XXI

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Landes Leben wurde immer einsamer; die Ahnung von etwas Unvermeidlichem stieg allmählich auf. Immer häufiger verzagte seine liebeglühende Seele; sie war wie ein lebender, grüner Zweig, den eine undurchdringliche und durchsichtige Eiskruste umschlossen hält. In den letzten Tagen war er stets allein gewesen. Nur Ssonja lief ihm unablässig nach, aber gerade sie, die einzige in der ganzen Welt, die ihm nahe stand, begann ihm Furcht einzuflößen. Ihm kam es immer wieder vor, daß sie, wie eine Geisteskranke, nicht ihn, sondern irgend einen andern in ihm sah, und daß sie, wenn nicht sofort, so in kurzer Zeit, ihre Täuschung gewahr werden wird. Dann muß sie ihn mit ihrer ganzen Seele hassen, undfür diesen Haß kann es keine Grenzen und Schranken mehr geben.

Während einer langen, traurigen Nacht schrieb Lande einen langen, heißen Brief an Ssemjonow, in dem er an ihn viele qualvolle Fragen über Wahrheit, über Menschen, über Glück richtete. Auf diesen Brief antwortete der kranke Student folgendes:

„Lasse mich gefälligst in Ruhe! Ich sterbe und habe an wichtigeres, als an dich zu denken! Ich stehe jetzt der wichtigsten, der letzten und einzigen Frage des menschlichen Lebens gegenüber — wie ich sterben soll? Kann man denn von Menschen, von Liebe, von Einsamkeit reden, wenn der Mensch stets unter allen Umständenalleinstirbt! Du kannst natürlich dieses Wort nicht in seiner wahren Bedeutung ermessen: seine Bedeutung ist — Grauen. Dieses Grauen muß ich allein ertragen, niemand kann mich — verstehst du es? —kannmich begleiten, selbst wenn er es am allersehnlichsten in der Welt wünschen würde. Jetzt ist für mich alles in zwei Teile zerfallen, die keinen inneren Zusammenhang mehr haben: der eine, geringfügige, ist das ganze Leben der Welt, der andere, unermeßlich große — das ist mein Tod. Jetzt, wo ich mich von allem getrennthabe und allein in der Leere stehe, seh ich ein, daß es auch in Wirklichkeit stets so war. Ich habe mir nur eingebildet, daß ich nicht allein lebe. Mein ganzes Leben lang mühte ich mich mit einem Eifer ab, der eines besseren Zweckes wert gewesen wäre, eine Art Gipsverband aus Glauben, Ideen, Liebe und Mitleid nun noch zu kleistern, ich meinte, daß er fest, unverwüstlich sei; doch von dem Augenblick an, wo ich mit der ganzen Schwere meinesIchüber die Leere des Todes zu hängen kam, fiel alles sofort wie trockener Ton von mir ab, und ich stürzte allein wie ein Stein in die Tiefe. Über Nacht kann ich sterben, und die Menschen leben dann weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Also wozu schwatzt du mir da solchen Unsinn vor? Du hast angefangen, dich einsam und unglücklich zu fühlen, weil die Menschen deine heißen Gefühle nicht würdigten, nicht in deine brüderlichen Umarmungen geeilt sind. Sehr erstaunlich! Ja, hast du denn nicht gewußt, daß die Menschen, sobald du nur aufs Sterben kommst, nicht einmal dein Gefühl werden begreifen können? Aus den innigsten Umarmungen werden sie dich dann loslassen müssen. Du bist allerdings ein gläubiger Mensch, — ich hätte beinahe daran vergessen;aber du mußt doch, wenigstens einmal in deinem Leben, begreifen, daß wir, falls wir uns dort, im neuen Leben, von dem wir nichts wissen und nichts wissen können, wirklich alle begegnen sollten, denn immer noch in angemessener Weise darüber diskutieren können. Dann stützen wir uns auf Tatsachen, auf das, was wir dort kennen lernen werden. Ich weiß, daß man wärmer lebt, wenn man von anderen Menschen gewärmt wird, — das ist sicher, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren! Also schön, — laufe doch durch die Straßen und rufe: ‚O Menschen, Menschen, Menschen!‘ Man wird dir sicher nachlaufen und ebenfalls rufen: ‚O Lande, Lande, Lande!‘ ... Weiter aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund, dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefühl den Magen verderben.Ich bitte dich noch einmal: laß mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso für die dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie jetzt hasse. Wenn du nur wüßtest, was für einen entsetzlichen, stickigen Haß alle in mir wachrufen ... Verflucht mögt ihr alle sein! Wenn es in meinenKräften wäre, zerdrückte ich die ganze Erde. Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, öde, kalt! Um Gotteswillen, faßt mich nur nicht noch an!“

