XXV
Rjasaner Bauern, Zimmerleute, die nach ihrer Heimat gingen, fanden im Wald, fern von jeder Wohnstätte, einen toten Menschen.
Die Leiche lag in einer Hütte, die aus dürren Zweigen zurechtgebaut war, mit angezogenen Beinen und krampfverzerrten Fingern. Der Kopf auf dem dünnen, langen Hals war halbverrenkt,so daß man das Gesicht nicht sehen konnte. Der Tote trug eine schwarze Sutane; ein Fuß war aus irgend einem Grunde entblößt. Von der Leiche ging ein schwerer, toter Geruch aus und verband sich eigentümlich schrecklich mit dem feinen, süßlichen Geruch welken Farnkrauts, das an dieser Stelle stand.
Einer der Zimmerleute, ein rotbärtiger, hochgewachsener Bauer, berührte den Fuß der Leiche mit der Stiefelspitze. Der tote Fuß bewegte sich kaum und wurde gleich wieder unbeweglich.
„Gestorben ...“ meinte tiefsinnig der Bauer, kratzte sich im Nacken, blieb eine Weile stehen und riß dann plötzlich, mit einem Gesicht, das von Angst und ihm selbst unbegreiflicher Wut verzerrt war, an der Leiche und schleppte sie am Fuß aus der Hütte heraus. Der Kopf schwankte und sprang über den Boden, die Hände schlugen auf die Erde, klatschten schwer nieder, und ließen sich, vom Staub bedeckt, nachschleifen. Doch mit einem Mal schlug ein so entsetzlicher, penetranter Geruch hoch, daß die Bauern zurücktaumelten.
„Oh, Teufel!“ sagte verwundert der Rotbärtige, als hätte man das auf keinen Fall erwarten dürfen.
Die Bauern standen und blickten auf die Leiche.
Bitter und einsam lag sie auf der Erde,schaute mit toten, wie von schweren Tränen getrübten Augen geradeaus über sich in den fernen Himmel. Kalt und stumm, mit für ewig zusammengepreßten Lippen, die ohne Worte von einem schrecklichen Geheimnis berichteten, verbreitete sie zusammen mit dem schweren Geruch ein gramvolles Schweigen um sich. Auf der Brust war der schwarze Stoff zerrissen, die ausgetrocknete Haut schimmerte lehmgelb hervor, welke Blätter und trockener Schmutz klebten daran, als hielte die Erde schon den Toten mit ihren grauen Fangarmen umschlungen und zöge ihn langsam aber unwiderstehlich zu sich hinab.
Lange standen die Bauern und sahen die Leiche an, als ob sie nicht darauf kommen könnten, was zu tun sei. Endlich seufzte ein alter, gravitätischer Bauer auf, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Er bekreuzigte sich einmal, dachte eine Weile nach, sagte: „Sei dir das Himmelreich beschieden!“ und bekreuzigte sich dann noch zweimal. Und alle Bauern rissen, eilig, als wälzten sie dadurch eine drückende Last von sich ab, ihre Mützen herunter und fuhren mit Fingern durch die Luft.
Dann gingen sie davon, einer hinter dem andern, ohne sich umzuwenden.
Lange noch schien ihnen der goldene Wald und das Sonnenlicht, das Gras und der hoheHimmel wie von einem unsichtbaren Schleier verhüllt, von schwerem Schweigen gefesselt. Aber in Wirklichkeit quoll alles in Freude über, strahlte und flimmerte im Sonnenglanz und leuchtete durch ewig-lebendiges, selbst im Absterben noch fröhliches Grün.
Der Bauer, der zuletzt ging, blickte sich verstohlen um; nur ganz von ferne sah er hinter einem goldbraunen, lichten Busch den blassen Umriß eines ausgedörrten, unbeweglichen Fußes.
Es war an einer Stelle, wo jahraus, jahrein das Farnkraut besonders üppig wächst.