XV
Spät abends, als die blaue Dämmerung schon hinter der Stadt verklungen war und der Staub sich gelegt hatte, war es still und wohl. Lande kam allein von seinem Schüler, trug den Kopf gesenkt und dachte nach:
... Fünfzehn Rubel ... Fünf genügen mir vollständig; zehn muß ich Wassja schicken ... Nur wird er sich ärgern! ...
Lande rieb gequält die Stirn.
... Ich werde ihm schreiben müssen, ich habe jetzt zwei Stunden ... meinte er und wurde froh.
Es war schon ganz dunkel geworden; alle Konturen schienen weich und zart. Am offenen Fenster, das wie ein schwarzer Flecken aussah, saß Landes Mutter. Trauer und Einsamkeit lagen auf ihrer kaum sichtbaren, in der Finsternis des Zimmer zerfließenden Gestalt. Lande erkannte sie von weitem, sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sah sie zum ersten Male wieder, seitdem sie ihm gesagt hatte, sie wolle von ihmnichts eher wissen, bis er seine törichten Ansichten vom Leben geändert hätte. Als sie es ihm mit kreischender Stimme zurief, war es Lande unmöglich, sie anzusehen. Er war in schwerer Trauer fortgegangen. Später fürchtete er, sie aufzusuchen; er glaubte, daß sie ihn noch einmal mit dieser fremden Stimme, die sie selbst quälen und beunruhigen mußte, anschreien könne.
Aber als er sie jetzt einsam und gebeugt am Fenster sitzen sah, erweiterte sich sein ganzes Wesen in lichter Zärtlichkeit und brennendem Mitleid. Er sprang über einen Graben, stellte sich auf einen Eckvorsprung und umarmte schweigend die Mutter. Und sie sagte kein Wort, weinte nur freudig und fing an, seinen Kopf zu küssen, ihn an ihren weichen, greisenhaften Busen zu drücken und sein Gesicht mit warmen Tränen zu benetzen.
„Mama, meine Mama!“ flüsterte Lande leise, und seine Lippen haschten nach der vor Zärtlichkeit und Freude zitternden Hand.
„Mein lieber, mein goldner Junge!“ klang eine unendlich teure, schluchzende Stimme an sein Ohr. Eng verflochten sich ihre Seelen.
„Du gehst nicht mehr fort ... du verläßt deine Mutter nicht mehr?“ fragte sie ihn.
„Ich gehe nicht fort, gehe nirgends mehr hin!“ antwortete er aus vollem Herzen.
Die Nacht kam still und unmerklich. Lande stand immer noch auf dem Gesims, und ihm schien, daß ihm in der ganzen Welt nichts als diese stille, süße Liebe und Liebkosung gefehlt hatte.
Groß und schwarz, kam jemand von der anderen Seite des Grabens heran und fragte:
„Iwan Ferapontowitsch, sind Sie es?“
Lande sah sich um, erkannte Molotschajew und sprang auf den Bürgersteig hinunter.
„Ich komme gleich, Mama!“ sagte er eilig. Er schwang sich über den Graben und fragte: „Ich bin es ... Was wollen Sie?“
Molotschajew atmete schwer und dumpf; er sah verlegen aus.
„Ich möchte Ihnen ein paar Worte sagen! Wollen wir nicht lieber gehen?“
„Gewiß ... Bitte!“
Sie gingen die finstere, leere Straße hinunter. Molotschajew atmete immer noch schwer und schaute gespannt vor sich hin.
„Ich wollte Ihnen sagen ... Sie haben sich mit Ihrer Mutter ausgesöhnt?“ Die Frage kam ihm selbst unerwartet.
Lande lächelte. „Ich hatte mich niemals mit ihr gezankt.“
„Ach ja ... ich habe ganz vergessen,“ sagte Molotschajew und verzog boshaft die Lippen,„daß Sie sich mit niemandem zanken, niemanden stören, niemals ... Nur wollte ich Ihnen gerade erklären, daß Sie mich stören!“ Er sprach mit Überwindung, und mit wachsender Wut.
„Wirklich?“ fragte Lande betrübt. Der Ton seiner Stimme, still und ernst, erregte Molotschajew, indem er ein undeutliches Gefühl der Scham in ihm hervorrief.
„Treiben Sie gefälligst keine Narrenspossen!“ schrie er grob und blieb stehen. „Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche!“
Lande blieb ebenfalls stehen. „Schreien Sie mich nicht an ...“ sagte er, mit leidverzerrtem Gesicht. „Ich habe wirklich nicht gewollt ...“
„Und ich sage Ihnen,“ rief Molotschajew durch die fast knirschend auf einander gepreßten Zähne, immer lauter und lauter, und schwenkte den Griff einer Reitpeitsche vor Landes Gesicht, „daß ... wennSie sich mir in den Weg stellen, ich Sie ... wie einen Waschlappen beiseite schmeiße!“ Molotschajew erstickte vor Wut, wandte sich kurz um und ging mit raschen Schritten fort.
„Ich verstehe nichts ...“ sagte still und traurig Lande.