XIII
Die Nacht war heiß, drückend, voll sonderbarer, unruhiger Träume, voll erhitzten, unbefriedigten Blutes. Erst beim Tagesgrauen fiel Marja Nikolajewna in einen ruhigen, weichenSchlaf, erwachte aber früh, am sonnigen Morgen. Ein ganzer Strom lichter, frischer Luft drang zum Fenster herein und erfüllte das Zimmer mit dem unendlich leichten, blendenden Licht des freudigen Morgens.
Die Kissen waren zerknüllt, das Laken hing zum Boden herunter, das Hemd war von den Schultern geglitten, zeigte die zarten, weichen Füße, wand sich eng an den runden und feinen Körper, der es wie weiße Wellen trug. Die schwarzen Haare waren auseinander gefallen, die Arme hatte sie in einer wonnigen, geschmeidigen Bewegung hinter den Kopf verschränkt, ihre Augen blickten freudig, fragend; eine gewisse undeutliche und doch bestimmte Erwartung lebte in ihrer dunklen Tiefe.
Sie schämte sich dessen und fand es doch gleichzeitig eigenartig und äußerst interessant, was sich gestern im Garten abgespielt hatte. Die rosigen Zehen an ihren kleinen vollen Füßchen spreizten sich leise; darin, daß es die einzige, kaum merkliche Bewegung des von der Erinnerung gespannten, geschmeidigen Körpers war, lag ein trotziger, selbständiger Zug.
Sie senkte langsam den Blick, ließ ihn über den ganzen Körper gleiten; ihr Herz schlug plötzlich angenehm und bange; sie schauerte zusammen, wußte selbst nicht warum, sprang auf, streckte sichgeschmeidig und leidenschaftlich und blieb mit einem einzigen Ruck halbnackt und rosig hochaufgerichtet stehen.
Ssonja, die bei ihr schlief, schlug die Augen auf. Sie lag klein und schmächtig unter der grauen Decke, und sah, ohne sich zu regen, forschend und ernst Marja Nikolajewna an, als ob sie wüßte, was in ihr vorging, aber es erst durchdenken müßte.
Marja Nikolajewna sah ihre weitgeöffneten, strengen Augen, fuhr erschrocken, schmerzhaft zusammen und stürzte sich auch jetzt, ohne zu wissen, warum, auf Ssonja, umschloß den mageren Körper mit ihren vollen, nackten Armen und drückte ihn an ihre elastische Brust.
„Ach, Ssonjka, Ssonjka,“ sagte sie freudig und schamhaft, „wie schön ist es zu leben!“
Ssonja hob den blassen, zerzausten Kopf, überlegte ein Weilchen und sagte dann:
„Ich weiß es nicht ...“
Marja Nikolajewna warf ihr einen einsichtigen, in sich vertieften Blick zu und lachte dann mitleidig und überlegen:
„Bist noch ein dummes Ding, Ssonjka! ... Du verstehst noch nichts.“
Ssonja setzte sich auf, die dünnen nackten Arme fielen am Körper herab.
„Ich verstehe alles!“ erwiderte sie mit unumstößlicherÜberzeugung, „nur kann ich es manchmal nicht aussprechen! ... Nur das Große ist im Leben wichtig! ...“
Marja Nikolajewna fing an, hin und her zu schaukeln, sah dabei aber nicht sie an, sondern ihre feine, bläuliche Haut, die sich an den Gelenken der durchgedrückten, rosigen Arme in Falten legte und sich bewegte.
„Ssonja, warum bist du nur so lächerlich und ernst?“
„Ein ernster Mensch kann nicht lächerlich sein. ... Beides zusammen gibt es nicht,“ erwiderte Ssonja mit nachsichtiger Überlegenheit, als spreche sie mit einem mutwilligen Kind.
„Doch, es kann! Du Lächerliche, Ernste ... du Liebe!“ Marja Nikolajewnas Stimme klang singend, ganz durchstrahlt von leidenschaftlicher Freude. „Du wirst wahrscheinlich niemals anders werden ... Und wirst auch nie leben!“
„Ich weiß, wie ich leben werde ...“ erwiderte Ssonja nachdenklich.
„Wie?“
„Ich weiß schon ... Nicht wie alle ... wie es sich wirklich zu leben verlohnt, um ... zu etwas Höherem ... Ich werde wie Wanja leben,“ schloß sie triumphierend. Plötzlich errötete sie furchtbar und wurde zu einem wunderbar zärtlichen,lieben Mädchen, das man unter Tränen und Lachen abküssen möchte.
Marja Nikolajewna küßte sie auch, lachte und schüttelte sie, und beide wälzten sich halbnackt im Bett und verwickelten sich in dem Laken; die eine geschmeidig, kräftig und elastisch, die andere dünn und zerbrechlich. Zwei Mädchen, die das Weib in sich fühlen.