„Lasse mich gefälligst in Ruhe! Ich sterbe und habe an wichtigeres, als an dich zu denken! Ich stehe jetzt der wichtigsten, der letzten und einzigen Frage des menschlichen Lebens gegenüber — wie ich sterben soll? Kann man denn von Menschen, von Liebe, von Einsamkeit reden, wenn der Mensch stets unter allen Umständenalleinstirbt! Du kannst natürlich dieses Wort nicht in seiner wahren Bedeutung ermessen: seine Bedeutung ist — Grauen. Dieses Grauen muß ich allein ertragen, niemand kann mich — verstehst du es? —kannmich begleiten, selbst wenn er es am allersehnlichsten in der Welt wünschen würde. Jetzt ist für mich alles in zwei Teile zerfallen, die keinen inneren Zusammenhang mehr haben: der eine, geringfügige, ist das ganze Leben der Welt, der andere, unermeßlich große — das ist mein Tod. Jetzt, wo ich mich von allem getrennthabe und allein in der Leere stehe, seh ich ein, daß es auch in Wirklichkeit stets so war. Ich habe mir nur eingebildet, daß ich nicht allein lebe. Mein ganzes Leben lang mühte ich mich mit einem Eifer ab, der eines besseren Zweckes wert gewesen wäre, eine Art Gipsverband aus Glauben, Ideen, Liebe und Mitleid nun noch zu kleistern, ich meinte, daß er fest, unverwüstlich sei; doch von dem Augenblick an, wo ich mit der ganzen Schwere meinesIchüber die Leere des Todes zu hängen kam, fiel alles sofort wie trockener Ton von mir ab, und ich stürzte allein wie ein Stein in die Tiefe. Über Nacht kann ich sterben, und die Menschen leben dann weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Also wozu schwatzt du mir da solchen Unsinn vor? Du hast angefangen, dich einsam und unglücklich zu fühlen, weil die Menschen deine heißen Gefühle nicht würdigten, nicht in deine brüderlichen Umarmungen geeilt sind. Sehr erstaunlich! Ja, hast du denn nicht gewußt, daß die Menschen, sobald du nur aufs Sterben kommst, nicht einmal dein Gefühl werden begreifen können? Aus den innigsten Umarmungen werden sie dich dann loslassen müssen. Du bist allerdings ein gläubiger Mensch, — ich hätte beinahe daran vergessen;aber du mußt doch, wenigstens einmal in deinem Leben, begreifen, daß wir, falls wir uns dort, im neuen Leben, von dem wir nichts wissen und nichts wissen können, wirklich alle begegnen sollten, denn immer noch in angemessener Weise darüber diskutieren können. Dann stützen wir uns auf Tatsachen, auf das, was wir dort kennen lernen werden. Ich weiß, daß man wärmer lebt, wenn man von anderen Menschen gewärmt wird, — das ist sicher, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren! Also schön, — laufe doch durch die Straßen und rufe: ‚O Menschen, Menschen, Menschen!‘ Man wird dir sicher nachlaufen und ebenfalls rufen: ‚O Lande, Lande, Lande!‘ ... Weiter aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund, dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefühl den Magen verderben.

