111.Das Luftgewehr als Kriegswaffe.
Der österreichische Gewehrtechniker G. C. Girardoni, ein äußerst fruchtbarer und genialer Erfinder, hatte 1780 eine Reptierkonstruktion an einem 15mmJägerstutzen versucht. Dabei zerschmetterte eine Magazinexplosion ihm den linken Arm. Mit einer eisernen Hand an dem zerstörten Arme vervollkommnete Girardoni seine Erfindung dennoch weiter. Nur verwandte er statt der gefährlichen Pulverkammer eine Kammer mit komprimierter Luft. „So entstand“, sagt Dolleczek nach einem Privatbrief der Urenkel Girardonis, „die Windbüchse, welche als Reptierwaffe mit rauch- und nahezu knallosem Schusse über 35 Jahre in der österreichischen Armee eingeführt war.“
Diese Girardonische Windbüchse führte, wie jedes andere Armeegewehr, eine dienstliche Bezeichnung „Reptier-Windbüchse M. 1780“. Sie hatte 13mmKaliber, einen mit zwölf Zügen versehenen Lauf mit ⁵⁄₄ Drall, an den sich hinten ein messingnes Ventilgehäuse, dann der in den kleinen mit Leder überzogenen Kolben eingekleidete Rezipient anschloß. Dieser Kolben, Flasche genannt, wurde vor dem Schießen abgeschraubt mit gepreßter Luft gefüllt und dann wieder luftdicht angeschraubt. Die Luftfüllung reichte für 40 Schuß. Jeder Schütze führte 24 gefüllte „Flaschen“ mit ins Gefecht. Jeder Kompagnie führte man auf Wagen Reserveflaschen und zwei Luftpumpen nach.
Anfänglich wurden vier Mann in jeder Kompagnie mit Luftgewehren ausgerüstet; 1790 schon schritt man zur Bildung eines eigenen Korps, 1313 Mann stark,das vom Hauptmann des General-Quartiermeister-Stabes Freiherrn von Mach instruiert wurde. Diese Schützen schossen nur je 20 Schuß aus einer „Flasche“, da dann infolge geringeren Drucks Treffsicherheit und Schußweite abnahmen. Auf der rechten Seite des Laufes befand sich das Kugelmagazin, aus dem durch einen leichten Druck auf einen Querriegel eine Kugel in den Lauf vor das Luftventil gelangte. Durch einen anderen Druck wurde der Hahn und mithin die Feder gespannt, die beim Abdrücken das Ventil öffnete. Die Handhabung war also sehr einfach, sodaß der Schütze in der Minute 20 Schuß abgeben konnte. Die Schußweite habe 150 bis 400 Schritte betragen. Im Kleinkrieg war die Windbüchse eine fast unbezahlbare Waffe. Napoleon I. ließ in den Kriegen gegen Österreich jeden sogleich erschießen oder aufhängen, der eine Windbüchse besaß. Hätte das Gewehr nichts geleistet, dann wäre der Korse wohl nicht zu dieser Maßregel veranlaßt worden. Die Herstellung der Windbüchse wahrte Österreich als strenges Geheimnis. Girardoni erhielt eigene Werkstätten und beeidete Arbeiter.
Daß sich diese merkwürdige Waffe nicht erhalten hat, und nach dem Jahre 1815 als disponibler Vorrat der Festung Olmütz überwiesen wurde, liegt, abgesehen von den veränderten taktischen Ansichten, hauptsächlich an dem Umstande, daß für die Behandlung der feinen Schloß- und Ventilbestandteile ausgebildete Büchsenmacher nicht vorhanden waren, und daher „der in den Relationen ersichtliche Prozentsatz der unbrauchbar gewordenen Windbüchsen ein so erschreckend großer ist“. 1848 und 49 sind aus den Beständen des OlmützerZeughauses die brauchbarsten jener Windbüchsen von Girardoni nochmals zur vorübergehenden Verwendung gekommen.