V
Spät abends kam Schischmarjow zu Lande. Der kleine Student mit den hastigen Bewegungen und der scharfen Stimme war von dem Entschluß Landes, sein Geld fortzugeben, vollständig hingerissen. Aber er hatte ein ganz eigentümliches Gefühl: das, was Lande tun wollte, entzückte und rührte ihn, er empfand eine ungewöhnliche Erhebung, aber zur gleichen Zeit war es ihm peinlich, als ob er selbst etwas schlechtes beging. Vergebens suchte er sich damit zu beruhigen, daß er nichts mit Landes Entschluß zu tun hätte; er konnte die peinliche Stimmung nicht überwinden. Er trat eilig ins Zimmer ein, drückte Lande die Hand und sagte, während er es vermied, ihm gerade in die Augen zu sehen:
„Nun, hier bin ich ...“
Lande öffnete sofort die Tischlade und nahmdas Geld heraus — vier Pakete lange, schöne Scheine, die unter seinen dünnen Fingern trocken raschelten.
„Ich wollte dir sagen ...“ begann Schischmarjow plötzlich, als ob er von hinten einen Stoß bekäme, mit erzwungener Stimme. „Vielleicht gibst du nicht alles? ...“
Lande erwiderte einfach, als ob er an etwas anderes dachte: „Das bleibt sich gleich; wenn schon, dann Alles.“ Er überlegte, schwieg eine Weile und fügte hinzu: „Ljonja, ich werde nicht mit dir gehen, verteile es selbst; ich werde dir sagen, warum: Mutter ist furchtbar böse auf mich, wegen dieses Geldes ... ich muß sie beruhigen, mit ihr sprechen ...“
Schischmarjow nahm unschlüssig das Geld.
„Siehst du, auch deine Mutter ist unzufrieden ...“
Über Landes Gesicht zog ein blasses aber festes Lächeln.
„In solchen Fällen darf man nicht an eine Mutter denken!“ sagte er ernst.
Schischmarjow rührte sich immer noch nicht; er fühlte sich immer peinlicher.
„Ich weiß wirklich nicht ...“ meinte er. „Wie soll ich denn allein ...“
Lande lächelte wieder; jetzt hell und zärtlich.
„Irgendwie ...“ er machte eine gleichgültige Handbewegung.
„Dein Herz wird dir schon sagen. Und es ist ja auch weiß Gott keine schwierige Aufgabe.“
„Na, wie du willst!“ Schischmarjow willigte ebenso unentschlossen ein und nahm seine Mütze. Auf einmal tat ihm Lande so leid, daß ihm fast die Tränen kamen. Im Zimmer war es etwas ungemütlich, leer, man hatte den Eindruck mönchischer Einsamkeit. Lande sah krank und trübe aus. Gegen seinen Willen fand Schischmarjow seltsam und unbegreiflich, daß ein Mensch, der eine so gute, große Tat vollbrachte, nicht Freude und Stolz in seinen Mienen zeigte.
„Er ist ein sonderbarer Mensch!“ dachte Schischmarjow, und dieser Gedanke schwächte in ihm, fast unmerklich für ihn selbst, das Gefühl für Lande und dessen Tat ab.
„Auf Wiedersehen, mein Lieber!“ sagte Lande.
„Wanja!“ rief hinter der Tür die zitternde Stimme der Mutter.
Ein schmerzlicher Zug strich um Landes Lippen.
„Geh, Lieber!“ sagte er leise, aber fest zu Schischmarjow.
Schischmarjow stand verlegen da. DasGeld brannte ihm in der Hand, als wenn es gestohlen wäre.
„Du mußt das einfach lassen!“ sagte er mit einem leichten Unterton trüben, unangenehmen Ärgers.
Lande schüttelte den Kopf.
„Nein,“ sagte er, „es muß getan werden. Dort ist entsetzliche Not, Kummer ... Der Mutter scheint nur, daß sie leidet ... Ich mußte doch so wie so dieses Geld für mich verwenden.“
Landes Mutter trat ein. Ihr weiches, von Trauer und Gutmütigkeit durchschienenes, altes Gesicht sah jetzt aufgeregt und böse aus. Sie atmete schwer und häufig, so daß ihr Atmen in dem ganzen Zimmer hörbar war.
Lande ging ihr rasch entgegen, nahm ihre beiden Hände und legte sie auf seine Brust.
„Mama ...“ sagte er, ihr flehend in die Augen blickend. „Nicht doch!“
Schischmarjow verbeugte sich linkisch.
Die Mutter riß ihre Hände los.
„Was nicht?“ begann sie mit schroffer und lauter Stimme, der man anhören konnte, wie viel sie geschrieen und geweint hatte. „Du hast kein Recht dazu! Der Vater hat nicht sein ganzes Leben lang für irgendwelche Bettler gearbeitet! Du Dummkopf!“
„Geh, Ljonja!“ sagte Lande traurig zu Schischmarjow.
