XI

XI

Maria Sergejewna stand in der Mitte ihres Badezimmers, in dessen weißen und grauen Fliesen sich das elektrische Licht brach und spiegelte, und ein kräftiges Kammermädchen rieb sie stark und geschickt mit einem nassen Schwamm ab. Der nackte, feuchte Körper glänzte in dem Licht, und bei jeder Anstrengung des Mädchens gab das schlanke, elastische Figürchen Maria Sergejewnas langsam nach und richtete sich wieder auf. Die abgerundeten Brüste zitterten undschwankten, ihr stolzes Köpfchen richtete sich bald auf, bald sank es mit der schweren, auf den Rücken herabhängenden Frisur nieder, und man konnte glauben, daß das nackte Weib nur von süßer, physischer Lust bewegt wird.

In Wirklichkeit faßte ihr kleines, in einem Klümpchen zusammengezogenes Herz soviel Trauer, Kummer und qualvolle Ratlosigkeit, daß ihr schien, als müßte sie sterben.

„Vielleicht ist es zu kalt, gnädige Frau?“ fragte die Zofe, sobald sie bemerkte, daß die abfallenden Schultern Maria Sergejewnas leise erschauerten.

„Was?“ Maria Sergejewna erschrak und sah die Zofe mit weit geöffneten, traurigen Augen an.

„Ist das Wasser nicht zu kalt, gnädige Frau?“ wiederholte das Mädchen.

„Nein, ... es geht ...“

Die Zofe tauchte den Schwamm in lauwarmes Wasser und fing wieder, während sie an etwas anderes dachte, an, Maria Sergejewna geschickt und gleichgültig den Rücken zu reiben.

Es peinigte Maria Sergejewna; es war ihr unerträglich, nackt dazustehen und sich waschen zu lassen, während ihr das Herz in Stücke brach. Sie wollte allein bleiben, sich ins Bett werfen und den Kopf in die Kissen pressen. Sich niederlegenund absterben, für immer, nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen.

Aber die dressierte, gleichgültige Dienerschaft, die nur zu Aristokraten in Dienst tritt, und vor der sich Maria Sergejewna immer noch fürchtete, wie arme, einfache Menschen stets aristokratische Dienstboten scheuen, war im Hause und umgab sie vom frühen Morgen an mit neugierig-kalten, fast nachstellenden Augen. Sie wünschte, daß das, was am Tage zuvor geschehen war, verborgen bliebe, es sollte niemand erfahren, daß sie verlassen wurde, daß sie nur eine Maitresse ist, die man ins Gesicht schlägt, daß man sie wie das niedrigste Frauenzimmer durch den Schmutz schleifen konnte.

Von dem Augenblick an, da Mishujew, der nach einer schweren und hoffnungslosen Auseinandersetzung begriff, daß sie das Band zwischen sich zerrissen hatten, abgereist war, sorgte sich Maria Sergejewna mit allen Kräften, daß niemand etwas von dem Vorgefallenen erfahre. Am Dampfer bemühte sie sich, vergnügt auszusehen und zu lächeln; als sie ihre unermeßliche Qual im Herzen nach Hause trug, zwang sie sich, vor dem Diener die Herrin zu spielen; zu Hause strengte sie sich an, alles wie gewöhnlich zu tun, sie fühlte sich als Sklavin dieser gemieteten Leute, die sie nichts angingen.

Als ihr die Zofe höflich meldete, daß das Bad bereit sei, ging sie sofort ins Badezimmer, kleidete sich aus und gab sich, nackt und unglücklich, den unnötigen, schmerzlichen Bemühungen des Mädchens hin.

Schmerzlich zog sich das Herz der kleinen, nackten Frau, die, umgeben von Licht und Wärme, von sanftem Wasser und warmer, dampf- und parfumgesättigter Luft geliebkost, dastand, zusammen. Ein schweres Gefühl der Einsamkeit lag in dem gehätschelten Körper. Ihr schien, daß man sie verspottete.

„Genug, Klawdia, schon gut ...“ sagte sie mit Überwindung; sie fühlte, daß sie im nächsten Augenblick zusammenbrechen müßte.

„Aber die Dusche, gnädige Frau?“ meinte höflich die Zofe, und ohne die Antwort abzuwarten ging sie zu dem emaillierten Hahn, öffnete ihn und fing sorgfältig an, den warmen Regen, der von oben herabfiel, mit der Hand zu prüfen.

Maria Sergejewna, der die Tränen in die Augen kamen, stellte sich unter die Dusche.

Erst als die Zofe ihr einen trockenen, weichen Mantel umhing und sie im Schlafzimmer allein ließ, stürzte sie händeringend mit dem Gesicht auf die Kissen.

Die lange zurückgehaltenen Tränen brachenin einer heißen Welle hervor; sie weinte wie ein Kind, hilflos und still.

Ihr ganzes Leben ging an ihr vorüber, alle Leiden der Vergangenheit und die finstere Zukunft, die grausame Täuschung und das Bewußtsein eines entsetzlichen, nie wieder gutzumachenden Irrtums.

Seitdem sich ihr Leben von Grund auf geändert hatte, und die Gattin eines stillen und zärtlichen Mannes, eine Frau mit einer kleinen, doch sonnigen und einfachen Welt, verschwunden war, um einer unruhig schönen Frau, die in Spitzen, Seide, Diamanten, Prunk und Bequemlichkeit schwelgte, zu weichen, seit diesem Augenblick dachte Maria Sergejewna kein einziges Mal an ihr früheres Leben. Das war etwas Lichtes, Liebes, an dessen Verlust sie sich nicht ohne Schmerz erinnern konnte; der Schmerz aber würde sie endgültig der letzten Rechtfertigung für ihre Handlungsweise beraubt haben.