Ich bitte dich noch einmal: laß mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso für die dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie jetzt hasse. Wenn du nur wüßtest, was für einen entsetzlichen, stickigen Haß alle in mir wachrufen ... Verflucht mögt ihr alle sein! Wenn es in meinenKräften wäre, zerdrückte ich die ganze Erde. Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, öde, kalt! Um Gotteswillen, faßt mich nur nicht noch an!“

Kaltes Grauen atmete aus diesem Brief. Das Bild Ssemjonows, der in Einsamkeit stirbt, stand vor ihm wie eine ununterbrochen blutende Wunde auf.

Der arme Wassja, woher dieses Grauen, dieser Haß? Ein solcher Tod; ein Grauen, für das es keinen Namen gibt! Es ist nicht möglich, daß es so ohne weiters, aus sich selbst heraus dazu kommen konnte. Nur weil er einsam ist, fühlt er es, einsam in Schmerz und Furcht. Ich muß zu ihm.

Und alle Gedanken und Gefühle Landes flossen in dem Einen zusammen: zu ihm. Er wußte nicht, was er ihm sagen, wie er die gesunkene Seele wieder aufrichten würde; aber in ihm lebte der lichte, feierliche Glaube, daß die Liebe alles vermag: die Liebe wird durch alles Leiden gehen, wird die Seele erwärmen und neu beleben; wie ein Blumenkelch beim Sonnenaufgang wird sich diese Seele entfalten, erfrischen, wird einen liebevollen, weihevollen Glauben annehmen.

Das Blut schoß ihm so stark ins Gesicht und Herz, daß ihm vor den Augen trübe wurde. Einleidenschaftliches Gefühl riß ihn in einen Fieberzustand hinein. Er trat mechanisch auf die Steinstufen hinaus, stand lange ohne Mütze da, mit dem Blick in den weiten Himmel, von dem ein unsichtbarer, feiner Sprühregen niederrieselte, versunken. Ein kalter, elastischer Windstoß peitschte ihm eine breite Welle Nässe ins Gesicht, fuhr durch seine Haare, schnitt ihm fast den Atem ab.

... Ich muß mir Geld verschaffen! zuckte es durch seinen Kopf ... Aber ich habe niemanden! dachte er gleich weiter ... Die Mutter zu bitten ist zwecklos — sie gibt ja doch nichts. Alles, was ich will, ruft in ihr nur Erbitterung hervor, und den Wunsch, das Gegenteil zu tun. Aber weiter habe ich keinen ... Schischmarjow hat selbst nichts.

Lande kehrte mit irrenden Blicken ins Zimmer zurück. Plötzlich sagte er sich, unverwandt die Lampe anstarrend:

... Ich gehe zum Vater Paul.

Wie er zu diesem Entschluß gekommen war, hätte er nicht erklären können. In seine Erinnerung kehrte einfach das Bild eines alten emeritierten Pfarrers zurück; die rosige Glatze, das gutmütige Greisengesicht, die weiße Priestersutane und jener fast zärtliche, mitfühlende Blickder Äuglein, mit dem er ihn bei Begegnungen begrüßte.

Gleich am nächsten Tag, noch immer mit verbundenem Kopf, schritt Lande, der aussah, als wäre er nach schwerer Krankheit genesen, quer über den großen, mit staubigem Gras bewachsenen Platz, öffnete die Pforte und trat in einen kleinen, gemütlichen, beinahe warmen Hof ein. Der Tag war grau, trocken, unbeweglich; aber die großen goldüberströmten Bäume sahen wie sonnenübergossen aus, und im Hof war es still und licht. Unbeweglich standen unter den Fenstern in einem winzigen Vorgärtchen naiv-bunte Blumen. Es roch nach Äpfeln, herbstlichen Blättern, Weihrauch und dem eigentümlichen Geruch der Stille und Ruhe.

Der alte Pope saß auf der sauber gehobelten Bretterveranda in einer reinen, weißen Sutane, ganz rosig und weiß.

Lande schritt eilig auf ihn zu.

„Guten Tag, Vater Paul!“

Der alte Pope blickte ihn an, als wäre er nicht im geringsten über den Besuch verwundert.

