglich, nur für eine Sekunde aus dem Auge zu verlieren, daß Sie Millionär sind! Statt sich gute Beziehungen zu anderen Menschen zu verdienen, sie durch irgend etwas hervorzurufen, regen Sie sich auf, fordern Sie diese Beziehungen ... So sei unser souveräner Wunsch! ... Das ist doch auch ...“

„Mir scheint, ich gebe mich eher zu einfach,“ versetzte Mishujew hitzig.

Podgurski zuckte nur die Achseln.

„Das sagen Sie, ‚zu‘. Für mich gäbe es darin kein ‚zu‘, wenn ich mich einmal zusammennehme und alles, was mich quälte, Opalow erzählte. Aber Sie sehen da gleich ein, ‚zu‘. Ihnen kommt es vor, als lassen Sie sich herab, indem Sie mit mir offen reden. Sie schämen sich wohl gar Ihrer Offenheit? Ist doch wahr, nicht?“

Der Ton Podgurskis wurde dreist, und unbegreifliche Gehässigkeit klang jetzt heraus.

„Sie merken es vielleicht selbst gar nicht!“ sagte er triumphierend.

„Da sehen Sie es,“ erwiderte Mishujew ernst und schob die breiten Achseln in die Höhe. „Bei jedem andern hätten Sie das gar nicht bemerkt, mir aber können Sie es nicht verzeihen ... Sie hören mir zu und denken sicherlich, daß ich posiere oder mir in origineller Dummheit gefalle ... werde am eigenen Fett ersticken ...“

Podgurski wurde unwillkürlich verwirrt und lachte.

„Das kann ich nicht bestreiten. Etwas wird wohl daran sein ...“

„Ja,“ Mishujew nickte traurig mit dem Kopf, „Sie wollen nicht einsehen, daß ich von ganzem Herzen froh bin, mit Ihnen zu reden, weil es mir vorkommt, daß gerade Ihr Benehmen, — wie es auch sei, ob gut oder schlecht —, von meinen Millionen unabhängig ...“

„Das glaube ich auch!“ Podgurski verbrauchte gegen seinen Willen in diesen Worten zu viel Edelmut.

Sofort verstummten beide, weil sie den falschen Ton heraushörten. Mishujew wurde finster, ohnmächtig; Podgurski ärgerlich.

„Einfach verrückt!“ dachte der, und derfalsche Ton empörte ihn nicht mehr seinetwegen, sondern machte ihn auf Mishujew wütend.

Durch das geöffnete Fenster war die dunkle, wogende See sichtbar; vom Ufer klangen dumpfe Hufschläge und ferne Musik herauf. Podgurski fühlte, daß er sofort weitersprechen müßte, fand aber im Augenblick keine Worte. Das Schweigen dauerte an, es wurde immer schwerer, das Gespräch wieder aufzunehmen. Gleichsam als wäre etwas vollständig abgerissen. Ihre Stimmung wurde so schwerfällig, wie wenn etwas, woran es ihrer Seele ohnehin mangelt, nutzlos und unsinnig vergeudet worden wäre. Mishujew seufzte schwer und bewegte die schweren Arme, die er auf der Tischplatte gekreuzt hielt.

„Nun, ich werde gehen ...“ sagte er.

„Wohin? Bleiben Sie noch.“

„Nein, ich habe Kopfschmerzen. Auf Wiedersehen!“

Podgurski zuckte unmerklich verdrossen die Achseln.

Uff, Teufel, wie schwerfällig der Kerl ist, dachte er.

In diesem Augenblick sah er das Portefeuille mit Geld, das Mishujew auf dem Tisch vergessen hatte. Er wollte ihn rufen, aber etwas hielt ihn zurück.

Mishujew trat auf die Straße hinaus undschlenderte langsam dem Park zu. Etwas Eigentümliches war in seinem Gedächtnis zurückgeblieben und machte ihn unruhig: war es das schwere, mißlungene Gespräch mit irgend einem geriebenen Burschen oder eine huschende Bewegung hinter seinem Rücken als er aus dem Restaurant trat?

Was war es doch?

Plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Portefeuille vergessen hatte. Noch bevor es ihm ganz zu Bewußtsein kam, fühlte er, daß etwas Scheußliches geschehen war. Ein trüber Gedanke kam ihm, eine Weile versuchte er schneller zu gehen, aber dann setzte sich in ihm der Gedanke fest, daß Podgurski das Geld stehlen werde. Das war ihm peinlich. Er machte Kehrt und trat wieder ins Restaurant ein.

Podgurski stieß beinahe mit ihm zusammen. Ein Blick auf sein etwas verwirrtes und doch freches Gesicht, dessen Augen feindselig zur Verteidigung bereit waren, genügte, um den Verdacht Mishujews zu bestätigen.

Eine Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann sprach Mishujew ungeschickt:

„Ich habe mein Portefeuille liegen lassen.“

Podgurski zwinkerte mit den Augen, riß die Lider hoch, sein ganzer Körper geriet in Bewegung,als wäre er sofort bereit, sich ins Suchen zu stürzen.

„Wirklich? Ich habe es nicht gesehen. Kellner!“

„Nicht nötig ...“ erwiderte Mishujew leise.

„Warum nicht nötig ... es muß sich doch finden ...“ Podgurski geriet in nervöse Hast; sein Gesicht bekam das Aussehen eines gefangenen Fuchses, der doch noch in jedem Augenblick zuschnappen will.

Mishujew sah ihm fest in die Augen.

„Für mich macht es doch nicht viel aus ...“ sagte er unsicher.

Er wünschte nur, Podgurski möge begreifen, daß er ihm wegen dieses verfluchten Geldes nicht zürnen würde, und es ihm offen gestehen.

Aber das Gesicht Podgurskis wurde noch wütender, sogar seine Zähne kamen, wie zum Beißen bereit, zum Vorschein.

„Was wollen Sie damit sagen? ... Ich sag Ihnen doch, ich habe nichts gesehen! ...“

Mishujew überflog ihn mit einem kurzen Blick, lächelte knapp und ging plötzlich mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.


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