Es war eine furchtbare Tragödie gewesen, als ihr verlassener Mann, der ihr einst unendlich teuer war, in den letzten Minuten fast an Tränen erstickte und nur noch das eine stammeln konnte: „Mütterchen, Mütterchen ... willst du denn wirklich deinen Jungen verlassen! ... Was werde ich ohne dich tun!“ Ein schwerer chaotischer Kampf zerriß sie, ohne daß sieihn fassen konnte. Das Herz zerbrach vor Mitleid mit dem weinenden erwachsenen Mann, der hilflos und nutzlos naive Worte wiederholte, die sie noch vor kurzem bis zu Tränen gerührt hätten. Als er schluchzend ausrief: „Was werde ich nur allein tun!“ — erinnerte sie sich plötzlich, daß sie sich ihn früher ohne ihre Zärtlichkeit und Pflege gar nicht vorstellen konnte. Im Augenblick sah sie seine Einsamkeit, seine Trauer, seine Armut, während sie Luxus, Pracht und Glück genießen soll. Und eine Minute lang kam ihr ihr Entschluß wie ein Wahnsinn vor.

Sie umarmte und küßte ihren Mann, sie trocknete mit der Hand seine nassen lieben Augen, die von Gram und Tränen entzündet waren. Das Herz sprang zwischen einer neuen farbenreichen Liebe, die ein ungekostetes herrliches Leben verhieß, und dem Zartgefühl und grenzenlosen Mitleid mit diesem weinenden Manne, der hilflos war, wie ein verlassenes Kind.

Maria Sergejewna hatte gefühlt, daß ihre Kräfte schwinden, daß die Träume von einem neuen Leben, die wie ein Märchen glänzten, verblassen und versinken. Um sich zu retten, um nicht alles beiseite zu werfen und zu bleiben, nahm sie sich zusammen und stählte ihr Herz durch eine Grausamkeit, die für sie selbst am schmerzlichsten war.

Als sie fortging und zum letzten Mal das bekannte Zimmer, die bekannte Lampe, das Bett, in dem sie das Glücklichste ihres Lebens genossen hatte, Skizzen, zu denen sie ihrem Manne einst Akt gestanden, die ihren Stolz, einen Teil ihrer Seele bildeten, die ganze vertraute Umgebung mit den Augen überflogen hatte, wurde ihr Herz von unerträglicher Qual durchschnitten. Etwas Entsetzliches heftete sich an dieses Fortgehen, aber sie nahm sich noch einmal, zum letztenmal, zusammen und ging hinaus. Und er weinte nicht mehr, rief sie nicht mehr zurück, sondern holte nur tief Atem und klammerte sich mit der Hand an ihren zurückgelassenen alten Umhang, als wenn er fürchtete, daß ihm auch dieses — das Letzte — noch genommen werden könnte. Diese eine Bewegung war furchtbar gewesen und die Erinnerung daran war nicht drückend, nicht qualvoll, sondern einfach grauenhaft, wie die an ein vollbrachtes Verbrechen.

Um dieses Grauenhafte nicht in jeder Minute vor Augen zu sehen, stürzte sich Maria Sergejewna in ein wirklich wahnwitzig leichtsinniges Leben.

Allmählich vergaß sie das Vergangene, wurde fröhlich, bekam Geschmack am Luxus, gewöhnte sich daran. Theater, Bälle, Toiletten, der Verkehr mit reichen Menschen umschwirrten sie wieein Traum, und sie begann fast zu glauben, daß sie glücklich sei.

Nur selten, wenn sie allein blieb, hörte sie auf, in ihrer Umgebung unterzugehn, dann dachte sie daran, wie irgendwo in der Ferne, mit nagender Trübsal, ein verlassener einsamer Mensch lebte.

— — Wie geht es ihm? Was mag er jetzt tun? — dachte sie, wurde traurig, fühlte sich beschämt, und lief wieder unter Menschen, fuhr irgendwohin, lachte, kokettierte.

Jetzt aber war der Flitter wie Staub abgefallen, und klaffende Leere zeigte sich darunter. Sie wurde ratlos, und in ihrem armen Köpfchen wogte alles durcheinander, wohin gehen, was tun, an was das Herz hängen — alles war vorbei. Allein eine Maitresse war verlassen zurückgeblieben, eine Frau ohne Namen, ohne Anspruch auf Achtung. Sie hatte aufgehört, ein Mensch zu sein, und wurde zu einem Ding, einem Lappen, den man abgenutzt auf die Straße werfen konnte.

Und mit Schauer des Entsetzens fühlte sie, daß es kein Zurück mehr gab, daß sie nicht wieder so leben konnte, wie sie früher gelebt hatte. Daß sie auf einem goldenen Wege stand und ihn weiter gehen mußte. Wohin?

— — Das ist die Vergeltung, die Vergeltung... — stammelte Maria Sergejewna mechanisch.

Auf dem Tischchen neben dem Bett lag das Geld, das ihr Mishujew zurückgelassen hatte, und mit Entsetzen sah sie es an, während sie wie ein eingesperrtes Tier die Kissen mit den verzerrten feinen Fingern zerkratzte.


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