Die Mutter sprang erregt auf und stellte sich in den Weg, obgleich sich Schischmarjow noch gar nicht vom Fleck gerührt hatte. Ihre grauen Haare zerzausten sich auf ihrer Stirn. Gierige Angst lugte aus den rund gewordenen, fast wahnsinnigen Augen.
„Sie verleiten ihn dazu!“ schrie sie wütend. „Wie unterstehen Sie sich! Ich werde Sie anzeigen. Das ist Plünderung ... Sie haben sich schon gefreut!“ ...
„Ich ...“ stotterte Schischmarjow verwirrt und verletzt.
„Geben Sie das Geld her!“ kreischte die Greisin auf und riß rasch das Geld mit gekrümmten Fingern, die mit einem Mal knochig und hakenartig, wie Krallen aussahen, aus Schischmarjows Hand.
Auf dem Gesicht des kleinen Studenten zeigte sich wütende Empörung. „So nehmen Sie es doch,“ brüllte er, die Fäuste ballend, so laut, daß man es auf der Straße hören konnte.
Im Augenblick wurde es still. Die Greisin sah ihn mit offenen, erschreckten Augen an. Schischmarjow wandte sich zu Lande hin, bewegte die Lippen, rang nach Atem; ein Krampf verzerrte sein linkes Auge und die eine Backe.
„So geht’s denn doch nicht,“ sagte er mit Mühe. „Adieu ... ich gehe!“
„Geh, Ljonja ...“ antwortete ihm Lande ebenso traurig. „Sei mir nicht böse!“
Schischmarjow machte eine Bewegung, setzte eine ratlose Miene auf, als ob er noch etwas hinzufügen wollte, sagte aber nichts und ging fort. Im Zimmer wurde es still. Die Mutter Landes hielt die Hand mit dem festgepreßten Geld tief in der Tasche; und Lande sah sie traurig und sanftmütig mit offenen Augen an. Sie waren zu zweit in dem kleinen Zimmer, aber jeder fühlte sich, als ob er nur allein wäre.
„Schlage dir gefälligst diese Dummheit aus dem Kopf!“ sprach endlich die Mutter mit verkniffener Stimme.
„Es ist keine Dummheit ...“ Lande schüttelte den Kopf.
„Wem willst du damit imponieren?“ fuhr die Mutter spöttisch fort. „Schämst du dich nicht? Wozu hast du es gebracht!“ Ihre Worte klangen plötzlich weinerlich; gleich nahm sie auch die Hand aus der Tasche und fing an, zu weinen.
Lande schwieg, bitter die Hände ineinander gefaltet. Im Zimmer war es dunkel und grämlich.
„Du wirst mir später selbst einmal danken!“ sagte die Mutter leise.
„Ich weiß nicht. Höre, Mama, wenn du mir nicht das Geld gibst, werde ich es nicht von dir verlangen. Mag es für dich bleiben ...“
Die Mutter fühlte sich gekränkt und beleidigt. „Wie du das nur sagen kannst!“ rief sie mit Tränen der Entrüstung, während sie vorwurfsvoll die Hände ineinander schlug. „Will ich es denn für mich? ... Wozu brauche ich es denn! ... Für mich ist die Zeit zu sterben ... Was du da sprichst, überlege nur!“
Lande schwieg. Dann erst sagte er: „Ich weiß. Doch nicht das will ich sagen. Ich liebe Sie ja, Mama, ich liebe Sie herzlich. Aber Sie glauben, daß Sie mich vor dem Untergang bewahren, indem Sie mir dieses Geld zurückhalten; und ich glaube, daß Sie mich dadurch zugrunde richten. Meinen Sie denn wirklich, daß ich das Geld jemals für mich behalten werde? Ich würde es doch fortgeben, ganz gleich, ob diesen Leuten oder anderen, wenn ich es eben meinem Gefühl nach tuen müßte ... Und daher ...“
„Du bist am Ende ganz verrückt?“ rief die Mutter entrüstet. „Und wovon würdest du leben?“
„Irgendwie schlage ich mich schon durch;darüber braucht man nicht nachzudenken!“ sagte Lande überzeugt.
„Du willst mir wohl ewig auf der Tasche liegen?“ fragte sie giftig.
„Nein, ich werde von Ihnen fortgehen. Es ist für uns schwer, zusammen zu leben, es geht nicht gut: Sie werden mich nicht so leben lassen, wie ich möchte; und ich werde Sie quälen ... Lieber will ich allein leben.“
Die Mutter riß die Augen auf; das Blut schwand langsam aus ihrem Gesicht.
„Wanja ... was sprichst du!“ stammelte sie entsetzt.
Lande seufzte still, kam auf sie zu, sank in die Kniee und fing an, ihre tränennasse Hand zu küssen. Sie blickte auf seinen Kopf mit den weichen, schwachen Haaren, und fühlte, wie ein unüberwindliches Unglück auf sie heranrückte.
„Weine nicht, Mutter, du teure! ... So wird es besser sein ...“ sprach Lande kaum vernehmbar mit schwacher, zitternder Stimme.