XIX
Die Prügelei am Abhang peitschte eine schleimige Welle klebrigen Klatsches auf. Der Name Marja Nikolajewnas wurde im Zusammenhang mit Lande durch die ganze Stadt geschleift. Wohin sie auch kam, traf sie dieselbe stechende Neugierde oder notdürftig umkleidete Verachtung. Das gehetzte Mädchen strengte sich vergebens an, dem Schmutzigen, Kalten, das sie unsichtbar umschloß, zu begegnen. Manchmal packte sie stumpfe Verzweiflung, in der das ganze Leben zerstört schien; dann wieder wuchs aus der matten Ruhe, die sie mit sich brachte, das Gefühl der Beschämung und körperlichen Kränkung und der Haß gegen Lande empor.
Doch als Lande zum ersten Mal zu ihr kam, regte sich in ihrem Herzen die trübe Hoffnung, daß alles wie ein häßlicher Traum vorübergehen und ihr Leben wieder wie früher schön und freudig sein würde.
Lande trat still ein; über Backe und Auge war eine dicke, weiße Binde gebunden, so daß sein Kopf unförmig groß aussah, wie eine riesige weiße Federblume, die sich auf einem dünnen, unsicheren Stengel wiegt.
„Guten Tag!“ sagte er still.
Marja Nikolajewna stand verwirrt auf, grüßte aber nicht; ihre zitternden Finger nestelten am Rand des Tisches.
„Ich bin gekommen um Ihnen zu sagen ...“ begann Lande, während er auf sie zukam und ihre Hand nahm. Die Hand zitterte; das Mädchen sah ihn mit ihren großen, feuchten Augen an.
„Ich bin gekommen ...“ wiederholte Lande. „Wenn Sie nur wüßten, wie lieb ich Sie habe, Marja Nikolajewna!“ rief er in einer plötzlichen Aufwallung aus. „Sie scheinen mir so licht, so herrlich, so heilig, wie ein Engel!“
Die Augen des Mädchens wurden rührend hell, die zarten, erhabenen Lippen zitterten leise in dem Versuch eines zaghaften Lächelns. Das Herz fing an, dumpf in der Brust zu schlagen.
Lande war es schwer, zu reden, er holte mit Mühe Atem und preßte die Finger zusammen.
„Nur kann ich nicht Ihr Mann sein ...“ schloß er mit abfallender Stimme.
Marja Nikolajewna fuhr zusammen, als ob sie einen Schlag ins Gesicht bekommen hätte. Die erwachende Hoffnung stürzte in einen Abgrund, blitzschnell schoß daraus das Bewußtsein einer neuen rohen Beleidigung empor.
„Was soll das? ... Hohn?“ fragte sie mit klirrender und gleichzeitig unheimlich-stiller Stimme, während sie sich voll aufrichtete. Gram ergriff Lande; er sah ihr mit traurigem Vorwurf in die Augen.
„Sie wissen doch, daß es keiner ist ... Niemals habe ich jemanden verhöhnt, wie viel weniger Sie ... Weshalb so reden? ... Ich sage, was ich fühle: ich liebe Sie, aber nicht so ... Ich weiß nicht, vielleicht bin ich ein Krüppel ... Aber gibt es denn wirklich keine andere Liebe ... und ist es denn durchaus notwendig? ... Mir ist nicht möglich ... verstehen Sie mich!“ Die Worte Landes verwickelten sich in unzusammenhängenden Worten, er bemühte sich vergebens, das heiße Gefühl gramvollen Mitleids zum Ausdruck zu bringen. Marja Nikolajewna verstand ihn nicht: zwischen ihnen war eine schwere Tür zugefallen,und die Worte draußen tönten nur entstellt, mit einer besonderen, verletzenden, Bedeutung hindurch. Für eine Minute lang benahm ihr Scham und Haß den Atem; ihr Kopf schwindelte. Sie hörte die Worte nicht, in den Ohren gellte irgend ein Tosen; die weiße Kugel auf dem dünnen Stengel drängte sich wie ein alpdruckartiger, widersinniger Knäuel vor ihren Augen.