„Guten Tag!“ erwiderte er freundlich. „Setzen Sie sich! womit kann ich Ihnen dienen?“

Lande setzte sich ebenso eilig auf die gegenüberstehende Bank.

„Ich habe eine Bitte an Sie ...“ sprach errasch, weil ihm schien, daß das Ungeheure, das seine Seele füllte, jedem Menschen gleich vom ersten Worte an verständlich sein müßte. „Ich habe einen Kamerad ... Sie kennen ihn wahrscheinlich — er heißt Ssemjonow.“

Der alte Pope schwieg.

„Habe gehört ...“ antwortete er unbestimmt und strich mit der kleinen, verschrumpften Hand über den Bart und die silbernen, trockenen Haare.

„Also ... Dieser Ssemjonow liegt jetzt an der Schwindsucht ... Ist nahe am Sterben ...“ beeilte sich Lande.

„Gottes Wille!“ sagte der alte Pope feierlich und schlicht.

Er seufzte tief und bekreuzigte sich.

„Ich habe von ihm einen Brief erhalten,“ sprach Lande, indem er seinen Kopf vertrauensvoll zu dem Popen herüberbeugte, „einen furchtbaren Brief! ... Man sieht, daß ihn die letzte Verzweiflung gepackt hat, von der nichts in der Seele zurückbleibt als Haß und Wut ... Ich werde Ihnen diesen Brief zeigen!“

Lande zog hastig den Brief aus der Tasche der Studentenlitewka hervor.

Der alte Pope sah auf das Papier, redete aber kein Wort.

„Wieviel Schmerz, Einsamkeit, Gram er trägt, er ...“ sagte Lande mit trauriger Anspannung.„Wieviel Verzweiflung und Unglauben! ... Grauen packt einen, wenn man diesen Brief liest ... Grauen und Mitleid bis zu Tränen! Sie verstehen, welchen Schmerz ein Mensch erleiden muß, wenn er im äußersten Unglauben stirbt! Kein Wort gibt es für diese Qual! ... Hier, lesen Sie doch den Brief!“

Der Pope sah wieder den Brief an, streckte aber seine Hand nicht danach aus.

„Ich habe das Gefühl, die feste Überzeugung,“ fuhr Lande fort, während er noch immer den Brief, ohne es zu bemerken, in der ausgestreckten Hand hielt, „daß es ihn bedeutend erleichtern würde, wenn ich zu ihm kommen könnte. Ich fühle, daß ich es kann, weil ich den Glauben daran habe. Er wird fühlen, daß er nicht mehr einsam ist, und das allein wird schon genügen ... Nur habe ich kein Geld für die Reise,“ fügte er plötzlich mit kindlichem Lächeln hinzu.

Er blickte dem Popen ins Gesicht, und mit einem Male kam es ihm vor, als seien diese gutmütigen Äuglein — keine Äuglein, sondern tiefe Löcher, die nur infolge der rosigen und strahlenartigen Runzeln gutmütig schienen, während in ihrer Tiefe etwas Böses auf der Lauer liegt. Mit instinktivem Schreck verstummte er und sah verwirrt den Popen an.

Der Pope schwieg und sah ihn ebenso an. Eswar still, hinter des Popens Rücken fiel lautlos kreisend ein goldenes Blatt zur Erde nieder.

„Hier, lesen Sie doch bitte den Brief durch!“ stammelte Lande eilig und streckte dem Popen das gefaltete Blatt Papier bis zu den Knieen entgegen.

Der alte Pope seufzte, strich die Haare und den Bart und nahm den Brief.

Er las ihn lange, ruhevoll, als wäre es die friedliche, süße Lebensbeschreibung eines Heiligen. Dann seufzte er wieder, faltete den Brief und gab ihn Lande zurück.

„Nun sehen Sie!“ rief Lande, indem er lebhaft mit der Hand auf den Brief wies, nahm ihn und legte ihn neben sich auf die Bank.

„Das Briefchen nehmen Sie bitte zu sich; bei mir ist nicht der Ort für solches Zeug!“ sagte der Pope streng.

Lande verstand die Worte nicht, griff aber doch zum Brief und steckte ihn in seine Tasche.

