Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er dort macht.
Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde gehört:Anathema sit, e r g l a u b t a n k e i n e n T e u f e l."
Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu Semester systematisch traktiert.
Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n d u m m e r T e u f e l, e i n a r m e r T e u f e l, e i n u n w i s s e n d e r T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.
Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich wählte ——-en und zog im Herbst des Jahres 1819 daselbst auf.
Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n B a r b e, meine Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.
Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter, den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe; wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und Hol' mich der Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn Auf Ehre" und Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als Satan geben.
Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam; wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin legte. Er hatte dassavoir vivreeines alten Burschen, und ich befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.
Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich, solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.
Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; dieAugenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, dasAuge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken miteiner Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre.
Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn, konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein müsse.
Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.
Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken wollte.
Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten Stunde auffallend vor dem Philister und dem Florbesen," auf deutsch, einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ———en einfuhren, hatte er mir versprochen, eine fixe Kneipe," das heißt eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu bringen.
Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen. Würger, der alte, längst bemooste" Bursche, hatte sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: Was kommt dort von der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:
Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)
Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. Würger! Du altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.
Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.
So war ich denn in ——-en als Student eingeführt, und ich gestehe, es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (termini technici), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft Sau", was Glück, mit Pech", was Unglück bedeutet, wie auch holzen", mit einem Stock schlagen, mit pauken", mit andern Waffen sich schlagen.
Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit".
Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder, daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und zu erziehen und sie für die Welt zu gewinnen".
Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht unterdrücken.
Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe. Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre, musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in der Kirche seine Zuhörer.
Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien; aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden, und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein; aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche Kunsttrinker!
Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre Altvordern" auch durch Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel; ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:
Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter—das sogenannte Burschenleben— gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht über die Grenze geht."
Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte Kneipe, verschlammten" sich recht tüchtig in dem barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine älteren Zöglinge bald überholt.
* * * * *
Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.
Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben machte, vergaß ich auch dasdic cur hicnicht und legte mich mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r K e r l h a t d e n T e u f e l i m L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32 in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?—Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben!
Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte, war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan, versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich— nichts.
Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr verstanden.
Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte, Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt aussandten.
Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine große, schwarze Tafel und sagte: So ist sie, meine Herren!" Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in der Zirbeldrüse.
Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm, vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische.
Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen, verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.
Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts als die Worte: Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten, abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.
Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, der Küster ist da und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und du steckst noch im Schlafrock!"
Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, das habeich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zumDienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der denDoktor Paulus weidlich schlagen muß."
Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube, wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr sichtbar war.
Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum unterdrückend. Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in die Kirche."
Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter denHänden seiner liebenswürdigen Xanthippe. Ein schöner Anfang in derTheologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männerzu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einigeVorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.
Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten, neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleichad notamzu nehmen. O Platon und Sokrates!" dachte ich, hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch müßten sich die Folianten vonSocratis operain mancher Bibliothek ausnehmen!"—
Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges und begann:
Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechsTaler Honorar zahlten).
Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).
Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.
Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnittde angelis malis, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. Der Teufel", sagte er, überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören; aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab,Sepulcrum. Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten— alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.
Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der U n r e i n l i c h e,to pneuma akatharton, der Stinker genannt, wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.
Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob meine Rache auf.
Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.
Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten. Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches, vollständiges Heft zu bekommen.
Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie seien undrecta viavon der kühnsten Konjektur des großen Dogmatikers herkommen?
So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.
Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr—ck=Seele hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie auszuführen.
* * * * *
Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.
Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehendarf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einigerZeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einenKadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung derOrgane des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens anUnsterblichkeit darzutun suchte.
Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: Pfui Teufel, wie riecht's hier!"
Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, dermich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und dasWohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professorsniederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun dieseÄußerung: Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenemAugenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den Herrn imKot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solcheGemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.
Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm ausgezogen und der Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle, einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. Der Satan in einem solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu schlagen!"
Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den Schläger" vorantragen zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug. Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem, schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.
Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.
Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden, die Sekundanten schrien: Los!" und unsere Schläger schwirrten in der Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine Schlappe gab.
Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern.
Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich, selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe, und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.
Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten mit feierlicher Stimme: E s i s t m e h r a l s e i n Z o l l, k l a f f t u n d b l u t e t, a l s o A n s c h—ß." Das hieß soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.
Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände, die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?
Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit ihm.
Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, daß Sie mich so gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen, Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."
Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am meisten angezogen hätte.
Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten Bühnen versprach.
Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte, gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn eröffneten.
Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang derAffäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheresWesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meinegroßmütigen Sentiments Tränen vergoß.
Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, f ü r d e n g u t e n G e r u c h i h r e r A n a t o m i e g e s c h l a g e n h a b e" .
Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.
* * * * *
Satans Rache an Doktor Schnatterer.
Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ———en hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik, namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern dasdic cur hic, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich sind.
Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische Behauptungenin pettozu haben, hielt ich für unumgänglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können, und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in den paar Monaten in ———en hinlänglich gelernt.
Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.
Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise des Wirtes zur Stadt bringen ließen.
Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.
So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; dieFrommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: Siehe,er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme HerrDoktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."
Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.
Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste Dirne der Stadt.—Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.
Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf demWiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen dieNachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns dieerstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund derStadt zu.
Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. Hat man d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"
Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit Achselzucken die Halbfrommen. Wenn der Skandal nur nicht auf öffentlicher Promenade—!"
Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, er predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."
So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägdeund Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allenEcken; und Doktor Schnatterer" und schön Luisel" war dasFeldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgendenTag.
An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftischten.
Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend, als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.
Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein; sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"
Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu Hause gewesen.
Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien seine Zunge gelähmt zu haben: Zu Haus' gewesen?" lallte er. Nicht mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit Ihnen, Wertester?"
Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich lächelnd zur Antwort. Mit mir auf keinen Fall!"
Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau, was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der schönen Luisel hat er scharmuziert!"
Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte imZimmer umher; der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur derStinker."
Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir: Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er."
Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r T e u f e l e i n E i i n d i e W i r t s c h a f t g e l e g t.
* * * * *
Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt dieUniversität.
Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien, man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und böses Gewissen vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen ———en spukte es in manchen Köpfen seltsam.
Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.
Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von— doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren Anstrich haben.
Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden hätte.
Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt; denn dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, daß ich als D e m a g o g e verhaftet sei.
Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal geführt, um über meine p o l i t i s c h e n V e r b r e c h e n vernommen zu werden.
Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner, und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten mir unwillkürlich ein Lächeln ab.
Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel, Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat ab.
Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtig und mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu Boden fallen.
Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung beiseite setzend.
O Jerum," ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg; denn er hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
Bitte untertänigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.
Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei, und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber, sprach: Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube ich, dafür stimmen zu müssen, daß frischerad locumgebracht werde."
Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universität versammelt; denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und alles drängte sich hinzu, um das Nähere zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends drei Lot Schnupftabak holen müsse.
Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige, anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick voll Hoheit und begann:
Es ist uns von einer höchstpreislichen Zentral= Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr von Barbe?"
Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung verdächtig machen."
Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. Sie verlangen Beweise? Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist."
Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der Juristen, Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n a l l e W e g e v e r l a n g e n, daß ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden."
Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin= und herwälzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine.
Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus, und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten allerhand verdächtige Bewegungen machten".
Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. Aber der Aufruhr steigt,videant Consules, ne quid detrimenti—man nehme seine Maßregeln;—daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle fatalen Händel bringen muß!—Domine Collega,Herr Doktor Pfeffer, was stimmen Sie?"
Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu entlassen und ihm—"
Richtig, gut," rief der Rektor, Sie können abtreten, wertgeschätzter junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen mehr erregt—weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich höre Pereat—so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden können."
Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zulachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich inAbrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weitenLehnstuhls.
Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sichunter diese himmelstürmenden Zyklopen gemischt haben, ist keineEhrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechteSchauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."
Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."
Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihrÇa ira, ça ira,"nämlich: Die Burschenfreiheit lebe" und das erhabene Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"
Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie müßte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde mein wertgeschätzter Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: Wir können das Verhör weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!"
So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß derNiedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht ersogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eineBlöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.
Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. Demagog kommt her vondemosundagein. Das eine heißt Volk, das andere führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein Demagog."—
Mit triumphierendem Lächeln wandte er sieh zu seinen Kollegen: Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?" Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.
Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort. Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich durch IhreSaltus mortalesund Ihre übrigen Künste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.—Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?"
Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.
Demagogen," fuhr er fort, Demagogen schleichen sich ohne bestimmten äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er läuft in allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu frequentieren oder g a r n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht. Ich füge gleich den vierten Grund bei. Man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage würdiger gemacht als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"
Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenenunisonound ließen die Dose herumgehen.
Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: Wir glauben hinlänglich bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen; darum verteidigen Sie sich.—Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren."
So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.
Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiter zu gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am nächsten lag:De rebus diabolicis, ließ sie drucken und verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser beigelegt [Fußnote: Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es müßte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der Herausgeber.].
Post exantlata, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten Freund, den Satan.
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