„Ich bitte Sie ja gar nicht darum ... Gehen Sie fort!“
Lande hielt sie mechanisch bei der Hand; schon das rief in ihr Ekel hervor. Er legte seine ganze Seele, voll Leiden und Liebe, in die unzusammenhängenden Worte, die von seinen Lippen stürzten, doch das Mädchen riß ihre Hand aus der seinen. „Lassen Sie ... mich!“ wiederholte sie mit fremder, nicht eigener Stimme.
Lande fuhr mechanisch mit ihrer Hand an seinem Rock entlang; er strengte sich an, mit Augen voller Qual, in ihre Seele zu blicken. Sie antwortete ihm nicht, als ob sie taub wäre, und blickte ihn nicht an. Sein heißer Wille zerschlug sich ohnmächtig an diesem Haß, und drang nicht in die Seele; es war, als ob er sein entblößtes blutendes Herz, weit ausholend, gegen hartes, kaltes Eis schleuderte.
„Liebe, verstehen Sie mich doch. Es gibt docheine andere Liebe ... es gibt doch,“ fragte Lande, ihre Finger drückend.
„Aber lassen Sie mich endlich los!“ sagte sie mit wildem, dumpfen Schmerz. „Es tut mir doch weh ...“
Lande kam zur Besinnung und ließ ihre Hand frei. „Verzeihen Sie mir ... ich habe es nicht gewollt ...“ stammelte er.
Das Mädchen sah ihn verächtlich von der Seite an. Mit unnatürlicher Ruhe ordnete sie das Haar, wobei sie Haarnadeln auf den Boden fallen ließ, und ging plötzlich an ihm vorbei aus dem Zimmer, unnahbar kühl und feindselig.
Um Lande her wurde es leer und dunkel. Durch die Fenster floß blaue, tote Dämmerung und füllte das Zimmer. In der Stille, die mit einem Mal entstanden war, leuchteten noch, wie es schien, Bruchstücke der gespannten geflüsterten Worte.
„Marja Nikolajewna!“ rief Lande leise, seine einsame Stimme hallte aus einer dunkeln Ecke etwas spöttisch zurück.
Die Tür knarrte und das Dienstmädchen trat, ein gefaltetes Stück Papier behutsam vor sich tragend, ein. Es hatte runde, dumme Augen und blickte Lande ängstlich an.
Lande nahm mechanisch den Zettel und las:
„Um Gotteswillen, lassen Sie mich in Ruhe!Vielleicht bin ich schlecht, garstig, aber Sie quälen mich. Ich kann nicht, ich hasse Sie, Sie sind mir ekelhaft ... Wie Ungeziefer!“ Das letzte war mit schiefen, unnatürlich eingedrückten Buchstaben angefügt.
„Ich mußsie allein lassen!“ schwirrte Lande durch den Kopf.
„Schön, sage dem Gnädigen Fräulein, ich komme nicht mehr ...“ sagte er fest, nahm seine Mütze und ging fort. Er trug das Gefühl endloser Ohnmacht in sich, wie ein Mensch, der sich einer steilen Mauer gegenüber sieht, die er nicht übersteigen kann.
„Ich muß fortgehen, abreisen ... irgendwohin, um ihr keine überflüssigen Schmerzen zu machen,“ dachte er.
Es war schon ganz dunkel, als ihn Tkatschow auf der Straße anrief. Schwarz und mager trat er irgendwo aus der Dämmerung auf ihn zu.
„Iwan Ferapontowitsch, — um Gotteswillen ... ich muß Sie sprechen ... Ich lauere schon den dritten Tag Ihnen auf.“
Lande blieb erfreut stehen.
„Guten Abend, Lieber! Warum sind Sie nicht zu mir gekommen? ... Sie hätten mir wirklich sehr viel Freude gemacht ...“
Tkatschow lächelte verlegen, während er Landes Hand mit seinen rauhen Fingern drückte.
„Ich wäre vielleicht auch gekommen ... Aber bei Ihnen sind Menschen und ich möchte unter uns reden ...“ murmelte er.