„Da möchte ich Sie um Geld bitten ... Sie sehen, es ist notwendig, daß jemand zu ihm fährt,“ sagte er ernst und einfach.

Der alte Pope seufzte.

„Jawohl, das ist sehr gut möglich. Nur werde ich Ihnen dafür kein Geld geben. Sie müssen es schon entschuldigen ... Ich habe es zwar, verstehen Sie gut, gebe es aber nicht.“

Gleichsam eine kalte, schwere Last schlug Lande plötzlich auf den Kopf. Er sprang voller Verzweiflung auf.

„Warum? Sie haben doch selbst gelesen!“

Der alte Pope stand ebenfalls auf.

„Ja, verstehen Sie gut, weil ich diesen Ssemjonow seit lange schon und zur Genüge kenne. Es ist ein gottloser, frevelhafter Mensch, verstehen Sie gut, ein Ungläubiger, ein Apostat. Und, verstehen Sie gut, ich rate auch Ihnen nicht, zu fahren.“

Lande riß die Augen weit auf.

„Das heißt, ich soll mich von ihm lossagen? Ihn in Verzweiflung sterben lassen?“

„Dieser Tod ist der Lohn für seine Handlungen!“ meinte der alte Pope, die Hände hinter dem Rücken, und wieder lugte hinter der rosigen Maske etwas Böses hervor.

„Aber fürchten Sie Gott!“ rief Lande. „Was sprechen Sie, Väterchen!“

„Nicht Ihnen steht es zu, mich zu belehren, verstehen Sie gut!“ erwiderte der Pope.

„Aber Sie sind doch ein Diener der Kirche ... der Kirche Christi!“

„Der Herr Ssemjonow hat sich seit lange schon von der Kirche losgesagt, und es würde sich für die Kirche nicht schicken, ihm nachzulaufen, verstehen Sie gut!“

Mit stummer Verzweiflung sah ihn Lande an. Der alte Pope stand, die Hände ruhig auf dem Rücken gefaltet, vor ihm.

„Aber ... ich kann doch nicht ohne Geld fahren ...“ stammelte Lande mechanisch.

„Versuchen Sie es doch als blinder Passagier ... Oder Sie könnten auch zu Fuß gehen!“

Lande blickte ihn verwundert an, aber das Gesicht des Popen schien ernst zu sein.

„Aber das ist doch zu weit!“

Der alte Pope seufzte.

„Weit ist es. Ja, verstehen Sie gut, es soll ja nach Ihrer Meinung eine große Tat sein. Also werden Sie auch die Mühe nicht scheuen ...“

Und mit einem Mal wurde es Lande kalt neben diesem rosigen, grauhaarigen, weißgekleideten Popen. Er wandte sich mechanisch um und ging zur Pforte.

„Aber ich muß ja so schnell wie möglich dorthin ... Er kann sterben, bevor ich ankomme ...“ er blieb nochmals stehen.

Der alte Pope antwortete boshaft, jetzt schon mit unverhülltem Spott:

„So Gott will, werden Sie ihn noch am Leben antreffen.“

Lande schwieg. Wie eine weiße Wolke auf goldnem Untergrund stand der Pope in der Mitte des reinen, friedlichen Hofes.

„Nun schön,“ meinte Lande, „so werde ich wohl gehen müssen. Ich werde zu Fuß gehen, wenn ich mir kein Geld verschaffen kann — doch nicht darauf kommt es an ... Aber wie müssen Sie sich denn schämen!“ fügte er trauervoll und feierlich hinzu.

Da hob der Pope das dürre Händchen.

„Verstehen Sie gut, machen Sie, daß Sie fortkommen.“

„Väterchen, ich wollte Sie nicht beleidigen!“ rief Lande.

„Gehen Sie nur, gehen Sie!“

In der stillen, hellen Stimme des Geistlichen lag ein so kalter, unbequemer Druck, daß Lande nichts mehr sagte, den Kopf senkte und hinausging.

Er hörte, wie der alte Pope an die Pforte kam und den Haken anlegte.


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