„Ach, wie froh ich bin, daß Sie endlich gekommen sind, Tkatschow!“ sprach Lande ganz erregt und drückte ihm fest die Hand. „Vielleicht gehen wir zu mir? Wir werden Tee trinken. Ich werde Ihnen alles von mir erzählen ... Ich habe jetzt niemanden, mit dem ich sprechen könnte ... und ich möchte mir vieles herunterreden ... Auch jetzt augenblicklich ... Gehen wir lieber!“
„Schön, gehen wir!“ gab Tkatschow leise zu.
Es war nicht mehr weit, und sie legten den Weg schweigend zurück. Lande steckte die Lampe an, brachte Tee, setzte sich Tkatschow gegenüber und blickte ihm liebevoll in die Augen.
„Wenn Sie nur wüßten, Tkatschow, wie ich mich über Ihren Besuch freue,“ sagte er mit heiterem Lächeln.
„Ich wollte schon längst zu Ihnen kommen ... seit jenem Mal ... da, im Wald ...“ antwortete Tkatschow verlegen, nach der Seite schielend.
„Ja, ja!“
„Und als der Sie schlug, da ist mir ein Licht aufgegangen! ... Ich verstand gleich ... daß die Wahrheit nicht auf meiner Seite, sondern auf Ihrer war. Es gibt keinen zweiten wie Sie,Iwan Ferapontowitsch!“ sagte er mit überquellendem Gefühl und erhob sich etwas vom Stuhl.
Lande lachte voll Freude.
„Wie schön Sie das gesagt haben, Tkatschow!“
Tkatschow seufzte gespannt, als ob er sich vorbereitete, eine riesige Last auf sich zu nehmen.
„Ich glaube so, Iwan Ferapontowitsch, daß nämlich ... ich kann es nur nicht glatt ausdrücken ...“
„Reden Sie nur, Tkatschow! ... Sie werden schon alles gut sagen!“ er streichelte ihm die Hand. „Reden Sie und trinken Sie Tee ...“
„Ich werde es sagen ... ich bin ja dazu gekommen ... Sie müssen nur zuhören, Iwan Ferapontowitsch!“
„Ich höre schon!“
„Alles, was ich damals im Gefängnis zusammengeredet habe, das war nur so, aus lauter Verzweiflung! Soviel habe ich gelitten, soviel Böses und Ungerechtigkeit und Niedertracht gesehen, daß ich den Glauben an den Menschen verloren hatte ... Ich dachte mir, daß es eben so sein muß! Ein Lump ist der Mensch ein für allemal und damit basta! Wo ich auch hinschauen mag — lauter Raubtiere überall! Eine solche Verzweiflung hatte mich damals gepackt, eine solche Wut, daß ich es Ihnen gar nicht sagen kann... Und Sie würden es ja auch nicht verstehen können, Iwan Ferapontowitsch! ... Zu hassen begann ich die Menschen und mich und das Leben!“
Tkatschow riß die Augen auf, hielt ein, um tief Luft zu holen. Lande blickte ihm traurig in die Augen und streichelte still seine Hand.
„Aber dann ... Sie haben mir die Augen geöffnet, Iwan Ferapontowitsch ...“ sagte er mit zitternder Stimme. „An Ihnen sah ich, was ein wahrer Mensch heißt! ... wie ein Mensch sein kann! ... Da erinnerte ich mich auch, wie der Herr Sodom und Gomorrha wegen zweier Gerechten verschonen wollte ... Und da dachte ich mir, daß ein solcher Mensch das Leben umgestalten kann ...“
„Tkatschow!“ Lande wollte ihm ins Wort fallen.
„Nein, warten Sie, warten Sie erst ... Ich weiß es, jetzt ist nicht ein jeder imstande, Sie zu verstehen, aber das dringt ein, dringt durch alles hindurch! ... Später erinnert man sich schon, man wird schon verstehen ... Wenn Sie nur ... Ich habe einen Plan, Iwan Ferapontowitsch.“
Tkatschow hob sich wieder ein wenig vom Stuhl und beugte sich ganz dicht zu Lande vor, sodaß ihm sein heißer Atem auf dem Gesichtbrannte und seine dunklen, düsteren Augen fast in Landes Gehirn eindrangen.
„Man muß die Nachricht von einem neuen Glauben in das Volk tragen!“ flüsterte er gedämpft, begeistert drohend mit entflammten Blicken.
„Was?“ rief erstaunt und erschrocken Lande.
„Ein neuer Glaube! ... Ja ... das Volk wartet. Eine wahre Sehnsucht ... so daß ... weil es überall unerträglich zugeht! überall! ... Zu Ihnen wird man aus allen Ecken und Enden kommen, aus ganz Rußland kommen! ... Nur muß man die Nachricht davon in Umlauf setzen ... Sie werden über allen stehen, alle führen ... Iwan Ferapontowitsch!“
Tkatschow zitterte und brannte am ganzen Körper.
„Was für ein Glaube, wovon sprechen Sie, Tkatschow!“ erwiderte Lande streng. „Was kann ich ihnen geben?“
„Sie? Alles können Sie, Iwan Ferapontowitsch! ... Und der Glaube ist nur so, des Anfangs wegen ... Nur um Bewegung hineinzubringen!“
Blaß und streng stand Lande auf.
„Das ist nicht das Rechte, Tkatschow!“ sagte er. „Verstehen Sie denn wirklich nicht, was Sie wollen, was das für ein furchtbares Übel, Betrugund Frevel wäre! Wahrheit kann nicht aus Betrug kommen, und ich kann es nicht ... Lassen Sie das nur!“
Tkatschows Gesicht verfinsterte sich in unendlichem Schmerz.
„Iwan Ferapontowitsch! Sie sind der Einzige ... einen anderen, einen zweiten gibt es nicht! ... Sollen denn in der Tat alle zugrunde gehen?“
„Niemand geht zugrunde, Tkatschow!“ erwiderte ebenso streng und feierlich Lande. „Was sagen Sie! ... Untergang wäre gerade das, was Sie im Auge haben ... Und es wird Ihnen nicht gelingen, weil das nicht kommen darf! ... Man braucht nicht zu vergewaltigen, zu betrügen ... Der Kampf soll bleiben, weil er nötig ist, wie ein reinigendes Feuer ... Aber jeder Schritt in diesem Kampf muß wahr sein ... Das ist das allererste, und eben diese unentwegte Wahrheit wird zum Siege führen. Können Sie es denn wirklich nicht verstehen, Tkatschow? Lüge ist ein Übel ... Man muß sich Mühe geben, nichts Übles zu tun!“
„Und nichts mehr?“ fragte Tkatschow.
„Ja, weiter nichts!“ erwiderte Lande fest. „Das spricht der Hochmut aus Ihnen, Tkatschow! ... Wer hat uns beiden das Recht gegeben, Menschen nach unserem Geschmack mit Gewaltund List umzumodeln? Vielleicht sind gerade wir beide die schlimmsten, verlorenen Menschen? ... Wie kann man wissen, wozu und weswegen alles um uns her geschieht! ... Gehen Sie Ihren Weg, wer Ihnen folgen will — mag folgen. Voran müssen Sie gehen und nicht hinterdrein schieben! Falls Ihr Leben gerecht war, wird Ihre Spur nicht verloren gehen, sondern durch alle Jahrhunderte weiterleben!“
Tkatschow schwieg mit gesenktem Kopf. Auch Lande verstummte und blickte liebe- und mitleidsvoll auf das gesenkte Gesicht.
„Also ... nicht? ...“ sagte Tkatschow mit Mühe, ganz dumpf. „Also ... habe mich getäuscht ...“
Und aus seiner dumpfen Stimme klang der große Schmerz, den grandiosen Traum, die trübe, aber innige Hoffnung ein für allemal zusammenbrechen zu sehen.
„Vergessen Sie es, Tkatschow!“
Es war schon Nacht, als Tkatschow die Straße entlang ging, ohne Zweck und Sinn durch die kalte, windige Stille schreitend.
„O, hol mich der Teufel!“ rief er laut mit grauenvoller Verzweiflung; er blieb starr stehen, die Hände krampfhaft in den Haaren vergraben, den Kopf gegen den kalten, harten Zaun gepreßt.„Er hätte es doch tun können ... Dieser Idiot, dieser unglückselige!“
Der Nachtwächter schlug irgendwo in der Finsternis die Stunde an.